BATSCHKAER AHNENSPIEGEL
(erschienen als Buch Jan. 2004 mit Unterstützung
des Amtes für Nationale und Ethnische Minderheiten Ungarns)
A N H A N G
200 KÖRPERLICHE AHNENBERUFE
MIT BERUFSMERKMALEN
(erstmals veröffentlicht 1981 unter dem Titel ,Unserer Hände
Arbeit’; für diese Ausgabe neu bearbeitet)
1 LANDBERUFE
Bauer, Winzer / Weingartenbauer, Rinderzüchter, Schafzüchter,
Schweine-züchter, Geflügelzüchter, Angorazüchter,
Imker, Gärtner, Blumenbinderin, Landarbeiter
1.1 Bauer
Unser Bauer war der vielseitigste Fachmann unter den pannonischen Handwerkern.
Neben seiner Hauptaufgabe, dem Anbau aller europäischen Getreide-
und Futtersorten, dem Obst- und Gemüsebau, der Kultivierung von
Industriepflanzen, wie Hanf, Zuckerrüben, Sonnenblumen, Luzerne,
musste er auch alle kleineren Bau- und Reparaturarbeiten durchführen:
Er war Maschinist und Tierarzt, Kaufmann und Planer, Gebieter und Knecht,
je nach dem augenblicklichen Erfordernis. Zeitgemäße Bearbeitung
und Pflege des Bodens, Anbau und Sicherung der Ernte, Viehhaltung und
Fütterung, Bedienung und Pflege der landwirtschaftlichen Maschinen
und - in größerem Rahmen - der Ausbau und die Weiterentwicklung
des gesamten Anwesens gehörten zu seinen wichtigsten Arbeiten.
Der Bauernberuf war, obwohl einer der anspruchvollsten, kein ausgesprochener
Lehrberuf. Er wurde vom Vater und Großvater erlernt, weitergeführt
und vervollständigt. Zum selbständigen Beginnen einer eigenen
Landwirtschaft konnte, bei Fehlen der vorerwähnten Lehrmeister,
auch eine mehrjährige Praxis in einem gutgehenden Betrieb verhelfen.
Die meisten deutschen Batschkaer Bauern wurden mit 10 bis 15 Hektar
Boden angesiedelt. Trotz erheblicher Abgabelasten nach den ersten drei,
höchstens zehn, Freijahren, die rund ein Siebtel aller Erträge
verschlangen, und trotz Erbteilung des Vermögens - seit 1848 -
konnten nicht wenige ihren Besitz halten und vergrößern.
Ein Teil von ihnen schaffte es sogar, erhebliche Ländereien im
Laufe weniger Jahrzehnte dazuzuerwerben; davon nur einen gewissen Teil
von den eigenen Landsleuten, die in Armut versanken und Tagelöhner
wurden, nach Übersee auswanderten oder weiter nach Osten zogen.
Seit der Besiedelung und bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts
wurde auf unseren Feldern mit einscharigen eisenbeschlagenen Holzpflügen
geackert, danach 40 Jahre lang mit dem einfachen Stahlpflug, den der
mehrscharige Tiefpflug ablöste. Die übrige Technisierung schritt,
gegenüber der von Westeuropa, mit einer zeitlichen Verzögerung
von ca. 20- 30 Jahren voran und brachte uns all die bekannten und jeweils
modernsten Feldgeräte und Maschinen, die im hochtechnisierten Westen
entwickelt, jedoch von den heimischen Handwerkern und Fabrikanten den
pannonischen Besonderheiten angepasst wurden. So bekam erst bei uns
die Dreschmaschine und das Lokomobil, die Hanfhechlerei und Wollschlumbmaschine,
der Tiefpflug und die Weißmehlmühle, die großen Getreide-Trocken-
und Vorratsbauten - um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen - ihre
für die damalige Zeit höchste Vollendung.
1.2 Winzer - Weingartenbauer
Das Arbeitsfeld des Winzers waren die weiträumigen, wenn auch nicht
in abgeschlossenen Gebieten kultivierten Weinberge. Meist war der Winzer
auch noch allgemeiner Landarbeiter, Handwerker oder Intelligenzler.
Sein Arbeitsgebiet umfasste neben dem Weinberg die Kelterei und Einkellerung
der flüssigen Ernte. Ein hauptberuflicher Winzer musste viel von
der Landwirtschaft im allgemeinen wissen: von der Wartung der Geräte
bis zum Schriftverkehr mit den Abnehmern. Um den Trauben eine gemäße
Pflege zu verschaffen, musste er Kenntnisse über die Rebsorten,
ihre Aufzucht. über Schnitt- und Schutzarbeiten haben. Einige bekannte
Traubensorten waren Steinschiller, Riesling, Madjarka, Kadarka, Blaufränkische,
Keistitten, rote und weiße Gutedel, Muskat in verschiedenen Veredlungen,
als lange haltbare und daher für den städtischen Marktverkauf
geeignete Tafeltrauben. Als Veredlungsunterlagen dienten Portalis und
Berlanderi. Der überschüssige Wein, der nicht von der näheren
Umgebung der Winzer abgenommen wurde, ging (vor 1914) als Heuriger nach
Wien. Im vorigen Jahrhundert gab es an Winzereimaschinen in den großen
ungarisch-deutschen Weinorten die riesigen Baumpressen mit Balken von
3 - 5 m Länge und Steingewichten von 500 - 1000 kg, die am Baumhebelende
im Boden eingelassen wurden. So eine Einbaumpresse war aber gegenüber
den nachfolgenden modernen Spindelpressen recht umständlich, weil
sie 1-2 Tage auf eine Füllung drücken musste. Dem Kelterbaum
folgte die Holzspindelpresse und dieser die Stahl-Trapez-Gewindepresse.
Zur Vorbearbeitung diente die Traubenmühle, Traubenraspel und tragbare
Büttenraspel. Der ausgepresste Most kam zur Gärung in geschwefelte
Holzfässer in Größen zwischen 50 und mehreren 1000 Liter,
und die Treber in die Kupferblasen der Küfereien, die ein Fassungsvermögen
zwischen 100 und 500 Liter hatten, wo sie zu Treberschnaps verarbeitet
wurden.
1.3 Rinderzüchter
Als Vollberuf kam er in der Nordbatschka vereinzelt, in der Südostbatschka
(zwischen den Kanälen) häufiger vor. Auf Sumpfwiesen und den
als Nutzacker ungeeigneten Ödflächen betrieben, verlangte
dieser Beruf in Praxis und Theorie viel Einsatz. Durch die zahlreichen
Kleinhaltungen und mit Hilfe organisierter genossenschaftlicher Umverteilung
konnten die Milcherzeugnisse den Eigenbedarf der Batschkaer Bevölkerung
decken. Die im letzten Drittel der Siedlerzeit erzielten guten Zucht-
und Verkaufserträge verdankten die Züchter den Simmentaler/Schweizer,
Allgäuer/Schwarzschecken und Holländer Rassen, die das ungarische
Steppenrind der milchärmeren aber robusteren Podolischen Rasse
zu über 50% verdrängten. Der Rinderbestand hatte mit ca. 20
Stück pro 100 ha bei weitem nicht die Größenordnung
wie in den westeuropäischen Züchtergebieten, wo zur gleichen
Zeit 100 Stück und mehr pro 100 ha gezählt wurden.
1.4 Schafzüchter
Schafhalter im Nebenberuf hatten wir viele, im Hauptberuf kaum einen
pro Ortschaft. Durch die halbjährige Wanderzeit der Herden konnten
erhebliche Investitionen für Stall und Futter gespart werden. Was
man von dem mit Bunda (langem Schaffell-Mantel) umhüllten und in
der Gesellschaft von Esel und Hund bei der Herde lebenden Schafhüter,
der ein Lohnabhängiger des Züchters/Halters war, an Kenntnissen
erwartete, das und noch mehr mussten die Züchter selbst beherrschen:
Rassen- und Wollkunde, Schur, Schlachtung, Fellbehandlung, schließlich
Verarbeitung der Wolle mit Sortieren, Waschen, Trocknen/Bleichen und
Schlumben/Entfilzen. Zur Schurzeit halfen im Tagelohn sogenannte Akkord-Scherer
und Wollschlumber reihum auf den Höfen der Halter mit. Während
sich der Scherer bis heute halten konnte, brachte das Entstehen der
Spinnerei- und Strickfabriken dem ehrenwerten Beruf der Wollschlumber,
schon vor unserem Weggang, ein jähes Ende.
1.5 Schweinezüchter
Solche gab es meist im Nebenberuf, vereinzelt auf den Salaschen, Tanyas
und Puszten/Meierhöfen als Hauptberuf. Arbeitsmerkmale: Schweinehaltung,
Zucht und Mast, Kenntnisse in Fütterung und Haltung von Ferkeln,
Läufern, Zuchtsäuen, Ebern und Mastschweinen, Stallpflege,
Weide- und Auslaufüberwachung, richtige Zusammensetzung der Futtermittel
und -Rationen, alles über Paarung, Trächtigkeitsdauer, Vorbereitung
der Geburt und Pflege von Muttersau und Ferkel nach der Geburt. Besonders
in Gegenden ohne Tierarzt war eine umfassende Fürsorge und Vorbeugung
von Krankheiten erforderlich, denn es konnte oft eine Woche vergehen,
bis fachliche Hilfe vorhanden war. Bei der Gesundpflege half die ganze
Familie fürsorglich mit, kranke Schweine wurden selten zur Fleischgewinnung
notgeschlachtet. Sie bekam der Schinder, der sie zur Haut- und Seifengewinnung
vermarktete bzw. vergrub. Sofern sich ein Bauer auf Schweinezucht verlegte,
brachte er seine "Fertigware" nie selbst auf den Markt, wie
das beim Kleinzüchter der Fall war, sondern überließ
sie den Aufkäufern "Zensaren" (Cincar, slawisch) und
Händlern der Genossenschaft zum jeweils gültigen Tagespreis.
Waren in den Notzeiten bis in die Zwanzigerjahre noch große, fette
Mangolitza-Schweine gefragt, so wurden diese zuletzt von fleischintensiveren
Züchtungen wie Yorkshire und Berkshire ersetzt.
1.6 Geflügelzüchter
Eine kaum verfälschte, natürliche Brut mit entsprechend niedrigen
absoluten Unkosten galt bei unseren Geflügelzüchtern als die
Regel. Futter war genügend vorhanden. Für einen kleinen Bauern,
der nur über einige Hektar eigenen Boden verfügte und daher
durch die Feldarbeit nicht ausgelastet war, gehörte die Haltung
größerer Scharen von Hühnern, Enten, Gänsen, Puten
zur selbstverständlichen Einnahmeergänzung und eigenen Fleischversorgung.
Unser Geflügel hatte freien Auslauf, war meist gekennzeichnet mit
Farbstoff auf dem Gefieder oder Nummernband und Ring am Bein. Die Gänse-
und Entenscharen auf den Wiesen und in den Gewässern waren jedes
Frühjahr eine Augenweide. Der hauptberufliche Züchter von
Federvieh musste neben der Haltung, Pflege und Fütterung eine Reihe
anderer Nebenarbeiten beherrschen. Der Stall musste die richtige Größe
und Funktion aufweisen, zusätzliche Brutapparate mussten besorgt,
die Schirmglucken bedient, die Küken aussortiert, Futtergeräte
und Trinkgefäße in Ordnung gebracht werden. Das Schlachten
und Verkaufen wollte schließlich auch gekonnt sein. Selbst an
theoretischen Kenntnissen fehlte es nicht: Rassenkunde, Vererbungs-
und Krankheitslehre waren jedem hauptberuflichen Züchter bekannt.
1.7 Angorazüchter
In Notzeiten, als die internationale Verbindung zu den Baumwollfeldern
nicht funktionierte, bot die seidenweiche Wolle des Angorakaninchens
die beste Ausweichgelegenheit für die Unterwäschefabrikation.
An Kenntnissen und Fähigkeiten erforderten die weißen, grauen
und bunten Langhaare nicht mehr als ihre kurzfelligen Verwandten, die
Stallhasen. Wurden die Angorahasen aufmerksam und sorgfältig gepflegt,
vermehrten sie sich ebenso schnell wie gewöhnliche Hasen, d. h.
in zwei bis drei Jahren standen die Wände des Zuchtraumes voller
Regale. Eine getrennte Einzel- oder höchstens Doppelhaltung war
unbedingt nötig, denn ein freier Auslauf hätte die Seidenfelle
schnell ruiniert. Fütterung, zweifache Paarung im Jahr, zweifache
Schur, wöchentliches Kämmen, Spinnen der Wolle - das war im
wesentlichen die Arbeit eines Angorazüchters. Der mögliche
Verkauf ungeschorener Pelze als Leibwärmer oder Muff sei nur zur
Vervollständigung angefügt. Das halblang ausgewachsene Angorafell
war bei ärmerer Kundschaft ebenso begehrt, wie das der weniger
gezüchteten Bisame und Hamster. Edelpelztiere wurden nicht gehalten.
1.8 Imker
Eine Wissenschaft für sich war schon immer das Halten dieser "nützlichsten
aller Insekten". Die Arbeit der Imker begann mit dem Erwerb eines
oder mehrerer Familien-Schwärmen oder aber – wenn er genügend
Geduld hatte – mit der Heranzucht der Geschlechtstiere. Hatte
er sein Bienenvolk beisammen, galt es, ihm die tägliche angemessene
Pflege und Fütterung angedeihen zu lassen, damit es gerne in der
zugewiesenen Behausung blieb und die Waben in der Blütezeit mit
Honig füllte. Schwarmpflege, Schwarmverhinderung und das Einwintern
konnte nur durch Liebe zur Sache gebührend besorgt werden. Weiter
kannte sich ein Imker aus in Umsiedlung von unverträglichen Schwärmen,
Feststellung und Beseitigung von Seuchen, Kneten des Zuckerteiges, Herstellen
der Futternäpfe zur Zucht von neuen Königinnen. Anfertigen
von Strohmatten und anderen wärmenden Kissen in unserer besonders
harten Winterzeit. Das selbstverständliche eigenhändige Honigschleudern
und - manchmal ein wenig verdünnte mit Zuckersirup - Verkaufen
gehörten zum angenehmsten Lohn des Imkers. - Soweit die kurzen
Merkmale über diesen interessanten Beruf, der viele Anhänger
in den an akazien- und blütenreichen Batschkaer Dörfern hatte.
1.9 Gärtner
Weit entfernt waren unsere Spezialisten für gewinntragende Gartenkultur
von den heutigen "staatlich geprüften Gartenbautechnikern"
oder den "Gemüseverwertungstechnikern" und wie die Schar
der Theoretiker in Sachen Gartenarbeit noch heißen mag. Unsere
Gärtner waren praktisch arbeitende Fachleute, die nicht als Wissenschaftler,
aber als wissenschaftlich genau planende Fachleute anzusehen sind. Je
weniger Gartenfläche, um so mehr Theoretiker gibt es auf der Welt.
Unsere Gärten brauchten, dank des unerschöpflichen natürlichen
Nährstoff- und Humusreichtums, keine raffinierte theoretische Vorplanung.
Gewusst, wann und wie ein Mistloch anzulegen war - und die prächtigen
Kürbisse wölbten sich nur so zum Himmel. Natürlich durften
Pflanzenschutz und Insektenbekämpfung nicht vernachlässigt
werden. Eine ganze Reihe der Krankheiten, die heute noch als Gartenplage
bekämpft werden, galten auch daheim als solche. Die bekanntesten
waren Schnecken- und Blattlausfraß, Milbenbefall, Mehltau, Weiß-
und Rotflecken, Kräuselkrankheit, Käfer- und Raupenbefall
u. a.. Zu ihrer Bekämpfung standen unseren Gärtnern ein Dutzend
verschiedener Spritzen als Hand- und Zuggeräte zur Verfügung.
Allerdings konnte es auch mal vorkommen. dass die beste Waffe, die giftlose
Handarbeit, - das sorgfältige Ablesen und Abschneiden der befallenen
Zweige - praktiziert wurde. War z.B. der Raupenbefall in einer Saison
zu groß, da halfen die Schulkinder bei ihrer Bekämpfung mit
und sammelten die meistbefallenen Äste auf einen Scheiterhaufen.
- Die Spritztechniken und Produkte siehe in Teil II, Abschnitt 1.9 –
1.10.
1.10 Blumenbinderin
Die Batschkaer Festlichkeiten waren, ganz im Unterschied zu dem übrigen
Wirtschaftsgebaren, keine sparsame Angelegenheit. Weder an Kleidung
oder Verköstigung noch an Festschmuck wurde gegeizt. Diese offene
Hand zur feierlichen Großzügigkeit, die in einem wahren Wettbewerb
in den Haushalten – nach Vermögensschichten gegliedert –
ausarten konnte, nützte die hauptberufliche Blumenbinderin und
Bukettmacherin aus. Alle im eigenen Garten gezogenen und auch manche
importierten südländischen und exotischen Blumen wurden zu
Sträußen, Kränzen und Gestecken verarbeitet. Das ganze
Jahr über war in irgendeinem Haus ein Ereignis, das Fest- bzw.
Trauerschmuck benötigte. Schulen, Rathaus, Kirche gehörten
ebenfalls zu der Dauerkundschaft.
1.11 Landarbeiter
Der Verwalter soll hier als höchster Landarbeiter bezeichnet werden.
Er war auf unseren Höfen kein Herrscher oder Treiber, sondern ein
echter Mit- und Vorarbeiter. Seine Hauptfähigkeiten deckten sich
ganz mit denen seines Herrn, ja in theoretischer Hinsicht Überstiegen
sie oft diese. Es war ein ausgesprochener Vertrauensberuf, im Namen
und für Rechnung des Großbauern das Gut oder Teilgut (Großtanya,
Salasch) zu leiten. Ein solches Großgut hatten wir die Gelegenheit,
nach dem Lager, 1948, auf dem Kikindaer Hotter kennen zu lernen: Es
hatte in allen Räumen, einschließlich Stallungen, elektrisches
Licht, Wohnküche sowie Viehställe waren gekachelt, darüber
hinaus hatte der Verwalter einen Baderaum, wie sich ihn manche Herrschaft
nur wünschen konnte. Der Großknecht oder festangestellte
Landarbeiter hatte ebenfalls eine Vertrauensstelle auf dem Gut. Er wies
meist die wechselnden Tagelöhner und Erntearbeiter ein und war
ihnen vor Ort hilfreich. Der Hausknecht dagegen hatte außerhalb
des Hofes nichts verloren, er war Haus- bzw. Stalldiener und hatte oft
mitten unter den Tieren seinen Lebens- und Schlafraum, d. h. je nach
Entgegenkommen und Fortschrittlichkeit der Herrschaft hatte das Stallpersonal
im Vorraum des Stalles einen Schlafplatz oder – noch in Hörweite
des Viehes - eine kleine oder größere saubere Kammer, die
es selbst pflegte und in Ordnung hielt.
Die Wirtschafterin einerseits und die Hausmagd andererseits waren
auf unseren Bauernhöfen die weiblichen Gegenpole des Verwalters
und Hausknechts. Über ihre Arbeit wachte die weibliche Herrschaft.
Die Wirtschafterin lebte innerhalb des Wohntraktes und die Magd im Wirtschaftsbereich.
– Aus der Aufzählung dieser Beispiele von abhängiger
Arbeitsverhältnisse auf größeren Gütern geht leicht
hervor, dass sich jede gute Kraft durch Fleiß und Zuverlässigkeit
vom untersten Arbeitsposten zum obersten sozusagen hinaufarbeiten konnte.
1 LEBENSMITTELBERUFE
Müller, Bäcker, Zuckerbäcker, Bonbon- und Konfektmacher,
Lebzelter, Molkereifachmann, Fleischer / Fleischhacker, Rossschlächter,
Koch / Köchin, Obst- und Gemüsekonservierer, Fischtrockner
und Fleischselcher, Brauer und Mälzer, Branntweinbrenner, Küfer,
Sodawasserhersteller.
2.1 Müller
Bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts wurden unsere Mühlen
von Wind, Wasser und Pferden angetrieben. Von den althergebrachten Mahlwerken
hatten sich die Flussmühlen bis zu unserer Vertreibung gehalten.
Sie konnten nicht gut von den Dampfmühlen abgelöst werden.
Die Dampfmaschine war hauptsächlich den Pferdemüllern willkommen,
die nun endlich von ihren ein- bis zweistöckigen Rondellen mit
einfachen Mühlwerken und den um eine Senkrechtachse rundumgezogenen
ca. 1 Meter großen Mühlsteinen befreit wurden. Endlich kam
"Dampf" in die Arbeit: Neue Mahl- und Siebtechniken brachten
unseren Bauern - und damit der ganzen westlichen Welt - das bekannte
flaumweiche Weiß- und Mischmehl, aus dem solches Brot gebacken
wurde (und noch immer wird), das auf der ganzen Welt seinesgleichen
nicht hat. Das Arbeitsgebiet unserer Müller umfasste das Beurteilen,
Aufbereiten (Reinigen und Trocknen), Lagern und Mahlen von Getreide.
Je nach Bedarf entstand als Endprodukt Feinmehl (weiß und gemischt),
Grobmehl, Schwarzmehl, Grieß, Schrot und Kleie. Die kleineren
Lohnmüller hatten es einfacher in der Vorbehandlung und Auswahl
des Getreides: Die Qualität, die gebracht wurde, wurde auch abgeholt.
Während die Großmüller übergangslos arbeiteten
und daher auf eigene Rechnung oder im Tausch für Mahlgut Korn übernahmen.
Sie vor allem mussten die gesamte Palette an einschlägigen theoretischen
Fähigkeiten erlernt haben: nebst dem eingangs erwähnten, kannten
sie sich gut in der Abrechnung und Buchführung aus, der Umrechnung
des jeweiligen Hektoliter-Gewichtes, der Maschinenpflege, so dass der
Müller oft auch sein eigener Maschinenschlosser war.
2.2 Bäcker
Die häufigsten Brotsorten daheim waren die Misch- und Weißbrote,
seltener die Mischbrotfladen oder Flammkuchen, die mit allerlei würzigen
und schmackhaften Belägen angeboten wurden (etwa wie die im Siegestempo
in den letzten Jahren sich über ganz Europa ausbreitenden Pizzafladen).
Das runde Hausbrot (zwischen 2 und 5 kg schwer) wurde aber im allgemeinen
von den Bäuerinnen selbst gebacken. Die Bäcker boten in erster
Linie für Handwerker, Gewerbetreibende und Intellektuelle Roggen-
und Weizenmischbrot und Weißbrot in verschiedenen Größen
und Formen zwischen 1 und 3 kg an. Auch Vollkornbrot und - in der unserer
reichen Batschka aufgezwungenen Notzeit - Maismisch- und Maisbrot konnten
sie herstellen, dessen Rezepte seit Jahrhunderten in kargen mittel-
und südosteuropäischen Gegenden hoch in Ehre standen. Hörnchen,
Kipfel mit Kümmel überstreut, Brezeln, Salzstangen, Zöpfe
und Milchbrötchen gehörten ebenfalls zum Angebot unserer Bäcker,
die mit dem Vertrieb stets viel Arbeit hatten und sich vereinzelt des
Hausierens mit der Ware nicht schämten. Selbstverständlich
war aber dieser Kundendienst nicht überall. In ärmeren Gemeinden
gehörte er zur feierlichen Seltenheit. Hier gingen die Kinder ganz
gerne das Tauschbrot oder Kaufbrot beim Bäcker abholen. Die Grundkenntnisse
eines Bäckers umfassten das Ansetzen des Hefe- bzw. Sauerteiges,
das verhältnisgerechte Teigkneten, Gärführen, Wiegen
oder Schätzen der Brot- und Brötchenmenge, Formen, Einschießen
und Ausbacken in fachgerecht vorgeheizten Bachöfen. In Kriegszeiten
waren auch verschiedene Dauerbrot- und Zwiebacksorten für Soldaten
im Angebot.
2.3 Zuckerbäcker
Heutzutage ist ein gelernter Zuckerbäcker mehr Techniker als Bäcker.
Früher herrschte in der Feinbäckerei Handbetrieb, d. h. auch
die Rühr- und Knetgeräte aller Art wurden von Hand betrieben.
Unsere Zuckerbäcker teilten sich die süße Arbeit mit
den Lebzeltern, d. h. sie waren für die Torten, Waffeln, Oblaten
und das Feingebäck und jene für Leb- und Pfefferkuchen zuständig.
Jede erfahrene Donauschwäbin war eine halbe Zuckerbäckerin.
Wer alle Gebäcke, die wir bei Hochzeiten, Taufen usw. vernaschten,
kaufen wollte, musste einen Geldesel besitzen. Außerdem gab es
ohnehin käufliches Feingebäck in großer Auswahl nur
in Großgemeinden und Städten. Ein gelernter Zuckerbäcker
musste auch bei uns von Chemie viel verstehen. Roh- und Hilfsstoffe
waren sehr wertvoll. Zu seiner Tätigkeit gehörte das Zubereiten,
Lagern, Mischen, Kneten, Abschmecken, Walzen, Glasieren, Verzieren und
Formen des Backgutes, d. h. das feine Abstimmen der Temperaturen auf
vielfältigste Kuchenarten. So weltberühmte Fachleute wie die
Herren Sacher und Demel aus Wien hatten wir nur in Budapest (Dobosch),
aber unsere ländlichen Meister waren in diesem Handwerk oft auch
wahre Künstler und standen der großstädtischen Qualität
nicht nach.
2.4 Bonbon- und Konfektmacher
Ein seltener, aber in unseren Großdörfern und Städten
durchaus üblicher Beruf. Es wurden alle möglichen künstlerisch
sowie einfach gestanzten Formen und mit Zucker und Honigmasse ausgegossenen
Bonbonsorten hergestellt. Die bunten Kirchweihstangen aus gezogenem
Zucker bleiben uns ewig in Erinnerung. Sie wurden, ebenso wie die Zuckerwatte,
der türkische Honig und die schwarze Lakritze hauptsächlich
von unseren eigenen Zuckerrübensäften, dem Honig aus eigener
Erzeugung, eigenen Hühnereiern, selbstgewonnener Kartoffelstärke
etc. hergestellt.
2.5 Lebzelter
Er war immer in Personalunion mit dem Wachszieher anzutreffen, da in
beiden Fällen Bienenprodukte verarbeitet wurden. Den einfachen
Honigkuchen verstand jede Hausfrau selbst zu backen, während die
Kunstformen mit geheimnisvollen Geschmacksbeilagen und schönen
Verzierungen nach ererbten Rezepten von hauptberuflichen Lebzeltern
hergestellt wurden. Alle unsere Kirchweihfeste mit schön geschmückten
Lebkuchenbuden wurden von den eigenen Fachleuten, beliefert. Ferner
bestand Großbedarf an vielen kirchlichen und weltlichen Feiertagen.
Einige Lebzelter zogen selbst mit ihrer Ware durchs Land, andere verkauften
die Herzen, Puppen und Tiere mit der unwiderstehlichen bunten Bemalung
und einer schmucken Schnur zum Anhängen, den fahrenden Händlern,
Schaustellern und Budenbesitzern.
2.6 Molkereifachmann
Das war unser Käsespezialist. Bei solchen Mengen von Grundprodukten
wie Rahm, Butter, Quark, die wir zur Verfügung hatten, konnte ein
gelernter Molkereifachmann gute Geschäfte machen. Sein Domizil
war das Milchhäuschen der Aufkaufsgenossenschaft und sein Arbeitsgebiet
umfasste hauptsächlich im Aufkaufen, Verpacken und Weiterveräußern,
hin und wieder aber auch im Verfeinern, Würzen, Abwandeln nach
Städtergeschmack. Dabei wurde neben der Kuhmilch auch solche von
unseren Schafen und Ziegen verarbeitet. Daraus entstand Pressquark mit
verschiedenen Gewürzen, Vollfett- und Magerkäsesorten und
Kräuterbutter, um nur die gebräuchlichsten Produkte zu nennen.
2.7 F1eischer / F1eischhacker
Ein körperlich höchst anspruchsvoller Beruf. Das schwere Heben
und Arbeiten in ungeheizten Räumen erforderte schon immer starke
Männer. Aber auch arbeitsgewohnte Ehefrauen. In unserer fleischreichen
Heimat waren die Fleischereien Familienbetriebe: Der Mann kaufte ein,
schlachtete und zerlegte das Vieh (Schweine, Rinder, Kälber, Hammel,
Lämmer), die Frau half neben einigen Gesellen und Lehrlingen Aufbereiten,
Wurstkochen und Verkaufen. Neben vereinzelten Wurstfabriken mit bis
zu 15 Mann Belegschaft, bestand dieser Berufszweig weitgehend aus Meisterbetrieben,
die sehr lohnintensive Umsätze tätigten. Beim Schlachtvieh
überwog das Schwein (etwa im Verhältnis 4 : 1) gegenüber
Rind und Kalb und im Verkauf hielt sich das Frischfleisch an erster
Stelle, dem etwa 20 Wurstsorten folgten: Bratwurst, Blutwurst, Leberwurst,
Schwartenmagen, Sommer- und Wintersalami, Debreziner, Wiener-Würstchen,
Pariser (ähnlich den Lionern), Salvalati, grobe Schinkenwurst,
grobe Schinkensalami, Paprikasalami und einige Wurstspezialitäten
nach besonders gehüteten Rezepten. Als Beispiel sei ein mittelgroßer
Bajaer Fleischereibetrieb genannt- von dem auch die Wurstangaben stammen
-, der mit 7 Mann Personal 20 bis 23 Schweine, drei Kühe, fünf
Kälber und Schafe, mit wechselndem Bedarf, jede Woche vermarktete.
Wobei das Fett unserer prächtigen Mastschweine der Magolitzasorte
gesondert an Fettgroßhändler (Juden) doppelt so teuer wie
das Fleisch verkauft wurde. Der Fleischermeister war Fachmann für
alle praktischen Arbeiten wie Schlachten, Abhängen, Zerlegen, Kühlen,
Würzen, Pökeln, Räuchern, Verarbeiten etc. und Könner
aller dazugehörigen kaufmännischen Arbeiten. Jede Metzgerei
- ob sie schon Strom hatte oder nicht - besaß eine Eisgrube, in
der von den Eismachern an winterlichen Seen (Balaton), Tümpeln
und (seltener) Flüssen gebrochene Eisblöcke für die Sommermonate
aufbewahrt wurden. Was unsere Fleischer daheim an Wurstwaren herstellten,
ist im Zuge der Vertreibung und Umsiedlung in die neue Heimat überall
in der Welt gebracht worden und wird dort für alle Zeit von ihrer
Geschicklichkeit zeugen.
2.8 Rossschlächter
Unsere Bauern hatten viele vierbeinige Helfer auf Äckern und Wiesen.
Und wenn nach einem arbeitsreichen Leben (von ca. 15- 20 Jahren) so
ein treuer Gaul sich anschickte, abzudanken, musste ihn ein Fachmann
(Rossfleischer) in Obhut nehmen. War das Pferd noch gesund, trug sein
Fleisch zur Würze in manchen Salamisorten bei. Andernfalls erbrachte
nur sein Fell dem Schlächter Nutzen. Kranke Pferde wurden - wie
alles kranke Vieh - nur gegen zusätzliche Entlohnung abgeholt.
Für lediglich altersschwache Pferde musste der Abholer einen geringen
Preis bezahlen. Als Rossschlächter und Schinder für das übrige
Vieh haben sich häufig die unempfindlichen Zigeuner hervorgetan.
Dennoch braucht dieser Beruf als Ausnahmefall in unseren schwäbischen
Berufsbildern nicht fehlen.
2.9 Koch / Köchin
Hierbei gilt die Berufsbezeichnung nicht allen unseren tüchtigen
Könnern und Könnerinnen in Sachen Kochkunst, sondern nur jenen,
die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, also den in Gaststätten,
Heimen, Hotels, Krankenhäusern, Speisewagen und Herrschaftsküchen
angestellten. Gibt es heute Spezialköche für Fleischspeisen,
Fischgerichte, Eier- und Gemüsespeisen, Diät, Flambieren etc.,
so waren es früher allseitig ausgebildete und erprobte Fachleute,
die alle Essensarten gleich gut herzustellen wussten. Die Theorie stellte
auch einige Forderungen in Schreiben, Rechnen, Vorratsplanung und, ab
der Dreißigerjahre, noch Kalorienbestimmung. In zwei Extremen
sei der heimatlichen Praxis aus Erfahrungen in diesem Beruf gedacht:
Einmal festliche Tafeln mit zufriedenen und spendablen Gästen,
welche die Köche hochleben ließen und reich belohnten, zum
anderen schimpfende und fluchende betrunkene Besatzer-Soldaten, welche
nach abgeschlossener vandalischer Speisung die Urheber all der hinuntergeschlungenen
Genüsse mit Demütigung und brutalem Schimpfen bedachten.
2.10 Obst- und Gemüsekonservierer
Was es auf diesem Sektor daheim gab, ist nur als einmalig zu beschreiben.
In schwäbischen Ortschaften lebten nur einzelne Bewohner von diesem
Berufszweig, in den slawischen oder ungarischen Gemeinden dagegen ganze
Ortsgemeinschaften. Dabei denke ich an solche Orte im Donaulöß,
wo der Gemüseanbau zur Hauptbeschäftigung gehörte: Kupusina
/ Bácskertes, Püspökpuszta, Érsekcsanád
u.a., in denen Klima, Boden und Bewässerung dem Obst- und Gemüseanbau
ideale Bedingungen schon lange vor der Einführung der vollbewässerten
Kunststoffstreibhäuser bescherten. Die Äpfel, Aprikosen und
Zwetschgen, das Kraut, der Paprika und die Tomaten, die hier wuchsen,
wurden nicht nur in frischem Zustand und in großen Mengen auf
den Märkten angeboten, sie ergaben auch das Grundmaterial für
die Konservierung in Form von Säften und Lekwar / Marmelade, Fässern
von gesäuertem Kraut, vielen Gläsern von saurem Paprika und
Säcken von gemahlenem Paprika; vor allem der letztere gehörte
und gehört heute noch in der Donaustadt Kalocsa – neben den
Spitzen – zur Beschäftigung vieler Familien.
2.11 Fischtrockner und F1eischselcher
Noch sehe ich sie im Geiste an einer langen Leine in der Sonne hängen.
die knackig-trockenen Hechte und Aale. Ebenso mager, wie die an der
Sonne ausgelaugten Fische, war allerdings auch das Einkommen derjenigen,
die sich damit den Lebensunterhalt verdienen mussten. Es gab selbst
in reichen Ortschaften besitz- und anhanglose kränkliche Menschen,
die nicht mehr dem Fischfang nachgehen konnten und die vom Überschuss
der Fischer lebten. Ohne mitverdienenden Anhang und ohne Invaliden-
oder Altersrente, hatten sie irgendwo am Dorfrand ihre kleine strohgedeckte
Hütte und fristeten ihr Leben schlecht und recht als Sozialfälle
der Gemeinde. War die fischbehangene Wäscheleine alles andere als
ein günstiges soziales Merkmal, so konnte sich der berufsmäßige
Räucherer unter den Fleischhändlern und Fischern nicht beklagen.
Seine volle Räucherkammer barg ein Vermögen. Ähnlich
wie das in den Haushaltungen mit eigener Schlachtung geschah, praktizierte
es auch der selbständige bzw. in einem Betrieb beschäftigte
Räucherer: In einem Kesselhaus, das nach oben hin direkt in einen
Schornstein mündete, wurde bei eingeschränkter Luftzufuhr
ein Rauchfeuer aus trockenem Akazien- oder Buchenholz unterhalten. Dauer
und Art des Räucherns - nach vorhergehendem Pökeln - hing
ganz von der beabsichtigten Haltbarkeit ab. Heiß und kurz wurde
geräuchert zum baldigen Verbrauch, langsames kühles Räuchern
brachte in Haltbarkeit und Geschmack das, was wir zu Hause erst nach
einem halben Jahr und nicht früher als zu Ostern des kommenden
Jahres ausprobieren durften.
2.12 Brauer und Mälzer
Nach dem Zeugnis von Fachleuten gehörten und gehören immer
noch zur Bierbrauerkunst - in der Reihenfolge der anfallenden Arbeit
- das Weichen, Tennenreinigen, Ausweichen, Hopfenlidern (Umstechen und
Mischen des Hopfens) und das Darren, Schroten, Biersieden, Bierkühlen,
Gären, Lagern und Abfüllen. Es heißt, dass schon die
Kelten die Bierbraukunst beherrschten. Auch die alten Germanen stillten
ihren Durst mit einem bierähnlichen Getränk, dem Met, das
aus gegorenem Honig gewonnen wurde, aber auch schon Hopfensaft enthielt.
Bei uns entstanden die ersten Brauereien kurz nach der Türkenbefreiung
(die Moslems waren bekanntlich strenge Antialkoholiker). Zuerst wird
das erzbischöfliche Bräuhaus in Baja im Jahre 1698 erwähnt.
