- sporadische Überarbeitung – Ausgabe 13, Stand – August 2009 -
Herausgeber: Konrad Gerescher Szeged/Kömpöc, Tel. +36-20-569 5517, E-mail: konrad@jgypk.u-szeged.hu
© Form und Inhalt gesetzlich geschützt. Auszugsweises Kopieren mit Angabe von Autor und Quelle erlaubt!
deutschforum.hu

 BATSCHKAER AHNENSPIEGEL
(erschienen als Buch Jan. 2004 mit Unterstützung des Amtes für Nationale und Ethnische Minderheiten Ungarns)

A N H A N G

200 KÖRPERLICHE AHNENBERUFE
MIT BERUFSMERKMALEN

(erstmals veröffentlicht 1981 unter dem Titel ,Unserer Hände Arbeit’; für diese Ausgabe neu bearbeitet)

1 LANDBERUFE
Bauer, Winzer / Weingartenbauer, Rinderzüchter, Schafzüchter, Schweine-züchter, Geflügelzüchter, Angorazüchter, Imker, Gärtner, Blumenbinderin, Landarbeiter

1.1 Bauer
Unser Bauer war der vielseitigste Fachmann unter den pannonischen Handwerkern. Neben seiner Hauptaufgabe, dem Anbau aller europäischen Getreide- und Futtersorten, dem Obst- und Gemüsebau, der Kultivierung von Industriepflanzen, wie Hanf, Zuckerrüben, Sonnenblumen, Luzerne, musste er auch alle kleineren Bau- und Reparaturarbeiten durchführen: Er war Maschinist und Tierarzt, Kaufmann und Planer, Gebieter und Knecht, je nach dem augenblicklichen Erfordernis. Zeitgemäße Bearbeitung und Pflege des Bodens, Anbau und Sicherung der Ernte, Viehhaltung und Fütterung, Bedienung und Pflege der landwirtschaftlichen Maschinen und - in größerem Rahmen - der Ausbau und die Weiterentwicklung des gesamten Anwesens gehörten zu seinen wichtigsten Arbeiten. Der Bauernberuf war, obwohl einer der anspruchvollsten, kein ausgesprochener Lehrberuf. Er wurde vom Vater und Großvater erlernt, weitergeführt und vervollständigt. Zum selbständigen Beginnen einer eigenen Landwirtschaft konnte, bei Fehlen der vorerwähnten Lehrmeister, auch eine mehrjährige Praxis in einem gutgehenden Betrieb verhelfen. Die meisten deutschen Batschkaer Bauern wurden mit 10 bis 15 Hektar Boden angesiedelt. Trotz erheblicher Abgabelasten nach den ersten drei, höchstens zehn, Freijahren, die rund ein Siebtel aller Erträge verschlangen, und trotz Erbteilung des Vermögens - seit 1848 - konnten nicht wenige ihren Besitz halten und vergrößern. Ein Teil von ihnen schaffte es sogar, erhebliche Ländereien im Laufe weniger Jahrzehnte dazuzuerwerben; davon nur einen gewissen Teil von den eigenen Landsleuten, die in Armut versanken und Tagelöhner wurden, nach Übersee auswanderten oder weiter nach Osten zogen.

Seit der Besiedelung und bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde auf unseren Feldern mit einscharigen eisenbeschlagenen Holzpflügen geackert, danach 40 Jahre lang mit dem einfachen Stahlpflug, den der mehrscharige Tiefpflug ablöste. Die übrige Technisierung schritt, gegenüber der von Westeuropa, mit einer zeitlichen Verzögerung von ca. 20- 30 Jahren voran und brachte uns all die bekannten und jeweils modernsten Feldgeräte und Maschinen, die im hochtechnisierten Westen entwickelt, jedoch von den heimischen Handwerkern und Fabrikanten den pannonischen Besonderheiten angepasst wurden. So bekam erst bei uns die Dreschmaschine und das Lokomobil, die Hanfhechlerei und Wollschlumbmaschine, der Tiefpflug und die Weißmehlmühle, die großen Getreide-Trocken- und Vorratsbauten - um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen - ihre für die damalige Zeit höchste Vollendung.

1.2 Winzer - Weingartenbauer
Das Arbeitsfeld des Winzers waren die weiträumigen, wenn auch nicht in abgeschlossenen Gebieten kultivierten Weinberge. Meist war der Winzer auch noch allgemeiner Landarbeiter, Handwerker oder Intelligenzler. Sein Arbeitsgebiet umfasste neben dem Weinberg die Kelterei und Einkellerung der flüssigen Ernte. Ein hauptberuflicher Winzer musste viel von der Landwirtschaft im allgemeinen wissen: von der Wartung der Geräte bis zum Schriftverkehr mit den Abnehmern. Um den Trauben eine gemäße Pflege zu verschaffen, musste er Kenntnisse über die Rebsorten, ihre Aufzucht. über Schnitt- und Schutzarbeiten haben. Einige bekannte Traubensorten waren Steinschiller, Riesling, Madjarka, Kadarka, Blaufränkische, Keistitten, rote und weiße Gutedel, Muskat in verschiedenen Veredlungen, als lange haltbare und daher für den städtischen Marktverkauf geeignete Tafeltrauben. Als Veredlungsunterlagen dienten Portalis und Berlanderi. Der überschüssige Wein, der nicht von der näheren Umgebung der Winzer abgenommen wurde, ging (vor 1914) als Heuriger nach Wien. Im vorigen Jahrhundert gab es an Winzereimaschinen in den großen ungarisch-deutschen Weinorten die riesigen Baumpressen mit Balken von 3 - 5 m Länge und Steingewichten von 500 - 1000 kg, die am Baumhebelende im Boden eingelassen wurden. So eine Einbaumpresse war aber gegenüber den nachfolgenden modernen Spindelpressen recht umständlich, weil sie 1-2 Tage auf eine Füllung drücken musste. Dem Kelterbaum folgte die Holzspindelpresse und dieser die Stahl-Trapez-Gewindepresse. Zur Vorbearbeitung diente die Traubenmühle, Traubenraspel und tragbare Büttenraspel. Der ausgepresste Most kam zur Gärung in geschwefelte Holzfässer in Größen zwischen 50 und mehreren 1000 Liter, und die Treber in die Kupferblasen der Küfereien, die ein Fassungsvermögen zwischen 100 und 500 Liter hatten, wo sie zu Treberschnaps verarbeitet wurden.

1.3 Rinderzüchter
Als Vollberuf kam er in der Nordbatschka vereinzelt, in der Südostbatschka (zwischen den Kanälen) häufiger vor. Auf Sumpfwiesen und den als Nutzacker ungeeigneten Ödflächen betrieben, verlangte dieser Beruf in Praxis und Theorie viel Einsatz. Durch die zahlreichen Kleinhaltungen und mit Hilfe organisierter genossenschaftlicher Umverteilung konnten die Milcherzeugnisse den Eigenbedarf der Batschkaer Bevölkerung decken. Die im letzten Drittel der Siedlerzeit erzielten guten Zucht- und Verkaufserträge verdankten die Züchter den Simmentaler/Schweizer, Allgäuer/Schwarzschecken und Holländer Rassen, die das ungarische Steppenrind der milchärmeren aber robusteren Podolischen Rasse zu über 50% verdrängten. Der Rinderbestand hatte mit ca. 20 Stück pro 100 ha bei weitem nicht die Größenordnung wie in den westeuropäischen Züchtergebieten, wo zur gleichen Zeit 100 Stück und mehr pro 100 ha gezählt wurden.

1.4 Schafzüchter
Schafhalter im Nebenberuf hatten wir viele, im Hauptberuf kaum einen pro Ortschaft. Durch die halbjährige Wanderzeit der Herden konnten erhebliche Investitionen für Stall und Futter gespart werden. Was man von dem mit Bunda (langem Schaffell-Mantel) umhüllten und in der Gesellschaft von Esel und Hund bei der Herde lebenden Schafhüter, der ein Lohnabhängiger des Züchters/Halters war, an Kenntnissen erwartete, das und noch mehr mussten die Züchter selbst beherrschen: Rassen- und Wollkunde, Schur, Schlachtung, Fellbehandlung, schließlich Verarbeitung der Wolle mit Sortieren, Waschen, Trocknen/Bleichen und Schlumben/Entfilzen. Zur Schurzeit halfen im Tagelohn sogenannte Akkord-Scherer und Wollschlumber reihum auf den Höfen der Halter mit. Während sich der Scherer bis heute halten konnte, brachte das Entstehen der Spinnerei- und Strickfabriken dem ehrenwerten Beruf der Wollschlumber, schon vor unserem Weggang, ein jähes Ende.

1.5 Schweinezüchter
Solche gab es meist im Nebenberuf, vereinzelt auf den Salaschen, Tanyas und Puszten/Meierhöfen als Hauptberuf. Arbeitsmerkmale: Schweinehaltung, Zucht und Mast, Kenntnisse in Fütterung und Haltung von Ferkeln, Läufern, Zuchtsäuen, Ebern und Mastschweinen, Stallpflege, Weide- und Auslaufüberwachung, richtige Zusammensetzung der Futtermittel und -Rationen, alles über Paarung, Trächtigkeitsdauer, Vorbereitung der Geburt und Pflege von Muttersau und Ferkel nach der Geburt. Besonders in Gegenden ohne Tierarzt war eine umfassende Fürsorge und Vorbeugung von Krankheiten erforderlich, denn es konnte oft eine Woche vergehen, bis fachliche Hilfe vorhanden war. Bei der Gesundpflege half die ganze Familie fürsorglich mit, kranke Schweine wurden selten zur Fleischgewinnung notgeschlachtet. Sie bekam der Schinder, der sie zur Haut- und Seifengewinnung vermarktete bzw. vergrub. Sofern sich ein Bauer auf Schweinezucht verlegte, brachte er seine "Fertigware" nie selbst auf den Markt, wie das beim Kleinzüchter der Fall war, sondern überließ sie den Aufkäufern "Zensaren" (Cincar, slawisch) und Händlern der Genossenschaft zum jeweils gültigen Tagespreis. Waren in den Notzeiten bis in die Zwanzigerjahre noch große, fette Mangolitza-Schweine gefragt, so wurden diese zuletzt von fleischintensiveren Züchtungen wie Yorkshire und Berkshire ersetzt.

1.6 Geflügelzüchter
Eine kaum verfälschte, natürliche Brut mit entsprechend niedrigen absoluten Unkosten galt bei unseren Geflügelzüchtern als die Regel. Futter war genügend vorhanden. Für einen kleinen Bauern, der nur über einige Hektar eigenen Boden verfügte und daher durch die Feldarbeit nicht ausgelastet war, gehörte die Haltung größerer Scharen von Hühnern, Enten, Gänsen, Puten zur selbstverständlichen Einnahmeergänzung und eigenen Fleischversorgung. Unser Geflügel hatte freien Auslauf, war meist gekennzeichnet mit Farbstoff auf dem Gefieder oder Nummernband und Ring am Bein. Die Gänse- und Entenscharen auf den Wiesen und in den Gewässern waren jedes Frühjahr eine Augenweide. Der hauptberufliche Züchter von Federvieh musste neben der Haltung, Pflege und Fütterung eine Reihe anderer Nebenarbeiten beherrschen. Der Stall musste die richtige Größe und Funktion aufweisen, zusätzliche Brutapparate mussten besorgt, die Schirmglucken bedient, die Küken aussortiert, Futtergeräte und Trinkgefäße in Ordnung gebracht werden. Das Schlachten und Verkaufen wollte schließlich auch gekonnt sein. Selbst an theoretischen Kenntnissen fehlte es nicht: Rassenkunde, Vererbungs- und Krankheitslehre waren jedem hauptberuflichen Züchter bekannt.

1.7 Angorazüchter
In Notzeiten, als die internationale Verbindung zu den Baumwollfeldern nicht funktionierte, bot die seidenweiche Wolle des Angorakaninchens die beste Ausweichgelegenheit für die Unterwäschefabrikation. An Kenntnissen und Fähigkeiten erforderten die weißen, grauen und bunten Langhaare nicht mehr als ihre kurzfelligen Verwandten, die Stallhasen. Wurden die Angorahasen aufmerksam und sorgfältig gepflegt, vermehrten sie sich ebenso schnell wie gewöhnliche Hasen, d. h. in zwei bis drei Jahren standen die Wände des Zuchtraumes voller Regale. Eine getrennte Einzel- oder höchstens Doppelhaltung war unbedingt nötig, denn ein freier Auslauf hätte die Seidenfelle schnell ruiniert. Fütterung, zweifache Paarung im Jahr, zweifache Schur, wöchentliches Kämmen, Spinnen der Wolle - das war im wesentlichen die Arbeit eines Angorazüchters. Der mögliche Verkauf ungeschorener Pelze als Leibwärmer oder Muff sei nur zur Vervollständigung angefügt. Das halblang ausgewachsene Angorafell war bei ärmerer Kundschaft ebenso begehrt, wie das der weniger gezüchteten Bisame und Hamster. Edelpelztiere wurden nicht gehalten.

1.8 Imker
Eine Wissenschaft für sich war schon immer das Halten dieser "nützlichsten aller Insekten". Die Arbeit der Imker begann mit dem Erwerb eines oder mehrerer Familien-Schwärmen oder aber – wenn er genügend Geduld hatte – mit der Heranzucht der Geschlechtstiere. Hatte er sein Bienenvolk beisammen, galt es, ihm die tägliche angemessene Pflege und Fütterung angedeihen zu lassen, damit es gerne in der zugewiesenen Behausung blieb und die Waben in der Blütezeit mit Honig füllte. Schwarmpflege, Schwarmverhinderung und das Einwintern konnte nur durch Liebe zur Sache gebührend besorgt werden. Weiter kannte sich ein Imker aus in Umsiedlung von unverträglichen Schwärmen, Feststellung und Beseitigung von Seuchen, Kneten des Zuckerteiges, Herstellen der Futternäpfe zur Zucht von neuen Königinnen. Anfertigen von Strohmatten und anderen wärmenden Kissen in unserer besonders harten Winterzeit. Das selbstverständliche eigenhändige Honigschleudern und - manchmal ein wenig verdünnte mit Zuckersirup - Verkaufen gehörten zum angenehmsten Lohn des Imkers. - Soweit die kurzen Merkmale über diesen interessanten Beruf, der viele Anhänger in den an akazien- und blütenreichen Batschkaer Dörfern hatte.

1.9 Gärtner
Weit entfernt waren unsere Spezialisten für gewinntragende Gartenkultur von den heutigen "staatlich geprüften Gartenbautechnikern" oder den "Gemüseverwertungstechnikern" und wie die Schar der Theoretiker in Sachen Gartenarbeit noch heißen mag. Unsere Gärtner waren praktisch arbeitende Fachleute, die nicht als Wissenschaftler, aber als wissenschaftlich genau planende Fachleute anzusehen sind. Je weniger Gartenfläche, um so mehr Theoretiker gibt es auf der Welt. Unsere Gärten brauchten, dank des unerschöpflichen natürlichen Nährstoff- und Humusreichtums, keine raffinierte theoretische Vorplanung. Gewusst, wann und wie ein Mistloch anzulegen war - und die prächtigen Kürbisse wölbten sich nur so zum Himmel. Natürlich durften Pflanzenschutz und Insektenbekämpfung nicht vernachlässigt werden. Eine ganze Reihe der Krankheiten, die heute noch als Gartenplage bekämpft werden, galten auch daheim als solche. Die bekanntesten waren Schnecken- und Blattlausfraß, Milbenbefall, Mehltau, Weiß- und Rotflecken, Kräuselkrankheit, Käfer- und Raupenbefall u. a.. Zu ihrer Bekämpfung standen unseren Gärtnern ein Dutzend verschiedener Spritzen als Hand- und Zuggeräte zur Verfügung. Allerdings konnte es auch mal vorkommen. dass die beste Waffe, die giftlose Handarbeit, - das sorgfältige Ablesen und Abschneiden der befallenen Zweige - praktiziert wurde. War z.B. der Raupenbefall in einer Saison zu groß, da halfen die Schulkinder bei ihrer Bekämpfung mit und sammelten die meistbefallenen Äste auf einen Scheiterhaufen. - Die Spritztechniken und Produkte siehe in Teil II, Abschnitt 1.9 – 1.10.

1.10 Blumenbinderin
Die Batschkaer Festlichkeiten waren, ganz im Unterschied zu dem übrigen Wirtschaftsgebaren, keine sparsame Angelegenheit. Weder an Kleidung oder Verköstigung noch an Festschmuck wurde gegeizt. Diese offene Hand zur feierlichen Großzügigkeit, die in einem wahren Wettbewerb in den Haushalten – nach Vermögensschichten gegliedert – ausarten konnte, nützte die hauptberufliche Blumenbinderin und Bukettmacherin aus. Alle im eigenen Garten gezogenen und auch manche importierten südländischen und exotischen Blumen wurden zu Sträußen, Kränzen und Gestecken verarbeitet. Das ganze Jahr über war in irgendeinem Haus ein Ereignis, das Fest- bzw. Trauerschmuck benötigte. Schulen, Rathaus, Kirche gehörten ebenfalls zu der Dauerkundschaft.

1.11 Landarbeiter
Der Verwalter soll hier als höchster Landarbeiter bezeichnet werden. Er war auf unseren Höfen kein Herrscher oder Treiber, sondern ein echter Mit- und Vorarbeiter. Seine Hauptfähigkeiten deckten sich ganz mit denen seines Herrn, ja in theoretischer Hinsicht Überstiegen sie oft diese. Es war ein ausgesprochener Vertrauensberuf, im Namen und für Rechnung des Großbauern das Gut oder Teilgut (Großtanya, Salasch) zu leiten. Ein solches Großgut hatten wir die Gelegenheit, nach dem Lager, 1948, auf dem Kikindaer Hotter kennen zu lernen: Es hatte in allen Räumen, einschließlich Stallungen, elektrisches Licht, Wohnküche sowie Viehställe waren gekachelt, darüber hinaus hatte der Verwalter einen Baderaum, wie sich ihn manche Herrschaft nur wünschen konnte. Der Großknecht oder festangestellte Landarbeiter hatte ebenfalls eine Vertrauensstelle auf dem Gut. Er wies meist die wechselnden Tagelöhner und Erntearbeiter ein und war ihnen vor Ort hilfreich. Der Hausknecht dagegen hatte außerhalb des Hofes nichts verloren, er war Haus- bzw. Stalldiener und hatte oft mitten unter den Tieren seinen Lebens- und Schlafraum, d. h. je nach Entgegenkommen und Fortschrittlichkeit der Herrschaft hatte das Stallpersonal im Vorraum des Stalles einen Schlafplatz oder – noch in Hörweite des Viehes - eine kleine oder größere saubere Kammer, die es selbst pflegte und in Ordnung hielt.

Die Wirtschafterin einerseits und die Hausmagd andererseits waren auf unseren Bauernhöfen die weiblichen Gegenpole des Verwalters und Hausknechts. Über ihre Arbeit wachte die weibliche Herrschaft. Die Wirtschafterin lebte innerhalb des Wohntraktes und die Magd im Wirtschaftsbereich. – Aus der Aufzählung dieser Beispiele von abhängiger Arbeitsverhältnisse auf größeren Gütern geht leicht hervor, dass sich jede gute Kraft durch Fleiß und Zuverlässigkeit vom untersten Arbeitsposten zum obersten sozusagen hinaufarbeiten konnte.

1 LEBENSMITTELBERUFE
Müller, Bäcker, Zuckerbäcker, Bonbon- und Konfektmacher, Lebzelter, Molkereifachmann, Fleischer / Fleischhacker, Rossschlächter, Koch / Köchin, Obst- und Gemüsekonservierer, Fischtrockner und Fleischselcher, Brauer und Mälzer, Branntweinbrenner, Küfer, Sodawasserhersteller.

2.1 Müller
Bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts wurden unsere Mühlen von Wind, Wasser und Pferden angetrieben. Von den althergebrachten Mahlwerken hatten sich die Flussmühlen bis zu unserer Vertreibung gehalten. Sie konnten nicht gut von den Dampfmühlen abgelöst werden. Die Dampfmaschine war hauptsächlich den Pferdemüllern willkommen, die nun endlich von ihren ein- bis zweistöckigen Rondellen mit einfachen Mühlwerken und den um eine Senkrechtachse rundumgezogenen ca. 1 Meter großen Mühlsteinen befreit wurden. Endlich kam "Dampf" in die Arbeit: Neue Mahl- und Siebtechniken brachten unseren Bauern - und damit der ganzen westlichen Welt - das bekannte flaumweiche Weiß- und Mischmehl, aus dem solches Brot gebacken wurde (und noch immer wird), das auf der ganzen Welt seinesgleichen nicht hat. Das Arbeitsgebiet unserer Müller umfasste das Beurteilen, Aufbereiten (Reinigen und Trocknen), Lagern und Mahlen von Getreide. Je nach Bedarf entstand als Endprodukt Feinmehl (weiß und gemischt), Grobmehl, Schwarzmehl, Grieß, Schrot und Kleie. Die kleineren Lohnmüller hatten es einfacher in der Vorbehandlung und Auswahl des Getreides: Die Qualität, die gebracht wurde, wurde auch abgeholt. Während die Großmüller übergangslos arbeiteten und daher auf eigene Rechnung oder im Tausch für Mahlgut Korn übernahmen. Sie vor allem mussten die gesamte Palette an einschlägigen theoretischen Fähigkeiten erlernt haben: nebst dem eingangs erwähnten, kannten sie sich gut in der Abrechnung und Buchführung aus, der Umrechnung des jeweiligen Hektoliter-Gewichtes, der Maschinenpflege, so dass der Müller oft auch sein eigener Maschinenschlosser war.

2.2 Bäcker
Die häufigsten Brotsorten daheim waren die Misch- und Weißbrote, seltener die Mischbrotfladen oder Flammkuchen, die mit allerlei würzigen und schmackhaften Belägen angeboten wurden (etwa wie die im Siegestempo in den letzten Jahren sich über ganz Europa ausbreitenden Pizzafladen). Das runde Hausbrot (zwischen 2 und 5 kg schwer) wurde aber im allgemeinen von den Bäuerinnen selbst gebacken. Die Bäcker boten in erster Linie für Handwerker, Gewerbetreibende und Intellektuelle Roggen- und Weizenmischbrot und Weißbrot in verschiedenen Größen und Formen zwischen 1 und 3 kg an. Auch Vollkornbrot und - in der unserer reichen Batschka aufgezwungenen Notzeit - Maismisch- und Maisbrot konnten sie herstellen, dessen Rezepte seit Jahrhunderten in kargen mittel- und südosteuropäischen Gegenden hoch in Ehre standen. Hörnchen, Kipfel mit Kümmel überstreut, Brezeln, Salzstangen, Zöpfe und Milchbrötchen gehörten ebenfalls zum Angebot unserer Bäcker, die mit dem Vertrieb stets viel Arbeit hatten und sich vereinzelt des Hausierens mit der Ware nicht schämten. Selbstverständlich war aber dieser Kundendienst nicht überall. In ärmeren Gemeinden gehörte er zur feierlichen Seltenheit. Hier gingen die Kinder ganz gerne das Tauschbrot oder Kaufbrot beim Bäcker abholen. Die Grundkenntnisse eines Bäckers umfassten das Ansetzen des Hefe- bzw. Sauerteiges, das verhältnisgerechte Teigkneten, Gärführen, Wiegen oder Schätzen der Brot- und Brötchenmenge, Formen, Einschießen und Ausbacken in fachgerecht vorgeheizten Bachöfen. In Kriegszeiten waren auch verschiedene Dauerbrot- und Zwiebacksorten für Soldaten im Angebot.

2.3 Zuckerbäcker
Heutzutage ist ein gelernter Zuckerbäcker mehr Techniker als Bäcker. Früher herrschte in der Feinbäckerei Handbetrieb, d. h. auch die Rühr- und Knetgeräte aller Art wurden von Hand betrieben. Unsere Zuckerbäcker teilten sich die süße Arbeit mit den Lebzeltern, d. h. sie waren für die Torten, Waffeln, Oblaten und das Feingebäck und jene für Leb- und Pfefferkuchen zuständig. Jede erfahrene Donauschwäbin war eine halbe Zuckerbäckerin. Wer alle Gebäcke, die wir bei Hochzeiten, Taufen usw. vernaschten, kaufen wollte, musste einen Geldesel besitzen. Außerdem gab es ohnehin käufliches Feingebäck in großer Auswahl nur in Großgemeinden und Städten. Ein gelernter Zuckerbäcker musste auch bei uns von Chemie viel verstehen. Roh- und Hilfsstoffe waren sehr wertvoll. Zu seiner Tätigkeit gehörte das Zubereiten, Lagern, Mischen, Kneten, Abschmecken, Walzen, Glasieren, Verzieren und Formen des Backgutes, d. h. das feine Abstimmen der Temperaturen auf vielfältigste Kuchenarten. So weltberühmte Fachleute wie die Herren Sacher und Demel aus Wien hatten wir nur in Budapest (Dobosch), aber unsere ländlichen Meister waren in diesem Handwerk oft auch wahre Künstler und standen der großstädtischen Qualität nicht nach.

2.4 Bonbon- und Konfektmacher
Ein seltener, aber in unseren Großdörfern und Städten durchaus üblicher Beruf. Es wurden alle möglichen künstlerisch sowie einfach gestanzten Formen und mit Zucker und Honigmasse ausgegossenen Bonbonsorten hergestellt. Die bunten Kirchweihstangen aus gezogenem Zucker bleiben uns ewig in Erinnerung. Sie wurden, ebenso wie die Zuckerwatte, der türkische Honig und die schwarze Lakritze hauptsächlich von unseren eigenen Zuckerrübensäften, dem Honig aus eigener Erzeugung, eigenen Hühnereiern, selbstgewonnener Kartoffelstärke etc. hergestellt.

2.5 Lebzelter
Er war immer in Personalunion mit dem Wachszieher anzutreffen, da in beiden Fällen Bienenprodukte verarbeitet wurden. Den einfachen Honigkuchen verstand jede Hausfrau selbst zu backen, während die Kunstformen mit geheimnisvollen Geschmacksbeilagen und schönen Verzierungen nach ererbten Rezepten von hauptberuflichen Lebzeltern hergestellt wurden. Alle unsere Kirchweihfeste mit schön geschmückten Lebkuchenbuden wurden von den eigenen Fachleuten, beliefert. Ferner bestand Großbedarf an vielen kirchlichen und weltlichen Feiertagen. Einige Lebzelter zogen selbst mit ihrer Ware durchs Land, andere verkauften die Herzen, Puppen und Tiere mit der unwiderstehlichen bunten Bemalung und einer schmucken Schnur zum Anhängen, den fahrenden Händlern, Schaustellern und Budenbesitzern.

2.6 Molkereifachmann
Das war unser Käsespezialist. Bei solchen Mengen von Grundprodukten wie Rahm, Butter, Quark, die wir zur Verfügung hatten, konnte ein gelernter Molkereifachmann gute Geschäfte machen. Sein Domizil war das Milchhäuschen der Aufkaufsgenossenschaft und sein Arbeitsgebiet umfasste hauptsächlich im Aufkaufen, Verpacken und Weiterveräußern, hin und wieder aber auch im Verfeinern, Würzen, Abwandeln nach Städtergeschmack. Dabei wurde neben der Kuhmilch auch solche von unseren Schafen und Ziegen verarbeitet. Daraus entstand Pressquark mit verschiedenen Gewürzen, Vollfett- und Magerkäsesorten und Kräuterbutter, um nur die gebräuchlichsten Produkte zu nennen.

2.7 F1eischer / F1eischhacker
Ein körperlich höchst anspruchsvoller Beruf. Das schwere Heben und Arbeiten in ungeheizten Räumen erforderte schon immer starke Männer. Aber auch arbeitsgewohnte Ehefrauen. In unserer fleischreichen Heimat waren die Fleischereien Familienbetriebe: Der Mann kaufte ein, schlachtete und zerlegte das Vieh (Schweine, Rinder, Kälber, Hammel, Lämmer), die Frau half neben einigen Gesellen und Lehrlingen Aufbereiten, Wurstkochen und Verkaufen. Neben vereinzelten Wurstfabriken mit bis zu 15 Mann Belegschaft, bestand dieser Berufszweig weitgehend aus Meisterbetrieben, die sehr lohnintensive Umsätze tätigten. Beim Schlachtvieh überwog das Schwein (etwa im Verhältnis 4 : 1) gegenüber Rind und Kalb und im Verkauf hielt sich das Frischfleisch an erster Stelle, dem etwa 20 Wurstsorten folgten: Bratwurst, Blutwurst, Leberwurst, Schwartenmagen, Sommer- und Wintersalami, Debreziner, Wiener-Würstchen, Pariser (ähnlich den Lionern), Salvalati, grobe Schinkenwurst, grobe Schinkensalami, Paprikasalami und einige Wurstspezialitäten nach besonders gehüteten Rezepten. Als Beispiel sei ein mittelgroßer Bajaer Fleischereibetrieb genannt- von dem auch die Wurstangaben stammen -, der mit 7 Mann Personal 20 bis 23 Schweine, drei Kühe, fünf Kälber und Schafe, mit wechselndem Bedarf, jede Woche vermarktete. Wobei das Fett unserer prächtigen Mastschweine der Magolitzasorte gesondert an Fettgroßhändler (Juden) doppelt so teuer wie das Fleisch verkauft wurde. Der Fleischermeister war Fachmann für alle praktischen Arbeiten wie Schlachten, Abhängen, Zerlegen, Kühlen, Würzen, Pökeln, Räuchern, Verarbeiten etc. und Könner aller dazugehörigen kaufmännischen Arbeiten. Jede Metzgerei - ob sie schon Strom hatte oder nicht - besaß eine Eisgrube, in der von den Eismachern an winterlichen Seen (Balaton), Tümpeln und (seltener) Flüssen gebrochene Eisblöcke für die Sommermonate aufbewahrt wurden. Was unsere Fleischer daheim an Wurstwaren herstellten, ist im Zuge der Vertreibung und Umsiedlung in die neue Heimat überall in der Welt gebracht worden und wird dort für alle Zeit von ihrer Geschicklichkeit zeugen.

2.8 Rossschlächter
Unsere Bauern hatten viele vierbeinige Helfer auf Äckern und Wiesen. Und wenn nach einem arbeitsreichen Leben (von ca. 15- 20 Jahren) so ein treuer Gaul sich anschickte, abzudanken, musste ihn ein Fachmann (Rossfleischer) in Obhut nehmen. War das Pferd noch gesund, trug sein Fleisch zur Würze in manchen Salamisorten bei. Andernfalls erbrachte nur sein Fell dem Schlächter Nutzen. Kranke Pferde wurden - wie alles kranke Vieh - nur gegen zusätzliche Entlohnung abgeholt. Für lediglich altersschwache Pferde musste der Abholer einen geringen Preis bezahlen. Als Rossschlächter und Schinder für das übrige Vieh haben sich häufig die unempfindlichen Zigeuner hervorgetan. Dennoch braucht dieser Beruf als Ausnahmefall in unseren schwäbischen Berufsbildern nicht fehlen.

2.9 Koch / Köchin
Hierbei gilt die Berufsbezeichnung nicht allen unseren tüchtigen Könnern und Könnerinnen in Sachen Kochkunst, sondern nur jenen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, also den in Gaststätten, Heimen, Hotels, Krankenhäusern, Speisewagen und Herrschaftsküchen angestellten. Gibt es heute Spezialköche für Fleischspeisen, Fischgerichte, Eier- und Gemüsespeisen, Diät, Flambieren etc., so waren es früher allseitig ausgebildete und erprobte Fachleute, die alle Essensarten gleich gut herzustellen wussten. Die Theorie stellte auch einige Forderungen in Schreiben, Rechnen, Vorratsplanung und, ab der Dreißigerjahre, noch Kalorienbestimmung. In zwei Extremen sei der heimatlichen Praxis aus Erfahrungen in diesem Beruf gedacht: Einmal festliche Tafeln mit zufriedenen und spendablen Gästen, welche die Köche hochleben ließen und reich belohnten, zum anderen schimpfende und fluchende betrunkene Besatzer-Soldaten, welche nach abgeschlossener vandalischer Speisung die Urheber all der hinuntergeschlungenen Genüsse mit Demütigung und brutalem Schimpfen bedachten.

2.10 Obst- und Gemüsekonservierer
Was es auf diesem Sektor daheim gab, ist nur als einmalig zu beschreiben. In schwäbischen Ortschaften lebten nur einzelne Bewohner von diesem Berufszweig, in den slawischen oder ungarischen Gemeinden dagegen ganze Ortsgemeinschaften. Dabei denke ich an solche Orte im Donaulöß, wo der Gemüseanbau zur Hauptbeschäftigung gehörte: Kupusina / Bácskertes, Püspökpuszta, Érsekcsanád u.a., in denen Klima, Boden und Bewässerung dem Obst- und Gemüseanbau ideale Bedingungen schon lange vor der Einführung der vollbewässerten Kunststoffstreibhäuser bescherten. Die Äpfel, Aprikosen und Zwetschgen, das Kraut, der Paprika und die Tomaten, die hier wuchsen, wurden nicht nur in frischem Zustand und in großen Mengen auf den Märkten angeboten, sie ergaben auch das Grundmaterial für die Konservierung in Form von Säften und Lekwar / Marmelade, Fässern von gesäuertem Kraut, vielen Gläsern von saurem Paprika und Säcken von gemahlenem Paprika; vor allem der letztere gehörte und gehört heute noch in der Donaustadt Kalocsa – neben den Spitzen – zur Beschäftigung vieler Familien.

2.11 Fischtrockner und F1eischselcher
Noch sehe ich sie im Geiste an einer langen Leine in der Sonne hängen. die knackig-trockenen Hechte und Aale. Ebenso mager, wie die an der Sonne ausgelaugten Fische, war allerdings auch das Einkommen derjenigen, die sich damit den Lebensunterhalt verdienen mussten. Es gab selbst in reichen Ortschaften besitz- und anhanglose kränkliche Menschen, die nicht mehr dem Fischfang nachgehen konnten und die vom Überschuss der Fischer lebten. Ohne mitverdienenden Anhang und ohne Invaliden- oder Altersrente, hatten sie irgendwo am Dorfrand ihre kleine strohgedeckte Hütte und fristeten ihr Leben schlecht und recht als Sozialfälle der Gemeinde. War die fischbehangene Wäscheleine alles andere als ein günstiges soziales Merkmal, so konnte sich der berufsmäßige Räucherer unter den Fleischhändlern und Fischern nicht beklagen. Seine volle Räucherkammer barg ein Vermögen. Ähnlich wie das in den Haushaltungen mit eigener Schlachtung geschah, praktizierte es auch der selbständige bzw. in einem Betrieb beschäftigte Räucherer: In einem Kesselhaus, das nach oben hin direkt in einen Schornstein mündete, wurde bei eingeschränkter Luftzufuhr ein Rauchfeuer aus trockenem Akazien- oder Buchenholz unterhalten. Dauer und Art des Räucherns - nach vorhergehendem Pökeln - hing ganz von der beabsichtigten Haltbarkeit ab. Heiß und kurz wurde geräuchert zum baldigen Verbrauch, langsames kühles Räuchern brachte in Haltbarkeit und Geschmack das, was wir zu Hause erst nach einem halben Jahr und nicht früher als zu Ostern des kommenden Jahres ausprobieren durften.

