- sporadische Überarbeitung – Ausgabe 13, Stand – August 2009 -
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GEDENKFORUM

DONAUSCHWABEN-GENOZID

VOR 60 JAHREN

Dr. Georg Wildmann: (Auszug aus seiner Rede v. 24.11.2004 in Berlin, Gedenkveranstaltung des BdV)

Schicksal der Donauschwaben ab Herbst 1944

Knapp die Hälfte der donauschwäbischen Zivilbevölkerung konnte im Herbst 1944 vor dem Einmarsch der Rotem Armee und der Machtübernahme der Partisanen flüchten oder evakuiert werden, nämlich aus Syrmien und Slawonien über 90 Prozent, aus der Batschka und dem Baranja-Dreieck rund die Hälfte und aus dem westlichen Banat nur etwa 15 Prozent. Abzüglich der 90.000 Soldaten befanden sich zum Zeitpunkt der kommunistischen Machtübernahme mindestens 195.000 Donauschwaben in ihren Heimatgebieten, die durch die Beschlüsse des AVNOJ vom 21.11.1944 (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens – prov. Regierung d. Tito-Partisanen – K.Ger.) enteignet und entrechtet worden waren.

Über 7.000 Zivilpersonen wurden im Banat, in der Batschka und in Syrmien im "Blutigen Herbst 1944" durch Mordaktionen lokaler kommunistischer Instanzen, durch die 1944 gegründete Staatspolizei (OZNA) und durch Partisanen-Kommandos ermordet. Außerdem wurden über 8.000 Frauen zwischen 18 und 35 Jahren und über 4.000 Männer zwischen 16 und 45 Jahren zur Jahreswende 1944/1945 aus der jugosl. Batschka und dem Banat in die UdSSR zur Zwangsarbeit deportiert. 2.000 von ihnen gingen dabei bis 1949 vor allem an Unterernährung zugrunde. Die übrigen 170.000 donauschwäbischen Zivilpersonen wurde zwischen Anfang Dezember 1944 und Anfang August 1945 in zahlreiche Arbeits- und insgesamt acht Konzentrationslagern, die für Betagte, Kranke, Kinder unter 14 Jahren und Mütter mit Kleinkindern errichtet worden waren, interniert. Die Konzentrationslager erwiesen sich bald als Vernichtungslager.

Es handelte sich dabei in der Batschka um die Lager Jarek (Backi Jarek) mit 7.000 Todesfällen, Gakowa (Gakovo) mit 8.500 Todesfällen und Kruschiwl (Krusevlje) mit 3.000 bis 3.500 Todesfällen. Im Banat waren es die Lager Molidorf (Molin) mit 3.000 Todesfällen und Rudolfsgnad (Knicanin) mit 11.000 Todesfällen. In Syrmien war es das Lager Seidenfabrik (Svilara) in Syrmisch Mitrowitz (Sremska Mitrovica) mit I2.000 Todesfällen. In Slawonien gab es die Lager Walpach (Valpovo mit 1.000 bis 2.000 Todesfällen und Kerndia (Krndija) mit 500 bis 1.500 Todesfällen.

In den Arbeits- und Konzentrationslagern sind 50.000 der internierten Donauschwaben innerhalb von drei Jahren durch Hunger, Seuchen und Erschießungen umgekommen. Knapp 35.000 ist unter Lebensgefahr die Flucht aus den Lagern über die nahe Grenze nach Ungarn und Rumänien geglückt.

Ab 1946 wurden mehrere Tausend verwaiste Kinder zwangsweise aus den Lagern in Kinderheime eingeliefert und einer radikalen Slawisierung unterworfen. Von ihnen konnte allerdings ein Großteil im Laufe der 1950er Jahre durch Vermittlung des Roten Kreuzes zu seinen Angehörigen in Deutschland und Osterreich gelangen. Der Völkermord an den Donauschwaben forderte über 60.000 zivile Opfer.

1948 wurden die Lager aufgelöst. Die noch rund 80.000 Oberlebenden des Völkermords mussten dreijährige Arbeitsverträge eingehen und konnten sich erst in den 50er Jahren unter Erlegung eines Kopfgeldes loskaufen und nach Deutschland oder Osterreich, in der Regel völlig mittellos, ausreisen. Fakten, die auf den Versuch verweisen, die ethnische Säuberung des Landes von seinen deutschen Bürgern auf unblutige Weise zu vollenden.

GENOZID DER BATSCHKAER UNGARN

Erst 2003 brachte uns und der ungarischen Öffentlichkeit Cseres Tibor in seinem Buch VÈRBOSSZÙ BÀCSKÀBAN zur Kenntnis, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ca. 45 000 Batschkaer Ungarn grausamsten Racheakten der Tito-Partisanen und zivilen Ungarnhassern zum Opfer fielen.

Originalzitat:
Ez a könyv nem vád és nem vádirat, csak néma tiszteletteljes föhajtás a 45.000 ártatlan magyar áldozatért, akikért  soha nem szoltak a harangok.Testvéreinkért, akiknek csak az az egy bünük volt, hogy magyarok voltak.Hiszek az Isteni gondviselésben és tudom, hogy lelkükre odafönn angyalok vigyáznak.Ugyanakkor vallom, hogy amig a szerb nép, mely ezeknek a szörnyü gaztetteknek az  elkövetöje, nem jut el a bocsánatkérés felismeréséig nincs helye a nap alatt.Az  ártatlanul kiontott magyar vér örökre vádolni fog  a siron túlról is és emlékezteti a világot e szörnyü gaztettre.Ajánlom a könyvet minden magyarnak, hogy megismerje a véreink ellen Bácskában elkövetett rémtetteket.A  könyv adjon eröt az élet elviselésére, valamint legyen hit és reménység minden magyar számára.es Te, idegen, mki elolvasod, tudd, hogy e nemzet a ti boldogabb Európátokért élt és ha kellett elbukott.

Kiadó: EX LIBRISZ és Magyar Könyv Bt. Békéscsaba, Csaba u. 15

 

Konrad Gerescher

Das Lied vom Überleben

EINE EPISCHE ERZÄHLUNG
VON
VERTREIBUNG - INTERNIERUNG
UND
B E F R E I U N G

 Zum Entstehen

Nach längerer Beschäftigung mit dem Gedanken an eine Fortsetzung von Maisbrot und Peitsche, meinem 1962 verfasstem und 1972 veröff. Erlebnisbericht, begann 1991 die grausame kriegerische Auseinandersetzung jenseits der ungar. Grenze - 40 km südlich meiner Tanya in Bacs-Kiskun - im ehemaligen Vertreiber-Land. Als ob die Schüsse und Bomben die verschütteten Ereignisse von 1945, der Internierung nach Gakowa und bis zur Aussiedlung 1953 in die Bundesrepublik Deutschland – der endgültigen Befreiung - wund und bloß gelegt hätten, begannen sie sich wie von selbst aufzuschreiben. Die Seele weinte mit den kroatischen Kindern, die ich auf diese Weise gedachte zum "Überleben" zu animieren, hinüber zu retten in eine Zeit ‚danach’.
(Urschrift-Beginn Sept. 1991; Reinschrift Sept.93 bis April 95; Beginn der Veröff. im Wochenblatt Der Donauschwabe z. 50. Jahrestag d. Vertreibung d. Bereger Deutschen im Sept. l995; im deutschforum.szeged.hu - zum Gedenken an den Genozid meiner Familie und Landsleute vor 60 Jahren - zu lesen seit März 2005, im deutschforum.hu seit Nov. 2007)

 

DAS LIED VOM ÜBERLEBEN

Menschen machen Krieg

Was ist der Mensch im Lauf der Zeiten,
da Jahrhunderte im Flug vergehen
und Myriaden Wesen in dem weiten
Kosmos, kaum dass sie werden, untergehen?
Er ist ein kleiner Sinn und Zweck,
dem einen winzigen Atome gleich,
das jeden Lichtstrahl auf seinem Weg
erstrahlen lässt im weiten Gottesreich.

Doch als Teilchen von dieser Welt
- ohne das es zur Not auch geht -
sein Werden ihr Sein bewusst erhellt
und begreifen lässt, dass sie besteht.
Er ist dem Daseinskampf verpflichtet.
Sein schöpferisches Denken und Handeln
kann, wenn am Guten ausgerichtet,
die Umwelt in ein Paradies verwandeln.
Oder in heiße Höllen ohnegleichen,
wenn seiner Natur hassvoll unberechnet
nur Untaten zum Ruhm gereichen.
Der Teufel in ihm nicht lange rechtet,
wütend, zerstörend um sich schlägt;
Freunde verachtet und Feinde knechtet.
Die Welt mit Grausamkeit belegt.
Krieg ist dann zwischen Gut und Böse,
zwischen Teufeln verschiedener Konfessionen,
und die Welt brennt in voller Größe,
die Menschheit stirbt in Legionen.
Weltkrieg oder Krieg der Welten
nennt es, wer noch überlebt.
Klein ist die Zahl der Auserwählten,
die rechtens richtend die Stimme erhebt.

Für Schuld und Sühne gibt es keine Waage.
Die Erfahrung ist des Menschen Schule.
Manche Spezies von seinem Schlage
lebt und stirbt in der gleichen Suhle.
Nur im Vergessen liegt seine Erlösung.
Das Verzeihen fällt ihm selten leicht.
Aus den Gräbern wächst ihm die Versöhnung,
wenn er dem Nächsten die Hände reicht.

 

Die Niederschrift des 'Liedes' begann mit der Strophe 'und dann ging die Sonne auf / und wir waren noch am Leben'. Zuerst nur das. Einige Morgen später schoss der gesamte erste Teil Menschen machen Krieg aus dem Kuli. Kaum konnte ich diesen korrigieren, drängte ES weiter, jede Frühe zu einem neuen geschlossenen Abschnitt - etwa bis zum Teil 7 'die wahren Helden.' Danach folgte ein systematischer Aufbau der wichtigsten Lagerstationen bis Teil 18, 'Rettung an Ostern'.

Das sollte bis dahin nur die Übergangswiederholung von MuP sein, damit die nachkommenden Teile - Überleben in der Zwangsarbeit und in den Fesseln der Zwangserziehung - begreiflicher würden. Ja, und dazwischen die Apatiner Zeit, Jugenderlebnisse, schöne Metamorphosen in der Apokalypse.
 
Leid der Eltern

Eltern und Krieg - ein schicksalsschweres Paar;
niemand gelang es noch sie zu entzweien.
Helden und Opfer werden offenbar,
oft weit hinter den Kämpferreihen.

Als noch der Feind mit Pfeil und Bogen schoss,
die Angst und Sorge flog noch nicht so weit.
Doch in Zeiten des schießenden Stahlkoloss
wächst Kummer und Not in Unendlichkeit.

Es hilft nun kein Fliehen vor den Fronten.
Ein ' ohne mich ' führt nicht zum Ziel.
Wo sich Gutwillige noch retten konnten,
der Kriegsgott jetzt keinen schonen will.

Und ist der Kampf endlich vorbei,
die Sieger ziehen durch Dorf und Stadt
und nehmen sich lächelnd wie nebenbei
alles, was der Krieg nicht genommen hat.

Vae victis den Eltern der Besiegten;
ihre Söhne blieben vorne in den Gräben.
Der Soldateska, der in Siegeswahn entrückten,
die Töchter müssen sie auch noch geben.

Und Trauer fließt in hundert Tränenbächen
und trübt die Freude auch den letzten Kriegern
und wandelt jeden Sieg in ein Verbrechen.
- Die Eltern gehören niemals zu den Siegern.  

Vater - Mutter, gibt es eine stärkere Erinnerung, als die mit ihnen! Sie niederzuschreiben ist, wie wenn man noch in ihrem Schoß geborgen wäre und zusammen mit ihnen die Schicksalsschläge spüren würde, die sie bekamen. Nach außen ist der Schmerz dreigeteilt, innen wirkt er in Dreierpotenz. Eltern - Kind, im Lager gab diese Verbindung die Dimension der wahren heiligen Familie. Wenn Serben oder Montenegrinern so etwas widerfährt, ist die ewige Blutrache gerechtfertigt. Unser Familienschmerz gebar aber keine Blutrache, er schärfte nur diese Feder zur größtwirkungsvollen Dokumentation. Zuerst bekamen sie die Lagerbosse in MuP zu spüren, und jetzt soll sie der Blutsnachwuchs vernehmen: Ihr werdet es büßen, was Ihr an den Kindern sündigt !

 

Soldaten und Kinder

Die Kleinen stehen dann am Wege,
schauen mit kugelrunden Augen drein
und warten, dass der Hass sich lege.
Sie möchten auch erwachsen sein.

Die einen, um auch siegreich zu marschieren,
die anderen, um den Eltern beizustehen
und was zerstört, schnell neu reparieren,
oder sich als gerechte Rächer sehen.
Wieder andere fragen sich - warum?
Warum färbte sich der heitere Himmel rot?
Die Zweifel wachsen über allen Siegesruhm,
über nächste Menschen, über den weiten Gott.

Die letzten sind es, die nicht weiter spielen,
die nicht eher zur Kindesordnung übergehen,
als bis sie in ihrem wunden Inneren fühlen,
das sie auch diese Prüfungen bestehen.

So bin ich einer, unter vielen nur,
sah nie mit Kinderaugen nur das Leben.
Ich will nicht prahlen ob solcher Natur,
die mir durch meine guten Eltern gegeben.

Elf war ich, als die rohen Sieger kamen.
stand daneben und schaute ihnen zu,
wie sie sich gaben, was sie alles nahmen,
und wie sie lautstark grölten immerzu.

Nicht unbedingt nur Trauer und Angst beherrscht die Kindernatur angesichts der Soldaten und ihrer Kriegstechnik. In Bereg, wo die Heerstraße Nord-Süd alle beteiligten Armeen des II. Weltkrieges durchmarschieren sah, gab es für uns viel Abwechslung. Zuerst, l94l, Ungarn und Deutsche, 42 - 43, Deutsche, Rumänen und Bulgaren, dann 44 - der große Rückzugstross - und die euphorischen Sieger, unter denen sich wieder Rumänen und Bulgaren neben gemischten Sowjetnationen und bunten Balkanvölkern in Partisanenuniform befanden. Da kein Soldat etwas gegen bewundernde Kinder am Straßenrand hat, fühlten wir uns oft in Versuchung gebracht, ja in die glückliche Lage versetzt, die Kriegstechnik zu berühren und auszuprobieren. - Im Nachhinein birgt diese Kindheitserinnerung nur Tragik: Soldaten und ihre Technik können niemals Freude bringen! Je tiefer sie sich in die heile Kindheit zu stehlen und festzusetzen gedachten, um so stärker empfindet später der Erwachsene das Unglück, das sie ihm damals brachten. Kriegserlebnisse machen aus Kindern kleine Erwachsene, und da sie das physisch noch nicht sind, finden sie den Zustand bald deprimierend und verunsichernd - bis zur Hysterie. Und die bleibt, in jedem Ton der Sirenen, ein Leben lang bestehen.

Warten in Angst

Sie kamen daher im Wahn der Lumpengötter.
Ihre Art war nicht gewiss, nur böse.
Ihre Taten spotteten der bittersten Spötter.
Und niemand in Sicht, der uns erlöse.
Wir Deutsche, die wir geblieben waren,
an uns wurde endlos der Sieg fortgesetzt.
Am schlimmsten war die Nachhut der Barbaren,
die von wüsten Parolen schrecklich aufgehetzt.

Kaum siebzehn war mein großer Bruder,
als sie ihn zerrten in die Sklavenreihe.
Im Viehwaggon drei Wochen lang fuhr er;
in Russlands Gruben erstarben seine Schreie.
Dann sperrten wir Tür und Tor zur Gänze.
Die Hoffnung klein, doch immer noch vorhanden,
hielt uns fern der nahen, rettenden Grenze.
Ein Wink des Schicksals, den wir nicht verstanden.

Im Hause herrschte tiefe Todesruhe.
Draußen Gehetzte, Pöbel und Soldaten.
Die Vorräte nur knapp in Kammer und Truhe.
Unser Zukunftslos kam keiner uns verraten.
So hing die Zeit paar Monde lang im Dorfe
schwer wie Pestilenz und ebenso gefährlich:
Der Kranke Vater schwieg, die Mutter hoffte,
ging ihrer Arbeit nach, mutig, niemals fröhlich.
Da war noch Mutters Mutter, die einstige Wirtin.
Sie drückte weniger die Angst, als die Erfahrung.
Der kleine Bruder lebte seinem Spielsinn;
in seinen zwei Jahren war alles Offenbarung.

Für ein Kind ist das von Innen verriegelte Haustor die denkbar schlimmste und besorgnissehrregendste Angelegenheit. Nicht auf die Straße zu dürfen, keinen Einfluss auf das Spiel der Kameraden zu haben und nur auf einige Stallhasen und einen gefangenen Igel als Spielgefährten angewiesen zu sein, setzt allmorgendlich schrillste Alarmglocken in Gang. Was als Vorsichtsmaßnahme von den Erwachsenen eingeführt wurde, entpuppt sich als Gefängnistor, das zu überwinden traumatische Phantasien belebt. Dazu stelle man sich noch einen 2 Meter hoch gemauerten Zaun vor, den man nur mit einer Leiter erklimmen konnte. Ein Warten dahinter wird zum schmerzlichen, unvergesslichen Erlebnis. Warten in Angst - ein Drama, mit mir in der tragischen Hauptrolle und den Familienmitgliedern als unbeholfenen Statisten. Diese Rollenverteilung sollte sich noch oft wiederholen, und sie realistisch nachzuvollziehen, heißt ihr die erlebte Schärfe im nachhinein etwas zu nehmen. Die Stimmung der Ichbezogenheit alles Gewesenen führte auch bei der Niederschrift von MuP meine Hand; ein unverzichtbares Streicheln der Wunden, bei denen niemand sonst weiß, wo genau sie sich befinden.

Der Nachbar Pavo ist der einzige, den Vater zu uns in den Gefängnishof lässt. Pavo kommt, erzählt von draußen, von Arbeit im Dorf und auf den Feldern und davon, was die Schwabas erwartete. Zuerst die unbezahlte Erntearbeit; von den eigenen Feldern das abzuernten, was als eigener Lebensvorrat gebraucht worden wäre, doch nun in Kammern und Schuppen der anderen landete. Solange diese Arbeit dauerte, hatten unsere Menschen im Dorf eine vage Hoffnung, nicht auch den Weg in die Lager antreten zu müssen. Pavo wusste, dass schon seit Ostern aus anderen Dörfern die Schwaben weggebracht wurden. Und er warnte auch, der Ruhe nicht zu trauen. Und als die Ernte abgeschlossen war, kam, was er voraussagte. Hajde Schwabo, spremaj se !...

Die uns abholten waren junge, aufgeputschte Uniformierte, nachgemusterte Partisanen bei ihrem wahrscheinlich ersten Einsatz gegen die "Volksfeinde". Jene die sie schickten, einheimische Schokatzen, gehörten durchwegs zu sogen. Schwabenfreunden. Nicht einer von den namentlich bekannten Angehörigen des ersten "Volksbefreiungs-Komitees"unserer Gemeinde galt als Schwaben-Hasser. Später, als sie ein auswärtiger Journalist beim Verfassen der Bereger Ortsgeschichtebefragte, meinten sie einhellig lügen zu müssen: Die hiesigen Deutschen sind alle im Tross des abziehenden deutschen Militärs aus Bereg verschwunden (M. Beljanski: Bereg i njegovi zitelji).