Die Brauereien benötigen heute noch wie damals Gerste, Weizen und
Roggenmalz, an dem es unserer ehemaligen Heimat nicht mangelte. Der
unterschiedliche Geschmack zu den deutschen Bieren kam vom mangelhaften
Anteil oder vollständigen Fehlen des Hopfens in den Batschkaer
Bieren. Doch die "flüssige Nahrung", die wir daheim tranken,
kam aber sonst genauso von unseren Feldern und wurde von unseren Fachleuten
ebenso sorgfältig hergestellt, wie jene in den Bierhochburgen des
Westens.
2.13 Branntweinbrenner
Bis zum Einsatz des fahrbaren Brennereikessels um die 20. Jahrhundertwende
waren die Brennereiblasen stationär und hatten eine Größe
von 100 - 500 Liter Inhalt. Das lokomobilähnliche Gefährt
des fahrbaren Kessels fasste auch etwa 500 Liter Treber- oder Maulbeer-
und Obstgärung. Unsere Obstbrenner brachten ihre Kunst aus dem
Westen mit und blieben lange auf dem Stand des mitgebrachten Brennereibetriebes
stehen. Während im Westen die automatisierte Bearbeitung verschiedenster
Grundstoffe wie Roggen, Weizen, Hirse, Mais und Kartoffeln Fortschritte
machte, sahen sich die Neusiedler-Brenner Pannoniens in die Lage versetzt,
ihre Fähigkeiten ein ganzes Jahrhundert lang in Handarbeit weiter
zu kultivieren. Saatgetreide zum Brennen zu verwenden, schien ihnen
als große Verschwendung, da die Maulbeerbäume genügend
kostenlose Rohstoffe lieferten. Die verfeinerten Methoden des Maisbrennens
unter Zusatz von Hefe nach dem Milch- und Schwefelsäureverfahren
wurden seltener angewandt. Um Treber-, Maulbeeren- und andere Obstschnäpse
zu destillieren, brauchte man keine langen chemischen Umwege: Ansetzen,
meist ohne Zuckerzusatz, Gären, Vor- und Feinbrennen, dies waren
ihre ergiebigen Stationen, deren Produkte, ebenso wie im Westen, durch
den Staat überwacht und besteuert wurden.
2.14 Küfer
Dieser vielfältige Beruf bestand zum ersten aus der teilweise selbständigen
Instandsetzung des – vom Binder hergestellten - Fassgutes und
zum anderen aus der Bearbeitung der Trauben zu unserem bekannter Weise
kräftigen Naturwein. Bei beidem konnten auch unsere Bauern ein
gutes Maß mitreden. Die Vorarbeiten, wie Abdichten, Reinigen und
Ausschwefeln der Holzfässer sowie das Keltern (Pressen), Lagern
und Vergären des Süßmostes beherrschen sie genauso fachgerecht
wie die Hauptberufler. Fast jeder Weingartenbesitzer kelterte seine
Trauben selbst. Es wurde sorgfältig der gärende Most entschleimt,
filtriert und abgelassen - in die gereinigten Fässer zwischen 50
und mehrere tausend Liter, in Korbflaschen oder gleich in Literflaschen.
Schon lange vor Beginn unserer Zeitrechnung wurde die edle Kunst des
Kelterns und Vergärens von Trauben zu Wein durch Menschen aller
Schichten und Stände gepflogen. Zur Zeit der Auswanderung unserer
Ahnen war es allerdings in Süddeutschland ein königliches/adeliges
Privileg, aus Trauben Wein herzustellen, dem gemeinen Volk blieb der
Apfelmost und Apfelwein vorbehalten. Diese Einschränkung wurde
mit der Zuwanderung in den Südosten für unsere Menschen aufgehoben.
In der Batschka war mancher Heimatpfarrer stolz, beim Opfermahl in den
Kelch des Herrn sein eigenes Produkt - nicht zu knapp - gießen
zu lassen. Ja sogar lange nach der Vertreibung kehrte so ein ehemaliger
Amateurküfer wegen des Weines in den Heimatort zurück, um
ein in aller Eile angelegtes Versteck im Keller zu öffnen und die
vermeintlich immer noch wertvollen Flascheninhalte nach Deutschland
mitzunehmen. Wie groß war die Enttäuschung, als aus dem 44er
von den Teletschkaer Hügeln ein sauer-bitterer Weinessig geworden
war. Ist der gute Tropfen aus dem letzten Kriegsjahr "erstickt"
oder vielleicht nur, aus Solidarität zu seinen schwäbischen
Herstellern, sauer geworden und hat seine Blume in bittere Tränen
verwandelt - wer weiß es genau.
2.15 Sodawasserhersteller
Sie ist heute noch im gesamten Karpatenbecken in Gebrauch, die stolze,
dickbauchige Spritzflasche, die auch früher auf keiner festlichen
Tafel gefehlt hat. Sodawasser war das billigste, jedoch bei weitem nicht
das unangenehmste Getränk. Für ein paar Heller, Fillér
oder Para (österreichisches, ungarisches oder jugoslawisches Kleingeld)
zwei Flaschen direkt beim Hersteller zu holen, war eines von vielen
Kindheitserlebnissen, an die man ein Leben lang gerne zurückdenkt.
Unsere Kinder, die heute so ungern im Keller ihren Sprudel holen, würden
mit Hilfe des Zauberspritzers gewiss aus der lästigen Pflicht eine
angenehme freiwillige Leistung machen, könnten sie doch schon auf
der Treppe einen Spritzer kosten. Und dann erst das verblüffte
Zusehen, wie die handbetriebene Maschine das Sodawasser herstellte!
Gab es je für ein Kind einen überzeugenderen Zweck der Maschine?
Auch Limonaden und Brausewässerchen, Mineralwasser mit verschiedenem
Brausegehalt hatten wir genügend zur Auswahl. Im Namen der Kleinsten
sei den Männern und Frauen gedankt, die diesen Beruf daheim erwählt
hatten.
3 WASSERBERUFE
Fischer und Fischzüchter, Taucher, Binnenschiffer, Matrose und
Fährmann, Lotse, Reeder und Eigner, Schiffbauer, Schopper, Schilfrohrschneider
3.1 Fischer und Fischzüchter
Als das zweite Bein in der Ernährung (neben dem Bauern) kann dieser
viel verzweigte Beruf bezeichnet werden. Im Mittelalter befassten sich
notgedrungen so viele Menschen mit dem Fischfang. dass - so sagte man
- einer der Päpste den fleischfreien Freitag einführen musste,
um den Fischverbrauch zu steigern und so wenigstens einem Teil der Fischer
ihre Einkommensquelle zu stärken. Fisch galt nicht als Fleisch,
und doch war es mehr als das: Denken wir an die fetten Arten der Riesenwelse,
Aale und Mastkarpfen. Unsere zahlreichen Fischer waren es mit Leib und
Seele. d. h. sie wirkten noch ihre vielfältigsten Netze selber,
hielten ihre Boote in Ordnung und tätigten nach Feierabend die
Verkaufsgeschäfte. Ein Teil hatte in den Flüssen und Nebenarmen
ihren Wirkungskreis, die anderen in der Fischzucht der natürlichen
oder künstlichen Teiche. Im Nebenbetrieb hatte auch die Fellverwertung
wilder Fischotter und Bisamratten eine gewisse Bedeutung für die
Teichzüchter.
3.2 Taucher
Einige wenige unserer Landsleute, die diesen Beruf neben einem Schiffs-
oder Landhandwerk ausübten und zum Teil über die Binnengewässer
hinaus (Adria, Schwarzes Meer) hochbezahlte Beschäftigung fanden,
mussten ausgesprochen gesund und beweglich in der Haushaltsführung
sein. Das körperliche Arbeiten – Schweißen, Sägen,
Stemmen, Hämmern unter Wasser ist um einiges schwerer als bei Luftbedingungen.
Der hauptberufliche Taucher war nach 20-jähriger Tätigkeit,
also mit 40, am Ende seiner Leistungsfähigkeit. Bis dahin musste
er genügend materielle Unabhängigkeit erwirtschaftet haben.
Ein jahrelang aktiver Donautaucher konnte von gar wundersam anmutenden
Dingen resp. Arbeiten unter Wasser erzählen: Aufregender Kriegsdienst
mit Minen suchen und auslegen, dann nach dem Krieg Schiffswracks und
gesprengte Brückenteile bergen, und lange Jahre Werftarbeit und
Sesshaftigkeit in Nähe der Arbeitsstätte.
3.3 Binnenschiffer
Ihre weitgehende und doch nur auf wenige Flüsse begrenzte Tätigkeit
beinhaltete das vielfältige Mitwirken beim Führen von Schiffen
unterwegs und im Hafen, das Klarmachen, Laden und Entladen, die Überwachung
des Ladegutes, das aus den Zuflüssen und Kanälen ihrem Schiffszug
anvertraut wurde. Die Bedeutung dieses Berufes kann nur - wie in allen
übrigen Fällen - andeutungsweise behandelt werden. Die Donau
und deren Nebenflüsse unserer Heimat stellten seit Urzeiten die
wichtigste Wirtschafts- und Verkehrsader für durchziehende Kriegsvölker
und die Bewohner jener Gegend dar. Erst viel später kamen zu den
vielen im Herbst und Winter weglosen Straßen befestigte Hauptverkehrswege
und Metallschienen. Doch die schwersten Güter blieben bis zuletzt
dem Wassertransport vorbehalten: Kohle, Erz, Eisen, Kies, Sand, Holz,
Mineralöle, Düngemittel, Salz und Getreide können auch
heute nicht durch andere Transportmittel wirtschaftlicher befördert
werden. Neben der weithin anfallenden Arbeit des Schiffers sind auch
noch Spezialaufgaben mit eigenem Vokabular umrissen: Das Anstechen (Befestigen
z. B. der Leine), Belegen, Führen (Ladung verteilen), Knoten, Spleißen
der Taue, Verholen, Signalisieren, Morsen mit Licht oder Fähnchen,
Waschen und Sichern - um nur einige aus dem reichen Schifferschatz der
Ursprache zu nennen. Die Kenntnis der Schifffahrtsregeln und Gesetze,
das Rettungswesen und die Sanitärbestimmungen und nicht zuletzt
das grundsätzliche Bedienen aller maschinellen und technischen
Ausrüstungen sind und waren ebenfalls Bestandteile der Schifferausbildung,
die bei unseren Binnenschiffern oft bis zum Schiffsführer und Kapitän
führte. Die meisten Steuerleute und Kapitäne beim Bayerischen
Lloyd, Regensburg, sind 35 Jahre nach der Vertreibung immer noch Pannonier
aus dem Zwischenstromland.
3.4 Matrose und Fährmann
Als wichtige und verlässliche Kraft der gelernten Schiffer galten
die angelernten Matrosen. Abenteuerliche Burschen, wie wir sie aus den
Seefahrerfilmen kennen, gab es bei uns keine, doch immer gehörte
schon zu diesem Beruf eine gewisse örtliche Ungebundenheit. Fleißige
Matrosen konnten es zu Boots- und Steuermännern bringen, im Grunde
aber mehr in handwerklicher Hinsicht Karriere machen. Vor dem Siegeszug
des Dampfschiffes und Dampfschleppers in unseren Gewässern gehörte
zur Arbeit des Matrosen bei Flussabwärtsfahrt die Handhabung des
Anlegens und Be- und Entladens, während sie beim Flussaufwärtsschleppen
durch Pferdegespanne, die am Ufer mit Hilfe von Tauen das Schiff flussaufwärts
zogen, die sorgfältige Bedienung der Zugtrosse durch handgetriebene
Winden überwachten, damit die tiefste Stromrinne auch bei Flusskrümmungen
oder Sandbänken eingehalten wurde.
Die Fährleute unter den Schiffern bildeten, je weiter wir in
die Vergangenheit dringen, einen umso wichtigeren Berufszweig, der an
unseren Flüssen und Kanälen große lokale Bedeutung hatte.
Vor der Motorisierung gab es drei Größenordnungen hölzerner
Wasserfahrzeuge zur schnellstmöglichen Überquerung von Wasserwegen:
die Zille für wenige Personen und Lasten, die Plätte/Fähre
für ein bis zwei komplette Pferdefuhrwerke und ca. 20 Personen
und das Fährschiff für etwa 5 Fuhrwerke und 100 Personen.
Die beiden letzteren bedienten sich Hilfsvorrichtungen - z. B. eines
quer über den Wasserlauf gespannten dicken Seiles oder einer Winde
mit Umlenkrolle, an denen sie sich hinüberzogen -, während
die Zille mit einem großflächigen Steuerruder und mit Hilfe
der Flussströmung angetrieben wurde.
3.5 Lotse
Kam ein Schwarzmeerriese flussaufwärts in die Nähe des eisernen
Tores, so war es seine Pflicht, einen heimischen Lotsen an Bord zu nehmen
und ihm die Führung so lange zu überlassen, bis der Engpass
mit Hilfe verschiedener Hilfsantriebe zu Wasser und Land überwunden
war. Heute überwindet das natürliche Gefälle und die
ehedem so gefährliche Stromschnelle ein riesiges Schleusensystem,
das zugleich große Wasserturbinen zur Stromerzeugung speist. In
Kriegszeiten oder in den Spannungsjahren zwischen den kommunistischen
Anreinern nach 1948 war es Bedingung, einen Lotsen des durchzufahrenden
Donaulandes von Grenze zu Grenze an Bord zu halten. Auch solche Kapitäne,
die bei Niederwasser ihr Schiff sicher durch die Sanddünen bringen
oder die eines der ehemals bekannten Hafen- oder Werftbecken der Donau
ansteuern wollten, ließen sich gerne von Lotsen beraten, unter
denen die seit je gut mit der Donau vertrauten Donauschwaben zu finden
waren.
3.6 Reeder und Eigner
Alle Wasserberufe einzeln aufzuzählen oder gar beschreiben zu wollen,
hieße viele Landberufe vorwegzunehmen, denn ob Maschinist oder
Schiffsschmied, alle haben auf dem Land ihre ausgeprägten Verwandten.
Dasselbe gilt für die Besatzungen von Passagierdampfern, die im
Umgang mit den Fahrgästen jenem von der Eisenbahn entsprachen,
nur dass sie hier andere Namen hatten. Erst eine umfangreiche Enzyklopädie
könnte eine restlose Aufarbeitung dieses Themas bringen.
Ein Berufszweig, der nicht nur von wohlhabenden Donauhändlern
betrieben wurde, ist der des Reeders und Schiffseigners. Als Eigenbesitz,
in Miete oder Pacht betrieben diese Leute den im Schiffsverkehr vor
dem Krieg nicht wegzudenkenden Lohnverkehr. Das was nach dem Krieg die
staatliche Handelsflotte ihr eigen nannte, stammte zum Großteil
aus dem unseren Reedern ersatzlos enteigneten schwimmenden Kapital.
Die Einzeltonnage der Donaufrachtschiffe betrug vor dem zweiten Weltkrieg
zwischen 300 und 1000 BRT (1 Bruttoregistertonne = 2,83 m3 oder 0,4
Kubikklafter). Frachtverträge donauauf- und abwärts abzuschließen,
den Warenfluss weiterzuleiten, die Mannschaft anzuheuern und anderes
mehr, gehörte zu den Aufgaben unserer Kaufleute im Donauhandel,
die allerdings ähnlich wie jene im Landhandel eine lange Reihe
Verwaltungs- und Angestelltenberufe ernährten. Zuletzt, aber nicht
weniger wichtig ist die Tatsache, dass viele Eigner nur ein einziges
Wassergefährt hatten, auf dem sie Steuermann und Kapitän zugleich
sein mussten, ihre Familie mit auf dem Schiff hatten und nur von ein-zwei
Hilfsmatrosen unterstützt wurden.
3.7 Schiffbauer
Bevor die rationelle Großfertigung und Arbeitsteilung im Schiffbau
aus militärischen und handelstechnischen Erwägungen eingeführt
wurde, gehörte zum Berufszweig des allgemeinen Schiffsbauers das
gesamte Tätigkeitsfeld. Alte Chroniken und Verzeichnisse sprechen
sehr ehrerbietig von diesem Beruf, denn er gehörte zu der seltenen
Kunst, die ererbt oder nur in mündlicher Überlieferung weitergeführt
werden konnte. Pläne und Zeichnungen hatten die alten Schiffbauer
so gut wie nicht. Wobei sie in gewisser Weise mit den ersten Dombauern
verglichen werden können, die ebenfalls ihr meisterliches Können
in Statik und Stabilität, die ohne Zementverbund Hunderte von Jahren
standhielten, nur durch letztwillige Preisgabe von Geheimnissen auf
dem Sterbelager auf die nächste Generation übertrugen. Im
Altertum galt es als sehr verwerflich und sträflich, die Geheimnisse
des Baues von Schnellschiffen für Handel und Krieg an fremde Länder
und Nationen weiterzugeben. Nur auf diesem Grundsatz konnten manche
Nationen den anderen um viele Jahre voraus sein, ja sogar die Herrschaft
über sie erreichen. Das leichte und schnelle Schiff und damit sein
Erbauer gehörte zum wertvollsten Gut großer Herrscher. Diese
in Schifffahrtskreisen bekannte Feststellung kann durchaus auch auf
die Donauschifffahrt älterer Zeiten angewandt werden. Erst die
Internationalisierung des Schiffsverkehrs und Schiffsbaues brachte hier
grundlegende Änderungen. Der hier angesprochene Beruf des alten
universellen Schiffsbauers ist fixiert auf die Zeit vor der Gründung
der großen Werften in unserer Heimat, als noch Holz-, aber auch
schon erste Stahlschiffe und Schlepper in kleineren Handwerksbetrieben
hergestellt wurden. Aus Mangel an Hilfsmitteln wie Elektrizität
und luftgetriebener Handmaschinen mussten Niet um Niet und Planke um
Planke von Hand gehauen und gedichtet werden. War eine Arbeit fertig,
mussten die gleichen Kräfte anderes Werkzeug zur Hand nehmen, bis
das Handprodukt für den Fischfang, Handel oder Verkehr den Donauwellen
anvertraut werden konnte.
3.8 Schopper - Schiffszimmermann
Neben dem allgemeinen Schiffbauer gehörte dieser Beruf zu den ältesten,
die sich selbständig entwickelten und auf den Holzauf- und ausbau
aller Schiffsgrößen und Boote (Zillen, Fischer- und Müllerboote,
Fischkutter und -kalter) spezialisierten. Was der Schiffbauer baute,
wurde vom Schiffzimmermann ausgestattet. Später kam als notwendige
Verfeinerung der Schiffschreiner, Polsterer und Kunststoffwerker hinzu.
Ganze Holzboote wurden bis zu einer bestimmten Größe allein
vom Schiffszimmermann gebaut. Seine Werkstatt hing voll mit Modellen,
Schablonen, Maßlatten und Geräten, die der rationellen Handarbeit
dienten. Darüber hinaus war der Schiffszimmermann wie jeder andere
Holzhandwerker ein gründlich ausgebildeter Holzkundler, der seinen
Baustoff früher sogar selbst im Wald aussuchen musste (z. B. wenn
er naturgewachsene Hölzer für den Schiffsbug oder das Heck
benötigte).
3.9 Schi1frohrschneider
Jene ersten Siedlerhäuser unserer Ahnen, die noch in den Jahren
unserer Vertreibung in den rückständigeren Dörfern bestanden,
waren ausschließlich mit Schilfrohr gedeckt. Das Schilfrohr in
den Morästen, die es im ganzen Lande, aber besonders in den Donauauen
vielfach gibt, gehörte früher zum Herrschaftsbesitz und konnte
von jedermann jährlich in Pacht geschnitten werden. Sobald das
Schilf abgeblüht aber noch saftig genug war, wurde es mit besonderen
Sicheln unter Wasser abgeschnitten. Dabei gingen die Schnitter in hohen
Gummistiefeln durchs seichte Uferwasser und Moor. Wie alles, was nur
saisonbedingt Verdienst brachte, bot dieser Beruf nur den Besitzlosen
Einnahmen, die natürlich nicht sehr üppig waren. Allerdings
sorgte die Natur, dass die restlichen Rohrhäuser - deren es 1944
z. B. in slawischen Ortschaften noch bis ca. 50 %, in ungarischen ca.
30%, bei den Deutschen vielleicht noch 10% gab - immer einen Bedarf
an neuem Rohr hatten, mussten sie doch alle 3 Jahre ausgebessert und
alle 10 - 15 Jahre neu eingedeckt werden. Was bei uns ein Verlegenheitsberuf
war, ist in derselben Weise z.B. in westdeutschen Küstenstrichen
ein höchst bezahlter Liebhaberberuf geworden, dem manche Millionäre
ihre urwüchsige, reetgedeckte Dünenvilla verdanken.
4 BAUBERUFE
Maurer, Schornsteinbauer, Ofenbauer, Betonbauer, Pflasterer, Dachdecker,
Stuckateur und Gipser, Teerwerker und Asphaltierer, Brunnenbohrer und
Brunnenmacher, Kanalbauer, Gleiswerker, Plattenleger, Maler, Tapezierer,
Lackierer, Parkettleger
4.1 Maurer
Aus den Fachwerkgebieten des Südwestens in den holzarmen Südosten
zugezogen, mussten sich unsere Maurer sicher gehörig umstellen.
Holz gab es wenig und Lehm viel, also machten sie aus der Not eine Tugend.
Dazu musste einiges neu hinzugelernt werden. Der festzähe Lehm
der neuen Heimat war in getrocknetem Zustand dermaßen wasserabstoßend,
dass er sich als Baumaterial für Außenwände geradezu
anbot. So wie die bei der Zusiedelung bereits vorhandenen sogen. Siedlerhäuser
gebaut waren und wie die bereits ansässigen Slawen und Ungarn den
Lehm in ihren Flechtwerkmauern verwendeten, wollten ihn unsere Handwerker
nicht haben. Bereits in der zweiten Generation unserer Lehmhäuser
war es im Winter beträchtlich wärmer als in denen unserer
anderssprachigen Nachbarn, die nicht nur aus religiösen Gründen
um die Weihnachtszeit ihren Wohnzimmerfußboden mit einer geschlossenen
Strohschicht bedeckten (um an den Stall des Christkindes zu erinnern).
Die Wärme unserer Lehmhäuser kam zusätzlich von der Erhöhung
der Fußböden auf 2 bis 5 Stufen und aus der Auffüllung
des Fußbodenunterbaues sowie der Abdeckung des Fußbodens
mit Dielen/Brettern. Auch die dicken mehrschaligen Deckenwickel erhöhten
die Wärmedämmung beträchtlich. Neben der Errichtung jeglicher
Gebäude-, Haus-, Stall- und Schuppenarten verstanden unsere Maurer
auch vorzüglich das Putzhandwerk, das schon immer als Grundmaterial
Gips und Kalk benutzte. Ebenso gingen sie beim weiteren Fertigbauen
den Zimmerleuten, Dachdeckern und Bautischlern fachgerecht zur Hand.
Als Maurerhilfsberufe galten früher der (Lehm-) Stampfer, (Sparren-)
Wickler, Schmierer, Handlanger. Das Handwerkszeug war auch später
noch, als der gebrannte Ziegelstein und der Zementmörtel den Hausbau
unserer Leute beherrschte, das gleiche: Lot, Wasserwaage, Kelle, Maurerhammer
und Malterbütt.
4.2 Schornsteinbauer
Dieser Beruf wurde als Personalunion mit Maurer im Zuge der Industrialisierung
geboren, als überhohe Schornsteine zur Feuerung von Ziegeleien
und Dampffabriken benötigt wurden. Es war deshalb notwendig, diesen
Beruf aus dem Maurerberuf weiterzuentwickeln, weil hier nicht irgendein
Kamin mit Feuerstelle errichtet werden konnte, sondern umfangreiche
spezialberufliche Berechnungen und Kenntnisse erforderlich waren, die
Errichtung von Beruhigungszwischenkammern, Staubkammern, Rauchkanalanlagen
und nicht zuletzt Spezialöfen, die dem jeweiligen Zweck angepasst
wurden. Was die ehemaligen Schornsteinbauer begannen, entwickelte sich
nachher zu einem ganzen eigenständigen Industrieofenbau.
4.3 Ofenbauer
Personalunion mit Maurer. Bis zur Einführung unserer revolutionären
Sparherde (ungarisch: sparherd, slawisch: sporet) kannte Pannonien nur
offene Kamine und geschlossene Lehmöfen, Batzöfen, welche
beide in der Küche ihre Feuerungsstelle bzw. den Zugang dazu hatten.
Unsere Ofensetzer verbanden die Erkenntnisse des Sparherdes mit den
Erfordernissen des Siedlungsgebietes - und es entstanden die gemütlichen,
gekachelten Wohnzimmeröfen. Ferner gehörte zu ihrem Handwerk
das Errichten von größeren Koch-, Back- und Spezialherden
für Bäckereien, Zuckerbäckereien, Großküchen
usw.. Der Umgang mit Kacheln und Brandsteinen, die präzise Verarbeitung
und Auskleidung mit Schamott gehörte zu ihren Hauptmerkmalen.
Der Vollständigkeit halber sei die vor uns, aber auch von unseren
Handwerkern, übliche Errichtung der bewährten Batzöfen,
Lehmöfen, skizziert: Auf einem Sockel aus Lehmziegeln (ungebrannt),
ca. 50 cm hoch, wurde ein leichtes, aber dichtes Gerippe aus Sonnenblumen-Stängeln,
Schilfrohr oder Weidenruten in der gewünschten Ofengröße
aufgebaut. Darauf kam von außen eine ca. 10 cm dicke Knetmasse
aus Lehm-Spreu-Gemisch. Geglättet und poliert erhielt der Ofen
auf der Außenseite das gewünschte Aussehen. Nachdem das innere
Gerippe ausgebrannt war, wurden auch da die Unebenheiten ausgeglichen.
Der Boden war entweder aus reinem Lehm oder aus Ziegeln. Vor Inbetriebnahme
musste der Lehmofen einen längeren langsamen Trocknungsprozess
durchmachen, indem er mit kleiner Dauerhitze beheizt wurde. Die größeren
Bäckerei- und Industrieöfen wurden allseits mit ungebrannten
Lehmziegeln (später mit gebrannten) gemauert und mit gewölbten
Sturzdecken aus gleichem Material versehen.
4.4 Betonbauer
Der Name dieses Berufes ist aus der Vorkriegszeit nicht bekannt, doch
können wir durch eigenen Augenschein seine Existenz bezeugen. Hauptsächlich
im Reich und auf reichsdeutschen Schulen erlernten unsere Maurer die
große Kunst des Betonformens. Als Bauingenieure kehrten sie vielfach
aus der Fremde zurück, bauten Brücken und Fabriken, als ob
sie bei der Erfindung dieses revolutionären Baustoffes dabei gewesen
wären. Nicht von ungefähr mussten deutsche Kriegsgefangene
die im Kriege gesprengten Donaubrücken in eigener Regie, d. h.
unter Mithilfe kriegsgefangener Architekten, Statiker und Ingenieuren,
wieder aufbauen: Sie blieben dabei am Leben und die ‚Befreier’
konnten einiges lernen. Zu den wichtigsten Arbeiten des Betonbauers
gehört das Verlegen der Eisenarmierung, Mischen von Betonarten,
Herstellung der Schalung, Gerüstbau, Umgang mit Werkzeugen, Kränen
und Maschinen. Allgemein gehört noch in diesen Arbeitsbereich der
Betonstraßenbauer sowie jener des Hochbaues.
4.5 Pflasterer
Kopfstein-, Gehweg- und Hofpflaster zu verlegen, war für unsere
"Laienpflasterer" kein Buch mit sieben Siegeln. Hauptsächlich
in bergigen Gegenden gebrochene Steine kamen in die Ebenen der Batschka
schon fertig geformt und wurden hier zu Einfahrten aber auch im Straßenbau
verwendet. Unsere Gehwege wurden mit gebranntem Ziegelstein gepflastert.
Das Luxuspflaster der Großbauern, bestehend aus Mosaik-, Bord-
und Werksteinen, mussten die hauptberuflichen Pflasterer verlegen. Diese
waren hauptsächlich auf Auftragswanderschaft bei Gutsbesitzern
und Geschäftsleuten zu finden. Die ältesten gepflasterten
Straßen stammen von römischen Legionären, die, nach
Anton Tafferner, auch Ungarn (die Batschka ausgenommen) durchzogen und
heute, rund 2000 Jahre alt, noch immer befahr- und begehbar sind. Bei
Ausgrabungen in Süddeutschland, zum Beispiel, und in den Alpenländern
stieß man sogar noch auf ältere Überwege. Bevor die
Alpenpässe betoniert und asphaltiert wurden, hatten sie nur Schutt-
und Pflasterbeläge. Unsere Pflasterer im Südosten hatten die
wichtigsten Landesstraßen zwischen den größeren Städten
ebenfalls schon vor 200 Jahren mit strapazierfähigen Steinwürfeln
versehen. Da sich die sparsamen oder auch ärmeren Dörfer aus
Gemeindemitteln keine Pflasterstraßen leisten konnten, beherrschte
hier der berühmte Staub oder Schlamm das Straßenbild. Freilich
waren es zum Teil recht auffällige Gegensätze, wenn reich
verzierte oder mit Marmorplatten versehene Hausfassaden mit einem teueren
Pflasterwegstreifen davor an einer unbefestigten Straße standen.
4.6 Dachdecker
Er beherrschte alle Abdeckarten mit Ziegeln, Rohr, Schiefern, Schindeln,
Stroh und Betonplatten, obwohl bei unseren Satteldächern in der
Hauptsache nur zwei Arten, nämlich Rohr- und Ziegeldächer
in Frage kamen. Unsere Kirchen wurden mit Schieferplatten und Biberschwanzziegeln
sowie mit Kupferblech gedeckt, wobei sich der Dachdecker auch als künstlerischer
Dachgestalter bewähren konnte. Es gab so gut wie alle denkbaren
Dachformen: Pult-, Sattel-, Walm-, Mansarde-, Turm-, Kuppel- und Zwiebeldächer.
Zur Ausbildung der Giebel, Firste, Grade und Kehlen wollte auch das
Maurerhandwerk beherrscht sein. Der Beruf galt daheim als Wanderberuf.
Ein Dachdecker konnte jahraus, jahrein unterwegs von Ort zu Ort sein
oder bei reger Bautätigkeit das ganze Jahr über von nahen
Baustellen nach Hause pendeln.
4.7 Gipser und Stuckateur
Die einfachen Putzarbeiten an Wänden und Decken von ländlichen
Wohnhäusern beherrschte jeder gelernte Maurer. Sobald aber anspruchsvollere
Stuck- und Trapezarbeiten (Gips mit Drahteinlagen) an Herrschaftshäusern
und Kirchenbauten erforderlich waren, musste ein gelernter Gipser her.
Unsere Lehmwände wurden meist mit gelöschtem Weißkalk
verputzt. Moderne gemauerte Häuser hatten aber schon die bekannten
Kellen-, Kratz-, Spritz-, Rau- und Kiesverputze. Sie alle musste der
Gipser, neben den vielen inneren Gestaltungsarbeiten mit Schablonen
und Leimformen, beherrschen.
4.8 Teerwerker und Asphaltierer
Ein Beruf der Zwischenkriegszeit, der hauptsächlich in den wenigen
Großstädten mit geschlossener Straßendecke und unterirdischer
Abwässerung ausgeübt wurde. Die Kenntnisse dieses Handwerkers
waren im wahrsten Sinne vielschichtig, d. h. er beherrschte das Mischen
und Aufbringen der vielen Schichten von Straßenbelägen, welche
heißeste Sommer- und kälteste Wintertage aushielten (natürlich
mit den damals noch üblichen großen Sommer- und Winterschäden).
Ein Straßenbauspezialist verstand sich auch auf die Einbringung
und Abdichtung von Abwasserrohren und Kanälen sowie unterirdischen
Bauten aller Art, die für Fabrikation und zu Lagerzwecken benötigt
wurden.
4.9 Brunnenbohrer und Brunnenmacher
Auf diesem Gebiet konnten unsere Handwerker von den einheimischen Ungarn
manches lernen: die praktischen Ziehbrunnen - Wahrzeichen der Pussta
- konnten sich auch in allen unseren Batschkaer Dörfern großer
Beliebtheit erfreuen. Gemeinschaftstränken auf der Weide oder einem
Aussiedlerhof / Salasch / Tanya verfügten über einen Ziehbrunnen.
Die Gehöfte in den Ortschaften hatten einen Radbrunnen, der ebenfalls
bereits vor uns - vielleicht durch die Türken - im Südosten
heimisch geworden war. Danach jedoch kamen die deutschen Bohrfachleute
und schufen den Artesibrunnen auf dem Dorfplatz und machten damit eindeutig
das Rennen in der Wasserversorgung. Der Tiefbrunnen war für Privatverhältnisse
jedoch zu teuer. Wer auf das gesündere Wasser eines gebohrten und
geschlossenen Brunnens nicht verzichten wollte, ließ ein Rohr
wenigstens bis auf den Grundwasserspiegel - auf 5 bis 10 Meter - in
die Erde treiben und oben eine gusseiserne oder geschweißte Stahlzylinderpumpe
anbringen, die zu Frostzeiten besonderer Wartung durch nächtliches
Entleeren und dauerndes Umwickeln mit schützenden Strohwickeln
und Tüchern erforderte.
4.10 Kanalbauer
Der allererste und zudem bekannteste unter unseren Kanalbauern war kein
geringerer als Johann Eimann, der schreibende Ingenieur aus der Pfalz,
welcher am ersten großen Entwässerungskanal, dem Franzenskanal
der Batschka, an maßgebender Stelle beschäftigt war. Was
er, und viele nach ihm, durch die Anlage von größeren und
kleineren Entwässerungsgräben bezweckten, das erreichten in
modernerer Zeit die Erbauer von Pumpanlagen mit Beton- und Stahlröhren.
Ein Entwässerungsgraben nahm viel Boden in Anspruch, das unterirdische
Rohr dann nicht mehr. Der alten wie der neuen Entwässerungsart
kamen und kommen in den Niederungen aller unserer Flüsse große
Bedeutung zu.
4.11 Gleiswerker
Ein über den Bahnbetrieb hinausgehender Beruf, der für den
Untergrund verschiedenster Schienenwege verantwortlich war und ist.
Lange bevor Bahnhöfe, Stellwerke, Wärterhäuser gebaut
wurden, kamen die Gleiswerker, bauten, planierten Dämme, worauf
Schotter und Schwellen samt dem Schienenstrang in mühseliger Handarbeit
verlegt wurden. Heute geht so etwas viel schneller und reibungsloser:
Planierraupen und Steinfräsen haben die Gleiswerker alten Schlages
ersetzt, selbstbauende Schienenzüge verlegen vor sich her vormontierte
Schienen. Waren es früher nur 10- 20 Meter, die eine Baukolonne
täglich ebnete und auffüllte, so sind es heute hundertfach
mehr fertiggeschotterten Untergrundes pro Tag. Aber das Grundwissen
im Betten, Erneuern und Unterhalten von Gleisen ist hier wie dort das
gleiche.
4.12 Plattenleger
Dieses Handwerk hatte hauptsächlich in den zwei letzten Jahrzehnten
vor dem Krieg bei den reicheren Kreisen einen "goldenen Boden".
Was wurde da nicht alles "geplättelt": Hauseingänge,
überdachte Gänge, Vorratskammern und Haustierställe.
Dort wo noch keine Baderäume installiert waren, weil keine Fließwasserversorgung
vorhanden war, wurden die Ställe der Schweine und Rinder bereits
mit keramischen Boden- und Wandplatten belegt. Die Stalltechnik schien
der Lebenstechnik und Hygiene voraus zu sein. Das galt für Privathaushalte
wie für Lebensmittelbetriebe, Bäckereien, Fleischereien, wo
zwar noch kein fließendes Wasser, dafür aber höchst
moderne Lebensmittelfertigungsräume bestanden. Eher wurde beim
Gesellenlohn als bei der Ausstattung gegeizt. Die Arbeit des Plattenlegers
bestand aus Zusammensetzen und Zubereiten des Mörtels, Sortieren,
Ausfärben, Wässern, Ansetzen und Verlegen von Platten, Kacheln,
Mosaiken, Verfugen in verschiedenen Farben, Aufbringen von Ausgleichsbeton
bei Übergängen und ähnlichem mehr.