2.12 Brauer und Mälzer
Nach dem Zeugnis von Fachleuten gehörten und gehören immer noch zur Bierbrauerkunst - in der Reihenfolge der anfallenden Arbeit - das Weichen, Tennenreinigen, Ausweichen, Hopfenlidern (Umstechen und Mischen des Hopfens) und das Darren, Schroten, Biersieden, Bierkühlen, Gären, Lagern und Abfüllen. Es heißt, dass schon die Kelten die Bierbraukunst beherrschten. Auch die alten Germanen stillten ihren Durst mit einem bierähnlichen Getränk, dem Met, das aus gegorenem Honig gewonnen wurde, aber auch schon Hopfensaft enthielt. Bei uns entstanden die ersten Brauereien kurz nach der Türkenbefreiung (die Moslems waren bekanntlich strenge Antialkoholiker). Zuerst wird das erzbischöfliche Bräuhaus in Baja im Jahre 1698 erwähnt. Die Brauereien benötigen heute noch wie damals Gerste, Weizen und Roggenmalz, an dem es unserer ehemaligen Heimat nicht mangelte. Der unterschiedliche Geschmack zu den deutschen Bieren kam vom mangelhaften Anteil oder vollständigen Fehlen des Hopfens in den Batschkaer Bieren. Doch die "flüssige Nahrung", die wir daheim tranken, kam aber sonst genauso von unseren Feldern und wurde von unseren Fachleuten ebenso sorgfältig hergestellt, wie jene in den Bierhochburgen des Westens.

2.13 Branntweinbrenner
Bis zum Einsatz des fahrbaren Brennereikessels um die 20. Jahrhundertwende waren die Brennereiblasen stationär und hatten eine Größe von 100 - 500 Liter Inhalt. Das lokomobilähnliche Gefährt des fahrbaren Kessels fasste auch etwa 500 Liter Treber- oder Maulbeer- und Obstgärung. Unsere Obstbrenner brachten ihre Kunst aus dem Westen mit und blieben lange auf dem Stand des mitgebrachten Brennereibetriebes stehen. Während im Westen die automatisierte Bearbeitung verschiedenster Grundstoffe wie Roggen, Weizen, Hirse, Mais und Kartoffeln Fortschritte machte, sahen sich die Neusiedler-Brenner Pannoniens in die Lage versetzt, ihre Fähigkeiten ein ganzes Jahrhundert lang in Handarbeit weiter zu kultivieren. Saatgetreide zum Brennen zu verwenden, schien ihnen als große Verschwendung, da die Maulbeerbäume genügend kostenlose Rohstoffe lieferten. Die verfeinerten Methoden des Maisbrennens unter Zusatz von Hefe nach dem Milch- und Schwefelsäureverfahren wurden seltener angewandt. Um Treber-, Maulbeeren- und andere Obstschnäpse zu destillieren, brauchte man keine langen chemischen Umwege: Ansetzen, meist ohne Zuckerzusatz, Gären, Vor- und Feinbrennen, dies waren ihre ergiebigen Stationen, deren Produkte, ebenso wie im Westen, durch den Staat überwacht und besteuert wurden.

2.14 Küfer
Dieser vielfältige Beruf bestand zum ersten aus der teilweise selbständigen Instandsetzung des – vom Binder hergestellten - Fassgutes und zum anderen aus der Bearbeitung der Trauben zu unserem bekannter Weise kräftigen Naturwein. Bei beidem konnten auch unsere Bauern ein gutes Maß mitreden. Die Vorarbeiten, wie Abdichten, Reinigen und Ausschwefeln der Holzfässer sowie das Keltern (Pressen), Lagern und Vergären des Süßmostes beherrschen sie genauso fachgerecht wie die Hauptberufler. Fast jeder Weingartenbesitzer kelterte seine Trauben selbst. Es wurde sorgfältig der gärende Most entschleimt, filtriert und abgelassen - in die gereinigten Fässer zwischen 50 und mehrere tausend Liter, in Korbflaschen oder gleich in Literflaschen. Schon lange vor Beginn unserer Zeitrechnung wurde die edle Kunst des Kelterns und Vergärens von Trauben zu Wein durch Menschen aller Schichten und Stände gepflogen. Zur Zeit der Auswanderung unserer Ahnen war es allerdings in Süddeutschland ein königliches/adeliges Privileg, aus Trauben Wein herzustellen, dem gemeinen Volk blieb der Apfelmost und Apfelwein vorbehalten. Diese Einschränkung wurde mit der Zuwanderung in den Südosten für unsere Menschen aufgehoben. In der Batschka war mancher Heimatpfarrer stolz, beim Opfermahl in den Kelch des Herrn sein eigenes Produkt - nicht zu knapp - gießen zu lassen. Ja sogar lange nach der Vertreibung kehrte so ein ehemaliger Amateurküfer wegen des Weines in den Heimatort zurück, um ein in aller Eile angelegtes Versteck im Keller zu öffnen und die vermeintlich immer noch wertvollen Flascheninhalte nach Deutschland mitzunehmen. Wie groß war die Enttäuschung, als aus dem 44er von den Teletschkaer Hügeln ein sauer-bitterer Weinessig geworden war. Ist der gute Tropfen aus dem letzten Kriegsjahr "erstickt" oder vielleicht nur, aus Solidarität zu seinen schwäbischen Herstellern, sauer geworden und hat seine Blume in bittere Tränen verwandelt - wer weiß es genau.

2.15 Sodawasserhersteller
Sie ist heute noch im gesamten Karpatenbecken in Gebrauch, die stolze, dickbauchige Spritzflasche, die auch früher auf keiner festlichen Tafel gefehlt hat. Sodawasser war das billigste, jedoch bei weitem nicht das unangenehmste Getränk. Für ein paar Heller, Fillér oder Para (österreichisches, ungarisches oder jugoslawisches Kleingeld) zwei Flaschen direkt beim Hersteller zu holen, war eines von vielen Kindheitserlebnissen, an die man ein Leben lang gerne zurückdenkt. Unsere Kinder, die heute so ungern im Keller ihren Sprudel holen, würden mit Hilfe des Zauberspritzers gewiss aus der lästigen Pflicht eine angenehme freiwillige Leistung machen, könnten sie doch schon auf der Treppe einen Spritzer kosten. Und dann erst das verblüffte Zusehen, wie die handbetriebene Maschine das Sodawasser herstellte! Gab es je für ein Kind einen überzeugenderen Zweck der Maschine? Auch Limonaden und Brausewässerchen, Mineralwasser mit verschiedenem Brausegehalt hatten wir genügend zur Auswahl. Im Namen der Kleinsten sei den Männern und Frauen gedankt, die diesen Beruf daheim erwählt hatten.


3 WASSERBERUFE
Fischer und Fischzüchter, Taucher, Binnenschiffer, Matrose und Fährmann, Lotse, Reeder und Eigner, Schiffbauer, Schopper, Schilfrohrschneider

3.1 Fischer und Fischzüchter
Als das zweite Bein in der Ernährung (neben dem Bauern) kann dieser viel verzweigte Beruf bezeichnet werden. Im Mittelalter befassten sich notgedrungen so viele Menschen mit dem Fischfang. dass - so sagte man - einer der Päpste den fleischfreien Freitag einführen musste, um den Fischverbrauch zu steigern und so wenigstens einem Teil der Fischer ihre Einkommensquelle zu stärken. Fisch galt nicht als Fleisch, und doch war es mehr als das: Denken wir an die fetten Arten der Riesenwelse, Aale und Mastkarpfen. Unsere zahlreichen Fischer waren es mit Leib und Seele. d. h. sie wirkten noch ihre vielfältigsten Netze selber, hielten ihre Boote in Ordnung und tätigten nach Feierabend die Verkaufsgeschäfte. Ein Teil hatte in den Flüssen und Nebenarmen ihren Wirkungskreis, die anderen in der Fischzucht der natürlichen oder künstlichen Teiche. Im Nebenbetrieb hatte auch die Fellverwertung wilder Fischotter und Bisamratten eine gewisse Bedeutung für die Teichzüchter.

3.2 Taucher
Einige wenige unserer Landsleute, die diesen Beruf neben einem Schiffs- oder Landhandwerk ausübten und zum Teil über die Binnengewässer hinaus (Adria, Schwarzes Meer) hochbezahlte Beschäftigung fanden, mussten ausgesprochen gesund und beweglich in der Haushaltsführung sein. Das körperliche Arbeiten – Schweißen, Sägen, Stemmen, Hämmern unter Wasser ist um einiges schwerer als bei Luftbedingungen. Der hauptberufliche Taucher war nach 20-jähriger Tätigkeit, also mit 40, am Ende seiner Leistungsfähigkeit. Bis dahin musste er genügend materielle Unabhängigkeit erwirtschaftet haben. Ein jahrelang aktiver Donautaucher konnte von gar wundersam anmutenden Dingen resp. Arbeiten unter Wasser erzählen: Aufregender Kriegsdienst mit Minen suchen und auslegen, dann nach dem Krieg Schiffswracks und gesprengte Brückenteile bergen, und lange Jahre Werftarbeit und Sesshaftigkeit in Nähe der Arbeitsstätte.

3.3 Binnenschiffer
Ihre weitgehende und doch nur auf wenige Flüsse begrenzte Tätigkeit beinhaltete das vielfältige Mitwirken beim Führen von Schiffen unterwegs und im Hafen, das Klarmachen, Laden und Entladen, die Überwachung des Ladegutes, das aus den Zuflüssen und Kanälen ihrem Schiffszug anvertraut wurde. Die Bedeutung dieses Berufes kann nur - wie in allen übrigen Fällen - andeutungsweise behandelt werden. Die Donau und deren Nebenflüsse unserer Heimat stellten seit Urzeiten die wichtigste Wirtschafts- und Verkehrsader für durchziehende Kriegsvölker und die Bewohner jener Gegend dar. Erst viel später kamen zu den vielen im Herbst und Winter weglosen Straßen befestigte Hauptverkehrswege und Metallschienen. Doch die schwersten Güter blieben bis zuletzt dem Wassertransport vorbehalten: Kohle, Erz, Eisen, Kies, Sand, Holz, Mineralöle, Düngemittel, Salz und Getreide können auch heute nicht durch andere Transportmittel wirtschaftlicher befördert werden. Neben der weithin anfallenden Arbeit des Schiffers sind auch noch Spezialaufgaben mit eigenem Vokabular umrissen: Das Anstechen (Befestigen z. B. der Leine), Belegen, Führen (Ladung verteilen), Knoten, Spleißen der Taue, Verholen, Signalisieren, Morsen mit Licht oder Fähnchen, Waschen und Sichern - um nur einige aus dem reichen Schifferschatz der Ursprache zu nennen. Die Kenntnis der Schifffahrtsregeln und Gesetze, das Rettungswesen und die Sanitärbestimmungen und nicht zuletzt das grundsätzliche Bedienen aller maschinellen und technischen Ausrüstungen sind und waren ebenfalls Bestandteile der Schifferausbildung, die bei unseren Binnenschiffern oft bis zum Schiffsführer und Kapitän führte. Die meisten Steuerleute und Kapitäne beim Bayerischen Lloyd, Regensburg, sind 35 Jahre nach der Vertreibung immer noch Pannonier aus dem Zwischenstromland.

3.4 Matrose und Fährmann
Als wichtige und verlässliche Kraft der gelernten Schiffer galten die angelernten Matrosen. Abenteuerliche Burschen, wie wir sie aus den Seefahrerfilmen kennen, gab es bei uns keine, doch immer gehörte schon zu diesem Beruf eine gewisse örtliche Ungebundenheit. Fleißige Matrosen konnten es zu Boots- und Steuermännern bringen, im Grunde aber mehr in handwerklicher Hinsicht Karriere machen. Vor dem Siegeszug des Dampfschiffes und Dampfschleppers in unseren Gewässern gehörte zur Arbeit des Matrosen bei Flussabwärtsfahrt die Handhabung des Anlegens und Be- und Entladens, während sie beim Flussaufwärtsschleppen durch Pferdegespanne, die am Ufer mit Hilfe von Tauen das Schiff flussaufwärts zogen, die sorgfältige Bedienung der Zugtrosse durch handgetriebene Winden überwachten, damit die tiefste Stromrinne auch bei Flusskrümmungen oder Sandbänken eingehalten wurde.

Die Fährleute unter den Schiffern bildeten, je weiter wir in die Vergangenheit dringen, einen umso wichtigeren Berufszweig, der an unseren Flüssen und Kanälen große lokale Bedeutung hatte. Vor der Motorisierung gab es drei Größenordnungen hölzerner Wasserfahrzeuge zur schnellstmöglichen Überquerung von Wasserwegen: die Zille für wenige Personen und Lasten, die Plätte/Fähre für ein bis zwei komplette Pferdefuhrwerke und ca. 20 Personen und das Fährschiff für etwa 5 Fuhrwerke und 100 Personen. Die beiden letzteren bedienten sich Hilfsvorrichtungen - z. B. eines quer über den Wasserlauf gespannten dicken Seiles oder einer Winde mit Umlenkrolle, an denen sie sich hinüberzogen -, während die Zille mit einem großflächigen Steuerruder und mit Hilfe der Flussströmung angetrieben wurde.

3.5 Lotse
Kam ein Schwarzmeerriese flussaufwärts in die Nähe des eisernen Tores, so war es seine Pflicht, einen heimischen Lotsen an Bord zu nehmen und ihm die Führung so lange zu überlassen, bis der Engpass mit Hilfe verschiedener Hilfsantriebe zu Wasser und Land überwunden war. Heute überwindet das natürliche Gefälle und die ehedem so gefährliche Stromschnelle ein riesiges Schleusensystem, das zugleich große Wasserturbinen zur Stromerzeugung speist. In Kriegszeiten oder in den Spannungsjahren zwischen den kommunistischen Anreinern nach 1948 war es Bedingung, einen Lotsen des durchzufahrenden Donaulandes von Grenze zu Grenze an Bord zu halten. Auch solche Kapitäne, die bei Niederwasser ihr Schiff sicher durch die Sanddünen bringen oder die eines der ehemals bekannten Hafen- oder Werftbecken der Donau ansteuern wollten, ließen sich gerne von Lotsen beraten, unter denen die seit je gut mit der Donau vertrauten Donauschwaben zu finden waren.

3.6 Reeder und Eigner
Alle Wasserberufe einzeln aufzuzählen oder gar beschreiben zu wollen, hieße viele Landberufe vorwegzunehmen, denn ob Maschinist oder Schiffsschmied, alle haben auf dem Land ihre ausgeprägten Verwandten. Dasselbe gilt für die Besatzungen von Passagierdampfern, die im Umgang mit den Fahrgästen jenem von der Eisenbahn entsprachen, nur dass sie hier andere Namen hatten. Erst eine umfangreiche Enzyklopädie könnte eine restlose Aufarbeitung dieses Themas bringen.

Ein Berufszweig, der nicht nur von wohlhabenden Donauhändlern betrieben wurde, ist der des Reeders und Schiffseigners. Als Eigenbesitz, in Miete oder Pacht betrieben diese Leute den im Schiffsverkehr vor dem Krieg nicht wegzudenkenden Lohnverkehr. Das was nach dem Krieg die staatliche Handelsflotte ihr eigen nannte, stammte zum Großteil aus dem unseren Reedern ersatzlos enteigneten schwimmenden Kapital. Die Einzeltonnage der Donaufrachtschiffe betrug vor dem zweiten Weltkrieg zwischen 300 und 1000 BRT (1 Bruttoregistertonne = 2,83 m3 oder 0,4 Kubikklafter). Frachtverträge donauauf- und abwärts abzuschließen, den Warenfluss weiterzuleiten, die Mannschaft anzuheuern und anderes mehr, gehörte zu den Aufgaben unserer Kaufleute im Donauhandel, die allerdings ähnlich wie jene im Landhandel eine lange Reihe Verwaltungs- und Angestelltenberufe ernährten. Zuletzt, aber nicht weniger wichtig ist die Tatsache, dass viele Eigner nur ein einziges Wassergefährt hatten, auf dem sie Steuermann und Kapitän zugleich sein mussten, ihre Familie mit auf dem Schiff hatten und nur von ein-zwei Hilfsmatrosen unterstützt wurden.

3.7 Schiffbauer
Bevor die rationelle Großfertigung und Arbeitsteilung im Schiffbau aus militärischen und handelstechnischen Erwägungen eingeführt wurde, gehörte zum Berufszweig des allgemeinen Schiffsbauers das gesamte Tätigkeitsfeld. Alte Chroniken und Verzeichnisse sprechen sehr ehrerbietig von diesem Beruf, denn er gehörte zu der seltenen Kunst, die ererbt oder nur in mündlicher Überlieferung weitergeführt werden konnte. Pläne und Zeichnungen hatten die alten Schiffbauer so gut wie nicht. Wobei sie in gewisser Weise mit den ersten Dombauern verglichen werden können, die ebenfalls ihr meisterliches Können in Statik und Stabilität, die ohne Zementverbund Hunderte von Jahren standhielten, nur durch letztwillige Preisgabe von Geheimnissen auf dem Sterbelager auf die nächste Generation übertrugen. Im Altertum galt es als sehr verwerflich und sträflich, die Geheimnisse des Baues von Schnellschiffen für Handel und Krieg an fremde Länder und Nationen weiterzugeben. Nur auf diesem Grundsatz konnten manche Nationen den anderen um viele Jahre voraus sein, ja sogar die Herrschaft über sie erreichen. Das leichte und schnelle Schiff und damit sein Erbauer gehörte zum wertvollsten Gut großer Herrscher. Diese in Schifffahrtskreisen bekannte Feststellung kann durchaus auch auf die Donauschifffahrt älterer Zeiten angewandt werden. Erst die Internationalisierung des Schiffsverkehrs und Schiffsbaues brachte hier grundlegende Änderungen. Der hier angesprochene Beruf des alten universellen Schiffsbauers ist fixiert auf die Zeit vor der Gründung der großen Werften in unserer Heimat, als noch Holz-, aber auch schon erste Stahlschiffe und Schlepper in kleineren Handwerksbetrieben hergestellt wurden. Aus Mangel an Hilfsmitteln wie Elektrizität und luftgetriebener Handmaschinen mussten Niet um Niet und Planke um Planke von Hand gehauen und gedichtet werden. War eine Arbeit fertig, mussten die gleichen Kräfte anderes Werkzeug zur Hand nehmen, bis das Handprodukt für den Fischfang, Handel oder Verkehr den Donauwellen anvertraut werden konnte.

3.8 Schopper - Schiffszimmermann
Neben dem allgemeinen Schiffbauer gehörte dieser Beruf zu den ältesten, die sich selbständig entwickelten und auf den Holzauf- und ausbau aller Schiffsgrößen und Boote (Zillen, Fischer- und Müllerboote, Fischkutter und -kalter) spezialisierten. Was der Schiffbauer baute, wurde vom Schiffzimmermann ausgestattet. Später kam als notwendige Verfeinerung der Schiffschreiner, Polsterer und Kunststoffwerker hinzu. Ganze Holzboote wurden bis zu einer bestimmten Größe allein vom Schiffszimmermann gebaut. Seine Werkstatt hing voll mit Modellen, Schablonen, Maßlatten und Geräten, die der rationellen Handarbeit dienten. Darüber hinaus war der Schiffszimmermann wie jeder andere Holzhandwerker ein gründlich ausgebildeter Holzkundler, der seinen Baustoff früher sogar selbst im Wald aussuchen musste (z. B. wenn er naturgewachsene Hölzer für den Schiffsbug oder das Heck benötigte).

3.9 Schi1frohrschneider
Jene ersten Siedlerhäuser unserer Ahnen, die noch in den Jahren unserer Vertreibung in den rückständigeren Dörfern bestanden, waren ausschließlich mit Schilfrohr gedeckt. Das Schilfrohr in den Morästen, die es im ganzen Lande, aber besonders in den Donauauen vielfach gibt, gehörte früher zum Herrschaftsbesitz und konnte von jedermann jährlich in Pacht geschnitten werden. Sobald das Schilf abgeblüht aber noch saftig genug war, wurde es mit besonderen Sicheln unter Wasser abgeschnitten. Dabei gingen die Schnitter in hohen Gummistiefeln durchs seichte Uferwasser und Moor. Wie alles, was nur saisonbedingt Verdienst brachte, bot dieser Beruf nur den Besitzlosen Einnahmen, die natürlich nicht sehr üppig waren. Allerdings sorgte die Natur, dass die restlichen Rohrhäuser - deren es 1944 z. B. in slawischen Ortschaften noch bis ca. 50 %, in ungarischen ca. 30%, bei den Deutschen vielleicht noch 10% gab - immer einen Bedarf an neuem Rohr hatten, mussten sie doch alle 3 Jahre ausgebessert und alle 10 - 15 Jahre neu eingedeckt werden. Was bei uns ein Verlegenheitsberuf war, ist in derselben Weise z.B. in westdeutschen Küstenstrichen ein höchst bezahlter Liebhaberberuf geworden, dem manche Millionäre ihre urwüchsige, reetgedeckte Dünenvilla verdanken.

4 BAUBERUFE
Maurer, Schornsteinbauer, Ofenbauer, Betonbauer, Pflasterer, Dachdecker, Stuckateur und Gipser, Teerwerker und Asphaltierer, Brunnenbohrer und Brunnenmacher, Kanalbauer, Gleiswerker, Plattenleger, Maler, Tapezierer, Lackierer, Parkettleger

4.1 Maurer
Aus den Fachwerkgebieten des Südwestens in den holzarmen Südosten zugezogen, mussten sich unsere Maurer sicher gehörig umstellen. Holz gab es wenig und Lehm viel, also machten sie aus der Not eine Tugend. Dazu musste einiges neu hinzugelernt werden. Der festzähe Lehm der neuen Heimat war in getrocknetem Zustand dermaßen wasserabstoßend, dass er sich als Baumaterial für Außenwände geradezu anbot. So wie die bei der Zusiedelung bereits vorhandenen sogen. Siedlerhäuser gebaut waren und wie die bereits ansässigen Slawen und Ungarn den Lehm in ihren Flechtwerkmauern verwendeten, wollten ihn unsere Handwerker nicht haben. Bereits in der zweiten Generation unserer Lehmhäuser war es im Winter beträchtlich wärmer als in denen unserer anderssprachigen Nachbarn, die nicht nur aus religiösen Gründen um die Weihnachtszeit ihren Wohnzimmerfußboden mit einer geschlossenen Strohschicht bedeckten (um an den Stall des Christkindes zu erinnern). Die Wärme unserer Lehmhäuser kam zusätzlich von der Erhöhung der Fußböden auf 2 bis 5 Stufen und aus der Auffüllung des Fußbodenunterbaues sowie der Abdeckung des Fußbodens mit Dielen/Brettern. Auch die dicken mehrschaligen Deckenwickel erhöhten die Wärmedämmung beträchtlich. Neben der Errichtung jeglicher Gebäude-, Haus-, Stall- und Schuppenarten verstanden unsere Maurer auch vorzüglich das Putzhandwerk, das schon immer als Grundmaterial Gips und Kalk benutzte. Ebenso gingen sie beim weiteren Fertigbauen den Zimmerleuten, Dachdeckern und Bautischlern fachgerecht zur Hand. Als Maurerhilfsberufe galten früher der (Lehm-) Stampfer, (Sparren-) Wickler, Schmierer, Handlanger. Das Handwerkszeug war auch später noch, als der gebrannte Ziegelstein und der Zementmörtel den Hausbau unserer Leute beherrschte, das gleiche: Lot, Wasserwaage, Kelle, Maurerhammer und Malterbütt.

4.2 Schornsteinbauer
Dieser Beruf wurde als Personalunion mit Maurer im Zuge der Industrialisierung geboren, als überhohe Schornsteine zur Feuerung von Ziegeleien und Dampffabriken benötigt wurden. Es war deshalb notwendig, diesen Beruf aus dem Maurerberuf weiterzuentwickeln, weil hier nicht irgendein Kamin mit Feuerstelle errichtet werden konnte, sondern umfangreiche spezialberufliche Berechnungen und Kenntnisse erforderlich waren, die Errichtung von Beruhigungszwischenkammern, Staubkammern, Rauchkanalanlagen und nicht zuletzt Spezialöfen, die dem jeweiligen Zweck angepasst wurden. Was die ehemaligen Schornsteinbauer begannen, entwickelte sich nachher zu einem ganzen eigenständigen Industrieofenbau.

4.3 Ofenbauer
Personalunion mit Maurer. Bis zur Einführung unserer revolutionären Sparherde (ungarisch: sparherd, slawisch: sporet) kannte Pannonien nur offene Kamine und geschlossene Lehmöfen, Batzöfen, welche beide in der Küche ihre Feuerungsstelle bzw. den Zugang dazu hatten. Unsere Ofensetzer verbanden die Erkenntnisse des Sparherdes mit den Erfordernissen des Siedlungsgebietes - und es entstanden die gemütlichen, gekachelten Wohnzimmeröfen. Ferner gehörte zu ihrem Handwerk das Errichten von größeren Koch-, Back- und Spezialherden für Bäckereien, Zuckerbäckereien, Großküchen usw.. Der Umgang mit Kacheln und Brandsteinen, die präzise Verarbeitung und Auskleidung mit Schamott gehörte zu ihren Hauptmerkmalen.

Der Vollständigkeit halber sei die vor uns, aber auch von unseren Handwerkern, übliche Errichtung der bewährten Batzöfen, Lehmöfen, skizziert: Auf einem Sockel aus Lehmziegeln (ungebrannt), ca. 50 cm hoch, wurde ein leichtes, aber dichtes Gerippe aus Sonnenblumen-Stängeln, Schilfrohr oder Weidenruten in der gewünschten Ofengröße aufgebaut. Darauf kam von außen eine ca. 10 cm dicke Knetmasse aus Lehm-Spreu-Gemisch. Geglättet und poliert erhielt der Ofen auf der Außenseite das gewünschte Aussehen. Nachdem das innere Gerippe ausgebrannt war, wurden auch da die Unebenheiten ausgeglichen. Der Boden war entweder aus reinem Lehm oder aus Ziegeln. Vor Inbetriebnahme musste der Lehmofen einen längeren langsamen Trocknungsprozess durchmachen, indem er mit kleiner Dauerhitze beheizt wurde. Die größeren Bäckerei- und Industrieöfen wurden allseits mit ungebrannten Lehmziegeln (später mit gebrannten) gemauert und mit gewölbten Sturzdecken aus gleichem Material versehen.

4.4 Betonbauer
Der Name dieses Berufes ist aus der Vorkriegszeit nicht bekannt, doch können wir durch eigenen Augenschein seine Existenz bezeugen. Hauptsächlich im Reich und auf reichsdeutschen Schulen erlernten unsere Maurer die große Kunst des Betonformens. Als Bauingenieure kehrten sie vielfach aus der Fremde zurück, bauten Brücken und Fabriken, als ob sie bei der Erfindung dieses revolutionären Baustoffes dabei gewesen wären. Nicht von ungefähr mussten deutsche Kriegsgefangene die im Kriege gesprengten Donaubrücken in eigener Regie, d. h. unter Mithilfe kriegsgefangener Architekten, Statiker und Ingenieuren, wieder aufbauen: Sie blieben dabei am Leben und die ‚Befreier’ konnten einiges lernen. Zu den wichtigsten Arbeiten des Betonbauers gehört das Verlegen der Eisenarmierung, Mischen von Betonarten, Herstellung der Schalung, Gerüstbau, Umgang mit Werkzeugen, Kränen und Maschinen. Allgemein gehört noch in diesen Arbeitsbereich der Betonstraßenbauer sowie jener des Hochbaues.

4.5 Pflasterer
Kopfstein-, Gehweg- und Hofpflaster zu verlegen, war für unsere "Laienpflasterer" kein Buch mit sieben Siegeln. Hauptsächlich in bergigen Gegenden gebrochene Steine kamen in die Ebenen der Batschka schon fertig geformt und wurden hier zu Einfahrten aber auch im Straßenbau verwendet. Unsere Gehwege wurden mit gebranntem Ziegelstein gepflastert. Das Luxuspflaster der Großbauern, bestehend aus Mosaik-, Bord- und Werksteinen, mussten die hauptberuflichen Pflasterer verlegen. Diese waren hauptsächlich auf Auftragswanderschaft bei Gutsbesitzern und Geschäftsleuten zu finden. Die ältesten gepflasterten Straßen stammen von römischen Legionären, die, nach Anton Tafferner, auch Ungarn (die Batschka ausgenommen) durchzogen und heute, rund 2000 Jahre alt, noch immer befahr- und begehbar sind. Bei Ausgrabungen in Süddeutschland, zum Beispiel, und in den Alpenländern stieß man sogar noch auf ältere Überwege. Bevor die Alpenpässe betoniert und asphaltiert wurden, hatten sie nur Schutt- und Pflasterbeläge. Unsere Pflasterer im Südosten hatten die wichtigsten Landesstraßen zwischen den größeren Städten ebenfalls schon vor 200 Jahren mit strapazierfähigen Steinwürfeln versehen. Da sich die sparsamen oder auch ärmeren Dörfer aus Gemeindemitteln keine Pflasterstraßen leisten konnten, beherrschte hier der berühmte Staub oder Schlamm das Straßenbild. Freilich waren es zum Teil recht auffällige Gegensätze, wenn reich verzierte oder mit Marmorplatten versehene Hausfassaden mit einem teueren Pflasterwegstreifen davor an einer unbefestigten Straße standen.

4.6 Dachdecker
Er beherrschte alle Abdeckarten mit Ziegeln, Rohr, Schiefern, Schindeln, Stroh und Betonplatten, obwohl bei unseren Satteldächern in der Hauptsache nur zwei Arten, nämlich Rohr- und Ziegeldächer in Frage kamen. Unsere Kirchen wurden mit Schieferplatten und Biberschwanzziegeln sowie mit Kupferblech gedeckt, wobei sich der Dachdecker auch als künstlerischer Dachgestalter bewähren konnte. Es gab so gut wie alle denkbaren Dachformen: Pult-, Sattel-, Walm-, Mansarde-, Turm-, Kuppel- und Zwiebeldächer. Zur Ausbildung der Giebel, Firste, Grade und Kehlen wollte auch das Maurerhandwerk beherrscht sein. Der Beruf galt daheim als Wanderberuf. Ein Dachdecker konnte jahraus, jahrein unterwegs von Ort zu Ort sein oder bei reger Bautätigkeit das ganze Jahr über von nahen Baustellen nach Hause pendeln.

4.7 Gipser und Stuckateur
Die einfachen Putzarbeiten an Wänden und Decken von ländlichen Wohnhäusern beherrschte jeder gelernte Maurer. Sobald aber anspruchsvollere Stuck- und Trapezarbeiten (Gips mit Drahteinlagen) an Herrschaftshäusern und Kirchenbauten erforderlich waren, musste ein gelernter Gipser her. Unsere Lehmwände wurden meist mit gelöschtem Weißkalk verputzt. Moderne gemauerte Häuser hatten aber schon die bekannten Kellen-, Kratz-, Spritz-, Rau- und Kiesverputze. Sie alle musste der Gipser, neben den vielen inneren Gestaltungsarbeiten mit Schablonen und Leimformen, beherrschen.

4.8 Teerwerker und Asphaltierer
Ein Beruf der Zwischenkriegszeit, der hauptsächlich in den wenigen Großstädten mit geschlossener Straßendecke und unterirdischer Abwässerung ausgeübt wurde. Die Kenntnisse dieses Handwerkers waren im wahrsten Sinne vielschichtig, d. h. er beherrschte das Mischen und Aufbringen der vielen Schichten von Straßenbelägen, welche heißeste Sommer- und kälteste Wintertage aushielten (natürlich mit den damals noch üblichen großen Sommer- und Winterschäden). Ein Straßenbauspezialist verstand sich auch auf die Einbringung und Abdichtung von Abwasserrohren und Kanälen sowie unterirdischen Bauten aller Art, die für Fabrikation und zu Lagerzwecken benötigt wurden.


4.9 Brunnenbohrer und Brunnenmacher
Auf diesem Gebiet konnten unsere Handwerker von den einheimischen Ungarn manches lernen: die praktischen Ziehbrunnen - Wahrzeichen der Pussta - konnten sich auch in allen unseren Batschkaer Dörfern großer Beliebtheit erfreuen. Gemeinschaftstränken auf der Weide oder einem Aussiedlerhof / Salasch / Tanya verfügten über einen Ziehbrunnen. Die Gehöfte in den Ortschaften hatten einen Radbrunnen, der ebenfalls bereits vor uns - vielleicht durch die Türken - im Südosten heimisch geworden war. Danach jedoch kamen die deutschen Bohrfachleute und schufen den Artesibrunnen auf dem Dorfplatz und machten damit eindeutig das Rennen in der Wasserversorgung. Der Tiefbrunnen war für Privatverhältnisse jedoch zu teuer. Wer auf das gesündere Wasser eines gebohrten und geschlossenen Brunnens nicht verzichten wollte, ließ ein Rohr wenigstens bis auf den Grundwasserspiegel - auf 5 bis 10 Meter - in die Erde treiben und oben eine gusseiserne oder geschweißte Stahlzylinderpumpe anbringen, die zu Frostzeiten besonderer Wartung durch nächtliches Entleeren und dauerndes Umwickeln mit schützenden Strohwickeln und Tüchern erforderte.

4.10 Kanalbauer
Der allererste und zudem bekannteste unter unseren Kanalbauern war kein geringerer als Johann Eimann, der schreibende Ingenieur aus der Pfalz, welcher am ersten großen Entwässerungskanal, dem Franzenskanal der Batschka, an maßgebender Stelle beschäftigt war. Was er, und viele nach ihm, durch die Anlage von größeren und kleineren Entwässerungsgräben bezweckten, das erreichten in modernerer Zeit die Erbauer von Pumpanlagen mit Beton- und Stahlröhren. Ein Entwässerungsgraben nahm viel Boden in Anspruch, das unterirdische Rohr dann nicht mehr. Der alten wie der neuen Entwässerungsart kamen und kommen in den Niederungen aller unserer Flüsse große Bedeutung zu.

4.11 Gleiswerker
Ein über den Bahnbetrieb hinausgehender Beruf, der für den Untergrund verschiedenster Schienenwege verantwortlich war und ist. Lange bevor Bahnhöfe, Stellwerke, Wärterhäuser gebaut wurden, kamen die Gleiswerker, bauten, planierten Dämme, worauf Schotter und Schwellen samt dem Schienenstrang in mühseliger Handarbeit verlegt wurden. Heute geht so etwas viel schneller und reibungsloser: Planierraupen und Steinfräsen haben die Gleiswerker alten Schlages ersetzt, selbstbauende Schienenzüge verlegen vor sich her vormontierte Schienen. Waren es früher nur 10- 20 Meter, die eine Baukolonne täglich ebnete und auffüllte, so sind es heute hundertfach mehr fertiggeschotterten Untergrundes pro Tag. Aber das Grundwissen im Betten, Erneuern und Unterhalten von Gleisen ist hier wie dort das gleiche.

4.12 Plattenleger
Dieses Handwerk hatte hauptsächlich in den zwei letzten Jahrzehnten vor dem Krieg bei den reicheren Kreisen einen "goldenen Boden". Was wurde da nicht alles "geplättelt": Hauseingänge, überdachte Gänge, Vorratskammern und Haustierställe. Dort wo noch keine Baderäume installiert waren, weil keine Fließwasserversorgung vorhanden war, wurden die Ställe der Schweine und Rinder bereits mit keramischen Boden- und Wandplatten belegt. Die Stalltechnik schien der Lebenstechnik und Hygiene voraus zu sein. Das galt für Privathaushalte wie für Lebensmittelbetriebe, Bäckereien, Fleischereien, wo zwar noch kein fließendes Wasser, dafür aber höchst moderne Lebensmittelfertigungsräume bestanden. Eher wurde beim Gesellenlohn als bei der Ausstattung gegeizt. Die Arbeit des Plattenlegers bestand aus Zusammensetzen und Zubereiten des Mörtels, Sortieren, Ausfärben, Wässern, Ansetzen und Verlegen von Platten, Kacheln, Mosaiken, Verfugen in verschiedenen Farben, Aufbringen von Ausgleichsbeton bei Übergängen und ähnlichem mehr.