Bereg - Gakowa

Bereg döst zwischen Grenze und Donau
und war nie der Nabel dieser Welt:
Nordwestlich ein Schlagbaum und Drahtverhau,
im Süden brackig das tiefe Feld.
Nur östlich ein Zipfel zur Batschka eben,
dort lagen Felder, davor ein alter Wald:
Dort spielt noch mit meinem Kinderleben
romantische Sehnsucht und wilde Urgewalt.

Durch diesen Wald zog nach dem Kriege
unser Trauerzug mit hundert lebenden Leichen,
nach Gakowa, zu meines Vaters Wiege.
Schwabenschicksal - rechtens ohne gleichen.

Danach fragst Du, wo sind wir geblieben?
Wie war im Lager Gakowa unser Los?
In "Maisbrot und Peitsche" wird es beschrieben.
Not und Entbehrung wuchsen grenzenlos,
wo Titos Wachen, Zivile und Partisanen
über volle Häuser, leere Kessel regierten.
Maisbrot war knapp, reichlich die Schikanen,
und Kolben sausten, wenn wir nicht parierten.
Wir hausten wie in einem Stall - auf Stroh.
Der Raum war einst ein schönes Zimmer.
Doch nirgendwo ein Bad noch Klo.
Um uns nur Kranke und Kindergewimmer.
Das Wimmern währte selten über Stunden:
Tod und Erlösung kamen wie vorausbestellt.
Zu denen, die das Leid bald überwunden,
hatte sich auch mein lieber Vater gesellt.

Amstärksten blieben die Schatten und Schemen des nächtlichen Waldes in meinem elfjährigen Gedächtnis hängen. Vordem hatte ich diesen Waldweg zur Genüge kennen gelernt: Auf der Pritsche neben unserem Halbscheidbauer oder hoch oben auf der Mistfuhre sitzend fuhr ich darauf manche unvergessene Stunde lang, plaudernd, rastend, in einem anregenden Gespräch verweilend, so wie das nur in einer friedlich-jovialen Harmonie der Generationen und Nationen ohne Misstrauen und Vorurteil geschehen kann. Doch diese letzte Fahrt, die Abschiedsfahrt durch meinen Wald, verschloss die Farbtöpfe der Phantasie so fest, dass sie niemals mehr bei Heimataufenthalten geöffnet werden konnten. Später war weder der Waldweg, noch der Wald insgesamt mit seiner Unwegsamkeit im Unterholz, den Lichtungen und dem Jägerhaus am Rand dasselbe.

Und mein Bereg selbst, unser Wohnhaus in der breiten Stroßmajer und die Nebengässchen, veränderte, verfälschte die Erinnerung ebenfalls in dem Maße, in dem sie in der Vertreibungsnacht eine Rolle spielten: Sie wurden groß, leer, beängstigend oder klein und unbedeutend, je nachdem, ob sie für immer bestehen oder schnell vergessen werden sollten.

Gakowa - am stärksten prägte sich mir in der Vertreibungsnacht die Einfahrt in den Ort ein. Bis dahin stets an der Seite des Vaters oder beider Eltern froh und frei zur Verwandtschaft fahrend, von ihr mit Freude empfangend - jetzt gegen unseren und ihren Willen, sozusagen zu ihr gejagt, das gab ein Erinnerungsdilemma, wie es verrückter nicht sein kann.

Vaters Tod dagegen blieb nur ein Schema, wie aus einem Traum. Was seine letzten Worte an mich, an seine Frau, an den kleinen Bruder waren - nur lügend könnte ich auch nur ein einziges wiederholen. Nur vom Begräbnis und Hinablassen des einfachen, weiß gebeizten Brettersarges (der letzte Freundschaftsdienst seines bekannten Lagerschreiners, der später wegen angeblichen Wuchers im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit von den Partisanen zu Tode geprügelt wurde) in die Familiengruft, neben seine Eltern, davon weiß ich noch alle deprimierenden Einzelheiten.

Und ebenso von dem regelmäßigen Hinunterschauen in die offenen Massengräber, bei den häufigen Besuchen des väterlichen Grabes. Die Schichten gekalkter, holzsteifer Leichen, meist von Erwachsenen (die kleinen fielen nicht so auf), sie bleiben ebenso ewig im Gakowaer Friedhof wie im Besitz jeder meiner gedanklichen Heimreise, sobald sich meine Erinnerung der Gakowaer Gemarkung von Sombor her nähert. Und etwas Angst mischt sich gleich mit dazu, es könnte das alles noch nicht vorbei sein und fortgesetzt werden, sobald ich irgendwann wieder den Friedhof wirklich betrete. Wahrscheinlich hat mich diese Angst in den ganzen Jahrzehnten, seit dem Umzug ins Lager Rudolfsgnad, daran gehindert, die Grabstelle meines Vaters zu besuchen.

Das Erinnerungsbild Gakowas und seines Friedhofs bleibt dasselbe, wie beim letzten Vorbeizug unserer Umzugskolonne zum Bahnhof, an der traurigen, leeren Kirche vorbei, an den starren, ausgehungert hingestreckten Kreuzgassen und vorbei am rostigen Friedhofstor, durch dessen Stäbe die Kreuze auf dem Kalvarienberg zu sehen waren. Vorbei die Wirklichkeit, doch ewig vorhanden der böse Lagertraum, der  Auszug  der  vor  Hunger  und Sorgen starr in die
Ferne sehenden Menschen, der kranken Kinder und Waisen aus der unteren Kreuzgasse, die partout nicht sterben wollten.    

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann immer zuerst an Gakowa und lange nachher an Bereg. Umgekehrt führen die Gedankenwege, welche in Bereg beginnen, nicht automatisch ins Lager, sondern eher nach Apatin, wo die heile Kinderzeit in freiheitlicher Jugenderinnerung fortgesetzt wird. Hätte es nach dem Lager kein Apatin gegeben, ich glaube ich würde nur Angst und Verachtung bei Heimat-Gedanken empfinden.

Ewiger Schatz

Es geschah im ersten kalten Winter,
als nur Mäuse den Hunger gut verwanden.
Vier Massengräber entstanden dort hinter
dem Friedhof, wo sie noch vorhanden.

Wo heute Mais und Weizen schön gedeihen,
wo Kiebitz und Wachtel streiten um den Platz,
da wollen wir nie vergessen, nur verzeihen:
Hier birgt die Erde einen ewigen Schatz,
den wir nicht heben wollen, nie entweihen;
ihm nur Gedenken mit dem einen Satz:
Nehmt diese Helden auf in Euere Reihen!

Vielfach heldenhaft war ihr Verhalten:
Sie blieben, als es leichter war zu gehen,
sie blieben bei den Kindern und den Alten.
Als Männer und Frauen im Tode ausersehen
vor der Welt ein Zeugnis zu führen,
dass ihnen die Rollen der Mütter und Väter
höher standen als politisches Brillieren
derer, denen sie galten als Heimatverräter.

Wahre Helden

Unsere wahren Helden kamen aus der Zeit,
da Hitler siegte noch an vielen Fronten
und wortreich beschwor die Nazi-Einigkeit;
als Donauschwaben ihm nicht folgen konnten.
Sein Begriff des Glaubens stand im Wege
und seine Art auf Erden Gott zu spielen;
zu töten, was nicht arisch überlegen.
was nicht blind gehorchte seinem Willen.

Nicht jeder konnte dem Bösen sich entziehen;
ein Schwabe sagt nicht einmal ja, dann nein.
Angeborener Treue kann niemand entfliehen:
zu spät erkennt er den falschen Verein.

Zu spät die Stimmen, die lautstark warnten
und mutig stritten in der Christenpflicht,
weil sie das Falsche schnell erkannten;
auch ihnen gebührt ein ewiges Ruhmeslicht.
Ihre Stimmen sprühten blitzende Zeichen
aufzuckend in vielen dunklen Nächten .
Nur konnten sie nicht jedermann erreichen
und nicht erretten jedweden Gerechten.

Politische Schuld war noch nie die kleinste;
sie schürt mit in allen Kriegsgewerben
und steht verkleidet in politische Verdienste
nach dem Sieg in Reihen seiner Erben.
Die Warner aber, die guten Propheten,
sie bleiben die Verkannten, Ungeehrten.
werden verleumdet in manchen Pamphleten
und ewig streiten um sie die Gelehrten.        

Bei diesem Kapitel hat Pfarrer Berenz Pate gestanden. Es ist also kein unmittelbarer Eindruck des im Lager, am Rande der Massengräber Erlebten. Dass nachher in der BRD im Ernst jemand den Apatiner Kirchenmenschen verspotten und verleumden würde, hätte ich nie für möglich gehalten - aber selbst in Sindelfingen erlebt.

Schuld an der unaufhörlichen nazistischen Hexenjagd haben die Überlebenden aus den Reihen der "letzten Sieger". Sie sind noch so stark präsent, dass keiner der ehemaligen "passiven Widerständler" den Mut hat, die Flucht aus der Reichstruppe oder das Nicht-Zurückkehren in sie bis zum Herbst l944 wahrheitsgetreu darzustellen. Obwohl die "letzten Sieger" selbst nie oder nur ganz kurz mit der Waffe in der Hand für die Reichsziele kämpften, halten sie Treue oder Untreue zum deutschen Gewehr immer noch als größte Treuebezeugung oder verräterische Handlung zu Volk und Vaterland. Wann wird wohl dieses zwischen l940 und 45 in unserer Batschka stattgefundene Kapitel wahrheitsgetreu aufgearbeitet werden können? Wann werden unsere wahren Helden und ihre Taten richtig erkannt und von unserer sonst so wissenschaftlich genauen Geschichtsforschung richtig dargestellt werden ? Vergeblich meine Aufrechnungen Schwarz auf Weiß und ebenso vergeblich die Toleranztöne der Gegendokumentation. Unsere damaligen "Verführer" wollen nicht zugeben, dass nicht alle dabei waren und dass die von ihnen beeinflussten Ortsbiografien oder ihre Eigenbiografien nicht glaubwürdig ausgefallen sind. Der Leidensweg brauchte 50 Jahre, bis er die volle Wahrheit und nichts als diese der bundesdeutschen Öffentlichkeit aufzeigen konnte. Wie lange wird wohl die Aufarbeitung der 5 Kriegsjahre zur wahrheitsgetreuen Darstellung brauchen ?

 

Lüge darf nicht siegen

Macht und Mittel zum gerechten Urteil,
wer soll sie verteilen und an wen?
Die Wahrheit schafft selten einen Vorteil.
Mit Lügen kann so mancher gut besteh'n.
Dass am Ende nicht die Lüge siegt
ist ein Gesetz in dieser kleinen Welt,
dem unser Tun und Lassen unterliegt,
das der große Richter über uns gestellt.

Vielfältiger -Isten ewiges Wohlgedeihen
findet schon immer dort sein jähes Ende,
wo sie beginnen all das zu entweihen,
was zu Gottesruhm schufen Menschenhände.
Eingenäht und unter Schichten Kalk und Erde,
in Gräbern wie Hauskeller breit und tief,
vergrub die verlogene Lagerbehörde
was nicht nach humanen Normen verlief.

 

Viel später suchten wir die Totenlisten
zur Linderung der Hinterbliebenen-Wunden.
Doch die Beweise der Märtyrer-Christen
waren und blieben für immer verschwunden.

Bei den überparteilich gedachten -Isten hat etwas "Politik aufgespießt" Pate gestanden. Direkten Bezug auf die Lagerzeit gibt es so reichlich, wie auf die Jahre danach in Jugo und Deutschland.
Mutter versuchte bei Gakowa-Besuchen die Totenlisten einzusehen, als sie auf der Kolonisten-Behörde Geburts- und Sterbeurkunden für Vater verlangte - und auch bekam. Von Listen, die über gemeldete Sterbefälle hinaus in der Lagerzeit - von den deutschen Friedhofswärtern - angefertigt wurden, wusste man nichts mehr. Es ist wahrscheinlich, dass im Gemeinde-, Kreis- oder Bezirksarchiv - Gakowa, Sombor, Neusatz - die Totenlisten genauso sorgsam aufbewahrt werden, wie dies die Jugo-Archivare mit jedem Zettelchen aus der Kriegszeit machen.

Glaubensschändung

Es stand ein Kreuz Christi, würdig und rein.
Ein Partisan kam und spuckte es an,
und lief erzürnt ins nächste Haus hinein,
holte eine eisenbewehrte Stange und begann
zu hauen und graben am Fundament.
Die wenigen Gläubigen dies arg bekümmerte.
Sie bezeugten auch des bösen Unholds End'
als das fallende Kreuz ihn zertrümmerte.

Vergebens diese Warnung den Ideologen,
sie tobten weiter, nahmen es nicht wahr,
wie der Glaube, in dem sie einst erzogen,
ihnen abhanden ging für immerdar.
Kirchen, die ihnen im Wege standen,
schändeten sie gemein im Vorübergehen,
stahlen daraus, solange was vorhanden
und machten sie dann zu Volksmuseen.

Sie verschleppten Pfarrer, sperrten Klöster.
Ängstliche Nonnen wurden spöttisch entkleidet.
Die Lager blieben ohne Seelentröster;
wer noch beten konnte wurde beneidet.

Die Kreuzschändung ist eine wahre Begebenheit aus dem reinkatholischen Bereg. Als wir - die Schwabas - weg waren, kam ein auswärtiger Atheist in Versuchung, die ideologisch propagierte Gotteslästerung in einem Exempel dem Volke vorzuführen. Wenn später die misslungene Aktion zur Sprache kam, bekreuzigten sich Erzählende wie Zuhörer gottesfürchtig. Genau wie beschrieben ereignete es sich auf dem Kalvarienberg. Dem Wüstling wurden beide Beine oberhalb dem Knie vom umstürzenden Kreuz abgehauen. Und ein Jahr später verstarb der Täter an den Brandwunden. Ob ihm vielleicht dieses Jahr zur Besinnung und Bekehrung geschenkt worden war?..

Kirchen- und Klosterschändungen gehörten zur Tagesordnung der übereifrigen Neukommunisten. Die erste Stufe war, sie abzusperren, die Gläubigen von ihnen fernzuhalten. Zerbrochene Fensterscheiben, sturmzerstörte Dächer, Regen, Wind, Tauben und Schmutz taten den Rest. Nach Jahren der Verwahrlosung waren solche Gotteshäuser für die Messfeier ungeeignet und standen vor den Alternativen abgerissen oder in Museen umgewandelt zu werden. Beides kam, halbe-halbe zur Anwendung. Z. B. wurde die Gakowaer Kirche abgerissen und jene in Kolut zum "renovierungswürdigen" Volksmuseum erklärt. Die beiden ehemals reindeutschen Gemeinden hatten nun hundertprozentig Kolonisten-Bewohner, hier aus Mazedonien, dort aus der serbischen Krajina. Sosehr den ersten der Abriss gelegen kam, sowenig konnten die letzteren mit einem Kirchenmuseum glücklich werden. Und wenn die "Koluter Ortsgemeinschaft" aus Deutschland nicht durch Spenden geholfen hätten, ihre Heimatkirche hätte letztendlich auch das Schicksal der Gakowaer erfahren. Ob auf diese Art alle Museenkirchen zu halten sein werden oder auch das "demokratische Jugoslawien" mehr tun muss - wenn es dies nach dem Bürgerkrieg kann - wird die Zukunft zeigen.   

Kirchenschwur

Da kam unser mutiger Pater Gruber
und führte uns in ein leeres Gotteshaus.
Die letzten Reste des Glaubens grub er
betend aus verschütteten Seelen aus.
Und wir schwörten der Gottesmutter Treue:
"Für die Errettung aus der Höllenpein
erbauen wir Donauschwaben eine neue
Kirche und werden jährliche Pilger sein."

Der Schwur stand wie ein Felsen im Meer,
gab manchem die Kraft zu überleben;
ihn zu erfüllen fiel nachher nicht schwer,
wir bekamen und konnten gerne geben.
 
Von diesem Ereignis habe ich erst in der Bundesrepublik erfahren, erst als das Haus in Bad Niedernau von den ehemaligen Hodschaker Schwestern eingeweiht wurde. Der Name des Pater-Priesters kam mir aber im Lager zu Gehör, wo Gläubige erzählten, dass bei seiner Messlesung die Kirche immer voll sei. Die Messen, die ich vor und nach ihm besuchte, spiegelten in keiner Weise die Überfülle der Wohnhäuser wieder. Als ehemaliger Ministrant und pflichtbewusst erzogener Christ suchte ich öfter, doch unregelmäßig die Kirche auf. Der Eindruck des überwiegend leeren - oder niemals mehr als zur Hälfte vollen - Gotteshauses, blieb dem Zwölfjährigen fest in Erinnerung und schlug Wurzeln in mancher bitteren MuP-Feststellung.

Noch zu dem letzten Vers: 'Ihn zu erfüllen fiel nachher nicht schwer..'Damit will ich auf diejenigen freiwilligen Spender weisen, die ihre Gabe öffentlich auszuschlachten wussten. Als reiche Bundesbürger und führende Landsmannschafts-Vertreter gaben sie überdurchschnittliche Beträge, die sie moralisch und steuerlich gut abschreiben konnten; bei der Einweihung ganz vorne sitzend und namentlich als Spitzenspender genannt, konnten sie jedem zur Kenntnis geben, dass im schwäbischen Gottesgarten die gleiche Rangordnung wie beim Finanzamt gilt. Manche alte Trägerin der Schwurerfüllung gab die Hälfte ihrer Monatsrente, ohne eine besondere Betonung der Anwesenheit zu erwarten. - Ja, die lautesten Kirchensänger sind eben selten auch die frömmsten Gläubigen.

 

Fluchtversuche

Hunger wog schwer in leichten Herzen,
die nur vage am Lebensfaden hingen;
das Lagerlos brachte immer neue Schmerzen.
Tage und Nächte blieben ein stetes Ringen
um einfachste Mittel zum Weiterleben.
Manche nahmen die Kinder und gingen:
die mutige Flucht hat ihnen Glück gegeben:
jenseits der Grenze wartete neues Beginnen.
Glücklose wurden von Posten gefangen
und kamen zur Strafe in den Lagerkeller.
Dort gab es Hunger, Bibbern und Bangen.
Gefürchtet war die Peitsche der Fragesteller.
Nicht jeder überlebte die böse Tortour:
Gequälte jeden Alters und Geschlechtes
zählten den Schindern als Faschisten nur,
die Zu liquidieren was human Gerechtes.