4.13 Maler
Vielerlei Spezialzweige dieses Berufes, vom Dekorationsmaler, Kirchenmaler,
Bühnenmaler bis hin zum weitverbreiteten Anstreicher und Schablonenmaler,
mussten die gleichen Grundkenntnisse über Farben, Spachtelmasse,
Verputz und Stuck besitzen. Wenn unsere ländlichen Haushalte in
schwachen Erntejahren einen gelernten Maler noch nicht bestellen konnten,
ein neuer Farbanstrich aber längst fällig war, wurde ein angelernter
Aushilfsmaler – auch weiblich - aus der Verwandtschaft mit der
Malerei (ungarisch pingálás) betraut. Wir erinnern uns
noch gut der Arten, wie unsere schmucken gemusterten Wohnzimmeranstriche
entstanden: Zuerst kam ein Grundanstrich aus Leim, Kalk und Farbe, danach
der gleiche in dickerer Zusammensetzung. Anderntags, sobald die Grundierung
getrocknet war, wurden zwei bis vier Musterschablonen hintereinander
mit verschiedenen zueinander harmonisierenden Farbtönen auf die
Wandfläche aufgetragen, bzw. gewalzt. Sparsam und doch der Tapete
täuschend ähnlich waren solche Malerarbeiten.
4.14 Tapezierer
Im allgemeinen ein in Personalunion des Polsterer ausgeübter Beruf,
im besonderen ein ausgesprochener Luxusberuf in unserer Gegend. Nur
Städter, Fabrikanten und hochbezahlte Intelligenzler konnten sich
echte, d. h. aus westlichen Ländern importierte Tapeten leisten:
Das erste tapezierte Zimmer hatte ich Gelegenheit, in den Vierzigerjahren,
in einem Hotel in Subotica zu bewundern. Es fühlte sich nicht schlecht
an, so eine Seidentapete, kam mir aber irgendwie geheimnisvoll und überflüssig
vor: Die Leute mussten etwas dahinter zu verbergen haben, dachte ich
und hatte nicht im Traume den Wunsch, daheim die Wände mit so etwas
behängt zu sehen. Unsere Tapezierer gehörten nicht mehr jener
alten Schule an, die noch selbst Tapeten herzustellen verstand. Sie
konnten sich bereits maschinenbedruckter, wenn auch noch sehr teuerer
Ware aus dem westlichen Europa bedienen.
4.15 Lackierer
Alle heutigen Hochglanzfurniere und Fertigpolituren gab es vor 70 Jahren
noch nicht. Es war schon Neuerung genug, dass überhaupt das Rohfurnier
die massive Möbelbauweise bei unseren konservativen Auffassungen
verdrängen konnte. Noch vor 60 Jahren wurden Möbel für
mehrere Generationen gebaut; darüber haben nun nostalgische Plüsch-
und Plumpsammler ihre helle Freude. Sobald das Furnier in den 30iger
Jahren bei uns die größeren Werkstätten erobert hatte
- die kleineren Tischlerwerkstätten blieben bei den massiven Sonderaufträgen
- kam auch der Beruf des Holzpoliers und Lackierers auf. Was heute mit
nur drei Anstrichen und ohne Glätten und Schleifen erreicht wird,
musste damals in mühevoller Handschleif-, Beiz- und Polierarbeit
getan werden. Viel Lehrgeld und lange Erfahrung waren notwendig, um
einer großen Sichtfläche den gleichmäßigen Glanzschliff
zu geben. Die Reihenfolge solcher Polituren bestand aus: Auftragen von
Einlassgrund, Grundieren, Kitten, Spachteln, Auftragen der Kontrollfarbe,
Spachtel-, Füller- und Lackschleifen, Auftragen des Lackes bzw.
Farbemails und Auftragen verschiedenen Oberflächenschutzes. Die
Kunst- und Kirchenlackierer verstanden sich auch im Belegen von Flächen
und Profilen mit Gold- und Silber-Plättchen. Überhaupt spielte
bis zuletzt die Renovierung sakraler und traditioneller Bauten eine
große Rolle bei unserem Völklein.
4.16 Parkettleger
Die Reichen aller Nationen in Ost und West konnten sich schon immer
raffiniertere Ausstattungen ihrer Behausungen leisten. So war es auch
bei uns nur wenigen vorbehalten, das in teurer Auftragsfertigung hergestellte
und ausgesuchte Parkettholz - das schon immer aus Harthölzern geschnitten
und maßgehobelt wurde - als begehbares Fußbodenholz zu verwenden.
Aufgemerkt! Begehbar hieß bei uns, mit schmutzigen Stiefeln oder
Galoschen (Gummiüberschuhe) darauf zu treten, denn unsere Häuser
kannten nur selten den sogenannten Vorraum zur Küche oder zum Wohnzimmer
oder den westlichen Windfang, wo im Winter das Schuhwerk hätte
abgestellt werden können. Da schrubbten unsere Frauen lieber einmal
mehr unsere Fichtenböden und legten das viele Geld, das ein Parkett
schon immer gekostet hat, auf die hohe Kante. Die wenigen Parkettleger
aber waren Meister - auch der Mosaikverlegung. Fachlich gesprochen beherrschten
sie so kompliziert klingende Bearbeitungen wie Falzen, Nuten, Kehlen,
Kröpfen, Federn, Leimen, Abputzen der Parketthölzer, aber
auch das Schleifen, Beizen, Wachsen, Bohnern, d. h. die Versiegelung
der fertigen Böden.
5 HOLZBERUFE
Sägewerker, Haussäger, Zimmermann, Wagner, Glaser, Bautischler,
Möbeltischler, Modelltischler, Klumpenmacher, Böttcher und
Binder, Drechsler, Muldenhauer, Holzinstrumentenmacher, Karosseriebauer,
Bildrahmer, Holzformer, Pfeifenmacher, Spielzeugmacher, Knopfmacher,
Bürsten- und Pinselmacher, Schirm- und Stockmacher, Korbmacher,
Holzfäller.
5.1 Sägewerker
Die Sägewerke in der Baranja und Schwäbischen Türkei
wurden bis zur Einführung der Dampfmaschine (ca. 850- 80) mit gestauter
Wasserkraft betrieben. Zu meiner Kinderzeit in der Batschka konnte ich
allerdings eine wasserstrombetriebene Sägewerke in Betrieb sehen;
lediglich solche, die, in unmittelbarer Donaunähe, den Fluss zum
Antransport der Baumstämme nutzten, sonst aber mit elektrischen
Gattersägen arbeiteten. Erstaunlich ist mir bis heute die Tatsache,
dass der größten Energievorräte unserer Gegend - in
Donau und Theiß - nicht viel mehr industriell genutzt wurden,
bzw. werden; Wasserwerke mit viel weniger potentieller Energie als diese
Flüsse, die sie auf der ganzen pannonischen Länge bieten,
arbeiten noch durchaus rentabel. (Die Nutzung der Donau beim Einlauf
nach Ungarn in einem Wasserkraftwerk, seit d.J. 2000, ist kein gutes
Beispiel, da der Fluss durch Ableitung ins Hoheitsgebiet eines anderen
Staates sozusagen vergewaltigt wird).
Der Beruf des Sägewerkers ist schon immer ein ausgesprochener
Maschinenberuf gewesen. In Zeiten der stationären Transmission
war seine Aufgabe, alle Bearbeitungsfolgen von der Sortierung, Einteilung,
Zurichtung des Stammholzes bis zur werkstattgerechten Fertigstellung
der Bretter, Latten, Dielen, Verschnitthölzer und Hobelmaterialien,
Richten, Schränken, Schärfen der Sägen, Schleifen der
Hobelmesser usw. zu erledigen. Sein Hauptaugenmerk galt der Vermeidung
des Seiten-Längenverschnittes durch sinnvolle Aufteilung der Gatter
(mehrfache Parallel-Sägeblätter).
5.2 Haussäger
Die fahrbaren Kreissägen, die heute in ganz Ungarn von Haus zu
Haus ihre Sägedienste anbieten oder aber die Hobbysäger mit
Elektrosägen, die mit Vorliebe die nachmittägliche Ruhezeit
der Nachbarn stören, gab es zu unserer Zeit noch nicht. Trotzdem
gab es aber schon den saisonbedingten Beruf des Haussägers. Sein
Arbeitseinsatz mit der Handsäge erfolgte überall dort, wo
keine männliche Arbeitskraft vorhanden war oder wo man ihn sich
leisten konnte. Tage- und Akkordlohn und warmes Essen waren die Grundlagen
seines sonst kärglichen Lebens.
5.3 Zimmermann
Hauptsächlich im altdeutschen Fachwerkbau des 15. bis 18. Jahrhunderts
vervollkomnete sich dieser Berufszweig. Es grenzt fast an Zauberei,
welche Größenordnungen von Belastung eine fachgerecht eingesetzte
Latte tragen kann. Nicht das moderne Steinhaus ist das erdbebensichere,
sondern das gute, alte Fachwerkhaus. Die weiteren Hausarbeiten wie Einziehen
von Decken, Zwischenwänden und Fußböden sind nur selbstverständliche
Nebenarbeiten für einen Fachwerkzimmermann gewesen. In der pannonischen
Heimat hatte der Zimmermann, der aus dem Fachwerkbau zusiedelte, außer
an den Dächern, kein großes Tätigkeitsfeld. Er musste
sich auf Fabrik-, Hallenbau, Stallungen und Vorratssilos beschränken.
Fachmännische Holzwahl, Zurichten, Sägen, Stämmen, Hobeln,
Nageln und Schrauben (früher Klemmen und Keilen) gehörten
zu seiner Handarbeit. Auch die zuletzt betonierten Straßenbrücken
wären ohne die hohe Schalkunst der Zimmerleute undenkbar.
5.4 Wagner
Unser Meister des Holzes war zugleich der Meister des Rades - Symbolfigur
für Fortschritt, Wandel und Vergänglichkeit. Die Erklärung
der Rückständigkeit mancher menschlicher Urwaldstämme
liegt in der Missachtung der wichtigsten menschlichen Erfindung, des
Rades. Ohne das Rad gibt es keinen Fortschritt. Die Wagnermeister hatten
dem Fortschritt eine denkbar praktische Form gegeben: Dem Rad fügten
sie die Achse, dieser die Deichsel und vier Leitern hinzu - und fertig
war der vielbewährte Leiterwagen, der wichtigste Gebrauchsgegenstand
aller – auch unserer - fleißigen Bauern. Da der Bedarf groß
war, hatten die Wagnerbetriebe viel zu tun. Es gab nicht einen Ort,
wo sie .nicht gleich in jeder Straße einmal vorkamen. Mistkarren
und Paradekutschen konnten sie in gleicher Weise maß- und bildgerecht
gestalten, ohne dass sie große Planbücher oder Entwürfe
einsehen mussten. Das was ein hochnäsiger Städter vielleicht
als stumpfsinnige Gleichheit unserer Leiterwagen bezeichnen könnte,
war gerade ihr Stolz: eine bewährte Sache immer wieder von neuem
genauso gut und dauerhaft machen zu können.
5.5 Glaser
Da hier überwiegend das Einrahmen und weniger die Glasherstellung
behandelt werden soll, sei unser Glaswerker bei den Holzberufen untergebracht.
Unsere Glasindustrie kam mit den Siedlern aus Thüringen und dem
Bayerischen Wald, woher auch die Batschkaer ersten Hausierglaser ihre
Platten zur Instandsetzung oder für Neubauten bezogen, um nach
und nach auf heimische Gläser der im Banat und der Schwäbischen
Türkei gegründeten Glashütten umzusteigen. In der Siedlerzeit
noch mit einer Schultertrage voll verschiedener Glasscheiben von Haus
zu Haus gehend, reparierte und verschönerte der Fenstermacher unsere
kleinen Fenster. Später machte er uns größere, gesündere,
indem er seine Werkstatt nach den im Ausland, auf der Walz, gesehenen
Vorbildern in Ungarn ausbaute. Vergleichen wir die Fensterfronten der
Siedlerhäuser mit denen, die unsere Menschen nach der Aussiedelung
in der neuen Heimat antrafen, so müssen wir verblüfft feststellen,
dass wir gar nicht so rückschrittlich waren, eher im Gegenteil:
In Süddeutschland hatten wir vielerorts noch die uralte gewölbte
Bleiverglasung mit dem lästig spiegelnden Hohlglas, während
wir in der Batschka weitgehend schon moderne Kittfenster sogar in den
Lehmmauern bekamen. Auch Gewächshäuser und ganze Glasdächer
brachten unsere Glaser fertig, denen alle Grundarbeiten moderner Glasverarbeitung
bekannt waren: Glasschneiden, Kantenbrechen, Säumen, Schleifen,
Kitten, Pausen und Schablonieren - um nur die wichtigsten zu nennen.
5.6 Bautischler
Bei uns gehörte zu seinem Arbeitsgebiet die Herstellung und der
Einbau von Fenstern und Türen, der Bau von Schränken und Regalen
und jenen Treppen, die nicht vom Zimmermann gemacht wurden, sowie die
Ausstattungen und Verkleidungen von Geschäften. Die Fähigkeiten
im Umgang mit dem für unsere nicht gerade holzreiche Gegend wertvollen
Baustoff mussten sehr vielseitig sein, denn wir kannten noch keine Großserien,
bei denen heute viele solcher Spezialisten gefragt sind. Laut fachmännischen
Quellen musste ein Bauschreiner folgende Arbeiten - und die Werkzeuge
dazu - beherrschen: Messen, Aufreißen, Anreißen, Sägen,
Hobeln, Fugen, Stemmen, Platten, Schlitzen, Zapfen, Falzen, Raspeln,
Feilen, Leimen, Bohren, Dübeln, Drahten, Schrauben, Nageln, Putzen,
Abziehen und Schleifen. Auch in Ölen und Beizen musste er zumindest
bewandert sein. Entsprechend reich war seine Werkzeugauswahl.
5.7 Möbeltischler
Unsere künstlerisch-barocken Betten, Schränke, Truhen, Tische
und Sitzmöbel hätten heute sicher große Liebhaberwerte.
Sie waren zweckentsprechend, praktisch, schön und aus ausgesuchtem
Holz vom ausgewählten Meister in Handarbeit hergestellt. War ein
junges Paar verlobt, bestellte der Brautvater die Betten oder zumindest
ein Bett, das für damalige Einkommensverhältnisse teuer war.
Reichere Bräute brachten gleich die ganze Schlafzimmereinrichtung
mit in den neuen Haushalt, der in einem Raum unterkam. Mehr Platz stellte
unsere traditionell in drei Generationen zusammenlebende Großfamilie
dem jungvermählten Paar nicht zur Verfügung. Erst wenn der
Generationswechsel durch Antritt des elterlichen Betriebes abgewickelt
war - inzwischen hatte die junge Familie meistens eigenen Nachwuchs
- vertauschte man die Wohnrollen, indem die Eltern ins Altenteil des
Nebengebäudes umzogen. Der Möbeltischler musste all dem und
einigem anderen Rechnung tragen. Im übrigen nahmen ihm die modisch
selbstbewussten Kunden manche Sorge ab. Seine Fertigkeiten waren denen
eines Bautischlers ähnlich, nur daß er um einiges mehr die
Beiz- und Lackiertechnik beherrschte.
5.8 Modelltischler - Spezialtischler
Zum Beispiel wurden Einrichtungen wie Kegelbahnen, Holzmaschinen (für
Ernte und Reinigung des Korns usw.) sowie Industrieausstattungen von
den Modelltischlern, oder wie sie heutzutage auch genannt werden, Spezialtischlern,
hergestellt. Industrie- und Modelltischler hatten auch bei uns vieles
gemeinsam: das Hartholz. Verzugsfestigkeit, Formgenauigkeit, robuste,
strapazierfähige Ausführung wurde von ihren Produkten verlangt.
Heute hat vielfach das Styropormodell die komplizierten Verbundmodelle
der damaligen Tischler abgelöst. Das Modell einer Bajaer Schiffsschraube
z. B., die aus heimatlichem Kupolguss gegossen wurde, war eines der
höchsten Spitzenwerke unserer Modellbauer.
5.9 Klumpenmacher
Die Klumpen- oder Holzschuhherstellung wurde aus der Urheimat (Bitsch
in Lothringen) mitgebracht und vielfach nur nebenberuflich oder auch
in genossenschaftlicher Zusammenarbeit ausgeübt. Die Klumpen aus
astfreiem, weichem Pappelholz waren von unseren Lößstraßen
nicht wegzudenken. Jede Familie hatte pro Mitglied mindestens 2 Paar
dieses leichten, warmen Oberschuhwerks. Da die Strapazen oft die Festigkeit
des dünnwandigen Holzschuhes übertrafen, hatte der Klumpenmacher
von Herbst bis Frühling Hochbetrieb. Er konnte auch getrost ein
ganzes Holzschuhlager verschiedener Größen auf die kältere
Jahreszeit hin vorarbeiten und lagern. Als Werkzeuge dieses schreinerverwandten
Handwerks kannte man: Säge, Beil, Zugmesser, Schnitzmesser, Hohlmeißel
und Hohlbohrer sowie die allseits bekannte und in manchen bäuerlichen
Haushalten vorhandene Schnitzbank.
5.10 Böttcher und Binder
Dieser mit dem Küfer verwandte Beruf umfasste eine Vielzahl von
Gefäßen. Bottichen, Zuber, Wannen, Kübel, Eimer, Becher
und anderes mehr. Der Vertreter dieses sehr alten Berufsstandes war
zuständig für eben alle Holzgefäße, an welchen
unsere vorwiegend ländliche Bevölkerung großen Bedarf
hatte: bei Weinlese, Pökeln, Ansetzen von Sauerkraut und Gurken,
Futter- und Getränkeaufbewahrung etc. Die Bezeichnung Tonnage in
der Schifffahrt ist aus der uralten Ladungsart vieler gleicher und runder
Holztonnen - dem einträglichsten Massenerzeugnis der Böttcher
und Fassbinder - entstanden, was zur Genüge die maßgebliche
Rolle des Böttchers in früheren Jahrhunderten hervorhebt.
Aufbereiten und Schneiden der Hölzer, Bearbeiten der Dauben für
gerade und gewölbte Gefäße, sowie das Ausgerben und
Streichen von Kimme und Nute (Gargel), Einsetzen der Böden, Abrichten,
Fugen und Dübeln derselben, Rundschneiden und Einbinden des Bodens
und alle ähnlichen Reparaturarbeiten gehörten zu dem anspruchsvollen
Fachwissen auch unserer Böttcher.
5.11 Drechsler
Dieses gerade zur Siedlerzeit in der Hochblüte stehende Handwerk
machten unsere Ahnen schnell in der neuen Umgebung heimisch. Nebst kunstvollen
Hausmöbeln aus Holz verstanden die Meister dieses Faches auf ihren
fußbetriebenen Drechselbänken auch Horn, Elfenbein und Bernstein
zu Sekretären, Kommoden und Einfassungen zu formen. In früheren
Jahrhunderten ausgesprochene Hof- und Adelslieferanten, wandelten sich
die ehemaligen Drechsler zu den heutigen Herstellern von Massenartikeln
auf dem Modell- und Spielzeugsektor. Daheim hatte jedes Dorf seine zwei
bis drei Drechsler, die auf Bestellung Neuteile und Reparaturen durchführten.
Die Namen der häufigsten Arbeitsgänge: Lang- und Plandrechseln,
An- und Abstechen, Bohren, Formdrechseln und Gewindestrählen.
5.12 Muldenhauer
Hauptsächlich in unseren Flussniederungen gedieh das durch großen
Bedarf in der Landwirtschaft geförderte Herstellen von runden und
ovalen Weichholzgefäßen. In diesem Beruf hatten andere Nachbarnationalitäten
– auffallender Weise auch Zigeuner – ihre zahlreichen Meister
und geschickten Händler, weil sich die Produkte auf den Märkten
der Tiefebene gut verkauften, die Schwaben aber als Marktverkäufer
nicht die geeignetsten waren. Die größten Muldenformen für
Schlachtzwecke, ebenso wie kleinste Handformen für Kornfütterung
fanden auf den Märkten schnell ihre Käufer. Aus altem Pappel-
und Weidenholz gehauen und im Schatten getrocknet waren die Mulden leichte
und praktische Gefäße, die erst in den verzinkten Blechwannen
echte Konkurrenz bekamen. Hatte ein Muldenhauer größere Stückzahlen
in Auftrag herzustellen, dann stellte er gerne vorübergehend Akkordlöhner
für die gröberen Vorbereitungsarbeiten - des Sägens und
Rohbehauens mit Äxten und Hohlbeilen - an.
5.13 Holzinstrumentenmacher
Zur zentralen Erfassung aller unserer Instrumentenmacher können
wir auf tiefschürfende Untersuchungen und Forschungen unseres Landsmannes
Robert Rohr, München, zurückgreifen. Ergänzend dazu ein
Bruchteil aus eigenen Erfahrungen. Bei unserer Umsiedlung in die Bundesrepublik
befand sich in meinem Reisegepäck ein Holzinstrument, das mir als
Geschenk ans Herz gewachsen war und welches ich mir als Erinnerungsstück
mit auf die große Reise nahm. Spielen konnte ich es nur so weit,
wie man das als wenig ausdauernder und keineswegs dazu berufener Gitarrenspieler
kann: man zupft so, mit etwas Gehör und langen Fingernägeln,
einzelne Melodien aus den 6 Saiten. Das Instrument, das sich gegen diese
Spielart nicht gut wehren konnte, vielmehr noch wohlklingende Töne
von sich gab, führt uns zu seinem Hersteller, dem Franz Schneider,
königlicher Hoflieferant zu Agram/Zagreb. Bei dem Fabrikwappen
handelt es sich um die Stephanskrone des ungarischen Königshauses.
Aus dem Zusatz zur Firmenerläuterung geht ferner hervor, dass die
Firma des Franz Schneider auch andere Arten von Holzinstrumenten und
Zubehör fertigte. Dabei kommen wahrscheinlich die lukrativeren
Klaviere, aber auch Geigen und Harfen in Frage, die alle aus den gleichen
edlen Hölzern und Furnieren hergestellt werden. Weitere vielgespielte
Holzinstrumente in unseren Vorkriegskapellen waren jene mit Mundstück:
Flöte, Klarinette, Fagott, Oboe - sie wurden auch von Holzinstrumentenmachern
aus Drechselholz - sicher auch von manchem geschickten Batschkaer Meister
- hergestellt. Die große Präzision, mit der alle diese Instrumente
verarbeitet waren, zeugt von langer Tradition und gewissenhafter Wertarbeit.
Heute wird so etwas in Großakkord von der numerisch gesteuerten
Fertigungsmaschine erledigt, was früher nur eine echte Liebe zum
Beruf und großes musikalisches Gehör hervorbrachten.
5.14 Karosseriebauer
Was der Wagner und der Radmacher auf dem Lande, war der Karosseriemacher
in den städtischen Betrieben: Er stellte die Holzkonstruktionen
der Schienenfahrzeuge bzw. Straßendroschken her. Schmückendes
Zierrat und stabile Tragteile der ersten Autos bestanden ebenfalls aus
Hartholz. Es wurden auch Achsen und Lenksäulen der Gefährte,
Räder und Speichen wegen Fehlens veredelter Metalle aus Eiche,
Esche und edlen Importhölzern hergestellt. Heute, da leichtes veredeltes
Metall die hervorragende Eigenschaft gewachsener Zähigkeit in jeder
Hinsicht übertrifft, hat das Handwerk des Karosseriebauers keine
hölzerne, sondern vielmehr eine leichtmetallene oder polymere Grundlage.
5.15 Bildrahmer
Viele unserer Kunstdrucke in den Schlafzimmern stellten keine besonderen
künstlerischen Werke dar. Lediglich was sie umrahmte, waren oft
meisterliche Originale der Schnitz und Rahmkunst. Unsere Bildrahmer
waren gelernte Schreiner, die sich zu Holzvergoldern weiterentwickelt
hatten. Zusammen mit den - nachfolgend extra genannten - Holzformern
sorgten sie dafür, dass unsere religiösen und romantischen
Motive das würdige festliche Gewand bekamen. Goldbronze, Blattgold
und Farbbeize mussten mit der Form und Art des Materials eine fast übersinnliche
Einheit und Ausstrahlung bewirken. Gerade im 18. Jahrhundert, als unsere
Ahnen nach dem Donauland aufbrachen, stand das Dekorationsholz vom Rahmen
bis zu den Möbeln hoch im Kurs. Und wir hielten an dem preiswerten
und schmucken Luxus fest bis zur Vertreibung.
5.16 Holzformer
Viele sogenannte Werke unbekannter Holz-Bildhauer, die heute in Antiquariaten
und Auktionen undefinierbare materielle Vorstellungen wecken, stammen
von ungelernten Holzformern ehemaliger geschäftstüchtiger
Bilderwerkstätten. Die erstaunliche Ähnlichkeit bis ins kleinste
Detail mit dem echten Kunstwerk kann nur von stupiden, gedankenlosen
Nachahmern einiger weniger echter Meister herrühren. Die einträgliche
Holzformerei beschränkte sich aber nicht auf Kopierung von Kunstgegenständen,
sie war auch für modische Stilmöbel zuständig oder versorgte
die vielen Kriegsinvaliden der früheren Kriege mit Prothesen und
Krücken aller Art. Aus diesem Handwerk gingen die heute noch berühmten
Holzschnitzer wie Riemenschneider und Veit Stoß hervor - nicht
umgekehrt. Die passionierten Massebildhauer mussten im allgemeinen viel
vom Zeichnen, Modellieren, Gießen aber auch Sägen, Hobeln
und Leimen verstehen, wobei die abschließenden Feinheiten des
Beizens, Wachsens, Räucherns, Malens etc. ebenfalls mehr als anlehnungsweise
beherrscht sein wollten.
5.17 Pfeifenmacher
Viele von uns können sich noch an die selbstgeschnitzten Kirschholzpfeifen
und Zigarettenspitzen erinnern. In dem Gemischtwarenladen um die Ecke
hing eine Auswahltafel von Raucherzubehör, und in den untersten
Preislagen wurden gerade die einfachen handgeschnitzten Mundstücke
und Pfeifenköpfe aus nachbarlicher Produktion angeboten. Da sie
für jedermann erschwinglich waren und andererseits nicht jeder
Raucher die Zeit und Geschicklichkeit zum Selbstschnitzen hatte, fanden
geschäftstüchtige Haupt- oder Nebenberufler hier eine lohnende
Einnahmequelle. Anders verhielt es sich mit den Ton- und Meerschaumpfeifen,
Horn- und Elfenbeinköpfen und Mundstücken. Sie wurden in Spezialabteilungen
der Töpfereien und Drechslereien von gut bezahlten Fachkräften
gebrannt und geformt.
5.18 Spielzeugmacher
Was aus Holz und für Zimmermann und Schreiner zum Herstellen zu
klein war, machte der Kleintischler: Scheibenräderige Kleinkarren,
"Scheibtrugeln", Steckenpferde, Schaukelpferde, Leiterwägelchen,
Kleinmöbel und manches andere, das unsere Kinder auf das Erwachsenwerden
vorbereitete. In allen Zeiten amten schon die Kinder gerne Erwachsene
nach. Unterhaltsame Spielsachen waren jene, die den alltäglichen
Gebrauchsgegenständen der Eltern nachgemacht waren. Die neumodischen
Spielsachen sollen - werden aber nie - dem heutigen, zappeligen und
überforderten Nachwuchs die Fabrikarbeit, die das Kind noch nicht
zu sehen kriegt, schmackhaft machen. Unsere Kinderzeit war deshalb viel
sorgloser und lebensnaher, weil in uns nicht falsche Hoffnungen geweckt
und ungewisse Wege vorgezeichnet wurden. Die Vorbereitung auf Mannes-
oder Frauenaufgaben wurde nicht durch pädagogische Experimente
beeinflusst. Was wir nach dem Krieg als Männer und Frauen erreichten,
haben wir nicht zuletzt unserem realistischen Spielgut zu verdanken.
5.19 Knopfmacher
Ein Kleinfabrikler, der in unseren Städten die typischen Verschlüsse
für die robuste, selbstgeschneiderte Kleidung machte. Zwirnumwickeltes
Stanzblech, lederumwickelte Holzstäbchen, Hirschhorn- und Steinzeugknöpfe
bunt lackiert und gebrannt, sowie Elfenbein, Afrikahorn, Hartholz, Perlmutt
und, nicht zuletzt, das bereits bekannte Bakelit wurden mit handbedientem,
später mit elektrobetriebenen Werkzeugen wie Sägen, Schnitzmessern,
Feilen, Raspeln, Schleifscheiben, Laubsägen, Bohrern, Stanzen und
Pressen bearbeitet.
5.20 Bürsten- und Pinselmacher
Borsten hatten wir wahrlich mehr als erwünscht. Und das Bürsten-
und Pinselhandwerk hatte von der Rohstoffseite keinen Grund zur Klage,
dafür aber von der Abnehmerseite. Wir erinnern uns noch vage, dass
unsere Väter ihre Pferdebürsten selbst herstellten, die sie
auf dem bäuerlichen Hof benötigten. Dabei bedienten sie sich
der gleichen Technik, wie die hauptberuflichen Bürstenmacher: Ein
oval ausgesägtes Brett in der Größe einer Männerhand
wurde mit möglichst vielen 3mm-Löchern versehen und mit Rosshaarbüscheln
bespickt. Auf der einen Seite wurden diese Haare ca. 2 cm lang gleichmäßig
abgeschnitten. Das mit einer stumpfen Nadel geführte Bindegarn
saß fest in dem Holz und wurde durch Aufquellen in leichter Lauge
konserviert und haltbar gemacht. Unsere Sisalbürsten und Schweinsborstenpinsel
machten wir nicht selber, denn an sie stellten wir "höhere"
Ansprüche, ähnlich wie an die Giebelwände und Holzfußböden,
für deren Schrubben und Weißeln sie verwendet wurden.
5.21 Schirm- und Stockmacher
Den Stolz manches Festtagsspaziergängers mit und ohne Regenschutz
machten unsere Stockmacher auf die jahrhundertealte Methode, indem der
feingeschliffene und geschnitzte Stab aus Rosen-, Nuss- oder Eschenholz
in heißem Wasser gedämpft und gebogen und in dem gewünschten,
gebogenen Zustand getrocknet wurde. Verschiedene Beschläge oder
verborgene Zwecke gehörten zu den teueren Besonderheiten dieser
treuen Begleiter der wenigen Mußestunden unserer Väter und
Großväter.
5.22 Korbflechter
Die Korbflechterei hat sich aus dem nebenberuflichen Weidenflechten
für den Eigenbedarf zur zuletzt hochstehenden Kunstflechterei entwickelt.
Unsere Korbmacher hatten durch die billige Versorgung an Rohstoffen
- Weidenruten, Bast, Schilf, Stroh - von Anfang an die beste Grundlage
für ihr Handwerk. Sie verstanden es aber auch, in fertigungstechnischer
und modischer Hinsicht den Markt im eigenen Lande und auch den Weltmarkt
zu beeindrucken. Der viel gepriesene hohe Ruf der Batschkaer Korbmacher
auf der Pariser Weltausstellung um die 20. Jahrhundertwende sei hier
beispielhaft erwähnt. Mit dem Lagern, Pflegen, Sortieren, Zurichten
der im Winter geschnittenen Weideruten begann jedes Jahr von neuem ein
langer Prozess, der viel Fleiß und Sachwissen erforderte, bis
das saubere Produkt auf des Flechters Schemel stand: Weichen und Biegen
von Stücken für das Gestell, Spalten, Schälen und Hobeln
der Ruten, das Flechten in Feinarbeit, geschlagener und Gestellarbeit,
Ausputzen, Waschen, Schwefeln und Wachsen, Beizen und Färben, Lackieren
und Aufbringen von Beschlägen - um nur die wichtigsten Abläufe
zu nennen.
Ein nennenswerter Zweig der Korbindustrie war das bast- und schilfrohrverarbeitende
Handwerk. Von den alten Schwarzwälder Bienenstöcken bis zu
den modernsten Einkaufstaschen verstanden unsere Bastflechter eine lange
Reihe von Gebrauchsgegenständen den Marktverkäufern und Kunden
aus aller Welt anzubieten.
5.23 Holzfäller
Zum ehrenvollen Abschluss des Holzkapitels soll der Versorger der meisten
vorgenannten Berufe genannt werden. Der Bedarf eines durchschnittlichen
Bauernhauses mit 2 - 3 Feuerstellen (Haus- und Futterküchen) betrug
ca. 5 - 6 Festmeter bzw. 3 - 4 Klafter Brennholz im Jahr. Daneben wurden
auch die Mais- und Sonnenblumenstängel trocken u. a. im Sparherd
und Backofen verheizt. In der für den Holzschlag geeigneten Winterzeit
trafen sich die Waldarbeiter-Tagelöhner, Akkordlöhner und
Bauern-Selbstversorger in den zum Schlag freigegebenen Gemeinde- oder
Herrschaftswäldern, um an die vorgezeichneten Stämme Handsägen
und Äxte anzulegen. Erst in den letzten Jahren vor der Vertreibung
waren importierte Motorsägen im Einsatz. Gearbeitet wurde, wie
überall vor der Einführung der Motorisierung, zu zweit an
einem Stamm. Das Tagespensum betrug pro Mann 1 ½ - 2 Festmeter
und das dreifache an Stangenholz. War der Eigenbedarf der mitschaffenden
Bauern gedeckt oder nach 1 - 2 Monaten die Auftragsmengen der Waldbesitzer
erreicht, gingen die ärmeren Holzfäller noch daran, alles
angefallene Reisig zu bündeln. Solche wüsten Waldflächen,
wie sie die Zentralheizungszeit brachte, kannte man früher nicht.
Von 2 bis 5 cm Dicke war kein Ästchen nach dem Reisigmacher übrig.
Die gebeugten armen Weiblein, die auf älteren Weihnachtskarten
bei mühevoller Reisigsuche im Wald dem Christkind begegnen, gab
es in unseren Winterwäldern wirklich.
6 LEDERBERUFE
Gerber und Kürschner, Sattler und Riemer, Schuster, Täschner,
Handschuhmacher, Lederstepper
6.1 Gerber und Kürschner
Ein vielbeschäftigter und saisonunabhängiger Beruf, der von
unserem Viehreichtum profitierte. Das Gerben von Häuten und Fellen,
deren Verarbeitung zu Unter- und Oberleder, Sattelleder, Fein-, Bekleidungs-
und Schuhleder, gehörte zum Aufgabengebiet des Gerbers. Im einzelnen
begann seine Arbeit mit dem Vorbehandeln der von Metzgereien bezogenen
Häute, dem Enthaaren (Entwollen), Entfleischen, Kalken und Beizen
und endete beim Streichen, Kuponieren, Versenken, Gerben, Stoßen,
Fetten, Falzen, Planschieren des Rohleders. Unterschieden wurden drei
Arten der Gerbung: die vegetative, chromatische und kombinierte. Durch
abschließendes Ausrecken, Appretieren, Bügeln und Walken
entstand das edle Ausgangsmaterial für die vielfältigen Lederwaren,
die wir im Haushalt gebrauchten und am Körper trugen.
Unsere Kürschner/Pelzmacher hatten bei allen uns umgebenden Nationalitäten
einen guten Ruf, und ihre Bunden, Pelzmäntel, Pelzjacken, Pelzbesätze,
Muffe, Kragen, Mützen, Fußsäcke, Mantelfütterungen
fanden immer genügend Abnehmer bzw. gut zahlende Auftraggeber.
Der typische Bunda (großer Pelzumhang), den im Winter in verschiedener
Qualität vom Hirten bis zum Großgrundbesitzer viele im Freien
arbeitenden Männer trugen, findet auf der Welt nicht seinesgleichen.
Allerdings dürfen wir uns nicht seiner Urheberschaft rühmen:
Schon lange vor uns trugen ihn die in Ost- und Südosteuropa wohnenden
Völker. Dass er von unseren Kürschnern aber, wie so vieles
im Siedlungsgebiet, durch Weiterentwicklung der Form und Verarbeitung
in der Qualität neu dazu gewonnen hat, wird niemand abstreiten
wollen. Ein seltener Zweig dieses Berufes war der des sogen. Kepernetzschneiders,
der die schönen und warmen Umhangmäntel aus Filzstoff herstellte,
in deren zugebundenen oder -genähten Ärmeln die Hirten und
Kutscher Essvorräte aufbewahrten.
6.2 Sattler und Riemer
Unsere Pferdeausrüstungen hatten, zugegebenermaßen,
beim Zuwandern der Donauschwaben aus allen westeuropäischen Ländern,
eine Vielfalt, die sich in der neuen Heimat als nicht praktisch erwies.
Hauptsächlich das ungarische Reitervolk musste unsere Sattler zum
großen Umdenken angeregt haben: im leichten, praktischen und schnell
zu handhabenden Pferdegeschirr wie Sattel und Zaumzeug hatten die Österreich-ungarischen
Soldaten vor unseren Bauern die Voransprüche. Auf der Grundlage
der vorgefundenen Ausrüstungen entwickelte die donauschwäbische
Sattlerzunft wahre Schmuckstücke für viele ländlich-dörfliche
Spezialbedürfnisse. An Pferdegeschirr konnten Vermögen, Rang
und Stellung des Besitzers abgelesen werden: Werktags-, Markt-, Parade-,
Ackergaul- und Hengstgeschirr und die verschiedensten Sättel durften
in der Geschirrkammer unserer Großbauern nicht fehlen. Die handwerkliche
Fertigkeit eines Sattlers bestand aus dem Auswählen und Behandeln
des Werkstoffes (Rindsleder, Futter, Garne), Vorzeichnen, Zuschneiden,
Stanzen, Pressen, Ausschärfen der Lederränder, Putzen, Reifen,
Kanten abziehen, Kleben, Nieten, Nageln. Hauptsächlich die sichtbaren
Nähte mit gefärbtem Lederriemen mussten gestochene Akkuratesse
aufweisen.