4.13 Maler
Vielerlei Spezialzweige dieses Berufes, vom Dekorationsmaler, Kirchenmaler, Bühnenmaler bis hin zum weitverbreiteten Anstreicher und Schablonenmaler, mussten die gleichen Grundkenntnisse über Farben, Spachtelmasse, Verputz und Stuck besitzen. Wenn unsere ländlichen Haushalte in schwachen Erntejahren einen gelernten Maler noch nicht bestellen konnten, ein neuer Farbanstrich aber längst fällig war, wurde ein angelernter Aushilfsmaler – auch weiblich - aus der Verwandtschaft mit der Malerei (ungarisch pingálás) betraut. Wir erinnern uns noch gut der Arten, wie unsere schmucken gemusterten Wohnzimmeranstriche entstanden: Zuerst kam ein Grundanstrich aus Leim, Kalk und Farbe, danach der gleiche in dickerer Zusammensetzung. Anderntags, sobald die Grundierung getrocknet war, wurden zwei bis vier Musterschablonen hintereinander mit verschiedenen zueinander harmonisierenden Farbtönen auf die Wandfläche aufgetragen, bzw. gewalzt. Sparsam und doch der Tapete täuschend ähnlich waren solche Malerarbeiten.

4.14 Tapezierer
Im allgemeinen ein in Personalunion des Polsterer ausgeübter Beruf, im besonderen ein ausgesprochener Luxusberuf in unserer Gegend. Nur Städter, Fabrikanten und hochbezahlte Intelligenzler konnten sich echte, d. h. aus westlichen Ländern importierte Tapeten leisten: Das erste tapezierte Zimmer hatte ich Gelegenheit, in den Vierzigerjahren, in einem Hotel in Subotica zu bewundern. Es fühlte sich nicht schlecht an, so eine Seidentapete, kam mir aber irgendwie geheimnisvoll und überflüssig vor: Die Leute mussten etwas dahinter zu verbergen haben, dachte ich und hatte nicht im Traume den Wunsch, daheim die Wände mit so etwas behängt zu sehen. Unsere Tapezierer gehörten nicht mehr jener alten Schule an, die noch selbst Tapeten herzustellen verstand. Sie konnten sich bereits maschinenbedruckter, wenn auch noch sehr teuerer Ware aus dem westlichen Europa bedienen.

4.15 Lackierer
Alle heutigen Hochglanzfurniere und Fertigpolituren gab es vor 70 Jahren noch nicht. Es war schon Neuerung genug, dass überhaupt das Rohfurnier die massive Möbelbauweise bei unseren konservativen Auffassungen verdrängen konnte. Noch vor 60 Jahren wurden Möbel für mehrere Generationen gebaut; darüber haben nun nostalgische Plüsch- und Plumpsammler ihre helle Freude. Sobald das Furnier in den 30iger Jahren bei uns die größeren Werkstätten erobert hatte - die kleineren Tischlerwerkstätten blieben bei den massiven Sonderaufträgen - kam auch der Beruf des Holzpoliers und Lackierers auf. Was heute mit nur drei Anstrichen und ohne Glätten und Schleifen erreicht wird, musste damals in mühevoller Handschleif-, Beiz- und Polierarbeit getan werden. Viel Lehrgeld und lange Erfahrung waren notwendig, um einer großen Sichtfläche den gleichmäßigen Glanzschliff zu geben. Die Reihenfolge solcher Polituren bestand aus: Auftragen von Einlassgrund, Grundieren, Kitten, Spachteln, Auftragen der Kontrollfarbe, Spachtel-, Füller- und Lackschleifen, Auftragen des Lackes bzw. Farbemails und Auftragen verschiedenen Oberflächenschutzes. Die Kunst- und Kirchenlackierer verstanden sich auch im Belegen von Flächen und Profilen mit Gold- und Silber-Plättchen. Überhaupt spielte bis zuletzt die Renovierung sakraler und traditioneller Bauten eine große Rolle bei unserem Völklein.

4.16 Parkettleger
Die Reichen aller Nationen in Ost und West konnten sich schon immer raffiniertere Ausstattungen ihrer Behausungen leisten. So war es auch bei uns nur wenigen vorbehalten, das in teurer Auftragsfertigung hergestellte und ausgesuchte Parkettholz - das schon immer aus Harthölzern geschnitten und maßgehobelt wurde - als begehbares Fußbodenholz zu verwenden. Aufgemerkt! Begehbar hieß bei uns, mit schmutzigen Stiefeln oder Galoschen (Gummiüberschuhe) darauf zu treten, denn unsere Häuser kannten nur selten den sogenannten Vorraum zur Küche oder zum Wohnzimmer oder den westlichen Windfang, wo im Winter das Schuhwerk hätte abgestellt werden können. Da schrubbten unsere Frauen lieber einmal mehr unsere Fichtenböden und legten das viele Geld, das ein Parkett schon immer gekostet hat, auf die hohe Kante. Die wenigen Parkettleger aber waren Meister - auch der Mosaikverlegung. Fachlich gesprochen beherrschten sie so kompliziert klingende Bearbeitungen wie Falzen, Nuten, Kehlen, Kröpfen, Federn, Leimen, Abputzen der Parketthölzer, aber auch das Schleifen, Beizen, Wachsen, Bohnern, d. h. die Versiegelung der fertigen Böden.

5 HOLZBERUFE
Sägewerker, Haussäger, Zimmermann, Wagner, Glaser, Bautischler, Möbeltischler, Modelltischler, Klumpenmacher, Böttcher und Binder, Drechsler, Muldenhauer, Holzinstrumentenmacher, Karosseriebauer, Bildrahmer, Holzformer, Pfeifenmacher, Spielzeugmacher, Knopfmacher, Bürsten- und Pinselmacher, Schirm- und Stockmacher, Korbmacher, Holzfäller.

5.1 Sägewerker
Die Sägewerke in der Baranja und Schwäbischen Türkei wurden bis zur Einführung der Dampfmaschine (ca. 850- 80) mit gestauter Wasserkraft betrieben. Zu meiner Kinderzeit in der Batschka konnte ich allerdings eine wasserstrombetriebene Sägewerke in Betrieb sehen; lediglich solche, die, in unmittelbarer Donaunähe, den Fluss zum Antransport der Baumstämme nutzten, sonst aber mit elektrischen Gattersägen arbeiteten. Erstaunlich ist mir bis heute die Tatsache, dass der größten Energievorräte unserer Gegend - in Donau und Theiß - nicht viel mehr industriell genutzt wurden, bzw. werden; Wasserwerke mit viel weniger potentieller Energie als diese Flüsse, die sie auf der ganzen pannonischen Länge bieten, arbeiten noch durchaus rentabel. (Die Nutzung der Donau beim Einlauf nach Ungarn in einem Wasserkraftwerk, seit d.J. 2000, ist kein gutes Beispiel, da der Fluss durch Ableitung ins Hoheitsgebiet eines anderen Staates sozusagen vergewaltigt wird).

Der Beruf des Sägewerkers ist schon immer ein ausgesprochener Maschinenberuf gewesen. In Zeiten der stationären Transmission war seine Aufgabe, alle Bearbeitungsfolgen von der Sortierung, Einteilung, Zurichtung des Stammholzes bis zur werkstattgerechten Fertigstellung der Bretter, Latten, Dielen, Verschnitthölzer und Hobelmaterialien, Richten, Schränken, Schärfen der Sägen, Schleifen der Hobelmesser usw. zu erledigen. Sein Hauptaugenmerk galt der Vermeidung des Seiten-Längenverschnittes durch sinnvolle Aufteilung der Gatter (mehrfache Parallel-Sägeblätter).

5.2 Haussäger
Die fahrbaren Kreissägen, die heute in ganz Ungarn von Haus zu Haus ihre Sägedienste anbieten oder aber die Hobbysäger mit Elektrosägen, die mit Vorliebe die nachmittägliche Ruhezeit der Nachbarn stören, gab es zu unserer Zeit noch nicht. Trotzdem gab es aber schon den saisonbedingten Beruf des Haussägers. Sein Arbeitseinsatz mit der Handsäge erfolgte überall dort, wo keine männliche Arbeitskraft vorhanden war oder wo man ihn sich leisten konnte. Tage- und Akkordlohn und warmes Essen waren die Grundlagen seines sonst kärglichen Lebens.

5.3 Zimmermann
Hauptsächlich im altdeutschen Fachwerkbau des 15. bis 18. Jahrhunderts vervollkomnete sich dieser Berufszweig. Es grenzt fast an Zauberei, welche Größenordnungen von Belastung eine fachgerecht eingesetzte Latte tragen kann. Nicht das moderne Steinhaus ist das erdbebensichere, sondern das gute, alte Fachwerkhaus. Die weiteren Hausarbeiten wie Einziehen von Decken, Zwischenwänden und Fußböden sind nur selbstverständliche Nebenarbeiten für einen Fachwerkzimmermann gewesen. In der pannonischen Heimat hatte der Zimmermann, der aus dem Fachwerkbau zusiedelte, außer an den Dächern, kein großes Tätigkeitsfeld. Er musste sich auf Fabrik-, Hallenbau, Stallungen und Vorratssilos beschränken. Fachmännische Holzwahl, Zurichten, Sägen, Stämmen, Hobeln, Nageln und Schrauben (früher Klemmen und Keilen) gehörten zu seiner Handarbeit. Auch die zuletzt betonierten Straßenbrücken wären ohne die hohe Schalkunst der Zimmerleute undenkbar.

5.4 Wagner
Unser Meister des Holzes war zugleich der Meister des Rades - Symbolfigur für Fortschritt, Wandel und Vergänglichkeit. Die Erklärung der Rückständigkeit mancher menschlicher Urwaldstämme liegt in der Missachtung der wichtigsten menschlichen Erfindung, des Rades. Ohne das Rad gibt es keinen Fortschritt. Die Wagnermeister hatten dem Fortschritt eine denkbar praktische Form gegeben: Dem Rad fügten sie die Achse, dieser die Deichsel und vier Leitern hinzu - und fertig war der vielbewährte Leiterwagen, der wichtigste Gebrauchsgegenstand aller – auch unserer - fleißigen Bauern. Da der Bedarf groß war, hatten die Wagnerbetriebe viel zu tun. Es gab nicht einen Ort, wo sie .nicht gleich in jeder Straße einmal vorkamen. Mistkarren und Paradekutschen konnten sie in gleicher Weise maß- und bildgerecht gestalten, ohne dass sie große Planbücher oder Entwürfe einsehen mussten. Das was ein hochnäsiger Städter vielleicht als stumpfsinnige Gleichheit unserer Leiterwagen bezeichnen könnte, war gerade ihr Stolz: eine bewährte Sache immer wieder von neuem genauso gut und dauerhaft machen zu können.

5.5 Glaser
Da hier überwiegend das Einrahmen und weniger die Glasherstellung behandelt werden soll, sei unser Glaswerker bei den Holzberufen untergebracht. Unsere Glasindustrie kam mit den Siedlern aus Thüringen und dem Bayerischen Wald, woher auch die Batschkaer ersten Hausierglaser ihre Platten zur Instandsetzung oder für Neubauten bezogen, um nach und nach auf heimische Gläser der im Banat und der Schwäbischen Türkei gegründeten Glashütten umzusteigen. In der Siedlerzeit noch mit einer Schultertrage voll verschiedener Glasscheiben von Haus zu Haus gehend, reparierte und verschönerte der Fenstermacher unsere kleinen Fenster. Später machte er uns größere, gesündere, indem er seine Werkstatt nach den im Ausland, auf der Walz, gesehenen Vorbildern in Ungarn ausbaute. Vergleichen wir die Fensterfronten der Siedlerhäuser mit denen, die unsere Menschen nach der Aussiedelung in der neuen Heimat antrafen, so müssen wir verblüfft feststellen, dass wir gar nicht so rückschrittlich waren, eher im Gegenteil: In Süddeutschland hatten wir vielerorts noch die uralte gewölbte Bleiverglasung mit dem lästig spiegelnden Hohlglas, während wir in der Batschka weitgehend schon moderne Kittfenster sogar in den Lehmmauern bekamen. Auch Gewächshäuser und ganze Glasdächer brachten unsere Glaser fertig, denen alle Grundarbeiten moderner Glasverarbeitung bekannt waren: Glasschneiden, Kantenbrechen, Säumen, Schleifen, Kitten, Pausen und Schablonieren - um nur die wichtigsten zu nennen.

5.6 Bautischler
Bei uns gehörte zu seinem Arbeitsgebiet die Herstellung und der Einbau von Fenstern und Türen, der Bau von Schränken und Regalen und jenen Treppen, die nicht vom Zimmermann gemacht wurden, sowie die Ausstattungen und Verkleidungen von Geschäften. Die Fähigkeiten im Umgang mit dem für unsere nicht gerade holzreiche Gegend wertvollen Baustoff mussten sehr vielseitig sein, denn wir kannten noch keine Großserien, bei denen heute viele solcher Spezialisten gefragt sind. Laut fachmännischen Quellen musste ein Bauschreiner folgende Arbeiten - und die Werkzeuge dazu - beherrschen: Messen, Aufreißen, Anreißen, Sägen, Hobeln, Fugen, Stemmen, Platten, Schlitzen, Zapfen, Falzen, Raspeln, Feilen, Leimen, Bohren, Dübeln, Drahten, Schrauben, Nageln, Putzen, Abziehen und Schleifen. Auch in Ölen und Beizen musste er zumindest bewandert sein. Entsprechend reich war seine Werkzeugauswahl.

5.7 Möbeltischler
Unsere künstlerisch-barocken Betten, Schränke, Truhen, Tische und Sitzmöbel hätten heute sicher große Liebhaberwerte. Sie waren zweckentsprechend, praktisch, schön und aus ausgesuchtem Holz vom ausgewählten Meister in Handarbeit hergestellt. War ein junges Paar verlobt, bestellte der Brautvater die Betten oder zumindest ein Bett, das für damalige Einkommensverhältnisse teuer war. Reichere Bräute brachten gleich die ganze Schlafzimmereinrichtung mit in den neuen Haushalt, der in einem Raum unterkam. Mehr Platz stellte unsere traditionell in drei Generationen zusammenlebende Großfamilie dem jungvermählten Paar nicht zur Verfügung. Erst wenn der Generationswechsel durch Antritt des elterlichen Betriebes abgewickelt war - inzwischen hatte die junge Familie meistens eigenen Nachwuchs - vertauschte man die Wohnrollen, indem die Eltern ins Altenteil des Nebengebäudes umzogen. Der Möbeltischler musste all dem und einigem anderen Rechnung tragen. Im übrigen nahmen ihm die modisch selbstbewussten Kunden manche Sorge ab. Seine Fertigkeiten waren denen eines Bautischlers ähnlich, nur daß er um einiges mehr die Beiz- und Lackiertechnik beherrschte.

5.8 Modelltischler - Spezialtischler
Zum Beispiel wurden Einrichtungen wie Kegelbahnen, Holzmaschinen (für Ernte und Reinigung des Korns usw.) sowie Industrieausstattungen von den Modelltischlern, oder wie sie heutzutage auch genannt werden, Spezialtischlern, hergestellt. Industrie- und Modelltischler hatten auch bei uns vieles gemeinsam: das Hartholz. Verzugsfestigkeit, Formgenauigkeit, robuste, strapazierfähige Ausführung wurde von ihren Produkten verlangt. Heute hat vielfach das Styropormodell die komplizierten Verbundmodelle der damaligen Tischler abgelöst. Das Modell einer Bajaer Schiffsschraube z. B., die aus heimatlichem Kupolguss gegossen wurde, war eines der höchsten Spitzenwerke unserer Modellbauer.

5.9 Klumpenmacher
Die Klumpen- oder Holzschuhherstellung wurde aus der Urheimat (Bitsch in Lothringen) mitgebracht und vielfach nur nebenberuflich oder auch in genossenschaftlicher Zusammenarbeit ausgeübt. Die Klumpen aus astfreiem, weichem Pappelholz waren von unseren Lößstraßen nicht wegzudenken. Jede Familie hatte pro Mitglied mindestens 2 Paar dieses leichten, warmen Oberschuhwerks. Da die Strapazen oft die Festigkeit des dünnwandigen Holzschuhes übertrafen, hatte der Klumpenmacher von Herbst bis Frühling Hochbetrieb. Er konnte auch getrost ein ganzes Holzschuhlager verschiedener Größen auf die kältere Jahreszeit hin vorarbeiten und lagern. Als Werkzeuge dieses schreinerverwandten Handwerks kannte man: Säge, Beil, Zugmesser, Schnitzmesser, Hohlmeißel und Hohlbohrer sowie die allseits bekannte und in manchen bäuerlichen Haushalten vorhandene Schnitzbank.

5.10 Böttcher und Binder
Dieser mit dem Küfer verwandte Beruf umfasste eine Vielzahl von Gefäßen. Bottichen, Zuber, Wannen, Kübel, Eimer, Becher und anderes mehr. Der Vertreter dieses sehr alten Berufsstandes war zuständig für eben alle Holzgefäße, an welchen unsere vorwiegend ländliche Bevölkerung großen Bedarf hatte: bei Weinlese, Pökeln, Ansetzen von Sauerkraut und Gurken, Futter- und Getränkeaufbewahrung etc. Die Bezeichnung Tonnage in der Schifffahrt ist aus der uralten Ladungsart vieler gleicher und runder Holztonnen - dem einträglichsten Massenerzeugnis der Böttcher und Fassbinder - entstanden, was zur Genüge die maßgebliche Rolle des Böttchers in früheren Jahrhunderten hervorhebt. Aufbereiten und Schneiden der Hölzer, Bearbeiten der Dauben für gerade und gewölbte Gefäße, sowie das Ausgerben und Streichen von Kimme und Nute (Gargel), Einsetzen der Böden, Abrichten, Fugen und Dübeln derselben, Rundschneiden und Einbinden des Bodens und alle ähnlichen Reparaturarbeiten gehörten zu dem anspruchsvollen Fachwissen auch unserer Böttcher.

5.11 Drechsler
Dieses gerade zur Siedlerzeit in der Hochblüte stehende Handwerk machten unsere Ahnen schnell in der neuen Umgebung heimisch. Nebst kunstvollen Hausmöbeln aus Holz verstanden die Meister dieses Faches auf ihren fußbetriebenen Drechselbänken auch Horn, Elfenbein und Bernstein zu Sekretären, Kommoden und Einfassungen zu formen. In früheren Jahrhunderten ausgesprochene Hof- und Adelslieferanten, wandelten sich die ehemaligen Drechsler zu den heutigen Herstellern von Massenartikeln auf dem Modell- und Spielzeugsektor. Daheim hatte jedes Dorf seine zwei bis drei Drechsler, die auf Bestellung Neuteile und Reparaturen durchführten. Die Namen der häufigsten Arbeitsgänge: Lang- und Plandrechseln, An- und Abstechen, Bohren, Formdrechseln und Gewindestrählen.

5.12 Muldenhauer
Hauptsächlich in unseren Flussniederungen gedieh das durch großen Bedarf in der Landwirtschaft geförderte Herstellen von runden und ovalen Weichholzgefäßen. In diesem Beruf hatten andere Nachbarnationalitäten – auffallender Weise auch Zigeuner – ihre zahlreichen Meister und geschickten Händler, weil sich die Produkte auf den Märkten der Tiefebene gut verkauften, die Schwaben aber als Marktverkäufer nicht die geeignetsten waren. Die größten Muldenformen für Schlachtzwecke, ebenso wie kleinste Handformen für Kornfütterung fanden auf den Märkten schnell ihre Käufer. Aus altem Pappel- und Weidenholz gehauen und im Schatten getrocknet waren die Mulden leichte und praktische Gefäße, die erst in den verzinkten Blechwannen echte Konkurrenz bekamen. Hatte ein Muldenhauer größere Stückzahlen in Auftrag herzustellen, dann stellte er gerne vorübergehend Akkordlöhner für die gröberen Vorbereitungsarbeiten - des Sägens und Rohbehauens mit Äxten und Hohlbeilen - an.

5.13 Holzinstrumentenmacher
Zur zentralen Erfassung aller unserer Instrumentenmacher können wir auf tiefschürfende Untersuchungen und Forschungen unseres Landsmannes Robert Rohr, München, zurückgreifen. Ergänzend dazu ein Bruchteil aus eigenen Erfahrungen. Bei unserer Umsiedlung in die Bundesrepublik befand sich in meinem Reisegepäck ein Holzinstrument, das mir als Geschenk ans Herz gewachsen war und welches ich mir als Erinnerungsstück mit auf die große Reise nahm. Spielen konnte ich es nur so weit, wie man das als wenig ausdauernder und keineswegs dazu berufener Gitarrenspieler kann: man zupft so, mit etwas Gehör und langen Fingernägeln, einzelne Melodien aus den 6 Saiten. Das Instrument, das sich gegen diese Spielart nicht gut wehren konnte, vielmehr noch wohlklingende Töne von sich gab, führt uns zu seinem Hersteller, dem Franz Schneider, königlicher Hoflieferant zu Agram/Zagreb. Bei dem Fabrikwappen handelt es sich um die Stephanskrone des ungarischen Königshauses. Aus dem Zusatz zur Firmenerläuterung geht ferner hervor, dass die Firma des Franz Schneider auch andere Arten von Holzinstrumenten und Zubehör fertigte. Dabei kommen wahrscheinlich die lukrativeren Klaviere, aber auch Geigen und Harfen in Frage, die alle aus den gleichen edlen Hölzern und Furnieren hergestellt werden. Weitere vielgespielte Holzinstrumente in unseren Vorkriegskapellen waren jene mit Mundstück: Flöte, Klarinette, Fagott, Oboe - sie wurden auch von Holzinstrumentenmachern aus Drechselholz - sicher auch von manchem geschickten Batschkaer Meister - hergestellt. Die große Präzision, mit der alle diese Instrumente verarbeitet waren, zeugt von langer Tradition und gewissenhafter Wertarbeit. Heute wird so etwas in Großakkord von der numerisch gesteuerten Fertigungsmaschine erledigt, was früher nur eine echte Liebe zum Beruf und großes musikalisches Gehör hervorbrachten.

5.14 Karosseriebauer
Was der Wagner und der Radmacher auf dem Lande, war der Karosseriemacher in den städtischen Betrieben: Er stellte die Holzkonstruktionen der Schienenfahrzeuge bzw. Straßendroschken her. Schmückendes Zierrat und stabile Tragteile der ersten Autos bestanden ebenfalls aus Hartholz. Es wurden auch Achsen und Lenksäulen der Gefährte, Räder und Speichen wegen Fehlens veredelter Metalle aus Eiche, Esche und edlen Importhölzern hergestellt. Heute, da leichtes veredeltes Metall die hervorragende Eigenschaft gewachsener Zähigkeit in jeder Hinsicht übertrifft, hat das Handwerk des Karosseriebauers keine hölzerne, sondern vielmehr eine leichtmetallene oder polymere Grundlage.

5.15 Bildrahmer
Viele unserer Kunstdrucke in den Schlafzimmern stellten keine besonderen künstlerischen Werke dar. Lediglich was sie umrahmte, waren oft meisterliche Originale der Schnitz und Rahmkunst. Unsere Bildrahmer waren gelernte Schreiner, die sich zu Holzvergoldern weiterentwickelt hatten. Zusammen mit den - nachfolgend extra genannten - Holzformern sorgten sie dafür, dass unsere religiösen und romantischen Motive das würdige festliche Gewand bekamen. Goldbronze, Blattgold und Farbbeize mussten mit der Form und Art des Materials eine fast übersinnliche Einheit und Ausstrahlung bewirken. Gerade im 18. Jahrhundert, als unsere Ahnen nach dem Donauland aufbrachen, stand das Dekorationsholz vom Rahmen bis zu den Möbeln hoch im Kurs. Und wir hielten an dem preiswerten und schmucken Luxus fest bis zur Vertreibung.

5.16 Holzformer
Viele sogenannte Werke unbekannter Holz-Bildhauer, die heute in Antiquariaten und Auktionen undefinierbare materielle Vorstellungen wecken, stammen von ungelernten Holzformern ehemaliger geschäftstüchtiger Bilderwerkstätten. Die erstaunliche Ähnlichkeit bis ins kleinste Detail mit dem echten Kunstwerk kann nur von stupiden, gedankenlosen Nachahmern einiger weniger echter Meister herrühren. Die einträgliche Holzformerei beschränkte sich aber nicht auf Kopierung von Kunstgegenständen, sie war auch für modische Stilmöbel zuständig oder versorgte die vielen Kriegsinvaliden der früheren Kriege mit Prothesen und Krücken aller Art. Aus diesem Handwerk gingen die heute noch berühmten Holzschnitzer wie Riemenschneider und Veit Stoß hervor - nicht umgekehrt. Die passionierten Massebildhauer mussten im allgemeinen viel vom Zeichnen, Modellieren, Gießen aber auch Sägen, Hobeln und Leimen verstehen, wobei die abschließenden Feinheiten des Beizens, Wachsens, Räucherns, Malens etc. ebenfalls mehr als anlehnungsweise beherrscht sein wollten.

5.17 Pfeifenmacher
Viele von uns können sich noch an die selbstgeschnitzten Kirschholzpfeifen und Zigarettenspitzen erinnern. In dem Gemischtwarenladen um die Ecke hing eine Auswahltafel von Raucherzubehör, und in den untersten Preislagen wurden gerade die einfachen handgeschnitzten Mundstücke und Pfeifenköpfe aus nachbarlicher Produktion angeboten. Da sie für jedermann erschwinglich waren und andererseits nicht jeder Raucher die Zeit und Geschicklichkeit zum Selbstschnitzen hatte, fanden geschäftstüchtige Haupt- oder Nebenberufler hier eine lohnende Einnahmequelle. Anders verhielt es sich mit den Ton- und Meerschaumpfeifen, Horn- und Elfenbeinköpfen und Mundstücken. Sie wurden in Spezialabteilungen der Töpfereien und Drechslereien von gut bezahlten Fachkräften gebrannt und geformt.

5.18 Spielzeugmacher
Was aus Holz und für Zimmermann und Schreiner zum Herstellen zu klein war, machte der Kleintischler: Scheibenräderige Kleinkarren, "Scheibtrugeln", Steckenpferde, Schaukelpferde, Leiterwägelchen, Kleinmöbel und manches andere, das unsere Kinder auf das Erwachsenwerden vorbereitete. In allen Zeiten amten schon die Kinder gerne Erwachsene nach. Unterhaltsame Spielsachen waren jene, die den alltäglichen Gebrauchsgegenständen der Eltern nachgemacht waren. Die neumodischen Spielsachen sollen - werden aber nie - dem heutigen, zappeligen und überforderten Nachwuchs die Fabrikarbeit, die das Kind noch nicht zu sehen kriegt, schmackhaft machen. Unsere Kinderzeit war deshalb viel sorgloser und lebensnaher, weil in uns nicht falsche Hoffnungen geweckt und ungewisse Wege vorgezeichnet wurden. Die Vorbereitung auf Mannes- oder Frauenaufgaben wurde nicht durch pädagogische Experimente beeinflusst. Was wir nach dem Krieg als Männer und Frauen erreichten, haben wir nicht zuletzt unserem realistischen Spielgut zu verdanken.

5.19 Knopfmacher
Ein Kleinfabrikler, der in unseren Städten die typischen Verschlüsse für die robuste, selbstgeschneiderte Kleidung machte. Zwirnumwickeltes Stanzblech, lederumwickelte Holzstäbchen, Hirschhorn- und Steinzeugknöpfe bunt lackiert und gebrannt, sowie Elfenbein, Afrikahorn, Hartholz, Perlmutt und, nicht zuletzt, das bereits bekannte Bakelit wurden mit handbedientem, später mit elektrobetriebenen Werkzeugen wie Sägen, Schnitzmessern, Feilen, Raspeln, Schleifscheiben, Laubsägen, Bohrern, Stanzen und Pressen bearbeitet.

5.20 Bürsten- und Pinselmacher
Borsten hatten wir wahrlich mehr als erwünscht. Und das Bürsten- und Pinselhandwerk hatte von der Rohstoffseite keinen Grund zur Klage, dafür aber von der Abnehmerseite. Wir erinnern uns noch vage, dass unsere Väter ihre Pferdebürsten selbst herstellten, die sie auf dem bäuerlichen Hof benötigten. Dabei bedienten sie sich der gleichen Technik, wie die hauptberuflichen Bürstenmacher: Ein oval ausgesägtes Brett in der Größe einer Männerhand wurde mit möglichst vielen 3mm-Löchern versehen und mit Rosshaarbüscheln bespickt. Auf der einen Seite wurden diese Haare ca. 2 cm lang gleichmäßig abgeschnitten. Das mit einer stumpfen Nadel geführte Bindegarn saß fest in dem Holz und wurde durch Aufquellen in leichter Lauge konserviert und haltbar gemacht. Unsere Sisalbürsten und Schweinsborstenpinsel machten wir nicht selber, denn an sie stellten wir "höhere" Ansprüche, ähnlich wie an die Giebelwände und Holzfußböden, für deren Schrubben und Weißeln sie verwendet wurden.

5.21 Schirm- und Stockmacher
Den Stolz manches Festtagsspaziergängers mit und ohne Regenschutz machten unsere Stockmacher auf die jahrhundertealte Methode, indem der feingeschliffene und geschnitzte Stab aus Rosen-, Nuss- oder Eschenholz in heißem Wasser gedämpft und gebogen und in dem gewünschten, gebogenen Zustand getrocknet wurde. Verschiedene Beschläge oder verborgene Zwecke gehörten zu den teueren Besonderheiten dieser treuen Begleiter der wenigen Mußestunden unserer Väter und Großväter.

5.22 Korbflechter
Die Korbflechterei hat sich aus dem nebenberuflichen Weidenflechten für den Eigenbedarf zur zuletzt hochstehenden Kunstflechterei entwickelt. Unsere Korbmacher hatten durch die billige Versorgung an Rohstoffen - Weidenruten, Bast, Schilf, Stroh - von Anfang an die beste Grundlage für ihr Handwerk. Sie verstanden es aber auch, in fertigungstechnischer und modischer Hinsicht den Markt im eigenen Lande und auch den Weltmarkt zu beeindrucken. Der viel gepriesene hohe Ruf der Batschkaer Korbmacher auf der Pariser Weltausstellung um die 20. Jahrhundertwende sei hier beispielhaft erwähnt. Mit dem Lagern, Pflegen, Sortieren, Zurichten der im Winter geschnittenen Weideruten begann jedes Jahr von neuem ein langer Prozess, der viel Fleiß und Sachwissen erforderte, bis das saubere Produkt auf des Flechters Schemel stand: Weichen und Biegen von Stücken für das Gestell, Spalten, Schälen und Hobeln der Ruten, das Flechten in Feinarbeit, geschlagener und Gestellarbeit, Ausputzen, Waschen, Schwefeln und Wachsen, Beizen und Färben, Lackieren und Aufbringen von Beschlägen - um nur die wichtigsten Abläufe zu nennen.

Ein nennenswerter Zweig der Korbindustrie war das bast- und schilfrohrverarbeitende Handwerk. Von den alten Schwarzwälder Bienenstöcken bis zu den modernsten Einkaufstaschen verstanden unsere Bastflechter eine lange Reihe von Gebrauchsgegenständen den Marktverkäufern und Kunden aus aller Welt anzubieten.

5.23 Holzfäller
Zum ehrenvollen Abschluss des Holzkapitels soll der Versorger der meisten vorgenannten Berufe genannt werden. Der Bedarf eines durchschnittlichen Bauernhauses mit 2 - 3 Feuerstellen (Haus- und Futterküchen) betrug ca. 5 - 6 Festmeter bzw. 3 - 4 Klafter Brennholz im Jahr. Daneben wurden auch die Mais- und Sonnenblumenstängel trocken u. a. im Sparherd und Backofen verheizt. In der für den Holzschlag geeigneten Winterzeit trafen sich die Waldarbeiter-Tagelöhner, Akkordlöhner und Bauern-Selbstversorger in den zum Schlag freigegebenen Gemeinde- oder Herrschaftswäldern, um an die vorgezeichneten Stämme Handsägen und Äxte anzulegen. Erst in den letzten Jahren vor der Vertreibung waren importierte Motorsägen im Einsatz. Gearbeitet wurde, wie überall vor der Einführung der Motorisierung, zu zweit an einem Stamm. Das Tagespensum betrug pro Mann 1 ½ - 2 Festmeter und das dreifache an Stangenholz. War der Eigenbedarf der mitschaffenden Bauern gedeckt oder nach 1 - 2 Monaten die Auftragsmengen der Waldbesitzer erreicht, gingen die ärmeren Holzfäller noch daran, alles angefallene Reisig zu bündeln. Solche wüsten Waldflächen, wie sie die Zentralheizungszeit brachte, kannte man früher nicht. Von 2 bis 5 cm Dicke war kein Ästchen nach dem Reisigmacher übrig. Die gebeugten armen Weiblein, die auf älteren Weihnachtskarten bei mühevoller Reisigsuche im Wald dem Christkind begegnen, gab es in unseren Winterwäldern wirklich.

6 LEDERBERUFE
Gerber und Kürschner, Sattler und Riemer, Schuster, Täschner, Handschuhmacher, Lederstepper


6.1 Gerber und Kürschner
Ein vielbeschäftigter und saisonunabhängiger Beruf, der von unserem Viehreichtum profitierte. Das Gerben von Häuten und Fellen, deren Verarbeitung zu Unter- und Oberleder, Sattelleder, Fein-, Bekleidungs- und Schuhleder, gehörte zum Aufgabengebiet des Gerbers. Im einzelnen begann seine Arbeit mit dem Vorbehandeln der von Metzgereien bezogenen Häute, dem Enthaaren (Entwollen), Entfleischen, Kalken und Beizen und endete beim Streichen, Kuponieren, Versenken, Gerben, Stoßen, Fetten, Falzen, Planschieren des Rohleders. Unterschieden wurden drei Arten der Gerbung: die vegetative, chromatische und kombinierte. Durch abschließendes Ausrecken, Appretieren, Bügeln und Walken entstand das edle Ausgangsmaterial für die vielfältigen Lederwaren, die wir im Haushalt gebrauchten und am Körper trugen.

Unsere Kürschner/Pelzmacher hatten bei allen uns umgebenden Nationalitäten einen guten Ruf, und ihre Bunden, Pelzmäntel, Pelzjacken, Pelzbesätze, Muffe, Kragen, Mützen, Fußsäcke, Mantelfütterungen fanden immer genügend Abnehmer bzw. gut zahlende Auftraggeber. Der typische Bunda (großer Pelzumhang), den im Winter in verschiedener Qualität vom Hirten bis zum Großgrundbesitzer viele im Freien arbeitenden Männer trugen, findet auf der Welt nicht seinesgleichen. Allerdings dürfen wir uns nicht seiner Urheberschaft rühmen: Schon lange vor uns trugen ihn die in Ost- und Südosteuropa wohnenden Völker. Dass er von unseren Kürschnern aber, wie so vieles im Siedlungsgebiet, durch Weiterentwicklung der Form und Verarbeitung in der Qualität neu dazu gewonnen hat, wird niemand abstreiten wollen. Ein seltener Zweig dieses Berufes war der des sogen. Kepernetzschneiders, der die schönen und warmen Umhangmäntel aus Filzstoff herstellte, in deren zugebundenen oder -genähten Ärmeln die Hirten und Kutscher Essvorräte aufbewahrten.