Über die Flucht aus dem Lager gibt es nicht mehr zu sagen, als in MuP steht. Unsere Zögerung die Flucht anzutreten, selbst als die Last des kranken Vaters nicht mehr vorhanden war, ist durch die Berufung der Mutter in die Lagerbäckerei zu erklären. Dort kannten wir den eigentlichen Hunger nicht mehr, so wie er bei den anderen Lagerleuten ständig mit am Tisch saß. An Maisbrot hatten wir keinen Mangel, weil die letzten Backreste - teilweise verbrannt und zerkrümelt - nie vollständig verteilt wurden. Und solange wir für die Kommandantur das Mischbrot buken, hatten auch die 20 Arbeitskräfte der Bäckerei ihre tägliche Mehlration für eine kräftige Einbrennsuppe. Oder konnten unsere Frauen geschickt aber ausdauernd von dem Schwarzmehl der Schinder soviel die Woche über beiseite schaffen, dass es am Sonntag für je einen mageren Schwarzfladen reichte, der immerhin mehr nach Weizen und Roggen als nach Mais schmeckte. - Kurz, wir Lagerbäcker hungerten nicht. Dass ich dennoch den Lagerhunger physisch spürte, ist auf meine innige Verbundenheit mit den Kindern draußen zurückzuführen. Auch das spätere Bettelngehen mit ihnen ist mit dem gleichen Gefühlsmaß zu messen: Immer genügend Maisbrot und nie ein Stückchen Weizenbrot, erzeugt dieselbe Leere im Magen wie ständiger Hunger und in dessen logischer Folge den Wunsch, endlich durch betteln etwas an dem Zustand zu ändern.

Gewiss gab es in jenen Tagen auch außerhalb des Lagers Hunger, der durch Unfähigkeit und Misswirtschaft der neuen Herren verursacht und von der westlichen Care-Organisation zur Kenntnis genommen war. Die Alliierten wussten, dass in Jugo ihre Siegerfreunde mit den Beutefeldern nicht zurecht kamen und dass sie helfen mussten. Nur von uns wussten sie nichts. Zumindest solange nicht, bis beherzte Priester über Rom unser Elend publik machten. Dennoch fand selten ein Care-Packet zu uns den Weg. Wenn wir Kinder beim Bettelgang eine Konserve oder Schokolade mit englischer Beschriftung zugesteckt bekamen, glaubten wir den Weg ins Paradies entdeckt zu haben. Zumindest merkten wir uns für immer die Richtung, aus der solche guten Dinge den Weg ins Elend nahmen. Und sicher merkten sich die Jugos dasselbe. Ab da begann ihr Kommunismus den Gang nach Osten zu verlangsamen, um im Achtundvierziger ganz nach Westen umzuschwenken.  

 

Die Elternlosen

Am bittersten traf es unsere Kleinen,
die elternlos wurden; allein und verlassen
lebten sie, wie die Aussätzigen, Unreinen
im Staub und Kot der breiten Lagergassen.

Man brachte sie dann in ferne Heime
zusammen mit Waisen der Partisanen
und erstickte jeden Protest im Keime,
wenn sie muckten gegen die Schikanen,
die nur auf eines ausgerichtet waren:
Aus deutschen Kindern solche zu formen,
wie einst die Türken ihre Janitscharen;
jetzt ging es streng nach Titoer Normen.

Wir hörten von ihnen in späteren Zeiten,
da Freiheit uns wurde im Mutterlande,
wie sie der Gesellschaft Kummer bereiten
als Anführer manchen jugendlichen Bande.
Alles gemeine, brutale und schlechte,
das eingepflanzt wurde in Kindernaturen,
trug nun viele Früchte, aber keine Rechte.
Der Balkan zittert endlos vor Türken-Panduren.

Zuerst einmal sah ich in diesen Ärmsten meine Brüder und Schwestern. Die Parallele zu den Janitscharen kam erst dazu durch entsprechende Lektüre. In der Unteren Kreuzgasse, nahe dem Geburtshaus meines Vaters, gab es zwei größere Heime für Elternlose. Da die Waisen kaum mehr Sorge durch die Kommandantur erfuhren als das übrige Lager, doch physisch anfälliger waren, gab es unter ihnen auffälliger mehr Elend. Während z. B. Eltern und Großeltern der übrigen Kinder von Frühjahr bis Herbst in den Arbeitskolonnen vom Hotter manches Obst und Grünzeug ins Lager schleusen konnten - Melonen kommen mir da angenehmst in Erinnerung - gab es für die Lagerwaisen so etwas nicht. Sie hatten niemanden mehr, der ihnen einen persönlichen Vorteil hätte verschaffen können, waren 'allein und verlassen,.. im Staub und Kot der breiten Lagergassen', bis man sie in auswärtige Partisanenheime brachte.

Das war ihre körperliche Rettung aber auch vielfach ihr seelisch-moralisches und nationales Ende. Wenn später einige doch durch das Rote Kreuz zu Verwandten ausgesiedelt werden konnten, waren sie auffällig "schlecht erzogen" und asozial oder kriminell vorprogrammiert. Persönlich sind mir einige entsprechende Fälle bekannt, wo ehemalige Lagerweisen in Ungarn und Deutschland schlimmste Bluttaten begangen. 'Alles gemeine, brutale und schlechte, das eingepflanzt wurde in Kindernaturen, trug nun seine Früchte, aber keine rechte. Der Balkan zittert endlos vor Türken-Panduren.'

Möglicherweise wäre der Bruderkrieg von '91 - von dem jetzt '95 noch kein Ende abzusehen ist - nicht so brutal verlaufen, hätten die Waisenhäuser Titos nicht so viele einseitig atheistisch-materialistische Generationen hervorgebracht und mit ihnen alle Jugo-Republiken und Gesellschaftsschichten verseucht. Ohne Achtung und Ehrgefühl für klassische, moralische, gesellschaftliche Werte, wie Vermögen, Elternhaus und Religion Andersdenkender, schießen sie sich bedenkenlos den Weg zu ihren Wünschen und Zielen frei. Vergeblich die Kriegsverweigerer der gut erzogenen Serben, Kroaten und Muselmanen (Boschniaken), die Janitscharen behalten das Sagen und für alle Zeit die Verantwortung für das, was in diesem scheußlichen Bruderkrieg geschieht. Wer, wie ich, die Waisengeneration der Titoheime kennt, glaubt nicht, dass dieser Krieg eher zu Ende geht, als bis nicht der letzte kommandierende Janitschar gefesselt sein wird.

Eine Lagerschule

Schlimmer als Hunger ist der Raub der Würde.
Mit Raffinesse wurde an Deutschen versucht,
in welcher Tiefe und bei welcher Hürde
der Geschundene wie sein Schinder flucht.

Kultur und Erziehung im Elternhause
sind die Träger jedweder Zivilisation;
im Lager hatten sie eine lange Pause,
genau wie die schulische Institution.
Eine Lehrerin für hundert Kinder,
im Zimmer den übrigen Ställen gleich;
der Wille zum Lernen noch viel minder.
Wer einen Stift hatte, der war reich.

Nur paar Wochen dauerte das ganze
Lernen des Schreibens und des Lesens.
Zwischendurch töteten wir manche Wanze,
doch gegen die Läuse kämpften wir vergebens.
Die Schule war vorbei, kaum hatte sie begonnen.
Die gute Lehrerin gab verzweifelt auf.
Der Traum von Bildung war schnell zerronnen,
das Lagerleben nahm wieder seinen Lauf.      

Von der Lagerschule in der Unteren Kreuzgasse (ost) ist leider weder der Initiator noch der Name der Lehrerin bekannt. Da in unserer hiesigen Dokumentation seither der Schwerpunkt auf der Ansiedlung lag, wurde kaum nach wesentlichen Rahmenereignissen vor und während unserer Verfolgung recherchiert. Der Abgang der Verhinderer einer gründlichen Dokumentation unseres "Leidensweges" hat den Weg zu mancher Aufarbeitung freigegeben, doch für eine exakte Analyse der Apokalypse ist es zu spät. Viele Fakten und Namen haben die pauschale, einheitliche Skizzeneigenschaft der populären Wiedergabe angenommen.

Der Schwerpunkt der Lagerschule ist die Stimmung, die hungernde Schüler in einem vollgepferchten, 'den übrigen Ställen gleichen' Schulraum erzeugen. Ausgehängte Türen auf Holzböcken bildeten die Tische und Traufenbretter auf Ziegelsteinen die Sitzbänke der Kinder, die Schulter an Schulter ruhig dasitzend auffrischen sollten, was sie vor dem Lager unter wesentlich anderen Bedingungen gelernt hatten. Wie daheim saßen Mädchen auf der einen und Buben auf der anderen Seite vor der blassen, jungen Lehrerin und drückten ihre Schreibstummel auf irgendeine Art Papier. Es deucht mir, als ob die Fenster des Raumes geschlossen bleiben mussten, damit unerwünschte Ohren nicht zu früh auf das Schulexperiment aufmerksam werden konnten. Daraus ist auch die Tatsache erklärbar, dass wir außer der armen Schreibhilfe und vielleicht ein-zwei Lesehilfen in Form von Märchenbüchern weder von der Lagerleitung noch von Privatpersonen eine Unterstützung zum Lernen erhalten hatten.

Zu den Folgen des bald abgebrochenen Schulversuches gehörte, dass die deutschen Kinder nach dem Lager, bis zu meinem - dem 14. - Lebensjahr kaum lesen und schreiben konnten. Genau wie ich alles vor dem Lager Gelernte in der Werftschule nachholen musste, taten es die übrigen Altersgenossen in serbokroatischen Schulen, dort wo ihre Familien gerade zwangsverpflichtet waren.

Bettlererfahrung

Wir tobten weiter, draußen - drinnen
und zogen suchend durch die wüsten Gärten.
Am sinnvollsten sahen wir das Beginnen
zu lernen, wie brave Bettler sich ernährten.

Was wir bekamen war nicht immer essbar.
Statt Brot zu geben hetzten manche Hunde.
Vieler Drohung Sinn war uns nicht klar.
Tröstendes gab es nur aus solchem Munde,
der selbst den bitteren Hunger kannte.
Er gab von seinem letzten Brot und Speck,
sagte, dass er die Deutschen Freunde nannte,
und zeigte uns noch den sichersten Weg.

So lernten wir Menschen kennen als Christen,
als raue oder aufgeputschte Ideologen,
als Kolonisten, Materialisten, Atheisten,
die alle vordem in unsere Häuser zogen,
da sie Günstlinge der Partei, Partisanen
und Kämpfer der großen Weltrevolution;
freigiebige Hände und böse Schikanen,
Gutes und Schlechtes in gleicher Ration.

Es gibt einer gerne, was er selbst bekommen,
trennt sich lieber vom Lohn der Arbeit,
als von dem, das er anderen weggenommen.
je ärmer, je eher zum Geben bereit.
Bettlerfreude war ein kurzlebiges Vergnügen,
Bettelsäcke gaben eine auffällige Gestalt.
Die Posten konnten wir nicht gut belügen,
wenn sie aus der Nacht schmetterten HALT.

Was wir als arme Bettler bekamen,
was nur der Scham und Unwürde Lohn;
unmenschliche Wachen es uns wieder nahmen
und jagten uns wie gemeine Diebe davon.

Zu dem beschämenden Bettlerleben ist zu sagen, dass es in MuP ausführlich beschrieben wurde und hier nur Stichworte das Wesentliche wiederholten. In Gakowa schloss ich mich aus Solidarität und Kameradschaftlichkeit zweimal den Bettelgruppen an. In Rudolfsgnad geschah es einmal; doch dort aus nacktem Hunger, und lernte so am eigenen Leibe das ganze Ausmaß von Freude bei guten und Scham bei bösen Menschen kennen.

Es war grundsätzlich nicht leicht was Essbares zu bekommen, da nach drei erntearmen, d. h. schlecht "geplanten" Wirtschaftsjahren die Nachfolger auf unseren Feldern selbst nicht viel zu essen hatten. Sie hungerten nicht wie wir, weil sie bei den alteingesessenen Nachbarn das Nötigste stehlen konnten. Als Reaktion darauf verschlossen dann manche Gutherzige die Tore auch vor den Bettlern, weil sie schon genug "gegeben" hatten. Die zu Rudolfsgnad am nächsten gelegene Dörfer wurden zuletzt von den Bettelkolonnen vergeblich durchkämmt. Wer nicht mit leerem Rucksack ins Lager zurück wollte, musste auch die bewachte Theißbrücke überqueren und in weiter abgelegenen Batschkadörfern sein Glück versuchen.

Unvergessen bleibt mir eine nächtliche Rückkehr über die Theiß mit beglückender Schwere im Bettelsack. An den unteren Stahlstreben der Titeler Brücke hängend mussten wir uns lautlos von einem Ufer zum anderen wuchten. Oben patrouillierte der Posten und unten zog das fließende Wasser 5 m in die Tiefe. Nach einem ermüdenden Tag konnte da ein zu schwerer Rucksack schnell zu einem dramatischen Bettelende führen. - Jedenfalls waren die drei Monate Rudolfsgnad eine Belastungsprobe, die ich fast nicht bestanden hätte.  

Sklavenhandel

Die Posten waren und blieben die Diebe;
mit Gewalt nahmen sie, was sie brauchten.
Wenn sie nichts fanden, prasselten Hiebe.
So machten es Gemeine und so die erlauchten
Lagerbosse aus Büro und Verwaltung.
So standen ihnen die Siegerrollen gut.
Sie zogen aus allem Nutzen, Unterhaltung,
und grenzenlos war oft ihr Übermut.

Aus gemeinem Spaß wurde ernster Handel.
Mit Menschenware noch im Arbeitsalter,
kam in leere Kassen schnell ein Wandel.
Versteigerer wurden die Gassenverwalter.

Und die Käufer waren freie Bauern,
die für den Hof eine Hilfe gut bezahlten.
Zurückbleibende brauchten nicht zu trauern,
sie konnten von draußen manche Hilfe erwarten.
Hilfe in Essen, Seife oder Kleidung
und sonst was Bauern noch zu teilen hatten.
Für uns war es letzte Lebensentscheidung,
weil der Stern der Sieger begann zu ermatten. 

In Erinnerung kommt mir beim Sklavenhandel der "Gassenkommandant" unserer Oberen Kreuzgasse (wo wir bei den Bajak-Verwandten die ersten vier Lagermonate untergekommen waren, bevor Mutter die Bäckereistelle bekam). Der gute Mensch wohnte noch in seinem eigenen Hause und hatte, neben der Vertrauensarbeit als Aufsichtsperson seiner Gasse, noch manche Vermittlerrolle für die Kommandantur oder die Partisanen inne. Alles machte er für die Beteiligten so vorbildlich, dass ihn Verwaltung wie Lagerleute sehr schätzten. Besonders als Vermittler der Sklaven verdient er ein doppeltes Lob, indem er meistens den richtigen Sklaven zum richtigen Bauern vermittelte.

Das ging so vor sich: Bei den täglichen Appellen der "noch Arbeitsfähigen" im Rathaushof, woher der relativ kleine Gakowaer Hotter (der große Hotter-Zukauf war den umliegenden Gemeinden zurück-gegeben worden) mit Arbeitskräften versorgt wurde, durfte sich auch mancher Bauer aus Bezdan, Monostor, Rastinja, Legin/Ridjica, Bereg und anderer Somborer Kreisgemeinden eine Hilfe aussuchen. Unter den Angetretenen Tagelöhnern für Gotteslohn waren weniger arbeitsfähige Männer als Mädchen und Frauen zwischen 18 und 50 Jahren. Sofern die Ausgesuchten Kleinkinder oder Kranke zu versorgen hatten, konnten sie sich dem auswärtigen Bauern verweigern. Bei dem meist quälenden Hin-und-Her wusste unser guter Gassenkommandant oft dahingehend zu vermitteln, dass der Bauer auch die bedürftigen Anhängsel "seiner" Sklavin übernahm. Er selbst als ca. 60 Jahre alter Gakowaer kannte viele der Sklavenkäufer  und ihre Wirtschaft. Eine Portion Menschenkenntnis kam dazu, ein kurzes Nicken oder Schütteln mit dem Kopf - und schon klappte der Handel zur Zufriedenheit aller.

Bei der täglichen Brotausgabe in unserer Bäckerei wurde manches Loblied über den Vermittler, manche Rettungstat durch ihn und seine "Kaufverträge" zum besten gegeben. Auch von Dauerverbindungen - heimlicher Heiraten - zwischen Freien und Lager-Leuten wurde, wie  von Höhepunkten geglückter Vermittlung, berichtet. Da ich jedoch als Kind derlei Dinge nur nebenbei zur Kenntnis nahm, habe ich sie in MuP nur oberflächlich beschrieben.

Das mit dem ermattenden Siegerstern ist durch die beginnende Schaukelpolitik Jugoslawiens zu erklären, das sich vom siegreichen Stalin losgesagt hatte, noch bevor der Kontakt zum Westen Früchte getragen hätte. Einige Jahre lang ging es Jugoslawien wirtschaftlich schlechter, als allen Kommintern-Staaten. Der noch im Krieg begonnene Kreuzzug "Bitka za zetvu"/ "Der Kampf um die Ernte" war in Wirklichkeit ein Feldzug gegen sie, da dabei mehr ihre Vernichtung als Rettung geübt wurde. Und was die Partisanen so fleißig übten, beherrschten sie nachher am besten. Statt sich die "Kornkammer" dienstbar zu machen, zerstörten sie sie systematisch. Um nicht zu verhungern, musste man sich dem Westen und seiner "umfassenden Hilfe" öffnen. Was später als gelungene Schaukelpolitik Titos gepriesen wurde, war die Flucht vor der zerstörten Substanz an wirtschaftlichem und menschlichem Potential durch die Enteignungs- und Vertreibungsmaßnahmen gegen uns.

Partisanenwirtschaft

Denn wie Nahrung wird, hatten sie vergessen.
Bald zog in Beutehäuser Kolchosehunger ein.
Rote Sterne konnten sie nicht gut essen.
Auch das konnten sie uns nicht verzeih'n.
Die Schwabas hatten Schuld, wie es auch kam.
Sie hatten nicht verraten, was sie machten,
damit Kühe viel Milch gaben und Rahm,
und nebenbei noch guten Mist erbrachten.

Die Vertreiber suchten Heil in den Kolchosen,
nach Brüderchen Russlands Muster getreu;
doch Erfolg gab es nur in eitlen Posen.
Sie machten alte Fehler wieder neu.
Fabriken verstaatlicht, ihre Leitung verteilt,
das nannten sie stolz Selbstverwaltung.
Erfüllte Normen, ohne dass man sich beeilt,
war keine Gewähr zur Betriebserhaltung.      

Zufällig mit diesem Teil des LvÜ wurde die "Sünde am Brot" veröffentlicht. Es war der negative Zauber unserer Ebene, dass sie bei Kriegsende auch zu den Verlierern zählte. Sie hatte sich auf unsere Seite geschlagen, und solange wir unwürdig behandelt wurden, gab sie den Siegern kein Brot. Die allumfassende Vertreibung hatte eine ebensolche voll-ständige Not zur Folge. Nur was die andersnationalen  "Kulaken" - Schokatzen, Magyaren, Russinen - nach Altväterart dennoch dem Boden abrangen, hatte der Südosten, um es übers Land zu verteilen. Die Überschüsse der Deutschen fehlten, so konnten nicht, wie früher, die Gebirgsgegenden der Serben, Montenegriner und Boschniaken miternährt werden.