6.3 Schuster
Vor der Umsiedelung in die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1953
hatte der Autor Gelegenheit, durch Bekannte eine moderne Batschkaer
Schuhfabrik von innen zu besichtigen. Aufgebaut auf einem enteigneten
deutschen Betrieb hatten es die neuen Herren nicht besonders schwer,
den internationalen Stand in der Schuhindustrie zu halten; doch es gab
in der Fabrik keinen einzigen Handwerker, der komplette Schuhe zu machen
verstand. Oberlederzuschneider, Sohlenstanzer, Maschinenstepperinnen,
Riemennäherinnen u. a. stellten im Akkord gleichmäßig-fade
Schuhe her. Ohne nostalgisches Pathos kann dagegen auf unsere früheren
Schuhmacher geblickt werden. Als Stammlieferanten vieles bequemen und
doch praktisch Modernen und vor allem maßgerechten Schuhwerks
konnten sie mit aller Berechtigung auf ihr Handwerk stolz sein. Als
selbständige Untergruppe kann hier der Beruf des Schäftemachers
eingefügt werden, der hauptsächlich reiche und uniformierte
Kundschaft belieferte. Ob Straßen-, Luxus-, Berufs- und Sportschuhe,
Pantoffeln, Schlappen - die oft von einem eigenständigen Schlappenmacher
hergestellt wurden -, Gamaschen oder orthopädische Spezialschuhe
- sie verstanden ihre gut zahlende Kundschaft vollauf zu befriedigen.
Die wesentlichen Arbeitsabläufe bestanden im Abnehmen einer Umrisszeichnung
vom Fuß, einer Trittspurkopie oder - bei ungewöhnlichen Füßen
- eines Skizzenmodells, im Richten der Leisten, im Entwerfen oder Kopieren
des Schaftmodells, Ausfällen der Schaftteile, Schärfen, Bugen,
Pressen und Steppen der Schäfte. Ferner Zuschneiden und Vorrichten
des Bodenleders, das aus Einweichen, Dampfen, Klopfen und Walzen bestand.
Außer Tranchieren der Bodenteile, Zwicken, Einstechen und Einbinden
sowie Ausballen der Gelenkstücke, Nageln, Nähen und Kleben
der Laufsohlen, Aufbauen der Absätze und ihr Beschneiden, Raspeln,
Glasen und Bimsen sowie Ausputzen des Bodens mit weichem Innenleder
- um die wichtigsten Arbeiten zu nennen - beherrschte der altehrwürdige
Schuhmacher unserer Gegend eine Unzahl von Handgriffen, die unter den
älteren Berufen ihresgleichen suchten und die heutzutage für
einen Akkordhersteller für Fabrikschuhe unvorstellbar sind. Als
weiterer eigenständiger Zweig dieses Berufes kann der Stiefel-(Csismen-)Macher
gelten, der eine Vielzahl von lederner Fußbekleidung für
alle Stände entwarf und fertigte.
6.4 Täschner
Dieser modische Lehrberuf existiert schon so lange, wie die Eitelkeit
unseres schönen Geschlechts. Ein Täschner fand in den Dorfsiedlungen
und Städten im eigenem Land genügend Kundschaft, von der er
gut leben konnte. Rationeller, fabrikähnlicher Betrieb setzte,
wie heute noch, Großabnehmer voraus, zu denen bei uns u. a. die
Bauchladen - Hausierer Zählten. Die Feinlederwaren wie Brieftaschen/Budjelar,
Geld- und Tabaksbeutel, Mäppchen, Zigarrentaschen, Necessaires
und Gürtel wurden vom Hausierer im Dorf angeboten und vom Gemischtwarenhändler
auf Lager gehalten. Neben den allgemeinen Lederarbeiten musste ein Täschner
die vielfältigen Einschlagarbeiten, das Futterkleben und -nähen,
Faltenziehen, Abstreichen, Absteppen, Bügeln und Annieten von Beschlägen
und Schlössern können. Da die Taschenmode damals nicht so
schnell wechselte, konnten auch die entsprechenden Schablonen und Arbeitsmuster
aus Leder und Textilien besser ausgenützt werden.
6.5 Handschuhmacher
Für die Werktags- oder Festtagshandschuhe brauchten unsere Menschen
in Stadt und Land keine besonderen Handwerker. Alles Gestrickte oder
aus zartem Fell Genähte oblag unseren Bauersfrauen, die von der
doppelt gestrickten Zweifingerausführung bis zum gemischten Wolle-Ledereffekt
alle möglichen Varianten beherrschten. Den professionellen Handschuhmachern
blieb der teure Sonntagsstaat, bestehend aus Glace (geschabtem- Leder,
Nappa-, Wild- und Waschleder). Wenn die einfachen und wärmsten
Lederfäustlinge aus gegerbten Fellresten für unsere Fuhrleute
auch mal selbst genäht wurden, so mussten die zu teurer Festtracht
getragenen braunen, schwarzen und grauen kunsthandwerklich durchaus
anspruchsvollen Fingerhandschuhe immer von Meisterhand gefertigt sein.
Wie bei allen hochwertigen Lederwaren wurde gleichmäßige
Größe mit dem Schablonieren erreicht. Fetten und Abschaben
(Dolieren) des Handschuhleders und beim Glace das Abreiben der Oberfläche
gehörten ebenso wie das genaue Zuschneiden und auf Breite ziehen
(Depenieren) zur sachgemäßen Ausnützung des wertvollen
Materials. Durch den großen Bedarf unserer Teilnehmer an beiden
Weltkriegen hatte die Handschuhfertigung auf privater und professioneller
Ebene zuletzt einen weit fortgeschrittenen Stand. Die zum Teil noch
vollen Lager, welche die ‚Befreier’ beim Einmarsch 1944
konfiszierten und willkürlich unter sich und den jungen Kominformlern
verteilt hatten, konnte der Schreiber dieser Zeilen als Internatszögling
und Parademarschierer nach dem Krieg in den Besitz weißer baumwollener
Paradehandschuhe gelangen.
6.6 Lederstepper
Dieser Zweig stellte sämtliche Lederwaren für den
Industriebedarf her. Heute existieren Großbetriebe mit Tausenden
von Mitarbeitern - Stanzern, Steppern, Pressern, Formern, Entwerfern
von flexiblen, dichtenden, verbindenden Lederteilen. Früher, in
den Anfängen der Maschinenproduktion, begann sich diese Arbeit
als Unterordnung der Täschner und Sattler auf die kleinen Hilfsteile
für Verbrauchsmotoren und Pumpen, Blasebälge, Lamellen, Riemen
für Antriebe und verschiedenster Art von Verbindungen zu verlegen.
Je mehr die Industrie höchst hitzeunempfindliche Stoffe wie Fiber
und Graphit eroberte, desto mehr wurde das Leder verdrängt, aber
wegen seiner einmaligen natürlichen Zähigkeit noch lange nicht
ganz vergessen. Einen echten Ersatz für das veredelte Industrieleder
gibt es auch heute noch nicht.
7 FASER- UND TEXTILBERUFE
Filzmacher, Bastspinner, Garn-, Seiden- und Baumwollspinner, Wollspinner,
Hanfhechler, Stricker und Wirker, Weber, Tuchmacher, Färber, Hutner,
Seiler, Takler und Netzmacher, Stickerin, Schneider, Polsterer, Kappenmacher,
Bügler und Appreteur, Zeltmacher, Wäscherin.
7.1 Filzmacher
Wir kannten daheim alle möglichen Filzartikel von dem Schuhzeug
bis zu Dämmplatten, Spielsachen und Tieren, Kleidungsstücken
und Hüten. Dass aber dieser Filz von unserer besten Schurwolle
stammte, bedachten wir nicht. Der Filzmacher musste zuerst eine besonders
langfaserige Wolle finden und mit handmaschineller Vorwalze zu runder
oder flacher Form pressen, dann mit Hilfe von Wasser und besonderer
Seife das Vorgeformte so gefügig machen, dass mit weiteren Hand-
oder Maschinenpressen die gesuchte Stabilität erreicht wurde. Zu
endgültigen Gebrauchsprodukten wurde Filz erst durch Bleichen,
Färben, Streichen, Scheren, Noppen und Schleifen. Was früher
in mühseliger Handarbeit den Grundstock dieses Berufes schuf, entwickelte
sich zu riesigen Techniken, die heute aus der Textil- aber auch Automobilindustrie
nicht mehr wegzudenken sind.
7.2 Bastspinner
Flachs, Sisal, Jute, Hanf, das waren Jahrhunderte lang die vier Säulen
der Gebrauchsspinnerei im privaten wie handwerklichen Sektor. Wozu Wolle
und Baumwolle zu schade war, dazu wurden obige Stängelpflanzen
verarbeitet. Die Stoffe aus diesem Material waren hygienisch und atmungsfähig,
reinigungsfest und relativ preiswert in der Anschaffung. Da unser wertvoller
Boden zum Flachsanbau zu schade war, mussten unsere Verarbeiter die
vorgerösteten hanfähnlichen Bündel aus den kärgeren
Landesteilen beziehen und durch Nachbehandeln und Spinnen zur schmiegsamen
Faser machen. Jute und Sisal standen uns ähnlich minderwertig nahe;
wir hatten ja unser weißes Gold, den Hanf in Hülle und Fülle.
7.3 Hanfhechler
Er gehört zu den ersten Massenfabrikarbeitern unserer Hanfindustrie
im 19. Jahrhundert. Der große Weltbedarf und die lokale Nachfrage
nach Qualitätsleinen schuf schon in den Anfängen des Hanfanbaues
- also bereits kurz nach der Ansiedlung, um 1800 - die Massenverarbeitung
der gerösteten, in stehenden Tümpeln verfaulten, Hanfstängel.
Je fauliger und ungesünder ein Tümpel war, umso schneller
zersetzten die Bakterien das Hanfholz und umso leichter löste sich
die lange Hanffaser beim Brechen - zuerst von Hand, dann auf transmissionsbetriebenen
Brechmaschinen. Nach dem Brechvorgang kam der Hanfhechler in Aktion,
indem er das handliche Brechbündel (ca. 8 - 10 cm im Durchmesser)
durch die Hechelkämme zog. Das war damals noch unabdingbare Handarbeit,
weil es die Maschinen nicht so zeitlich angemessen fertiggebracht hätten,
die wertvolle Faser von den Stängelresten zu reinigen. Zur Handarbeit
gehörte auch die anschließende Bündelung und verladefertige
Verpackung. War im 19. Jahrhundert noch die Hanfverarbeitung Saisonarbeit,
so wussten die Hanffabriken des 20. Jahrhunderts schon um die Rundumverarbeitung
das ganze Jahr über, indem sie mit dem Stängelabfall Dampfheizungen
für riesige Verarbeitungshallen beschickten - ein sparsamer Kreislauf,
der dem weißen Gold alle Ehre und viel Gewinn brachte.
7.4 Garn-, Seiden- und Baumwollspinner
Während Wolle und Hanf im Überfluss unseren Spinnereien zur
Verfügung standen, mussten die wenigen Anbauversuche von Baumwolle
in Teilen der Pannonischen Tiefebene ein langwieriges kärgliches
Dasein fristen und zuletzt erträglicheren Kulturen weichen (ähnlich
erging es den Reisfeldern in der Nachkriegszeit). Etwas günstiger
stand es ab Anfang des 19. Jahrhunderts um die Seidenspinnereien. Von
der Wiener Siedlungsverwaltung forciert, pflanzten die Siedlerahnen
abertausende Maulbeerbäume und errichteten mit österreichischen
Krediten Manufakturen für die Verwertung der Raupenseide. Im Austausch
mit der so gewonnenen Seide kamen die importierten Baumwollprodukte
zu unseren Leuten. Seide ist edel und kalt, aber Baumwolle praktisch
und warm. Betrachten wir alle Spinnwaren, unabhängig von dem Grundstoff,
einfach als Produkte des bei uns sehr gut gehenden Spinnereihandwerks,
so können die meist geforderten Kenntnisse und Fähigkeiten
von den Vorarbeiten bis zum Färben der fertigen Fasern aufgezählt
werden: Aufbereitung der Flocken, Fasern, Mischen, Kämmen, Feinspinnen
auf Flügel- oder Ringmaschinen. Jeder feine Faden musste einen
langwierigen Egalisierungsprozess durchlaufen, dies geschah durch das
Zusammenlaufen mehrerer winziger Einzelfäden. An Spinnverfahren
waren bekannt: Das Floyer (Vorspinnen) und das Trossen-Ringspinnen und
Andrehen am Zählfaktor. Aufspulen auf die Kopse und Etikettieren
der Qualität gehörte zu den Schritten bis zum Verkauf. Über
die Seidenfadenerzeugung siehe Teil II, Abschnitt 2.9.2 Seidenraupen.
7.5 Wollspinner
Verglichen mit den vielen Einmannbetrieben unserer Mütter und Großmütter
hatte kein hauptberuflicher oder industrieller Spinner eine erwähnenswerte
Bedeutung. Bei feinen Garnen und Stofffäden vielleicht noch, indem
neben der teuren Einfuhrbaumwolle viele Stoffgarne aus reiner Schurwolle
nur fabrikmäßig gesponnen werden konnten. Aber alle anderen
Garn- und Fadensorten für Jacken, Westen, Pullover, Leibchen, Strümpfe,
Socken, Handschuhe, Mützen, Babywäsche etc. stammten aus den
Hauswerkstätten unserer Bäuerinnen. Die jährliche Wollmenge,
die von den unermüdlich den ganzen Winter hindurch surrenden fußbetriebenen
Spinnrädern produziert wurden, gehen in die zigtausend Tonnen.
Genaue Mengenermittlungen gibt es nicht, doch jedem eingehenden Interesse
wären Rückrechnungen anhand der getragenen Kleidung möglich.
7.6 Stricker und Wirker
Im Handarbeitsbereich dieses Berufes kamen unsere Hausfrauen als sehr
wichtige Berufsträger in Betracht, denn sie haben uns daheim mit
den meisten Strickwaren versorgt. Zur Beschreibung des Strickens als
eines im wollreichen Pannonien viel beschäftigten Handwerks muss
aber auch der Massenhersteller von verkäuflicher Strickware genannt
werden. Aus dem Grundberuf des maschinellen Kettens, aus dem fast alle
modernen Gewebewirker, die Natur- und Kunstfaser verarbeiteten, hervorgegangen
sind, wird heute von Nylon, Perlon und ihre Vettern aus Polyamid beherrscht.
Zur Zeit unserer heimischen Stoffwerker dominierten die Feingarne, deren
Bearbeitung mit Spulen, Scheren, Bäumen und Ketten schon jedem
Lehrling beigebracht wurde. Fortgeschrittene Handwerker arbeiteten am
Grundbau, zeichneten (patronierten) die Legungen, richteten die Nadeln
der Wirkmaschinen, setzten und legten die Gliederketten, wechselten
die Geräte, Kettbäume und Fäden. Hauptsächlich strickten
unsere berufsmäßigen Stricker mit zwei Arten von. Strickmaschinen:
Der Flach- und Rundstrickmaschine. Das reichhaltige Angebot unserer
Strickwarenhersteller im häuslichen wie industriellen Bereich ermöglichte
einerseits einen großen Export, andererseits den Import an Luxusstoffen
aus modebewussten westlichen Ländern wie England und Frankreich.
Den hohen modischen Stand unserer Heimat verdanken wir wahrscheinlich
dem großen Export an leinenem Grundstoff, der von unserer Hände
Arbeit stammte, den Weltmarkt überzeugte und uns so anspruchsvollste
Importe ermöglichte.
7.7 Weber
Missverständlicherweise unterschätzt man leicht diesen alten
Beruf, indem man ihn als das einfachste Handwerk in der Textilindustrie
ansieht. Die Meister unter unseren Dorfwebern mussten sich zwar mit
dem Leinen- und Wollresteweben begnügen, sofern sie aber diesen
Beruf in einer Großweberei erlernen konnten, beherrschten sie
eine Menge feinster Techniken zum Weben von Baumwoll-, Frottier-, Flor-,
Möbelstoff-, Dekorations-, Gardinenstoff, Filztuch, Wollpresstuch
und vieles ähnliche mehr. Ein gelernter Weber konnte in dem gesamten
Woll- und Textilbereich sein Brot verdienen. Seine wichtigste Arbeit
bestand im Vorrichten des jeweiligen Webgutes samt Webstuhl- und Knotentechnik.
Darüber hinaus hatten unsere ersten Weber auch durchaus die Fähigkeit.
selbst ihre Webstühle mit den erforderlichen Hilfseinrichtungen
zu bauen, zu warten und zu reparieren. Weil sie ohne zusätzlichen
Antrieb manuell ihren Webstuhl betrieben, nannten sie sich auch die
Handweber. Was sie notgedrungen zum Broterwerb machen mussten, ist heute
bereits zur Hobbyrarität geworden. Damals wie jetzt bestand die
Handweberei im Spulen und Haspeln von Hand, Berechnen des Garnbedarfs
nach dem Scher- und Schusszettel, Kettscheren nach dem Scherzettel,
Kettschlichten und Kettbäumen im Handstuhl.
7.8 Tuchmacher
Heute unterscheidet sich dieser Beruf in Textilarbeiter, Textiltechniker,
Textilfärber und Textillaborant. In früheren Jahren musste
der Tuchmacher von den praktischen bis zu den schwierigsten theoretischen
Arbeiten alles selbst verrichten. Im Grunde stellte er Stoffe für
Mäntel, Kleider und Anzüge her. Er war zugleich auch in verschiedenen
Spinnverfahren bewandert, fühlte sich aber mehr dem Weber zugehörig.
Das Spulen, Zwirnen, Haspeln, Scheren und Bäumen musste er beherrschen.
Das Einrichten der Ketten geschah nach Vorlage und Zeichnung auf Mustern,
die er zum Teil auch selbst herstellte. Appretur, Färbung, Kontrolle
durch Analysen und Dauertests sowie Versuche mit Fasermischungen kamen
hinzu und bildeten noch lange nicht den Abschluss in der Entwicklungstätigkeit
des Tuchmachers. Dass er hauptsächlich in der Industrie beschäftigt
war, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
7.9 Färber
Soweit die bäuerliche Alltagstracht aus unseren eigenen Leinen-
und Wollwebereien stammte, wurden die Grundstoffe dazu, das Garn und
Tuch, von den eigenen Färbereien gefärbt. Um die Siedlerzeit
hatten eben die Gründer der BASF das Anilin entdeckt. Diese ersten
auf chemischem Wege entwickelten Farben boten endlich eine bis dahin
unbekannte Palette an strahlend bunten Nuancen. Sofort setzte in Deutschland
ein Siegeszug ein gegen das bis dato verwendete Indigo, das pflanzlichen
Ursprungs war. Allerdings hatten unsere Menschen von Mentalität
und Wirtschaftlichkeit her lange Zeit keinen Bedarf an farblicher Ausstattung.
Sie begnügten sich mit den dunklen, einfachen Farben des Indigo:
schwarz, dunkelblau, dunkelbraun, das nach und nach mit Glitzereffekt
von Glas und Metall sowie weißem Leinen belegt wurde. Angeregt
durch das provozierende Aussehen der andersnationalen Nachbarn mit ihrem
bestickten Leinen, gaben sie immer mehr Geld für modisch Gemustertes
und mit Anilin Gefärbtes aus; hauptsächlich für die Ausstattung
der heranwachsenden Mädchen. Diese farbigere neue Mode des 19.
und 20. Jahrhunderts war deshalb so einheitlich beeindruckend, weil
der neu erworbene pannonische Luxus die schöne mitgebrachte Tracht
aus Franken, Baden, Bayern, Schwaben und der Pfalz mit der Farbigkeit
unserer andersnationalen Nachbarn verbinden konnte.
7.10 Hutner
Dieses Handwerk war den Filzfabriken vorbehalten. denn die Hüte
unserer Väter waren stolze und steife Produkte des gepressten Woll-
oder Filzgemisches, das auf eine Holzform gedrückt, danach bei
hoher Temperatur gewalkt wurde. Der daraus entstandene Hutstumpen wurde
über Matrizen gezogen, plattiert und zum Schluss mit Schleifen
und Bändern garniert. Unsere Sonntagshüte unterschieden sich
nach Ständen, Berufen, Altersstufen der Träger oder Trägerinnen.
Außer den Woll- und Filzhüten trugen wir von Frühjahr
bis Herbst verschiedene Strohhüte, die in Strohflechtereien entstanden
und deshalb mehr zum Flechthandwerk zu zählen sind.
7.11 Seiler
In diesem und in folgendem Beruf (Takler) arbeiteten viele in den Orten
an Donau und Theiß wohnenden Handwerker. Wegen des großen
Seilbedarfs bei der Flussschifffahrt waren unsere Seilerbetriebe mehr
als ausgelastet. Das Batschkaer Hanfseil (Tau, Trosse) hatte, des vorzüglichen,
langfaserigen Grundmaterials Hanf wegen, überall in Europa einen
guten Ruf. Die Auftragsbücher der Seilereien wiesen Bestellungen
aus vielen Ländern auf. Schon frühzeitig zog das Maschinenzeitalter
in diesen Beruf ein, denn so regelmäßig wie die Maschine,
die außer den Seilen in verschiedener Dicke, auch die aus den
Spinnereien bezogenen Rohgarne, Fäden und Schnüre um die sogenannte
Sehne wand. Ein "Seilschläger" brachte es aber nie fertig,
lediglich mit der Maschine zu arbeiten. Teile, an die besondere Anforderungen
gestellt wurden, fertigte er von Hand. Ebenso konnten die Oberlängen,
Enden, Knoten, Bördelungen, Litzen nur von Hand gefertigt werden.
Langlebige Seemannstaue wurden nach Fertigstellung noch gefettet oder
geteert. Ein guter Seiler beherrschte aber auch alle nachfolgenden,
dem Takler zugedachten, Netzarbeiten.
7.12 Takler - Netzmacher
In einem Bastelbuch, das man heute den Kindern zu Hobbyknüpfzwecken
kaufen kann, sind etwa 50 Grundarten von seemännischen Tauwerkknoten
beschrieben und abgebildet. Dabei sind sicher manche nicht enthalten,
die bei uns den Schiffern, Fischern, Seilschlägern und Maschinenseilern
bekannt waren. Um evtl. einigen älteren Fachleuten auf diesem Gebiet
die Rückbesinnung leichter zu machen, sollen ein paar Grundarten
dieser Knoten namentlich aufgezählt werden: Oberhandknoten, Achterknoten,
Wurfleinenknoten, Kreuzknoten, Kabelgarnknoten, Liebesknoten, zwei halbe
Schläge, zwei verkehrte Schläge und viele Steakarten, die
aus der Hochseeschifffahrt kommen. Die Donautakler waren z.T. unter
den Seilschlägern und auch unter den Fischern zu finden. Von maschinell
arbeitenden Netzmachern, deren Produkte einen lohnenden Alleinerwerb
ermöglicht hätten, ist bei uns nichts bekannt. Dagegen kannten
wir viele knüpfkundige Menschen, die leicht jedes Netz in kleiner
Menge herstellen und reparieren konnten.
7.13 Stickerin
Bei den meisten der bisherigen Berufe könnte als auffallendste
Unterlassungssünde dem Schreiber angekreidet werden, dass er das
Feminine in ihnen vernachlässigte. Die dominierende weibliche Kraft
in der donauschwäbischen Wirtschaft ist aber so selbstverständlich,
dass ich glaubte und auch weiterhin vorhabe, auf eine entsprechende
platzkostende Akzentuierung verzichten zu können. Egal welchem
Beruf der Hausvorstand oder die Hausfrau nachging, der Erfolg hing immer
von der Mithilfe des Ehepartners ab. In unserer Familie daheim wurden
oft einige entsprechende Kernsätze zitiert: Der Mann ist der Kopf,
die Frau der Hals, oder der Mann ist das Haus, die Frau der Zaun, usw..
Dass auf diesen Grundsätzen jeder unserer Berufe, ob typisch männlich
oder weiblich, basierte, braucht nicht immer aufs neue betont zu werden.
Lediglich dort, wo nur einseitige weibliche Bezeichnungen übliche
waren - wie bei der Stickerin, Wäscherin, Näherin und Haushälterin
(bei Pfarrern und Lehrern z.B.) - kann auf eine Abweichung von der vereinfachenden
Grundregel nicht verzichtet werden. - Der Beruf der Stickerin ist so
eine Ausnahme und war überdurchschnittlich verbreitet, sowohl als
Nebeneinnahme- wie auch als Haupteinnahmequelle. Viele bei der Vertreibung
zurückgelassenen Gobelins, Wandbehänge, Tisch-, Bett- und
Vorhangtücher waren mit Sprüchen versehen, die schon allein
durch ihre optische Wirkung heute noch in Ehren gehalten werden. Manches
Elementare von donauschwäbischer Hand Geschaffene hat einen zeitlosen
Charakter, dessen Frömmigkeit das atheistisch-zerstörerische
Element der Nachkriegszeit überlebte. Von der dörflichen ‚Musterzeichnerin’
auf weißem Leinen vorgezeichnet, wurden die Muster mit liebevoller
Sorgfalt von Hand oder mit der Nähmaschine und dem entsprechenden
Spannrahmen ausgeführt. Die Stickkurse unserer Mädchen waren
erlebnisreiche und entspannende Unterbrechungen zwischen den schweren
Haus- und Feldarbeiten.
7.14 Schneider
Herren-, Damen-, Industrieschneider und wie die Bekleidungsspezialisten
alle heute noch heißen mögen, vereinigten früher ihr
Können und die Berufsmerkmale in dem Handwerk unseres hochangesehenen
Schneidermeisters, der meist nur mit einem Gesellen und Lehrling seine
Auftrags- und Maßarbeit für die Stammkundschaft erledigte.
Einen Hausschneider zu wechseln, war für beide Seiten eine höchst
blamable Angelegenheit. Da ging schon eher an, auf städtische Stangenware
auszuweichen. Das Charakteristische an unseren Schneidermeistern war
eben ihre überragende Mühe, jeden Kunden, auch wenn die Wünsche
und Charaktere noch so schwierig waren, zufrieden zu stellen. Bei der
hohen Kunst, mit der dieses Handwerk beherrscht wurde, dürfte das
auch nicht sonderlich schwer gewesen sein. Weitaus an erster Stelle
im Auftragsbuch rangierten die Herrenanzüge aus heimischen und
internationalen (englischen, französischen) Stoffen. Danach folgten
Festtagsmäntel und Kostüme, Jacken, Hosen, Kinder- und Trachtenkleider.
Unsere Schneider arbeiteten hauptsächlich ohne einheitlich gekaufte
Schnittmuster. Nach dem Maßnehmen wurde individuell das aus einem
Katalog gewünschte Muster entworfen und in der jeweils geltenden
grundmodischen Linie auf das Schnittpapier aufgetragen. Das Zuschneiden,
Heften, Anprobieren war manchmal eine langwierige, aber von beiden Seiten
gerne erledigte Angelegenheit, wurde doch dadurch der persönliche
Kontakt mit privatestem Klatsch gepflegt. Abrichten, Verarbeiten der
Einlagestoffe (Pikieren), Steppen, Nähte und Säume Nähen,
Staffieren, Kanten, Garnieren (bei Trachten z. B. Perlen-, Pospel- und
Plisseebesatz, Spitzenbesatz) waren die Arbeiten, deren Endergebnisse
bewundert wurden, in deren Ablauf die Kundschaft aber nur wenig Einblick
hatte.
7.15 Polsterer und Tapezierer
Eine Personalunion, bei der das Schwergewicht auf Polsterer
lag. In jeder guten Stube daheim, d. h. in den großen Wohnküchen
und gemütlichen Wohnzimmern standen Produkte unserer Polsterer:
Gepolsterte Stühle, Sofas, Liegen und. bei wohlhabenden Bauern
und Handwerkern auch große, bequeme Sessel mit Stoff und Leder
bezogen und mit – Stahlfedern, Seegras und Tierhaaren gefüllt.
Das Gestell aus Hartholz überstand gut mehrere Bezüge und
Generationen, die weniger durch Mode, als durch echten Verschleiß
erneuert und dem sauberen aber sparsamen Einrichtungsbedürfnis
angepasst wurden. Meist in Einzelfertigung und nach sorgfältiger
Stoffwahl der Besteller hergestellt. waren unsere Polsterarbeiten in
Handarbeit allen übrigen Einrichtungsgegenständen ebenbürtig.
Die Polsterer beherrschten ihr Fach vom Zuschneiden. Vorheften, Gurten,
Spannen, Nageln, Federn einnähen und Fertignähen von Hand
besser als die heutigen angelernten Maschinenarbeiter. Lehnen und Kissen
ermöglichten manche originelle und künstlerische Betätigung,
die der Umgang mit dem trivialen Füllgut zuließ. Der altgewohnte
Hang unserer Menschen zum Auftragssofa vermittelte sogar noch nach der
Vertreibung und in einer Umgebung, wo bereits preiswertes Massengut
zur Verfügung stand, manchem erstaunten Handwerker einen Auftrag
von den Zugereisten. Erst die in der neuen Heimat aufgewachsene Generation
trennte sich von dieser sentimentalen Art der Maßfertigung und
wechselte zu den Gewohnheiten der suggerierten Konsumindustrie über.
7. 16 Mützen- und Kappenmacher
Abgesehen von den vielgefragten Pelzmützen unterlag dieses Handwerk
der massenfertigenden Uniformschneiderei. Alle möglichen Vereine
und Dienstgrade einer überaus uniformfreudigen Zeit hatten einen
großen Bedarf an eigenständigen und typischen Kopfbedeckungen.
Mit oder ohne feste Einlagen, aber immer nach vorgegebenen Modellen.
fertigten die Mützen- und Kappenmacher ihre Kappen, Mützen
auf Bestellung und Lagerung. Letzteres konnte ohne jedes Risiko geschehen,
denn die Bezieher waren selten auf raschen Formwechsel bedacht. Hier
sei nur auf die gutbezahlten und maßgeschneiderten Kopfbedeckungen
der prunkvollen Ständegarden, wie auf die vielen traditionellen
Burschenschaftsmützen hingewiesen. An Arbeitsmerkmalen wären
noch zu nennen: Das Ausschneiden der Grundstoffe und Einlegen von Hand.
das Einstellen, Einsetzen von Randeinlagen, Ausnähen mit Futter,
Schirm- und Schweißleder, Pressen, Dämpfen und Ausstaffieren.
7.17 Bügler und Appreteur
Ein Beruf des tuchherstellenden- und verarbeitenden Handwerks der Massen-(Uniform)fertigung.
Wolle, Baumwolle, Seide, Kunstseide, Leinen und Zellwolle konnten als
verschiedene Webformen erst weiterverarbeitet werden, nachdem sie durch
die Hand des Plätters - Büglers - Appreteurs gegangen sind.
In unserem Haushaltsbereich beherrschte jede Hausfrau im kleinen, was
der Bügler im großen anwandte: Stärken, Imprägnieren,
Spannen, Plätten. Diese Arbeit scheint mir deshalb hier aufzählenswert,
weil unsere Stadtbewohner vielfach nicht selbst die Wäsche, Bettwäsche,
Gardinen etc. bügelten, sondern sie schrankfertig aus den Wäschereien
und Plättereien ins Haus bringen ließen.
7.18 Zeltmacher
Unter diesem Namen sollen alle Hersteller von früher gebräuchlichen
Schwergeweben in unserer Landwirtschaft genannt werden. An Decken, Planen,
Umhüllungen aus Zelt- und sonstigem Faserstoff (Hanf, Flachs, Lumpen)
hatten unsere Bauern in früheren Jahren und bis zuletzt großen
Bedarf. Die auf Siedlergemälden verewigten Abdeckungen der Planwagen
stammten aus Zeltmacherwerkstätten, die dicken Hanf- und Wolldecken,
mit denen unsere fleißigen Acker- und Tragpferde abgedeckt wurden,
aus Spezialwebereien, die aus den alten Zellfaserbetrieben hervorgegangen
sind. Da bei uns die Zellfaser teurer war als die Hanffaser, wurden
die meisten ehedem aus Zellstoff hergestellten Planen aus dickem Leinenstoff
genäht. Der Planen- und Deckenmacher lieferte aber zugleich die
dazugehörenden Binde- und Spannartikel, weshalb er auch im Nähen
von Leder, Bearbeiten von Holzleisten, Knoten von Schnüren und
Ösen ein Fachmann sein musste.
7.19 Wäscherin
Wenn in einer hochdeutschen Enzyklopädie der "Wäscher"
als durchaus eigenständiger Beruf angesehen wird, soll seiner auch
in unserem Rahmen gedacht werden, allerdings in der betonten femininen
Form. Diejenige schwäbische Wäscherin, die in Krankenhäusern,
Internaten und ähnlichen Häusern beschäftigt war, konnte
viel mehr als die Leib- und Feinwäsche, Berufskleidung waschen.
Sie ernährte sich und ihre Familie hauptsächlich durch den
Umgang mit Seifen und Laugen, mit Bügeln und Stärken, Fleckentfernen
und Entfärben hartnäckiger Verfärbungen. Diese Arbeit
verrichtete sie allein oder zusammen mit noch einer Frau an 6 Arbeitstagen
der Woche und bediente mehrere Wasch- und Kochkessel mit Holzfeuerung.
Nirgendwo heiße ich den Fortschritt, der uns heute hochmoderne
Wasch-, Trocken- und Bügelmaschinen beschert, so willkommen wie
in dem Beruf, in dem sich die Wäscherinnen damals so abplagten.
Im Hinblick auf diesen Beruf scheint mir angebracht, auch jener Frauen
zu gedenken, die einmal je Woche, meist in den Sommermonaten, einen
Schubkarren voll Bunt-, und Bettwäsche, Tücher und Laken vor
sich herschiebend an einen Wasserlauf eilten und bis zu den Schenkeln
in fließendem Wasser stehend mit dem Holzpatscher auf die eingeseifte
Wäsche, die auf dem Waschbrett lag, einschlugen. Nicht selten war
unter den so bearbeiteten Stücken ein fremdes Teil, für das
bei schrankfertiger Ablieferung ein brauchbares Stück Geld in die
Haushaltskasse kam.
13 STEINVERARBEITENDE BERUFE
Bergmann, Kalkbrenner, Schotterwerker, Kiesförderer, Ziegelbrenner,
Steingutformer, Töpfer und Hafner, Steinmetz, Gipsformer, Edelsteinschleifer.
8.1 Bergmann
Nimmt man eine Vorkriegsgeneralkarte unserer pannonischen Heimat zur
Hand, dann fallen einem eine Reihe von Bergwerken, Hüttenbetrieben,
Hochöfen, Zechen, Schächte, Stollen, Kalköfen u. a. auf,
die man als interessierter Sucher in dieser Zahl nicht vermutet hätte.
Genau wie der angehende Jungbauer hat auch mancher Bergmann aus Westfalen,
Sachsen, Bayern, der Saar, Schlesien seinerzeit das Glück in den
erzreichen Südkarpaten gesucht und sich bei einem siebenbürgischen
oder nordungarischen Grubenbesitzer verdungen. Da wir Batschka-Deutschen
z. T. vor dem Krieg und - unfreiwillig - danach in den Zechen der Schwäbischen
Türkei, Nordungarns und Ostbanats aber auch der übrigen Nachbargebiete
anzutreffen waren, sei hier der Beruf kurz vorgestellt. Im 18. Jahrhundert,
dem Zuzugstermin mancher donauschwäbischer Bergleute, kannte der
Bergbau in ganz Europa schon die Sprengförderung, aber die elektrische
noch nicht. Die Hauptförderung bestand noch aus der Handarbeit
mit Hilfe von Abbauhämmern. Nach Einführung des elektrischen
Stromes - nach der 20. Jahrhundertwende - kam der Einsatz von Erzhobeln
und Schwermaschinen. Zutage brachte das Erz schon lange vorher der Schienenwagen
(Hund) mit und ohne unterirdische Dampflok und das dampfbetriebene Förderwerk.