6.2 Sattler und Riemer
Unsere Pferdeausrüstungen hatten, zugegebenermaßen, beim Zuwandern der Donauschwaben aus allen westeuropäischen Ländern, eine Vielfalt, die sich in der neuen Heimat als nicht praktisch erwies. Hauptsächlich das ungarische Reitervolk musste unsere Sattler zum großen Umdenken angeregt haben: im leichten, praktischen und schnell zu handhabenden Pferdegeschirr wie Sattel und Zaumzeug hatten die Österreich-ungarischen Soldaten vor unseren Bauern die Voransprüche. Auf der Grundlage der vorgefundenen Ausrüstungen entwickelte die donauschwäbische Sattlerzunft wahre Schmuckstücke für viele ländlich-dörfliche Spezialbedürfnisse. An Pferdegeschirr konnten Vermögen, Rang und Stellung des Besitzers abgelesen werden: Werktags-, Markt-, Parade-, Ackergaul- und Hengstgeschirr und die verschiedensten Sättel durften in der Geschirrkammer unserer Großbauern nicht fehlen. Die handwerkliche Fertigkeit eines Sattlers bestand aus dem Auswählen und Behandeln des Werkstoffes (Rindsleder, Futter, Garne), Vorzeichnen, Zuschneiden, Stanzen, Pressen, Ausschärfen der Lederränder, Putzen, Reifen, Kanten abziehen, Kleben, Nieten, Nageln. Hauptsächlich die sichtbaren Nähte mit gefärbtem Lederriemen mussten gestochene Akkuratesse aufweisen.

6.3 Schuster
Vor der Umsiedelung in die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1953 hatte der Autor Gelegenheit, durch Bekannte eine moderne Batschkaer Schuhfabrik von innen zu besichtigen. Aufgebaut auf einem enteigneten deutschen Betrieb hatten es die neuen Herren nicht besonders schwer, den internationalen Stand in der Schuhindustrie zu halten; doch es gab in der Fabrik keinen einzigen Handwerker, der komplette Schuhe zu machen verstand. Oberlederzuschneider, Sohlenstanzer, Maschinenstepperinnen, Riemennäherinnen u. a. stellten im Akkord gleichmäßig-fade Schuhe her. Ohne nostalgisches Pathos kann dagegen auf unsere früheren Schuhmacher geblickt werden. Als Stammlieferanten vieles bequemen und doch praktisch Modernen und vor allem maßgerechten Schuhwerks konnten sie mit aller Berechtigung auf ihr Handwerk stolz sein. Als selbständige Untergruppe kann hier der Beruf des Schäftemachers eingefügt werden, der hauptsächlich reiche und uniformierte Kundschaft belieferte. Ob Straßen-, Luxus-, Berufs- und Sportschuhe, Pantoffeln, Schlappen - die oft von einem eigenständigen Schlappenmacher hergestellt wurden -, Gamaschen oder orthopädische Spezialschuhe - sie verstanden ihre gut zahlende Kundschaft vollauf zu befriedigen. Die wesentlichen Arbeitsabläufe bestanden im Abnehmen einer Umrisszeichnung vom Fuß, einer Trittspurkopie oder - bei ungewöhnlichen Füßen - eines Skizzenmodells, im Richten der Leisten, im Entwerfen oder Kopieren des Schaftmodells, Ausfällen der Schaftteile, Schärfen, Bugen, Pressen und Steppen der Schäfte. Ferner Zuschneiden und Vorrichten des Bodenleders, das aus Einweichen, Dampfen, Klopfen und Walzen bestand. Außer Tranchieren der Bodenteile, Zwicken, Einstechen und Einbinden sowie Ausballen der Gelenkstücke, Nageln, Nähen und Kleben der Laufsohlen, Aufbauen der Absätze und ihr Beschneiden, Raspeln, Glasen und Bimsen sowie Ausputzen des Bodens mit weichem Innenleder - um die wichtigsten Arbeiten zu nennen - beherrschte der altehrwürdige Schuhmacher unserer Gegend eine Unzahl von Handgriffen, die unter den älteren Berufen ihresgleichen suchten und die heutzutage für einen Akkordhersteller für Fabrikschuhe unvorstellbar sind. Als weiterer eigenständiger Zweig dieses Berufes kann der Stiefel-(Csismen-)Macher gelten, der eine Vielzahl von lederner Fußbekleidung für alle Stände entwarf und fertigte.

6.4 Täschner
Dieser modische Lehrberuf existiert schon so lange, wie die Eitelkeit unseres schönen Geschlechts. Ein Täschner fand in den Dorfsiedlungen und Städten im eigenem Land genügend Kundschaft, von der er gut leben konnte. Rationeller, fabrikähnlicher Betrieb setzte, wie heute noch, Großabnehmer voraus, zu denen bei uns u. a. die Bauchladen - Hausierer Zählten. Die Feinlederwaren wie Brieftaschen/Budjelar, Geld- und Tabaksbeutel, Mäppchen, Zigarrentaschen, Necessaires und Gürtel wurden vom Hausierer im Dorf angeboten und vom Gemischtwarenhändler auf Lager gehalten. Neben den allgemeinen Lederarbeiten musste ein Täschner die vielfältigen Einschlagarbeiten, das Futterkleben und -nähen, Faltenziehen, Abstreichen, Absteppen, Bügeln und Annieten von Beschlägen und Schlössern können. Da die Taschenmode damals nicht so schnell wechselte, konnten auch die entsprechenden Schablonen und Arbeitsmuster aus Leder und Textilien besser ausgenützt werden.

6.5 Handschuhmacher
Für die Werktags- oder Festtagshandschuhe brauchten unsere Menschen in Stadt und Land keine besonderen Handwerker. Alles Gestrickte oder aus zartem Fell Genähte oblag unseren Bauersfrauen, die von der doppelt gestrickten Zweifingerausführung bis zum gemischten Wolle-Ledereffekt alle möglichen Varianten beherrschten. Den professionellen Handschuhmachern blieb der teure Sonntagsstaat, bestehend aus Glace (geschabtem- Leder, Nappa-, Wild- und Waschleder). Wenn die einfachen und wärmsten Lederfäustlinge aus gegerbten Fellresten für unsere Fuhrleute auch mal selbst genäht wurden, so mussten die zu teurer Festtracht getragenen braunen, schwarzen und grauen kunsthandwerklich durchaus anspruchsvollen Fingerhandschuhe immer von Meisterhand gefertigt sein. Wie bei allen hochwertigen Lederwaren wurde gleichmäßige Größe mit dem Schablonieren erreicht. Fetten und Abschaben (Dolieren) des Handschuhleders und beim Glace das Abreiben der Oberfläche gehörten ebenso wie das genaue Zuschneiden und auf Breite ziehen (Depenieren) zur sachgemäßen Ausnützung des wertvollen Materials. Durch den großen Bedarf unserer Teilnehmer an beiden Weltkriegen hatte die Handschuhfertigung auf privater und professioneller Ebene zuletzt einen weit fortgeschrittenen Stand. Die zum Teil noch vollen Lager, welche die ‚Befreier’ beim Einmarsch 1944 konfiszierten und willkürlich unter sich und den jungen Kominformlern verteilt hatten, konnte der Schreiber dieser Zeilen als Internatszögling und Parademarschierer nach dem Krieg in den Besitz weißer baumwollener Paradehandschuhe gelangen.

6.6 Lederstepper
Dieser Zweig stellte sämtliche Lederwaren für den Industriebedarf her. Heute existieren Großbetriebe mit Tausenden von Mitarbeitern - Stanzern, Steppern, Pressern, Formern, Entwerfern von flexiblen, dichtenden, verbindenden Lederteilen. Früher, in den Anfängen der Maschinenproduktion, begann sich diese Arbeit als Unterordnung der Täschner und Sattler auf die kleinen Hilfsteile für Verbrauchsmotoren und Pumpen, Blasebälge, Lamellen, Riemen für Antriebe und verschiedenster Art von Verbindungen zu verlegen. Je mehr die Industrie höchst hitzeunempfindliche Stoffe wie Fiber und Graphit eroberte, desto mehr wurde das Leder verdrängt, aber wegen seiner einmaligen natürlichen Zähigkeit noch lange nicht ganz vergessen. Einen echten Ersatz für das veredelte Industrieleder gibt es auch heute noch nicht.

7 FASER- UND TEXTILBERUFE
Filzmacher, Bastspinner, Garn-, Seiden- und Baumwollspinner, Wollspinner, Hanfhechler, Stricker und Wirker, Weber, Tuchmacher, Färber, Hutner, Seiler, Takler und Netzmacher, Stickerin, Schneider, Polsterer, Kappenmacher, Bügler und Appreteur, Zeltmacher, Wäscherin.

7.1 Filzmacher
Wir kannten daheim alle möglichen Filzartikel von dem Schuhzeug bis zu Dämmplatten, Spielsachen und Tieren, Kleidungsstücken und Hüten. Dass aber dieser Filz von unserer besten Schurwolle stammte, bedachten wir nicht. Der Filzmacher musste zuerst eine besonders langfaserige Wolle finden und mit handmaschineller Vorwalze zu runder oder flacher Form pressen, dann mit Hilfe von Wasser und besonderer Seife das Vorgeformte so gefügig machen, dass mit weiteren Hand- oder Maschinenpressen die gesuchte Stabilität erreicht wurde. Zu endgültigen Gebrauchsprodukten wurde Filz erst durch Bleichen, Färben, Streichen, Scheren, Noppen und Schleifen. Was früher in mühseliger Handarbeit den Grundstock dieses Berufes schuf, entwickelte sich zu riesigen Techniken, die heute aus der Textil- aber auch Automobilindustrie nicht mehr wegzudenken sind.

7.2 Bastspinner
Flachs, Sisal, Jute, Hanf, das waren Jahrhunderte lang die vier Säulen der Gebrauchsspinnerei im privaten wie handwerklichen Sektor. Wozu Wolle und Baumwolle zu schade war, dazu wurden obige Stängelpflanzen verarbeitet. Die Stoffe aus diesem Material waren hygienisch und atmungsfähig, reinigungsfest und relativ preiswert in der Anschaffung. Da unser wertvoller Boden zum Flachsanbau zu schade war, mussten unsere Verarbeiter die vorgerösteten hanfähnlichen Bündel aus den kärgeren Landesteilen beziehen und durch Nachbehandeln und Spinnen zur schmiegsamen Faser machen. Jute und Sisal standen uns ähnlich minderwertig nahe; wir hatten ja unser weißes Gold, den Hanf in Hülle und Fülle.

7.3 Hanfhechler
Er gehört zu den ersten Massenfabrikarbeitern unserer Hanfindustrie im 19. Jahrhundert. Der große Weltbedarf und die lokale Nachfrage nach Qualitätsleinen schuf schon in den Anfängen des Hanfanbaues - also bereits kurz nach der Ansiedlung, um 1800 - die Massenverarbeitung der gerösteten, in stehenden Tümpeln verfaulten, Hanfstängel. Je fauliger und ungesünder ein Tümpel war, umso schneller zersetzten die Bakterien das Hanfholz und umso leichter löste sich die lange Hanffaser beim Brechen - zuerst von Hand, dann auf transmissionsbetriebenen Brechmaschinen. Nach dem Brechvorgang kam der Hanfhechler in Aktion, indem er das handliche Brechbündel (ca. 8 - 10 cm im Durchmesser) durch die Hechelkämme zog. Das war damals noch unabdingbare Handarbeit, weil es die Maschinen nicht so zeitlich angemessen fertiggebracht hätten, die wertvolle Faser von den Stängelresten zu reinigen. Zur Handarbeit gehörte auch die anschließende Bündelung und verladefertige Verpackung. War im 19. Jahrhundert noch die Hanfverarbeitung Saisonarbeit, so wussten die Hanffabriken des 20. Jahrhunderts schon um die Rundumverarbeitung das ganze Jahr über, indem sie mit dem Stängelabfall Dampfheizungen für riesige Verarbeitungshallen beschickten - ein sparsamer Kreislauf, der dem weißen Gold alle Ehre und viel Gewinn brachte.

7.4 Garn-, Seiden- und Baumwollspinner
Während Wolle und Hanf im Überfluss unseren Spinnereien zur Verfügung standen, mussten die wenigen Anbauversuche von Baumwolle in Teilen der Pannonischen Tiefebene ein langwieriges kärgliches Dasein fristen und zuletzt erträglicheren Kulturen weichen (ähnlich erging es den Reisfeldern in der Nachkriegszeit). Etwas günstiger stand es ab Anfang des 19. Jahrhunderts um die Seidenspinnereien. Von der Wiener Siedlungsverwaltung forciert, pflanzten die Siedlerahnen abertausende Maulbeerbäume und errichteten mit österreichischen Krediten Manufakturen für die Verwertung der Raupenseide. Im Austausch mit der so gewonnenen Seide kamen die importierten Baumwollprodukte zu unseren Leuten. Seide ist edel und kalt, aber Baumwolle praktisch und warm. Betrachten wir alle Spinnwaren, unabhängig von dem Grundstoff, einfach als Produkte des bei uns sehr gut gehenden Spinnereihandwerks, so können die meist geforderten Kenntnisse und Fähigkeiten von den Vorarbeiten bis zum Färben der fertigen Fasern aufgezählt werden: Aufbereitung der Flocken, Fasern, Mischen, Kämmen, Feinspinnen auf Flügel- oder Ringmaschinen. Jeder feine Faden musste einen langwierigen Egalisierungsprozess durchlaufen, dies geschah durch das Zusammenlaufen mehrerer winziger Einzelfäden. An Spinnverfahren waren bekannt: Das Floyer (Vorspinnen) und das Trossen-Ringspinnen und Andrehen am Zählfaktor. Aufspulen auf die Kopse und Etikettieren der Qualität gehörte zu den Schritten bis zum Verkauf. Über die Seidenfadenerzeugung siehe Teil II, Abschnitt 2.9.2 Seidenraupen.

7.5 Wollspinner
Verglichen mit den vielen Einmannbetrieben unserer Mütter und Großmütter hatte kein hauptberuflicher oder industrieller Spinner eine erwähnenswerte Bedeutung. Bei feinen Garnen und Stofffäden vielleicht noch, indem neben der teuren Einfuhrbaumwolle viele Stoffgarne aus reiner Schurwolle nur fabrikmäßig gesponnen werden konnten. Aber alle anderen Garn- und Fadensorten für Jacken, Westen, Pullover, Leibchen, Strümpfe, Socken, Handschuhe, Mützen, Babywäsche etc. stammten aus den Hauswerkstätten unserer Bäuerinnen. Die jährliche Wollmenge, die von den unermüdlich den ganzen Winter hindurch surrenden fußbetriebenen Spinnrädern produziert wurden, gehen in die zigtausend Tonnen. Genaue Mengenermittlungen gibt es nicht, doch jedem eingehenden Interesse wären Rückrechnungen anhand der getragenen Kleidung möglich.

7.6 Stricker und Wirker
Im Handarbeitsbereich dieses Berufes kamen unsere Hausfrauen als sehr wichtige Berufsträger in Betracht, denn sie haben uns daheim mit den meisten Strickwaren versorgt. Zur Beschreibung des Strickens als eines im wollreichen Pannonien viel beschäftigten Handwerks muss aber auch der Massenhersteller von verkäuflicher Strickware genannt werden. Aus dem Grundberuf des maschinellen Kettens, aus dem fast alle modernen Gewebewirker, die Natur- und Kunstfaser verarbeiteten, hervorgegangen sind, wird heute von Nylon, Perlon und ihre Vettern aus Polyamid beherrscht. Zur Zeit unserer heimischen Stoffwerker dominierten die Feingarne, deren Bearbeitung mit Spulen, Scheren, Bäumen und Ketten schon jedem Lehrling beigebracht wurde. Fortgeschrittene Handwerker arbeiteten am Grundbau, zeichneten (patronierten) die Legungen, richteten die Nadeln der Wirkmaschinen, setzten und legten die Gliederketten, wechselten die Geräte, Kettbäume und Fäden. Hauptsächlich strickten unsere berufsmäßigen Stricker mit zwei Arten von. Strickmaschinen: Der Flach- und Rundstrickmaschine. Das reichhaltige Angebot unserer Strickwarenhersteller im häuslichen wie industriellen Bereich ermöglichte einerseits einen großen Export, andererseits den Import an Luxusstoffen aus modebewussten westlichen Ländern wie England und Frankreich. Den hohen modischen Stand unserer Heimat verdanken wir wahrscheinlich dem großen Export an leinenem Grundstoff, der von unserer Hände Arbeit stammte, den Weltmarkt überzeugte und uns so anspruchsvollste Importe ermöglichte.

7.7 Weber
Missverständlicherweise unterschätzt man leicht diesen alten Beruf, indem man ihn als das einfachste Handwerk in der Textilindustrie ansieht. Die Meister unter unseren Dorfwebern mussten sich zwar mit dem Leinen- und Wollresteweben begnügen, sofern sie aber diesen Beruf in einer Großweberei erlernen konnten, beherrschten sie eine Menge feinster Techniken zum Weben von Baumwoll-, Frottier-, Flor-, Möbelstoff-, Dekorations-, Gardinenstoff, Filztuch, Wollpresstuch und vieles ähnliche mehr. Ein gelernter Weber konnte in dem gesamten Woll- und Textilbereich sein Brot verdienen. Seine wichtigste Arbeit bestand im Vorrichten des jeweiligen Webgutes samt Webstuhl- und Knotentechnik. Darüber hinaus hatten unsere ersten Weber auch durchaus die Fähigkeit. selbst ihre Webstühle mit den erforderlichen Hilfseinrichtungen zu bauen, zu warten und zu reparieren. Weil sie ohne zusätzlichen Antrieb manuell ihren Webstuhl betrieben, nannten sie sich auch die Handweber. Was sie notgedrungen zum Broterwerb machen mussten, ist heute bereits zur Hobbyrarität geworden. Damals wie jetzt bestand die Handweberei im Spulen und Haspeln von Hand, Berechnen des Garnbedarfs nach dem Scher- und Schusszettel, Kettscheren nach dem Scherzettel, Kettschlichten und Kettbäumen im Handstuhl.

7.8 Tuchmacher
Heute unterscheidet sich dieser Beruf in Textilarbeiter, Textiltechniker, Textilfärber und Textillaborant. In früheren Jahren musste der Tuchmacher von den praktischen bis zu den schwierigsten theoretischen Arbeiten alles selbst verrichten. Im Grunde stellte er Stoffe für Mäntel, Kleider und Anzüge her. Er war zugleich auch in verschiedenen Spinnverfahren bewandert, fühlte sich aber mehr dem Weber zugehörig. Das Spulen, Zwirnen, Haspeln, Scheren und Bäumen musste er beherrschen. Das Einrichten der Ketten geschah nach Vorlage und Zeichnung auf Mustern, die er zum Teil auch selbst herstellte. Appretur, Färbung, Kontrolle durch Analysen und Dauertests sowie Versuche mit Fasermischungen kamen hinzu und bildeten noch lange nicht den Abschluss in der Entwicklungstätigkeit des Tuchmachers. Dass er hauptsächlich in der Industrie beschäftigt war, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

7.9 Färber
Soweit die bäuerliche Alltagstracht aus unseren eigenen Leinen- und Wollwebereien stammte, wurden die Grundstoffe dazu, das Garn und Tuch, von den eigenen Färbereien gefärbt. Um die Siedlerzeit hatten eben die Gründer der BASF das Anilin entdeckt. Diese ersten auf chemischem Wege entwickelten Farben boten endlich eine bis dahin unbekannte Palette an strahlend bunten Nuancen. Sofort setzte in Deutschland ein Siegeszug ein gegen das bis dato verwendete Indigo, das pflanzlichen Ursprungs war. Allerdings hatten unsere Menschen von Mentalität und Wirtschaftlichkeit her lange Zeit keinen Bedarf an farblicher Ausstattung. Sie begnügten sich mit den dunklen, einfachen Farben des Indigo: schwarz, dunkelblau, dunkelbraun, das nach und nach mit Glitzereffekt von Glas und Metall sowie weißem Leinen belegt wurde. Angeregt durch das provozierende Aussehen der andersnationalen Nachbarn mit ihrem bestickten Leinen, gaben sie immer mehr Geld für modisch Gemustertes und mit Anilin Gefärbtes aus; hauptsächlich für die Ausstattung der heranwachsenden Mädchen. Diese farbigere neue Mode des 19. und 20. Jahrhunderts war deshalb so einheitlich beeindruckend, weil der neu erworbene pannonische Luxus die schöne mitgebrachte Tracht aus Franken, Baden, Bayern, Schwaben und der Pfalz mit der Farbigkeit unserer andersnationalen Nachbarn verbinden konnte.

7.10 Hutner
Dieses Handwerk war den Filzfabriken vorbehalten. denn die Hüte unserer Väter waren stolze und steife Produkte des gepressten Woll- oder Filzgemisches, das auf eine Holzform gedrückt, danach bei hoher Temperatur gewalkt wurde. Der daraus entstandene Hutstumpen wurde über Matrizen gezogen, plattiert und zum Schluss mit Schleifen und Bändern garniert. Unsere Sonntagshüte unterschieden sich nach Ständen, Berufen, Altersstufen der Träger oder Trägerinnen. Außer den Woll- und Filzhüten trugen wir von Frühjahr bis Herbst verschiedene Strohhüte, die in Strohflechtereien entstanden und deshalb mehr zum Flechthandwerk zu zählen sind.

7.11 Seiler
In diesem und in folgendem Beruf (Takler) arbeiteten viele in den Orten an Donau und Theiß wohnenden Handwerker. Wegen des großen Seilbedarfs bei der Flussschifffahrt waren unsere Seilerbetriebe mehr als ausgelastet. Das Batschkaer Hanfseil (Tau, Trosse) hatte, des vorzüglichen, langfaserigen Grundmaterials Hanf wegen, überall in Europa einen guten Ruf. Die Auftragsbücher der Seilereien wiesen Bestellungen aus vielen Ländern auf. Schon frühzeitig zog das Maschinenzeitalter in diesen Beruf ein, denn so regelmäßig wie die Maschine, die außer den Seilen in verschiedener Dicke, auch die aus den Spinnereien bezogenen Rohgarne, Fäden und Schnüre um die sogenannte Sehne wand. Ein "Seilschläger" brachte es aber nie fertig, lediglich mit der Maschine zu arbeiten. Teile, an die besondere Anforderungen gestellt wurden, fertigte er von Hand. Ebenso konnten die Oberlängen, Enden, Knoten, Bördelungen, Litzen nur von Hand gefertigt werden. Langlebige Seemannstaue wurden nach Fertigstellung noch gefettet oder geteert. Ein guter Seiler beherrschte aber auch alle nachfolgenden, dem Takler zugedachten, Netzarbeiten.

7.12 Takler - Netzmacher
In einem Bastelbuch, das man heute den Kindern zu Hobbyknüpfzwecken kaufen kann, sind etwa 50 Grundarten von seemännischen Tauwerkknoten beschrieben und abgebildet. Dabei sind sicher manche nicht enthalten, die bei uns den Schiffern, Fischern, Seilschlägern und Maschinenseilern bekannt waren. Um evtl. einigen älteren Fachleuten auf diesem Gebiet die Rückbesinnung leichter zu machen, sollen ein paar Grundarten dieser Knoten namentlich aufgezählt werden: Oberhandknoten, Achterknoten, Wurfleinenknoten, Kreuzknoten, Kabelgarnknoten, Liebesknoten, zwei halbe Schläge, zwei verkehrte Schläge und viele Steakarten, die aus der Hochseeschifffahrt kommen. Die Donautakler waren z.T. unter den Seilschlägern und auch unter den Fischern zu finden. Von maschinell arbeitenden Netzmachern, deren Produkte einen lohnenden Alleinerwerb ermöglicht hätten, ist bei uns nichts bekannt. Dagegen kannten wir viele knüpfkundige Menschen, die leicht jedes Netz in kleiner Menge herstellen und reparieren konnten.

7.13 Stickerin
Bei den meisten der bisherigen Berufe könnte als auffallendste Unterlassungssünde dem Schreiber angekreidet werden, dass er das Feminine in ihnen vernachlässigte. Die dominierende weibliche Kraft in der donauschwäbischen Wirtschaft ist aber so selbstverständlich, dass ich glaubte und auch weiterhin vorhabe, auf eine entsprechende platzkostende Akzentuierung verzichten zu können. Egal welchem Beruf der Hausvorstand oder die Hausfrau nachging, der Erfolg hing immer von der Mithilfe des Ehepartners ab. In unserer Familie daheim wurden oft einige entsprechende Kernsätze zitiert: Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals, oder der Mann ist das Haus, die Frau der Zaun, usw.. Dass auf diesen Grundsätzen jeder unserer Berufe, ob typisch männlich oder weiblich, basierte, braucht nicht immer aufs neue betont zu werden. Lediglich dort, wo nur einseitige weibliche Bezeichnungen übliche waren - wie bei der Stickerin, Wäscherin, Näherin und Haushälterin (bei Pfarrern und Lehrern z.B.) - kann auf eine Abweichung von der vereinfachenden Grundregel nicht verzichtet werden. - Der Beruf der Stickerin ist so eine Ausnahme und war überdurchschnittlich verbreitet, sowohl als Nebeneinnahme- wie auch als Haupteinnahmequelle. Viele bei der Vertreibung zurückgelassenen Gobelins, Wandbehänge, Tisch-, Bett- und Vorhangtücher waren mit Sprüchen versehen, die schon allein durch ihre optische Wirkung heute noch in Ehren gehalten werden. Manches Elementare von donauschwäbischer Hand Geschaffene hat einen zeitlosen Charakter, dessen Frömmigkeit das atheistisch-zerstörerische Element der Nachkriegszeit überlebte. Von der dörflichen ‚Musterzeichnerin’ auf weißem Leinen vorgezeichnet, wurden die Muster mit liebevoller Sorgfalt von Hand oder mit der Nähmaschine und dem entsprechenden Spannrahmen ausgeführt. Die Stickkurse unserer Mädchen waren erlebnisreiche und entspannende Unterbrechungen zwischen den schweren Haus- und Feldarbeiten.

7.14 Schneider
Herren-, Damen-, Industrieschneider und wie die Bekleidungsspezialisten alle heute noch heißen mögen, vereinigten früher ihr Können und die Berufsmerkmale in dem Handwerk unseres hochangesehenen Schneidermeisters, der meist nur mit einem Gesellen und Lehrling seine Auftrags- und Maßarbeit für die Stammkundschaft erledigte. Einen Hausschneider zu wechseln, war für beide Seiten eine höchst blamable Angelegenheit. Da ging schon eher an, auf städtische Stangenware auszuweichen. Das Charakteristische an unseren Schneidermeistern war eben ihre überragende Mühe, jeden Kunden, auch wenn die Wünsche und Charaktere noch so schwierig waren, zufrieden zu stellen. Bei der hohen Kunst, mit der dieses Handwerk beherrscht wurde, dürfte das auch nicht sonderlich schwer gewesen sein. Weitaus an erster Stelle im Auftragsbuch rangierten die Herrenanzüge aus heimischen und internationalen (englischen, französischen) Stoffen. Danach folgten Festtagsmäntel und Kostüme, Jacken, Hosen, Kinder- und Trachtenkleider. Unsere Schneider arbeiteten hauptsächlich ohne einheitlich gekaufte Schnittmuster. Nach dem Maßnehmen wurde individuell das aus einem Katalog gewünschte Muster entworfen und in der jeweils geltenden grundmodischen Linie auf das Schnittpapier aufgetragen. Das Zuschneiden, Heften, Anprobieren war manchmal eine langwierige, aber von beiden Seiten gerne erledigte Angelegenheit, wurde doch dadurch der persönliche Kontakt mit privatestem Klatsch gepflegt. Abrichten, Verarbeiten der Einlagestoffe (Pikieren), Steppen, Nähte und Säume Nähen, Staffieren, Kanten, Garnieren (bei Trachten z. B. Perlen-, Pospel- und Plisseebesatz, Spitzenbesatz) waren die Arbeiten, deren Endergebnisse bewundert wurden, in deren Ablauf die Kundschaft aber nur wenig Einblick hatte.

7.15 Polsterer und Tapezierer
Eine Personalunion, bei der das Schwergewicht auf Polsterer lag. In jeder guten Stube daheim, d. h. in den großen Wohnküchen und gemütlichen Wohnzimmern standen Produkte unserer Polsterer: Gepolsterte Stühle, Sofas, Liegen und. bei wohlhabenden Bauern und Handwerkern auch große, bequeme Sessel mit Stoff und Leder bezogen und mit – Stahlfedern, Seegras und Tierhaaren gefüllt. Das Gestell aus Hartholz überstand gut mehrere Bezüge und Generationen, die weniger durch Mode, als durch echten Verschleiß erneuert und dem sauberen aber sparsamen Einrichtungsbedürfnis angepasst wurden. Meist in Einzelfertigung und nach sorgfältiger Stoffwahl der Besteller hergestellt. waren unsere Polsterarbeiten in Handarbeit allen übrigen Einrichtungsgegenständen ebenbürtig. Die Polsterer beherrschten ihr Fach vom Zuschneiden. Vorheften, Gurten, Spannen, Nageln, Federn einnähen und Fertignähen von Hand besser als die heutigen angelernten Maschinenarbeiter. Lehnen und Kissen ermöglichten manche originelle und künstlerische Betätigung, die der Umgang mit dem trivialen Füllgut zuließ. Der altgewohnte Hang unserer Menschen zum Auftragssofa vermittelte sogar noch nach der Vertreibung und in einer Umgebung, wo bereits preiswertes Massengut zur Verfügung stand, manchem erstaunten Handwerker einen Auftrag von den Zugereisten. Erst die in der neuen Heimat aufgewachsene Generation trennte sich von dieser sentimentalen Art der Maßfertigung und wechselte zu den Gewohnheiten der suggerierten Konsumindustrie über.

7. 16 Mützen- und Kappenmacher
Abgesehen von den vielgefragten Pelzmützen unterlag dieses Handwerk der massenfertigenden Uniformschneiderei. Alle möglichen Vereine und Dienstgrade einer überaus uniformfreudigen Zeit hatten einen großen Bedarf an eigenständigen und typischen Kopfbedeckungen. Mit oder ohne feste Einlagen, aber immer nach vorgegebenen Modellen. fertigten die Mützen- und Kappenmacher ihre Kappen, Mützen auf Bestellung und Lagerung. Letzteres konnte ohne jedes Risiko geschehen, denn die Bezieher waren selten auf raschen Formwechsel bedacht. Hier sei nur auf die gutbezahlten und maßgeschneiderten Kopfbedeckungen der prunkvollen Ständegarden, wie auf die vielen traditionellen Burschenschaftsmützen hingewiesen. An Arbeitsmerkmalen wären noch zu nennen: Das Ausschneiden der Grundstoffe und Einlegen von Hand. das Einstellen, Einsetzen von Randeinlagen, Ausnähen mit Futter, Schirm- und Schweißleder, Pressen, Dämpfen und Ausstaffieren.

7.17 Bügler und Appreteur
Ein Beruf des tuchherstellenden- und verarbeitenden Handwerks der Massen-(Uniform)fertigung. Wolle, Baumwolle, Seide, Kunstseide, Leinen und Zellwolle konnten als verschiedene Webformen erst weiterverarbeitet werden, nachdem sie durch die Hand des Plätters - Büglers - Appreteurs gegangen sind. In unserem Haushaltsbereich beherrschte jede Hausfrau im kleinen, was der Bügler im großen anwandte: Stärken, Imprägnieren, Spannen, Plätten. Diese Arbeit scheint mir deshalb hier aufzählenswert, weil unsere Stadtbewohner vielfach nicht selbst die Wäsche, Bettwäsche, Gardinen etc. bügelten, sondern sie schrankfertig aus den Wäschereien und Plättereien ins Haus bringen ließen.

7.18 Zeltmacher
Unter diesem Namen sollen alle Hersteller von früher gebräuchlichen Schwergeweben in unserer Landwirtschaft genannt werden. An Decken, Planen, Umhüllungen aus Zelt- und sonstigem Faserstoff (Hanf, Flachs, Lumpen) hatten unsere Bauern in früheren Jahren und bis zuletzt großen Bedarf. Die auf Siedlergemälden verewigten Abdeckungen der Planwagen stammten aus Zeltmacherwerkstätten, die dicken Hanf- und Wolldecken, mit denen unsere fleißigen Acker- und Tragpferde abgedeckt wurden, aus Spezialwebereien, die aus den alten Zellfaserbetrieben hervorgegangen sind. Da bei uns die Zellfaser teurer war als die Hanffaser, wurden die meisten ehedem aus Zellstoff hergestellten Planen aus dickem Leinenstoff genäht. Der Planen- und Deckenmacher lieferte aber zugleich die dazugehörenden Binde- und Spannartikel, weshalb er auch im Nähen von Leder, Bearbeiten von Holzleisten, Knoten von Schnüren und Ösen ein Fachmann sein musste.
7.19 Wäscherin
Wenn in einer hochdeutschen Enzyklopädie der "Wäscher" als durchaus eigenständiger Beruf angesehen wird, soll seiner auch in unserem Rahmen gedacht werden, allerdings in der betonten femininen Form. Diejenige schwäbische Wäscherin, die in Krankenhäusern, Internaten und ähnlichen Häusern beschäftigt war, konnte viel mehr als die Leib- und Feinwäsche, Berufskleidung waschen. Sie ernährte sich und ihre Familie hauptsächlich durch den Umgang mit Seifen und Laugen, mit Bügeln und Stärken, Fleckentfernen und Entfärben hartnäckiger Verfärbungen. Diese Arbeit verrichtete sie allein oder zusammen mit noch einer Frau an 6 Arbeitstagen der Woche und bediente mehrere Wasch- und Kochkessel mit Holzfeuerung. Nirgendwo heiße ich den Fortschritt, der uns heute hochmoderne Wasch-, Trocken- und Bügelmaschinen beschert, so willkommen wie in dem Beruf, in dem sich die Wäscherinnen damals so abplagten. Im Hinblick auf diesen Beruf scheint mir angebracht, auch jener Frauen zu gedenken, die einmal je Woche, meist in den Sommermonaten, einen Schubkarren voll Bunt-, und Bettwäsche, Tücher und Laken vor sich herschiebend an einen Wasserlauf eilten und bis zu den Schenkeln in fließendem Wasser stehend mit dem Holzpatscher auf die eingeseifte Wäsche, die auf dem Waschbrett lag, einschlugen. Nicht selten war unter den so bearbeiteten Stücken ein fremdes Teil, für das bei schrankfertiger Ablieferung ein brauchbares Stück Geld in die Haushaltskasse kam.

13 STEINVERARBEITENDE BERUFE
Bergmann, Kalkbrenner, Schotterwerker, Kiesförderer, Ziegelbrenner, Steingutformer, Töpfer und Hafner, Steinmetz, Gipsformer, Edelsteinschleifer.

8.1 Bergmann
Nimmt man eine Vorkriegsgeneralkarte unserer pannonischen Heimat zur Hand, dann fallen einem eine Reihe von Bergwerken, Hüttenbetrieben, Hochöfen, Zechen, Schächte, Stollen, Kalköfen u. a. auf, die man als interessierter Sucher in dieser Zahl nicht vermutet hätte. Genau wie der angehende Jungbauer hat auch mancher Bergmann aus Westfalen, Sachsen, Bayern, der Saar, Schlesien seinerzeit das Glück in den erzreichen Südkarpaten gesucht und sich bei einem siebenbürgischen oder nordungarischen Grubenbesitzer verdungen. Da wir Batschka-Deutschen z. T. vor dem Krieg und - unfreiwillig - danach in den Zechen der Schwäbischen Türkei, Nordungarns und Ostbanats aber auch der übrigen Nachbargebiete anzutreffen waren, sei hier der Beruf kurz vorgestellt. Im 18. Jahrhundert, dem Zuzugstermin mancher donauschwäbischer Bergleute, kannte der Bergbau in ganz Europa schon die Sprengförderung, aber die elektrische noch nicht. Die Hauptförderung bestand noch aus der Handarbeit mit Hilfe von Abbauhämmern. Nach Einführung des elektrischen Stromes - nach der 20. Jahrhundertwende - kam der Einsatz von Erzhobeln und Schwermaschinen. Zutage brachte das Erz schon lange vorher der Schienenwagen (Hund) mit und ohne unterirdische Dampflok und das dampfbetriebene Förderwerk. Somit wären als Arbeitsmerkmale in der Hauptsache zu erwähnen: Der Abbau, die Förderung, die Wäsche, der Streckenausbau oberhalb und unter der Erde. Die Abstützung der Schächte mit Holzdielen erforderte Kenntnisse in der Holzbearbeitung und der Umgang mit den Abbauwerkzeugen solche eines Metall-(Schlosser)Gewerbes. Die einzelnen Fachstufen im Bergbau sind und waren demnach auch bei uns: Der Hauer, Vorhauer, Meisterhauer, Schießmeister, Bohrmeister, Lehrmeisterhauer, Schwemmmeister. Die Aufsichtsperson wurde Steiger genannt. Einer genauen Untersuchung sollte es vorbehalten bleiben, festzustellen, in welchen Zentren die einzelnen Mineralsorten vorgefunden wurden und wo die Schwerpunkte unserer chemischen Veredlungsindustrie lagen.