Auch naturbiologisch ist das leicht zu erklären: Was die schwarze, fette Erde des Tieflandes bei guter Bearbeitung an Nützlichem hervorbringt, gibt sie bei ungenügender Arbeit an Unkraut von sich. Die neuen Besitzer standen fassungslos vor soviel "schlechter" Ernte. Nachdem sie Jahr um Jahr immer weniger zu Essen hatten, gaben viele die Landwirtschaft auf oder kehrten der Beutewirtschaft ganz den Rücken und gingen in ihre Berge zurück. Von meinem Bereger Schulfreund, Ivo Gorjanac, weiß ich, dass er auch die Lagerzeit über auf dem väterlichen Feld befriedigende Erträge einfuhr, während die Koluter Zadruga Mühe hatte ihre Mitglieder und die riesige Verwaltung zu ernähren. Die Brigadiers mussten sich nachts heimlich aus den Silos selbst versorgen. Von einer Ablieferung des "visak/Überschusses" konnte keine Rede sein.

So nagte das Land Titos vor aller Welt am Hungertuch - etwa bis 1948, bis die Schaukelhilfe der Amis kam. Die schnell in allen Städten aus dem Boden schießenden "Amerikahäuser" waren mehr als Zugeständnisse an die "verruchten Kapitalisten". Es waren Brückenköpfe der Freiheit, die beim Sieg über den Kommunismus eine wichtige Rolle spielen sollten.

 

Hoffnung im Frühling

So zeigte sich bald überall Katzenjammer.
Mit Saboteuren wurden neue Lager gefüllt.
Man rief nach dem Retter, von Westen kam er
mit Konserven bepackt, in Dollars gehüllt.

Das brachte Hoffnung auch den Schwabenlagern
in Gakowa, Jarek und Rudolfsgnad,
da wo die Suppen am längsten mager;
wo Besserung kam nur von Bewachergnad
und fiel wie eine Träne auf heißen Stein,
wenn sie heimlich in der Nacht vergossen.
Noch kam der Tod zu Groß und Klein;
seine Bilanz war nicht abgeschlossen.

Auch Oma konnte die Rettung nicht erleben.
Nach drei Hungerjahren versagte ihre Kraft.
Kein Hoffen konnte sie vom Stroh erheben,
und sie wurde ins Massengrab geschafft...

Der letzte Frühling im Lager begann und
entfachte helleres Licht in unseren Herzen.
Neue Hoffnung machte sie langsam gesund:
Wir konnten bald wieder lachen und scherzen.
Die Größten probten das Singen und Tanzen
und das Spiel der zwei reifen Geschlechter.
Magere Burschen machten schöne Avancen
ihren blassen Mädchen vor Augen der Wächter.

Die schauten böse zu oder auch weg,
zürnend der Schwabenbrut, die noch am Leben.
Am liebsten sahen sie sie tief im Dreck
und die Letzten dem Henker übergeben.

Die mildere Version der Schlussstrophe lautet 'Die schauten amüsiert zu oder auch weg/ und benahmen sich zuletzt wie verwandelt./ Manche teilten mit uns Brot und Speck,/ bei anderen wurde Schmuggelgut gehandelt'. - Das heißt, dass es in Rudolfsgnad zuletzt auch solche Partisanen-Posten gab. Sie hatten offen-sichtlich auch genug Leid und Qual erlebt und atmeten erleichtert auf, als sich Gerüchte zur Auflösung der Lager verdichteten.

Die Überstellung, d. h. Verfrachtung unseres Gakowaer Lagerrestes nach Rudolfsgnad, drei Monate vor der Entlassung, wäre auch eines Verswortes wert gewesen. Es unterblieb, genau wie alle weiteren Geschehnisse im Trennungsbereich Gakowa - Rudolf, und kann im Nachhinein nur kurz und sozusagen prosaisch erklärt werden.

Als der Umzugsbefehl kam, hatte das Leben in unserer, der letzten noch verbliebenen Lager(Stein-) Bäckerei einen Trott erreicht, der es noch auf Jahre hinaus gesichert hätte. Jeder und jede von uns hatte sich in den 3 Internierungsjahren in sein Los gefügt, so gut es ging, den Seinen eine Überlebensstrategie zurechtgezimmert und sich zwischen den Alternativen Flucht - Hoffnung mit Ausharren endgültig für die letzte entschieden. Und dieses unser Hoffen war im Winter 47/48 eine tiefe, dumpfe Ahnung, dass wir nicht mehr flüchten müssten.

Die plötzliche Umsiedelung nach Rudolf schien die Ahnung zu bestätigen: Das Warten hatte sich gelohnt, dachten wir. Mutter und Großmutter blühten auf, denn es ging ja mit Gakowa zu Ende. Zuerst noch ein Abstecher in ein anderes Lager - und dann nach hause! Aber unsere Hoffnung wurde - zum wievielten Mahle schon? - mehr als enttäuscht. Im "neuen" Lager merkten wir bald, dass es wesentlich schlimmer war, als das Gakowaer mit seinem Bäckereileben und der nahen ungarischen Grenze. Knicanin war uns die wahre Hölle der Vernichtung und Verbrennung des letzten Restes an Menschlichkeit. Hier gab es nur noch ein dumpfes Dösen auf faulen Strohresten und Lumpen, in Verzweiflung und Resignation.

Großmutter legte sich hin, kränkelte drei Tage lang und Starb. Als Mutter ihren Leichnam wusch und zum sorglosen Abtransport in ein Leintuch nähte, sah sie die Wunde am Oberschenkel, die wie ein Rattenbiss aussah und als solcher auch von den erfahrenen Zimmernachbarn erkannt wurde. Der allmorgendlich an den Häuserruinen vorbeifahrende Totenkarren nahm die Oma mit und brachte sie zum Massengrab auf der "Teletschka". Ob sie dort ein priesterliches Begräbnis bekam, weiß ich nicht, denn keiner von unserer Restfamilie hatte die Kraft der Beerdigung beizuwohnen.

Rettung an Ostern  

So kam Ostern neunzehnachtundvierzig;
mit Bangen und Hoffen stark wie nie.
Das Treiben der Posten wurde hitzig.
Und wir blieben wach bis in die Früh.
UND DANN GING DIE SONNE AUF
UND WIR WAREN NOCH AM LEBEN.
Wer glaubte noch solchem Schicksalslauf,
in dem sich die Toten neu erheben!

Wir fühlten das Leben, wir waren frei.
Vom Dorfrand waren die Posten gewichen.
Für sie war die Tortour auch vorbei.
Sie haben sich nach hause geschlichen.
(Nachher trafen wir manche von ihnen
und spürten keine Wiedersehensfreuden.
Wir grüßten einander mit starren Mienen;
innerlich begannen sie uns zu beneiden).
Wir waren nun diejenigen mit den Papieren,
das hieß Zetteln, auf denen irgendwas stand.
Sie mussten der strengen Partei parieren
und waren Genossen im Kämpferverband,
mit Aufmärschen und Arbeitsaktionen
und Versammlungen an Wochenenden.
Wir hatten die offenen Pretentionen,
sie die Schwielen an den Händen.

Das gab den Schwabenhassern keinen Frieden.
Sie dachten sich neue Schikanen aus,
mit denen sie eher als wir zufrieden:
Wir waren frei, aber durften nicht nach Haus.                             
  
Die Rettung ist genau so gekommen, wie beschrieben. Eine - unsere - aufgehende Sonne, die neues Leben brachte in solcher Menge, dass wir auch nach Jahrzehnten genug davon haben.

Erlebnisberichte sind sehr in Mode. Um nicht ganz im Modeeinerlei unterzugehen, bekam mein "Überleben" diese Form. Zum "Lied" im Titel wurde ich im Sommer 91, in der Ludwigsburger Bücherei, animiert, als mir Michael Endes "Lieder" in die Hände fielen: Balladen vom Sing-Sang-Rhythmus getragen, so wie er auch in der Endlosen Geschichte spürbar ist, nur geraffter. Was ich da in Kömpöc begann, sollte so ein endloses Lied werden, das für sich bestehen kann und MuP einen Lyrischen Rahmen schafft. Bild und Rahmen sollten eine Einheit werden und aus der Zeitungs-Prosa und -Lyrik DAS Überlebensepos machen.  

Zwangsarbeit            

Auf unsere Zettel kam ein Vermerk,
wo wir uns alsbald melden mussten:
Im Pantschowaer Ried oder im Bergwerk,
da wo man eben werkte mit Verlusten.
Wieder fanden wir uns in Kolonnen,
die mit Wachen zogen über das Land,
und lernten neue proletarische Wonnen
der Kollektive, die ihr großer Lenin erfand.

Hoch im Banat, o Gott, für uns weit,
hielt der Zug mit den Arbeitssklaven,
und wir bekamen die Wahl der Freiheit
auf "Traxlers" oder "Mumpers" Gut zu schaffen.
Lange ließen wir die Blicke schweifen,
im großen Gut bei der ersten Rast.
So etwas konnten wir nicht begreifen:
Auf dem freien Felde ein Bauernpalast.
Das Lebenswerk eines Mannes der Tat,
aus guter Wirtschaft mit glücklicher Hand.
Komfort, den nur ein reicher Städter hat,
wenn er Nutzen mit Lebenskultur verband,
umgeben von herrlicher, weiter Ebene.

Noch nie sah ich sie schöner, größer,
die von Gottes Großmut den Menschen gegebene;
allein ihr Anblick machte unsere Lage besser.
Sie bot sich den Augen mit überreichen Gaben
des Schöpfers, der seine Kinder Liebte,
damit sie wohl niemals Hunger haben
und ihr Leben sich nicht mehr trübte.
Für ihr Scheitern hatte sie keine Schuld
und trug nun die Folgen mit Geduld.
Das viele Unkraut im modrigen Ernterest,
war ein letztes endloses Trauerfest.

Groß war der Unterschied zwischen jenen Vieh-Waggons, die uns nach Rudolf brachten und denen des Zuges ins Oberbanat: Die ersteren alt, schmutzig vom letzten Viehtransport, die letzten fast wohl-riechend, weil nur für frisches Erntegut verwendet. Das Gedränge war in beiden gleich, die Bewachung in den Banatern aber kaum auffällig. Ans Abspringen dachte jedoch auch jetzt keiner. Jeder schaute durch die einen Spalt bis halbmeter breit geöffnete Schiebetür in die zum Greifen nahe Freiheit und wartete gespannt, wie sie sich wohl darbieten würde - im Ziel des "Staatsgutes".

Diese waren, nach dem Krieg, in größeren Zusammenhängen entstanden, als in der an Sanddünen und Kanälen reichen Batschka. Das Banat ist freiflächiger und überschaubarer und hatte schon immer mehr Großgüter, die jetzt enteignet und, eins zu eins, in Kolchosen umgewandelt werden konnten. Die Umwandlung betraf, natürlich, nicht nur die deutschen Güter: Der uns nachfolgende Transport zwangsverpflichteter Lagerleute hatte das Budisch-Gut eines serbischen Großbesitzers zum Ziel. Dort, genau wie bei Traxler und Mumper fehlten aber Arbeitskräfte, die etwas von Bodenbebauung verstanden.

Die Kolonisten aus der Lika und dem Kordun waren schon mit ihren Kleinwirtschaften überfordert, Auf dem Großgut versagten sie restlos. Nun waren die Schwabas gefordert, aus den modernden Ernteresten zu retten was noch gerettet werden konnte. Und unsere Menschen taten buchstäblich ihr Bestes. Im ersten Jahr holten sie die Nachlässigkeit auf, im zweiten konnte der Anbauzyklus normal beginnen.

Dass heißt, er hätte normal beginnen können, wenn die landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte noch vorhanden gewesen wären. Gestohlen, zerlegt, rostend waren sie während der Lagerjahre dem Gut verloren gegangen. Ein Mensch kann leicht 5 Joch Feld bearbeiten, doch vervielfältigen lässt sich seine Leistung nicht: Für die 500 Joch wäre mehr Leistung und Energie als die von unseren hundert Menschen erforderlich gewesen. Irgendwo beim Fünftel davon liegt die Grenze für bäuerliche Handarbeit, ganz gleich wie viele Hände eine Hacke oder Scharre ins Maisfeld oder in den Kartoffelacker mitnehmen.

Die hundert Schwaben hätten aber auch tausend Joch bearbeitet, wären ihnen die Großpflüge, Säh- und Mähmaschinen belassen worden, über die das Großgut vordem verfügte. Mensch wie Maschine waren hier gleichermaßen auf einander angewiesen. Als sie nicht mehr verhältnismäßig zusammenwirkten, kamen solche Fehlernten zustande, wie wir sie nach dem Lager antrafen - und wie sie das Banat noch in den 70er Jahren aufwies. Vergeblich die  großflächige  Bebauung, wenn kein begleitendes,

 

beobachtendes Auge aufmerksam die Furchen überwacht, die Rüben nicht vereinzelt, die Kartoffeln nicht rechtzeitig und sorgfältig erntet, für Wechsel-Anbau in den verschiedenen Lagen sorgt.

Nur in Ungarn wurde auf den Nachkriegsgütern der Rakosi-Kolchosen eine gewachsene Bauernerfahrung beibehalten, die Kommunisten in Rumänien und Jugoslawien glaubten darauf verzichten zu können. So konnten die ersteren die Kollektivwirtschaft ohne Hunger überstehen und, nach einem Jahrzehnt, ohne größeren volkswirtschaftlichen Schaden zur  Reprivatisierung zurückkehren. Die letzteren schafften weder mit Selbstverwaltung, noch mit kapitalistischen Reformen die radikalen Fehlplanungen der Nach-Kriegsjahre wieder gut zu machen. Vergeblich die Suche nach der Schuld bei anderen: "... i nemci i turci/ die Deutschen und Türken zerstörten unser Land", wie es in einem vielgesendeten serbischen Lied heißt. Ihre sogen. permanente Revolution hat das reiche Tiefland zerstört, es in einen Grad der Unproduktivität geführt, die weder Volldüngung noch Vollmechanisierung ausgleichen können.

Die Mitschuld

Häuser mit Erkern, Türmen und Palisaden,
mit Zimmerfluchten für gesellige Freuden,
mit Pferdeställen unter den Arkaden
und Dienstboten in eigenen Gebäuden.
Mit Küchen für alle Tag und zum Festen,
Klo und Bad für Mann und Frau getrennt.
Überall vom Feinsten wie vom Besten;
alles was denkbar unter dem Firmament.

Auch unsere Batschka hatte ihre Reichen,
die große Gutshäuser zum Prunk erbauten.
Den Banater Pomp konnten sie nicht erreichen,
den wir Achtundvierzig baff bestaunten.

Hier wäre der Platz Bilanz zu ziehen
zwischen Soll und Haben, Denen, Jenen,
was den Schwabenhass brachte zum Glühen;
wie er entstand aus schlechtem Benehmen
und manchem Auswuchs in unserem Bauernstand.
Die Mehrheit blieb fleißig und bescheiden.
Wenige waren es, die mit eigener Hand
nichts mehr arbeiteten, lebten wie Heiden.
Ihr Benehmen war alles andere als gut
und oft eine Schande für unser Land,
da es sträflichen, dummen Übermut
mit Verachtung der Mitmenschen verband.

Lange wäre die Liste der Vergehen
solcher Reichen gegen die Zehn Gebote.
Doch ich bin nicht dazu ausersehen
zu rechten und richten als Gottesbote.
Nur ein einziges Recht will ich mir nehmen:
zu zeigen, dass wir nicht nur fleißig waren,
sondern auch taten, wessen wir uns schämen.
Verzeihung - im Namen unserer Barbaren.

Ein Kapitel voller Emotion für beide Seiten. Als sie uns vertrieben, kramten sie jedes kleinste nachteilige Ereignis aus ihrer nationalistisch befangenen Erinnerung.

Natürlich stimmte nur das Wenigste von dem, was sie uns vorwarfen - uns, ihren Nachbarn und Arbeitgebern, mit und von denen sie bis dahin nicht schlecht lebten. Nur ein Beispiel aus Bereger Nachbarschaft:

Adam Cousin, der Dachdecker, hatte zehn Kinder aus zwei Ehen zu ernähren. Tag und Nacht hatten nicht genug Stunden, dass er, selbst bei pausenloser   Arbeit rund um die Uhr, seine große Familie hätte versorgen können. Brav und sittsam lieferte er sein Verdienst Zuhause ab, wenn er einen Auftrag beendete. Doch dableiben und mitessen, durfte er nicht. Auch nicht vom kargen Wohnplatz etwas für sich beanspruchen. Grundsätzlich aß und schlief er bei den schwäbischen Auftraggebern, bei denen er als Erneuerer ihrer Dächer beliebt war. Allerlei Kleidung, Geschlachtetes, Überflüssiges aus reichen Haushalten wanderte als Lohnzugabe in seinen armen Hausstand. Und er, der perfekt unsere Sprache benutzte, wurde einer der großen Mitverlierer bei unserer Vertreibung.

Dennoch, auch er wusste eine ganze Litanei von unschönen Erlebnissen aus seiner Arbeit bei den Reichen Schwaben zum Besten zu geben. In Gakowa, seinem bevorzugten Tätigkeitsfeld, blühte, zugegeben, der Reichtumsdünkel so stark, dass die Triangelhäuser ihre Gassenfronten um die Wette mit teuerstem, echtem Marmor verkleideten. Hochmut und Stolz hinderten oft, fremden Grüßenden zu antworten. Auf Tanzveranstaltungen saßen die verzogenen Töchter lieber den ganzen Abend neben der Mutter, als dass sie ein Tänzchen mit einem nichtstandesgemäßen Burschen wagten. Bettler gingen bei vielen Reichen leer aus, und der Beresch auf dem Prunksalasch musste die Hühnerschar der Hausherrin jedes Mal genau vorzählen.

In der friedlichsten, geruhsam-wohlhabendsten Zeit vor der Vertreibung bekam ein Fremder beim Besuch des Ortes leicht Platzangst, da er die erste Begegnung fürchten musste: Würde man ihm zurückgrüßen, ihn mit spöttischen Bemerkungen empfangen, an seinem Aussehen, Wagen oder Gespann was auszusetzen haben, weil es fremdartig ist; oder ihm gar zum zigsten Mal vorwerfen, dass er damals ein großes Sakrileg beging, als er aus dem voll-kommenden, reindeutschen Ort in einen verschlampten, gemischtnationalen wegheiratete. Demütigender Spott oder Meidung wie die Pest war der Lohn für eine Übertretung der ungeschriebenen materiellen, kulturellen, religiösen und nationalen Gesetze dieses reindeutschen Ortes. Nicht rein hieß zugleich unrein, unwert weil unterständisch. - Und der Ratz Adam wusste von dem allem aus erster Hand zu berichten.