Somit wären als Arbeitsmerkmale in der Hauptsache zu erwähnen:
Der Abbau, die Förderung, die Wäsche, der Streckenausbau oberhalb
und unter der Erde. Die Abstützung der Schächte mit Holzdielen
erforderte Kenntnisse in der Holzbearbeitung und der Umgang mit den
Abbauwerkzeugen solche eines Metall-(Schlosser)Gewerbes. Die einzelnen
Fachstufen im Bergbau sind und waren demnach auch bei uns: Der Hauer,
Vorhauer, Meisterhauer, Schießmeister, Bohrmeister, Lehrmeisterhauer,
Schwemmmeister. Die Aufsichtsperson wurde Steiger genannt. Einer genauen
Untersuchung sollte es vorbehalten bleiben, festzustellen, in welchen
Zentren die einzelnen Mineralsorten vorgefunden wurden und wo die Schwerpunkte
unserer chemischen Veredlungsindustrie lagen.
8.2 Kalkbrenner
Der große Kalkbedarf in unserer Bauweise ermöglichte und
förderte viele heimische Brennereien von ungelöschtem Kalkstein.
Hauptsächlich im Bergland Südwestungarns gebrochen kam das
Kalkgestein in die Brennöfen der Batschka, z. B. nach Baja, und
zu den Maurern und Gipsern, wo sie mit Wasser übergossen die glänzend
weiße Brühe für das Weißeln unserer Fassaden abgaben;
in mehrmaligen Schichten aufgetragen, boten die Kalkanstriche guten
Schutz vor Feuchtigkeit und Kälte, aber auch den erforderlichen
Halt dem lehmgestampften Mauerwerk. Das Arbeitsgebiet des Kalkbrenners
beinhaltete die Auswahl und den Abbau des Rohsteins im Gebirge sowie
dessen Mahlen und Brennen in den Kalköfen. Die vielfältigen
Anforderungen dieses Berufes setzten Grundfähigkeiten in Holz-
und Metallbearbeitung voraus: Stützen der Stollen, Schmieden und
Reparieren der Werkzeuge, Richten der Mahlwa1zen und Fördereinrichtungen
in den Kalköfen; von den letzteren hatten wir einige - auf Bilddokumenten
im Bajaer Volkskundemuseum verewigte - an der städtischen Donauanlände.
8.3 Schotterwerker
Ähnlich wie beim vorgenannten Beruf verhielt sich die Arbeitsweise
in diesem, lediglich mit dem Unterschied, dass hier der Schwerpunkt
auf der Verkleinerung des geförderten Gesteinsabbaus lag. Der Schotterstein
wurde schon im Mittelalter überall in Europa als Straßenbelag
verwendet. Mit Einführung der Eisenbahn und nachher des Bitumens
stellten sich explosionsartige Bedürfnisse ein. Manche unserer
Dampfmühlen standen im Dienst dieses Gewerbes.
8.4 Kiesförderer
Der pionierhafte Einsatz der Donauschwaben auf diesem Gebiet wurde schon
des öfteren (auch von mir) in Artikeln beschrieben. Neben dem Rhein
birgt die Donau im Hauptbett mit ihren ungezählten Armen und Kanälen
die reichsten Kiesreserven Europas. Die trockenen Kiesgruben hatten
mehr lokalen Charakter, während der Donaukies schon immer internationale
Bedeutung hatte. Vor der Einführung der Saugpumpe wurde der Kies
bei niederem Wasserstand aus dem Flussbett gegraben und mit Schubkarren
über schmale Dielenbrücken an Land gefahren. Die schwere Akkordarbeit
wurde von Saisonarbeitern (ungarisch: kubikosok) verrichtet, die sonst
als Hilfs- und Tagelöhner anderswo beschäftigt waren. Lange
bevor die Baukonjunktur der westlichen Länder nach dem Donaukies
verlangte, hatte unser Landsmann, der Apatiner Werftbesitzer und Industrieerfinder,
Johann Kramer, in den Zwanzigerjahren einen Saugbagger entwickelt, der
von einem ausrangierten Dampfschiff angetrieben, das Kies-Sandgemisch
zusammen mit Wasser in riesigen Mengen an Land schwemmte. Die entstandenen
Kieshalden setzten viele Batschkaer Akkordarbeiter frei und brachten
der Volkswirtschaft der Donauanrainer für alle Zukunft großen
Nutzen.
8.5 Ziegelbrenner
Der gebrannte Ziegel ist in Südost-Europa seit etwa 350 Jahren
allgemein bekannt. Beim Abriss eines Gebäudes fand man in Baja
Ziegelsteine aus dem Jahre 1640. Die Feuer-Trocknung der Lehmziegel
kannten schon die alten Römer, die sie in ihrer hohen Wohnkultur
- auch in Pannonien - verwerteten. Durch die Anwendung des Lehmstampfens
hatten die pannonischen Siedler bis Mitte des 19. Jahrhunderts keinen
großen Bedarf nach der Ziegelherstellung. Die sonnengetrockneten
Lehmsteine wurden nur in beschränktem Umfang für Luxusbauten
gefertigt. Erst die Entwicklung des Ringofens (durch einen Reichsdeutschen
namens Hoffmann) in den 70iger Jahren des 19 Jahrhunderts und nach dessen
Durchsetzung im Hausbau wuchsen überall in unseren Lößgegenden
die Brennöfen mit den hohen Schornsteinen aus dem Boden. Mauer-,
Loch-, Dachziegel und kleinere Ziegelarten verdrängten das Bauen
mit rohem Lehm. Die Arbeit des Ziegeleifachmannes bestand in der Gewinnung
und Aufbereitung der Lehmerde, der Formgebung mit Kelle, Traupel und
Stampfform oder - wie beim Dachziegel - mit Gipsformen, ferner der Feuerung
und Verschließung der Öfen mit Mauerwerk und schließlich
die Verwendung von Glasuren und Färbemittel für Klinker und
Doppelbrandsteine.
8.6 Steingutformer
Ein angehender Beruf unserer Ziegeleiindustrie. Die spezielle Tonmasse
- Lehm und Zusatzstoffe - wurde in knetbarem Zustand aus dem Werk angeliefert
und vom Steinzeugformer zu Abwasserrohren, Futter-, Blumen- und Lagergefäßen
verarbeitet. Die vorerst auf unsere Städte beschränkte größere
Verwendung von Steinzeugerzeugnissen - das Land kannte noch keine unterirdischen
Abwasserkanäle - ließen die Möglichkeiten dieses Gewerbezweiges
erst bei der Verwendung von Zementgemischen nach der Wende des 20. Jahrhunderts
in größter Tragweite erahnen.
8.7 Töpfer
Vasen, Schalen, Krüge, Töpfe, Teller, Tassen und was sonst
noch im Haushalt zur Kühllagerung oder Geschmacksbewahrung von
Lebensmitteln an Gefäßen gebraucht wurde, stellte der in
jedem größeren Ort ansässige Töpfer – in
der für die Batschkaer Töpferei typischen hellroten Brandfarbe
- her. Auch viele kunsthandwerklichen Former bedienten sich der Töpfertechnik,
die darin bestand, dass die vorgegebene oder selbstgemischte Tonmasse
von Hand geformt oder in Gipsmodellen gegossen oder gepresst, danach
gebrannt, glasiert, verziert, geputzt und gesäubert wurde. Das
Aufbringen der Glasur erfolgte durch Beschildern, Tauchen und Spritzen
in einer brandfähigen auf Tonbasis beruhenden aber gefärbten
Masse. Wir letzten Jahrgänge des donauschwäbischen Siedlerwohlstandes
können uns noch frohgemut an die Reihen Sauermilch- und Mus-(Lekwar)
töpfen in Keller und Kammer erinnern, an denen wir uns jederzeit
nach Herzenslust laben konnten. In der Industrie (Elektrobranche) wurde
zuletzt sehr viel Keramik-Isolation in verschiedenen Formen benötigt
und von unseren Keramikern hergestellt. Inwiefern sie in der Lage waren,
auch Tafelporzellan herzustellen, ist nicht bekannt.
8.8 Steinmetz
Das war unser volkstümlicher Bildhauer, der vielen reichen Hausfassaden
und auch den Friedhöfen ein sehenswertes Aussehen gab und unseren
Toten eine ewig scheinende Erinnerung sichern sollte. Er war Handwerker
und Künstler zugleich. Wenn Berufung das Schaffen von Ungewöhnlichem
bedeutet, dann ist Kunst das, was uns Unvergängliches beschert.
Allerdings musste sie nicht unbedingt der barbarischen Zerstörungsgewalt
standhalten, die sich nach unserer gewaltsamen Beseitigung zum Teil
ihrer angenommen hat. Obwohl manches Werk der donauschwäbischen
Handwerksbildhauer auch die letzten vernichtenden Angriffe von Friedhofsbarbaren
aber auch den Zahn der Zeit überstanden hat, können wir anhand
der bewahrten Beispiele die Gesamtheit verlorener Meißelkunst
rekonstruieren. Einst wird ein gerettetes Friedhofskreuz aus meliertem
Marmor mit ovalen Fotos der Auftraggeber für einen ganzen donauschwäbischen
Friedhof stehen; und die letzte Marmorfassade eines reicheren Bauernhauses
wird den zukünftigen Generationen von der anspruchsvollen Wohnkultur
der selbstbewussten deutschen Batschkabauern zeugen. Zum Alltagsgeschäft
unserer Steinformer gehörte das Bearbeiten von Granit, Basalt,
Lava, Marmor, Kalkstein und Sandstein. Der vom Steinbrecher als roher
Block bezogene Ausgangsstein wurde durch Anreißen, Brechen, Meißeln,
Spalten, Sägen, Schleifen und Polieren in die gewünschte Form
gebracht.
8.9 Gipsformer
Die meisten feineren Erzeugnisse aus Steingut und Keramik benötigten
formhaltige Einwegmatrizen, die nur aus Gips entsprechend preiswert
herzustellen waren. Das Formen und Abgießen der Gipsmodelle mussten
also unsere Feinkeramiker beherrschen. Auch in den Metallgießereien
wurde mancher komplizierte Modellabguss erst durch das Gipsmodell ermöglicht.
Demnach kannte der Gipsformer eine Reihe von Techniken, die vom Umgang
mit der Gipsmasse bis zur Herstellung und Zusammensetzung der Teilmodelle
von Hand, auf dem Tisch oder der Drehmaschine reichten und viele weiterverarbeitende
Kenntnisse im Umgang mit Gips beinhalteten.
8.10 Edelsteinschleifer
Diese heutzutage noch eine ganze Industrie beschäftigende Technik,
aus Schmuck und formlosen Rohlingen imposante, zweckmäßige
aber auch teure Produkte herzustellen, beschränkte sich bei uns
auf Ergänzungs- und Ausbesserungsarbeiten. So gut und billig, wie
die aus der Idar-Obersteiner Gegend schon seit jeher bezogenen Edelsteine,
konnten sie unsere Schmuckhersteller selbst nicht schleifen. Es ist
anzunehmen, dass wenigstens der eine oder andere von den aus dem Sudetenland
kommenden Achatschleifern, die schon im Mittelalter Schmucksteine mechanisch
zu bearbeiten wussten, unter unseren Siedlern waren und ihre Kunst an
die südostdeutsche Schmuckindustrie weitergaben. Bekanntlich beinhalteten
unsere Schmuckwaren auch viele Elemente aus dem Slawischen und Orientalischen,
wo noch bis zuletzt der Handschliff praktiziert wurde.
9 CHEMISCHE BERUFE
Chemiearbeiter, Chemielaborant, Lack- und Farbenhersteller, Textilveredler,
Seifensieder, Kerzenmacher - Lichtzieher
9.1 Chemiearbeiter
Die relativ mageren Arbeitsbedingungen unserer erst in der 20. Jahrhundertwende
entstehenden chemischen Industrie bot nicht viel Arbeitswilligen Verdienst.
Dennoch kann für den Gummibereich und die Säureherstellung
für verschiedene Weiterverarbeiter die Chemie als fest eingeführt
vorausgesetzt werden. Die Aufgaben des Chemiearbeiters bezogen sich
auf die Überwachung, Wartung und Versorgung der Fabrikationsvorgänge
in der Öl-, Dünge-, Farben- und Kosmetikherstellung. Es ist
und bleibt eine unumstößliche Tatsache, dass die Chemieindustrie,
basierend auf der Mineralölindustrie des Südosten Ungarns,
ohne die donauschwäbische Pionierleistung auf diesem Gebiet undenkbar
wäre.
9.2 Chemielaborant
Dieser wissenschaftliche Praktiker überwachte hauptverantwortlich
alle chemischen Prozesse, Zusammensetzungen und Bestandsanalysen in
Chemiewerken. Er notierte mit Engelsgeduld, was Kessel, Ofen und Apparate
förderten. Bei laufenden Probeentnahmen aus der Produktion und
ihrer analytischen Auswertung mit Kaloriemeter, Refraktormeter, Wiskosemeter,
Mikroskop hatte und hat heute noch der Laborant die Pflicht einzugreifen,
sobald das erforderliche Qualitätsbild nicht zustande kam. Auch
in unseren Gießereien mit Kupolbetrieb - andere hatten wir in
der Batschka nicht - kam der Beruf des Chemielaboranten vor. Wenn auch
noch nicht so ausgelastet wie seine Kollegen des heutigen Standes. An
unumgänglichen Laborarbeiten sind zu erwähnen: Trocknen, Brühen,
Zerkleinern, Mischen, Zentrifugieren, Sieben, Herstellen von Lösungen,
Filtrieren, Destillieren, Extrahieren u. a..
9.3 Lack- und Farbenhersteller
Bis zum 1. Weltkrieg waren die Reichsdeutschen führend in der Herstellung
synthetischer Farbstoffe. Die IG Farben, die Vereinigung der größten
deutschen Farbhersteller, beherrschten den Weltmarkt erneut ab 1925.
Mehr noch als heute unterstand die Fabrikation von chemischen Produkten
- zu denen Lacke und Farben zählen - dem jeweiligen Betriebsrezeptgeheimnis.
Seit der Entwicklung der ölverarbeitenden Industrie zum Grundlieferant
von Farbstoffträgern für allerlei Streichmittel - Firnis,
Lack, Farbe, Beiz- und Abbeizmittel, Schleif-, Polier- und Entrostungsmittel
- lagen zwar die Grundzusammensetzungen auch bei uns fest, aber die
Spezialeigenheiten blieben nach wie vor streng gehütete Geheimnisse.
Für unseren Bereich ist wichtig zu wissen, dass sich die Farbherstellung
mehr auf das Mischen fertig bezogener Substanzen für bestimmte
Einsätze bezog, z.B. im Unterwasserbereich der Schiffsrümpfe
oder bei Spezialeffekten in der Möbelindustrie.
9.4 Textilveredler
Im Alltagsbereich hatten wir mit einigen Produkten dieses Gebietes zu
tun: Mit vielerlei beschichteten Decken, Vorhängen, Verpackungen,
aber auch Kleidung und Schuhwerk, die alle aus Textil-Gummigemisch oder
beschichteten Textil-Wachstüchern bestanden. In den jüngeren
Fertigungsstätten - aber welche waren bei uns schon alt zu nennen?
- arbeiteten auch Donauschwaben an veredelten Gummitextilien.
9.5 Seifensieder
Unsere Hausfrauen deckten zu 80% ihren Seifenbedarf aus eigener Hausfertigung
oder der Fertigung der Nachbarschaft. Die Hart- oder Kernseife für
den Waschbedarf großer Wäsche und der bei uns üblichen
kleinen Körperreinigung wurde aus altem oder ranzigem Speck und
Fettresten unter Zugabe von Soda (Natriumkarbonat) bzw. Holzasche, ohne
jegliche Duftanreicherung, hergestellt, d. h. in den offenen Hauskesseln,
meist im Hof wegen der Geruchsentwicklung bei den zersetzten (gespaltenen)
Fetten, gekocht und in Formen gegossen und als dicker Fladen in handliche
Stücke geschnitten. Die handwerklichen Seifenhersteller mussten
schon etwas mehr über dieses wichtige - bei unseren sanitären
Verhältnissen noch nicht so hochveransch1agte - Pflegemittel wissen.
Nach erprobten Rezepten wurden Laugen, Glyzerine, Farb- und Duftstoffe
dem Kernseifenstoff zugefügt, d. h. die Grundseife wurde weiter
verarbeitet. Zuletzt weit verbreitet waren auch Schmierseifen, Seifenpulver
und Seifensand. Der Vorgang bei der Spaltung der Fette und Öle
unter Verwendung von Ätzkali, Pottasche, Chlorkalium und die Bildung
von Laugen und Lösungen gehörten zur Tagesarbeit des Seifensieders.
Eine ertragsreiche Rohstoffquelle unserer Seifenhersteller waren - so
abstoßend es auch klingen mag - die Schinder, die von überall
her verendete und notgeschlachtete Schweine und Kühe gegen geringen
Lohn von Bauern bekamen und für geringes Geld den Seifensiedern
ablieferten.
9.6 Kerzenmacher
Dass die südostdeutschen Wachszieher immer in Verbindung mit den
Honigkuchenherstellern (Lebzeltern) genannt werden, kam, wie schon weiter
vorne erwähnt, daher, dass in beiden Fällen Bienenprodukte,
Wachs und Honig, verarbeitet wurden. Es war eine saisonale Ausweichmöglichkeit,
in den warmen Monaten Lebkuchen und in den kalten Kerzen herzustellen
und die Märkte zu beliefern. Die Beschäftigung mit so besinnlichem,
religiös stimmendem und in jedem Falle festlichen Material, wie
der Wachskerze, büßt schnell an Fluidum ein, sobald wir dem
Handwerker über die Schulter schauen. Künstliches Wachs aus
Talg, Paraffin und Stearin oder natürliches aus den Bienenstöcken
musste eine lange Knetphase von Hand oder maschinell durchlaufen, bis
Dutzende zweckbestimmter Sorten, Formen und Farben sowie Geruchseffekten
des Käufers Sinne und Seele erfreuen und trösten konnten.
Manche Kerzenzieher und Lebzelter waren zugleich auch Bienenzüchter,
was den Gewinn aus den auf Jahrmärkten und Kirchweihen verkauften
Waren beträchtlich erhöhte und zu einer über dem Durchschnitt
liegenden Lebensgrundlage machte.
10 GRAPHISCHE BERUFE
Papiermacher, Beutelmacher - Stanitzelmacher, Buchdrucker, Buchbinder,
Graphischer Zeichner, Textildrucker, Formstecher, Stempelmacher, Notendrucker,
Fotolaborant, Musterzeichner, Bauzeichner, Technischer Zeichner.
10.1 Papiermacher
Darunter ist für unseren Bereich mehr die Verarbeitung verschiedener
Papierarten, als ihre Herstellung aus Holzspänen und Fasern zu
Zellstoff, Mischung mit Altpapier und Lumpenhadern zusammen mit Füllstoff,
Leim und Alaun. Die waldreicheren Gebiete der Baranja und Schwäbischen
Türkei belieferten unser papierverarbeitendes Handwerk wie Druckereien,
Tüten- und Beutelmachereien, Verpackungsfabriken, wobei natürlich
unter Fabrik auch noch Familienbetriebe und Lebensmittelverarbeiter
mit eigener Verpackungs-zuschneiderei gemeint sind. Industrie wie Privatleute
sorgten für guten Absatz. Allein unsere Haushalte benötigten
an den Festtagen eine ganze Reihe Papierschmuck, der aus bunten und
beschichteten Bögen und Rollen geschnitten und zu Kunstblumen,
Deckchen, Verpackung etc. geformt wurde.
10.2 Tütenmacher
Neben den Druckereien ist der Tütenmacher einer der Großabnehmer
und -verarbeiter des Papiererzeugers. Außer dem Berechnen der
Größen, Falzen, Kleben der Blattflachbeutel auf handbetriebenen
Falzmaschinen oder ganz von Hand (heute vielfach Beschäftigungstherapie
in Anstalten) verstand der Beutelmacher auch die handgeformten und -gesetzten
Druckvorlagen herzustellen: Firmenaufdrucke, Werbemotive, Dekorationen,
mit Gummistempel, Matrizen oder Mehrfachschablonen.
10.3 Buchdrucker
Seit der Gutenberg'schen Erfindung (1436) des Buchdrucksatzes - aneinandergereihte
lose Buchstaben - hat dieses Gewerbe einen ungemein segensreichen und
zugleich tyrannisch grausamen Einfluss auf einen Großteil der
Menschheit - dem des Lesens Beflissenen - ausgeübt. Bei jedem von
uns Schreibenden stand irgendwann auf seinem Lebensweg ein Schlagbaum
mit der Aufschrift "Druckerschwärze", der sich nur auf
ein besonderes Zauberwort öffnen wollte. Sobald wir das Wort aussprachen,
ließ er uns passieren und in das rätselhafte Land marschieren,
das so ganz anders vom normalen Wohnland ist. in dem keine gewöhnlichen
Maßstäbe für Wohlergehen und Sorgen herrschen, das mal
als Traumland oder Garten Eden der Illusionen erscheint, mal als abstoßende
und ungerechte Öde, die grausam viele einsame Wanderer verhungern
und verdursten lässt. Dieses Land jenseits der Druckerschwärze
bezeichnen wir als Land der Illusionen aber auch des ureigensten Bedürfnisses.
Diesseits, d. h. dort, wo unser Geschriebenes Dauerform bekommt, sieht
dieser Berufszweig eigentlich nicht besonders ungewöhnlich aus.
Menschen, die als Setzer, Flach-, Tief-, Stein-, Kupfer-, Gummidrucker
in vielen Druckverfahren und Techniken bewandert sind, verbreiten selbst
nicht den geringsten Teil des Fluidums, das ihren Druckerzeugnissen
anhaftet. Die Drucktechniken unserer Zeit beinhalteten einerseits schon
Rotationsmaschinen, andererseits aber noch flache Handsätze, die
zu runden Maschinensätzen aus Blei gegossen wurden. Die Druckmaschinen
kamen meist aus dem Reich (Schnellpressefabrik Freudental, Automatik
Druckmaschinenfabrik Berlin, Heidelberger Druckmaschinen, Göbel-Darmstädter
Druckmaschinen u. a.). Alle qualifizierten Tätigkeiten und Berufe
hier aufzuzählen, die an ein Druckerzeugnis gebunden waren, ist
für einen Laien wie mich unmöglich.
10.4 Buchbinder
Abgesehen von der vollautomatischen Falz- und Einbindemaschine ist dieses
Handwerk heute noch wie vor 500 Jahren das gleiche: Schneiden, Falzen,
Heften, Broschüren und Blocken von Heften, Kalendern, Büchern
in Pappe, Halb- und Ganzleinen, Halb- und Ganzleder. Das Ausbessern
und Restaurieren alter Bücher erledigten unsere Buchbinder genau
wie jene vor ihnen und die von heute, die sich in die Handbinderwerkstatt
einer großen Binderei zurückgezogen oder selbständig
- erweitert als Bilderrahmer - gemacht haben. Das Hauptmerkmal dieses
Berufes war in unseren Bereichen die künstlerische Originalität.
Von Taschenbüchern mit 100erlei Titeln aber vollständig gleichem
Gesicht war damals noch nicht die Rede. Ein Buchbinder, der damals so
phantasielos gewesen wäre, wie die heutige maschinelle Bindearbeit,
hätte sich nicht lange halten können. Dagegen haben seltene
Folianten religiösen und weltlichen Inhalts ihre auf Ewigkeit bedachte
Wirkung oft dem hohen Können des Einbandschöpfers zu danken.
10.5 Graphischer Zeichner
Neben dem Graphiker - den ich als Künstlerberuf nicht der Handwerksgruppe
zuordnen möchte -erledigte auch in unseren Buchdruckereien der
angelernte graphische Zeichner die augenfällige Gestaltung der
Druckerzeugnisse: Anfertigen von Titelblättern, Diplomen, Inseraten,
Prospekten, Aufklebern, Plakaten und Werbematerial; und auch das typographische
Gestalten von Schriftsätzen gehörte zu seinem Tagewerk. Stand
Talent und Zeit gleichermaßen zur Verfügung, bemühte
er seine künstlerischen Ambitionen, andernfalls zeichnete er einfach
Brauchbares aus Vorlagen ab oder drückte es mit Zellophanpapier
durch. Fotographien wurden zu Druckvorlagen in Strichmanier oder Tonwerten
umgezeichnet. Freilich gehörte trotz vieler lapidarer Winkelzüge
eine gehörige zeichnerische Begabung zu diesem Beruf, der die Beherrschung
von Stift, Feder, Pinsel, Kreide, Sieb-, Schab- und Spritztechnik erforderte.
10.6 Textildrucker
Gewebearten, Farben, Chemikalien und ihr drucktechnisches Zusammenwirken
gehörten zum wichtigsten Wissensgebiet des Textildruckers; das
heutige Batik- und Posterhemd sind dahingehend absolute Höhepunkte,
dass sie jeder Laie selbst zu drucken vermag. Früher gehörte
dazu eine 2 - 3jährjge Schulungszeit, je nachdem, ob der Schwerpunkt
auf neuschöpferischem oder routinemäßigem Textildruck
lag. Der Farbmacher, wie der Textildrucker noch genannt wurde, hatte
mit der Produktion selbst nur im Anfangsstudium zu tun, solange seine
Probedrucke auf den Druckpressen und Rotationsmaschinen waren.
10.7 Formstecher
Er arbeitete eng mit den Textildruckern zusammen, indem er die Formen
und Walzen aus Holz und Gummi zum Bedrucken von Geweben, Wachstuch,
Linoleum sowie Tapeten und Buntpapier für Drucke mit Farben, Öl
und Leim herstellte. Diesem Beruf hatten wir alle jene schönen
Musterwalzen und Färbereischablonen zu danken, mit denen wir unsere
Zimmerwände jedes 2. und 3. Jahr verschönerten, je nachdem
wie die entsprechenden Räume abgewohnt, d. h. durch die Petroleum-,
Wachs- und Ö1lampen verrußt waren. Der Formenstecher beherrschte
die Metall- wie auch Holzbearbeitung. Gerne benutzte er Ahorn, Weißbuche,
Linde und Birnbaum. Entweder arbeitete er die Muster aus dem vollen
Walzenholz oder er befestigte darauf gebogene Metallfiguren oder Nagelmuster.
Bei Flachmustermodeln schnitt er eine astlose Scheibe quer vom Stammholz
und polierte die Fläche, darauf kam eine dünne Gelatine-,
Eiweiß-, Zinkweiß- oder Kreideschicht, die das aufgerissene
Bild besser hervorhob. Als Routinier übernahm er bewährte
Muster und Techniken durch Kopieren, und als Könner schuf er manches
Neue durch seitenverkehrtes Abziehen.
10.8 Stempelmacher
Die Einmannbetriebe, bei denen wir heute noch unsere in der hektischen
Zeit dauernden Änderungen unterworfenen Stempel anfertigen lassen,
gab es auch in unserem Betrachtungszeitraum. Zum Teil waren es gegossene
oder gefräste Zinnstempel, teilweise waren sie auch schon aus dem
vulkanisierten Gummimaterial, wie die heutigen. Deutsch und Rechnen
gehörte zu den Grundvoraussetzungen dieses Berufes, weshalb ihn
nur "Intelligenzler" ausüben konnten. Die Masse unserer
Schulabgänger legte keinen großen Wert auf die Pflege des
in der Schule gebrauchten Wissens. Und eine sinnvolle Prägung der
rechteckigen oder runden Fläche erforderte unbedingt grammatikalische
und arithmetische Sicherheit.
10.9 Notendrucker
Viele fleißigen Kapellmeister und Komponisten der typisch südöstlichen
Blasmusik veröffentlichten ihre flotten Arien nur auf akustische
Weise: Die meisten Partituren behielten für alle Zeiten Konzeptform
oder aber sie kopierten und vervielfältigten sie durch Abschreiben.
Anders verhielt es sich in Zentren sogenannter anspruchsvoller Musik.
Die Neusatzer, Apatiner, Bajaer und Temeschburger Orchester begnügten
sich nicht mit Abschriften. Es mussten gedruckte Originalausgaben lokaler
oder weltweiter Komponisten her. Deshalb unterhielten manche Druckereien
eine Nebenabteilung, wo der Notensetzer am Werk war. Besondere Notendruckereien
lohnten sich nicht in unserer Gegend des sparsamen Handels mit allem
Gedruckten.
10.10 Fotolaborant
Die rechte Hand unserer vielbeschäftigten Fotografen und jene,
die aus einfachen Aufnahmen Kunstwerke an Schmink- und Retuschiertechnik
machte. Entwickeln, Kopieren, Vergrößern, Ansetzen von Bädern
und Lösungen zum Entwickeln und Fixieren, Wässern, Trocknen
von Negativen und Positiven, ihr Ausflecken und Kopieren, das und einiges
mehr vollbrachten die Fotolaboranten (männlichen und weiblichen
Geschlechts) in der Dunkelkammer und an den Retuschiertischen. Mit Kratz-
und Mahlutensilien verstanden sie aus müden, abgearbeiteten oder
unrasierten Gesichtern Feiertagsausdrücke zu zaubern, für
die sie gute Künstlerpreise bekamen.
10.11 Musterzeichner
Ein Modeberuf des Ausstattungs- und Bekleidungsgewerbes, der auch bei
unseren auf Tradition, Formen und Trachten bedachten Donauschwaben seine
Kunden fand. Künstlerisch und praktisch begabte und vielleicht
in einem Modeberuf ausgebildete Zeichner und Zeichnerinnen wurden in
der Textilindustrie gut bezahlt. Entwerfen, Kopieren, Umzeichnen, Kolorieren
und Rapportieren von Stoff-, Vorhang-, Tischdeckenmustern erforderten
Können und Phantasie. Oft stellte sich auch das Problem, ein kompliziertes
ausländisches Mehrfarbenmuster (z. B. aus 17 Tönen zusammengesetzt)
in ein solches aus, vielleicht, 10 Farben umzukolorieren. Beim Rapportieren
wurde das Muster dann auf die einzelnen Walzen gebracht, die nacheinander
das gesamte Muster aufwalzten. Der Musterzeichner hatte halb im Büro,
halb im Druckbetrieb seinen Arbeitsplatz, sofern er nicht zu den seltenen
freiberuflichen Talenten gehörte.
10.12 Bauzeichner
Mit einfacheren Mitteln als heute mussten unsere Architekten und Bauzeichner
das vollbringen, was, gemessen an den heutigen Bauprojekten, viel mehr
Aufwand erfordert hätte. Zeichenmaschinen, Selbstklebende Muster-Fassaden
und Innenansichten gab es noch nicht. Ja es gab überhaupt noch
nicht die geist- und phantasietötende Gleichmäßigkeit
der planerischen Arbeitsweise, dafür die Mark und Bein belastende
gebückte Zeichenweise über dem Arbeitstisch. Die Haustypen,
die im Laufe von 200 Jahren von donauschwäbischen Baumeistern hergestellt
wurden, lassen sich in folgende Hauptgruppen unterteilen: Ansiedlerhaus,
Langhaus, Querhaus, Winkel- oder Triangelhaus, Herrschafts- oder Villenbau
und die zweckmäßige Kombination aller dieser Typen zum Aussiedlerhof
(Tanya, Salasch), der frei auf dem Feld stand.
10.13 Technischer Zeichner
Das technische Zeitalter war zwar mit einer kleinen Verzögerung
in unsere Breiten gekommen, aber es war immerhin da. Und es forderte
eine Anpassung vor allem im planerischen Entwurfsbereich des Handwerks,
das z. T. über Nacht durch Großaufträge zur Industrie
heranwuchs. Das besonders Erwähnenswerte im industriellen Zeichenberuf
scheinen mir weniger die mit primitiven Mitteln geschaffenen komplizierten
Zeichnungen, sondern die Vervielfältigung oder das Pausen der Originale,
die ja im Archivschrank bleiben mussten. Pausmaschinen gab es erst während
des 2. Weltkrieges. Vorher musste von der lichtempfindlichen Papierrolle
ein entsprechend großes Stück abgeschnitten und mit Klammern
an das Original befestigt werden. Auf einer hölzernen Platte am
Fenstervorbau wurden die zusammengeklammerten Blätter der Sonne
bzw. Lichteinstrahlung ausgesetzt. Je nach der Einstrahlungsstärke
wurden die Zeichnungen nach 5 bis 15 Minuten hereingeholt und das belichtete
Pauspapier in einem luftdicht abgeschlossenen Kasten mit Ammoniakdämpfen
entwickelt. Nicht ganz so glatt und gleichmäßig wie heute,
aber immerhin deutlich genug gelangten die Pausen in dankbare Hände
des Betriebes, wo sie genau wie heute ihren wichtigen Zweck erfüllten.
11 FEINMECHANISCHE BERUFE
Feinmechaniker, Uhrmacher, Augenoptiker, Gold- und Silberschmied, Schmuckpräger,
Graveur, Galvaniseur, Metallemaillierer.
11.1 Feinmechaniker
Die Kunst, feinmechanische Geräte herzustellen, ist genau so alt
wie die Metallgewinnung, also älter als unsere Zeitrechnung. Zirkel
und Messgeräte, stern- und erdkundliche Hilfsgeräte, Teleskope,
Mikroskope und viele andere Erfindungen Galileis, Fahrenheits, Keplers
und ihrer Weggenossen ab dem 15. Jahrhundert wurden in feinmechanischen
Handwerksbetrieben zu Massenartikeln weiterentwickelt. Bei uns bastelten
und tüftelten auch viele Meister dieser Zunft, z. B. im Auftrag
der Kirche sakrale Gegenstände oder bei Militärs Waffenteile,
aber auch für Privatleute Brillen, Uhren und ähnliches mehr.
Es gab keinen Metallbetrieb ohne eigene feinmechanische Arbeitsplätze.
Fast alle Werkzeuge zur feinmechanischen Bearbeitung wurden früher
von eigenen Händen je nach Bedarf und Erfindungsgeist hergestellt
und nicht, wie heute, von speziellen Werkzeugmachern.
11.2 Uhrmacher
In der Zeit, da mancher Uhrmacher im Siedlertross nach dem Südosten
kam, wurden die Uhren aller Größen und Formen längst
schon fabrikmäßig hergestellt. Vom "Nürnberger
Eierlein" im 16. Jahrhundert, der ersten Taschenuhr, bis zum 18.
Jahrhundert hatte die Uhrmacherkunst im gesamten habsburgischen Reich
solche Fortschritte gemacht, dass sich bereits jeder Haushalt einige
Wand-, Stand- und Taschenuhren leisten konnte, und unsere Uhrmacher
mit Reparieren und Nachbauen der Teile vollauf ausgelastet waren. Es
ist uns zumindest keine Uhrenfabrik aus unserer Gegend bekannt. Dagegen
wissen wir von mehr als einem Meister dieses feinmechanischen Faches,
der es nie regelrecht in einem Meisterbetrieb erlernt hatte und der
dennoch jedes Instandsetzungsproblem löste. Weit von den schwarzwälder
oder fränkischen Herstellbetrieben entfernt, mussten unsere Uhrmacher
manches Rädchen, Lager oder Pendel neu anfertigen oder aus ausgeschlachteten
alten Werken einpassen. Auch das Gehäuse der schön bemalten
Wanduhren oder künstlerische Schnitzkunst mancher Standuhr bekamen
sie zur Reparatur und wussten sich immer zu helfen. Weit verbreitet
war die Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Gewichtsantrieb als Wanduhr
und Großpendeluhr mit "Bim-Bam"-Stundenwerk, massivem
Holzgehäuse und aufziehbarem Federwerk. Ferner besaß jeder
standes- und zeitbewusste Mann eine silberne oder goldene Taschenuhr,
deren Kette sich vielsagend von der Westentasche zur Knopfreihe hinzog.
11.3 Augenoptiker
Über das Brillenverkaufen hinaus mussten unsere Sehfachmänner
oft ohne ärztliche Verschreibungen und Teste eine Brille anpassen
oder ersetzen. Die Hauptsache bei unseren, vor allem älteren Sehbehinderten,
war das Wozu. Nur derjenige, Kurz- oder Weitsichtige, der lesen musste
oder wollte, investierte das gute Geld für eine Brille. Mancher,
der auch ein Gold- und Silbergestell hätte bezahlen können,
trug eine einfache Drahtfassung, und manche Großmutter las jahrelang
mit einem gesprungenen Glas oder einer einäugigen Brille, da sie
- wie sie sagte - auf dem anderen Auge sowieso nichts mehr sähe.
Auch wenn der Markt noch so mager war, musste der Optiker damals schon
den Umgang mit feinstem Werkzeug zum Reparieren beherrschen, das Kitten
von einfachen und Doppelfokusgläsern und den Umgang mit gebräuchlichen
Messinstrumenten wie Thermo-, Barometer und Mikroskop, die in der Stadt
schon weit verbreitet waren.
11.4 Gold- und Silberschmied
Aus vorgeschichtlicher Zeit über das prunkvolle Mittelalter zur
verschwendungssüchtigen Neuzeit lässt sich der im wahrsten
Sinne goldene Boden dieses Handwerks verfolgen. Herstellen von sakralem
Schmuck aus eigenstaatlichen Werkstoffquellen kannten unsere Gold- und
Silberschmiede schon seit der Gründung größerer religiöser
Zentren. Nachdem dann von deutschen Gesellschaften in der 20. Jahrhundertwende
die Großförderung der Balkanschätze an Bunt- und Leichtmetallen
erschlossen wurde, konnte sich die Verarbeitung der wertvollen Nebenprodukte
des Kupfers, wie Gold, Platin und Silber explosionsartig weiterentwickeln.