8.2 Kalkbrenner
Der große Kalkbedarf in unserer Bauweise ermöglichte und förderte viele heimische Brennereien von ungelöschtem Kalkstein. Hauptsächlich im Bergland Südwestungarns gebrochen kam das Kalkgestein in die Brennöfen der Batschka, z. B. nach Baja, und zu den Maurern und Gipsern, wo sie mit Wasser übergossen die glänzend weiße Brühe für das Weißeln unserer Fassaden abgaben; in mehrmaligen Schichten aufgetragen, boten die Kalkanstriche guten Schutz vor Feuchtigkeit und Kälte, aber auch den erforderlichen Halt dem lehmgestampften Mauerwerk. Das Arbeitsgebiet des Kalkbrenners beinhaltete die Auswahl und den Abbau des Rohsteins im Gebirge sowie dessen Mahlen und Brennen in den Kalköfen. Die vielfältigen Anforderungen dieses Berufes setzten Grundfähigkeiten in Holz- und Metallbearbeitung voraus: Stützen der Stollen, Schmieden und Reparieren der Werkzeuge, Richten der Mahlwa1zen und Fördereinrichtungen in den Kalköfen; von den letzteren hatten wir einige - auf Bilddokumenten im Bajaer Volkskundemuseum verewigte - an der städtischen Donauanlände.

8.3 Schotterwerker
Ähnlich wie beim vorgenannten Beruf verhielt sich die Arbeitsweise in diesem, lediglich mit dem Unterschied, dass hier der Schwerpunkt auf der Verkleinerung des geförderten Gesteinsabbaus lag. Der Schotterstein wurde schon im Mittelalter überall in Europa als Straßenbelag verwendet. Mit Einführung der Eisenbahn und nachher des Bitumens stellten sich explosionsartige Bedürfnisse ein. Manche unserer Dampfmühlen standen im Dienst dieses Gewerbes.


8.4 Kiesförderer
Der pionierhafte Einsatz der Donauschwaben auf diesem Gebiet wurde schon des öfteren (auch von mir) in Artikeln beschrieben. Neben dem Rhein birgt die Donau im Hauptbett mit ihren ungezählten Armen und Kanälen die reichsten Kiesreserven Europas. Die trockenen Kiesgruben hatten mehr lokalen Charakter, während der Donaukies schon immer internationale Bedeutung hatte. Vor der Einführung der Saugpumpe wurde der Kies bei niederem Wasserstand aus dem Flussbett gegraben und mit Schubkarren über schmale Dielenbrücken an Land gefahren. Die schwere Akkordarbeit wurde von Saisonarbeitern (ungarisch: kubikosok) verrichtet, die sonst als Hilfs- und Tagelöhner anderswo beschäftigt waren. Lange bevor die Baukonjunktur der westlichen Länder nach dem Donaukies verlangte, hatte unser Landsmann, der Apatiner Werftbesitzer und Industrieerfinder, Johann Kramer, in den Zwanzigerjahren einen Saugbagger entwickelt, der von einem ausrangierten Dampfschiff angetrieben, das Kies-Sandgemisch zusammen mit Wasser in riesigen Mengen an Land schwemmte. Die entstandenen Kieshalden setzten viele Batschkaer Akkordarbeiter frei und brachten der Volkswirtschaft der Donauanrainer für alle Zukunft großen Nutzen.

8.5 Ziegelbrenner
Der gebrannte Ziegel ist in Südost-Europa seit etwa 350 Jahren allgemein bekannt. Beim Abriss eines Gebäudes fand man in Baja Ziegelsteine aus dem Jahre 1640. Die Feuer-Trocknung der Lehmziegel kannten schon die alten Römer, die sie in ihrer hohen Wohnkultur - auch in Pannonien - verwerteten. Durch die Anwendung des Lehmstampfens hatten die pannonischen Siedler bis Mitte des 19. Jahrhunderts keinen großen Bedarf nach der Ziegelherstellung. Die sonnengetrockneten Lehmsteine wurden nur in beschränktem Umfang für Luxusbauten gefertigt. Erst die Entwicklung des Ringofens (durch einen Reichsdeutschen namens Hoffmann) in den 70iger Jahren des 19 Jahrhunderts und nach dessen Durchsetzung im Hausbau wuchsen überall in unseren Lößgegenden die Brennöfen mit den hohen Schornsteinen aus dem Boden. Mauer-, Loch-, Dachziegel und kleinere Ziegelarten verdrängten das Bauen mit rohem Lehm. Die Arbeit des Ziegeleifachmannes bestand in der Gewinnung und Aufbereitung der Lehmerde, der Formgebung mit Kelle, Traupel und Stampfform oder - wie beim Dachziegel - mit Gipsformen, ferner der Feuerung und Verschließung der Öfen mit Mauerwerk und schließlich die Verwendung von Glasuren und Färbemittel für Klinker und Doppelbrandsteine.

8.6 Steingutformer
Ein angehender Beruf unserer Ziegeleiindustrie. Die spezielle Tonmasse - Lehm und Zusatzstoffe - wurde in knetbarem Zustand aus dem Werk angeliefert und vom Steinzeugformer zu Abwasserrohren, Futter-, Blumen- und Lagergefäßen verarbeitet. Die vorerst auf unsere Städte beschränkte größere Verwendung von Steinzeugerzeugnissen - das Land kannte noch keine unterirdischen Abwasserkanäle - ließen die Möglichkeiten dieses Gewerbezweiges erst bei der Verwendung von Zementgemischen nach der Wende des 20. Jahrhunderts in größter Tragweite erahnen.

8.7 Töpfer
Vasen, Schalen, Krüge, Töpfe, Teller, Tassen und was sonst noch im Haushalt zur Kühllagerung oder Geschmacksbewahrung von Lebensmitteln an Gefäßen gebraucht wurde, stellte der in jedem größeren Ort ansässige Töpfer – in der für die Batschkaer Töpferei typischen hellroten Brandfarbe - her. Auch viele kunsthandwerklichen Former bedienten sich der Töpfertechnik, die darin bestand, dass die vorgegebene oder selbstgemischte Tonmasse von Hand geformt oder in Gipsmodellen gegossen oder gepresst, danach gebrannt, glasiert, verziert, geputzt und gesäubert wurde. Das Aufbringen der Glasur erfolgte durch Beschildern, Tauchen und Spritzen in einer brandfähigen auf Tonbasis beruhenden aber gefärbten Masse. Wir letzten Jahrgänge des donauschwäbischen Siedlerwohlstandes können uns noch frohgemut an die Reihen Sauermilch- und Mus-(Lekwar) töpfen in Keller und Kammer erinnern, an denen wir uns jederzeit nach Herzenslust laben konnten. In der Industrie (Elektrobranche) wurde zuletzt sehr viel Keramik-Isolation in verschiedenen Formen benötigt und von unseren Keramikern hergestellt. Inwiefern sie in der Lage waren, auch Tafelporzellan herzustellen, ist nicht bekannt.

8.8 Steinmetz
Das war unser volkstümlicher Bildhauer, der vielen reichen Hausfassaden und auch den Friedhöfen ein sehenswertes Aussehen gab und unseren Toten eine ewig scheinende Erinnerung sichern sollte. Er war Handwerker und Künstler zugleich. Wenn Berufung das Schaffen von Ungewöhnlichem bedeutet, dann ist Kunst das, was uns Unvergängliches beschert. Allerdings musste sie nicht unbedingt der barbarischen Zerstörungsgewalt standhalten, die sich nach unserer gewaltsamen Beseitigung zum Teil ihrer angenommen hat. Obwohl manches Werk der donauschwäbischen Handwerksbildhauer auch die letzten vernichtenden Angriffe von Friedhofsbarbaren aber auch den Zahn der Zeit überstanden hat, können wir anhand der bewahrten Beispiele die Gesamtheit verlorener Meißelkunst rekonstruieren. Einst wird ein gerettetes Friedhofskreuz aus meliertem Marmor mit ovalen Fotos der Auftraggeber für einen ganzen donauschwäbischen Friedhof stehen; und die letzte Marmorfassade eines reicheren Bauernhauses wird den zukünftigen Generationen von der anspruchsvollen Wohnkultur der selbstbewussten deutschen Batschkabauern zeugen. Zum Alltagsgeschäft unserer Steinformer gehörte das Bearbeiten von Granit, Basalt, Lava, Marmor, Kalkstein und Sandstein. Der vom Steinbrecher als roher Block bezogene Ausgangsstein wurde durch Anreißen, Brechen, Meißeln, Spalten, Sägen, Schleifen und Polieren in die gewünschte Form gebracht.

8.9 Gipsformer
Die meisten feineren Erzeugnisse aus Steingut und Keramik benötigten formhaltige Einwegmatrizen, die nur aus Gips entsprechend preiswert herzustellen waren. Das Formen und Abgießen der Gipsmodelle mussten also unsere Feinkeramiker beherrschen. Auch in den Metallgießereien wurde mancher komplizierte Modellabguss erst durch das Gipsmodell ermöglicht. Demnach kannte der Gipsformer eine Reihe von Techniken, die vom Umgang mit der Gipsmasse bis zur Herstellung und Zusammensetzung der Teilmodelle von Hand, auf dem Tisch oder der Drehmaschine reichten und viele weiterverarbeitende Kenntnisse im Umgang mit Gips beinhalteten.

8.10 Edelsteinschleifer
Diese heutzutage noch eine ganze Industrie beschäftigende Technik, aus Schmuck und formlosen Rohlingen imposante, zweckmäßige aber auch teure Produkte herzustellen, beschränkte sich bei uns auf Ergänzungs- und Ausbesserungsarbeiten. So gut und billig, wie die aus der Idar-Obersteiner Gegend schon seit jeher bezogenen Edelsteine, konnten sie unsere Schmuckhersteller selbst nicht schleifen. Es ist anzunehmen, dass wenigstens der eine oder andere von den aus dem Sudetenland kommenden Achatschleifern, die schon im Mittelalter Schmucksteine mechanisch zu bearbeiten wussten, unter unseren Siedlern waren und ihre Kunst an die südostdeutsche Schmuckindustrie weitergaben. Bekanntlich beinhalteten unsere Schmuckwaren auch viele Elemente aus dem Slawischen und Orientalischen, wo noch bis zuletzt der Handschliff praktiziert wurde.

9 CHEMISCHE BERUFE
Chemiearbeiter, Chemielaborant, Lack- und Farbenhersteller, Textilveredler, Seifensieder, Kerzenmacher - Lichtzieher

9.1 Chemiearbeiter
Die relativ mageren Arbeitsbedingungen unserer erst in der 20. Jahrhundertwende entstehenden chemischen Industrie bot nicht viel Arbeitswilligen Verdienst. Dennoch kann für den Gummibereich und die Säureherstellung für verschiedene Weiterverarbeiter die Chemie als fest eingeführt vorausgesetzt werden. Die Aufgaben des Chemiearbeiters bezogen sich auf die Überwachung, Wartung und Versorgung der Fabrikationsvorgänge in der Öl-, Dünge-, Farben- und Kosmetikherstellung. Es ist und bleibt eine unumstößliche Tatsache, dass die Chemieindustrie, basierend auf der Mineralölindustrie des Südosten Ungarns, ohne die donauschwäbische Pionierleistung auf diesem Gebiet undenkbar wäre.

9.2 Chemielaborant
Dieser wissenschaftliche Praktiker überwachte hauptverantwortlich alle chemischen Prozesse, Zusammensetzungen und Bestandsanalysen in Chemiewerken. Er notierte mit Engelsgeduld, was Kessel, Ofen und Apparate förderten. Bei laufenden Probeentnahmen aus der Produktion und ihrer analytischen Auswertung mit Kaloriemeter, Refraktormeter, Wiskosemeter, Mikroskop hatte und hat heute noch der Laborant die Pflicht einzugreifen, sobald das erforderliche Qualitätsbild nicht zustande kam. Auch in unseren Gießereien mit Kupolbetrieb - andere hatten wir in der Batschka nicht - kam der Beruf des Chemielaboranten vor. Wenn auch noch nicht so ausgelastet wie seine Kollegen des heutigen Standes. An unumgänglichen Laborarbeiten sind zu erwähnen: Trocknen, Brühen, Zerkleinern, Mischen, Zentrifugieren, Sieben, Herstellen von Lösungen, Filtrieren, Destillieren, Extrahieren u. a..

9.3 Lack- und Farbenhersteller
Bis zum 1. Weltkrieg waren die Reichsdeutschen führend in der Herstellung synthetischer Farbstoffe. Die IG Farben, die Vereinigung der größten deutschen Farbhersteller, beherrschten den Weltmarkt erneut ab 1925. Mehr noch als heute unterstand die Fabrikation von chemischen Produkten - zu denen Lacke und Farben zählen - dem jeweiligen Betriebsrezeptgeheimnis. Seit der Entwicklung der ölverarbeitenden Industrie zum Grundlieferant von Farbstoffträgern für allerlei Streichmittel - Firnis, Lack, Farbe, Beiz- und Abbeizmittel, Schleif-, Polier- und Entrostungsmittel - lagen zwar die Grundzusammensetzungen auch bei uns fest, aber die Spezialeigenheiten blieben nach wie vor streng gehütete Geheimnisse. Für unseren Bereich ist wichtig zu wissen, dass sich die Farbherstellung mehr auf das Mischen fertig bezogener Substanzen für bestimmte Einsätze bezog, z.B. im Unterwasserbereich der Schiffsrümpfe oder bei Spezialeffekten in der Möbelindustrie.

9.4 Textilveredler
Im Alltagsbereich hatten wir mit einigen Produkten dieses Gebietes zu tun: Mit vielerlei beschichteten Decken, Vorhängen, Verpackungen, aber auch Kleidung und Schuhwerk, die alle aus Textil-Gummigemisch oder beschichteten Textil-Wachstüchern bestanden. In den jüngeren Fertigungsstätten - aber welche waren bei uns schon alt zu nennen? - arbeiteten auch Donauschwaben an veredelten Gummitextilien.

9.5 Seifensieder
Unsere Hausfrauen deckten zu 80% ihren Seifenbedarf aus eigener Hausfertigung oder der Fertigung der Nachbarschaft. Die Hart- oder Kernseife für den Waschbedarf großer Wäsche und der bei uns üblichen kleinen Körperreinigung wurde aus altem oder ranzigem Speck und Fettresten unter Zugabe von Soda (Natriumkarbonat) bzw. Holzasche, ohne jegliche Duftanreicherung, hergestellt, d. h. in den offenen Hauskesseln, meist im Hof wegen der Geruchsentwicklung bei den zersetzten (gespaltenen) Fetten, gekocht und in Formen gegossen und als dicker Fladen in handliche Stücke geschnitten. Die handwerklichen Seifenhersteller mussten schon etwas mehr über dieses wichtige - bei unseren sanitären Verhältnissen noch nicht so hochveransch1agte - Pflegemittel wissen. Nach erprobten Rezepten wurden Laugen, Glyzerine, Farb- und Duftstoffe dem Kernseifenstoff zugefügt, d. h. die Grundseife wurde weiter verarbeitet. Zuletzt weit verbreitet waren auch Schmierseifen, Seifenpulver und Seifensand. Der Vorgang bei der Spaltung der Fette und Öle unter Verwendung von Ätzkali, Pottasche, Chlorkalium und die Bildung von Laugen und Lösungen gehörten zur Tagesarbeit des Seifensieders. Eine ertragsreiche Rohstoffquelle unserer Seifenhersteller waren - so abstoßend es auch klingen mag - die Schinder, die von überall her verendete und notgeschlachtete Schweine und Kühe gegen geringen Lohn von Bauern bekamen und für geringes Geld den Seifensiedern ablieferten.

9.6 Kerzenmacher
Dass die südostdeutschen Wachszieher immer in Verbindung mit den Honigkuchenherstellern (Lebzeltern) genannt werden, kam, wie schon weiter vorne erwähnt, daher, dass in beiden Fällen Bienenprodukte, Wachs und Honig, verarbeitet wurden. Es war eine saisonale Ausweichmöglichkeit, in den warmen Monaten Lebkuchen und in den kalten Kerzen herzustellen und die Märkte zu beliefern. Die Beschäftigung mit so besinnlichem, religiös stimmendem und in jedem Falle festlichen Material, wie der Wachskerze, büßt schnell an Fluidum ein, sobald wir dem Handwerker über die Schulter schauen. Künstliches Wachs aus Talg, Paraffin und Stearin oder natürliches aus den Bienenstöcken musste eine lange Knetphase von Hand oder maschinell durchlaufen, bis Dutzende zweckbestimmter Sorten, Formen und Farben sowie Geruchseffekten des Käufers Sinne und Seele erfreuen und trösten konnten. Manche Kerzenzieher und Lebzelter waren zugleich auch Bienenzüchter, was den Gewinn aus den auf Jahrmärkten und Kirchweihen verkauften Waren beträchtlich erhöhte und zu einer über dem Durchschnitt liegenden Lebensgrundlage machte.

10 GRAPHISCHE BERUFE
Papiermacher, Beutelmacher - Stanitzelmacher, Buchdrucker, Buchbinder, Graphischer Zeichner, Textildrucker, Formstecher, Stempelmacher, Notendrucker, Fotolaborant, Musterzeichner, Bauzeichner, Technischer Zeichner.

10.1 Papiermacher
Darunter ist für unseren Bereich mehr die Verarbeitung verschiedener Papierarten, als ihre Herstellung aus Holzspänen und Fasern zu Zellstoff, Mischung mit Altpapier und Lumpenhadern zusammen mit Füllstoff, Leim und Alaun. Die waldreicheren Gebiete der Baranja und Schwäbischen Türkei belieferten unser papierverarbeitendes Handwerk wie Druckereien, Tüten- und Beutelmachereien, Verpackungsfabriken, wobei natürlich unter Fabrik auch noch Familienbetriebe und Lebensmittelverarbeiter mit eigener Verpackungs-zuschneiderei gemeint sind. Industrie wie Privatleute sorgten für guten Absatz. Allein unsere Haushalte benötigten an den Festtagen eine ganze Reihe Papierschmuck, der aus bunten und beschichteten Bögen und Rollen geschnitten und zu Kunstblumen, Deckchen, Verpackung etc. geformt wurde.

10.2 Tütenmacher
Neben den Druckereien ist der Tütenmacher einer der Großabnehmer und -verarbeiter des Papiererzeugers. Außer dem Berechnen der Größen, Falzen, Kleben der Blattflachbeutel auf handbetriebenen Falzmaschinen oder ganz von Hand (heute vielfach Beschäftigungstherapie in Anstalten) verstand der Beutelmacher auch die handgeformten und -gesetzten Druckvorlagen herzustellen: Firmenaufdrucke, Werbemotive, Dekorationen, mit Gummistempel, Matrizen oder Mehrfachschablonen.

10.3 Buchdrucker
Seit der Gutenberg'schen Erfindung (1436) des Buchdrucksatzes - aneinandergereihte lose Buchstaben - hat dieses Gewerbe einen ungemein segensreichen und zugleich tyrannisch grausamen Einfluss auf einen Großteil der Menschheit - dem des Lesens Beflissenen - ausgeübt. Bei jedem von uns Schreibenden stand irgendwann auf seinem Lebensweg ein Schlagbaum mit der Aufschrift "Druckerschwärze", der sich nur auf ein besonderes Zauberwort öffnen wollte. Sobald wir das Wort aussprachen, ließ er uns passieren und in das rätselhafte Land marschieren, das so ganz anders vom normalen Wohnland ist. in dem keine gewöhnlichen Maßstäbe für Wohlergehen und Sorgen herrschen, das mal als Traumland oder Garten Eden der Illusionen erscheint, mal als abstoßende und ungerechte Öde, die grausam viele einsame Wanderer verhungern und verdursten lässt. Dieses Land jenseits der Druckerschwärze bezeichnen wir als Land der Illusionen aber auch des ureigensten Bedürfnisses. Diesseits, d. h. dort, wo unser Geschriebenes Dauerform bekommt, sieht dieser Berufszweig eigentlich nicht besonders ungewöhnlich aus. Menschen, die als Setzer, Flach-, Tief-, Stein-, Kupfer-, Gummidrucker in vielen Druckverfahren und Techniken bewandert sind, verbreiten selbst nicht den geringsten Teil des Fluidums, das ihren Druckerzeugnissen anhaftet. Die Drucktechniken unserer Zeit beinhalteten einerseits schon Rotationsmaschinen, andererseits aber noch flache Handsätze, die zu runden Maschinensätzen aus Blei gegossen wurden. Die Druckmaschinen kamen meist aus dem Reich (Schnellpressefabrik Freudental, Automatik Druckmaschinenfabrik Berlin, Heidelberger Druckmaschinen, Göbel-Darmstädter Druckmaschinen u. a.). Alle qualifizierten Tätigkeiten und Berufe hier aufzuzählen, die an ein Druckerzeugnis gebunden waren, ist für einen Laien wie mich unmöglich.

10.4 Buchbinder
Abgesehen von der vollautomatischen Falz- und Einbindemaschine ist dieses Handwerk heute noch wie vor 500 Jahren das gleiche: Schneiden, Falzen, Heften, Broschüren und Blocken von Heften, Kalendern, Büchern in Pappe, Halb- und Ganzleinen, Halb- und Ganzleder. Das Ausbessern und Restaurieren alter Bücher erledigten unsere Buchbinder genau wie jene vor ihnen und die von heute, die sich in die Handbinderwerkstatt einer großen Binderei zurückgezogen oder selbständig - erweitert als Bilderrahmer - gemacht haben. Das Hauptmerkmal dieses Berufes war in unseren Bereichen die künstlerische Originalität. Von Taschenbüchern mit 100erlei Titeln aber vollständig gleichem Gesicht war damals noch nicht die Rede. Ein Buchbinder, der damals so phantasielos gewesen wäre, wie die heutige maschinelle Bindearbeit, hätte sich nicht lange halten können. Dagegen haben seltene Folianten religiösen und weltlichen Inhalts ihre auf Ewigkeit bedachte Wirkung oft dem hohen Können des Einbandschöpfers zu danken.

10.5 Graphischer Zeichner
Neben dem Graphiker - den ich als Künstlerberuf nicht der Handwerksgruppe zuordnen möchte -erledigte auch in unseren Buchdruckereien der angelernte graphische Zeichner die augenfällige Gestaltung der Druckerzeugnisse: Anfertigen von Titelblättern, Diplomen, Inseraten, Prospekten, Aufklebern, Plakaten und Werbematerial; und auch das typographische Gestalten von Schriftsätzen gehörte zu seinem Tagewerk. Stand Talent und Zeit gleichermaßen zur Verfügung, bemühte er seine künstlerischen Ambitionen, andernfalls zeichnete er einfach Brauchbares aus Vorlagen ab oder drückte es mit Zellophanpapier durch. Fotographien wurden zu Druckvorlagen in Strichmanier oder Tonwerten umgezeichnet. Freilich gehörte trotz vieler lapidarer Winkelzüge eine gehörige zeichnerische Begabung zu diesem Beruf, der die Beherrschung von Stift, Feder, Pinsel, Kreide, Sieb-, Schab- und Spritztechnik erforderte.

10.6 Textildrucker
Gewebearten, Farben, Chemikalien und ihr drucktechnisches Zusammenwirken gehörten zum wichtigsten Wissensgebiet des Textildruckers; das heutige Batik- und Posterhemd sind dahingehend absolute Höhepunkte, dass sie jeder Laie selbst zu drucken vermag. Früher gehörte dazu eine 2 - 3jährjge Schulungszeit, je nachdem, ob der Schwerpunkt auf neuschöpferischem oder routinemäßigem Textildruck lag. Der Farbmacher, wie der Textildrucker noch genannt wurde, hatte mit der Produktion selbst nur im Anfangsstudium zu tun, solange seine Probedrucke auf den Druckpressen und Rotationsmaschinen waren.

10.7 Formstecher
Er arbeitete eng mit den Textildruckern zusammen, indem er die Formen und Walzen aus Holz und Gummi zum Bedrucken von Geweben, Wachstuch, Linoleum sowie Tapeten und Buntpapier für Drucke mit Farben, Öl und Leim herstellte. Diesem Beruf hatten wir alle jene schönen Musterwalzen und Färbereischablonen zu danken, mit denen wir unsere Zimmerwände jedes 2. und 3. Jahr verschönerten, je nachdem wie die entsprechenden Räume abgewohnt, d. h. durch die Petroleum-, Wachs- und Ö1lampen verrußt waren. Der Formenstecher beherrschte die Metall- wie auch Holzbearbeitung. Gerne benutzte er Ahorn, Weißbuche, Linde und Birnbaum. Entweder arbeitete er die Muster aus dem vollen Walzenholz oder er befestigte darauf gebogene Metallfiguren oder Nagelmuster. Bei Flachmustermodeln schnitt er eine astlose Scheibe quer vom Stammholz und polierte die Fläche, darauf kam eine dünne Gelatine-, Eiweiß-, Zinkweiß- oder Kreideschicht, die das aufgerissene Bild besser hervorhob. Als Routinier übernahm er bewährte Muster und Techniken durch Kopieren, und als Könner schuf er manches Neue durch seitenverkehrtes Abziehen.

10.8 Stempelmacher
Die Einmannbetriebe, bei denen wir heute noch unsere in der hektischen Zeit dauernden Änderungen unterworfenen Stempel anfertigen lassen, gab es auch in unserem Betrachtungszeitraum. Zum Teil waren es gegossene oder gefräste Zinnstempel, teilweise waren sie auch schon aus dem vulkanisierten Gummimaterial, wie die heutigen. Deutsch und Rechnen gehörte zu den Grundvoraussetzungen dieses Berufes, weshalb ihn nur "Intelligenzler" ausüben konnten. Die Masse unserer Schulabgänger legte keinen großen Wert auf die Pflege des in der Schule gebrauchten Wissens. Und eine sinnvolle Prägung der rechteckigen oder runden Fläche erforderte unbedingt grammatikalische und arithmetische Sicherheit.

10.9 Notendrucker
Viele fleißigen Kapellmeister und Komponisten der typisch südöstlichen Blasmusik veröffentlichten ihre flotten Arien nur auf akustische Weise: Die meisten Partituren behielten für alle Zeiten Konzeptform oder aber sie kopierten und vervielfältigten sie durch Abschreiben. Anders verhielt es sich in Zentren sogenannter anspruchsvoller Musik. Die Neusatzer, Apatiner, Bajaer und Temeschburger Orchester begnügten sich nicht mit Abschriften. Es mussten gedruckte Originalausgaben lokaler oder weltweiter Komponisten her. Deshalb unterhielten manche Druckereien eine Nebenabteilung, wo der Notensetzer am Werk war. Besondere Notendruckereien lohnten sich nicht in unserer Gegend des sparsamen Handels mit allem Gedruckten.

10.10 Fotolaborant
Die rechte Hand unserer vielbeschäftigten Fotografen und jene, die aus einfachen Aufnahmen Kunstwerke an Schmink- und Retuschiertechnik machte. Entwickeln, Kopieren, Vergrößern, Ansetzen von Bädern und Lösungen zum Entwickeln und Fixieren, Wässern, Trocknen von Negativen und Positiven, ihr Ausflecken und Kopieren, das und einiges mehr vollbrachten die Fotolaboranten (männlichen und weiblichen Geschlechts) in der Dunkelkammer und an den Retuschiertischen. Mit Kratz- und Mahlutensilien verstanden sie aus müden, abgearbeiteten oder unrasierten Gesichtern Feiertagsausdrücke zu zaubern, für die sie gute Künstlerpreise bekamen.

10.11 Musterzeichner
Ein Modeberuf des Ausstattungs- und Bekleidungsgewerbes, der auch bei unseren auf Tradition, Formen und Trachten bedachten Donauschwaben seine Kunden fand. Künstlerisch und praktisch begabte und vielleicht in einem Modeberuf ausgebildete Zeichner und Zeichnerinnen wurden in der Textilindustrie gut bezahlt. Entwerfen, Kopieren, Umzeichnen, Kolorieren und Rapportieren von Stoff-, Vorhang-, Tischdeckenmustern erforderten Können und Phantasie. Oft stellte sich auch das Problem, ein kompliziertes ausländisches Mehrfarbenmuster (z. B. aus 17 Tönen zusammengesetzt) in ein solches aus, vielleicht, 10 Farben umzukolorieren. Beim Rapportieren wurde das Muster dann auf die einzelnen Walzen gebracht, die nacheinander das gesamte Muster aufwalzten. Der Musterzeichner hatte halb im Büro, halb im Druckbetrieb seinen Arbeitsplatz, sofern er nicht zu den seltenen freiberuflichen Talenten gehörte.

10.12 Bauzeichner
Mit einfacheren Mitteln als heute mussten unsere Architekten und Bauzeichner das vollbringen, was, gemessen an den heutigen Bauprojekten, viel mehr Aufwand erfordert hätte. Zeichenmaschinen, Selbstklebende Muster-Fassaden und Innenansichten gab es noch nicht. Ja es gab überhaupt noch nicht die geist- und phantasietötende Gleichmäßigkeit der planerischen Arbeitsweise, dafür die Mark und Bein belastende gebückte Zeichenweise über dem Arbeitstisch. Die Haustypen, die im Laufe von 200 Jahren von donauschwäbischen Baumeistern hergestellt wurden, lassen sich in folgende Hauptgruppen unterteilen: Ansiedlerhaus, Langhaus, Querhaus, Winkel- oder Triangelhaus, Herrschafts- oder Villenbau und die zweckmäßige Kombination aller dieser Typen zum Aussiedlerhof (Tanya, Salasch), der frei auf dem Feld stand.

10.13 Technischer Zeichner
Das technische Zeitalter war zwar mit einer kleinen Verzögerung in unsere Breiten gekommen, aber es war immerhin da. Und es forderte eine Anpassung vor allem im planerischen Entwurfsbereich des Handwerks, das z. T. über Nacht durch Großaufträge zur Industrie heranwuchs. Das besonders Erwähnenswerte im industriellen Zeichenberuf scheinen mir weniger die mit primitiven Mitteln geschaffenen komplizierten Zeichnungen, sondern die Vervielfältigung oder das Pausen der Originale, die ja im Archivschrank bleiben mussten. Pausmaschinen gab es erst während des 2. Weltkrieges. Vorher musste von der lichtempfindlichen Papierrolle ein entsprechend großes Stück abgeschnitten und mit Klammern an das Original befestigt werden. Auf einer hölzernen Platte am Fenstervorbau wurden die zusammengeklammerten Blätter der Sonne bzw. Lichteinstrahlung ausgesetzt. Je nach der Einstrahlungsstärke wurden die Zeichnungen nach 5 bis 15 Minuten hereingeholt und das belichtete Pauspapier in einem luftdicht abgeschlossenen Kasten mit Ammoniakdämpfen entwickelt. Nicht ganz so glatt und gleichmäßig wie heute, aber immerhin deutlich genug gelangten die Pausen in dankbare Hände des Betriebes, wo sie genau wie heute ihren wichtigen Zweck erfüllten.

11 FEINMECHANISCHE BERUFE
Feinmechaniker, Uhrmacher, Augenoptiker, Gold- und Silberschmied, Schmuckpräger, Graveur, Galvaniseur, Metallemaillierer.

11.1 Feinmechaniker
Die Kunst, feinmechanische Geräte herzustellen, ist genau so alt wie die Metallgewinnung, also älter als unsere Zeitrechnung. Zirkel und Messgeräte, stern- und erdkundliche Hilfsgeräte, Teleskope, Mikroskope und viele andere Erfindungen Galileis, Fahrenheits, Keplers und ihrer Weggenossen ab dem 15. Jahrhundert wurden in feinmechanischen Handwerksbetrieben zu Massenartikeln weiterentwickelt. Bei uns bastelten und tüftelten auch viele Meister dieser Zunft, z. B. im Auftrag der Kirche sakrale Gegenstände oder bei Militärs Waffenteile, aber auch für Privatleute Brillen, Uhren und ähnliches mehr. Es gab keinen Metallbetrieb ohne eigene feinmechanische Arbeitsplätze. Fast alle Werkzeuge zur feinmechanischen Bearbeitung wurden früher von eigenen Händen je nach Bedarf und Erfindungsgeist hergestellt und nicht, wie heute, von speziellen Werkzeugmachern.

11.2 Uhrmacher
In der Zeit, da mancher Uhrmacher im Siedlertross nach dem Südosten kam, wurden die Uhren aller Größen und Formen längst schon fabrikmäßig hergestellt. Vom "Nürnberger Eierlein" im 16. Jahrhundert, der ersten Taschenuhr, bis zum 18. Jahrhundert hatte die Uhrmacherkunst im gesamten habsburgischen Reich solche Fortschritte gemacht, dass sich bereits jeder Haushalt einige Wand-, Stand- und Taschenuhren leisten konnte, und unsere Uhrmacher mit Reparieren und Nachbauen der Teile vollauf ausgelastet waren. Es ist uns zumindest keine Uhrenfabrik aus unserer Gegend bekannt. Dagegen wissen wir von mehr als einem Meister dieses feinmechanischen Faches, der es nie regelrecht in einem Meisterbetrieb erlernt hatte und der dennoch jedes Instandsetzungsproblem löste. Weit von den schwarzwälder oder fränkischen Herstellbetrieben entfernt, mussten unsere Uhrmacher manches Rädchen, Lager oder Pendel neu anfertigen oder aus ausgeschlachteten alten Werken einpassen. Auch das Gehäuse der schön bemalten Wanduhren oder künstlerische Schnitzkunst mancher Standuhr bekamen sie zur Reparatur und wussten sich immer zu helfen. Weit verbreitet war die Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Gewichtsantrieb als Wanduhr und Großpendeluhr mit "Bim-Bam"-Stundenwerk, massivem Holzgehäuse und aufziehbarem Federwerk. Ferner besaß jeder standes- und zeitbewusste Mann eine silberne oder goldene Taschenuhr, deren Kette sich vielsagend von der Westentasche zur Knopfreihe hinzog.

11.3 Augenoptiker
Über das Brillenverkaufen hinaus mussten unsere Sehfachmänner oft ohne ärztliche Verschreibungen und Teste eine Brille anpassen oder ersetzen. Die Hauptsache bei unseren, vor allem älteren Sehbehinderten, war das Wozu. Nur derjenige, Kurz- oder Weitsichtige, der lesen musste oder wollte, investierte das gute Geld für eine Brille. Mancher, der auch ein Gold- und Silbergestell hätte bezahlen können, trug eine einfache Drahtfassung, und manche Großmutter las jahrelang mit einem gesprungenen Glas oder einer einäugigen Brille, da sie - wie sie sagte - auf dem anderen Auge sowieso nichts mehr sähe. Auch wenn der Markt noch so mager war, musste der Optiker damals schon den Umgang mit feinstem Werkzeug zum Reparieren beherrschen, das Kitten von einfachen und Doppelfokusgläsern und den Umgang mit gebräuchlichen Messinstrumenten wie Thermo-, Barometer und Mikroskop, die in der Stadt schon weit verbreitet waren.