Als es hieß, alle Reindeutschen unterstützten die Kampfeskapaden Hitlers, da schickten die stolzesten Bauern ihre Söhne als erste zur SS, d. h. in den sicheren Tod. Als sie fielen, kam die Erkenntnis der Schuld an ihrem Tod - zu spät. Doch nicht zu spät kam das Lager, um den letzten Rest des Hochmutes hinweg zu fegen. Schnell wurden alle fast gleich fromme Christenmenschen, die im Lagerschicksal eine Art Strafexpedition der himmlischen Heerscharen fürchteten, da ihnen die Rollen der Schutzengel unzumutbar geworden waren. Schon im Lager und noch mehr als es vorbei war, schienen auch alle unschönen Charaktereigenschaften der Donauschwaben vorbei und weggewischt, als ob es sie nie gegeben hätte.

Im Bauernpalast

Wo waren jetzt die Herren der Paläste?
Ein paar fremde Knechte und Dienstboten
beäugten scheu die zerlumpten Schwabenreste,
die alles, nur keinen guten Anblick boten.
Wir saßen im Hof und hatten keine Eile.
Ein Verwalter kam und führte uns nach innen,
durch eine lange, leere Zimmerzeile;
das war schon ein hoffnungsvolles Beginnen.

Überall noch die Tapeten an den Wänden.
Sie verrieten, wie einst die Herrschaft wohnte,
wo sie verwöhnt wurde von fleißigen Händen
der Dienerschaft, die tat, was sie konnte.
So schön sah unser neues Lager aus,
dass wir lange nicht frei atmen konnten.
Hier fühlten wir uns nicht so bald zuhaus;
sie irrten, die dachten, dass sie uns belohnten.

Jeder Familienrest bekam ein eigenes Zimmer
und richtete sich ein auf blankem Parkett.
Nur wir dreie hatten es ein Grad schlimmer,
wir kamen ins Bad mit der Wanne als Bett.
Hier zu wohnen - ein besonderes Vergnügen,
überhaupt wen es schön sauber gehalten.
Dass es mir gefiel, ich müsste lügen,
wie amüsant einen WC und Bidet unterhalten.

Lange nicht benutzt, hatten sie keine Gerüche
und waren auch nicht mehr betriebsbereit.
Dennoch aßen wir immer in der Küche;
Mutter, Bruder, ich, in trauter Einigkeit,
die täglich nur wenige Minuten währte.
Sonst war eines jeden Tageslauf Arbeit;
auch Brüderchen tat, was ihm keiner verwehrte.

Das Innere des Bauernpalastes prägte sich mir ein, wie der erste Eintritt in die Räume des Vatikan. Unvorstellbar eindrucksvoll waren die Seidentapeten im ehemaligen Schlafzimmer der Herrschaft. Und ebenso das Bad, das in einer hellen Farbe gekachelt, uns als bevorzugter Wohnraum zugewiesen wurde. Es war ca. 3x5 Quadrat groß und hatte eine riesige, halb im Boden eingelassene Kachelwanne. Waschbecken und WC waren durch eine dünne Trennwand, ohne Türe, vom übrigen Raum abgeteilt. An eine Dusche erinnere ich mich nicht. Diese Art von Baden im Stehen, bei der man die Körperteile wie Schaustücke dem Wasserstrahl hinhalten musste, kannte ich noch nicht; ebenso wenig ihre baldige Rolle bei manchen Entlausungsaktionen in den Tito-Internaten. Doch sei dem wie es will - ich kenne bis zum heutigen Tag keinen Bauern, der gerne duscht.

Dass keine "Gerüche" mehr in unserer Wohnung vorhanden waren, ist eine Wunschvorstellung aus heutiger Sicht. Die nach der Vertreibung der hohen Herrschaft eingedrungenen Vandalen, ließen sehr wohl ihre Visitenkarten überall zurück. Doch nach einer gründlichen Reinigung und nach dem Abstellen sämtlicher tropfender und defekter Leitungen, schien uns der Gestank auch verschwunden.

Wie es sich in der Wanne schlief, weiß ich nicht mehr. Ungeziefer muss es wohl weniger als in normalen Betten gegeben haben, denn sie verhielten sich gesittet und ließen mir meine Ruhe. Diese hatten wir alle drei nötig. Die Tage waren restlos angefüllt mit Pflicht und Arbeit - Zwangsarbeit eben -, die für alle Zeit diesem halbfreien Zustand den Namen gab. Die immensen Versäumnisse auf dem Gut verlangten mehr als nur Routinearbeit. So eine riesige Sanierung konnten die neuen Herren nur mit den Schwaben versuchen.                                  

Die Gutsbrigade

Unsere Gutsbrigade, etwa hundert Deutsche,
erledigte ohne Murren ihre Tagespflichten.
Vorbei war die Zeit von Hass und Peitsche.
Hier wollte uns keiner mehr vernichten.
Nur das Essen war noch reichlich knapp,
denn wir schämten uns dazu zu stehlen.
Mit Titos Wirtschaft ging es steil bergab,
auch wenn der Westen stützte den Rebellen.

Schuld hatten die vielen Arbeitskollektive,
die kaum taten, was sie dringend mussten;
und so manche schöpferische Initiative
wurde vergeudet im Kampf mit den Verlusten.
Ein Land, das einst als Kornkammer galt,
und leicht fremde Völker mit ernährte;
jetzt hatte es, nicht gegen brache Gewalt,
was der Hunger seiner Bürger begehrte.

Da kann der Schwabe nichts mehr machen,
weil er vertrieben von der eigenen Scholle.
Er kann noch vielleicht heimlich lachen,
aber im Traume nicht mehr, was er wolle.                                   

Über die Feldarbeit unserer "Gutsbrigade" gibt es nur Geläufiges zu berichten: Wie sie Brachen sanierte, überfällige Resternten einbrachte, neue Saaten vorbereitete, usw. Wir Jüngeren hatten dazu noch die Pferdeställe zu betreuen. Das aber nicht regelmäßig, weil es für diese Arbeit noch ein paar Betreuer von früher gab.

Bei allen Gutsherren war die Stallarbeit zuerst den anderen Nationen vorbehalten. Erst wenn nicht genügend "geeigneter" Knechte bei den anderen zu finden waren, rekrutierten sie sich aus deutschen Reihen. Da die auf dem Gut verbliebenen raitzischen und ungarischen Stallmenschen bei der Austreibung nicht unangenehm auffielen, konnten sie bleiben und nun die "Logoraschi" in Stallarbeit anleiten.

Was meine Person angeht, so ist mir auf sie bezogen keine Brigadenarbeit in Erinnerung. Aber auch keine andersartige Zwangsarbeit. Genau wie die übrigen Jungen meines Jahrgangs, hatte ich Zeit, stunden-lang in der Umgebung herumzustromern. Einige Male versuchten wir, nach Art der Lagerschule, schmackhaftes Essen zu organisieren. Wir gingen in slawischen Nachbarorten zu den Bauern und verlangten nach "etwas Essbarem". Bekamen es auch. Doch die großen Augen der Geber trieb uns die Schamröte ins Gesicht, denn wir merkten bald, dass sie nicht mehr hatten, als wir auf dem Gut. Und wir unterließen es, die schwäbische Armut und Bettel-Schande in die Welt zu posaunen.

Meine Strophe "reichlich knapp" bezieht sich demnach nicht nur auf das Essen der Zwangsarbeiter. Das gesamte zwangsbewirtschaftete Tito-Reich begann unter Knappheit zu stöhnen. Unser Mangel wurde  noch dadurch verschärft, dass wir keine Zeit zum Kochen hatten und auf den Fraß aus der Gutsküche angewiesen waren. Dies genau wie die übrigen, andersnationalen Arbeiter, die in der Kolchose auf das Paradies des Weltkommunismus vorbereitet wurden.    

Zauber des Schwaben

Jetzt kämen Hände des Schwaben gut,
die Pferde nur zu streicheln brauchten,
und schon zogen diese willig im Übermut,
dass ihre starken, runden Leiber rauchten.
Der Zauberblick glitt über das Feld,
noch bevor der Morgentau gefallen,
und aus brauner Erde schoss das Geld,
gefüllt waren Dachböden und Hallen.

Als Schneider, Schuster, Schlosser, Binder,
in welchem Beruf sich der Schwabe versuchte,
schienen seine Zauberkräfte nicht minder:
Er war fertig, während der Nachbar fluchte.
Jetzt wäre seine Hilfe gut gekommen,
wäre er doch in seinem Hause geblieben!
Warum haben wir ihm den Zauber genommen?
Ach hätten wir ihn doch nicht vertrieben!

Die Vertreiber waren es, die so dachten;
solcher Seufzer hörten wir in Massen,
als sie uns zur Tagesarbeit brachten
aufs Feld, das von guten Geistern verlassen.
Brache voll Unkraut auf weiter Flur
und Reste der Ernte vom vorigen Jahr.
Das ging unsereins wider die Natur,
wir machten schnell, was dringend war.                                 

Des Schwaben Tüchtigkeit ist Stoff für viele Zeilen, doch sie genügt in diesem kleinen Gedicht, als Probe, den Geschmack des ganzen Ungeschriebenen wiederzugeben. Keiner kam bisher auf die Idee, aus dem "Zauber des Schwaben" eine wissenschaftliche Abhandlung zu machen, weil man mit Salz allein weder viel noch wenig kochen kann. Doch in rechter Dosierung macht er aus allem unserem Schrifttum das unverwechselbare donauschwäbische Erinnern.

Und mit gehörigem Stolz erinnern wir uns an das Bedauern unserer Vertreiber. Rechte Charaktere kamen spätestens dann zur Besinnung, als sie sich selber in der Arbeit des Schwaben nicht zurechtfanden.

An der Arbeitsfront

In Zehnerreihe schritt unsere Arbeitsfront,
bestehend aus Frauen und großen Kindern,
und tat, was sie schon zuhause gekonnt,
um die üblen Missstände zu mildern.

Die Aufpasser waren Ungarn und Slawen.
Sie fassten selber gerne dort mit an,
wo Frauen der Arbeit nicht gewachsen waren
und aus den Reihen hingen weit hintenan.
Sie versuchten mit viel Spaß und Scherzen
und eitlen Komplimenten zu gefallen.
Doch zu wund waren die Frauenherzen,
als dass sie den Werbern konnten verfallen.

Hier wuchsen jene Grenzen wieder,
die schon immer zwischen Balkannationen,
und drückten alle Herzensdinge nieder,
mit altbekannten, sturen Emotionen:
Deutschen Mädchen war es unvorstellbar
einen Ungarn oder Slawen zu lieben.
Da der Lagerhunger überwunden war,
wurden lästige Werber leichter vertrieben.
Im übrigen Ablauf des täglichen Lebens
ward alles Trennende langsam abgebaut.
Die Vorkriegsübung des Nehmens und Gebens,
erneut war sie den Nationen vertraut.           

Die Zehner- oder andere unterschiedlich breiten Arbeitsreihen waren typisch für die Kollektivarbeit auf unseren Kolchosen. Jugoslawien wollte nach dem Krieg in vielem den großen Bruder-Befreier nachahmen. So entstanden bald die unfruchtbaren Sackgassen in vielen Wirtschaftszweigen. Denn Zehnerreihen sind nicht zehnmal leistungsfähiger, im Gegenteil. Durch die Tuchfühlung verschieden fleißiger Menschen, bei denen in der Gruppe der Unterhaltungsfaktor überwiegt, geht der Effekt schnell in der Unterhaltung unter. Lustig war die Kollektivarbeit schon, aber ineffektiv.

 

Das veranlasste die hungernden Sieger nach Auswegen zu suchen. Diese kamen erst nach gut fünf Jahren in Sicht, als die landwirtschaftliche Handarbeit durch Maschinenhilfe aus Amerika und Westeuropa ersetzt wurde.

Für die Erinnerung eines Vierzehnjährigen sind die Zusammenhänge, die den Jugos plötzlich westliche Maschinen bescherten, nur Kulissenschemen am Rande seines Feldeinsatzes. Während seine Arbeits-Front in Kikinda den Mais vom hohen Unkraut befreite, taten das andere Landsleute über die ganze Tiefebene verteilt. Und alle atmeten erleichtert auf, als die leistungsfähige Technik ihnen die Mühe abnahm: Auf Staatsgütern genau so wie in Gruben, Fabriken und Lagerhäusern. Kaum hatte es in den Schwaben willige Vollzieher gefunden, wurde das kollektive System der Handarbeit überflüssig.

Und aus den Arbeitskolonnen wurden die der Selbstbedienung. Tagsüber in Akkordarbeit und Maschinenhilfe in die Staatssilos - nachts um die Wette in private Goris und Hambare. Den Kolonisten begann das Tito-Regime zu gefallen, da es verstand, die Arbeit von einem weg und den Nutzen zu einem hin zu steuern...

Das Werben der Arbeitswachen und Vorarbeiter um unsere männerlosen Frauen, ist mir so stark eingeprägt, dass es wohl ungemein auffällig gewesen sein muss. Im Lager war es üblich, mit der Waffe die Zuneigung zu erzwingen. Jetzt, bei den sozusagen freien Frauen, konnte keine Gewalt mehr angewandt werden. Die Zeit der griffbereiten Handwaffen war vorbei, ihr willkürlicher Gebrauch unter Strafe gestellt. Einschüchterung, Nötigung wurden von menschlichem Umgang abgelöst. In 'der Vorkriegsübung des Gebens und Nehmens'' versuchte ich das zu verdeutlichen, wo wir - in Bereg -  nie nationale oder materielle Spannungen kannten, dagegen eine ausgeprägte Nachbarschaftshilfe ohne soziale und gesellschaftliche Schranken. Wenn das in "reinen" Ortschaften nicht so war, so fehlte nur die Übung dazu.

Im Unrechtssystem

Immer mehr kämpften mit dem Problem: 
Zu tun, was sie nicht befriedigte,
um zu überleben in einem System,
das alle rechten Menschen erniedrigte.
Da waren wir Kinder billige Knechte,
wir arbeiteten schon wie die Großen;
keine Schulen und keine Kinderrechte,
werk- und sonntags in denselben Hosen.

Tapfer werkte unsere Elterngeneration
unter täglich neuen erdrückenden Lasten,
und alles um einen knappen Einheitslohn,
für das ewige Mühen, ohne zu rasten.

Es gab noch die Brigade der Alten.
Ihr war die Rolle der Gärtner gegeben.
Ein Fleckchen Erde frei zu gestalten;
das war ihr Beitrag zum Überleben.
Eine Reihe Kartoffeln und eine Bohnen,
drei Stöcke Paprika und Tomaten;
wie sich das Gärtchen sollte lohnen,
das konnte ihnen niemand verraten.  

 

Die Nächsten, genauso versklavt wie wir,
sie hießen die "leichten Politischen",
waren zur strengen Umerziehung hier,
bis sie geheilt von allem Kritischen.
Es waren Männer aller Altersklassen,
die einmal gegen die Partei gesündigt,
weshalb ihnen deren Freundschaft gekündigt
und sie aus ihren Reihen entlassen. 

Von den "schweren Sündern" sahen wir keine.
Sie saßen in Kerkern verteilt übers Land.
Wie man hörte, mit dem Tod im Vereine,
bedroht von vielfältiger Henkershand.
Die Kriegsgefangenen saßen in Gruppen ein.
Das Maß ihrer Strafen war nicht genau,
und viele Fachleute aus ihren Reih'n
arbeiteten am Schienen- und Brückenbau.

Letztere konnten wir von weither sehen
und mancher winkte mit voller Kraft.
Wir winkten zurück und gaben zu verstehen,
bald wäre vorbei ihre Soldatenhaft.    
 
Die Projektion des Gestern ins Heute soll verdeutlichen, was immer noch in Jugo im Ärgsten liegt. Was mit den "Feinden der Gesellschaft" begann, entpuppt sich jetzt als "ewige Feinde der Serben", das nicht weniger energisch als damals zu bekämpfen sei. Wie konnte jemand glauben, dass befruchtetes Unrecht etwas anderes als Unrecht gebären kann.

Zum Glück waren wir bereits halb frei, als die Jagd auf die Systemfeinde begann. Echte und vermeintliche Gegner des "verdienten Marschalls" wurden unerbittlich verfolgt und vernichtet. Wir waren schon längst wieder Teile der neuen Gesellschaft und begannen uns im "Sozialismus" zurechtzufinden, als die Gefängnisse noch vor Faschisten, Imperialisten und Revanchisten barsten.

Tito gelang es nur mit äußerster Härte die ersten Nachkriegsjahre politisch zu stabilisieren. Weil seine Partisanen noch in den letzten Kriegsmonaten in die Befreiungskämpfe eingriffen, galten sie als die eigentlichen Befreier und die brüderlichen Sowjettruppen mussten bis l948 das Land verlassen.

Zum jugoslawischen Unrechtssystem gehörte ein globales Unrechtdenken. Das prägte sich mir am stärksten ein mit der Tatsache, dass wir, ebenso wie das eigene Volk, fast nichts zu Essen hatten, doch zugleich alle gemeinsam die Geburt einer "neuen Epoche" feiern mussten. Das Vorkriegssystem war das in alle Zeit verdammenswerte und der Sozialismus, mit der Perspektive zum Kommunismus, der Weisheit letzter Schluss.

Dass aus dem Bruch mit Stalin der Jugo-Sozialismus geboren wurde, konnte den Grundirrtum nicht wettmachen: Das Dilemma des Selbstbetrugs brachte nichts als endloses politisches Umherirren, Torkeln und "Schaukeln" mit sich, das nichts weiter bewirkte, als das Ausland zu irritieren. Bis heute, dem Jahre des Zerfalls (1991), konnten die allseitigen Misserfolge des sozialistischen Experimentes der ersten Nachkriegsjahre nicht behoben werden.

Noch ein Wort zum Gärtchen der Alten: Es maß etwa 10 x 15 m und bildete eine große Schachparzelle. Für das notwendige Gemüse für den Bedarf der Familien hätten die Karos fünfmal so groß sein müssen. Sie wurden es später auch, als wir - und andere - weggingen und nur die Trägsten blieben, solche, die sich besser anpassen konnten. Sie bildeten, zusammen mit den Altsessigen Banatern, die ersten Gemüselieferanten der nördlichen Städte. Dieser "visak/Überschuss" durfte aber nicht zu groß sein, wenn die Kulakensteuer nicht zuschlagen sollte. Jedenfalls boten die Kleingärten die einzige Möglichkeit, soviel wie nötig für sich selbst und sowenig wie erlaubt für den Verkauf zu erzeugen. Der freien Landwirtschaft gegenüber blieben die Behörden viele Jahre lang misstrauisch. Nur was unter der Firmierung der Kleingärtner erzeugt wurde, bekam einen Passierschein für den "freien Markt".

Neue Klasse

Mit einfacher Formel begann in jenen Zeiten
Tito seine neue Klasse zu kreieren:
Die mit den Waffen waren die Gescheiten,
die andere Hälfte musste parieren.
Unter den "Lehrern" gab es Analphabeten,
die von ihrer Stellung sehr geehrt.
Sie machten, als ob sie lesen täten
und hielten dabei die Zeitung verkehrt.

Ein so lesender Held stand in Gnaden
und wurde manchmal zum Direktor ernannt.
Seine Befehle waren ideologische Eskapaden,
das Fachwissen blieb ihm unbekannt.
Es wundert den Fachmann, wenn ein Laie bläfft
und das Unterste auch oben funktioniert;
wenn der Dumme gescheit den Klugen äfft,
der Primitive über den Edlen brilliert.