Dass ein Handwerker dieses Faches auch alle übrigen Metalle zu
bearbeiten verstand, ist selbstverständlich: Gießen, Mischen,
Löten, Ziselieren, Feilen, Drücken, Drehen und vieles andere
mehr.
11.5 Schmuckpräger
Inwiefern unsere Hersteller von geprägtem billigem Glanzschmuck
auch Abzeichen, Sondermünzen, Plaketten und Medaillons herstellten,
ist nicht bekannt, d. h. es ist zumindest wahrscheinlich, dass der Silberschmied
auch Talmi herstellte, denn der Bedarf danach war bei der ländlichen
Bevölkerung recht groß. Bevor die elektrischen Massenpressen
diesem Beruf das Brot wegnahmen, herrschte darin gekonnter Handbetrieb.
Durch Feinhämmern, Schmieden, Meißeln, Sticheln, Beizen,
Glühen, Treiben entstanden die Formen und Matrizen, mit denen mit
Handpresse oder Hammerschlag die gleichförmigen Anhängsel
und Abzeichen auf schmucke Festtagstracht hergestellt wurden.
11.6 Graveur
Von Interesse ist hier für uns der Schmuck-, Schilder-, Wappen-
und Schriftgraveur. Mit einem gewissen Zeichentalent verstand er die
Phantasie oder Wünsche der Kundschaft in Ornamenten, Mustern, Schablonen
auf Metall, Hartholz, Elfenbein und Horn zu bringen. Er arbeitete mit
Stichel, Reiber, Säge und Feile (von Hand) und mit Fräsern
verschiedener Stärke auf der Maschine. Den Kunst- und Metallgraveur
gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert, den Wappenverzierer schon länger.
Alle unsere Metallbetriebe beschäftigten mindestens einen Meister
dieses Faches; die wenigen Freiberufler arbeiteten vorwiegend für
die Instrumentenhersteller und Druckereien.
11.7 Galvaniseur
Abgesehen von dem älteren Plattieren, Feuer- und Pinselvergolden
mit Goldplättchen oder Goldlösungen (das gleiche trifft für
das Versilbern zu) wurde mit der Elektrifizierung unserer Betriebe auch
die galvanische Oberflächentechnik eingeführt. Mit unter den
ersten Elektrotechniken, die massenwirksam zur Geltung kamen, hatte
die Galvanik (Überziehen eines gleichstromleitenden Gegenstandes
mit einem Edel- oder Schutzmetall in einer Säurelösung) Ende
des 19. Jahrhunderts auch unseren blechverarbeitenden und schmuckherstellenden
Bereich erobert. Umsetzung der Stromarten, Ansetzen der galvanischen
Bäder, Gewichts- und Dickenkontrolle der Schichten erforderte mehr
als nur handwerklichen Fleiß. Doch gerade unsere Flaschner (Spengler)
hatten durch ihre hohe Anforderung an Sorgfalt und Planung das Zeug,
mit elektrochemischen Dingen umzugehen; z. B. waren die Spengler mit
die ersten, die an den Kristallradios herumbastelten und ihnen rätselhafte
Töne entlockten.
11.8 Metallemaillierer
Neben den Keramikbrennöfen in den Töpfereien stand in manchem
Betrieb ein Ofen für die Emaillierhandwerker, die ihre getriebenen
und hartgelöteten Haushalts- und Küchengeräte mit einer
schmelzbaren Glasfarbe Überzogen und Ausbrennen ließen. Das
metallemaillierte Geschirr gehörte dennoch zu den Seltenheiten
in der Batschka, da in unserer Gegend das von den Kupolgießereien
hergestellte Gussgeschirr der sparsamen Heizart unserer Haushalte eher
entsprach: Es speicherte optimal die bei Holzglut kurzfristig vorhandene
Höchstwärme zur beim Kochen oder Braten benötigten Dauerwärme.
12 ELEKTROBERUFE
Elektroinstallateur, Starkstromelektriker, Kabelmonteur, Fernmeldemonteur,
Autoelektriker, Elektromaschinenbauer, Elektromechaniker, Radiotechniker
12.1 Elektroinstallateur
Wie so viele unserer handwerklichen Neuerungen kam der elektrische Strom
einige Jahrzehnte nach seiner Entdeckung mit dem Dampfschiff, also bereits
Mitte des 19. Jahrhunderts, in unsere Gegend. Als ideale Selbstversorger
mit ohnehin vorhandenen Antriebsaggregaten hatten die Schiffe (und nachher
die Züge) am ehesten die Möglichkeit, den Siemens'schen Dynamomotor
(erster Wechselstromerzeuger) in der Welt bekannt zu machen. In reichsdeutschen
Werften damit ausgestattet, legten schon in den 60er bis 70er Jahren
des 19. Jahrhunderts hell erleuchtete Raddampfer an unseren Ufern an
und beeindruckten die interessierten Kaufleute und Unternehmer. Naturgegeben
führten die Dampfmühlen und andere dampfbetriebene Fabriken
in den 1880er Jahren die neue Beleuchtungsart in der Batschka ein. Damit
war auch ein zuerst nur angelernter, nachher dominierender Beruf, der
des Elektroinstallateurs, geboren. Weil er weder zu riechen noch zu
hören ist, beinhaltet der Strom für den Laien eine unberechenbare
Gefahrenquelle ersten Ranges. Dem Fachmann dagegen ist er gehorsamer
Diener. Einige Jahrzehnte hindurch konnten sich unsere Bauern mit ihm
nicht anfreunden, sie blieben lieber bei den zuverlässigen und
lange Zeit auch billigeren Petroleumlampen. Aus den Fabriken und Städten
eroberte der Strom dann doch auch der Reihe nach alle jene Dörfer
(zum Zeitpunkt der Vertreibung lag die Elektrifizierung bei schätzungsweise
80 %), die sich E-Werke leisten konnten. Die fehlenden Sicherheitsbestimmungen
und distanzierte Handhabung, zusammen mit der mangelnden Schulung der
Laien brachten dem neu entstandenen Beruf überdurchschnittliche
Reparaturaufträge und damit Dauerarbeit.
12.2 Starkstromelektriker
Es klingt stärker als es in Wirklichkeit ist: Starkstrom heißt
alles über 110 Volt. Allerdings untersteht diesem Elektroberuf
auch die Montage und Instandhaltung aller Elektrogeräte und -maschinen.
Auf unseren Bereich bezogen hörten jene Handwerker auf diesen Namen,
die unsere Fabriken und Hüttenwerke mit Antriebsenergie versorgten
oder in den E-Werken die Dynamos und Maschinen reparierten und warteten.
Viel mehr als der Installateur mussten sie die theoretischen Details
wie Schaltpläne und Symbole kennen und in die Praxis umwandeln.
12.3 Kabelmonteur
Sobald sich die Stromversorgung über geschlossene Ortschaften hinaus
ausgedehnt hatte, entstand dieser Beruf. Verbundnetze im heutigen Sinne
gab es noch nicht, aber Versorgungsgemeinschaften und Verbände
zwischen den einzelnen Ortschaften oder Städten und den umliegenden
Dörfern. Fernleitungen ober- und unterhalb der Erde mussten fachgerecht
gezogen werden: Schalter, Verbindung, Isolierung und alles andere, das
wir ängstlich bestaunten, als wir die Männer auf den Masten
sahen. Der Kabelmonteur hatte auch Kenntnisse in einem Metall- und Schweißberuf,
er musste die Verbindungen unter der Erde in Hartschalungen gießen
und war für die Instandhaltung seiner Stromleiter verantwortlich;
das machte ihm in unserer wasserreichen Gegend sicher oft erhebliches
Kopfzerbrechen.
12.4 Fernmeldemonteur
Er ist der Meister des Schwachstroms und war auch bei uns für die
Signal-, Telegraph- und Telefonanlagen verantwortlich, die schon um
die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Posthaltereien installiert wurden.
Samuel Morse erfand in Amerika 1837 den Schreibtelegraphen und 2 - 3
Jahrzehnte später tickten bei uns Morsezeichen landauf, landab
in den Poststellen. Der Kabelverleger musste das Morsen nicht unbedingt
beherrschen. Er verstand die Vielzahl von Enden so zu schalten, dass
jeder Telefon- und Telegraphenbesitzer tatsächlich mit seinem eigenen
Namen angesprochen werden konnte - und das war und ist heute noch eine
bemerkenswerte Sache.
12.5 Autoelektriker
Als eigener Beruf ist er in größeren Auto- und Traktorreparaturwerkstätten
oder auch in der Lokomotiv- und Waggonreparatur unserer Gegend nachweisbar.
Das Installieren der Elektrokabel auf dem engen Raum der Fahrzeuge war
schon immer eine Kunst für sich. Wie alle artverwandten Berufler
verstand er Schaltpläne zu lesen und zu entwerfen. Vor allem im
letzteren kannte man damals noch keine besonderen Fachleute, wie wir
sie heute in dem Schaltplanzeichner kennen. Früher wurde mit Skizzen,
die nur der Fertiger ganz verstand, gearbeitet. Und das Resultat war
kaum schlechter als heute.
12.6 E1ektromaschinenbauer
Unsere Elektroindustrie war - ähnlich der gesamten ungarischen
und südosteuropäischen - vor dem 2. Weltkrieg noch nicht sehr
entwickelt. Fast alle elektronischen Anschaffungen für unsere Fabriken
kamen aus dem Ausland (Deutschland, Osterreich, später Tschechoslowakei).
Die Ausbesserungsarbeiten an Motoren, Transformatoren, Wicklungen mussten
aber am Ort ihres Einsatzes durchgeführt werden, somit war die
theoretische Voraussetzung auch da zu ihrer Herstellung. Aber die praktische
kam erst nach dem Krieg. Schlagartig entpuppte sich der Südosten
als Exporteur elektrotechnischer Geräte. Das Verdienst unserer
Pionierarbeit in diesem Fach ist etwa genauso hoch einzustufen wie in
der gesamten handwerklichen Fertigung. Die Lorbeeren für die hochgepeitschte
und vielfach unrentable, weil ungleichgewichtige Industrieerzeugung
in den sozialistischen Ländern, die nach uns kam, wollen wir gerne
anderen überlassen.
12.6 Elektromechaniker
Dort wo der Einsatz des elektrischen Stromes überwiegend durch
Metallverarbeitung, wie Geräte- und Gehäuse- sowie Schalttafelbau,
Fundamente, Rahmen und anderes, erfolgte, hatte dieser Beruf sein Betätigungsfeld.
Er fand sich meist neben Elektrohandwerkern anderer Fächer. Sein
Schwergewicht lag in der Kenntnis des Vorbehandelns und Bearbeitens
der elektrischen Maschinen sowie ihrer fahrbaren Untersätze. Seine
Werkzeuge waren die der Feinbearbeitung, wie Leerdorn, Schieblehre,
Mikrometer, Rechenlehre, Feindrehbank, Löteinrichtung u. a.. Für
unsere ehemaligen Verhältnisse ist dieser Beruf nur in größerer
Reparatur- und Montagetätigkeit oder als Mehrfachberuf eines vielseitigen
Handwerkers denkbar.
12.7 Radiotechniker
Die deutschen Volksempfänger. die vor dem 2. Weltkrieg Europa Überfluteten.
kamen auch in unsere besseren, modernen Haushalte (vom Finanziellen
her hätten sie in jedem zweiten Haus vorhanden sein können).
Neben ihm fand der selbstgebastelte Kristallempfänger unserer eigenen
Fabrikation viele Liebhaber. Er war äußerst einfach und billig,
aber mit dem Mangel behaftet, dass er nur mit Kopfhörer, daher
von maximal zwei Personen abgehört werden konnte. Diese beiden
Arten von Radios benötigten naturgemäß keine großen
Facharbeiterstäbe zur Reparatur, sie waren einfach und fielen zu
selten aus. Das gleiche traf auf das aufziehbare Grammophon zu. Erst
die Kriegsjahre brachten kompliziertere Geräte und damit mehr Arbeit
unseren Radiotechnikern.
13 METALLBERUFE
Schmied, Metallgießer, Drahtzieher, Härter, Metallpräger,
Spengler, Glockengießer, Zinngießer, Federmacher, Landmaschinenbauer,
Blechdrücker, Mechaniker, Schlosser, Stanzer, Dreher, Fräser,
Bohrfachmann, Hobler, Geräteschleifer, Schweißer, Nieter,
Drahtwaren- und Siebmacher, Drahtseiler, Sägenmacher, Installateur,
Heizungs- und Lüftungsbauer, Metallblasinstrumentenmacher
13.1 Schmied
In den pannonischen Heimatstaaten entwickelten sich bedeutende eigenständische
Metallberufe ab dem Zeitpunkt der Bodenerschließung und Bearbeitung
– noch in der Völkerwanderung im ersten Jahrtausend. Das
systematische Niederlassen der Bauernsiedler nach der ungarischern Landnahme
erforderte die Massengüter und eine ganze Reihe von Handwerkern
auf der bis dahin dünnbewohnten südöstlichen Niederung.
Es gab in den ersten Städten und Siedlungen Ungarns eine Reihe
von Metallhandwerkern wie Schmied, Spengler, Schlosser; die einen gründerischen
Einfluss auf die donauschwäbischen Handwerker ausübten. Zur
Zeit der Türkenherrschaft und in ihrem gewöhnlichen Kriegstross
kamen auch die metallverarbeitenden Grundberufe vor. Unsere Siedler
brachten zu hohem Prozentsatz ihre Handwerkerkenntnisse aus der Urheimat
mit.
Der Beruf des Schmieds unterteilte sich bei uns – wie überall
sonst – in den des Hufschmieds, Kupferschmieds, Waffen-, Messerschmieds,
Werkzeugschmieds und einer Reihe weiterer Untergruppen, von denen einige
in dieser Kurzübersicht behandelt werden. Die Pferde- und Wagenbeschlagtechnik
mit den Grundarbeiten des Schlagschweißens war schon vor unserer
Zeit in Pannonien bekannt. Die Neuerung, die unsere Schmiede mitbrachten,
bestand in der Verfeinerung der Härtung und Einführung der
Pressluftbearbeitung. Erst die Presslufthämmer unserer Meisterbetriebe
ermöglichte die Bearbeitung größerer Werkstücke,
wie Waggonachsen und Schiffswellen. Die Werkzeug- und Geräteherstellung
erfuhr damit erst das in einer aufstrebenden Wirtschaft erforderliche
Tempo. Der hochqualitative Schmiedestahl, aus dem die Tiefpflugscharen
unserer Pflüge getrieben wurden, überforderte jede menschliche
Schlagkraft. Die Grenzen des Einmannbetriebes waren demnach in der Hauptsache
durch das Werkstückgewicht gezogen: Was eine Hand halten konnte,
gehörte zum Auftragsbereich des Dorfschmiedes, alles andere mussten
die mit Seil- und Kettenzügen, Lufthämmern, Pressen und Walzen
ausgestatteten Schmiedewerke erledigen.
Die Kupferschmiede kannten keine Gewichtsprobleme. Bei ihnen entschied
die Form über die Konkurrenzfähigkeit: Während sie in
getriebenen, dünnwandigen Tei1en wie Pfannen und Teller, Zierrat
und Kleingeräten führend waren, hatten die größeren
Maschinenbetriebe im Kessel-, Melzer-, Brauerei- und Küferbedarf
ihr Tätigkeitsfeld. An Aufträgen fehlte es bei keinem.
Die Waffenschmiede enthusiastisch zu beschreiben, bringt nur ein kaltherziger
Barbar fertig. Ließe sich ihre alte Kunst aus längst vergangener
Sicht betrachten, wäre die memorierende Würdigung sicher mit
vielen lobenden Prädikaten geschmückt, so aber, da sie durch
ihrer Hände Arbeit nicht nur vergangenen Kriegen gedient, sondern
auch die Voraussetzung für die gegenwärtigen (und zukünftigen)
geschaffen haben, sollen sie durch meine Hand keine Anerkennung ernten
- auch wenn sie ihr Handwerk nur als Pflichtübung gegenüber
Volkstum und Herrscherhaus ansahen.
Die Messerschmiede sind mit die ältesten Metallverarbeiter. Ein
ganzes Zeitalter verdankt seinen Namen den Bronzemessern sowie Kriegs-
und Friedensgeräten, die in Europa ihren Ursprung haben (ca. 2000
Jahre v. Chr.). Jeder Schmied war daheim in der Lage, Hausmesser verschiedener
Größe herzustellen, aber gefällige in Form und Schliff
machte der Messerschmied allein: Das Blatt aus Edelstahl gestanzt, gehämmert,
gezogen und gepresst und danach gehärtet, geschliffen und poliert;
zuletzt bekam es zwei Halbschalengriffe aus Edelholz, Horn, Leichtmetall
oder gar Elfenbein. Unsere Messer konnten zwar mit denen aus Solingen
nicht konkurrieren, aber dem Zweck wurden sie voll- auf gerecht.
Die Werkzeugschmiede arbeiteten im Auftrag oder Lohn der metallverarbeitenden
Industrie. Sie trugen Sorge, dass Hämmer, Meißel, Äxte
in Haushalten und auch Messer und Dorne an Scher- und Stanzmaschinen
den Anforderungen entsprachen. In der Massenproduktion konnten auch
sie nicht mit dem westlichen Ausland konkurrieren - wohl aber bei den
Ersatzteilen. Die heutigen Werkzeugmacher verstehen zwar viel von ihrem
Fach, aber mit unseren Werkzeugschmieden würden sie sich zu keiner
Zeit messen können, wohl auch deshalb nicht, weil sie heutzutage
alles andere als die faszinierende Kunst des Umgangs mit Schmiedefeuer
erlernen.
13.2 Metallgießer
Ihn gab es auf unseren Bereich verteilt überall dort, wo Stahl
und Gusseisen benötigt wurde - von Neusatz bis Baja – und
er versorgte die Weiterverarbeiter z.B. im Schiffsbau und der Geräteherstellung
für die Landwirtschaft usw. Das Roheisen aus den ungarischen Hüttenwerken
kam - in tragbaren Kokilenformen vorgegossen - in die Stahl- und Kupolgießereien
und wurde als Stahllegierung in Bleche, Bänder, Schmiedestangen
oder als brüchigeres Gusseisen in Schiffsschrauben, Maschinenteile,
Haushalts- und Küchengeräte abgegossen. Die Aufgabe des Gießereifachmannes
bestand in der Herstellung der Abgussformen nach gegebenen Modellen
und deren Ausguss und Reinigung nach erfolgter Abkühlung.
13.3 Drahtzieher
Aus dem Lande der Drahterfinder (Nürnberg 1360) kommend, haben
unsere den Stahlwerkern nachgeordneten Drahtmacher ihre Kunst in der
neuen Heimat eingeführt und weiterentwickelt (z.B. in Futog, Mittelbatschka).
Bis dahin wurde kaum irgendwo Draht benötigt. Die gemauerten und
holzverschalten Zäune wurden schon seit frühester Besiedelung
als Schutz gegen Diebe recht hoch (2- 2,5 m) und dick (0,25 aus Stein
und 0,2 aus Holz) errichtet. Der Draht brachte eine neue Einstellung
zum Eigentumsschutz: Durchsichtig und doch unbegehbar (als Stacheldraht)
reizte er auch manche Eitelkeit zu zeigen, was im Garten und Vorhof
geboten wird. Von den Walzwerken in Stangen bis minimal 3,5 mm vorgeformt,
kam das Drahtausgangsteil in das mehrlöcherige U-Eisen und wickelte
sich, von der Drehmaschine gezogen, in Ringen oder Rollen auf. Natürlich
war der damals gewonnene Draht noch nicht mit den Eigenschaften bedacht,
die wir heute im Zeitalter des Edelmetalls von ihm erwarten (hauptsächlich
von solchen Drähten, die ganz ohne Eisenbestandteile für Glühzwecke
in verschiedenen Haushaltsgeräten, wie Tauchsiedern und Glühbirnen,
verwendet werden). Den praktischen häuslichen und landwirtschaftlichen
Bedürfnissen genügte er aber damals auch mit überwiegend
Eisen-, Zink- und Kupferbestandteilen für Stall- und Garteneinzäunung,
Bindezweck, Lötmittel, Käfige etc.
13.4 Härter
Eine Einzelgängererscheinung, die wir als Tüftler in den Härtehäuschen
unserer größeren Fabriken kannten. Welche Mengen an Hornmehl,
Kohlenstaub, Veredlungspulver einer Härtekokille (Gefäß)
einverleibt werden musste, damit das geschmiedete oder gedrehte Maschinenteil
die erwartete Härte der Oberfläche bekam, wusste er auswendig
und gab sie selten anderen preis (sollten die doch durch eigene Versuche
klug werden!). Er brauchte keine Anleitungen und Formelbücher -
er hätte sie höchstens selbst verfassen können. Das tat
er aber nicht, sondern übertrug sein Wissen in vielen, vielen Härteproben
auf die neuen Wirtschaftsherren, unsere Vertreiber. Üblich waren
in der Werft z. B. nur zwei Härtearten: Das Feuer- und Badhärten
in Öl- oder Salzbad. Das heutige Universalhärten in Elektroöfen,
Flammhärten und Induktionshärten ist aber auch schon so lange
in der Fachwelt bekannt, dass es sicher in mancher unserer fortschrittlichen
Fabriken daheim angewandt worden ist.
13.5 Metallpräger
Was der Kupferschmied im Behämmern des höchst willigen Kupfers
erreichte, schaffte der Metallpräger mit sanfter Gewalt und Hilfe
der Prägepresse: Nämlich die uns allen bekannten Kuchenformen
für Gugelhupf sowie Zierbänder, Türbesätze, Scharniere,
Reifen, Deckel u. a.. Dieser Beruf gehörte in die Beschlagfabrik,
von deren Art wir in der Batschka einige hatten, die nach unserer Beseitigung
zu den Grundstöcken für die heutigen gleichartigen Fabriken
wurden. Zu den wichtigsten Arbeiten gehörte auch das Schleifen,
Polieren und Lackieren der geprägten Körper.
13.6 Spengler
Unsere Spengler, Klempner, Flaschner oder Blechner gehörten zu
der Art von Handwerkern, die eine ganze Palette mechanischer Arbeiten
beherrschten: Sie waren Schlosser, Elektromechaniker und Radiotechniker
in einer Person. Neben dem Schmied und Schlossmacher gehörte der
Klempner zu den ältesten Metallberufen; seit es die Zivilisation
in Kultur- und Prunkbauten (Burgen und Herrscherhäuser) gab, benötigte
man die Verwahr- und Beschlagkunst, die erst einen Bau schützte
und witterungsbeständig machte. Gerade weil dieser Handwerker bereits
in der Lehre den Umgang mit allen Metallen, aber auch mit Säure
und Strom erlernte, war er im modernen Zeitalter - dem der Veredelungstechnik
- geradezu berufen, die neuen Techniken auszuprobieren. Bei uns im Dorf
der Oberbatschka z. B. war er - wie bereits erwähnt - derjenige,
der die ersten kristallbestückten Kopfhörerradios zusammenbaute.
In der Hauptsache war er aber zuständig für Dachrinnen, Kannen,
Kessel, Verkleidungen, Abdeckungen, Bedachung mit Schwarz- und Zinkblech,
Blei oder Kupferblech, Reparatur aller Metallgefäße, egal
ob sie gegossen, gedrückt oder gehämmert waren. Unsere sparsamen
Köchinnen schätzten ihn besonders dann, wenn ein Loch im Aussteuertopf
war und er ihn im Handumdrehen für einige kleine Geldstücke
mit Hilfe der Blechschere, des Lötkolbens und Niethammers in Ordnung
brachte. Heute gibt es weder solche Reparaturen, noch die dazugehörigen
Männer vom Fach. Die artverwandten Nachfolger nennen sich nur noch
nebenbei und vielfach zu Unrecht Flaschner, in Wirklichkeit sind sie
Installateure und Monteure vorgefertigter Blech- und Kunststoffteile.
13.7 Glockengießer
Viele der Glocken, die in unseren ehrwürdigen Gotteshäusern
hingen, um mit uns von höchster Warte die Tagesläufe, Nöte
und Freudenfeste zu teilen, stammten aus deutschen Gießereien
in Ofen, Ödenburg und – Baja! Sofern auch andere Bronzegießereien
über eigene - kleinere - Glockenherstellung verfügten, bedienten
sie sich der Technik, die so alt ist wie die Religionen. Das fachlich
Anspruchsvollste an der Tätigkeit des Glockengießers früherer
Zeit war die Schaffung der Glockenrippen aus glattgehobelten Birkenbrettern,
aus denen dann durch Drehen um die stehende Achse jene symmetrische
Form erreicht wurde, die für Tonhöhe und Klangfarbe maßgebend
war. Während der Lehm zur Gussform verarbeitet wurde, brannte unterhalb
der Glockengrube ein Feuer, das die Form trocknete und festbrannte.
Zuerst machte man eine "falsche Glocke", das heißt ein
genaues Vorbild für die richtige, auf die alle Verzierungen und
Striche aufgebracht wurden. Erst wenn dieses Modell allgemeine Zustimmung
fand - die der Stifter, Bürger, Priester, Standespersonen - wurde
daraus die endgültige Abgussform gemacht und mit feuriger Bronzespeise
(78% Kupfer, 22% Zinn) ausgegossen. Der Information halber sei die der
Fachwelt bekannte größte Glocke der Welt genannt: Sie wiegt
216 000 kg und befindet sich – wie sich der Chronist selbst überzeugen
konnte - im Moskauer Kreml.
13.8 Zinngießer
Der leicht schmelzbare Zinn erforderte keine aufwendigen Ofen und Tiegel
zur Verflüssigung und daher auch keine großen Nebenausgaben
für den Handwerker, der aus ihm Gefäße, Zierteile, Ornamente
und Spielzeug goss. Wir Buben konnten schon mit Löffel und Kerze
die lustigen Zinnsoldaten in gekaufte Aluminiumformen gießen.
Schon Streichholzwärme (230°) vermag dieses zuerst silbern
glitzernde und dann bald dunkelgrau anlaufende Metall zu verflüssigen.
Bevor das Porzellan in Europa (Meißen 1710) eingeführt wurde
(die Chinesen kannten es angeblich schon im 7. Jahrhundert), bestand
das Tafelgeschirr der besseren Leute aus Zinn und das des Bürgers
aus Ton. Seines beschränkten Vorkommens und der allgemeinen Beliebtheit
wegen war Zinn schon immer teuer. Bei uns besaßen Zinngeschirr
auch nur die Reicheren zur Wand- und Schrankzierde. Sonst wurde dieses
Weißmetall noch viel in Gießereilegierungen (Bronze) und
im Spenglerhandwerk (Blechbeschichtung und -lötung) verwendet.
Der Umgang damit war so vielseitig wie sonst bei wenigen Metallen. Entsprechende
Ansprüche stellte es an die gestalterische Fähigkeit des Zinngießers.
13.9 Federmacher
Eine neuere Berufsart, die eigentlich nicht viel mit den alten Uhrenfedern
zu tun hat. Bei Klappmesserfedern können wir noch am ehesten verdeutlichen,
welche Arbeit ein Federmacher in unserer Gegend hatte: Formen, Schmieden,
Feilen, Schleifen, Härten, Polieren des Edelstahls, der in Stangen
aus der Stahlgießerei bezogen wurde. Fiaker-, Zug- und Wagenfedern
wurden ähnlich, nur nicht von Hand, hergestellt. Die zylindrischen
Zug- und Druckfedern benötigten einen drehbaren Dorn, um gleichmäßig
rund zu werden. Von der Legierung und dem Härten des Materials,
das noch keine automatischen Temperaturregelungen kannte, hing die Federgüte
und damit das Geschäft des Federmachers ab.
13.10 Landmaschinenbauer
Zwischen Schlosser und Schmied war er angesiedelt, der Instandsetzer
und Richter aller unserer Landwirtschaftsmaschinen: Da waren immerhin
schon um die 20. Jahrhundertwende neben den mehrschaarigen Pflügen
die Sä-, Mäh-, Hack- und Setzmaschinen auf dem Feld und eine
Reihe weiterer im Hof wie Hechsel-, Mahl-, Rüben- und Fördermaschinen.
Auch der Inhaber oder Vermieter der vielbewunderten und zu ihrer Zeit,
trotz Erstickungsgefahr durch den immensen Staub, recht fortschrittlichen
Dreschmaschine gehörte zu den Landmaschinenmechanikern. Gegenüber
dem Ochsen-, Pferde- und Flegeldrusch war die von Dampf- oder Dieselwagen
angetriebene Erntemaschine mit zugehörigem Elevator eine echte
Sensation ihrer Zeit. Ausgebildet als Maschinenschlosser, tüchtig
und fortschrittlich, stieß in jedem Dorf mindestens ein Fachmann
zu diesem wichtigen Beruf. Da sich auf dem Lande aber ein vom sparsamen
Bauern abhängiger Handwerker keine großen Reichtümer
erwirtschaften konnte, blieb der Landmaschinenmechaniker durch die Jahre
hindurch ein Einmannbetrieb mit höchstens einem Lehrling und Gesellen.
Wer es fertig brachte, dass der Bauer für ihn und nicht umgekehrt
er für den Bauern arbeiten musste, z. B. indem er neben der Reparatur
auch den Handel mit Landmaschinen betrieb, der konnte evtl. den Bauern
in materieller Hinsicht überflügeln.
13.11 Blechdrücker
Eimer, Kessel, Töpfe, Bottiche, Waschzuber und andere Blechgefäße
aus rohem Aluminiumblech und verzinktem Stahlblech waren früher
das Produkt der Blechdrücker. Später erst (nach 1900) wurden
sie zur Massenware der Hochdruckpressen. Gewisse Arten von Druckgut,
wie sie für Modelle oder Vorserien benötigt werden, müssen
heute noch (i.J.1977)mit kräftigen Armen, Brust- und Bauch-Muskeln
gedrückt werden. Das geschieht immer noch wie zu unserer Zeit:
Auf einer einfachen, aber stabilen drehbankartigen Maschine mit geringer
Drehzahl wird die zu drückende Metallplatte am Futter befestigt
und während der Drehung langsam auf den Holzkern mit dem Knebeldrücker
geschoben. Die fertigen Gefäße wurden beim Gebrauch im Freien
mit Zink oder Lack überzogen und als Küchengeräte emailliert
oder vernickelt.
13.12 Mechaniker
Mit dem Zeitpunkt, da sich in der Batschka Fabriken für Schienen-,
Wasser- und Landfahrzeuge niederließen, setzte auch die Zuwanderung
und Ausbildung der dazugehörigen Techniker ein. Zahlreiche Begriffe
für Metallbearbeitung und deren Werkzeuge kamen dazu und wurden,
aus Mangel an heimischen Namen, von allen Nationalitäten übernommen:
Schneideisen, Rohrzange, Drehbank, Schweißapparat, Scharnier und
vieles andere mehr. Werkzeuglagerung, Reparatur, Ablauf, Ersatzteilfertigung
wurden von den Erfordernissen der deutschen Firmen MAN, MWM, Magirus-Deutz,
Klöckner-Humboldt usw. diktiert. Was und wie es zu tun war, zeigten
die donauschwäbischen Meister, die vielfach in den Stammwerken
und Reichsschulen ihr Fach erlernt oder vervollständigt hatten.
Weniger der Neubau als die Instandsetzung und Wartung der großen
Maschinen und Motoren fiel unseren Mechanikern zu. Es gab nur wenige
maschinelle Ersatzteile, die im Original aus Deutschland bezogen werden
mussten: Das komplizierteste Gussschweißen, die feinste Nachbildung
von Einzelteilen mit und ohne Zeichnung, die Montage schwierigster Maschinen
schreckte unsere Meister nicht ab, sondern ließ sie vielmehr ihre
praktischen Fähigkeiten so weit entwickeln, dass ihre ungarischen
und slawischen Lehrlinge nach dem Krieg glaubten, auch ohne sie auskommen
zu können; viele täuschten sich, wie in so manchem, und stürzten
ihre sozialistische Nachkriegswirtschaft in jahrzehntelange Krisen.
13.13 Schlosser
Welchen Stand dieses Handwerk in Pannonien vorfand, ist am besten an
den noch bei unserer Vertreibung üblichen Tür- und Torverschlüssen
zu ermessen. Genau wie vor 500 Jahren - zur Zeit der Erfindung des schließbaren
Türverschlags - wurden viele Tagelöhnerhäuschen noch
in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit kräftigen Holzriegeln
versperrt. Sie hatten sich, im Gegensatz zu den wohlhabenderen Nachbarn,
noch nicht vom uralten Sicherungsriegel getrennt, teils weil sie sich
kein teures Handwerkerschloss leisten konnten, teils aber auch, weil
sie ihrem stabilen Riegel mehr trauten: Sie befürchteten, dass
wer ein Sch1oß machen konnte, auch Nachschlüssel dazu fertigen
konnte. Jeder Neuerung zu trauen, war nicht ihre Art. Überhaupt
blieben viele unserer andersnationalen Nachbarn lange Zeit der westlichen
Technik verschlossen. Ein Blick in ein nichtdeutsches Dorf genügt,
um das hundertfach zu belegen: handgetriebene Mahlsteine, hölzerne
Schüsseln, Teller und Löffel, offene Kamine, schilfgedeckte
Häuschen - vieles wie zur Siedlerzeit. Unsere Schlosser waren keine
Erfinder raffinierter Verschließtechniken, sondern bewährte
Handwerker, die alle in Frage kommenden Metallarbeiten wie Feilen, Meißeln,
Sägen, Biegen, Bohren, Gewindeschneiden, Weich- und Hartlöten
beherrschten und die für ihre Zeit neuesten Werkzeuge besaßen.
Zu ihrer schwierigsten Arbeit gehörte das Herstellen der Schlossfedern
durch Biegen und Härten des legierten Federstahls. Das Schloss-
und Schlüsselmachen war zuletzt nur den wenigsten Hauptbeschäftigung.
Je mehr sich die Fabriken aller Serienteile in Haus und Wirtschaft annahmen,
umso mehr verlegten sich die Schlosser auf die übrige Sonderfertigung,
die naturgemäß zwischen der fein- und grobmechanischen Metallbearbeitung
lag: Bauschlosserei, Maschinenschlosserei, Anlagenbau, Blitzableiterbau
u. ä. mehr.
13.14 Stanzer
Hauptsächlich der Kessel- und Schiffbau benötigte Fachleute
dieses Berufes. Als Hilfsarbeiter oder Anlernlinge eingestellt, spezialisierten
sich kräftige Burschen in der Anreiß-, Körner- und Stanztechnik
an damals noch handbefördertem Dickblech. Bevor eine stählerne
Nietplatte einbaufertig war, musste sie nach dem Lochen entgratet, gerichtet,
d. h. auf der 2 m langen Amboss- oder Richtplatte gehämmert und
an den Kanten gerade geklopft (bei über 3 mm dickem Material) gehobelt
oder abgeschliffen werden. Die Arbeit mit geraden Platten war den Anfängern
vorbehalten. Kugelige, zylindrische, ovale und nach Metallschablonen
gebogene Bleche erforderte mehrjährige Praxis, denn das fertig
geschweißte oder genietete Objekt konnte nur wenig korrigiert
werden.
13.15 Dreher
Für die ersten 50 Jahre nachdem die Drehbank in unsere Gegend gekommen
war (um 1870) hatten unsere andersnationalen Arbeitskollegen keinen
eigenen Namen für sie. Erst in den 30er Jahren bürgerte sich
der "strugar" und „esztergályos“ (Dreher)
ein, wobei die Maschine selbst bis zum heutigen Tag noch keine endgültige
Übersetzung aufzuweisen hat. Alle Dreher Mittel und Südosteuropas
wissen auch noch in 100 Jahren, was eine Drehbank ist. Die industrielle
Drehbank wurde in Deutschland schon in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts an die Transmissionen der Dampfmaschinen angekoppelt. In
der Einzelfertigung kleinerer Handwerksbetriebe konnte sie erst mit
dem Elektromotor genützt werden. Für Holz, das bekanntlich
durch Fußantrieb Jahrhunderte früher gedreht werden konnte,
wurde die alte, langsame, mittelalterliche "Fitzelbank" auch
noch zu unserer Zeit mancherorts (wo es keinen Strom gab) verwendet.