11.4 Gold- und Silberschmied
Aus vorgeschichtlicher Zeit über das prunkvolle Mittelalter zur verschwendungssüchtigen Neuzeit lässt sich der im wahrsten Sinne goldene Boden dieses Handwerks verfolgen. Herstellen von sakralem Schmuck aus eigenstaatlichen Werkstoffquellen kannten unsere Gold- und Silberschmiede schon seit der Gründung größerer religiöser Zentren. Nachdem dann von deutschen Gesellschaften in der 20. Jahrhundertwende die Großförderung der Balkanschätze an Bunt- und Leichtmetallen erschlossen wurde, konnte sich die Verarbeitung der wertvollen Nebenprodukte des Kupfers, wie Gold, Platin und Silber explosionsartig weiterentwickeln. Dass ein Handwerker dieses Faches auch alle übrigen Metalle zu bearbeiten verstand, ist selbstverständlich: Gießen, Mischen, Löten, Ziselieren, Feilen, Drücken, Drehen und vieles andere mehr.

11.5 Schmuckpräger
Inwiefern unsere Hersteller von geprägtem billigem Glanzschmuck auch Abzeichen, Sondermünzen, Plaketten und Medaillons herstellten, ist nicht bekannt, d. h. es ist zumindest wahrscheinlich, dass der Silberschmied auch Talmi herstellte, denn der Bedarf danach war bei der ländlichen Bevölkerung recht groß. Bevor die elektrischen Massenpressen diesem Beruf das Brot wegnahmen, herrschte darin gekonnter Handbetrieb. Durch Feinhämmern, Schmieden, Meißeln, Sticheln, Beizen, Glühen, Treiben entstanden die Formen und Matrizen, mit denen mit Handpresse oder Hammerschlag die gleichförmigen Anhängsel und Abzeichen auf schmucke Festtagstracht hergestellt wurden.

11.6 Graveur
Von Interesse ist hier für uns der Schmuck-, Schilder-, Wappen- und Schriftgraveur. Mit einem gewissen Zeichentalent verstand er die Phantasie oder Wünsche der Kundschaft in Ornamenten, Mustern, Schablonen auf Metall, Hartholz, Elfenbein und Horn zu bringen. Er arbeitete mit Stichel, Reiber, Säge und Feile (von Hand) und mit Fräsern verschiedener Stärke auf der Maschine. Den Kunst- und Metallgraveur gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert, den Wappenverzierer schon länger. Alle unsere Metallbetriebe beschäftigten mindestens einen Meister dieses Faches; die wenigen Freiberufler arbeiteten vorwiegend für die Instrumentenhersteller und Druckereien.

11.7 Galvaniseur
Abgesehen von dem älteren Plattieren, Feuer- und Pinselvergolden mit Goldplättchen oder Goldlösungen (das gleiche trifft für das Versilbern zu) wurde mit der Elektrifizierung unserer Betriebe auch die galvanische Oberflächentechnik eingeführt. Mit unter den ersten Elektrotechniken, die massenwirksam zur Geltung kamen, hatte die Galvanik (Überziehen eines gleichstromleitenden Gegenstandes mit einem Edel- oder Schutzmetall in einer Säurelösung) Ende des 19. Jahrhunderts auch unseren blechverarbeitenden und schmuckherstellenden Bereich erobert. Umsetzung der Stromarten, Ansetzen der galvanischen Bäder, Gewichts- und Dickenkontrolle der Schichten erforderte mehr als nur handwerklichen Fleiß. Doch gerade unsere Flaschner (Spengler) hatten durch ihre hohe Anforderung an Sorgfalt und Planung das Zeug, mit elektrochemischen Dingen umzugehen; z. B. waren die Spengler mit die ersten, die an den Kristallradios herumbastelten und ihnen rätselhafte Töne entlockten.

11.8 Metallemaillierer
Neben den Keramikbrennöfen in den Töpfereien stand in manchem Betrieb ein Ofen für die Emaillierhandwerker, die ihre getriebenen und hartgelöteten Haushalts- und Küchengeräte mit einer schmelzbaren Glasfarbe Überzogen und Ausbrennen ließen. Das metallemaillierte Geschirr gehörte dennoch zu den Seltenheiten in der Batschka, da in unserer Gegend das von den Kupolgießereien hergestellte Gussgeschirr der sparsamen Heizart unserer Haushalte eher entsprach: Es speicherte optimal die bei Holzglut kurzfristig vorhandene Höchstwärme zur beim Kochen oder Braten benötigten Dauerwärme.

12 ELEKTROBERUFE
Elektroinstallateur, Starkstromelektriker, Kabelmonteur, Fernmeldemonteur, Autoelektriker, Elektromaschinenbauer, Elektromechaniker, Radiotechniker

12.1 Elektroinstallateur
Wie so viele unserer handwerklichen Neuerungen kam der elektrische Strom einige Jahrzehnte nach seiner Entdeckung mit dem Dampfschiff, also bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, in unsere Gegend. Als ideale Selbstversorger mit ohnehin vorhandenen Antriebsaggregaten hatten die Schiffe (und nachher die Züge) am ehesten die Möglichkeit, den Siemens'schen Dynamomotor (erster Wechselstromerzeuger) in der Welt bekannt zu machen. In reichsdeutschen Werften damit ausgestattet, legten schon in den 60er bis 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hell erleuchtete Raddampfer an unseren Ufern an und beeindruckten die interessierten Kaufleute und Unternehmer. Naturgegeben führten die Dampfmühlen und andere dampfbetriebene Fabriken in den 1880er Jahren die neue Beleuchtungsart in der Batschka ein. Damit war auch ein zuerst nur angelernter, nachher dominierender Beruf, der des Elektroinstallateurs, geboren. Weil er weder zu riechen noch zu hören ist, beinhaltet der Strom für den Laien eine unberechenbare Gefahrenquelle ersten Ranges. Dem Fachmann dagegen ist er gehorsamer Diener. Einige Jahrzehnte hindurch konnten sich unsere Bauern mit ihm nicht anfreunden, sie blieben lieber bei den zuverlässigen und lange Zeit auch billigeren Petroleumlampen. Aus den Fabriken und Städten eroberte der Strom dann doch auch der Reihe nach alle jene Dörfer (zum Zeitpunkt der Vertreibung lag die Elektrifizierung bei schätzungsweise 80 %), die sich E-Werke leisten konnten. Die fehlenden Sicherheitsbestimmungen und distanzierte Handhabung, zusammen mit der mangelnden Schulung der Laien brachten dem neu entstandenen Beruf überdurchschnittliche Reparaturaufträge und damit Dauerarbeit.

12.2 Starkstromelektriker
Es klingt stärker als es in Wirklichkeit ist: Starkstrom heißt alles über 110 Volt. Allerdings untersteht diesem Elektroberuf auch die Montage und Instandhaltung aller Elektrogeräte und -maschinen. Auf unseren Bereich bezogen hörten jene Handwerker auf diesen Namen, die unsere Fabriken und Hüttenwerke mit Antriebsenergie versorgten oder in den E-Werken die Dynamos und Maschinen reparierten und warteten. Viel mehr als der Installateur mussten sie die theoretischen Details wie Schaltpläne und Symbole kennen und in die Praxis umwandeln.

12.3 Kabelmonteur
Sobald sich die Stromversorgung über geschlossene Ortschaften hinaus ausgedehnt hatte, entstand dieser Beruf. Verbundnetze im heutigen Sinne gab es noch nicht, aber Versorgungsgemeinschaften und Verbände zwischen den einzelnen Ortschaften oder Städten und den umliegenden Dörfern. Fernleitungen ober- und unterhalb der Erde mussten fachgerecht gezogen werden: Schalter, Verbindung, Isolierung und alles andere, das wir ängstlich bestaunten, als wir die Männer auf den Masten sahen. Der Kabelmonteur hatte auch Kenntnisse in einem Metall- und Schweißberuf, er musste die Verbindungen unter der Erde in Hartschalungen gießen und war für die Instandhaltung seiner Stromleiter verantwortlich; das machte ihm in unserer wasserreichen Gegend sicher oft erhebliches Kopfzerbrechen.

12.4 Fernmeldemonteur
Er ist der Meister des Schwachstroms und war auch bei uns für die Signal-, Telegraph- und Telefonanlagen verantwortlich, die schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Posthaltereien installiert wurden. Samuel Morse erfand in Amerika 1837 den Schreibtelegraphen und 2 - 3 Jahrzehnte später tickten bei uns Morsezeichen landauf, landab in den Poststellen. Der Kabelverleger musste das Morsen nicht unbedingt beherrschen. Er verstand die Vielzahl von Enden so zu schalten, dass jeder Telefon- und Telegraphenbesitzer tatsächlich mit seinem eigenen Namen angesprochen werden konnte - und das war und ist heute noch eine bemerkenswerte Sache.

12.5 Autoelektriker
Als eigener Beruf ist er in größeren Auto- und Traktorreparaturwerkstätten oder auch in der Lokomotiv- und Waggonreparatur unserer Gegend nachweisbar. Das Installieren der Elektrokabel auf dem engen Raum der Fahrzeuge war schon immer eine Kunst für sich. Wie alle artverwandten Berufler verstand er Schaltpläne zu lesen und zu entwerfen. Vor allem im letzteren kannte man damals noch keine besonderen Fachleute, wie wir sie heute in dem Schaltplanzeichner kennen. Früher wurde mit Skizzen, die nur der Fertiger ganz verstand, gearbeitet. Und das Resultat war kaum schlechter als heute.

12.6 E1ektromaschinenbauer
Unsere Elektroindustrie war - ähnlich der gesamten ungarischen und südosteuropäischen - vor dem 2. Weltkrieg noch nicht sehr entwickelt. Fast alle elektronischen Anschaffungen für unsere Fabriken kamen aus dem Ausland (Deutschland, Osterreich, später Tschechoslowakei). Die Ausbesserungsarbeiten an Motoren, Transformatoren, Wicklungen mussten aber am Ort ihres Einsatzes durchgeführt werden, somit war die theoretische Voraussetzung auch da zu ihrer Herstellung. Aber die praktische kam erst nach dem Krieg. Schlagartig entpuppte sich der Südosten als Exporteur elektrotechnischer Geräte. Das Verdienst unserer Pionierarbeit in diesem Fach ist etwa genauso hoch einzustufen wie in der gesamten handwerklichen Fertigung. Die Lorbeeren für die hochgepeitschte und vielfach unrentable, weil ungleichgewichtige Industrieerzeugung in den sozialistischen Ländern, die nach uns kam, wollen wir gerne anderen überlassen.

12.6 Elektromechaniker
Dort wo der Einsatz des elektrischen Stromes überwiegend durch Metallverarbeitung, wie Geräte- und Gehäuse- sowie Schalttafelbau, Fundamente, Rahmen und anderes, erfolgte, hatte dieser Beruf sein Betätigungsfeld. Er fand sich meist neben Elektrohandwerkern anderer Fächer. Sein Schwergewicht lag in der Kenntnis des Vorbehandelns und Bearbeitens der elektrischen Maschinen sowie ihrer fahrbaren Untersätze. Seine Werkzeuge waren die der Feinbearbeitung, wie Leerdorn, Schieblehre, Mikrometer, Rechenlehre, Feindrehbank, Löteinrichtung u. a.. Für unsere ehemaligen Verhältnisse ist dieser Beruf nur in größerer Reparatur- und Montagetätigkeit oder als Mehrfachberuf eines vielseitigen Handwerkers denkbar.

12.7 Radiotechniker
Die deutschen Volksempfänger. die vor dem 2. Weltkrieg Europa Überfluteten. kamen auch in unsere besseren, modernen Haushalte (vom Finanziellen her hätten sie in jedem zweiten Haus vorhanden sein können). Neben ihm fand der selbstgebastelte Kristallempfänger unserer eigenen Fabrikation viele Liebhaber. Er war äußerst einfach und billig, aber mit dem Mangel behaftet, dass er nur mit Kopfhörer, daher von maximal zwei Personen abgehört werden konnte. Diese beiden Arten von Radios benötigten naturgemäß keine großen Facharbeiterstäbe zur Reparatur, sie waren einfach und fielen zu selten aus. Das gleiche traf auf das aufziehbare Grammophon zu. Erst die Kriegsjahre brachten kompliziertere Geräte und damit mehr Arbeit unseren Radiotechnikern.

13 METALLBERUFE
Schmied, Metallgießer, Drahtzieher, Härter, Metallpräger, Spengler, Glockengießer, Zinngießer, Federmacher, Landmaschinenbauer, Blechdrücker, Mechaniker, Schlosser, Stanzer, Dreher, Fräser, Bohrfachmann, Hobler, Geräteschleifer, Schweißer, Nieter, Drahtwaren- und Siebmacher, Drahtseiler, Sägenmacher, Installateur, Heizungs- und Lüftungsbauer, Metallblasinstrumentenmacher


13.1 Schmied
In den pannonischen Heimatstaaten entwickelten sich bedeutende eigenständische Metallberufe ab dem Zeitpunkt der Bodenerschließung und Bearbeitung – noch in der Völkerwanderung im ersten Jahrtausend. Das systematische Niederlassen der Bauernsiedler nach der ungarischern Landnahme erforderte die Massengüter und eine ganze Reihe von Handwerkern auf der bis dahin dünnbewohnten südöstlichen Niederung. Es gab in den ersten Städten und Siedlungen Ungarns eine Reihe von Metallhandwerkern wie Schmied, Spengler, Schlosser; die einen gründerischen Einfluss auf die donauschwäbischen Handwerker ausübten. Zur Zeit der Türkenherrschaft und in ihrem gewöhnlichen Kriegstross kamen auch die metallverarbeitenden Grundberufe vor. Unsere Siedler brachten zu hohem Prozentsatz ihre Handwerkerkenntnisse aus der Urheimat mit.

Der Beruf des Schmieds unterteilte sich bei uns – wie überall sonst – in den des Hufschmieds, Kupferschmieds, Waffen-, Messerschmieds, Werkzeugschmieds und einer Reihe weiterer Untergruppen, von denen einige in dieser Kurzübersicht behandelt werden. Die Pferde- und Wagenbeschlagtechnik mit den Grundarbeiten des Schlagschweißens war schon vor unserer Zeit in Pannonien bekannt. Die Neuerung, die unsere Schmiede mitbrachten, bestand in der Verfeinerung der Härtung und Einführung der Pressluftbearbeitung. Erst die Presslufthämmer unserer Meisterbetriebe ermöglichte die Bearbeitung größerer Werkstücke, wie Waggonachsen und Schiffswellen. Die Werkzeug- und Geräteherstellung erfuhr damit erst das in einer aufstrebenden Wirtschaft erforderliche Tempo. Der hochqualitative Schmiedestahl, aus dem die Tiefpflugscharen unserer Pflüge getrieben wurden, überforderte jede menschliche Schlagkraft. Die Grenzen des Einmannbetriebes waren demnach in der Hauptsache durch das Werkstückgewicht gezogen: Was eine Hand halten konnte, gehörte zum Auftragsbereich des Dorfschmiedes, alles andere mussten die mit Seil- und Kettenzügen, Lufthämmern, Pressen und Walzen ausgestatteten Schmiedewerke erledigen.

Die Kupferschmiede kannten keine Gewichtsprobleme. Bei ihnen entschied die Form über die Konkurrenzfähigkeit: Während sie in getriebenen, dünnwandigen Tei1en wie Pfannen und Teller, Zierrat und Kleingeräten führend waren, hatten die größeren Maschinenbetriebe im Kessel-, Melzer-, Brauerei- und Küferbedarf ihr Tätigkeitsfeld. An Aufträgen fehlte es bei keinem.

Die Waffenschmiede enthusiastisch zu beschreiben, bringt nur ein kaltherziger Barbar fertig. Ließe sich ihre alte Kunst aus längst vergangener Sicht betrachten, wäre die memorierende Würdigung sicher mit vielen lobenden Prädikaten geschmückt, so aber, da sie durch ihrer Hände Arbeit nicht nur vergangenen Kriegen gedient, sondern auch die Voraussetzung für die gegenwärtigen (und zukünftigen) geschaffen haben, sollen sie durch meine Hand keine Anerkennung ernten - auch wenn sie ihr Handwerk nur als Pflichtübung gegenüber Volkstum und Herrscherhaus ansahen.
Die Messerschmiede sind mit die ältesten Metallverarbeiter. Ein ganzes Zeitalter verdankt seinen Namen den Bronzemessern sowie Kriegs- und Friedensgeräten, die in Europa ihren Ursprung haben (ca. 2000 Jahre v. Chr.). Jeder Schmied war daheim in der Lage, Hausmesser verschiedener Größe herzustellen, aber gefällige in Form und Schliff machte der Messerschmied allein: Das Blatt aus Edelstahl gestanzt, gehämmert, gezogen und gepresst und danach gehärtet, geschliffen und poliert; zuletzt bekam es zwei Halbschalengriffe aus Edelholz, Horn, Leichtmetall oder gar Elfenbein. Unsere Messer konnten zwar mit denen aus Solingen nicht konkurrieren, aber dem Zweck wurden sie voll- auf gerecht.

Die Werkzeugschmiede arbeiteten im Auftrag oder Lohn der metallverarbeitenden Industrie. Sie trugen Sorge, dass Hämmer, Meißel, Äxte in Haushalten und auch Messer und Dorne an Scher- und Stanzmaschinen den Anforderungen entsprachen. In der Massenproduktion konnten auch sie nicht mit dem westlichen Ausland konkurrieren - wohl aber bei den Ersatzteilen. Die heutigen Werkzeugmacher verstehen zwar viel von ihrem Fach, aber mit unseren Werkzeugschmieden würden sie sich zu keiner Zeit messen können, wohl auch deshalb nicht, weil sie heutzutage alles andere als die faszinierende Kunst des Umgangs mit Schmiedefeuer erlernen.

13.2 Metallgießer
Ihn gab es auf unseren Bereich verteilt überall dort, wo Stahl und Gusseisen benötigt wurde - von Neusatz bis Baja – und er versorgte die Weiterverarbeiter z.B. im Schiffsbau und der Geräteherstellung für die Landwirtschaft usw. Das Roheisen aus den ungarischen Hüttenwerken kam - in tragbaren Kokilenformen vorgegossen - in die Stahl- und Kupolgießereien und wurde als Stahllegierung in Bleche, Bänder, Schmiedestangen oder als brüchigeres Gusseisen in Schiffsschrauben, Maschinenteile, Haushalts- und Küchengeräte abgegossen. Die Aufgabe des Gießereifachmannes bestand in der Herstellung der Abgussformen nach gegebenen Modellen und deren Ausguss und Reinigung nach erfolgter Abkühlung.

13.3 Drahtzieher
Aus dem Lande der Drahterfinder (Nürnberg 1360) kommend, haben unsere den Stahlwerkern nachgeordneten Drahtmacher ihre Kunst in der neuen Heimat eingeführt und weiterentwickelt (z.B. in Futog, Mittelbatschka). Bis dahin wurde kaum irgendwo Draht benötigt. Die gemauerten und holzverschalten Zäune wurden schon seit frühester Besiedelung als Schutz gegen Diebe recht hoch (2- 2,5 m) und dick (0,25 aus Stein und 0,2 aus Holz) errichtet. Der Draht brachte eine neue Einstellung zum Eigentumsschutz: Durchsichtig und doch unbegehbar (als Stacheldraht) reizte er auch manche Eitelkeit zu zeigen, was im Garten und Vorhof geboten wird. Von den Walzwerken in Stangen bis minimal 3,5 mm vorgeformt, kam das Drahtausgangsteil in das mehrlöcherige U-Eisen und wickelte sich, von der Drehmaschine gezogen, in Ringen oder Rollen auf. Natürlich war der damals gewonnene Draht noch nicht mit den Eigenschaften bedacht, die wir heute im Zeitalter des Edelmetalls von ihm erwarten (hauptsächlich von solchen Drähten, die ganz ohne Eisenbestandteile für Glühzwecke in verschiedenen Haushaltsgeräten, wie Tauchsiedern und Glühbirnen, verwendet werden). Den praktischen häuslichen und landwirtschaftlichen Bedürfnissen genügte er aber damals auch mit überwiegend Eisen-, Zink- und Kupferbestandteilen für Stall- und Garteneinzäunung, Bindezweck, Lötmittel, Käfige etc.

13.4 Härter
Eine Einzelgängererscheinung, die wir als Tüftler in den Härtehäuschen unserer größeren Fabriken kannten. Welche Mengen an Hornmehl, Kohlenstaub, Veredlungspulver einer Härtekokille (Gefäß) einverleibt werden musste, damit das geschmiedete oder gedrehte Maschinenteil die erwartete Härte der Oberfläche bekam, wusste er auswendig und gab sie selten anderen preis (sollten die doch durch eigene Versuche klug werden!). Er brauchte keine Anleitungen und Formelbücher - er hätte sie höchstens selbst verfassen können. Das tat er aber nicht, sondern übertrug sein Wissen in vielen, vielen Härteproben auf die neuen Wirtschaftsherren, unsere Vertreiber. Üblich waren in der Werft z. B. nur zwei Härtearten: Das Feuer- und Badhärten in Öl- oder Salzbad. Das heutige Universalhärten in Elektroöfen, Flammhärten und Induktionshärten ist aber auch schon so lange in der Fachwelt bekannt, dass es sicher in mancher unserer fortschrittlichen Fabriken daheim angewandt worden ist.

13.5 Metallpräger
Was der Kupferschmied im Behämmern des höchst willigen Kupfers erreichte, schaffte der Metallpräger mit sanfter Gewalt und Hilfe der Prägepresse: Nämlich die uns allen bekannten Kuchenformen für Gugelhupf sowie Zierbänder, Türbesätze, Scharniere, Reifen, Deckel u. a.. Dieser Beruf gehörte in die Beschlagfabrik, von deren Art wir in der Batschka einige hatten, die nach unserer Beseitigung zu den Grundstöcken für die heutigen gleichartigen Fabriken wurden. Zu den wichtigsten Arbeiten gehörte auch das Schleifen, Polieren und Lackieren der geprägten Körper.

13.6 Spengler
Unsere Spengler, Klempner, Flaschner oder Blechner gehörten zu der Art von Handwerkern, die eine ganze Palette mechanischer Arbeiten beherrschten: Sie waren Schlosser, Elektromechaniker und Radiotechniker in einer Person. Neben dem Schmied und Schlossmacher gehörte der Klempner zu den ältesten Metallberufen; seit es die Zivilisation in Kultur- und Prunkbauten (Burgen und Herrscherhäuser) gab, benötigte man die Verwahr- und Beschlagkunst, die erst einen Bau schützte und witterungsbeständig machte. Gerade weil dieser Handwerker bereits in der Lehre den Umgang mit allen Metallen, aber auch mit Säure und Strom erlernte, war er im modernen Zeitalter - dem der Veredelungstechnik - geradezu berufen, die neuen Techniken auszuprobieren. Bei uns im Dorf der Oberbatschka z. B. war er - wie bereits erwähnt - derjenige, der die ersten kristallbestückten Kopfhörerradios zusammenbaute. In der Hauptsache war er aber zuständig für Dachrinnen, Kannen, Kessel, Verkleidungen, Abdeckungen, Bedachung mit Schwarz- und Zinkblech, Blei oder Kupferblech, Reparatur aller Metallgefäße, egal ob sie gegossen, gedrückt oder gehämmert waren. Unsere sparsamen Köchinnen schätzten ihn besonders dann, wenn ein Loch im Aussteuertopf war und er ihn im Handumdrehen für einige kleine Geldstücke mit Hilfe der Blechschere, des Lötkolbens und Niethammers in Ordnung brachte. Heute gibt es weder solche Reparaturen, noch die dazugehörigen Männer vom Fach. Die artverwandten Nachfolger nennen sich nur noch nebenbei und vielfach zu Unrecht Flaschner, in Wirklichkeit sind sie Installateure und Monteure vorgefertigter Blech- und Kunststoffteile.

13.7 Glockengießer
Viele der Glocken, die in unseren ehrwürdigen Gotteshäusern hingen, um mit uns von höchster Warte die Tagesläufe, Nöte und Freudenfeste zu teilen, stammten aus deutschen Gießereien in Ofen, Ödenburg und – Baja! Sofern auch andere Bronzegießereien über eigene - kleinere - Glockenherstellung verfügten, bedienten sie sich der Technik, die so alt ist wie die Religionen. Das fachlich Anspruchsvollste an der Tätigkeit des Glockengießers früherer Zeit war die Schaffung der Glockenrippen aus glattgehobelten Birkenbrettern, aus denen dann durch Drehen um die stehende Achse jene symmetrische Form erreicht wurde, die für Tonhöhe und Klangfarbe maßgebend war. Während der Lehm zur Gussform verarbeitet wurde, brannte unterhalb der Glockengrube ein Feuer, das die Form trocknete und festbrannte. Zuerst machte man eine "falsche Glocke", das heißt ein genaues Vorbild für die richtige, auf die alle Verzierungen und Striche aufgebracht wurden. Erst wenn dieses Modell allgemeine Zustimmung fand - die der Stifter, Bürger, Priester, Standespersonen - wurde daraus die endgültige Abgussform gemacht und mit feuriger Bronzespeise (78% Kupfer, 22% Zinn) ausgegossen. Der Information halber sei die der Fachwelt bekannte größte Glocke der Welt genannt: Sie wiegt 216 000 kg und befindet sich – wie sich der Chronist selbst überzeugen konnte - im Moskauer Kreml.

13.8 Zinngießer
Der leicht schmelzbare Zinn erforderte keine aufwendigen Ofen und Tiegel zur Verflüssigung und daher auch keine großen Nebenausgaben für den Handwerker, der aus ihm Gefäße, Zierteile, Ornamente und Spielzeug goss. Wir Buben konnten schon mit Löffel und Kerze die lustigen Zinnsoldaten in gekaufte Aluminiumformen gießen. Schon Streichholzwärme (230°) vermag dieses zuerst silbern glitzernde und dann bald dunkelgrau anlaufende Metall zu verflüssigen. Bevor das Porzellan in Europa (Meißen 1710) eingeführt wurde (die Chinesen kannten es angeblich schon im 7. Jahrhundert), bestand das Tafelgeschirr der besseren Leute aus Zinn und das des Bürgers aus Ton. Seines beschränkten Vorkommens und der allgemeinen Beliebtheit wegen war Zinn schon immer teuer. Bei uns besaßen Zinngeschirr auch nur die Reicheren zur Wand- und Schrankzierde. Sonst wurde dieses Weißmetall noch viel in Gießereilegierungen (Bronze) und im Spenglerhandwerk (Blechbeschichtung und -lötung) verwendet. Der Umgang damit war so vielseitig wie sonst bei wenigen Metallen. Entsprechende Ansprüche stellte es an die gestalterische Fähigkeit des Zinngießers.

13.9 Federmacher
Eine neuere Berufsart, die eigentlich nicht viel mit den alten Uhrenfedern zu tun hat. Bei Klappmesserfedern können wir noch am ehesten verdeutlichen, welche Arbeit ein Federmacher in unserer Gegend hatte: Formen, Schmieden, Feilen, Schleifen, Härten, Polieren des Edelstahls, der in Stangen aus der Stahlgießerei bezogen wurde. Fiaker-, Zug- und Wagenfedern wurden ähnlich, nur nicht von Hand, hergestellt. Die zylindrischen Zug- und Druckfedern benötigten einen drehbaren Dorn, um gleichmäßig rund zu werden. Von der Legierung und dem Härten des Materials, das noch keine automatischen Temperaturregelungen kannte, hing die Federgüte und damit das Geschäft des Federmachers ab.

13.10 Landmaschinenbauer
Zwischen Schlosser und Schmied war er angesiedelt, der Instandsetzer und Richter aller unserer Landwirtschaftsmaschinen: Da waren immerhin schon um die 20. Jahrhundertwende neben den mehrschaarigen Pflügen die Sä-, Mäh-, Hack- und Setzmaschinen auf dem Feld und eine Reihe weiterer im Hof wie Hechsel-, Mahl-, Rüben- und Fördermaschinen. Auch der Inhaber oder Vermieter der vielbewunderten und zu ihrer Zeit, trotz Erstickungsgefahr durch den immensen Staub, recht fortschrittlichen Dreschmaschine gehörte zu den Landmaschinenmechanikern. Gegenüber dem Ochsen-, Pferde- und Flegeldrusch war die von Dampf- oder Dieselwagen angetriebene Erntemaschine mit zugehörigem Elevator eine echte Sensation ihrer Zeit. Ausgebildet als Maschinenschlosser, tüchtig und fortschrittlich, stieß in jedem Dorf mindestens ein Fachmann zu diesem wichtigen Beruf. Da sich auf dem Lande aber ein vom sparsamen Bauern abhängiger Handwerker keine großen Reichtümer erwirtschaften konnte, blieb der Landmaschinenmechaniker durch die Jahre hindurch ein Einmannbetrieb mit höchstens einem Lehrling und Gesellen. Wer es fertig brachte, dass der Bauer für ihn und nicht umgekehrt er für den Bauern arbeiten musste, z. B. indem er neben der Reparatur auch den Handel mit Landmaschinen betrieb, der konnte evtl. den Bauern in materieller Hinsicht überflügeln.

13.11 Blechdrücker
Eimer, Kessel, Töpfe, Bottiche, Waschzuber und andere Blechgefäße aus rohem Aluminiumblech und verzinktem Stahlblech waren früher das Produkt der Blechdrücker. Später erst (nach 1900) wurden sie zur Massenware der Hochdruckpressen. Gewisse Arten von Druckgut, wie sie für Modelle oder Vorserien benötigt werden, müssen heute noch (i.J.1977)mit kräftigen Armen, Brust- und Bauch-Muskeln gedrückt werden. Das geschieht immer noch wie zu unserer Zeit: Auf einer einfachen, aber stabilen drehbankartigen Maschine mit geringer Drehzahl wird die zu drückende Metallplatte am Futter befestigt und während der Drehung langsam auf den Holzkern mit dem Knebeldrücker geschoben. Die fertigen Gefäße wurden beim Gebrauch im Freien mit Zink oder Lack überzogen und als Küchengeräte emailliert oder vernickelt.

13.12 Mechaniker
Mit dem Zeitpunkt, da sich in der Batschka Fabriken für Schienen-, Wasser- und Landfahrzeuge niederließen, setzte auch die Zuwanderung und Ausbildung der dazugehörigen Techniker ein. Zahlreiche Begriffe für Metallbearbeitung und deren Werkzeuge kamen dazu und wurden, aus Mangel an heimischen Namen, von allen Nationalitäten übernommen: Schneideisen, Rohrzange, Drehbank, Schweißapparat, Scharnier und vieles andere mehr. Werkzeuglagerung, Reparatur, Ablauf, Ersatzteilfertigung wurden von den Erfordernissen der deutschen Firmen MAN, MWM, Magirus-Deutz, Klöckner-Humboldt usw. diktiert. Was und wie es zu tun war, zeigten die donauschwäbischen Meister, die vielfach in den Stammwerken und Reichsschulen ihr Fach erlernt oder vervollständigt hatten. Weniger der Neubau als die Instandsetzung und Wartung der großen Maschinen und Motoren fiel unseren Mechanikern zu. Es gab nur wenige maschinelle Ersatzteile, die im Original aus Deutschland bezogen werden mussten: Das komplizierteste Gussschweißen, die feinste Nachbildung von Einzelteilen mit und ohne Zeichnung, die Montage schwierigster Maschinen schreckte unsere Meister nicht ab, sondern ließ sie vielmehr ihre praktischen Fähigkeiten so weit entwickeln, dass ihre ungarischen und slawischen Lehrlinge nach dem Krieg glaubten, auch ohne sie auskommen zu können; viele täuschten sich, wie in so manchem, und stürzten ihre sozialistische Nachkriegswirtschaft in jahrzehntelange Krisen.

13.13 Schlosser
Welchen Stand dieses Handwerk in Pannonien vorfand, ist am besten an den noch bei unserer Vertreibung üblichen Tür- und Torverschlüssen zu ermessen. Genau wie vor 500 Jahren - zur Zeit der Erfindung des schließbaren Türverschlags - wurden viele Tagelöhnerhäuschen noch in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit kräftigen Holzriegeln versperrt. Sie hatten sich, im Gegensatz zu den wohlhabenderen Nachbarn, noch nicht vom uralten Sicherungsriegel getrennt, teils weil sie sich kein teures Handwerkerschloss leisten konnten, teils aber auch, weil sie ihrem stabilen Riegel mehr trauten: Sie befürchteten, dass wer ein Sch1oß machen konnte, auch Nachschlüssel dazu fertigen konnte. Jeder Neuerung zu trauen, war nicht ihre Art. Überhaupt blieben viele unserer andersnationalen Nachbarn lange Zeit der westlichen Technik verschlossen. Ein Blick in ein nichtdeutsches Dorf genügt, um das hundertfach zu belegen: handgetriebene Mahlsteine, hölzerne Schüsseln, Teller und Löffel, offene Kamine, schilfgedeckte Häuschen - vieles wie zur Siedlerzeit. Unsere Schlosser waren keine Erfinder raffinierter Verschließtechniken, sondern bewährte Handwerker, die alle in Frage kommenden Metallarbeiten wie Feilen, Meißeln, Sägen, Biegen, Bohren, Gewindeschneiden, Weich- und Hartlöten beherrschten und die für ihre Zeit neuesten Werkzeuge besaßen. Zu ihrer schwierigsten Arbeit gehörte das Herstellen der Schlossfedern durch Biegen und Härten des legierten Federstahls. Das Schloss- und Schlüsselmachen war zuletzt nur den wenigsten Hauptbeschäftigung. Je mehr sich die Fabriken aller Serienteile in Haus und Wirtschaft annahmen, umso mehr verlegten sich die Schlosser auf die übrige Sonderfertigung, die naturgemäß zwischen der fein- und grobmechanischen Metallbearbeitung lag: Bauschlosserei, Maschinenschlosserei, Anlagenbau, Blitzableiterbau u. ä. mehr.

13.14 Stanzer
Hauptsächlich der Kessel- und Schiffbau benötigte Fachleute dieses Berufes. Als Hilfsarbeiter oder Anlernlinge eingestellt, spezialisierten sich kräftige Burschen in der Anreiß-, Körner- und Stanztechnik an damals noch handbefördertem Dickblech. Bevor eine stählerne Nietplatte einbaufertig war, musste sie nach dem Lochen entgratet, gerichtet, d. h. auf der 2 m langen Amboss- oder Richtplatte gehämmert und an den Kanten gerade geklopft (bei über 3 mm dickem Material) gehobelt oder abgeschliffen werden. Die Arbeit mit geraden Platten war den Anfängern vorbehalten. Kugelige, zylindrische, ovale und nach Metallschablonen gebogene Bleche erforderte mehrjährige Praxis, denn das fertig geschweißte oder genietete Objekt konnte nur wenig korrigiert werden.

13.15 Dreher
Für die ersten 50 Jahre nachdem die Drehbank in unsere Gegend gekommen war (um 1870) hatten unsere andersnationalen Arbeitskollegen keinen eigenen Namen für sie. Erst in den 30er Jahren bürgerte sich der "strugar" und „esztergályos“ (Dreher) ein, wobei die Maschine selbst bis zum heutigen Tag noch keine endgültige Übersetzung aufzuweisen hat. Alle Dreher Mittel und Südosteuropas wissen auch noch in 100 Jahren, was eine Drehbank ist. Die industrielle Drehbank wurde in Deutschland schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Transmissionen der Dampfmaschinen angekoppelt. In der Einzelfertigung kleinerer Handwerksbetriebe konnte sie erst mit dem Elektromotor genützt werden. Für Holz, das bekanntlich durch Fußantrieb Jahrhunderte früher gedreht werden konnte, wurde die alte, langsame, mittelalterliche "Fitzelbank" auch noch zu unserer Zeit mancherorts (wo es keinen Strom gab) verwendet. Rationelles Drehen war erst ab 1860 in Deutschland und etwa 20 Jahre später im Südosten möglich, denn da wurden erstmals Revolver- und Automatendrehbänke eingesetzt. Den Arbeitsablauf brauchen wir hier in keinem Falle festzuhalten. denn es ist nicht abzusehen. dass auch nur eine Technik. wie wir sie zuletzt an den Drehbänken anwandten, bald veraltet und vergessen sein wird. Gehen wir in einen heutigen Drehsaal, so hören wir neben unseren „einfachen Typen" noch die Lepp-, Feinstpolier-, Hohl-, Rundschleif- und Karusselldrehbank; alles Hochgenauigkeitsmaschinen, die mit Genauigkeiten von 5 – 10 Tausendstel mm - der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten - besser sind als unsere.