Solches Tun erfanden nicht die Kommunisten,
es hat auch anderswo einen alten Stamm:
Mit Unwissen Wissen zu überlisten,
zu faulenzen, doch gelten als arbeitsam.
Und dabei fremden Lohn zu kassieren;
bei Lob und ehrenden Schulterstücken,
die eigene Überlegenheit zu konstatieren
unter zahlreichen neidvollen Blicken.
                    
Titos Politik zur Lösung von der Stalin'schen Diktatur, konnte seine Getreuen nur so überzeugen, dass er die Logik auf den Kopf stellte. Einerseits predigte er das allsozialistische Modell, auf der anderen Seite öffnete er dem amerikanischen Kapital Tür und Tor. Wer diesen Widerspruch durchschaute und beanstandete, war auf seinem Posten unfähig und wurde umgehend ersetzt. Keine zwei Jahre nach dem Bruch mit Väterchen standen die unfähigsten, trägsten und stursten Kämpfer aus den Partisanenreihen wie ein Mann hinter ihrem Marschall-Präsidenten und bildeten die Elite der neuen Klasse.

Hätten sie sich mit der bloßen Statistenrolle zufrieden gegeben, ihre Zukunft wäre wohl für alle Zeit gesichert geblieben. Doch der hohe Sattel begann sie zu jucken, so dass mancher einen eigenen Ritt versuchte. Aus der Probe wurde übermütige Schau und schließlich das, was geradlinige Denker wie Djilas zur spitzen Tintenlanze greifen ließ.

Doch die neue Klasse gab sich so schnell nicht geschlagen, entwickelte eigene Resistenzen und Säuberungstechniken, und jedes Glied, das vom parasitären Elitenwurm an einem Ende abgeschlagen wurde, wuchs am anderen munter weiter. Diese geschickte Überlebensstrategie einer parasitären Kaste scheint so perfekt, dass sie sogar den Untergang des Tito-Regimes überdauerte.

Dass ich die Technik des hierarchischen Bluffs als nicht von den Kommunisten erfunden erwähne, ist ein Hinweis auf ähnliche Praxis auch bei anderen Ideologen und führenden Kreisen.( In der Urschrift steht "auch bei uns" statt "anderswo"). Die Spruchbeutel, die sich in Ewigkeit den wissenden Schweigern überlegen fühlen, sind an sich kein Übel. Aber wenn sie das Unterste zuoberst kehren und das als Gelingen preisen, sind sie jederzeit zumindest eines bissigen Spottes wert.

Titos Partei

In Titos Partei wurde die Lüge Symbol,
und geschickt erhob seine neue Klasse
die Unwahrheit zum Staatsmonopol
unter dem Jubel der breiten Masse.
Hundert Prozent stand sie zu ihm;
wenn der Ruf erschall zum Urnengang,
war ihm vorher schon sicher der Gewinn.
Diese Treue blieb ihm sein Leben lang.
Doch nur Treue jener, die sich frei bewegten.
Im Lager und Kerker wurde nicht gewählt.
Alle, die unter ihm Reformen erstrebten,
wurden an die nächste Wand gestellt.

Mit Königsbetrug an die Macht gekommen,
kannte seine Partei keinen Pardon.
Dem Bürger war jede Entscheidung genommen,
nach Moskaus bewährter Tradition.
Solange Tito englische Waffen brauchte,
versprach er Rücksicht auf Königstreue.
Doch als die Kriegsfurie nicht mehr fauchte,
brach er dem Exkönig alsbald die Treue.

Nur die Freiheit zum Jubeln blieb erhalten,
und Parolen zu schreien, Lieder zu singen,
die sich der Kommunismus vorbehalten,
um bald die Weltherrschaft zu erringen.

"Verglichen mit dem, was nach Tito aus Jugoslawien wurde, war er das kleinere Übel." Die so denken, vergessen, dass er auch an den Zuständen schuld ist, die nach ihm kamen. Lediglich dafür scheint er nicht verantwortlich, dass der Weltkommunismus den Höhenflug einstellte und in die Tiefe abglitt. Die Weltthermik, von der er lebte, veränderte ihre Strömungsvorzeichen und die Drachen von Mao und Stalin verloren den Halt, die Schwanzschnippchen des Tito- und  Kastroismus mussten auch hinab. Die totalitäre Weltpartei schien in ihrer Hochphase unabdingbar, doch jetzt ist sie so überflüssig, wie kaum eine andere Bewegung.

Wo wären die Völker der ehemaligen Sowjetunion, ohne die Stalin'sche Partei - und wo die Jugoslawen ohne die Siegerclique Titos? Sicher in einer günstigeren Überlebensposition der naturgesetzlich anmutenden Massengesellschaft, die alle Welt fest im Griff hat.

Genug der Kolchose

Drei Jahre sollten wir in der Kolchose
werken nach konfusen Vertreiber-Normen;
drei Jahre als 'befreite und zwanglose'
Stoßbrigade des Friedens uns formen.
Nach drei Monaten beschloss Mutter schon
den Planspielen ein Ende zu machen.
Mit kleinem Rucksack schlichen wir davon,
vorbei an den fest schlafenden Wachen.

Noch ein Abschiedsgruß dem Bauernpalast,
der in zunehmendem Mond sich reckte,
dann weiter, weiter, ohne jegliche Rast,
damit man uns nicht noch entdeckte.
Ihr kennt das Banat: Es ist nie weit
von einem Hof oder Dorf zum anderen.
Der Sicherheit halber waren wir bereit,
mache Höfe oder Dörfer zu umwandern.

Ein Kind leistet mehr, wenn es muss,
ja gibt das Äußerste, das es kann,
wenn der Lohn ein herrlicher Genus:
Unverdächtig zu warten auf die Eisenbahn.
Sie kam und nahm uns willig mit.
Wie schön dampfte sie dieses erstemal!
Auf einem Platz saßen wir zu dritt,
und ab ging's zum Ziel der freien Wahl.                           

Alle hatten genug, doch nur wenige wagten es, der Kolchose heimlich den Rücken zu kehren. Unser Entschluss wurde dadurch erleichtert, dass wir gut slawisch sprachen und keine Reiseangst spürten. Dazu kam, dass Mutter zufällig einem Gemeinde-bediensteten aus Bereg begegnete, der sich sehr über unseren weiten Einsatz von zuhause wunderte. Sein Hinweis auf andere Bereger Deutsche, die nach dem Lager in der Oberbatschka lebten, bestärkte sicher Mutters Zweifel, dass wir in Kikinda am rechten Platz wären. Und wo wir uns überflüssig vorkamen, konnten wir auch unauffällig verschwinden.

Als wir es taten, krähte kein Hahn nach uns. Jedenfalls war von einer Verfolgung oder Suchaktion nicht das Geringste zu merken. Wie und wo wir in den Zug stiegen, ist mir entfallen. Auch, wie lange die Reise in die Batschka dauerte. Mehr als einen Tag brauchten wir sicher nicht, denn längeres Schlafen auf so engem Platz hätte ich mir sicher besser gemerkt.

Da zu jener Zeit nur bei Titel eine Zugbrücke bestand, mussten wir einen großen Umweg machen. Auf kürzester Strecke, von Kikinda über Zenta nach Apatin, unserem Endziel, hätten wir einen halben Tag gespart.

Der Mann im Zug

Es reiste, wie ein guter Geist es wollte,
uns gegenüber ein Mann von Welt;
einer, der sich von Pflichten erholte,
in die ihn ein hoher Posten gestellt.
Er sah uns neugierig und gutmütig an.
Und wir waren ängstlich und auch nicht,
fragten leise die Mutter: Was will der Mann?
- Wer weiß, was er sich von uns verspricht.

Schon bald sollten wir Gewissheit haben.
Der Fremde sprach uns leise, freundlich an
und sagte, er bedauere die Schwaben
und wolle ihnen helfen, sofern er kann.
- Das könne er, wenn er in seinem Amt
einen Stempel hätte, der für uns wichtig,
antwortete die Mutter, kein bisschen genant
und dankte schon im voraus aufrichtig.

Wir bekamen seine Adresse, sollten schreiben,
sobald wir an dem Ort angekommen,
wo wir gedachten länger zu bleiben;
wir würden das Gewünschte bekommen.                      

Die sonderbare und unerklärliche Erscheinung des "Mannes aus dem Zug" habe ich wie einen Schutzengel aus der Schrift in Erinnerung. Vielleicht hat ihm die junge Frau gefallen, die so energisch ihre beiden Kinder festhielt, oder er hatte wirklich, wie er sagte, Mitleid; kann sein, dass er auch erst durch die Unterhaltung mit uns auf die Idee des Helfenwollens kam. Es schwebt mir vage vor, dass der Mann eine unserem Bereger Schokatzisch ähnliche Aussprache hatte. Eines weiß ich sicher: Er interessierte sich für mich. Der erste Tipp, über eine freiwilligen Einsatz in "Novi Beograd" zur Berufslehre zu kommen, stammte von ihm. Nur das Wie dorthin zu gelangen stand noch nicht fest und sollte mir am Zielort von Amts wegen erklärt werden.

Während der Fahrt wusste nur Mutter wohin uns der Zug bringen sollte. Sie hatte Angst, wegen mitfahrender Spitzel, den Zielort laut zu nennen. Außer der wichtigen Begegnung sind die Reisedetails von Nebel und Dunkelheit der vielen Jahrzehnte umgeben. Das Fahren durch die himmlisch anmutende Gegend prägte pauschal aber dauerhaft die Reise. Es war, wie wenn uns das Christkind persönlich begleitet hätte aus Angst und Dunkelheit in Befreiung und Licht.

Die mir bis dahin noch unerschlossene Batschka, sah ich zum erstenmal und gleich so wach, wie das ein Junge nur bei der ersten Berührung mit Mädchen und Sex wahrnimmt. Das Glück, als "fast Freier" im Zug durch die Gegend zu fahren, ist nur mit wenigen Lebensgefühlen vergleichbar. Und hätte uns der Fremde nachher nicht tatsächlich geholfen, ich hätte ihn schnell und gründlich vergessen, so wie mir auch sein Alter und Aussehen entfallen sind. Oder war es vielleicht doch ein verkleideter Schutzengel?

Natürlich machte ich mir damals noch keine Gedanken über plötzliche Erscheinungen mit abstrakter oder konkreter Hilfe "von Oben". Das "rätselhafte Schicksal" ist mir auch im Nachhinein eine unerklärliche Begleiterscheinung in Notlagen. Jeder Mensch fragt sich mal zweifelnd, wieso nicht alle guten Menschen in Not Hilfe bekämen. Und jeder hat dann eine eigene Erklärung - mal dankbar, dann verzweifelnd. Unsere Antwort lautet kurz uns bündig:  ” Mutter betete nicht vergebens.”

 

Rätselhaftes Schicksal

O rätselhaftes Schicksal, deine Güte
übersteigt oft des Menschen Verstehen:
Du schickst dem einen, was ihn behüte
und lässt viele andere untergehen.
Zeigst im Elend lange kein Erbarmen
und zu lange duldest du das Schlechte.
Vergeblich bitten und beten oft die Armen
und still verzweifelt leidet der Gerechte.

Dann, wenn sie dich alle fast vergessen,
kommt Rettung wie Manna in der Bibel:
du schickst Hilfe, Kleider und Essen;
vorbei ist die Not und vorbei das Übel.
Zufall, wir der Ungläubige leichthin sagen,
alles ist logisch, bei guter Schulbildung;
das Schicksal kann nicht geben oder versagen,
alle ihre Macht liegt in unserer Einbildung.

Darauf erwidern leichthin gute Christen:
Bei allem Wissen bleibt ihr doch beschränkt.
Praktisch sind Fragen der Materialisten,
letzte Antworten werden euch nicht geschenkt.
Nicht einfach ist das Leben mit dem Glauben,
aber einfach sind die Worte jeden Betens;
deren Luxus kann sich jeder erlauben.
Jedenfalls - Mutter betete nicht vergebens.

Das erlebten wir bald im Quartier,
am Zielort und Ende unserer Reise.
Die nettesten Wirtsleute fanden wir
und viele freundschaftliche Beweise
von Wahlungarn, die noch im eigenen Hause.
Sie gaben uns Möbel für das karge Zimmer,
zur Stärkung eine wohlschmeckende Jause.
Solche Menschen vergisst unsereins nimmer.
                         
Mutter ist - 1910 geboren - seit ihrer Kindheit eine eifrige Christin, deren Glauben immer über jeden Zweifel erhaben war. Es gab und gibt kein Detail aus ihrem Religionsunterricht, der ihr unklar oder unglaubhaft wäre. Alles ist ihr so komplett, wie es der Papst in Rom verkündet. Weder reisende Juden, atheistische Vertreter, die sie zuerst im Wirtshaus der Mutter und später im eigenen Gwelb kennen lernte, noch politische Bündler und Verführer aus Nachbar- und Verwandtschaft, konnten sie in Zweifel über ihren Gott bringen.

Deshalb, wer weiß, ob sich nicht doch so ein fester Glaube an Hilfe von oben eher realisieren lässt, als Kleinmut und Resignation und tatenloses Verharren im Unausweichlichen. Die Gewissheit, dass im festen Glauben ein waghalsiges Unternehmen - mit Gott und seinen wachhabenden Engeln - leichter gelingt, kann nur schwer widerlegt werden.

Dass wir dann in Apatin die "Wahlungarn" fanden - in der Familie Hess, die von magyarischer Verschwägerung profitierte - ist realer zu erklären: Zuerst übernachteten wir bei anderen Schwaben, zu denen wir geflüchtet waren, sehr beengt, und ein Bleiben kam nicht in Frage. Die kurzzeitigen Gastgeber, deren Namen, Aussehen und Familiengröße mir entfallen sind, taten alles erdenkliche, um uns woanders unterzubringen. Das Zimmerchen, das sie fanden, war die Hinterküche eines Reihen- oder Giebelhauses und für unsere kleine Gemeinschaft ideal. Zum Hausgang hin mit Fenster und Türe ausgestattet, war es wie ein eigenes kleines Haus, das wir beliebig nutzen oder verschließen konnten. Nach den drei Lagerjahren und der Badwohnung endlich wieder menschliche Wohnbedingungen. 

Apatin an der Donau

A - Patin - du hast dich unser angenommen,
warst rettende Kreuzung in unserem Lebenslauf.
Als Bettler sind wir an dein Tor gekommen.
Wir klopften an und das Leben tat sich auf.
In ärmster Zeit kam deine Rettung gelegen.
Mit welchen Worten soll ich dich nun preisen?
Ich will - ohne lange zu überlegen -
dir meine netteste Reverenz erweisen.

Wie einer Schönen, die in der Donau badet
und sich tragen lässt von warmen Wellen,
und die den Knaben übermütig ladet,
er möge sich schwimmend zu ihr gesellen.
Der Knabe bleibt eine Weile verschämt
am Ufer, weiß nicht, soll er oder nicht.
Dann stürzt er sich plötzlich ungehemmt
ins Wasser und folgt dem lachenden Gesicht.

Er schwimmt pustend der Nixe hinterher;
sie tut alles, was ihn neckt und verführt.
Er unterliegt ihren Reizen mehr und mehr
und wird zum Jüngling, der alles probiert.
Sie zeigt ihm, was er noch nicht geseh'n
und wovon er noch nicht einmal träumte.
Sie zeigt ihm, wie die Freiheit schön
und was alles die Lagerjugend versäumte.
Sie lieben sich im Wasser und an Land.
Dem Jüngling bleiben keine Wünsche offen.
Ein im Paradies geknüpftes Liebesband.
Apatiner Träume bleiben unübertroffen!                        

Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass ich die Donau zum erstenmal in einer Dorfnähe sah. Bei uns in Bereg war sie klein, hieß amtlich Franzenskanal und trennte uns von der großen Schwester jenseits der Insel Karapansch. Durch herrschaftliches Gut und nur auf Schleichwegen erreichbar, wirkte die große Donau auf uns Kinder eher irritierend als verlockend. So blieb mir der ganze Fluss geheimnisvoll, fremd - bis ich ihm in Apatin begegnete.

Jetzt endlich sah ich ihn ganz nah und erkannte sein wahres Wesen, das mir nirgendwo abstoßend, doch überall verlockend vorkam. Hier erkannte ich ihn als wahren Freund und Ernährer der Batschka, denn er hatte nicht die Spur jener Sonderrolle des gräflichen Gutes an der Bereger Donauinsel.

Apatin lebte von und auf der Donau. Hier legten die Schiffe mitten im Stadt-Dorf an, gingen die Matrosen aus aller Welt an Land, pulsierte ein Leben in den Wirtshäusern und auf den Promenaden wie in Hafenstädten, die man nur auf Ansichtskarten sah. Und was alle die Fremden mit nach Apatin brachten, war ein Mehr an Freiheit und Freizügigkeit, als die Binnenbewohner kannten.

Und die Bewohner dieses größten schwäbischen Donaudorfes nahmen die Mitbringsel der Weltschiffer froh und gerne an. Durch viele Jahre solchen Nehmens bildete sich eine Lebensart um die Donauauen, die sich in allen Lagen offener und lebensbejahender äußerte. Sobald einer der Fremden hier sesshaft wurde - Versuchungen dazu gab es in vielen hübschen Mädchen und vielfachen Arbeitsbedingungen - integrierte er sich willig, sozusagen wie selbstverständlich in das Deutschtum seiner freundlichen, anpassungsfähigen Umgebung. Viele wurden durch Zuzug Apatiner, doch selten welche durch Wegzug Nichtapatiner.

Kein Wunder, dass ich schon nach einigen Monaten hier so zuhause war, wie in meinem Geburtsort erst nach elf Jahren. Hier begann mein Leben als sehender und fühlender Jugendlicher, meine erste Liebe - in und an der Donau - als Lebenserweiterung für Körper und Geist und prägende Erfahrung für alle Zeit. Seit oder wegen Apatin finde ich bis zum heutigen Tag nur freundliche und umgängliche Mädchen und Frauen liebenswert. Die Erlebnisse "im Wasser und an Land" sind mit "unübertroffen" nur ungenügend beschrieben.

Neben der täglichen Tretmühle der Pflichten blieb noch genügend Zeit und Lust für Unternehmungen und Ausflüge in die Auen und auf die Sandinseln. Sie waren schwimmend oder mit einem der zahlreich und unverschlossen am Ufer wartenden Boote leicht erreichbar. Ein Sonnenuntergang auf der westlichen Inselseite, liegend im weichen Ufergras erlebt, kann wohl in der Südsee nicht schöner sein. Und die Schwimmübungen im brusttiefen Dünenwasser, unter männlichen oder weiblichen Freunden, sind Lusterfahrungen, die man ein Leben lang beim Badevergnügen zum Maßstab nimmt...