Rationelles Drehen war erst ab 1860 in Deutschland und etwa 20 Jahre
später im Südosten möglich, denn da wurden erstmals Revolver-
und Automatendrehbänke eingesetzt. Den Arbeitsablauf brauchen wir
hier in keinem Falle festzuhalten. denn es ist nicht abzusehen. dass
auch nur eine Technik. wie wir sie zuletzt an den Drehbänken anwandten,
bald veraltet und vergessen sein wird. Gehen wir in einen heutigen Drehsaal,
so hören wir neben unseren „einfachen Typen" noch die
Lepp-, Feinstpolier-, Hohl-, Rundschleif- und Karusselldrehbank; alles
Hochgenauigkeitsmaschinen, die mit Genauigkeiten von 5 – 10 Tausendstel
mm - der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten - besser sind als
unsere.
13.16 Fräser
Bei uns war es ein seltener Beruf, denn die Fräsarbeiten konnten
von jedem Facharbeiter der Metallbearbeitung wahrgenommen werden; hochpräzise
Universalfräsmaschinen kannten wir noch nicht. Sie wurden erst
durch die lochkartengesteuerten und vorprogrammierten Arbeiten in den
westlichen Werkzeugmaschinenfirmen benötigt und nach diesem Eigenbedarf
ausgebildet. Unsere Fräsarbeit beschränkte sich auf mittelfeine
(ca. 5-Hundertstel) Bearbeitung der Anschlussflächen von Motor-
und Getriebegehäusen, Fundamenten, Ständern, Schienen, Anlaufflächen
u. ä.. Die Fräswerkzeuge waren noch aus vollem Hartmaterial,
von den Fräsern selbst geschliffen und gehärtet und nur vereinzelt
wurden zuletzt auch WIDIA(wie Diamant-)-Wechselschneiden eingesetzt;
diese aber nur im Wegwerfprinzip, denn wir hatten noch nicht jene feinen
Nachschleifgeräte zur Verfügung, die heute eine völlig
neue Investitionseinstellung erfordern.
13.17 Bohrfachmann
In seiner überzeugendsten Rolle ist dieser Fachmann beim Tiefbohren
zu beobachten. Lange Waffenläufe und Pumpenzylinder kannten auch
unsere Bohrleute. Krupp ist als Großlieferant langer Waffenrohre
weltberühmt geworden. Unsere Bohrwerker - Gott sei Dank - nicht.
Sie machten aber der Pumpenherstellung, die in unserer nutz- und schadwasserreichen
Gegend viel zu tun hatte, alle Ehre. Unsere dampf- und dieselbetriebenen
Pumpwerke hatten wir mit vielen selbsthergestellten Teilen ausgestattet,
daher ist manche fruchtbare Ackerfläche, die im Donautal durch
Trockenlegung gewonnen wurde, als unschätzbarer Verdienst unserer
Bohrfachleute anzusehen. Wer auf dem Donaudamm einen halbtägigen
Marsch machte, konnte zu unserer Zeit mindestens 5 solcher Großpumpen
inspizieren; ihnen waren Werkstätten zugeordnet, mit je einer Dreh-
und Bohrmaschine und einer Menge laufend benötigter Reparaturwerkzeuge.
13.18 Hobler
Ähnlich dem Fräser ist dieser schon immer nur in der Industrie
vor zufinden. Hobeln, Stoßen, Räumen sind artverwandte -
auf lineare Werkzeugbewegung ausgerichtete – Arbeiten, die bei
geistiger Beweglichkeit und körperlicher Geschicklichkeit von ein-
und demselben Mann zur gleichen Zeit bewerkstelligt wurden. Schon die
erste Hobelmaschine im vorigen Jahrhundert arbeitete nach dem gleichen
Prinzip, wie das unsere späteren taten: Ein großes Schwungrad
– Schwunggestänge - setzte die Dreh- in waagrechte Bewegung
um, dermaßen, dass der stärkere und langsamere Vorlauf auf
dem Inneren Drehradius und der schnellere und schwächere am Außenradius
angetrieben wurde. Ansprüche und Schaltungen haben sich inzwischen
verändert und auch den supergenauen Universalhobler auf den Plan
gerufen; aber das Prinzip der Arbeitsweise ist das gleiche geblieben.
13.19 Geräteschleifer
Ein praktischer und vielbeschäftigter Zweig war der unserer Werkzeugschleifer.
Von den Haushaltsmessern und Scheren bis zum Messer der großen
Schlagschere für Industriebleche musste er alles schleifen können.
Dabei brauchte er nicht einmal dem Kleingewerbler mit den fahrbaren
Straßenschleifgeräten (Scherenschleifer) Konkurrenz zu machen.
Er wurde vom Handwerk und von der Industrie beschäftigt: So von
Messer- und Äxteschmieden, Gartengeräte- und Landwirtschaftsmaschinen-Herstellern,
Werkzeugmachern und anderen. Seine wichtigsten Hilfsmittel bestanden
aus verschieden geformten und angewandten Schleif-, Motor- und Kunst-Steinen:
flach, rotierend, mit Hand-, Fuß- und Motorbetrieb. Mit dem Schmied
musste der Schleifer das Wissen über die Warmbehandlung (Formung,
Härtung) der Werkzeugstähle gemein haben.
13.20 Schweißer
Eine Berufsbezeichnung, die keinen vollwertigen Ersatz im andersnationalen
Sprachgebrauch kennt. Bevor dieses relativ junge Gewerbe (um ca. 1900)
ins Land kam, war hier nur das Schmiedeschweißen bekannt. Zahlreiche
Stahlreifen für Karren und Leiterwagen wurden auch noch zu meiner
Lehrzeit in Apatin (1948-51 als Schiffsmechaniker) derart gefertigt,
dass nach dem Rundbiegen die übereinanderliegenden Enden bis zur
Schweißglut erhitzt und mit Hammerschlägen zusammengeschweißt
wurden. Das Gas- und Elektroschweißen brachte viele neue Möglichkeiten
mit sich, so z. B. zwei Stähle verschiedener Zusammensetzung oder
gar zwei verschiedene Metalle unlösbar aneinander zu binden. Über
Nacht hatten eine Reihe von Handwerkern Gasflaschen und später
Stromumformer in der Werkstatt und zeigten der verblüfften Kundschaft
wahre Wunder an Reparatur- und Fertigungskunst. Der Schweißer
als Eigenberufler war nur in größeren Betrieben zu finden:
in der Rohr-, Stahlprofil-, Blech- und Buntmetallverarbeitung. Nebst
der zeichnungsgerechten Zusammenpassung durch Schleifen und Klemmen
hatte er auch die Aufgabe des Härteanlassens, Schleifens und Verputzens
der Nähte.
13.21 Nieter
In der Schiffsschmiede und im Großkesselbau fielen die Außenarbeiten
dem Nieter zu. Kein Ohr eines Lebewesens und schon gar nicht das menschliche
ist den mehrstündigen Schlägen auf einen großen Blechkörper
mit dem Vorschlaghammer, wie er beim Nieten unumgänglich ist, gewachsen.
Die Resonanz des Schlag- und Gegenhammers schien mir oft die grausame
Rache eines von Menschenhand vergewaltigten Elements zu sein, das mit
der Größe der zusammengefügten Teile überproportional
wuchs. Solange zwei oder drei Niethämmer den Schiffsrumpf auf dem
Trockendock bearbeiteten, war es mir unmöglich, mich darin aufzuhalten.
Manche brachten und bringen es heute noch fertig - wie ich das neulich
in einer Großkesselfabrik erlebt habe: Hier hatten nur die Neulinge
beim Gegenhalten und Hämmern Ohrenschützer auf, die Älteren
hatten schon lange ihr Gehör eingebüßt - und das war
für sie nicht einmal verwerflich, sie bekamen ja Lärmzulage.
Nun, bei uns gab es keine Lärmzulage, deshalb ließ ich schon
im ersten Lehrjahr auch keine Ruhe, bis ich als Lehrling aus der Schiffsschmiede
in die Mechanikerwerkstatt versetzt wurde.
13.22 Drahtwarenmacher - Siebmacher
Außer den Endloserzeugnissen für Drahtzäune und Bindegewebe
flocht und wickelte dieser Handwerker alles, was in einer bäuerlichen
Wirtschaft an Drahtformen anfiel: Zäune, Käfige, Gitter, Siebe,
Gefäße, Körbe, Trocknungsmatten und Raufen. Der Handwerksbedarf
an Drahtwaren und Halberzeugnissen ging viel weiter: In jedem Beruf
wurde Draht in irgendeiner Form benötigt. Am Aufkommen der industriellen
Fertigung von Vogelkäfigen und Kleintiergehegen wurde der ursprüngliche
- schon zur Ritterzeit mit den Panzerhemden geborene - Beruf des Drahtwarenmachers
aus dem Augenmerk der Öffentlichkeit verdrängt. Die Maschine
bog ihre Teile gleichmäßiger und schöner. Und die anschließende
Vergoldung oder Versilberung tat ein übriges, um den umständlich
- so ähnlich wie das bei den Hippie-Handwerkern in den Großstadtpassagen
der Fall ist, nur vielseitiger - mit Zange und Schere arbeitenden Handwerker
brotlos zu machen.
13.23 Drahtseiler
Wer einmal einem Drahtseiler zugesehen hat, wie er die Verbindung zweier
Seile oder deren Abschlussschleife zurechtnäht und biegt, der wird
mir recht geben, wenn ich behaupte: Dieser Beruf brauchte Talent und
Ausdauer. Störrischer als Hanf- und Baumwollschnüre und für
verantwortungsvolleren Einsatz gewickelt und geknüpft verlangte
ein Drahtseilerberuf maschinelle und werkstattkundige Fähigkeiten.
Einem Drahtziehbetrieb nachgeordnet, musste die Drahtseilerei mit großen
Investitionen im mehrschichtigen Ablauf arbeiten, denn die vielen Umrüstzeiten
mussten neben der normalen Arbeitszeit nachgeholt werden. Beim Einrichten
des Wickelvorganges für eine neue Seilart mussten Umfangs- und
Drehgeschwindigkeitsberechnungen angestellt werden, wodurch dieser Beruf
keineswegs zu den stumpfsinnigsten zu zählen war. Zwei verschiedene
Seilarten sind mir von daheim bekannt: Das Kernseil und das kernlos
gewickelte. Die Beschreibung dieser Arbeitsprozesse würde mir aber
wesentlich schwerer fallen, als dies beim vielfältigen Einsatz
von Seilgut in Schiffen und elektrotechnischen Einrichtungen der Fall
wäre.
13.24 Sägenmacher - Richter
Bevor sich die vollautomatische Stanz- und Fräsmaschine der vielfältigen
Sägeblätter annahm, mussten die Zähne der schon lange
Jahrzehnte bekannten Arten der Kreis-, Band- und Zugsägen von Hand
ausgestemmt, gefeilt und gespreizt werden. Das Material war nicht von
besonders guter Qualität, denn pro Winter wurden die Zähne
mehrmals stumpf, und die Sägefachleute (sie hatten noch zusätzlich
ein Holz- oder Metallhandwerk dazugelernt) brachten sie gekonnt wieder
in Ordnung. Heute ist das nur bei den hoch beanspruchten Metallsägen
für Stähle und Edelmetalle notwendig. Die Holzsägen waren
fast eine Generation vom Vater bis zum Sohn in Gebrauch, und waren sie
der Arbeit nicht mehr gewachsen, oder auf Fingerbreite abgenützt,
so wurden sie weggeworfen. Heute ist Ersatz bei den meisten Handwerkzeugen
billiger als - Reparatur. Die sparsamen Donauschwaben hätte ein
zu früh weggeworfenes Sägeblatt noch im Traum verfolgt. Es
wurde so lange nachgefeilt, gedengelt und gerichtet, bis es wirklich
nicht mehr zu gebrauchen war.
13.25 Rohrinstallateur
Dieser neue Name des uralten Faches der Flaschner - derjenigen, die
schon lange vor der ersten allgemeinen Wasserversorgung ganzen Städten
(ab ca. 1830) die Küchen- und Bädereinrichtungen einzubauen
hatten - war daheim nur in den Fabriken geläufig. Deshalb soll
er auch hier nicht durch andere Merkmale nachträglich verfälscht
werden. Unsere Installateure waren niemals Flaschner. Sie kamen vom
ersten Tag ihrer Lehre bereits mit - für unsere Zeit - hochmodernen
Gas- und Wasserrohrsystemen und den dazugehörigen Regelorganen
in Berührung. In manchem unserer Gemeinwesen lähmten mangelnde
Organisation und Aufklärung das Fortschrittsdenken, oder es machte
reinste Armut eine Weiterentwicklung in der Wasserversorgung unmöglich;
es kam lange zu keiner Sammelversorgung an Haushaltsenergie. Die Fabriken
waren aber vom ersten Tag an modernste Selbstversorger. Das Rohrnetz
für Propan-, Butan- und Kokereigas, die Zuleitung und Ableitung
des Brauchwassers aus eigenem Brunnen und viele angrenzende Arbeiten
fielen in den Kompetenzbereich der Installateure, die im Fertigen von
Gewinde (im damals üblichen Zollsystem) Flanschen, Hanfdichtungen
den heutigen Meistern dieses wichtigen Faches in keiner Weise nachstanden.
13.26 Heizungs- und Lüftungsbauer
In Westeuropa wurde schon kurze Zeit nach der Entdeckung der Dampfenergie
als Motorkraft auch die zentrale Dampfheizung eingeführt (um 1800).
So ähnlich wie in den ersten dampferzeugenden Werken die Dampfüberschüsse
in Niederschlagskörper (Heizkörper) geleitet wurden, um ihre
Wärme an die Umgebung abzugeben, so nützten auch bei uns in
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die ersten Dampfmaschinen
und Dampfwerke einen Teil ihrer Dampfenergie zu Heiz- und Badezwecken:
Sie waren die Pioniere der pannonischen Zentralheizung. Parallel hierzu
wurde auch die Dampfheizung in Zügen und auf Schiffen bekannt und
drängte buchstäblich reiche Städter und unternehmungslustige
Handwerker, sich saubere Heizungsarten einzurichten. So entstand der
Beruf unseres Heizungsbauers. Der seines lüftenden Antipoden folgte
erst, als die Warmluft durch Verteilerschächte aus dem Heizraum
in andere Räume umgewälzt und die Ventilation der Räume
bei warmer Witterung ohne Wärmezusatz weiterbetrieben wurde. Diese
ersten Klimaanlagen brachten dem Handwerksbereich eine neue Berufsausweitung
und neue erträgliche - weil ausschließlich von Reichen stammenden
- Aufträge.
13.27 Metallblasinstrumentenmacher
Dieser, durch den Großbedarf in Blechblasinstrumenten, ins Leben
gerufene Beruf konzentrierte sich zu meiner Apatiner Zeit auf den Instrumentenmacher
Ludwig Horn, der hier für alle anderen stellvertretend stehen soll.
Trompete, Posaune, Waldhorn, Tuba haben abgesehen von Form und Tonlage
eines gemeinsam: sie bestehen aus dünngezogenem und gelötetem
Messingblech und sind mit vorgefertigten Ventilen und Mundstücken
versehen. Meister Horn fertigte und reparierte, für uns neugierige
Internatsmusiker sichtbar, alle Arten von Blechinstrumenten. Er schnitt
das Feinblech mit Hilfe von Schablonen aus bezogenen Messingblechtafeln
und gab den einzelnen Stücken durch Hämmern und Drücken
die gewünschte Rundform. Die Schallstücke wurden aus kreisrunden
Ausschnitten - ähnlich den Kupfertellern - über einem rotierenden
Holzmodell gedrückt. Bei langen Rohrinstrumenten - wie bei der
Posaune - gab es nur gelötete Übergangstrichter; der Klangkörper
und das lange Parallelrohr waren nahtlos gedrückt oder gezogen.
Nachdem ein Rohling zusammengesetzt und eingestimmt war, ging der Meister
ans Glätten und Polieren - an dem wir uns auch begeistert versuchen
durften - und ans Ausprobieren. Aus der Werkstätte des Horn’schen
Betriebes kamen viele Instrumente in die Hände der Batschkaer Bläser,
aber den Markt versorgen konnte er zuletzt nicht. Andernorts in der
Batschka und im Banat existierten ähnliche Werkstätten, die
ähnlich dem Horn’schen Betrieb arbeiteten und die dem donauschwäbischen
Blasmusikgebiet zu seiner bekannten Qualitätsmusik in Klang und
Lautstärke verhalfen.
14 VERKEHRS- UND HANDELSBERUFE
Eisenbahner, Droschkenkutscher, Spediteur, Taxifahrer, Händler-Aufkäufer,
Verkäufer, Schaufenstergestalter.
14.1 Eisenbahner
Von den über 60 verschiedenen Arten des Eisenbahnerberufes, die
wir heute in neuesten Nachschlagwerken vorfinden, entfielen auf unseren
Bereich etwa ein Drittel. Dabei kann bei der Betrachtung der jetzigen
Berufsmerkmale bei dem betreffenden Drittel vieles in dem Tagesablauf
unserer ehemaligen Eisenbahner wieder entdeckt werden. Es blieben eigentlich
seit der Eröffnung der ersten Probestrecke der Dampfbahn Nürnberg-Fürth
im Jahr 1835 die Arbeitsbedingungen auf und um die Dampflok so unverändert,
dass unbesehen die meisten auf unsere erstmals ab dem Jahre 1869 durch
die Batschka – Szegedin - Subotica - Sombor - Dalj - Esseg fahrende
Eisenbahn übertragen werden könnten. Rund zwanzig Jahre vorher,
seit etwa 1850, können bereits in Südungarn Schmalspur- und
Privatbahnen, auf kurzen Strecken ausfindig gemacht werden, bei denen
weniges Personal oder sogar nur Einzelpersonen die gesamte Bedienung
und Wartung erledigten. Da wie dort sehen wir spätestens ab der
Vernetzung der breiten, europäischen Spur, an arbeitstypischen
Merkmalen, wie die Lokführer und Heizer die Vorratskammern und
-behälter mit Stein-, Braunkohle und Wasser füllen - letzteres
aus hohen Schwenk- und Zapfstellen in den größeren Bahnhöfen;
da sehen wir den Fahrausweisprüfer in der Person unseres Kondukteurs,
den Gleiswart und Wagenmeister beim Gleis- und Achsenabklopfen, den
Bahnwärter im einsamen Häuschen an unbeschränkten Bahnübergängen
oder im Bahnhofsgebäude seine Rangierhebel bedienend, den Stationsvorsteher
mit der internationalen roten Mütze und den weltmännischen
Manieren, einen seiner Helfer im Bereich der Gepäckabfertigung.
den anderen bei der Fahrkartenausgabe, die oft eine amtliche Personalunion
darstellten, ferner einen mehr schlecht als recht von der Bahn - und
ihren Gästen – lebenden diensteifrigen Gepäckträger
(Dienstmann). Im Güterbereich hatten wir das gleiche fachliche
Führungs- und Begleitpersonal, wie wir es in anderen wirtschaftlich
erschlossenen Ländern, vor der hektischen Elektrifizierung des
Verkehrs, vorfinden. Die vielfältige Ware, die von Landwirten,
Handwerkern und der Industrie des Südostens erzeugt und in alle
Welt befördert wurde, rollte auf dem - nach dem 1. Weltkrieg etwa
500 km betragenden – Batschkaer Schienennetz, fast immer pünktlich
in ihre Zielbahnhöfe (unter Pünktlichkeit bitte ich eine Mischung
aus westlicher Exaktheit und südosteuropäischer Gemütlichkeit
zu verstehen). Ferner bleibt noch die im Wartungs- und Reparaturbereich
tätige Rangier-, Kontroll- und Abfertigungsmannschaft zu erwähnen,
die halb aus Beamten, halb aus Handwerkern bestehend das amtliche Bindeglied
zu den Schlossern, Schweißern und Mechanikern im Depot darstellten.
14.2 Droschkenkutscher
Als Überbleibsel der vormaligen Post- und Adelskutscher gehörten
sie - und gehören teilweise heute noch - zum Vorplatzbild unserer
städtischen Bahnhöfe. Weder schlechtes Wetter noch schlechte
Zahler konnten den Fiakerfahrern die Laune und Ausdauer beim Warten
auf die einfahrenden Züge nehmen. Auch dort, wo sie auf den ersten
Blick nicht ausgemacht werden konnten - in Dörfern mit weniger
Zugverkehr - waren sie präsent, d. h. jeder Fahrwillige konnte
sie durch einen vom Stationsvorsteher zu vermittelnden Laufburschen
holen lassen. Beim Besteigen dieser Gelegenheitsdroschken durfte aber
der Gast keine empfindliche Nase haben, denn es konnte vorkommen, dass
der Kutscher auf seinem vornehmen Leiterwagen kurz vorher eine Ware
beförderte, die weniger mit der Bahn als mit den Tieren seiner
Landwirtschaft zu tun hatte.
14.3 Spediteur
Naturgemäß war im bäuerlichen Lebensbereich kein hauptberuflicher
Lastfahrer erforderlich. Heute nennt sich so etwas gegenseitige Nachbarschaftshilfe
was unsere engen Dorfgemeinschaften tagein, tagaus übten - mit
und ohne Fuhrwerk. Verrechnet - in Geld oder Naturalien - wurde nur
dort, wo die Hilfe längere Zeit einseitig ablief. Genauso selbstverständlich
wie ihn das Dorf nicht brauchte, war der Spediteur in der Stadt. Auf
seinen gummibereiften Flachladern sah man ihn alles was Handwerk und
Industrie erzeugten, zur Bahn, auf die Märkte, zur Privatkundschaft
fahren. Der legendäre Bierkutscher aus den Reichsstädten und
der Holzfahrer aus dem Hochwald. deren Gefährte entsprechend des
Einsatzes gebaut waren, gehörten in unserer Gegend ebenfalls zum
typischen Bild der Lohnfahrer.
14.4 Taxifahrer
Die Dienstleistung mit Hilfe eines eigenen Autos kann genauso weit wie
das Privatauto selbst zurückverfolgt werden. Schon kurz nachdem
Daimler-Benz und Opel ihre ersten Autos in Deutschland geschaffen hatten
(zwischen 1890 und 1900) kam auch das Taxi zur Welt. Es sollten aber
noch rund 30 Jahre vergehen, bis die deutschen Automobile als Lohnkutschen
auch unser Ländchen eroberten. Wer das erste Taxi fuhr, ist nicht
bekannt. Lediglich, dass es eines aus der in den 20er Jahren angelaufenen
Großfließbandserie von Daimler und Opel war, kann mit großer
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, denn erst ab dem Termin bekam
das Privatauto jenen volkstümlichen Preis, den sich auch Nichtfabrikanten
und Unadelige leisten konnten, also solche, die gegen Lohn andere Leute
beförderten. Lohnfahrer waren noch nie reiche Leute. Ja sie wurden
es auch nicht mit Hilfe ihres Mietwagens. Die Sparsamkeit unserer Bevölkerung
schlug sich nicht nur im mageren Geldbeutel des Taxibesitzers in der
droschkenreichen Vorkriegszeit nieder, sie hatte auch den Vorteil, dass
so ein unausgelasteter Wagen Jahrzehnte überleben und weit in den
40er Jahren, also noch in unserer Erinnerungsperiode und im damals noch
in Ungarn geltenden Linksverkehr, Zeugnis seiner treuen Dienste geben
konnte. In den ersten Nachkriegsjahren hielten sich noch Droschken und
Taxis (z. B. in Subotica und Baja) zahlenmäßig die Waage.
Draußen auf dem Land konnte vielleicht noch eine einzige Taxe
ihren klapprigen Lebensunterhalt aufrechterhalten: Für mehr war
kein Bedarf vorhanden.
14.5 Händler - Aufkäufer
Sie traten bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als
Großhändler im Hanfhandel in Erscheinung, deren Börse
Hodschag in der Batschka war, stellten den ersten Schwabenmillionär
(lt. Josef Senz die Fam. Aigler aus Batsch-Sentiwan, die 1842 geadelt
wurde und sich magyarisieren ließ in Szemzö). Weitere Händler-Millionäre
hatten wir im Getreidehandel ebenfalls noch im 19. Jahrhundert. Sie
kauften das Getreide bereits vom Halm oder Druschplatz auf, indem sie
zur Erntezeit mit ihren Unteraufkäufern die Fluren der Batschkabauern
durchstreiften. Neben diesen Ausnahmen waren die Regel mittlere und
kleinere Händler/Aufkäufer, deren Vertreter wir Zensare nannten.
Der Partner unseres Zensar-Maklers war der Bauer und sein Vertrag der
Handschlag. Vom Schwein bis zum ganzen Bauernhof reichte hier das Handels-
und Vermittlungsgebaren; dass für immobile Werte noch notarielle
Beglaubigungen vom Gesetz vorgeschrieben waren, betrachtete man in Kreisen
des Aufkäufers als hemmende Einmischung des Staates. Kein Händler
von Ruf hätte jemals seinen Handschlag gebrochen oder zugelassen,
dass eine Partei Übervorteilt wurde. Dass es trotzdem auf diesen
Gebieten zu kostspieligen und prozessträchtigen Missverständnissen
kam, lag weniger am guten Willen der Beteiligten, als an der mangelhaften
schulischen Voraussetzung des wendigen Vermittlers, der nicht immer
in der Lage war, vorschriftsmäßige Verträge und Formulierungen
aufzusetzen. Ähnlich den heutigen Maklern lag die Beweglichkeit
unserer hauptberuflichen Händler von Angebot zu Nachfrage. d. h.
von der Kundenzahl ab, die ihnen ihre Aufträge zutrugen oder um
die sie sich auf ihren Rundgängen bewarben. Dem Umstand, dass sich
beim Ausbau des Genossenschaftswesens die private Verkaufsvermittlung
zurückbildete, hatten Zensare und ihre Auftraggeber wahrscheinlich
in den letzten Jahrzehnten ihre rapide Dezimierung zu verdanken: Sie
waren bei fortgeschrittenem Interesse der Bauern für kaufmännisch-zuverlässige
Zusammenschlüsse immer überflüssiger geworden. Die Verdienstspanne
der Zensare bewegte sich beim lebenden Inventar eines zum Verkauf anstehenden
Hofes bei 10 - 15% und beim toten bei etwa 3 - 6%.
14.6 Verkäufer
Man nannte sie Greißler oder Gwelwer; ihr Geschäft war das
Gwelb (Gewölbe) oder die österreichische Greißlerei.
Eine hohe Prozentzahl der Angestellten unserer Einzelhandelsgeschäfte
waren mehr oder weniger ausgebildete Familienangehörige. Das machte
es vielen von ihnen nach der Vertreibung bzw. Umsiedelung schwer, Versicherungs-
und Rentennachweise zu erbringen; welcher Verkäufer im eigenen
Laden dachte ernsthaft seinerzeit an ein Altersruhegeld? Man war gewohnt
zu arbeiten, solange es die Kräfte zuließen, und den schönsten
Lebensabend empfand man an der Seite seiner tätigen Jugend. Die
ganz auf Kundentreue ausgerichteten Verkaufsgewohnheiten kannten nur
geregelte Verkaufszeiten, sofern sie gesetzlich vorgeschrieben waren.
Ansonsten ließ man die Kundschaft hinten herum in den Laden. Jede
Streichholzschachtel und jedes Gramm Waschsoda wechselten, von Sorgfalt
und Freundlichkeit begleitet, den Besitzer. An selbstbedienjung dachten
höchstens bedauernswerte Kleptomanen. Die weitaus meisten Verkaufsläden
schlossen sich an die Wohnräume der Verkäuferfamilie an und
konnten so neben dem Haushalt von der Hausfrau mitbetreut werden. Gut
sortiert und in hohen Fächerregalen enthielten unsere Geschäfte
alles, was der europäische Markt zu unserer Zeit für den Hausgebrauch
produzierte. Zu den gelegentlichen Mangelprodukten zählten Salz,
Streichhölzer, Petroleum, Kerzen sowie Spezereiwaren, die von ausländischen
Monopolen kontrolliert und preistreiberisch rationiert wurden. Extrem
schlechte Ernteerträge unserer Bauern warfen ebenfalls ihre Schatten
auf die Lager der heimischen Lebensmittelgeschäfte, da von umfangreicher
Hortung in unserem Einzelhandel nicht viel gehalten wurde. Bis zur Umstellung
der Maßgewichts- und Längesysteme im westlichen Kulturbereich
auf das Meter und Grammsystem (um 1880) bedienten sich unsere Verkäufer
aller möglichen aus der Heimat mitgebrachten Mess- und Handelssysteme
wie Mäzen, Kannen, Scheffel, Malter, Eimer, Ruten, Fuß usw.
14.7 Schaufenstergestalter
Dieser Werbefachmann soll stellvertretend für unseren gesamten
Werbebereich stehen, ist er doch im Grunde der Ursprung jeglicher Käuferbeeinflussung.
Selbst hochpompöse Verkaufsgeschäfte hielten zu unserer Zeit
nicht viel von Werbeetats und Lockangeboten in Sommer-, Winter-Schlussverkäufen
und Umbau-Sonderaktionen; die eigenmächtige Werbung mit Räumungsverkäufen
hätte einen Geschäftsmann eher für alle Zeit ruiniert,
als dass sie ihn der Kundschaft sympathischer gemacht hätte. Ruf
und Name entschieden oft über den Umsatz. Qualität natürlich
auch; aber die wurde beim deutschen Geschäft ohnehin vorausgesetzt.
Für Ramsch war der „billige Jakob" anderer Herkunft
zuständig. Der Beruf des Werbe-(Schaufenster)-beraters existierte
mehr in der Person eines Warenlieferanten, dem als Hauptberuf der heutige
Vertreter – Auslieferer ähnelt. Was Lokalanzeigen priesen,
zeigten unsere Schaufenster und umgekehrt. Und das Gezeigte war wirklicher
Ausschnitt des Ganzen und nicht - wie heute - Köder und Falle oder
unverkäuflicher Phantasieplunder.
15 DIENSTLEISTUNGS- UND BEWEGLICHE BERUFE
Hotelfachmann, Gastwirt, Postverwalter/Briefträger, Kellner, Musiker,
Schauspieler, Bader - Barbier, Friseur, Fotograf, Handelsreisender-Wandergewerbler,
Schornsteinfeger, Scherenschleifer, Kuh- und Schweinehirte, Schäfer,
Altwarensammler-Lumpenhändler, Eisverkäufer, Loseverkäufer,
Schausteller, Masseur-Masseuse, Hebamme, Mesner, Pfarrhaushälterin-Pfarrköchin,
Friedhofsarbeiter-Totengräber, Gesundbeterin.
15.1 Hotelfachmann
In Zeiten der langsamen und weiten Reisen entwickelten sich unsere günstig
gelegenen Gasthöfe in den größeren Ortschaften (Marktflecken)
wie von selbst zu Übernachtungsherbergen für den gehobenen
Bedarf. Der Ruf machte schon immer das Geschäft in diesem Gewerbe.
Aus den anfänglichen Gewohnheiten der Bauern, an Markttagen mit
Kutscher und Knecht zur Stadt zu fahren und nebst für sich auch
dem Anhang Unterkunft zu suchen, entstand der Bedarf nach Übernachtungshäusern
mit mehrklassiger Dienstleistung: Im Vorderhaus schlief der Herr, im
Hinterhaus hatten die Knechte ihre Kammer und die Pferde ihre Stallplätze.
Die kulinarische Versorgung vollzog sich ebenfalls im Klassendenken,
nur rangierten hier oft die Pferde vor Herr und Gesinde: Dem Pferd das
Beste, dem Herrn das meiste und allen anderen was übrig blieb.
Das Bild des bratenessenden Großbauern, dem sein Knecht mit Speck
und Brot gegenübersaß, ist gar nicht so selten gewesen. Auch
völlig getrennt gelegene Herbergen für Herr einerseits und
Kutscher mit Pferd andererseits waren üblich; man fuhr in den großen
Hof der Pferdegaststätte, überließ dem Empfangsbediensteten
das Ausspannen und Versorgen der Pferde und hatte damit gleich vom Fleck
weg die Freiheit für eigene Besorgungen. Was .die verantwortlichen
Besitzer oder Verwalter der städtischen Herbergen angeht, so bezogen
sie ihre verwalterischen und gastwirtschaftlichen Kenntnisse aus keiner
Hotelfachschule, sondern aus oft generationenalter Familientradition
in dem Herkunftsland unserer Siedler wie Pfalz, Württemberg, Baden
oder Bayern. Diese Tradition war es, die schwäbische Betten, Küchen
und Bedienung den hohen Gästen slawischer, ungarischer, jüdischer
oder muselmanischer Herkunft von vornherein empfahl.
15.2 Gastwirt
In der ungeschriebenen Ortschronik von Bereg (meines Geburtsortes, in
der stillen Batschkaer Ecke des Grenzübertritts der Donau von Ungarn
nach Jugoslawien gelegen) spielt die denkwürdigste Rolle der Inkognitobesuch
des jugoslawischen Königs, Alexander des Ersten im Jahre 23. Der
Grund des Besuches (wahrscheinlich der Ortslage und undurchsichtigen
politischen Aktivitäten wegen) blieb ebenso im dunkeln wie das
unangemeldete Auftauchen des jungen Monarchen mit einigen anonymen Begleitpersonen;
das einzige. was die Chronik aus jener Geburtszeit des Balkanstaates
der Serben, Kroaten und Slowenen faktisch festhalten könnte, ist
die Tatsache, dass der hohe Gast ausgerechnet im schwäbischen Gasthof
abstieg und einmal übernachtete. Einige Trinkstuben der Schokatzen
mit sicher ebenso verschwiegener Quartierung blieben unbeachtet. Die
damals schon verwitwete Wirtin Barbara Braun, geb. Kammerer (meine Großmutter
mütterlicherseits), meinte später - übereinstimmend mit
den erschrockenen Dorfgrößen - dass der fotogene und den
Zeitungsbildern aufs Haar gleichende Gast sehr höfliche und lobende
Äußerungen über dies und jenes in ihrer Wirtschaft gemacht
hätte. Außer der paar lobenden Worte ist von den Dörflern
nichts registriert worden. Aus politisch kurzfristiger Sicht könnte
man das bedauern. Aber langfristig zählte ein grundehrliches Urteil
jedem unserer freundlichen Gastwirte mehr, als die komplizierten Zusammenhänge
des Weltgeschehens. Sie fragten die Fremden nie nach Ziel und Zweck
der Reise. Nur bei Stammgästen kannten sie den intimsten Lebensbereich.
Hier wie dort war jedoch Verschwiegenheit oberstes Gebot. Wie konnte
es in der Nachbarschaft zu dem noch der Blutrache huldigenden Balkanstaat
anders sein. Von bewegten Zeiten konnte die Oma-Wirtin den Enkeln erzählen
und von einträglichen Geschäften; die Thekenlade war immer
mindestens bis zur Hälfte mit Münzen zweier Währungen
- der ungarischen und jugoslawischen - gefüllt, nur das Großgeld,
die Scheine und Goldstücke, wurden einmal monatlich auf die Bank
der Kreisstadt gebracht. Geld spielte bei der – im Ersten Weltkrieg
früh verwitweten - Oma nicht die größte Geschäftsrolle.
Der Zustand des Gastes entschied über dessen Verbleib in der illustren
Zechgesellschaft. Nicht um allen Lohn hätte sie einem ihrer fachlichen
Beurteilung nach ausreichend Betrunkenen etwas Alkoholisches mehr eingeschenkt.
Sie war nur eine kleine Frau, die schwäbische Wirtin, aber wenn
sie einem Mann befahl, das Lokal zu verlassen, so gehorchte er strikt,
oder aber, wenn er das nicht mehr konnte, so legte er sich im Nebenzimmer
hin, um seinen Rausch auszuschlafen. Höflichkeit, Weinkenntnis,
Menschenkenntnis, Geschäftssinn und Verschwiegenheit waren die
Haupteigenschaften unserer Wirte, die nach der Devise "bei mir
sind alle Gäste gleich" mit die einträglichsten Berufe
daheim hatten.
15.3 Postverwalter - Briefträger
Unsere Postbeförderung hat sich aus der Kurier- und Feldpost der
ehemaligen Heerespost der Österreich-ungarischen Monarchie entwickelt.
In der Zeit um 1850 besorgten Staats- oder Handelskutschen den amtlichen
und privaten Postdienst. Die Poststationen in den Ortschaften hatten
die Postsäcke, -körbe und -pakete sowie Geldsendungen ihres
gesamten Bezirks, die mit Kutschen oder Wagen von dem Nachbarbezirk
angeliefert wurden, zu verlesen und deren Weitertransport in eigenen
Fahrzeugen zu besorgen. Zu diesem Zweck unterhielt jede Posthalterei
einige Pferde und Wagen, die Eigentum der Gemeinde waren. Mit dem Ausbau
der Eisenbahnlinien, um 1870, wurden nach und nach zuerst die Hauptstrecken
und danach die Nebenstrecken der Post den Zugbedingungen angepasst und
das zentrale Verteilernetz ausgebaut. Danach besorgte der staatliche
angelernte Briefträger die bis in unsere Tage übliche Art
der dörflichen Postverteilung; Telephonie und Telegrafie betreute
sein stationär tätiger Vorgesetzter oder eine weibliche Kraft,
das vielbewunderte (weil gebildete) "Postfräulein", die
so auch noch genannt wurde, als sie schon graue Haare und eine Schar
Enkel hatte.