13.16 Fräser
Bei uns war es ein seltener Beruf, denn die Fräsarbeiten konnten von jedem Facharbeiter der Metallbearbeitung wahrgenommen werden; hochpräzise Universalfräsmaschinen kannten wir noch nicht. Sie wurden erst durch die lochkartengesteuerten und vorprogrammierten Arbeiten in den westlichen Werkzeugmaschinenfirmen benötigt und nach diesem Eigenbedarf ausgebildet. Unsere Fräsarbeit beschränkte sich auf mittelfeine (ca. 5-Hundertstel) Bearbeitung der Anschlussflächen von Motor- und Getriebegehäusen, Fundamenten, Ständern, Schienen, Anlaufflächen u. ä.. Die Fräswerkzeuge waren noch aus vollem Hartmaterial, von den Fräsern selbst geschliffen und gehärtet und nur vereinzelt wurden zuletzt auch WIDIA(wie Diamant-)-Wechselschneiden eingesetzt; diese aber nur im Wegwerfprinzip, denn wir hatten noch nicht jene feinen Nachschleifgeräte zur Verfügung, die heute eine völlig neue Investitionseinstellung erfordern.

13.17 Bohrfachmann
In seiner überzeugendsten Rolle ist dieser Fachmann beim Tiefbohren zu beobachten. Lange Waffenläufe und Pumpenzylinder kannten auch unsere Bohrleute. Krupp ist als Großlieferant langer Waffenrohre weltberühmt geworden. Unsere Bohrwerker - Gott sei Dank - nicht. Sie machten aber der Pumpenherstellung, die in unserer nutz- und schadwasserreichen Gegend viel zu tun hatte, alle Ehre. Unsere dampf- und dieselbetriebenen Pumpwerke hatten wir mit vielen selbsthergestellten Teilen ausgestattet, daher ist manche fruchtbare Ackerfläche, die im Donautal durch Trockenlegung gewonnen wurde, als unschätzbarer Verdienst unserer Bohrfachleute anzusehen. Wer auf dem Donaudamm einen halbtägigen Marsch machte, konnte zu unserer Zeit mindestens 5 solcher Großpumpen inspizieren; ihnen waren Werkstätten zugeordnet, mit je einer Dreh- und Bohrmaschine und einer Menge laufend benötigter Reparaturwerkzeuge.

13.18 Hobler
Ähnlich dem Fräser ist dieser schon immer nur in der Industrie vor zufinden. Hobeln, Stoßen, Räumen sind artverwandte - auf lineare Werkzeugbewegung ausgerichtete – Arbeiten, die bei geistiger Beweglichkeit und körperlicher Geschicklichkeit von ein- und demselben Mann zur gleichen Zeit bewerkstelligt wurden. Schon die erste Hobelmaschine im vorigen Jahrhundert arbeitete nach dem gleichen Prinzip, wie das unsere späteren taten: Ein großes Schwungrad – Schwunggestänge - setzte die Dreh- in waagrechte Bewegung um, dermaßen, dass der stärkere und langsamere Vorlauf auf dem Inneren Drehradius und der schnellere und schwächere am Außenradius angetrieben wurde. Ansprüche und Schaltungen haben sich inzwischen verändert und auch den supergenauen Universalhobler auf den Plan gerufen; aber das Prinzip der Arbeitsweise ist das gleiche geblieben.

13.19 Geräteschleifer
Ein praktischer und vielbeschäftigter Zweig war der unserer Werkzeugschleifer. Von den Haushaltsmessern und Scheren bis zum Messer der großen Schlagschere für Industriebleche musste er alles schleifen können. Dabei brauchte er nicht einmal dem Kleingewerbler mit den fahrbaren Straßenschleifgeräten (Scherenschleifer) Konkurrenz zu machen. Er wurde vom Handwerk und von der Industrie beschäftigt: So von Messer- und Äxteschmieden, Gartengeräte- und Landwirtschaftsmaschinen-Herstellern, Werkzeugmachern und anderen. Seine wichtigsten Hilfsmittel bestanden aus verschieden geformten und angewandten Schleif-, Motor- und Kunst-Steinen: flach, rotierend, mit Hand-, Fuß- und Motorbetrieb. Mit dem Schmied musste der Schleifer das Wissen über die Warmbehandlung (Formung, Härtung) der Werkzeugstähle gemein haben.

13.20 Schweißer
Eine Berufsbezeichnung, die keinen vollwertigen Ersatz im andersnationalen Sprachgebrauch kennt. Bevor dieses relativ junge Gewerbe (um ca. 1900) ins Land kam, war hier nur das Schmiedeschweißen bekannt. Zahlreiche Stahlreifen für Karren und Leiterwagen wurden auch noch zu meiner Lehrzeit in Apatin (1948-51 als Schiffsmechaniker) derart gefertigt, dass nach dem Rundbiegen die übereinanderliegenden Enden bis zur Schweißglut erhitzt und mit Hammerschlägen zusammengeschweißt wurden. Das Gas- und Elektroschweißen brachte viele neue Möglichkeiten mit sich, so z. B. zwei Stähle verschiedener Zusammensetzung oder gar zwei verschiedene Metalle unlösbar aneinander zu binden. Über Nacht hatten eine Reihe von Handwerkern Gasflaschen und später Stromumformer in der Werkstatt und zeigten der verblüfften Kundschaft wahre Wunder an Reparatur- und Fertigungskunst. Der Schweißer als Eigenberufler war nur in größeren Betrieben zu finden: in der Rohr-, Stahlprofil-, Blech- und Buntmetallverarbeitung. Nebst der zeichnungsgerechten Zusammenpassung durch Schleifen und Klemmen hatte er auch die Aufgabe des Härteanlassens, Schleifens und Verputzens der Nähte.

13.21 Nieter
In der Schiffsschmiede und im Großkesselbau fielen die Außenarbeiten dem Nieter zu. Kein Ohr eines Lebewesens und schon gar nicht das menschliche ist den mehrstündigen Schlägen auf einen großen Blechkörper mit dem Vorschlaghammer, wie er beim Nieten unumgänglich ist, gewachsen. Die Resonanz des Schlag- und Gegenhammers schien mir oft die grausame Rache eines von Menschenhand vergewaltigten Elements zu sein, das mit der Größe der zusammengefügten Teile überproportional wuchs. Solange zwei oder drei Niethämmer den Schiffsrumpf auf dem Trockendock bearbeiteten, war es mir unmöglich, mich darin aufzuhalten. Manche brachten und bringen es heute noch fertig - wie ich das neulich in einer Großkesselfabrik erlebt habe: Hier hatten nur die Neulinge beim Gegenhalten und Hämmern Ohrenschützer auf, die Älteren hatten schon lange ihr Gehör eingebüßt - und das war für sie nicht einmal verwerflich, sie bekamen ja Lärmzulage. Nun, bei uns gab es keine Lärmzulage, deshalb ließ ich schon im ersten Lehrjahr auch keine Ruhe, bis ich als Lehrling aus der Schiffsschmiede in die Mechanikerwerkstatt versetzt wurde.

13.22 Drahtwarenmacher - Siebmacher
Außer den Endloserzeugnissen für Drahtzäune und Bindegewebe flocht und wickelte dieser Handwerker alles, was in einer bäuerlichen Wirtschaft an Drahtformen anfiel: Zäune, Käfige, Gitter, Siebe, Gefäße, Körbe, Trocknungsmatten und Raufen. Der Handwerksbedarf an Drahtwaren und Halberzeugnissen ging viel weiter: In jedem Beruf wurde Draht in irgendeiner Form benötigt. Am Aufkommen der industriellen Fertigung von Vogelkäfigen und Kleintiergehegen wurde der ursprüngliche - schon zur Ritterzeit mit den Panzerhemden geborene - Beruf des Drahtwarenmachers aus dem Augenmerk der Öffentlichkeit verdrängt. Die Maschine bog ihre Teile gleichmäßiger und schöner. Und die anschließende Vergoldung oder Versilberung tat ein übriges, um den umständlich - so ähnlich wie das bei den Hippie-Handwerkern in den Großstadtpassagen der Fall ist, nur vielseitiger - mit Zange und Schere arbeitenden Handwerker brotlos zu machen.

13.23 Drahtseiler
Wer einmal einem Drahtseiler zugesehen hat, wie er die Verbindung zweier Seile oder deren Abschlussschleife zurechtnäht und biegt, der wird mir recht geben, wenn ich behaupte: Dieser Beruf brauchte Talent und Ausdauer. Störrischer als Hanf- und Baumwollschnüre und für verantwortungsvolleren Einsatz gewickelt und geknüpft verlangte ein Drahtseilerberuf maschinelle und werkstattkundige Fähigkeiten. Einem Drahtziehbetrieb nachgeordnet, musste die Drahtseilerei mit großen Investitionen im mehrschichtigen Ablauf arbeiten, denn die vielen Umrüstzeiten mussten neben der normalen Arbeitszeit nachgeholt werden. Beim Einrichten des Wickelvorganges für eine neue Seilart mussten Umfangs- und Drehgeschwindigkeitsberechnungen angestellt werden, wodurch dieser Beruf keineswegs zu den stumpfsinnigsten zu zählen war. Zwei verschiedene Seilarten sind mir von daheim bekannt: Das Kernseil und das kernlos gewickelte. Die Beschreibung dieser Arbeitsprozesse würde mir aber wesentlich schwerer fallen, als dies beim vielfältigen Einsatz von Seilgut in Schiffen und elektrotechnischen Einrichtungen der Fall wäre.

13.24 Sägenmacher - Richter
Bevor sich die vollautomatische Stanz- und Fräsmaschine der vielfältigen Sägeblätter annahm, mussten die Zähne der schon lange Jahrzehnte bekannten Arten der Kreis-, Band- und Zugsägen von Hand ausgestemmt, gefeilt und gespreizt werden. Das Material war nicht von besonders guter Qualität, denn pro Winter wurden die Zähne mehrmals stumpf, und die Sägefachleute (sie hatten noch zusätzlich ein Holz- oder Metallhandwerk dazugelernt) brachten sie gekonnt wieder in Ordnung. Heute ist das nur bei den hoch beanspruchten Metallsägen für Stähle und Edelmetalle notwendig. Die Holzsägen waren fast eine Generation vom Vater bis zum Sohn in Gebrauch, und waren sie der Arbeit nicht mehr gewachsen, oder auf Fingerbreite abgenützt, so wurden sie weggeworfen. Heute ist Ersatz bei den meisten Handwerkzeugen billiger als - Reparatur. Die sparsamen Donauschwaben hätte ein zu früh weggeworfenes Sägeblatt noch im Traum verfolgt. Es wurde so lange nachgefeilt, gedengelt und gerichtet, bis es wirklich nicht mehr zu gebrauchen war.

13.25 Rohrinstallateur
Dieser neue Name des uralten Faches der Flaschner - derjenigen, die schon lange vor der ersten allgemeinen Wasserversorgung ganzen Städten (ab ca. 1830) die Küchen- und Bädereinrichtungen einzubauen hatten - war daheim nur in den Fabriken geläufig. Deshalb soll er auch hier nicht durch andere Merkmale nachträglich verfälscht werden. Unsere Installateure waren niemals Flaschner. Sie kamen vom ersten Tag ihrer Lehre bereits mit - für unsere Zeit - hochmodernen Gas- und Wasserrohrsystemen und den dazugehörigen Regelorganen in Berührung. In manchem unserer Gemeinwesen lähmten mangelnde Organisation und Aufklärung das Fortschrittsdenken, oder es machte reinste Armut eine Weiterentwicklung in der Wasserversorgung unmöglich; es kam lange zu keiner Sammelversorgung an Haushaltsenergie. Die Fabriken waren aber vom ersten Tag an modernste Selbstversorger. Das Rohrnetz für Propan-, Butan- und Kokereigas, die Zuleitung und Ableitung des Brauchwassers aus eigenem Brunnen und viele angrenzende Arbeiten fielen in den Kompetenzbereich der Installateure, die im Fertigen von Gewinde (im damals üblichen Zollsystem) Flanschen, Hanfdichtungen den heutigen Meistern dieses wichtigen Faches in keiner Weise nachstanden.

13.26 Heizungs- und Lüftungsbauer
In Westeuropa wurde schon kurze Zeit nach der Entdeckung der Dampfenergie als Motorkraft auch die zentrale Dampfheizung eingeführt (um 1800). So ähnlich wie in den ersten dampferzeugenden Werken die Dampfüberschüsse in Niederschlagskörper (Heizkörper) geleitet wurden, um ihre Wärme an die Umgebung abzugeben, so nützten auch bei uns in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die ersten Dampfmaschinen und Dampfwerke einen Teil ihrer Dampfenergie zu Heiz- und Badezwecken: Sie waren die Pioniere der pannonischen Zentralheizung. Parallel hierzu wurde auch die Dampfheizung in Zügen und auf Schiffen bekannt und drängte buchstäblich reiche Städter und unternehmungslustige Handwerker, sich saubere Heizungsarten einzurichten. So entstand der Beruf unseres Heizungsbauers. Der seines lüftenden Antipoden folgte erst, als die Warmluft durch Verteilerschächte aus dem Heizraum in andere Räume umgewälzt und die Ventilation der Räume bei warmer Witterung ohne Wärmezusatz weiterbetrieben wurde. Diese ersten Klimaanlagen brachten dem Handwerksbereich eine neue Berufsausweitung und neue erträgliche - weil ausschließlich von Reichen stammenden - Aufträge.

13.27 Metallblasinstrumentenmacher
Dieser, durch den Großbedarf in Blechblasinstrumenten, ins Leben gerufene Beruf konzentrierte sich zu meiner Apatiner Zeit auf den Instrumentenmacher Ludwig Horn, der hier für alle anderen stellvertretend stehen soll. Trompete, Posaune, Waldhorn, Tuba haben abgesehen von Form und Tonlage eines gemeinsam: sie bestehen aus dünngezogenem und gelötetem Messingblech und sind mit vorgefertigten Ventilen und Mundstücken versehen. Meister Horn fertigte und reparierte, für uns neugierige Internatsmusiker sichtbar, alle Arten von Blechinstrumenten. Er schnitt das Feinblech mit Hilfe von Schablonen aus bezogenen Messingblechtafeln und gab den einzelnen Stücken durch Hämmern und Drücken die gewünschte Rundform. Die Schallstücke wurden aus kreisrunden Ausschnitten - ähnlich den Kupfertellern - über einem rotierenden Holzmodell gedrückt. Bei langen Rohrinstrumenten - wie bei der Posaune - gab es nur gelötete Übergangstrichter; der Klangkörper und das lange Parallelrohr waren nahtlos gedrückt oder gezogen. Nachdem ein Rohling zusammengesetzt und eingestimmt war, ging der Meister ans Glätten und Polieren - an dem wir uns auch begeistert versuchen durften - und ans Ausprobieren. Aus der Werkstätte des Horn’schen Betriebes kamen viele Instrumente in die Hände der Batschkaer Bläser, aber den Markt versorgen konnte er zuletzt nicht. Andernorts in der Batschka und im Banat existierten ähnliche Werkstätten, die ähnlich dem Horn’schen Betrieb arbeiteten und die dem donauschwäbischen Blasmusikgebiet zu seiner bekannten Qualitätsmusik in Klang und Lautstärke verhalfen.

14 VERKEHRS- UND HANDELSBERUFE
Eisenbahner, Droschkenkutscher, Spediteur, Taxifahrer, Händler-Aufkäufer, Verkäufer, Schaufenstergestalter.

14.1 Eisenbahner
Von den über 60 verschiedenen Arten des Eisenbahnerberufes, die wir heute in neuesten Nachschlagwerken vorfinden, entfielen auf unseren Bereich etwa ein Drittel. Dabei kann bei der Betrachtung der jetzigen Berufsmerkmale bei dem betreffenden Drittel vieles in dem Tagesablauf unserer ehemaligen Eisenbahner wieder entdeckt werden. Es blieben eigentlich seit der Eröffnung der ersten Probestrecke der Dampfbahn Nürnberg-Fürth im Jahr 1835 die Arbeitsbedingungen auf und um die Dampflok so unverändert, dass unbesehen die meisten auf unsere erstmals ab dem Jahre 1869 durch die Batschka – Szegedin - Subotica - Sombor - Dalj - Esseg fahrende Eisenbahn übertragen werden könnten. Rund zwanzig Jahre vorher, seit etwa 1850, können bereits in Südungarn Schmalspur- und Privatbahnen, auf kurzen Strecken ausfindig gemacht werden, bei denen weniges Personal oder sogar nur Einzelpersonen die gesamte Bedienung und Wartung erledigten. Da wie dort sehen wir spätestens ab der Vernetzung der breiten, europäischen Spur, an arbeitstypischen Merkmalen, wie die Lokführer und Heizer die Vorratskammern und -behälter mit Stein-, Braunkohle und Wasser füllen - letzteres aus hohen Schwenk- und Zapfstellen in den größeren Bahnhöfen; da sehen wir den Fahrausweisprüfer in der Person unseres Kondukteurs, den Gleiswart und Wagenmeister beim Gleis- und Achsenabklopfen, den Bahnwärter im einsamen Häuschen an unbeschränkten Bahnübergängen oder im Bahnhofsgebäude seine Rangierhebel bedienend, den Stationsvorsteher mit der internationalen roten Mütze und den weltmännischen Manieren, einen seiner Helfer im Bereich der Gepäckabfertigung. den anderen bei der Fahrkartenausgabe, die oft eine amtliche Personalunion darstellten, ferner einen mehr schlecht als recht von der Bahn - und ihren Gästen – lebenden diensteifrigen Gepäckträger (Dienstmann). Im Güterbereich hatten wir das gleiche fachliche Führungs- und Begleitpersonal, wie wir es in anderen wirtschaftlich erschlossenen Ländern, vor der hektischen Elektrifizierung des Verkehrs, vorfinden. Die vielfältige Ware, die von Landwirten, Handwerkern und der Industrie des Südostens erzeugt und in alle Welt befördert wurde, rollte auf dem - nach dem 1. Weltkrieg etwa 500 km betragenden – Batschkaer Schienennetz, fast immer pünktlich in ihre Zielbahnhöfe (unter Pünktlichkeit bitte ich eine Mischung aus westlicher Exaktheit und südosteuropäischer Gemütlichkeit zu verstehen). Ferner bleibt noch die im Wartungs- und Reparaturbereich tätige Rangier-, Kontroll- und Abfertigungsmannschaft zu erwähnen, die halb aus Beamten, halb aus Handwerkern bestehend das amtliche Bindeglied zu den Schlossern, Schweißern und Mechanikern im Depot darstellten.

14.2 Droschkenkutscher
Als Überbleibsel der vormaligen Post- und Adelskutscher gehörten sie - und gehören teilweise heute noch - zum Vorplatzbild unserer städtischen Bahnhöfe. Weder schlechtes Wetter noch schlechte Zahler konnten den Fiakerfahrern die Laune und Ausdauer beim Warten auf die einfahrenden Züge nehmen. Auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht ausgemacht werden konnten - in Dörfern mit weniger Zugverkehr - waren sie präsent, d. h. jeder Fahrwillige konnte sie durch einen vom Stationsvorsteher zu vermittelnden Laufburschen holen lassen. Beim Besteigen dieser Gelegenheitsdroschken durfte aber der Gast keine empfindliche Nase haben, denn es konnte vorkommen, dass der Kutscher auf seinem vornehmen Leiterwagen kurz vorher eine Ware beförderte, die weniger mit der Bahn als mit den Tieren seiner Landwirtschaft zu tun hatte.

14.3 Spediteur
Naturgemäß war im bäuerlichen Lebensbereich kein hauptberuflicher Lastfahrer erforderlich. Heute nennt sich so etwas gegenseitige Nachbarschaftshilfe was unsere engen Dorfgemeinschaften tagein, tagaus übten - mit und ohne Fuhrwerk. Verrechnet - in Geld oder Naturalien - wurde nur dort, wo die Hilfe längere Zeit einseitig ablief. Genauso selbstverständlich wie ihn das Dorf nicht brauchte, war der Spediteur in der Stadt. Auf seinen gummibereiften Flachladern sah man ihn alles was Handwerk und Industrie erzeugten, zur Bahn, auf die Märkte, zur Privatkundschaft fahren. Der legendäre Bierkutscher aus den Reichsstädten und der Holzfahrer aus dem Hochwald. deren Gefährte entsprechend des Einsatzes gebaut waren, gehörten in unserer Gegend ebenfalls zum typischen Bild der Lohnfahrer.

14.4 Taxifahrer
Die Dienstleistung mit Hilfe eines eigenen Autos kann genauso weit wie das Privatauto selbst zurückverfolgt werden. Schon kurz nachdem Daimler-Benz und Opel ihre ersten Autos in Deutschland geschaffen hatten (zwischen 1890 und 1900) kam auch das Taxi zur Welt. Es sollten aber noch rund 30 Jahre vergehen, bis die deutschen Automobile als Lohnkutschen auch unser Ländchen eroberten. Wer das erste Taxi fuhr, ist nicht bekannt. Lediglich, dass es eines aus der in den 20er Jahren angelaufenen Großfließbandserie von Daimler und Opel war, kann mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, denn erst ab dem Termin bekam das Privatauto jenen volkstümlichen Preis, den sich auch Nichtfabrikanten und Unadelige leisten konnten, also solche, die gegen Lohn andere Leute beförderten. Lohnfahrer waren noch nie reiche Leute. Ja sie wurden es auch nicht mit Hilfe ihres Mietwagens. Die Sparsamkeit unserer Bevölkerung schlug sich nicht nur im mageren Geldbeutel des Taxibesitzers in der droschkenreichen Vorkriegszeit nieder, sie hatte auch den Vorteil, dass so ein unausgelasteter Wagen Jahrzehnte überleben und weit in den 40er Jahren, also noch in unserer Erinnerungsperiode und im damals noch in Ungarn geltenden Linksverkehr, Zeugnis seiner treuen Dienste geben konnte. In den ersten Nachkriegsjahren hielten sich noch Droschken und Taxis (z. B. in Subotica und Baja) zahlenmäßig die Waage. Draußen auf dem Land konnte vielleicht noch eine einzige Taxe ihren klapprigen Lebensunterhalt aufrechterhalten: Für mehr war kein Bedarf vorhanden.

14.5 Händler - Aufkäufer
Sie traten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Großhändler im Hanfhandel in Erscheinung, deren Börse Hodschag in der Batschka war, stellten den ersten Schwabenmillionär (lt. Josef Senz die Fam. Aigler aus Batsch-Sentiwan, die 1842 geadelt wurde und sich magyarisieren ließ in Szemzö). Weitere Händler-Millionäre hatten wir im Getreidehandel ebenfalls noch im 19. Jahrhundert. Sie kauften das Getreide bereits vom Halm oder Druschplatz auf, indem sie zur Erntezeit mit ihren Unteraufkäufern die Fluren der Batschkabauern durchstreiften. Neben diesen Ausnahmen waren die Regel mittlere und kleinere Händler/Aufkäufer, deren Vertreter wir Zensare nannten. Der Partner unseres Zensar-Maklers war der Bauer und sein Vertrag der Handschlag. Vom Schwein bis zum ganzen Bauernhof reichte hier das Handels- und Vermittlungsgebaren; dass für immobile Werte noch notarielle Beglaubigungen vom Gesetz vorgeschrieben waren, betrachtete man in Kreisen des Aufkäufers als hemmende Einmischung des Staates. Kein Händler von Ruf hätte jemals seinen Handschlag gebrochen oder zugelassen, dass eine Partei Übervorteilt wurde. Dass es trotzdem auf diesen Gebieten zu kostspieligen und prozessträchtigen Missverständnissen kam, lag weniger am guten Willen der Beteiligten, als an der mangelhaften schulischen Voraussetzung des wendigen Vermittlers, der nicht immer in der Lage war, vorschriftsmäßige Verträge und Formulierungen aufzusetzen. Ähnlich den heutigen Maklern lag die Beweglichkeit unserer hauptberuflichen Händler von Angebot zu Nachfrage. d. h. von der Kundenzahl ab, die ihnen ihre Aufträge zutrugen oder um die sie sich auf ihren Rundgängen bewarben. Dem Umstand, dass sich beim Ausbau des Genossenschaftswesens die private Verkaufsvermittlung zurückbildete, hatten Zensare und ihre Auftraggeber wahrscheinlich in den letzten Jahrzehnten ihre rapide Dezimierung zu verdanken: Sie waren bei fortgeschrittenem Interesse der Bauern für kaufmännisch-zuverlässige Zusammenschlüsse immer überflüssiger geworden. Die Verdienstspanne der Zensare bewegte sich beim lebenden Inventar eines zum Verkauf anstehenden Hofes bei 10 - 15% und beim toten bei etwa 3 - 6%.

14.6 Verkäufer
Man nannte sie Greißler oder Gwelwer; ihr Geschäft war das Gwelb (Gewölbe) oder die österreichische Greißlerei. Eine hohe Prozentzahl der Angestellten unserer Einzelhandelsgeschäfte waren mehr oder weniger ausgebildete Familienangehörige. Das machte es vielen von ihnen nach der Vertreibung bzw. Umsiedelung schwer, Versicherungs- und Rentennachweise zu erbringen; welcher Verkäufer im eigenen Laden dachte ernsthaft seinerzeit an ein Altersruhegeld? Man war gewohnt zu arbeiten, solange es die Kräfte zuließen, und den schönsten Lebensabend empfand man an der Seite seiner tätigen Jugend. Die ganz auf Kundentreue ausgerichteten Verkaufsgewohnheiten kannten nur geregelte Verkaufszeiten, sofern sie gesetzlich vorgeschrieben waren. Ansonsten ließ man die Kundschaft hinten herum in den Laden. Jede Streichholzschachtel und jedes Gramm Waschsoda wechselten, von Sorgfalt und Freundlichkeit begleitet, den Besitzer. An selbstbedienjung dachten höchstens bedauernswerte Kleptomanen. Die weitaus meisten Verkaufsläden schlossen sich an die Wohnräume der Verkäuferfamilie an und konnten so neben dem Haushalt von der Hausfrau mitbetreut werden. Gut sortiert und in hohen Fächerregalen enthielten unsere Geschäfte alles, was der europäische Markt zu unserer Zeit für den Hausgebrauch produzierte. Zu den gelegentlichen Mangelprodukten zählten Salz, Streichhölzer, Petroleum, Kerzen sowie Spezereiwaren, die von ausländischen Monopolen kontrolliert und preistreiberisch rationiert wurden. Extrem schlechte Ernteerträge unserer Bauern warfen ebenfalls ihre Schatten auf die Lager der heimischen Lebensmittelgeschäfte, da von umfangreicher Hortung in unserem Einzelhandel nicht viel gehalten wurde. Bis zur Umstellung der Maßgewichts- und Längesysteme im westlichen Kulturbereich auf das Meter und Grammsystem (um 1880) bedienten sich unsere Verkäufer aller möglichen aus der Heimat mitgebrachten Mess- und Handelssysteme wie Mäzen, Kannen, Scheffel, Malter, Eimer, Ruten, Fuß usw.


14.7 Schaufenstergestalter
Dieser Werbefachmann soll stellvertretend für unseren gesamten Werbebereich stehen, ist er doch im Grunde der Ursprung jeglicher Käuferbeeinflussung. Selbst hochpompöse Verkaufsgeschäfte hielten zu unserer Zeit nicht viel von Werbeetats und Lockangeboten in Sommer-, Winter-Schlussverkäufen und Umbau-Sonderaktionen; die eigenmächtige Werbung mit Räumungsverkäufen hätte einen Geschäftsmann eher für alle Zeit ruiniert, als dass sie ihn der Kundschaft sympathischer gemacht hätte. Ruf und Name entschieden oft über den Umsatz. Qualität natürlich auch; aber die wurde beim deutschen Geschäft ohnehin vorausgesetzt. Für Ramsch war der „billige Jakob" anderer Herkunft zuständig. Der Beruf des Werbe-(Schaufenster)-beraters existierte mehr in der Person eines Warenlieferanten, dem als Hauptberuf der heutige Vertreter – Auslieferer ähnelt. Was Lokalanzeigen priesen, zeigten unsere Schaufenster und umgekehrt. Und das Gezeigte war wirklicher Ausschnitt des Ganzen und nicht - wie heute - Köder und Falle oder unverkäuflicher Phantasieplunder.

15 DIENSTLEISTUNGS- UND BEWEGLICHE BERUFE
Hotelfachmann, Gastwirt, Postverwalter/Briefträger, Kellner, Musiker, Schauspieler, Bader - Barbier, Friseur, Fotograf, Handelsreisender-Wandergewerbler, Schornsteinfeger, Scherenschleifer, Kuh- und Schweinehirte, Schäfer, Altwarensammler-Lumpenhändler, Eisverkäufer, Loseverkäufer, Schausteller, Masseur-Masseuse, Hebamme, Mesner, Pfarrhaushälterin-Pfarrköchin, Friedhofsarbeiter-Totengräber, Gesundbeterin.

15.1 Hotelfachmann
In Zeiten der langsamen und weiten Reisen entwickelten sich unsere günstig gelegenen Gasthöfe in den größeren Ortschaften (Marktflecken) wie von selbst zu Übernachtungsherbergen für den gehobenen Bedarf. Der Ruf machte schon immer das Geschäft in diesem Gewerbe. Aus den anfänglichen Gewohnheiten der Bauern, an Markttagen mit Kutscher und Knecht zur Stadt zu fahren und nebst für sich auch dem Anhang Unterkunft zu suchen, entstand der Bedarf nach Übernachtungshäusern mit mehrklassiger Dienstleistung: Im Vorderhaus schlief der Herr, im Hinterhaus hatten die Knechte ihre Kammer und die Pferde ihre Stallplätze. Die kulinarische Versorgung vollzog sich ebenfalls im Klassendenken, nur rangierten hier oft die Pferde vor Herr und Gesinde: Dem Pferd das Beste, dem Herrn das meiste und allen anderen was übrig blieb. Das Bild des bratenessenden Großbauern, dem sein Knecht mit Speck und Brot gegenübersaß, ist gar nicht so selten gewesen. Auch völlig getrennt gelegene Herbergen für Herr einerseits und Kutscher mit Pferd andererseits waren üblich; man fuhr in den großen Hof der Pferdegaststätte, überließ dem Empfangsbediensteten das Ausspannen und Versorgen der Pferde und hatte damit gleich vom Fleck weg die Freiheit für eigene Besorgungen. Was .die verantwortlichen Besitzer oder Verwalter der städtischen Herbergen angeht, so bezogen sie ihre verwalterischen und gastwirtschaftlichen Kenntnisse aus keiner Hotelfachschule, sondern aus oft generationenalter Familientradition in dem Herkunftsland unserer Siedler wie Pfalz, Württemberg, Baden oder Bayern. Diese Tradition war es, die schwäbische Betten, Küchen und Bedienung den hohen Gästen slawischer, ungarischer, jüdischer oder muselmanischer Herkunft von vornherein empfahl.

15.2 Gastwirt
In der ungeschriebenen Ortschronik von Bereg (meines Geburtsortes, in der stillen Batschkaer Ecke des Grenzübertritts der Donau von Ungarn nach Jugoslawien gelegen) spielt die denkwürdigste Rolle der Inkognitobesuch des jugoslawischen Königs, Alexander des Ersten im Jahre 23. Der Grund des Besuches (wahrscheinlich der Ortslage und undurchsichtigen politischen Aktivitäten wegen) blieb ebenso im dunkeln wie das unangemeldete Auftauchen des jungen Monarchen mit einigen anonymen Begleitpersonen; das einzige. was die Chronik aus jener Geburtszeit des Balkanstaates der Serben, Kroaten und Slowenen faktisch festhalten könnte, ist die Tatsache, dass der hohe Gast ausgerechnet im schwäbischen Gasthof abstieg und einmal übernachtete. Einige Trinkstuben der Schokatzen mit sicher ebenso verschwiegener Quartierung blieben unbeachtet. Die damals schon verwitwete Wirtin Barbara Braun, geb. Kammerer (meine Großmutter mütterlicherseits), meinte später - übereinstimmend mit den erschrockenen Dorfgrößen - dass der fotogene und den Zeitungsbildern aufs Haar gleichende Gast sehr höfliche und lobende Äußerungen über dies und jenes in ihrer Wirtschaft gemacht hätte. Außer der paar lobenden Worte ist von den Dörflern nichts registriert worden. Aus politisch kurzfristiger Sicht könnte man das bedauern. Aber langfristig zählte ein grundehrliches Urteil jedem unserer freundlichen Gastwirte mehr, als die komplizierten Zusammenhänge des Weltgeschehens. Sie fragten die Fremden nie nach Ziel und Zweck der Reise. Nur bei Stammgästen kannten sie den intimsten Lebensbereich. Hier wie dort war jedoch Verschwiegenheit oberstes Gebot. Wie konnte es in der Nachbarschaft zu dem noch der Blutrache huldigenden Balkanstaat anders sein. Von bewegten Zeiten konnte die Oma-Wirtin den Enkeln erzählen und von einträglichen Geschäften; die Thekenlade war immer mindestens bis zur Hälfte mit Münzen zweier Währungen - der ungarischen und jugoslawischen - gefüllt, nur das Großgeld, die Scheine und Goldstücke, wurden einmal monatlich auf die Bank der Kreisstadt gebracht. Geld spielte bei der – im Ersten Weltkrieg früh verwitweten - Oma nicht die größte Geschäftsrolle. Der Zustand des Gastes entschied über dessen Verbleib in der illustren Zechgesellschaft. Nicht um allen Lohn hätte sie einem ihrer fachlichen Beurteilung nach ausreichend Betrunkenen etwas Alkoholisches mehr eingeschenkt. Sie war nur eine kleine Frau, die schwäbische Wirtin, aber wenn sie einem Mann befahl, das Lokal zu verlassen, so gehorchte er strikt, oder aber, wenn er das nicht mehr konnte, so legte er sich im Nebenzimmer hin, um seinen Rausch auszuschlafen. Höflichkeit, Weinkenntnis, Menschenkenntnis, Geschäftssinn und Verschwiegenheit waren die Haupteigenschaften unserer Wirte, die nach der Devise "bei mir sind alle Gäste gleich" mit die einträglichsten Berufe daheim hatten.

15.3 Postverwalter - Briefträger
Unsere Postbeförderung hat sich aus der Kurier- und Feldpost der ehemaligen Heerespost der Österreich-ungarischen Monarchie entwickelt. In der Zeit um 1850 besorgten Staats- oder Handelskutschen den amtlichen und privaten Postdienst. Die Poststationen in den Ortschaften hatten die Postsäcke, -körbe und -pakete sowie Geldsendungen ihres gesamten Bezirks, die mit Kutschen oder Wagen von dem Nachbarbezirk angeliefert wurden, zu verlesen und deren Weitertransport in eigenen Fahrzeugen zu besorgen. Zu diesem Zweck unterhielt jede Posthalterei einige Pferde und Wagen, die Eigentum der Gemeinde waren. Mit dem Ausbau der Eisenbahnlinien, um 1870, wurden nach und nach zuerst die Hauptstrecken und danach die Nebenstrecken der Post den Zugbedingungen angepasst und das zentrale Verteilernetz ausgebaut. Danach besorgte der staatliche angelernte Briefträger die bis in unsere Tage übliche Art der dörflichen Postverteilung; Telephonie und Telegrafie betreute sein stationär tätiger Vorgesetzter oder eine weibliche Kraft, das vielbewunderte (weil gebildete) "Postfräulein", die so auch noch genannt wurde, als sie schon graue Haare und eine Schar Enkel hatte.