Soweit die Donauerinnerung mit Wasser, Sonne, Bade- und Bootsvergnügen, Angeln nach fetten Karpfen und Nixen. Dazu kamen die Pflichten des Lehrlings- und Internatsalltags. Diese begannen recht holperig, denn es fehlten, wie schon erwähnt, die Papiere. Ein sogen. Objava/Meldeschein bildete die Spitze der Voraussetzungen zum Aufenthalt in einem der kleinlich aufgeteilten und pingelig überwachten Amtsbereich der UDBA, der jugosl. Sicherheitspolizei. Erst nach dem Meldeschein für die Familie kamen die Personalpapiere des Einzelnen, auf Grund derer dann Arbeitsgenehmigung, Essenmarken und Fahrpreis-Ermäßigung für Bus und Bahn beantragt werden konnten.

Unser Bekannter aus dem Zug war einer mit guten Verbindungen zu den Apatiner UDBA-Leuten.   
      
Die Papiere

Von Liebe kann nur die Jugend leben.
Eine Familie braucht Papiere und Arbeit
und ein Heft zum Essenmarken kleben,
- die Attribute der damaligen Freiheit.
Dank unseres Freundes aus der Bahn,
kam ein Brief mit gestempelten Papieren.
Mit ihnen klopfte Mutter bei Ämtern an,
um uns als örtliche Bürger zu registrieren.

Nun hatten wir Recht auf Arbeit und Wohnung,
konnten uns frei im Lande bewegen
und feilschen um eine gute Entlohnung,
- eben teilhaben am sozialistischen Segen.

Eine Schwäbin braucht keinen erlernten Beruf,
denn sie kann gut backen und kochen.
Mutter wurde gerecht diesem alten Ruf
in einer Kantine schon nach paar Wochen.
Leiblich versorgt war es dann wichtig
Bruder und mich in Schulen einzutragen.
Ihn, wo immer es elementar pflichtig,
für mich eine Lehrstelle zu erfragen.

Die Volksschule ließ sich leicht erledigen,
Adam kam in eine ungarische Klasse.
Mir begann ein Parteimensch zu predigen,
irgendwas von Pflichten der Arbeitermasse
und vom Aufbau des Weltkommunismus,
von Opfern der Bürger in jedwedem Alter;
was einem Berufsleben vorangehen muss,
nach Ansicht der proletarischen Sachwalter.
Kurz, eine Brigade wurde zusammengestellt,
"bei der so einer wie du noch fehlt;
daher auf geht's, Genosse Konrad
zum Aufbau des großen Neuen Belgrad."

Da gab's kein Staunen und kein Fragen;
wollte ich eine Lehrstelle bekommen,
musste ich auch diese Tortour ertragen,
und habe lässig die Hürde genommen.
Ich schrieb meinen Namen irgendwo hin,
- es war die Liste der Somborer Brigade.
Eine Weigerung hatte keinen Sinn,
und ich war aufgeregt in höchstem Grade.
        
Nachdem Essen und Kleiden nicht mehr  zu den einzigen und ausschließlichen Lebensfunktionen gehörten, kümmerte mich plötzlich  weniger, wie Mutter zu Lohn und Brot kam. In meinem Alter und freiheitlichen Aufbruchzustand hatte ich, sozusagen, mit mir selber genug zu tun, um mit der neuen, überwacherlosen Situation fertig zu werden.

Als Bruder Adam in die 1. Klasse der ungarischen Volksschule kam, vermerkte ich das so, wie man selbstverständliche Familienereignisse wahrnimmt. Für ihn selbst war es aber das erste große Ereignis mit Bewährung in der außerfamiliären Welt. Kaum begann der Unterricht, fragte ihn der für "maternji jezik/Ungarisch" zuständige Lehrer (ein Serbo-kroatisch besser als Ungarisch beherrschender Neubürger), wieso er als Ungar so schlecht ungarisch könne. ”Weil ich kein Ungar bin, sondern ein Schwabe.” ”Und warum willst du lieber ein Schwabe sein?” ”Weil ich im Lager war, mit meiner Mama.” Staunen und Kopfnicken. ”Recht so, kleiner Schwabe, bleib was du bist.” 

In der Zeit durfte man es wieder sein. Auch bei mir stand auf der Liste der Arbeitsbrigade, hinter dem Namen "Nemac". Im Somborer Archiv existieren die Verzeichnisse der "l. Somborska" sicher noch.

 

Jugendbrigade

Und es begann eine verrückte Zeit.
Als ob ich niemals im Lager gewesen,
marschierte ich in proletarischer Einheit.
Da der Hass auf die "Schwabas" vergessen
und jeder bittere Vorwurf meinerseits.
Während Landsleute auf Zwangsarbeit darbten,
überließ ich mich halb freiwillig dem Reiz,
umsonst zu schuften, bis die Hände vernarbten.

Wo jetzt das Belgrader Parlamentsgebäude
auf Betonstelzen die Sawe schmückt,
ist damals der Jugend in suggerierter Freude
eine Trockenlegung des Morastes geglückt.
Wir zählten zwischen tausend und zwei
Jungen und Mädchen aus dem ganzen Land,
die Schaufeln schwangen für die Partei,
für Marschall Tito und das neue Vaterland.
Ich war in der vordersten Reihe dabei.

Man stelle sich vor: Mit Schaufeln und Spaten
konnten wir Bagger und Kräne ersetzen.
Wenn die Jugend mit Raffinesse beraten,
kann sie, buchstäblich Berge versetzen.
Die Beratung geschah nicht still und leise:
Wir wurden mit lauten Parolen bespickt.
Von morgens bis abends dieselbe Weise,
deren Verfasser psychologisch geschickt.
Abends um ein Feuer Partisanenlieder;
Texte wie Parolen aus denselben Küchen.
Manches Lob bekamen auch russische Brüder,
doch nicht mehr in den höchsten Sprüchen.
Schuld daran hatte die betrogene KOMINTERN,
bei der Tito durchschaut schon in Ungnade saß;
von ihrem Himmel sank schnell sein roter Stern,
seit er nebst weicher Rubel, harte Dollar besaß.

Dennoch sangen wir laut und gerne,
das Lied der Kommunisten am Bau:
Von der Solidarität aller roten Sterne
und dass Belgrad schön würde wie Moskau.
Ich war vierzehn, grölte wie die Großen;
mit dem Unterschied, dass ich als Schwabe
mich dem Sinn der Lieder nicht erschlossen,
nur sehr aufregend fand das Gehabe.

Rückblickend sehe ich meine Brigadenarbeit
als den ersten Schritt in eine Richtung,
die mich belebte in bedrückender Zeit
und reifen ließ zur Berufsausbildung.                      

Als die Lagerzeit der größten "Staatsfeinde", der Schwaben, vorbei war und die Maßnahmen der Regierung gegen Andersdenkende weiter liefen, verstand das einfache Volk nicht, was gespielt wurde. Weshalb eigentlich noch Verfolgung, Verhaftung, Internierung nötig und vom wem sie praktiziert wurde. Und wovon man nichts verstand, konnte man nur noch selbst Angst bekommen. Eine dumpfe, allseitige und allgegenwärtige Angst lag über dem Lande und allen Generationen. Die Verfolgten bedauerte man ebenso, wie man sich mit den Befreiten freute.

In der Jugendbrigade wurde ich als Schwabe schnell erkannt und als der nette Konrade begrüßt, der anscheinend gerne am Aufbau des Tito-Staates mithalf. Dass ich da war empfand man jedenfalls normaler, als das Schlafen auf blankem Holzfußboden, mit nichts als der eigenen Kleidung als Unterlage und Zudecke. Doch es war Sommer und wir froren nur nach Mitternacht, beim zufälligen Erwachen. Zu denen, die gegen solches Ausruhen als einer ungewöhnlichen Schindung protestierten, gehörten alle Nationalitäten in gleicher Weise - auch der kleine Schwabe. Und alle freuten wir uns gleich lautstark, als die warmen Wergdecken eintrafen und zweifach verteilt wurden.

Ähnliches Hochgefühl erfasste mich - und andere Jungen aus ärmeren Familien - beim Anblick der ersten dampfenden Kessel, nach endlich gelungener Essensorganisation. In dicker Flüssigkeit schwammen dicht gedrängt Kraut, Grütze, Bohnen, Erbsen und anderes Gemüse - und Fleisch! Und alles wurde zu Mittag und Abend gerecht verteilt. Dazwischen Tee und Gerstenkaffe soviel man wollte.

In himmlisch sattem Tagesausklang fielen die Parolen und Kampflieder durchweg auf fruchtbaren Boden. An Wochenenden dann das Lagerfeuer, Klampfen, Mundharmonikas, Gesang und Tanz - schnelle serbische und kroatische, langsame montenegrische Kollos - junges Herz, was brauchst du mehr! Beim endlosen Variieren der einfachen Reimvorgaben durch einen Vorsänger und die wortgetreuen Wiederholungen der Masse kam jeder, der den Mut hatte, für ein-zwei Verse in die Führerrolle. Vorgegeben waren Partisanenthemen, doch mit fortschreitendem Abend kamen alle Lebensbereiche dran. Lange sammelte ich meine Entschlossenheit, und ließ ihr in der letzten Woche freien Lauf. Keiner nahm es krumm, vielmehr sangen Hunderte nach, was der seltene Schwabe über den Arbeitsfortschritt und die jugendliche Unermüdlichkeit der "prva Somborska udarna Brigada" (erste Stoßbrigade) von sich gab.

Wenige Jugendlieder kamen mir damals so selbstverständlich vor, wie diese improvisierten bei Neubelgrad. Und wenn mir später überhaupt vergleichbare Stimmung begegnete, war es höchstens die beim ungarischen Mulatsag.

Wen wundert es, dass diese aus der Not der Nachkriegswirtschaft geborene Art der suggerierten Arbeitsfreude der Jugend Jahrzehnte lang, bis zu Titos Tod, in Jugoslawien gefördert wurde.      

 

Die Lehrstelle

Woselbst ich, nach Belgrad, gern aufgenommen.
Mutter war eines hungrigen Mundes enthoben.
Einen Beruf der Werft habe ich bekommen,
einen der alten und dazu recht groben:
Als Schiffschmied formte ich Rümpfe der Schiffe,
war fleißig und lernte mit gutem Erfolg
von meinem Meister nicht nur Fachbegriffe;
auch Geschichtliches über mein Schwabenvolk.
Weshalb und wann sie ins Land gekommen;
da fielen Begriffe, wie 'Urheimat Baden'
und 'Bodensee', von dem ich nie vernommen.  

Der deutsche Meister hatte seine Freiheit
einem ungarischen Namen zu verdanken,
war als Fachmann und Mensch sehr gescheit
und kannte doch keine Bildungsschranken.

So werkte ich vormittags an der Esse,
am Ambos oder im Schiffsbauch unten.
Es war nicht ideal für meine Größe
schwere Hämmer zu schwingen über Stunden.
Todmüde saß ich dann auf der Schulbank
und konnte dem Unterricht kaum folgen.
Doch es kam bald Rettung, Gott sei Dank
und Dank meinen guten Lernerfolgen;
weil um mich viele Analphabeten saßen
aus Partisanenfamilien und Titogetreuen.
Blinde müssen Einäugigen die Führung lassen.

Also musste ein leichterer Beruf her,
das sahen Meister und Lehrer ein.
Der Schiffsmechaniker war nicht so schwer,
nur blieben die Hände auch hier nicht rein.
Daraus wurde der Entschluss geboren:
Das Lehrziel sollten keine Motoren sein.

Die unstillbare Sucht nach mehr Wissen
wurde zur Schikane, je mehr ich lernte.
Während ich manches Werkzeug zerschlissen
und mich vom Praktiker immer mehr entfernte,
wurde kein spezieller Meister aus mir,
aber einer, der immer mitreden konnte.
Lösungen reiften zuerst auf dem Papier,
bevor sich ihre Verwirklichung lohnte.

Wem der Stift mehr als die Feile liegt,
der feilt sich vergeblich die Hände wund.
Der Stift ist es doch, der am Ende siegt,
und sein Besitzer bleibt länger gesund.
                            
Außer mir wurden noch zwei Deutsche in der Schiffswerft angenommen: Franz Nett aus Apatin und Hans Weigand aus Gakowa. Die beiden wohnten aber zuhause bei der Familie, weshalb die Stimmung bei der Aufnahme nur meine Person umgab.

Es war schon ein unerhört glückhaftes Gefühl, in Zeiten der Zwangsarbeit (bis 1951) eine 'freie' Lehrstelle zu bekommen; frei auch von nationalen und ideologischen Beschränkungen, denn sie wurde zum Schaden eines Nichtdeutschen einem Deutschen überlassen, diesem aber auch keinen Sonderstatus vorsah.

Ich bekam auch einen Platz im vollkommen kostenlosen Werftinternat, so selbstverständlich, als ob es in der Batschka nie eine Verfolgung der Deutschen gegeben hätte.

Auf der Namensliste - der Kantine, Kleiderausgabe, Aufstellung zum Appell, usw. - gab es unter den ca. 180 Namen mehrere, die deutsch klangen, aber nur einen, hinter dem Nemac stand. Da war z.B. der Welzer Viktor aus Vinkovci; er galt als Kroate, war strohblond und tat, als verstünde er kein einziges Wort Deutsch. Dennoch hatten wir beide keine Hemmung, uns einander schnell näher zu kommen und schließlich dicke Freunde zu werden. Unvoreingenommen und geistig (aufgeweckt) zu uns passend, zeigte bald Velimir Cosic, ein Werschetzer serbischer Kolonist Interesse, und wir bildeten mit ihm eine - über die gesamte Lehrzeit fest zusammenhaltende - Dreiergruppe. In der Werft und Schule bestand auch zu Nett und Weigand, die beide auch im Lager waren, ein inniges Verhältnis.

Alles was der Kommunismus russischen Zuschnitts für die kollektive Erziehung vorsah, wurde auf unser Internatsleben übertragen. Das gab in unserem Lehrgang - ab Sommer l948 - eine erstaunlich hohe Effektivität, bei Schülern wie Lehrern gleichermaßen. Von den Letzteren gehörten zwei dem Lehrkörper der Schule  an, und weitere zwei waren 'nur Erzieher' und

lebten mit ihren jungen Frauen in kleinen Wohnungen bei uns im Internat. Die alltäglichen Sport- und Marschübungen unterstanden dem einen, Überwachung unserer Hausaufgaben und Freizeit dem anderen. 

Elisabeth Hart

Dass die Schule gut lief, sagte ich schon;
dort wurde meine Neugier von Zahlen genarrt.
Verdienst daran hatte eine nette Person,
die mir unvergessene Doktor Lissi Hart.
Die schlanke Dame war mit Leib und Seele
das was man 'bei der Sache' nennt
und ließ wissen, dass sie nicht verhehle
Tito zu hassen mitsamt seinem Regiment:
Weil er ihr den liebsten Mann genommen,
ihn schuldlos in ein Gefängnis schleifte,
wo er bald schmachvoll umgekommen.
In der Liebenden nun tiefer Hass reifte.

Sie mochte mich, weil ich ihr näher stand
als die Kinder der Sieger-Partisanen.
Das Leid der Deutschen uns beide verband;
ihren tiefen Schmerz konnte nur ich ahnen.
Oft nahm sie mich zu ihrem Kinde mit
und machte mir ein besonderes Essen.
Wir spielten und scherzten dann zu dritt
auf Deutsch, um es nicht zu vergessen.
Ihr kleiner Sohn, ich glaube Edi hieß er,
war, wie sie, von Verfolgung verschont,
durch Haftung regimetreuer Verwandter.
Dennoch fühlten sie sich schlecht entlohnt.

Die schwarzen Listen

Mit dem Verlust des Mannes und Vaters
blieb so ein Leben ein Daueraffront
und ein Beispiel mehr des Menschenmarters,
wie es damals wucherte im Lande,
niemand schonend, grausam, gekonnt.
Wer nicht verstand in Tagen der Front
sich anzuschließen einem Tito-Verbande,
oder die UDBA raffiniert zu überlisten,
wurde gehetzt von einer Spitzelbande
und kam auf eine der schwarzen Listen.

Das hatte niemals angenehme Folgen:
Dauerbeschattung war davon die kleinste.
Danach willkürliches Verhören, Verfolgen,
schließlich Arrest und Martertod als gemeinste.
Solche Praktik schaffte kein Vertrauen
im Volke, dem angeblich befreiten.
Das Regime begann auf Morast zu bauen
und sich das Grab selbst zu bereiten.

Die Zeit in der jeder jedem misstraute,
der Nachbar Verfolgter und Spitzel war,
beim Sprechen man sich scheu umschaute,
machte die volle Lebenstragik offenbar:
Für die einen Diktatur des Proletariats,
den anderen Angst vor schwarzen Listen;
der Rest spürte die Knute des Vaterstaats,
die ihm erschwerte sein Dasein zu fristen.  
                               
Der Mann von Frau Hart, ebenfalls Akademiker - Physiker - lehrte während des Krieges an einer Agramer/Zagreber Universität. Als Zivilist und nie mit anderer als Lehrtätigkeit Beschäftigter, wollte er weder sich noch seine Familie bei Kriegsende vor den Partisanen in Sicherheit bringen. Jedoch die Behandlung durch die 'Befreier' als Schuldiger oder Unschuldiger hing nicht vom persönlichen Leumund ab. Ein deutsches Professorenpaar musste Feinde haben. Nur so passte es in das vorgefasste Freund-Feind-Bild. Professor Hart blieb nur relativ kurz interniert, wurde vielmehr bald verurteilt und in irgendeinem Gefängnishof erschossen.

Seine Frau, eine geb. Hauk aus Apatin, kam mit ihrem Kleinkind relativ unbehelligt in den Geburtsort zurück, fand Platz im elterlichen Hause und wurde schon l947 in der Werftschule als Lehrerin für Mathematik, Physik und Chemie angestellt. Unter dem Kommunisten Budimir Vitorovic, der intelligent genug war, über die Verfolgung der Deutschen hinauszusehen, hatte die kluge Frau relativ freie Hand, ihre unpolitische Lehrvorstellung bei dem Partisanennachwuchs zu verwirklichen. Die politische Hälfte der Erziehung fand ohnehin im Internat statt.

In der Schule lief alles wie vor dem Krieg. Außer Milica, der die 'serbisch-kroatische Muttersprache' lehrenden Frau des Direktors, bestand der Lehrkörper aus der Vorkriegsgeneration: Der Apatiner 'Deutsch-Ungar' Kartali war zuständig für Geschichte und Erdkunde, Dipl. Ing. Nagy aus der Elektrozentrale, für die technischen Fächer. Nur für Sport und Leibesübung zeichneten die beiden jungen Erzieher aus dem Internat verantwortlich, weil sich diese Fächer mit dem Freizeitprogramm überschnitten und ebenso gut in dem Schulhof, wie auf dem Sportplatz oder - wie der Frühsport / Fiskultura - im Internat stattfinden konnten.

In der festen Zange von Tradition, Disziplin und sturer 'neuer Klasse' machte sich die Erziehung nicht schlecht. Bei gelegentlichen Besuchen meiner Mutter, kam es vor, dass ich mit ihr über die 'überflüssige Rolle' der Eltern stritt, da der Staat zu viel effektiverer Erziehung in der Lage war.