15.4 Kellner
Ober, Bedienung, Fräulein, Mamsell, Hallo Sie - egal wie die flinken
Helfer in unseren Gasthäusern und Restaurationen genannt wurden,
sie dürfen in dieser Berufsfibel nicht fehlen. Bedienungspersonal
zählte bei uns im allgemeinen zu den Saisonarbeitskräften.
Ganzjährige Anstellungen waren aus Sparsamkeit der meisten Wirte
Ausnahmeerscheinungen. Die Wirtshelfer hatten sich damit abgefunden
und wechselten im Kreisgebiet von einem Gasthof und von einem Fest zum
anderen. Das war nicht ihr Schaden. Sie hatten einmal höhere Durchschnittsverdienste
und zum anderen freie Zeit für Sondereinsätze wie Großhochzeiten
und Vereinsjubiläen, auf deren Höhepunkten - gegen Mitternacht
- zuerst die Köchin mit dem großen Schöpflöffel
reihum Trinkgelder sammelte, und bei deren Auseinandergehen - in den
Morgenstunden - die Bedienungen an der Tür mit offenen Händen
und Taschen stehen durften.
15.5 Musiker
Vom dörflichen über den kreisstädtischen bis hin zu dem
hauptstädtischen Musikleben bestimmten unsere hauptberuflichen
Musiker mit, was saisonal oder turnusmäßig die Szenerie beherrschen
sollte. Im Dorf standen sie als Lehrer und Kapellmeister dem Vereins-
und Jugendorchester vor und in den Klein- und Großstädten
fand man sie in den Militär-, Theater-, Zirkus- und Unterhaltungsorchestern.
Mit den Instrumenten aus der alten Heimat einwandernd, machten unsere
musischen Ahnen die süddeutschen Zupf- und Streichinstrumente (Fiedel,
Gitarre) und die Böhmerwälder Blasinstrumente (Horn, Trompete,
Posaune, Basstuba, Flügelhorn) in der neuen Heimat bekannt. Eine
donauschwäbische. Geige war nicht dasselbe wie die der bereits
ansässigen Puszta-Zigeuner. Je nach Interesse und finanzieller
Möglichkeiten setzten sich die Orchester aus den Elementar-Instrumenten
oder auch aus Begleitinstrumenten zusammen. Schon Trompete, Klarinette
und Bass genügten, um herrliche Tanzrhythmen aufspielen zu können.
Dieselbe Qualität war vom Streichtrio (Geige, Gitarre, Bass) zu
erwarten. Im anderen Extrem konnte ein guter Dirigent auch aus einer
Großbesetzung mit Sinfonie- und Blasorchester, bestehend aus 60
- 80 Musikern, ungeahnte harmonische Klänge hervorzaubern. Es ist
nicht bekannt, dass einmal die dörfliche Musik wegen Krankheit
einzelner Aktiver ausgefallen wäre. Unsere Kapellmeister waren
echte Improvisationskünstler. Dies nicht immer im Hauptberuf des
Musizierens. Auch im Nebenberuf stellten sie als Kleinbauern oder Handwerker
ihren Mann, so dass man nicht immer auf Anhieb feststellen konnte, welche
Passion überwog. Dass wir ein weitgehend vollständiges Berufsbild
von diesem Beruf haben, verdanken wir seiner immer noch höchstlebendigen
Tradition daheim in den Batschkadörfern, in der neuen Heimat Westeuropas
oder in Übersee.
15.6 Schauspieler
Wandertheater zogen im 19. Jahrhundert dutzendweise durch Südungarn,
die Batschka und das Banat. Durch recht gründliche Dokumentation
wissen wir über die Schauspieltruppen, dass sie einheimische sowie
bekannte Stücke aus Deutschland und Osterreich aufführten:
Schillers Dramen und Anzengrubers Volksstücke mögen in etwa
die weite Spanne eines bunten Theaterfächers veranschaulichen.
Arbeitsweise und Alltag einer fahrenden Truppe haben sich in keiner
Weise von jenen der Stammländer unserer Sprache unterschieden.
Das Stammpersonal waren Fremde, doch die Komparserie einheimisch, wenn
nicht örtlich. Dadurch gab es für künstlerisch begabte
Mitmenschen aller Hauptberufe ein angenehmes Zusatzeinkommen.
15.7 Barbier
Diesem Beruf ist - als Einzel- und Doppelberuf - schon oft in unseren
Ortsmonographien ein Kapitel gewidmet worden, nicht zuletzt, weil ihm
unser "Erzschwabe" Adam Müller Guttenbrunn – als
gelernter Barbier und berühmter Schriftsteller - ein helles Intelligenzler-Fluidum
bescherte. Dabei waren selbst die Bader – als Vorgänger der
Barbiere - keineswegs von Haus aus intelligentere, höchstens geschicktere,
diplomatische Naturen. Täglich in fremde Häuser zu kommen,
brachte zwangsläufig einen allgemeinen Bekanntheitsgrad und entsprechendes
Vertrauensverhältnis im privatesten Bereich mit sich. Sie verstanden
zwischen anvertrauten echten und falschen Geheimnissen zu unterscheiden
und nicht mehr a1s nötig, um die zwischenmenschliche Neugier zu
stillen, preiszugeben. Aber auch mit gekonnten Handgriffen den Bluterguss
zu heilen, Aderlass durchzuführen, Blutegel anzusetzen, Geschwüre
auszuquetschen und zu verbinden, Flöhe- und Läusepulver richtig
einzusetzen, die Körperpflege im allgemeinen und die Haarbehandlung
im besonderen. Verglichen mit ihnen waren die "Balwierer"
der letzten Jahrzehnte zwar nicht so vielseitige, dafür aber nicht
minder geschickte und diplomatische Könner in Sachen Haar- und
Körperpflege. Beide Berufsarten arbeiteten stationär wie auch
auf Verabredung oder Abruf im Hause der Kundschaft.
15.8 Friseur
Die große Mehrheit der dörflichen Damenwelt hatte seine Dienste
nicht nötig, da ihre Naturpracht in ellenlangen Zöpfen zusammengerafft
war. In größeren Gemeinden und Städten aber brauchte
man den Damenfriseur und seinen weiblichen Antipoden, die Friseuse,
sehr wohl. Zu großen Anlässen und Festlichkeiten genügten
dort die im gewöhnlichen Alltag bewährten Künste des
Barbiers nicht - obwohl auch er Damenhaare zu behandeln verstand -,
es musste ein besonderer Meister der Formwelle das Brauthaar, das Haar
der Patin etc. zurechtlegen; oft mit dem Erfolg, dass die Betreffende
für die nächsten Wochen vor verkrampftem Stolz einen steifen
Hals bekam. Üblich waren die Wasserwellen, die gebrannten Wicklerwellen
und weniger alle jene Künste, die heute aus dem Damenhaar vielfaches
Kapital zu schlagen verstehen: Bleichen, Tönung, Färben, Dauer-
und Kräuselwelle, mit künstlichen oder fremden Teilen ergänzt
etc.. Perücken wurden - wenn überhaupt - nur aus gesundheitlichen
Gründen getragen. Die Haarpracht der Rokokomode des 18. Jahrhunderts
brachten unsere Menschen nicht in die Siedlerheimat mit. Trotzdem hielt
und entwickelte sich das Ondulieren auf einem gleichmäßig
anspruchsvollen Stand, der, wie in unserer Kleidermode, auf dauerhaften
Halt bedacht war.
15.9 Fotograf
Die Daguerreotypie - wie die Fotografie nach den Erfindern lange Zeit
genannt wurde - verbreitete sich rapide ab dem Erfinderdatum (1857)
überall in Europa. Auch das Siedlerland des Südostens durchzogen
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wanderfotografen und
begannen, sich in größeren Orten niederzulassen. Vornehm,
kundenfreundlich und teuer waren sie allerdings bis zuletzt. Nur so
ist es zu erklären, dass ein Familienfoto daheim einen extremen
Luxus darstellte, den sich auch die Reichsten nur einmal im Jahr zu
besonderen Anlässen leisteten; und dies in Posen, die Platzangst,
Lampenfieber und Vornehmheit darboten. Aber der gut gekleidete Herr
mit dem Holzkasten aus den Zeiten der Daguerreotypie oder auch der ausziehbaren
Agfa verstand alle Finessen seines Berufes, der anders als heute keine
naturgetreue Wiedergabe der Objekte, sondern der Festlichkeit an sich,
mit allem Drum und Dran, anstrebte. Belächeln wir kameragewandten
Nachkommen in den gestellten und retuschierten Festtagsaufnahmen auch
eine gute Portion naiver Fotografie, so müssen wir dem Meister
alle Achtung entbieten, wusste er doch aus wenigen Hilfsmitteln, Zutaten,
Lösungen und Essenzen Portraits von Ewigkeitsgeltung hervorzuzaubern.
Unsere gelernten Fotografen (im Volksmund: Abnehmer) konnten zu Allzweckkünstlern
ihres Faches gezählt werden, die zugleich Chemiker (sie mischten
oft ihre Emulsionen, Bindemittel und Lacke selbst) , Maler (indem sie
den Portraits wunderschöne farbige Effekte und Einfassungen gaben),
Holzschnitzer und Bildhauer (wenn wir an die handgeschnitzten Rahmen
und Grabsteinbilder von früher denken) waren.
15.10 Hande1sreisender - Wandergewerb1er
Dieses Gewerbe lag hauptsächlich in jüdischen und nur ausnahmsweise
in deutschen Händen. Die Reisenden im Interesse unserer Hausfrauen
und Hauswirtschafterinnen waren wandelnde Warenhäuser und brachten
uns in ihren Musterkoffern und Bauchläden wahre Wunder an großstädtischem,
farbigem und blinkendem Kleinkram. Unsere stolzträgen Menschen
waren im allgemeinen für solche fingerfertigen und redegewandten
Berufe weniger geeignet; das schließt natürlich nicht aus,
dass sich auch unsere "unruhigen Naturen" darin versuchten.
Die Wandergewerbler waren nur dann angesehen, wenn sie ausschließlich
hochwertige Ware - z. B. neueste Modestoffe - gezielt in den reichsten
Familien feilboten; die weniger Reichen sahen im Umgang mit ihnen eine
Aufwertung ihrer wirtschaftlichen Stellung und luden sie gerne ein.
Obwohl unser Völkchen im all- gemeinen eine dörflich einfache
Lebensweise hatte, bevorzugte es im besonderen eine eigene Note. Was
maßgerecht auf die Einzelperson zugeschnitten oder angeboten wurde,
fand leichter einen Käufer, als das fertige Stück, das jedem
passen konnte.
15.11 Schornsteinfeger
Als typische Besonderheit ist bei unserem Rauchfangkehrer erwähnenswert,
dass unsere rauchintensiven Feuerstellen durch das leicht brennbare
Material (Maisstruke und Sonnenblumenstiele) oft versottet und verkrustet
waren. Eine gründliche Reinigung war manchmal nur mit dem starren
Kratzer und der Drahtbürste möglich und somit ein Einstieg
in den Kamin unausweichlich. Unsere älteren offenen Kamine waren
so geräumig, dass der Meister oder sein Geselle keine Schwierigkeiten
mit dem Reinigen hatten. Das änderte sich, als in den modernen
neuen Bauten enge Kamine gebaut wurden. Hier war die Gefahr der Selbstentzündung
größer, weshalb der Schornsteinfeger polizeibehördliche
und feuertechnische Befugnisse hatte. Die Öl- oder Gasheizung kannten
wir noch nicht, daher waren auch keine besonderen chemischen Kontroll-
oder Reinigungsgeräte und -mittel erforderlich. Gemeinsam hatten
unsere Schornsteinfeger mit den heutigen den Ruf der überraschenden
Glücksbringer.
15.12 Scherenschleifer
Bei uns war der Name vollberechtigt, denn die meisten Bauern hatten
eigene handgetriebene Schleifsteine für einfachen Schliff im Haus.
Die Scheren und alle Arten von besserem Werkzeug erforderten den fachmännischen
Schliff der Scherenschleifer. Es wäre vermessen, nachweisen zu
wollen, dass keine Donauschwaben mit diesem Armeleute-Beruf zu tun hatten.
Vielleicht nicht in jener ärmsten Erscheinung, der man aus Mitleid
Messer und Scheren brachte, sondern in der selbstbewussten Art, die
auch Frau und Kind mit auf Wanderschaft nahm; der Bub ging höflich
von Haus zu Haus, die Frau putzte, polierte und kassierte, der Mann
erledigte das Schleifen und Instandsetzen, bot aber auch neuen Ersatz
zum Kauf an. Dieser Beruf war saisonabhängig; weder Herbstschlamm
noch Winterschnee ließen die Fortbewegung des mit verschieden
gekörntem Korundstein und Schleifscheiben unterschiedlicher Größen
beladenen Handkarrens zu. Zum abwechslungsreichen, wenn auch nicht sehr
anspruchsvollen Vergnügen der kleineren Schulkinder gehörte
das begeisterte Zusammenlaufen, sobald irgendwo das unregelmäßige
Schleifgewinsel der fußbetriebenen Scheiben ertönte. Welch
reiche arme Zeit damals und welche arme reiche Zeit heute!
15.13 Kuh- und Schweinehirte
Die Tätigkeit des Kuh- oder Sauhüters wurde nur ausnahmsweise
von einem deutschen Jungen wahrgenommen (z.B. von mir in dem bitterarmen
letzten Kriegsjahr, mit Austrieb der eigenen Tiere). Doch er hatte sein
Auskommen, wurde in Geld oder Naturalien (jährlich nach der Ernte)
entlohnt, musste aber vom Frühjahr bis Herbst das ihm anvertraute
Laufvieh der Bauern (seltener der Züchter) auf die Hutweid - meist
Gemeindeland oder Ödwiese - treiben und dort beaufsichtigen. Eigene
Arbeit und Verantwortung hatte ein Hirte nur mit dem Jung- oder Erstlingsläufervieh
und den deckungsbereiten Tieren, für deren besondere Überwachung
er bei Deckung das Deckgeld kassierte. Die Neulinge beim Austrieb brauchten
besondere Aufmerksamkeit, damit sie draußen bei der Herde blieben
und auf dem Heimweg in den eigenen Stall fanden. Ähnlich einer
geduldigen aber nicht allzu langen Dressur verstand das Vieh schnell,
was von ihm verlangt wurde und lernte schon nach 2- 3 Wochen den richtigen
Weg zu nehmen. Sobald morgens um 6.00 Uhr nach der ersten Fütterung
und Tränke das Hirtenhorn erschallte, öffnete der Bauer die
Tür vom Schweine- bzw. Kuhstall. Die Tiere verließen brav
und sichtlich erfreut den Stall, um dem Hirten und der Herde zu folgen.
Schweine- und Kuhhüter (in der Batschka - Halter) gingen auf verschiedene
Auslaufplätze und ließen den Tieren innerhalb eines abgesteckten
Platzes - bei uns war es das Tal am Donauarm bei Karapansch - genügend
Freiheit zum Auslaufen, Grasen, Saufen und Ruhen. Wegen der Unkontrollierbarkeit
der Gewichtszunahme ließen Viehzüchter ihre Tiere nicht mit
auf die Gemeindeweide, sondern hielten sich eigene Stallknechte, die
für exakte Versorgung, Pflege und Deckung bei den im Gemeindestall
stehenden Vatertieren verantwortlich waren. Diese Vatertiere des Gemeindehauses
standen auch den Kleinbauern gegen geringes Entgelt zur Deckung ihres
Viehes zur Verfügung.
15.14 Schäfer
Ähnlich den vorgenannten, ein Ausnahmeberuf. Anders als die ungelernten
Kuh- und Schweinehirten, die ja nur den Austrieb und die Aufsicht besorgten,
musste der Schafhüter sein Fach über die beiden Grundbedingungen
hinaus sehr gut beherrschen. Als Wanderschäfer hatte er in den
der Ernte nachfolgenden Monaten seiner Herde die besten Weideplätze
zu suchen und für Lämmernachwuchs und bestmöglichen Wollwuchs
zu sorgen. Paarung, Schur, Lammaufzucht, Gesundheitspflege, Stall- und
Pferchbau, Klauenpflege, Kastrieren und Schlachten, aber auch eine Menge
über Sortierung und Aufbewahrung der Wolle gehörte zu seinen
Aufgaben. Neben den Herden-Schäfern, die auf unseren abgeweideten
Feldern und Ackern die Schafe der Herrschaft versorgten und bei der
Herde in ihrem vom Esel gezogenen Schäferkarren lebten, hatten
wir auch solche, die neben anderer Viehzucht einen Schafspferch unterhielten,
um ausschließlich den eigenen Wollbedarf zu decken.
15.16 Altwarensammler - Lumpenhändler
Wir sprachen oft vom "Lumpenjud", auch wenn es kein Jude war,
der den Ruf durch die Gassen schallen ließ: "Lumpen, Alteisen,
Papier"! - Nirgendwo klingt dieser Ruf so verlockend, wie bei sparsamen
Menschen, zu denen sich unsere Leute, ohne Berücksichtigung des
sozialen Standes, zählten. Sperrmüllbeseitigung im heutigen
verschwenderischen Sinne kannten wir nicht. Für alles konnte irgendwann
irgendwie eine Weiterverwendung gefunden werden. Aus dieser Tatsache
lebten die Lumpensammler. Nicht sehr üppig, denn viele alte, d.
h. mehrfach ausgediente Kleidungsstücke wurden von den Lumpenwebern
zu buntgestreiften Läufern gewoben. Nur, was so nicht verarbeitet
werden konnte, nahm der Lumpensammler im Tausch gegen diverses Tafel-
und Küchengeschirr sowie Gläser in Zahlung. Ebenso verhielt
es sich mit dem Alteisensammler. Was er gegen Kleingeld bekam, war wirklich
nur noch im Schmelztiegel verwertbar. Und an dem dritten Abfallprodukt
waren wir nicht sonderlich wohlhabend: Wer las schon so viel und schnell,
dass Stöße verwertbaren Papiers anfiel bzw. nach Selbstverbrauch
übrig blieb.
15.17 Eisverkäufer
Diesem Wanderberuf gingen im Sommer die gleichen Leute nach, die im
Winter heiße Kastanien verkauften: Slawen und slawische Muselmanen,
seltener Deutsche. Die langen heißen Sommer garantierten jedem,
der wendig seinen Eiskarren durch die Dörfer schob (und einen Wandergewerbeschein
hatte), ein sicheres Geschäft. Die paar Kreuzer (Heller, Fillér,
Para) konnte selbst der sparsamste Vater seinen Sprösslingen nicht
verwehren. Heute ist der offene Eisverkauf im Straßenkarren aus
gesundheitlichen Gründen weitgehend verboten und durch das mannigfaltige
Tüteneis ersetzt. Ein Glück, dass wir Kinder damals diese
künstlichen Segnungen noch nicht kennen lernen mussten. Für
unsere Zuckerbäcker und Süßwarenhändler bot die
Eisherstellung eine zusätzliche, lohnende Saisoneinnahme durch
den "Eisverkauf über die Straße".
15.18 Loseverkäufer
Als Hausierer und Marktschreier mit einem geheimnisumwitterten Holzkästchen
vor der Brust, auf dem ein schlaues abgerichtetes Meerschweinchen saß,
verhießen sie den Neugierigen eine schöne Zukunft. Aberglaube
und Unterhaltungslust veranlassten heiratswillige Mädchen und aberwitzige
Lausbuben, ein oder gleich ein Dutzend verschlossener Tüten mit
verzauberten Zetteln darin zu erstehen. Von sichtlich weitgereisten
Männern oder Frauen mit fremdem Dialekt - aber durchaus „echt“
deutsch klingend – angeschubst, suchte das "verwunschene"
Meerschweinchen das Glück des Zahlenden und reichte es ihm mit
den Zähnchen. Keiner nahm die Verheißungen auf dem Los besonders
ernst; aber es tat wohl zu wissen, dass man noch lange gesund und noch
um einiges reicher würde und dass die Familie lange wohlauf bliebe.
– Von der baldigen Kriegs- und Vertreibungskatastrophe konnten
– oder wollten - die Zettel der Dreißigerjahre nichts verraten!
15.19 Schausteller
Der Besitz eines Ringelspiels oder Kettenkarussells war schon immer
eine einträgliche Sache. Auch eine Schießbude und ein Panoptikum
ernährten manchen weltmännisch angehauchten Donauschwaben
ganz gut. Im Wirtshaus meiner Großmutter zählten die Schausteller
ihr Geld und spendierten oft vor Freude manche Runde; und das Wirtstöchterlein
Anna (meine Mutter) durfte manche Runde umsonst auf dem von flinken
Buben angetriebenen Kettenkarussell drehen. Eine billigere Antriebskraft
ist kaum denkbar, als es die vier bis sechs Kinder zwischen 8 und 14
Jahren oben auf der Karussellbühne waren, die für dreimaliges
Antreiben einmal selbst fahren durften. Bilderbuden mit exotischen Aufnahmen
und Moritatengeschichten brachten auch genügend Kundschaft. Die
Schausteller der Batschka - alles in allem eine bekannte Berufsgruppe,
welche in die unschuldige Zeit des Friedens gut passte.
15.20 Masseuse
Unsere Menschen nannten sie leicht verächtlich "Schmierweib".
riefen sie aber gerne, weil sie ihre geplagten Glieder bei Nachlassen
der Leistung wieder in Schwung brachte. Mit Wasser, Seife und Schweineschmalz
ging sie den verschämten, weil ungewohnt nackt auf dem Bett liegenden
Männern und Frauen zuleibe. Abgesehen von der wochenlang anhaftenden
Fettschicht, die irgendwie ungewohnt auf dem eigenen Körper haftete
und den Träger zu Vorsicht und langsameren Bewegungen veranlasste,
half das Massieren gegen Verstauchungen, Prellungen, Verrenkungen und
Bauchkrämpfen, weil es meist noch durch Strecken des Bauchnabels
und der Wirbelsäule ergänzt wurde. Zu einem nützlichen
Brauch ist auch das Vakuum-Behandeln der Bauchdecke mit Brotkruste,
Kerze und schmalem Topf zu zählen. Das geschah, indem die brennende
Kerze auf die Brotkruste geklebt und auf die Bauchdecke gestellt wurde;
der darüber gestürzte Blechtopf brachte das Licht zum Erlöschen
und die Luft darunter zum Abkühlen; eine Praxis, die von den Badern
und ihren Saugnäpfen stammte. Jeder Ort kannte einige geschickte
private Masseusen oder männliche Wiedereinrenker der überhobenen
Wirbelsäulen und Schultern.
15.21 Hebamme
Bis sechs glaubten wir an den Nachtkrabb und bis acht an den Storch,
der die Kinder angeblich durch den Schornstein in die Wiege legte. Naseweise
erfuhren irgendwann nach dem 10. Lebensjahr erst die Wahrheit und Schüchterne
nie. Dabei kam bereits mit 15 bei den Mädchen die Zeit der Freiersuche
bzw. das Ausschauhalten der Mütter nach geeigneten Jungmännern
mit 18 zum Heiraten. Jung mussten die Bräutigame und noch Kinder
die Bräute sein: Das gab gute Ehen; keiner der Partner durfte erfahren
sein. Und keiner war es beim ersten Kind. Viele jungen Mädchen
wussten vor der Geburt ihres ersten Sprösslings nicht so recht,
woher das Kleine auf die Welt kommen sollte. Die Patin oder eine grausame
Tante klärten sie auf, kurz vor den Wehen. Die Maßregel und
Vorahnungen, die eine plötzliche Aufklärung begleitete, bewirkte,
dass die junge Frau fast vor Angst starb, wenn es losging. Mit Kusshand
wurden die Hebammen von unseren verängstigten und naiven Jungwöchnerinnen
empfangen und mit dankbarer Beruhigung von den älteren, die schon
einige gesunde Kinder zur Welt gebracht hatten. In weiten Teilen unserer
fruchtbaren Ebene gab es weder Kinderärzte noch Entbindungsstationen.
Die Mehrzahl von uns, die wir vor 1940 geboren wurden, kamen zuhause
unter einfachsten Bedingungen zur Welt: Eine Blechschüssel voll
warmen Wassers, ein paar Handtücher und etwas Verbandszeug genügte
der geschickten Hebamme, um dem kleinen Erdenbürger zum ersten
Schrei zu verhelfen - oder auch nicht. Die Kindersterblichkeit und das
Kindbettfieber der Mütter lichteten Jahr für Jahr die Familien.
Erst das sechste Kind meiner Großmutter blieb am Leben. Das war
kurz nach der Jahrhundertwende. Eine Generation weiter blieben dieser
einzigen Tochter alle drei Söhne nach der Hebammengeburt am Leben.
Ein Fortschritt war zu verzeichnen. Antiseptisches Verbandszeug, bessere
Seife und ein Lehrgang mehr hatte aus der primitiven Geburtshelferin
von einst eine Fachmännin gemacht, die keine größere
Babysterblichkeit mehr zu verzeichnen hatte, als die Krankenhäuser.
15.22 Mesner
Ein in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche lebender und zudem sozial
minderbemittelter Mensch, der gleichzeitig für kirchliches Geschehen
aufgeschlossen war, fand am ehesten den Weg zu dieser Vollbeschäftigung.
Morgen- und Abendläuten, ebenso zur Vesperzeit und zu besonderen
Anlässen wie Begräbnis, Sturm, Hagel und ähnlichen Abbittgelegenheiten,
Messdienen, Kirchenreinigung, Sakristei- und Priestergarderobe in Ordnung
halten, bei Totenmessen die Bahre mit dem Gedenkschrein in der Kirche
aufstellen und nicht zuletzt den Kirchenschlüssel verwahren; das
gehörte zu seinen wesentlichen Aufgaben. Zu den unregelmäßigen
und daher auch freiwillig vom Pfarrer entlohnten gehörten die Außenarbeiten
auf dem Kirchenvorplatz, im Pfarrgarten und bei Botengängen. Zwar
wusste er um die höchstbewertete Religionsform - Beten und Arbeiten
- aber er wandte sie äußerst selten an. Sein Gottesdienst
bestand im Arbeiten und im Wachen über denen, die ungestört
beten wollten. Glöckner oder Hilfsorganist (Balgbediener) gab es
immer zusätzlich in großen städtischen Kirchen, neben
den Mesnern. Auf dem Dorf waren wir Kinder als Ministrantenanwärter
dem Mesner Hilfe genug.
15.23 Pfarrhaushälterin - Pfarrköchin
Den Menschen und Priester zu versorgen, für sein privates und amtliches
Wohl da zu sein, war die Hauptaufgabe unserer Pfarrhaushälterin.
Ob sie als Mutter, Schwester oder ledige Bedienstete im Pfarrhaus wohnte,
ergab sich aus den familiären oder örtlichen Gegebenheiten.
Selten stand unserer gläubigen Gemeinde ein fremder oder andersnationaler,
d. h. aus weiter gelegenen Landesteilen zugereister, Geistlicher vor.
Dank einer großen Aufgeschlossenheit in der weitesten Bevölkerung
für den Priesterberuf hatten wir keinen Mangel an eigenem Priesternachwuchs.
Das oft zitierte Philipowa in der Batschka, wo in den letzten drei Generationen
auf fast jede Familie ein Pfarrerspross entfiel, ist das bekannteste
Beispiel in diesem Sinne. ähnlich verhielt es sich mit den Pfarrbediensteten:
Das Angebot überstieg bei weitem die Nachfrage. Unter den Bewerberinnen,
die ihr ganzes zukünftiges Privatleben einem stillen Dienst im
Schatten der Kirche opfern wollten, konnte sich der geistliche Menschenkenner
die geeignetste aussuchen. Die Entscheidung, das wusste die eine Seite
vielleicht besser als die andere, war von erheblicher Tragweite, stand
doch - abgesehen von den letzten Jahrzehnten - der Haushälterin
weder ein festes Gehalt noch eine Lebens- oder Sozialversicherung in
Aussicht. An Arbeit fehlte es weder werk- noch feiertags; das Pfarrhaus
galt immer als offenes Haus für jedermann, wo mit Höflichkeit
und Gästebewirtung nicht gegeizt wurde. Wenn sich beide Teile in
dieser hellhörigen und indiskreten Umgebung Jahre hindurch wohlfühlten
- was bekanntermaßen in den meisten Fällen zutraf - dann
lag das sowohl an der geübten Toleranz wie an dem streng abgegrenzten
Tätigkeitsfeld von Hausherr und Haushälterin.
15.24 Friedhofsarbeiter - Totengräber
Neuzeitliche Begräbnisunternehmer mit dem sogenannten umfassenden
Service sind ebenso modische Nachkriegseinrichtungen wie der Rummel
auf den Entbindungsstationen. Geburt und Tod kamen bei uns ohne viel
fremde Hilfe zu ihrem Recht. War das letztlich unvermeidliche eingetreten,
dann besorgten eigens zu diesem Zweck auserwählte Nachbarinnen
oder Verwandte die Leibwäsche und Einkleidung. Legten die betreffenden
Familien besonderes Gewicht an die öffentliche Anteilnahme, riefen
sie nach den Klageweibern - alte Mütterchen, die in dem Leben so
oft das eigene Schicksal beklagen mussten, dass ihnen einmal mehr oder
weniger zu weinen nicht schwer fiel - und bahrten den Leichnam in einem
Vorzimmer oder der Vorküche auf. Verzichtete man auf die Klageweiber,
kam der Tote im Wohnzimmer einen Tag lang zu liegen: über den gefalteten
Händen hing ein Rosenkranz und am Fußende stand ein Weihwassergefäß
mit einem immergrünen Buchsbaumzweig. Mit dem Zweig segneten die
Besucher beim Eintreten den Toten. Am Tage der "Leicht" kam
der Friedhofswart mit der gemeindeeigenen Tragbahre und stellte den
unter großem Wehklagen geschlossenen Sarg mitten im Hof auf die
Bahre; dies allerdings nur bei schönem Wetter. Bei Regen oder Schnee
kam die hölzerne Trage erst mit der Leicht (dem Abgang zum Friedhof)
zum Einsatz. d. h. sie wurde bei genügend eigenen Trägern
von diesen oder ansonsten von herbeigerufenen Helfern auf den Friedhof
gleich zum offenen Grab gebracht. In das Leichenhäuschen, das nicht
auf allen Friedhöfen vorhanden war, kamen nur Arme, Anhanglose
und fremde Leute, für die es keine Gelegenheit zum üblichen
Zeremoniell gab. Nach dem priesterlichen Gebet und Gesang mit oder ohne
Chor und Orchester, nach seiner Ansprache etc. ließen die Träger
den Sarg in die Erde. Anschließend verabschiedeten sich die Angehörigen
mit je einem halben Spaten Erde von ihrem Dahingeschiedenen, bzw. warteten
bis das Grab zugeschaufelt war, und nahmen das Beileid der vorbeigehenden
Trauergäste entgegen; das übrige war dann Sache des Totengräbers:
Das Grab vollends aufzufüllen, den Hügel zu formen und die
Kränze darauf zu verteilen. Ein reichliches Trinkgeld und ein mäßiges
Gemeindegehalt machten ihm seine freudlose Arbeit erträglich. -
Über diesen Beruf kann übrigens in unseren Ortsmonographien
einiges Eingehendere nachgelesen werden; auch über die Art der
Aufteilung des finanziellen Aufwands auf einen Verein, der eigens zu
diesen jedermann irgendwann treffenden Notfällen bereits Ende des
19. Jahrhunderts in den meisten Ortschaften gegründet worden war.
15.25 Gesundbeterin - Braucherin
Die Braucherin hatte in allen unseren gläubig-abergläubigen
Volksschichten ein weites und ergiebiges Tätigkeitsfeld. Frommes
und Übersinnliches wurde dermaßen intensiv beschworen und
vermengt, dass selbst der allmächtige Dorfpfarrer dagegen nicht
ankam. Gebraucht wurde bei Mensch und Haustier, fast in einem Atemzug.
Der genaue Ablauf dürfte von Ort zu Ort verschieden gewesen sein
und auch das Verhalten der gebrauchten Familie. Nach dem Gesundbeten
eines Kindes, z. B. in Bereg, leckte dessen Mutter seine Stirn ab und
sagte dabei: "Ich schleck mein Fleisch und Blut, das ist fürs
Bschreien gut. Hilf dir Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist." Die
Gesundbeterin nahm kein Geld, nur Naturallohn in Form von Lebensmitteln,
Wein und Schnaps. Bevor sie mit ihrem uralten Rosenkranz loslegte, prüfte
sie, ob die betreffende (kranke) Person beschrien ist: Sie nahm ein
Glas mit Weihwasser und tat drei glühende Holzkohlen hinein. Kam
die gelöschte Kohle hoch, war die kranke Person nicht beschrien.
Stöhnte oder gähnte die Beschreierin während der Prüfung,
so war ein sehr ernster Fall in Behandlung. Viel zu tun gab es für
die Braucherin beim Vieh. Gebete murmelnd strich sie über das kranke
Tier und machte Kreise und Kreuze, schritt nach hierhin und dorthin,
etc. etc. Nach dem Wie und Was durfte sie aber nicht gefragt werden.
Wer es ihr nachmachen wollte, konnte die Zauberbewegungen durch Begabung
und Selbsttraining einstudieren; nur dann halfen sie angeblich. So oder
so können wir uns heutzutage ein trauriges Lächeln nicht verkneifen,
wenn wir erfahren, wie ein unheilbarer Schwindsüchtiger gesund
werden sollte. Laut Gesundbeterin musste der unheilbar Erkrankte ein
neues Wolltuch (Dreieckumhang) ins Wirtshaus geben und sich zu gleicher
Zeit betrinken. Während die kranke Person trank, nahm die Wirtin
das Tuch und warf es hinter ein Weinfass. Faulte das Tuch, so wurde
der Kranke geheilt. Und die Wirtin für ihre Mithilfe belohnt. Im
anderen Falle konnte sie das schöne Tuch behalten.
NACHWORT ZU FEHLENDEN BERUFEN
Zum vollständigen Berufsbild der Batschka-Deutschen gehören
neben einer Reihe weniger bekannter körperlicher Berufe mit solchen
Eigenschaften, die bisher noch nicht genügend in unser Bewusstsein
gelangten, auch die gesamte Palette jener nichthandwerklichen Berufe,
die von ca. 2% unserer Landsleute vor 1944 ausgeübt wurden; das
ursprüngliche Manuskript, das in Freiberg a.N./Baden-Württemberg
zw. 1975-77 entstand, enthielt auch einige ihrer Arbeitsmerkmale. Da
diese Charakteristiken allerdings für eine Veröffentlichung
nicht ausreichen, muss der gesamte Komplex dieser überwiegend in
geistigen Bereichen tätigen Landsleute ausgeklammert werden. Die
wichtigsten der in unserem ‚Berufsspiegel’ fehlenden Berufe
sind unter Planungs-, Verwaltungs- und Sozialberufen einzuordnen. Ihre
Arbeitsmerkmale lassen sich fast einheitlich umreißen durch die
seinerzeit vielfach verschickten Fragebögen, die leider nur zum
geringen Teil befriedigt beantwortet zurückkamen: 1. Wo fand die
Berufsausbildung statt und wie lange dauerte sie? 2. Welche wirtschaftlichen
Voraussetzungen der Eltern oder welche Institutionen ermöglichten
bzw. finanzierten das Studium? 3. Welche Laufbahn wurde im Anschluss
an das Studium als für den weiteren Werdegang erforderlich vorausgesetzt?
4. Wo kam es zur ersten selbständigen, diensttuenden Tätigkeit?
5. Welches waren die typischen Arbeitsmerkmale, Leistungen, Erwartungen
des Berufes? 6. Wie hoch waren die Einnahmen absolut und relativ (z.
B. im Vergleich mit handwerklich oder bäuerlich Tätigen)?
7. Wie viele Mitarbeiter waren die Regel? usw. Der angesprochene Berufs-Repräsentant
bekam in der Regel einen auf seine Person abgestimmten Fragebogen. Dass
manche nur unvollständig, andere gar nicht und nur einige befriedigend
antworteten, liegt sicher weniger an dem Willen als an der Lückenhaftigkeit
der Rückbesinnung an vieles längst Vergessene durch die Angeschriebenen
begründet; ausstehende versprochene Antworten sind hierbei nicht
berücksichtigt.
Fehlende Berufe
Kaufmann (Industrie, Versicherung, Bankwesen), Lehrer, Kindergärtnerin,
Kranken- und Altenpfleger, Priester, Ordenslaie, Kirchenorganist, Arzt,
Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker, Heilpraktiker, Ingenieur, Landvermesser,
Förster, Gemeinderichter / Bürgermeister, Staatsbediensteter
(aller Verwaltungsebenen), Berufssoldat, Rechtsanwalt, Polizist, Feldhüter,
Journalist, Politiker. |