15.4 Kellner
Ober, Bedienung, Fräulein, Mamsell, Hallo Sie - egal wie die flinken Helfer in unseren Gasthäusern und Restaurationen genannt wurden, sie dürfen in dieser Berufsfibel nicht fehlen. Bedienungspersonal zählte bei uns im allgemeinen zu den Saisonarbeitskräften. Ganzjährige Anstellungen waren aus Sparsamkeit der meisten Wirte Ausnahmeerscheinungen. Die Wirtshelfer hatten sich damit abgefunden und wechselten im Kreisgebiet von einem Gasthof und von einem Fest zum anderen. Das war nicht ihr Schaden. Sie hatten einmal höhere Durchschnittsverdienste und zum anderen freie Zeit für Sondereinsätze wie Großhochzeiten und Vereinsjubiläen, auf deren Höhepunkten - gegen Mitternacht - zuerst die Köchin mit dem großen Schöpflöffel reihum Trinkgelder sammelte, und bei deren Auseinandergehen - in den Morgenstunden - die Bedienungen an der Tür mit offenen Händen und Taschen stehen durften.

15.5 Musiker
Vom dörflichen über den kreisstädtischen bis hin zu dem hauptstädtischen Musikleben bestimmten unsere hauptberuflichen Musiker mit, was saisonal oder turnusmäßig die Szenerie beherrschen sollte. Im Dorf standen sie als Lehrer und Kapellmeister dem Vereins- und Jugendorchester vor und in den Klein- und Großstädten fand man sie in den Militär-, Theater-, Zirkus- und Unterhaltungsorchestern. Mit den Instrumenten aus der alten Heimat einwandernd, machten unsere musischen Ahnen die süddeutschen Zupf- und Streichinstrumente (Fiedel, Gitarre) und die Böhmerwälder Blasinstrumente (Horn, Trompete, Posaune, Basstuba, Flügelhorn) in der neuen Heimat bekannt. Eine donauschwäbische. Geige war nicht dasselbe wie die der bereits ansässigen Puszta-Zigeuner. Je nach Interesse und finanzieller Möglichkeiten setzten sich die Orchester aus den Elementar-Instrumenten oder auch aus Begleitinstrumenten zusammen. Schon Trompete, Klarinette und Bass genügten, um herrliche Tanzrhythmen aufspielen zu können. Dieselbe Qualität war vom Streichtrio (Geige, Gitarre, Bass) zu erwarten. Im anderen Extrem konnte ein guter Dirigent auch aus einer Großbesetzung mit Sinfonie- und Blasorchester, bestehend aus 60 - 80 Musikern, ungeahnte harmonische Klänge hervorzaubern. Es ist nicht bekannt, dass einmal die dörfliche Musik wegen Krankheit einzelner Aktiver ausgefallen wäre. Unsere Kapellmeister waren echte Improvisationskünstler. Dies nicht immer im Hauptberuf des Musizierens. Auch im Nebenberuf stellten sie als Kleinbauern oder Handwerker ihren Mann, so dass man nicht immer auf Anhieb feststellen konnte, welche Passion überwog. Dass wir ein weitgehend vollständiges Berufsbild von diesem Beruf haben, verdanken wir seiner immer noch höchstlebendigen Tradition daheim in den Batschkadörfern, in der neuen Heimat Westeuropas oder in Übersee.

15.6 Schauspieler
Wandertheater zogen im 19. Jahrhundert dutzendweise durch Südungarn, die Batschka und das Banat. Durch recht gründliche Dokumentation wissen wir über die Schauspieltruppen, dass sie einheimische sowie bekannte Stücke aus Deutschland und Osterreich aufführten: Schillers Dramen und Anzengrubers Volksstücke mögen in etwa die weite Spanne eines bunten Theaterfächers veranschaulichen. Arbeitsweise und Alltag einer fahrenden Truppe haben sich in keiner Weise von jenen der Stammländer unserer Sprache unterschieden. Das Stammpersonal waren Fremde, doch die Komparserie einheimisch, wenn nicht örtlich. Dadurch gab es für künstlerisch begabte Mitmenschen aller Hauptberufe ein angenehmes Zusatzeinkommen.

15.7 Barbier
Diesem Beruf ist - als Einzel- und Doppelberuf - schon oft in unseren Ortsmonographien ein Kapitel gewidmet worden, nicht zuletzt, weil ihm unser "Erzschwabe" Adam Müller Guttenbrunn – als gelernter Barbier und berühmter Schriftsteller - ein helles Intelligenzler-Fluidum bescherte. Dabei waren selbst die Bader – als Vorgänger der Barbiere - keineswegs von Haus aus intelligentere, höchstens geschicktere, diplomatische Naturen. Täglich in fremde Häuser zu kommen, brachte zwangsläufig einen allgemeinen Bekanntheitsgrad und entsprechendes Vertrauensverhältnis im privatesten Bereich mit sich. Sie verstanden zwischen anvertrauten echten und falschen Geheimnissen zu unterscheiden und nicht mehr a1s nötig, um die zwischenmenschliche Neugier zu stillen, preiszugeben. Aber auch mit gekonnten Handgriffen den Bluterguss zu heilen, Aderlass durchzuführen, Blutegel anzusetzen, Geschwüre auszuquetschen und zu verbinden, Flöhe- und Läusepulver richtig einzusetzen, die Körperpflege im allgemeinen und die Haarbehandlung im besonderen. Verglichen mit ihnen waren die "Balwierer" der letzten Jahrzehnte zwar nicht so vielseitige, dafür aber nicht minder geschickte und diplomatische Könner in Sachen Haar- und Körperpflege. Beide Berufsarten arbeiteten stationär wie auch auf Verabredung oder Abruf im Hause der Kundschaft.

15.8 Friseur
Die große Mehrheit der dörflichen Damenwelt hatte seine Dienste nicht nötig, da ihre Naturpracht in ellenlangen Zöpfen zusammengerafft war. In größeren Gemeinden und Städten aber brauchte man den Damenfriseur und seinen weiblichen Antipoden, die Friseuse, sehr wohl. Zu großen Anlässen und Festlichkeiten genügten dort die im gewöhnlichen Alltag bewährten Künste des Barbiers nicht - obwohl auch er Damenhaare zu behandeln verstand -, es musste ein besonderer Meister der Formwelle das Brauthaar, das Haar der Patin etc. zurechtlegen; oft mit dem Erfolg, dass die Betreffende für die nächsten Wochen vor verkrampftem Stolz einen steifen Hals bekam. Üblich waren die Wasserwellen, die gebrannten Wicklerwellen und weniger alle jene Künste, die heute aus dem Damenhaar vielfaches Kapital zu schlagen verstehen: Bleichen, Tönung, Färben, Dauer- und Kräuselwelle, mit künstlichen oder fremden Teilen ergänzt etc.. Perücken wurden - wenn überhaupt - nur aus gesundheitlichen Gründen getragen. Die Haarpracht der Rokokomode des 18. Jahrhunderts brachten unsere Menschen nicht in die Siedlerheimat mit. Trotzdem hielt und entwickelte sich das Ondulieren auf einem gleichmäßig anspruchsvollen Stand, der, wie in unserer Kleidermode, auf dauerhaften Halt bedacht war.

15.9 Fotograf
Die Daguerreotypie - wie die Fotografie nach den Erfindern lange Zeit genannt wurde - verbreitete sich rapide ab dem Erfinderdatum (1857) überall in Europa. Auch das Siedlerland des Südostens durchzogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wanderfotografen und begannen, sich in größeren Orten niederzulassen. Vornehm, kundenfreundlich und teuer waren sie allerdings bis zuletzt. Nur so ist es zu erklären, dass ein Familienfoto daheim einen extremen Luxus darstellte, den sich auch die Reichsten nur einmal im Jahr zu besonderen Anlässen leisteten; und dies in Posen, die Platzangst, Lampenfieber und Vornehmheit darboten. Aber der gut gekleidete Herr mit dem Holzkasten aus den Zeiten der Daguerreotypie oder auch der ausziehbaren Agfa verstand alle Finessen seines Berufes, der anders als heute keine naturgetreue Wiedergabe der Objekte, sondern der Festlichkeit an sich, mit allem Drum und Dran, anstrebte. Belächeln wir kameragewandten Nachkommen in den gestellten und retuschierten Festtagsaufnahmen auch eine gute Portion naiver Fotografie, so müssen wir dem Meister alle Achtung entbieten, wusste er doch aus wenigen Hilfsmitteln, Zutaten, Lösungen und Essenzen Portraits von Ewigkeitsgeltung hervorzuzaubern. Unsere gelernten Fotografen (im Volksmund: Abnehmer) konnten zu Allzweckkünstlern ihres Faches gezählt werden, die zugleich Chemiker (sie mischten oft ihre Emulsionen, Bindemittel und Lacke selbst) , Maler (indem sie den Portraits wunderschöne farbige Effekte und Einfassungen gaben), Holzschnitzer und Bildhauer (wenn wir an die handgeschnitzten Rahmen und Grabsteinbilder von früher denken) waren.

15.10 Hande1sreisender - Wandergewerb1er
Dieses Gewerbe lag hauptsächlich in jüdischen und nur ausnahmsweise in deutschen Händen. Die Reisenden im Interesse unserer Hausfrauen und Hauswirtschafterinnen waren wandelnde Warenhäuser und brachten uns in ihren Musterkoffern und Bauchläden wahre Wunder an großstädtischem, farbigem und blinkendem Kleinkram. Unsere stolzträgen Menschen waren im allgemeinen für solche fingerfertigen und redegewandten Berufe weniger geeignet; das schließt natürlich nicht aus, dass sich auch unsere "unruhigen Naturen" darin versuchten. Die Wandergewerbler waren nur dann angesehen, wenn sie ausschließlich hochwertige Ware - z. B. neueste Modestoffe - gezielt in den reichsten Familien feilboten; die weniger Reichen sahen im Umgang mit ihnen eine Aufwertung ihrer wirtschaftlichen Stellung und luden sie gerne ein. Obwohl unser Völkchen im all- gemeinen eine dörflich einfache Lebensweise hatte, bevorzugte es im besonderen eine eigene Note. Was maßgerecht auf die Einzelperson zugeschnitten oder angeboten wurde, fand leichter einen Käufer, als das fertige Stück, das jedem passen konnte.

15.11 Schornsteinfeger
Als typische Besonderheit ist bei unserem Rauchfangkehrer erwähnenswert, dass unsere rauchintensiven Feuerstellen durch das leicht brennbare Material (Maisstruke und Sonnenblumenstiele) oft versottet und verkrustet waren. Eine gründliche Reinigung war manchmal nur mit dem starren Kratzer und der Drahtbürste möglich und somit ein Einstieg in den Kamin unausweichlich. Unsere älteren offenen Kamine waren so geräumig, dass der Meister oder sein Geselle keine Schwierigkeiten mit dem Reinigen hatten. Das änderte sich, als in den modernen neuen Bauten enge Kamine gebaut wurden. Hier war die Gefahr der Selbstentzündung größer, weshalb der Schornsteinfeger polizeibehördliche und feuertechnische Befugnisse hatte. Die Öl- oder Gasheizung kannten wir noch nicht, daher waren auch keine besonderen chemischen Kontroll- oder Reinigungsgeräte und -mittel erforderlich. Gemeinsam hatten unsere Schornsteinfeger mit den heutigen den Ruf der überraschenden Glücksbringer.

15.12 Scherenschleifer
Bei uns war der Name vollberechtigt, denn die meisten Bauern hatten eigene handgetriebene Schleifsteine für einfachen Schliff im Haus. Die Scheren und alle Arten von besserem Werkzeug erforderten den fachmännischen Schliff der Scherenschleifer. Es wäre vermessen, nachweisen zu wollen, dass keine Donauschwaben mit diesem Armeleute-Beruf zu tun hatten. Vielleicht nicht in jener ärmsten Erscheinung, der man aus Mitleid Messer und Scheren brachte, sondern in der selbstbewussten Art, die auch Frau und Kind mit auf Wanderschaft nahm; der Bub ging höflich von Haus zu Haus, die Frau putzte, polierte und kassierte, der Mann erledigte das Schleifen und Instandsetzen, bot aber auch neuen Ersatz zum Kauf an. Dieser Beruf war saisonabhängig; weder Herbstschlamm noch Winterschnee ließen die Fortbewegung des mit verschieden gekörntem Korundstein und Schleifscheiben unterschiedlicher Größen beladenen Handkarrens zu. Zum abwechslungsreichen, wenn auch nicht sehr anspruchsvollen Vergnügen der kleineren Schulkinder gehörte das begeisterte Zusammenlaufen, sobald irgendwo das unregelmäßige Schleifgewinsel der fußbetriebenen Scheiben ertönte. Welch reiche arme Zeit damals und welche arme reiche Zeit heute!

15.13 Kuh- und Schweinehirte
Die Tätigkeit des Kuh- oder Sauhüters wurde nur ausnahmsweise von einem deutschen Jungen wahrgenommen (z.B. von mir in dem bitterarmen letzten Kriegsjahr, mit Austrieb der eigenen Tiere). Doch er hatte sein Auskommen, wurde in Geld oder Naturalien (jährlich nach der Ernte) entlohnt, musste aber vom Frühjahr bis Herbst das ihm anvertraute Laufvieh der Bauern (seltener der Züchter) auf die Hutweid - meist Gemeindeland oder Ödwiese - treiben und dort beaufsichtigen. Eigene Arbeit und Verantwortung hatte ein Hirte nur mit dem Jung- oder Erstlingsläufervieh und den deckungsbereiten Tieren, für deren besondere Überwachung er bei Deckung das Deckgeld kassierte. Die Neulinge beim Austrieb brauchten besondere Aufmerksamkeit, damit sie draußen bei der Herde blieben und auf dem Heimweg in den eigenen Stall fanden. Ähnlich einer geduldigen aber nicht allzu langen Dressur verstand das Vieh schnell, was von ihm verlangt wurde und lernte schon nach 2- 3 Wochen den richtigen Weg zu nehmen. Sobald morgens um 6.00 Uhr nach der ersten Fütterung und Tränke das Hirtenhorn erschallte, öffnete der Bauer die Tür vom Schweine- bzw. Kuhstall. Die Tiere verließen brav und sichtlich erfreut den Stall, um dem Hirten und der Herde zu folgen. Schweine- und Kuhhüter (in der Batschka - Halter) gingen auf verschiedene Auslaufplätze und ließen den Tieren innerhalb eines abgesteckten Platzes - bei uns war es das Tal am Donauarm bei Karapansch - genügend Freiheit zum Auslaufen, Grasen, Saufen und Ruhen. Wegen der Unkontrollierbarkeit der Gewichtszunahme ließen Viehzüchter ihre Tiere nicht mit auf die Gemeindeweide, sondern hielten sich eigene Stallknechte, die für exakte Versorgung, Pflege und Deckung bei den im Gemeindestall stehenden Vatertieren verantwortlich waren. Diese Vatertiere des Gemeindehauses standen auch den Kleinbauern gegen geringes Entgelt zur Deckung ihres Viehes zur Verfügung.

15.14 Schäfer
Ähnlich den vorgenannten, ein Ausnahmeberuf. Anders als die ungelernten Kuh- und Schweinehirten, die ja nur den Austrieb und die Aufsicht besorgten, musste der Schafhüter sein Fach über die beiden Grundbedingungen hinaus sehr gut beherrschen. Als Wanderschäfer hatte er in den der Ernte nachfolgenden Monaten seiner Herde die besten Weideplätze zu suchen und für Lämmernachwuchs und bestmöglichen Wollwuchs zu sorgen. Paarung, Schur, Lammaufzucht, Gesundheitspflege, Stall- und Pferchbau, Klauenpflege, Kastrieren und Schlachten, aber auch eine Menge über Sortierung und Aufbewahrung der Wolle gehörte zu seinen Aufgaben. Neben den Herden-Schäfern, die auf unseren abgeweideten Feldern und Ackern die Schafe der Herrschaft versorgten und bei der Herde in ihrem vom Esel gezogenen Schäferkarren lebten, hatten wir auch solche, die neben anderer Viehzucht einen Schafspferch unterhielten, um ausschließlich den eigenen Wollbedarf zu decken.

15.16 Altwarensammler - Lumpenhändler
Wir sprachen oft vom "Lumpenjud", auch wenn es kein Jude war, der den Ruf durch die Gassen schallen ließ: "Lumpen, Alteisen, Papier"! - Nirgendwo klingt dieser Ruf so verlockend, wie bei sparsamen Menschen, zu denen sich unsere Leute, ohne Berücksichtigung des sozialen Standes, zählten. Sperrmüllbeseitigung im heutigen verschwenderischen Sinne kannten wir nicht. Für alles konnte irgendwann irgendwie eine Weiterverwendung gefunden werden. Aus dieser Tatsache lebten die Lumpensammler. Nicht sehr üppig, denn viele alte, d. h. mehrfach ausgediente Kleidungsstücke wurden von den Lumpenwebern zu buntgestreiften Läufern gewoben. Nur, was so nicht verarbeitet werden konnte, nahm der Lumpensammler im Tausch gegen diverses Tafel- und Küchengeschirr sowie Gläser in Zahlung. Ebenso verhielt es sich mit dem Alteisensammler. Was er gegen Kleingeld bekam, war wirklich nur noch im Schmelztiegel verwertbar. Und an dem dritten Abfallprodukt waren wir nicht sonderlich wohlhabend: Wer las schon so viel und schnell, dass Stöße verwertbaren Papiers anfiel bzw. nach Selbstverbrauch übrig blieb.


15.17 Eisverkäufer
Diesem Wanderberuf gingen im Sommer die gleichen Leute nach, die im Winter heiße Kastanien verkauften: Slawen und slawische Muselmanen, seltener Deutsche. Die langen heißen Sommer garantierten jedem, der wendig seinen Eiskarren durch die Dörfer schob (und einen Wandergewerbeschein hatte), ein sicheres Geschäft. Die paar Kreuzer (Heller, Fillér, Para) konnte selbst der sparsamste Vater seinen Sprösslingen nicht verwehren. Heute ist der offene Eisverkauf im Straßenkarren aus gesundheitlichen Gründen weitgehend verboten und durch das mannigfaltige Tüteneis ersetzt. Ein Glück, dass wir Kinder damals diese künstlichen Segnungen noch nicht kennen lernen mussten. Für unsere Zuckerbäcker und Süßwarenhändler bot die Eisherstellung eine zusätzliche, lohnende Saisoneinnahme durch den "Eisverkauf über die Straße".

15.18 Loseverkäufer
Als Hausierer und Marktschreier mit einem geheimnisumwitterten Holzkästchen vor der Brust, auf dem ein schlaues abgerichtetes Meerschweinchen saß, verhießen sie den Neugierigen eine schöne Zukunft. Aberglaube und Unterhaltungslust veranlassten heiratswillige Mädchen und aberwitzige Lausbuben, ein oder gleich ein Dutzend verschlossener Tüten mit verzauberten Zetteln darin zu erstehen. Von sichtlich weitgereisten Männern oder Frauen mit fremdem Dialekt - aber durchaus „echt“ deutsch klingend – angeschubst, suchte das "verwunschene" Meerschweinchen das Glück des Zahlenden und reichte es ihm mit den Zähnchen. Keiner nahm die Verheißungen auf dem Los besonders ernst; aber es tat wohl zu wissen, dass man noch lange gesund und noch um einiges reicher würde und dass die Familie lange wohlauf bliebe. – Von der baldigen Kriegs- und Vertreibungskatastrophe konnten – oder wollten - die Zettel der Dreißigerjahre nichts verraten!

15.19 Schausteller
Der Besitz eines Ringelspiels oder Kettenkarussells war schon immer eine einträgliche Sache. Auch eine Schießbude und ein Panoptikum ernährten manchen weltmännisch angehauchten Donauschwaben ganz gut. Im Wirtshaus meiner Großmutter zählten die Schausteller ihr Geld und spendierten oft vor Freude manche Runde; und das Wirtstöchterlein Anna (meine Mutter) durfte manche Runde umsonst auf dem von flinken Buben angetriebenen Kettenkarussell drehen. Eine billigere Antriebskraft ist kaum denkbar, als es die vier bis sechs Kinder zwischen 8 und 14 Jahren oben auf der Karussellbühne waren, die für dreimaliges Antreiben einmal selbst fahren durften. Bilderbuden mit exotischen Aufnahmen und Moritatengeschichten brachten auch genügend Kundschaft. Die Schausteller der Batschka - alles in allem eine bekannte Berufsgruppe, welche in die unschuldige Zeit des Friedens gut passte.

15.20 Masseuse
Unsere Menschen nannten sie leicht verächtlich "Schmierweib". riefen sie aber gerne, weil sie ihre geplagten Glieder bei Nachlassen der Leistung wieder in Schwung brachte. Mit Wasser, Seife und Schweineschmalz ging sie den verschämten, weil ungewohnt nackt auf dem Bett liegenden Männern und Frauen zuleibe. Abgesehen von der wochenlang anhaftenden Fettschicht, die irgendwie ungewohnt auf dem eigenen Körper haftete und den Träger zu Vorsicht und langsameren Bewegungen veranlasste, half das Massieren gegen Verstauchungen, Prellungen, Verrenkungen und Bauchkrämpfen, weil es meist noch durch Strecken des Bauchnabels und der Wirbelsäule ergänzt wurde. Zu einem nützlichen Brauch ist auch das Vakuum-Behandeln der Bauchdecke mit Brotkruste, Kerze und schmalem Topf zu zählen. Das geschah, indem die brennende Kerze auf die Brotkruste geklebt und auf die Bauchdecke gestellt wurde; der darüber gestürzte Blechtopf brachte das Licht zum Erlöschen und die Luft darunter zum Abkühlen; eine Praxis, die von den Badern und ihren Saugnäpfen stammte. Jeder Ort kannte einige geschickte private Masseusen oder männliche Wiedereinrenker der überhobenen Wirbelsäulen und Schultern.

15.21 Hebamme
Bis sechs glaubten wir an den Nachtkrabb und bis acht an den Storch, der die Kinder angeblich durch den Schornstein in die Wiege legte. Naseweise erfuhren irgendwann nach dem 10. Lebensjahr erst die Wahrheit und Schüchterne nie. Dabei kam bereits mit 15 bei den Mädchen die Zeit der Freiersuche bzw. das Ausschauhalten der Mütter nach geeigneten Jungmännern mit 18 zum Heiraten. Jung mussten die Bräutigame und noch Kinder die Bräute sein: Das gab gute Ehen; keiner der Partner durfte erfahren sein. Und keiner war es beim ersten Kind. Viele jungen Mädchen wussten vor der Geburt ihres ersten Sprösslings nicht so recht, woher das Kleine auf die Welt kommen sollte. Die Patin oder eine grausame Tante klärten sie auf, kurz vor den Wehen. Die Maßregel und Vorahnungen, die eine plötzliche Aufklärung begleitete, bewirkte, dass die junge Frau fast vor Angst starb, wenn es losging. Mit Kusshand wurden die Hebammen von unseren verängstigten und naiven Jungwöchnerinnen empfangen und mit dankbarer Beruhigung von den älteren, die schon einige gesunde Kinder zur Welt gebracht hatten. In weiten Teilen unserer fruchtbaren Ebene gab es weder Kinderärzte noch Entbindungsstationen. Die Mehrzahl von uns, die wir vor 1940 geboren wurden, kamen zuhause unter einfachsten Bedingungen zur Welt: Eine Blechschüssel voll warmen Wassers, ein paar Handtücher und etwas Verbandszeug genügte der geschickten Hebamme, um dem kleinen Erdenbürger zum ersten Schrei zu verhelfen - oder auch nicht. Die Kindersterblichkeit und das Kindbettfieber der Mütter lichteten Jahr für Jahr die Familien. Erst das sechste Kind meiner Großmutter blieb am Leben. Das war kurz nach der Jahrhundertwende. Eine Generation weiter blieben dieser einzigen Tochter alle drei Söhne nach der Hebammengeburt am Leben. Ein Fortschritt war zu verzeichnen. Antiseptisches Verbandszeug, bessere Seife und ein Lehrgang mehr hatte aus der primitiven Geburtshelferin von einst eine Fachmännin gemacht, die keine größere Babysterblichkeit mehr zu verzeichnen hatte, als die Krankenhäuser.

15.22 Mesner
Ein in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche lebender und zudem sozial minderbemittelter Mensch, der gleichzeitig für kirchliches Geschehen aufgeschlossen war, fand am ehesten den Weg zu dieser Vollbeschäftigung. Morgen- und Abendläuten, ebenso zur Vesperzeit und zu besonderen Anlässen wie Begräbnis, Sturm, Hagel und ähnlichen Abbittgelegenheiten, Messdienen, Kirchenreinigung, Sakristei- und Priestergarderobe in Ordnung halten, bei Totenmessen die Bahre mit dem Gedenkschrein in der Kirche aufstellen und nicht zuletzt den Kirchenschlüssel verwahren; das gehörte zu seinen wesentlichen Aufgaben. Zu den unregelmäßigen und daher auch freiwillig vom Pfarrer entlohnten gehörten die Außenarbeiten auf dem Kirchenvorplatz, im Pfarrgarten und bei Botengängen. Zwar wusste er um die höchstbewertete Religionsform - Beten und Arbeiten - aber er wandte sie äußerst selten an. Sein Gottesdienst bestand im Arbeiten und im Wachen über denen, die ungestört beten wollten. Glöckner oder Hilfsorganist (Balgbediener) gab es immer zusätzlich in großen städtischen Kirchen, neben den Mesnern. Auf dem Dorf waren wir Kinder als Ministrantenanwärter dem Mesner Hilfe genug.

15.23 Pfarrhaushälterin - Pfarrköchin
Den Menschen und Priester zu versorgen, für sein privates und amtliches Wohl da zu sein, war die Hauptaufgabe unserer Pfarrhaushälterin. Ob sie als Mutter, Schwester oder ledige Bedienstete im Pfarrhaus wohnte, ergab sich aus den familiären oder örtlichen Gegebenheiten. Selten stand unserer gläubigen Gemeinde ein fremder oder andersnationaler, d. h. aus weiter gelegenen Landesteilen zugereister, Geistlicher vor. Dank einer großen Aufgeschlossenheit in der weitesten Bevölkerung für den Priesterberuf hatten wir keinen Mangel an eigenem Priesternachwuchs. Das oft zitierte Philipowa in der Batschka, wo in den letzten drei Generationen auf fast jede Familie ein Pfarrerspross entfiel, ist das bekannteste Beispiel in diesem Sinne. ähnlich verhielt es sich mit den Pfarrbediensteten: Das Angebot überstieg bei weitem die Nachfrage. Unter den Bewerberinnen, die ihr ganzes zukünftiges Privatleben einem stillen Dienst im Schatten der Kirche opfern wollten, konnte sich der geistliche Menschenkenner die geeignetste aussuchen. Die Entscheidung, das wusste die eine Seite vielleicht besser als die andere, war von erheblicher Tragweite, stand doch - abgesehen von den letzten Jahrzehnten - der Haushälterin weder ein festes Gehalt noch eine Lebens- oder Sozialversicherung in Aussicht. An Arbeit fehlte es weder werk- noch feiertags; das Pfarrhaus galt immer als offenes Haus für jedermann, wo mit Höflichkeit und Gästebewirtung nicht gegeizt wurde. Wenn sich beide Teile in dieser hellhörigen und indiskreten Umgebung Jahre hindurch wohlfühlten - was bekanntermaßen in den meisten Fällen zutraf - dann lag das sowohl an der geübten Toleranz wie an dem streng abgegrenzten Tätigkeitsfeld von Hausherr und Haushälterin.

15.24 Friedhofsarbeiter - Totengräber
Neuzeitliche Begräbnisunternehmer mit dem sogenannten umfassenden Service sind ebenso modische Nachkriegseinrichtungen wie der Rummel auf den Entbindungsstationen. Geburt und Tod kamen bei uns ohne viel fremde Hilfe zu ihrem Recht. War das letztlich unvermeidliche eingetreten, dann besorgten eigens zu diesem Zweck auserwählte Nachbarinnen oder Verwandte die Leibwäsche und Einkleidung. Legten die betreffenden Familien besonderes Gewicht an die öffentliche Anteilnahme, riefen sie nach den Klageweibern - alte Mütterchen, die in dem Leben so oft das eigene Schicksal beklagen mussten, dass ihnen einmal mehr oder weniger zu weinen nicht schwer fiel - und bahrten den Leichnam in einem Vorzimmer oder der Vorküche auf. Verzichtete man auf die Klageweiber, kam der Tote im Wohnzimmer einen Tag lang zu liegen: über den gefalteten Händen hing ein Rosenkranz und am Fußende stand ein Weihwassergefäß mit einem immergrünen Buchsbaumzweig. Mit dem Zweig segneten die Besucher beim Eintreten den Toten. Am Tage der "Leicht" kam der Friedhofswart mit der gemeindeeigenen Tragbahre und stellte den unter großem Wehklagen geschlossenen Sarg mitten im Hof auf die Bahre; dies allerdings nur bei schönem Wetter. Bei Regen oder Schnee kam die hölzerne Trage erst mit der Leicht (dem Abgang zum Friedhof) zum Einsatz. d. h. sie wurde bei genügend eigenen Trägern von diesen oder ansonsten von herbeigerufenen Helfern auf den Friedhof gleich zum offenen Grab gebracht. In das Leichenhäuschen, das nicht auf allen Friedhöfen vorhanden war, kamen nur Arme, Anhanglose und fremde Leute, für die es keine Gelegenheit zum üblichen Zeremoniell gab. Nach dem priesterlichen Gebet und Gesang mit oder ohne Chor und Orchester, nach seiner Ansprache etc. ließen die Träger den Sarg in die Erde. Anschließend verabschiedeten sich die Angehörigen mit je einem halben Spaten Erde von ihrem Dahingeschiedenen, bzw. warteten bis das Grab zugeschaufelt war, und nahmen das Beileid der vorbeigehenden Trauergäste entgegen; das übrige war dann Sache des Totengräbers: Das Grab vollends aufzufüllen, den Hügel zu formen und die Kränze darauf zu verteilen. Ein reichliches Trinkgeld und ein mäßiges Gemeindegehalt machten ihm seine freudlose Arbeit erträglich. - Über diesen Beruf kann übrigens in unseren Ortsmonographien einiges Eingehendere nachgelesen werden; auch über die Art der Aufteilung des finanziellen Aufwands auf einen Verein, der eigens zu diesen jedermann irgendwann treffenden Notfällen bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten Ortschaften gegründet worden war.


15.25 Gesundbeterin - Braucherin
Die Braucherin hatte in allen unseren gläubig-abergläubigen Volksschichten ein weites und ergiebiges Tätigkeitsfeld. Frommes und Übersinnliches wurde dermaßen intensiv beschworen und vermengt, dass selbst der allmächtige Dorfpfarrer dagegen nicht ankam. Gebraucht wurde bei Mensch und Haustier, fast in einem Atemzug. Der genaue Ablauf dürfte von Ort zu Ort verschieden gewesen sein und auch das Verhalten der gebrauchten Familie. Nach dem Gesundbeten eines Kindes, z. B. in Bereg, leckte dessen Mutter seine Stirn ab und sagte dabei: "Ich schleck mein Fleisch und Blut, das ist fürs Bschreien gut. Hilf dir Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist." Die Gesundbeterin nahm kein Geld, nur Naturallohn in Form von Lebensmitteln, Wein und Schnaps. Bevor sie mit ihrem uralten Rosenkranz loslegte, prüfte sie, ob die betreffende (kranke) Person beschrien ist: Sie nahm ein Glas mit Weihwasser und tat drei glühende Holzkohlen hinein. Kam die gelöschte Kohle hoch, war die kranke Person nicht beschrien. Stöhnte oder gähnte die Beschreierin während der Prüfung, so war ein sehr ernster Fall in Behandlung. Viel zu tun gab es für die Braucherin beim Vieh. Gebete murmelnd strich sie über das kranke Tier und machte Kreise und Kreuze, schritt nach hierhin und dorthin, etc. etc. Nach dem Wie und Was durfte sie aber nicht gefragt werden. Wer es ihr nachmachen wollte, konnte die Zauberbewegungen durch Begabung und Selbsttraining einstudieren; nur dann halfen sie angeblich. So oder so können wir uns heutzutage ein trauriges Lächeln nicht verkneifen, wenn wir erfahren, wie ein unheilbarer Schwindsüchtiger gesund werden sollte. Laut Gesundbeterin musste der unheilbar Erkrankte ein neues Wolltuch (Dreieckumhang) ins Wirtshaus geben und sich zu gleicher Zeit betrinken. Während die kranke Person trank, nahm die Wirtin das Tuch und warf es hinter ein Weinfass. Faulte das Tuch, so wurde der Kranke geheilt. Und die Wirtin für ihre Mithilfe belohnt. Im anderen Falle konnte sie das schöne Tuch behalten.

NACHWORT ZU FEHLENDEN BERUFEN
Zum vollständigen Berufsbild der Batschka-Deutschen gehören neben einer Reihe weniger bekannter körperlicher Berufe mit solchen Eigenschaften, die bisher noch nicht genügend in unser Bewusstsein gelangten, auch die gesamte Palette jener nichthandwerklichen Berufe, die von ca. 2% unserer Landsleute vor 1944 ausgeübt wurden; das ursprüngliche Manuskript, das in Freiberg a.N./Baden-Württemberg zw. 1975-77 entstand, enthielt auch einige ihrer Arbeitsmerkmale. Da diese Charakteristiken allerdings für eine Veröffentlichung nicht ausreichen, muss der gesamte Komplex dieser überwiegend in geistigen Bereichen tätigen Landsleute ausgeklammert werden. Die wichtigsten der in unserem ‚Berufsspiegel’ fehlenden Berufe sind unter Planungs-, Verwaltungs- und Sozialberufen einzuordnen. Ihre Arbeitsmerkmale lassen sich fast einheitlich umreißen durch die seinerzeit vielfach verschickten Fragebögen, die leider nur zum geringen Teil befriedigt beantwortet zurückkamen: 1. Wo fand die Berufsausbildung statt und wie lange dauerte sie? 2. Welche wirtschaftlichen Voraussetzungen der Eltern oder welche Institutionen ermöglichten bzw. finanzierten das Studium? 3. Welche Laufbahn wurde im Anschluss an das Studium als für den weiteren Werdegang erforderlich vorausgesetzt? 4. Wo kam es zur ersten selbständigen, diensttuenden Tätigkeit? 5. Welches waren die typischen Arbeitsmerkmale, Leistungen, Erwartungen des Berufes? 6. Wie hoch waren die Einnahmen absolut und relativ (z. B. im Vergleich mit handwerklich oder bäuerlich Tätigen)? 7. Wie viele Mitarbeiter waren die Regel? usw. Der angesprochene Berufs-Repräsentant bekam in der Regel einen auf seine Person abgestimmten Fragebogen. Dass manche nur unvollständig, andere gar nicht und nur einige befriedigend antworteten, liegt sicher weniger an dem Willen als an der Lückenhaftigkeit der Rückbesinnung an vieles längst Vergessene durch die Angeschriebenen begründet; ausstehende versprochene Antworten sind hierbei nicht berücksichtigt.

Fehlende Berufe
Kaufmann (Industrie, Versicherung, Bankwesen), Lehrer, Kindergärtnerin, Kranken- und Altenpfleger, Priester, Ordenslaie, Kirchenorganist, Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker, Heilpraktiker, Ingenieur, Landvermesser, Förster, Gemeinderichter / Bürgermeister, Staatsbediensteter (aller Verwaltungsebenen), Berufssoldat, Rechtsanwalt, Polizist, Feldhüter, Journalist, Politiker.