Beispiele wie das von Frau Hart - und nachher das Kramer'sche - beweisen, dass die Deutschen unter Tito oft unter dem Prinzip der Brauchbarkeit für das neue Regime verfolgt oder in Ruhe gelassen wurden. Spezialisten in Industrie, Bildung, Ernährung oder Baubereich konnten sich relativ leicht dem Zugriff ungebildeter Partisanen entziehen. Überstanden sie die ersten Verhaftungswellen in einem Versteck, konnten sie ruhig auftauchen und schnell ihre Unerlässlichkeit beim 'Aufbau des neuen Jugoslawien' unter Beweis stellen.

Viele Apatiner kamen so während des Lagers und zu unserer Zeit in den Besitz einer 'Objava' - DIN A5, Querformat, Rundstempel unter Personaldaten -, weil sie oder ein andersnationaler Bürge beweisen konnten, dass sie als Fachkräfte dem Regime nur nutzen konnten. Die mit besonderem Glück, hatten keine Kolonnisten im Haus, sondern Verwandte mit slawisch oder ungarisch klingenden Namen, die ihnen gerne zuerst einen Hausteil und später das ganze Haus zurückgaben.

Nur die Gefahr der 'schwarzen Listen' schwebte bis in die späten Fünfziger über allen gleichermaßen. Die UDBA-Geheimpolizei, die über den uniformierten Ortshütern, der Miliz stand, war das Herz der funktionierenden Ordnung in Apatin. Im gleichen Gebäude - am Park, neben der Möbelfabrik 'Dunav' - waren alle Ämter untergebracht, die mit Register und Ordnung zu tun hatten. In Zweifelsfällen brauchte ein Meldebeamter nur die Zwischentüre zum Ordnungsamt zu öffnen, und er bekam von einem Geheimen sein Ja oder Nein bezüglich eines Neuzugangs.

Dieses Für und Wider war jedoch nie endgültig. Denn der Balkan ist und bleibt bestechlich. Ein Gespräch unter vier Augen, bei dem Bares oder Glitzerndes halbverdeckt den Besitzer wechselte, verwandelte manches Nein vom ersten Tag in ein Ja am Tag der wiederholten Vorstellung. Einfache Menschen, sogen. kleine Fische unter den Schwaben, brauchten nur den andersnationalen Nachbarn ins Meldeamt zu schicken. Ein patriotisches Wort konnte genau dasselbe bewirken, wie die Bestechung bei wertvolleren Zuzüglern.

Von der Existenz der 'schwarzen Listen' wusste jedes Kind, denn sie kamen fast täglich bei Visitationen der 'Verdächtigen' zum Vorschein. Bei manchen Razzien wurden ganze Straßenzüge heimgesucht. Und sie wurden immer streng nach Vorschrift und Verzeichnis durchgeführt. Sie bedingten aber, dass die Durchführenden des Schreibens und Lesens mächtig waren. War das, was nicht selten vorkam, der Fall, so scheute man sich nicht, gaffende Jugendliche und Schulkinder zur Entzifferung von Namen und Adresse des Gesuchten zur Hilfe zu rufen.

Wer kam bevorzugt auf die Listen?
1. Zu späte Überläufer aus Feindverbänden zu den Partisanen - Tschetniks, Ustaschen, Königstreuen (Anhänger des serb. Quisling-Präsidenten Nedic) und viele andere im Krieg auf eigene Rechnung Plündernde und Mordende. 2. Denunzierte oder einem Parteimenschen und Emporkömmling im Wege stehende. 3. Sogen. unverbesserliche Klassenfeinde und Faschisten, die durch ihre Stellung, Bildung oder Vermögenslage als solche liquidiert werden mussten. 4. Saboteure und Arbeitsscheue, zu denen nicht nur echte Faulenzer zählten, sondern auch alle Verweigerer von Sonntags- und kollektiver Sonderarbeit. 5. Hinderliche auf der Karriereleiter eines Parteimenschen. Schließlich 6., alle Parteilosen die keine 'guten Beziehungen' zur UDBA pflegten.

In meinem damaligen Bekanntenkreis - in Werft, Schule, Nachbarschaft und bei Besuchen des Pfarronkels - konnten etwa 30 Personen aufgezählt werden, die unter offener Polizeiwillkür mit Beaufsichtigung und mehrmaliger Verhaftung litten.

Nur einen einzigen Vorteil hatten die 'schwarzen Listen': Die Familien der Betroffenen wurden nicht mitverfolgt; wahrscheinlich aus Platzgründen in den Gefängnissen, Lagern und Umerziehungsstellen.

Internat - Schiffswerft

Wir Jungen hatten unsere eigene Sorgen,
da wir gedrängt im Werftinternat wohnten:
Ein schriller Ruf der Glocke früh am Morgen
zu Turnübungen hart, die keinen schonten.
Kaltes Wasser für Gesicht und Hände,
in Uniform Aufstellung in Zweierreihen,
dann flotter Marsch zum Werftgelände
mit Gesang - die Hörer mochten ihn verzeihen!

Früh um sechs, wenn stille Donauauen
noch dichter grauer Nebel bedeckte,
eilten wir, um viele Dinge zu bauen,
die unser Landsmann Kramer entdeckte.

Die Schiffe entstanden nach seinen Plänen,
mit ihm lief alles, wie es schon immer sollte.
Daher sei auch das Unikum zu erwähnen:
Die neuen Herren machten, was er wollte.
Dem Gründer und Besitzer der Werftanlage
hat sein kluges Wirken die Freiheit erhalten;
er durfte bis ans Ende seiner späten Tage
sein Lebenswerk immer weiter gestalten.
Bei seinem Tode gab's ein Staatsbegräbnis
und für alle Werftler einen freien Tag,
was uns logisch machte die Erkenntnis:
Hier fehlten Männer von seinem Schlag.

Als Lebender stand er auf unserer Seite,
nachher fehlte der gute Alte uns sehr.
Wir lagen oft mit Erziehern im Streite,
von dem was wir durften, wollten wir mehr:
Ausgehen, zum Beispiel, bis abends um Neun,
ins Kino, auf den Korso oder zum Baden.
Zuspätkommen konnten sie nicht verzeih'n
und straften uns in höchsten Graden.
Was nur am Wochenend-Abend lohnte,
wenn das Rendezvous gar so schön,
und man sich nur langsam trennen konnte,
von dem, was meist im Park gescheh'n.

Es war schön, weil es so heimlich
geschah und in kurze Zeit gerafft.
Unsere Strafe wartete im Heim öffentlich,
die Mädchen wurden im Stillen bestraft,
aber nur, wenn die Miliz sie gesehen,
weil sie gelauert hatte in der Nacht.
In solchen Fällen konnte es geschehen,
dass Schöne verloren ihre Haarespracht.
                            
Die für uns Werftzöglinge erbauten Schlafräume in der Somborer Gasse, konnte ich l986 noch einmal besichtigen. Das Internat war aufgelassen und diente einer Möbelfirma als Fertiglager. Auch zu unserer Zeit waren die Räume nur als Lager und nicht zum Wohnen geeignet, denn sie hatten weder Heiz-Gelegenheit, noch Isolierung oder Doppelfenster. Im Sommer backofenheiß, im Winter eisgrubenkalt, so benutzten wir sie nur in der kurzen Zeit, da wir schliefen. In besonders kalten Nächten, wenn die pannonische Ebene von sibirischen Winden heim-gesucht wurde, kuschelten wir uns jeweils zu zweit in ein Bett und deckten uns mit vier Decken zu.

Nach solchem Schlafen hinüber zu wechseln in den ebenfalls ungeheizten Waschraum, um mit kaltem Wasser Gesicht und Hände zu waschen, war der Zumutung mehr als zuviel - deshalb unterblieb sie oft. Doch nicht das Turnen, bevor man dick angezogen war: Aufstellung im Hof, ohne Reihenordnung, Trippel-, dann Hüpfschritt, Kniebeugen, Hüftdrehung und einmal Laufschritt. Dann schnell in die Winter-uniform, die aus dunkelblauem Militärstoff genäht war und jedem auf den Körper passte. Der lange Kragenmantel, die Bakanschen und eine Schiffchen-Kappe vervollständigten die allmorgendliche Marsch-Montur.

Anders als bei der Uniform und Wäsche, die wir in schmale Blechspinde einschließen mussten, kam es bei den griffbereit am Mauerhaken hängenden Mäntel oft vor, dass man als Letzter ins Leere griff. Vergeblich das Schimpfen und nach einem Dieb Suchen, das wärmste Kleidungsstück war weg und man musste ohne es den Marsch in die 2 km entfernte Werft antreten.

Nachdem ich diese Härteprobe einige Mal schlecht und recht bestand, doch Mutter von ihrem Sinn nicht überzeugen konnte, beschloss sie Dauerabhilfe zu schaffen. Der maßgeschneiderte, diebessichere Mantel, den ich bald dem bejahend nickenden Erzieher zeigte, hatte eine uniformähnliche Machart, war aber mit Lammfell gefüttert. Und während ich in Zukunft ruhig mal als Letzter in den Umkleideraum kommen konnte, musste stets ein anderer passen: Denn gestohlen wurde nach wie vor, wenn auch nur verständlicherweise deshalb, weil mancher arme Zögling zuhause noch ärmere Geschwister hatte, die auch froren.  

Was zur Werft und ihren Aufgaben zu sagen war, habe ich kurz im Apatiner Heft "Die Apatiner Schiffswerft vor und nach dem Krieg" gesagt. Das Lehrlingsleben insgesamt, die Arbeit als Schmied in Rümpfen und an der Esse, Freizeit, knapper Ausgang, doch Vollversorgung mit Essen, Kleidung, Taschengeld, Bons für Kino, Schuster und Friseur... - in Zeiten der Lebensmittelmarken und allseitigen Wirtschaftsnot machte sich das alles nicht schlecht aus. 

Ideologische Erziehung I

O Jugendfreuden und Jugendleiden,
ihr liegt so oft nahe beisammen,
und es ist unmöglich zu vermeiden,
dass Himmel und Hölle liegen beisammen.
Unsere Freuden, ein bunter Wiesenstrauß
und ebenso frisch und natürlich,
die Erzieher machten ein Leiden daraus,
wie es ihrer strengen Ideologie gebührlich.

Sie achteten, damit wir uns plagten,
bei vier Stunden Arbeit und vieren Büffeln.
Pausen dazwischen sie meist versagten
durch lästiges, ewiges Beschnüffeln.
Sie konnten leicht, sie waren ausgeruht,
stolz vor uns daher marschieren.
Was sie uns lehrten war oft nur gut,
um vor dem Publikum zu brillieren,
auch vor strammen Kommissionen,
die aus Männern des gleichen Schlages;
sie kamen, um Musterknaben zu belohnen,
bei Ehrung irgend eines großen Tages.
Solcher Tage gab es im Titostaat viele,
benannt nach manchem großen Held,
der kämpfte und starb für Titos Ziele
und dem man ein Denkmal aufgestellt.
(Es gibt wenige Länder auf der Welt,
in denen so viele Bronzemänner stehen.
Da nun Titos Heldenruhm zerfällt,
wird auch die Heroen-Ehrung vergehen.)

Ein Internat voll Halbwüchsiger zu erziehen, ist, auch ohne ideologische Motivation, keine leichte Aufgabe. In unserem Alter verspürten wir noch keine allzu starken natürlichen Wünsche zur Selbstbeschränkung. Das hieß, dass keiner von vorneherein brav sein wollte, nur um den Erziehern zu imponieren. Wahrscheinlich deshalb, weil sie grundsätzlich alles verboten, unterdrückten und mit Ausnahmen geizten, ganz gleich, ob sie einen guten oder schlechten Schüler vor sich hatten.

Der Erfolg solcher Erziehung war voraussehbar: Konnten in der Schule gute Noten bald auch eine dauerhafte Beliebtheit bei den Lehrern schaffen, also einen gewissen Rangunterschied in der Klasse erwirken, so hatte im Heim die vorprogrammierte Knute kommunistischer Gleichheit entsprechende Folgen. Für meine engen Freunde und mich bedeutete das: Dort Lob und Auszeichnung - hier Stubenarrest und Strafarbeit.

Je mehr sich diese Willkür wiederholte, um so durchsichtiger wurde sie, als Unvermögen unfähiger Erzieher, die ihre 'Befähigungen' in Schnellkursen bei vernagelten Parteimenschen erhielten. Im Endeffekt gelang ihnen während der drei Lehrjahre, bei keinem einzigen Lehrling, die vollkommene Umerziehung zum wahren Kommunisten.   

Ideologische Erziehung II

Bei Aufmärschen durch geschmückte Gassen
unsere Werftuniformen sauber glänzten,
auch die weißen Handschuhe zum Erblassen
der Gaffer, welche das Fest ergänzten.
Und wieder Lieder und wieder Parolen
- wir kannten sie schon im Schlaf -,
was Helden sind und was sie sollen,
wir wiederholten es laut und brav.

Was das viele Marschieren bezweckte
blieb uns nicht zu lange verborgen:
Wenn irgendwo ein Feind sich regte,
sollten wir die Abschreckung besorgen.
Dazu übten wir mit Attrappengewehren
aus braun lackiertem Weidenholz,
und probten den Angriff und das Wehren
und waren beim Siegen mächtig stolz.
Man sagte, der Feind sitze im Westen
und rüste sich zum großen Kriege;
seine Dollarhilfen seien nur Gesten,
mit denen er die naiven Bürger belüge.

Kapellmeister Engelhard

Doch irgendwas fehlte beim Marschieren
dem Viktor, unserem höchsten Erzieher:
Er wollte mit uns etwas probieren,
was er kannte noch von früher,
aus der Zeit der Königsdragoner; wenn
die schneidig ritten mit klingendem Spiel,
so hat man nie was schöneres gesehen.
Unseren Märschen fehlte so ein Profil.

Dies zu verändern war nur einer imstande,
ein Musiker mit Nerven für die junge Bande,
der auch als Lehrer hatte einen guten Namen:
Bei Gyula Engelhard kam das zusammen.
Er begann mit Testen und mit Proben
wer für welches Instrument geeignet.

Eine Heimkapelle, aus der Taufe gehoben,
wurde dem Festprogramm übereignet.
Mit dem ersten Marsche auf die Straße,
in der Feierformation an der Spitze vorn,
spielten wir spritzig wie große Asse;
ich auf dem blitzblanken Flügelhorn.
Takt und Stechschritt wie geschossen,
die leichten Melodien gut eingeübt,
so bliesen wir Jungen unverdrossen,
wie es das Publikum immer schon liebt.

Nach Märschen waren Walzer an der Reihe
und danach diverse Polkas schmissig
und was der leichten Muse zum Gedeihe,
wir wurden dessen niemals überdrüssig.
Und übten und paukten über Stunden,
weil es mit besonderem Reiz verbunden
zum Tanz der Jugend im 'Dom' aufzuspielen
und vor schönen Mädchen zu brillieren.

Anderen geprobten Konzertmelodien
blieben jegliche Erfolge versagt;
übersteigend unsere musischen Phantasien
passten sie ebenso wenig in unseren Takt
wie Meister Gyula zum großen Beethoven.
Er war und blieb der Tanzsaalfürst.
Dort fand er die Herzen der Frauen offen
und hat auch mehr als eine geküsst.

Diesen Menschen - und ob ich ihn verehre! -
und seine Lehrstunden möchte ich nicht missen.
Sie gingen zu Ende mit der Lehre;
und die Noten hat die Zeit zerrissen.

Mit Engelhard hatte unser Internatsleben eine neue Dimension. Ob probend oder nur zuhörend, jeder war an seiner Anwesenheit - 3 bis 4 mal in der Woche - beteiligt und in eine musische Stimmung entführt. Das hat sich sowohl auf die allgemeine Disziplin, wie auf die Laune jedes Einzelnen, der immerhin den ganzen Nachmittag Eingesperrten positiv ausgewirkt.

Was das 'Blitzende' der Instrumente angeht, so war das nicht nur ein Effekt des Sidols, es war der freiwillige Beitrag des Apatiner Instrumentenmachers Gyula Horn, eines deutschen Meisters um die Ecke, dem wir die schnelle Zusammenstellung der Kapelle zu verdanken hatten. Horn war ebenso selbst-verständlich Lagerfrei, wie viele andere Fachleute, auf die die neuen Ortsherren nicht verzichten wollten.

Natürlich kam auch bei ihm im Augenblick der Razzia der nationale Faktor 'Wahlungar' oder 'Gemischt-deutscher' zur Geltung. Diese Losungen hatten, in Verbindung mit fachlichen Fähigkeiten und ganz gleich ob selbstzeugend oder von Fremden vorgebracht, eine Macht, die lebenserhaltend sein konnte. Im Laufe der Jahre, die den Landsleuten in den Lagern Not und Tod brachten, kamen sie oft zur Geltung. Und die sie gebrauchten, dachten wie viele Absetzer von der Front: "Lieber einmal feige, als immer tot".

Engelhard hatte auf diese Weise auch Glück; ähnlich ihm der Symphoniker Kartali, unser Erdkundelehrer, der im örtlichen Musikleben eine niveauvollere Rolle spielte, doch nicht so populär war. In den Sälen der großen Gastwirtschaften fanden, Dank der lagerfreien Musiker, manche schönen Konzerte, Kabarett- und Tanzveranstaltungen statt. Bei den kläglichen Versuchen, uns Blechler ins Kunstleben einzubauen, mischte der Dirigent Nagy - auch Leiter der Musikschule - einige Internatsbläser unter die Symphoniker. Doch der Glaube, wir könnten von Beethovens Muse zu Höherem angeregt werden, trügte. Da wir vom Lesen der Symphonienoten noch weit entfernt waren, brachten wir nur einige - sicher sehr störenden - falschen Töne zustande.

Da war doch ein Blasmusik-Konzert" im 'Dom Kulture' was anderes. Wir auf der Bühne und die Jugend im Saal schwelgten gemeinsam im Rausch des falschen, doch taktvollen Spiels, nach dem sich die Mädchen drehten, dass ihre Kleider und Röcke paradiesische Anblicke freigaben. Dank solch flotter Musik, durften natürlich auch die Herren Musiker abwechselnd das Tanzbein schwingen und den Lohn für den Einsatz auf der Bühne an Ort und Stelle kassieren. - Fast drei Jahre dauerte diese schöne Zeit und machte das Apatiner Glück vollkommen.
 
Marxistenprüfung

Die Zeit, die große Wächterin des Lebens
misst knapp, um vielem gerecht zu werden.
Das Murren gegen sie ist vergebens.
Sie ist ein Maß des Geschehens auf Erden.
Das zweite, ebenso tragend wie sie
liegt in den Händen der Gesundheit;
seine Auswahlnormen erfahren wir nie,
auch wenn wir studiert und sehr gescheit.
Ein drittes muss ewiges Rätsel bleiben,
es liegt in uns am tiefsten vergraben,
kann uns hemmen oder zur Eile treiben,
behindern oder fördern unsere Gaben.
Bestehend aus etwas Glück und Talent,
aus Vor- und Nachsicht desgleichen,
hilft es uns alltäglich und permanent
was vonnöten leichter zu erreichen.

Mit Bercsek, einem guten Apatiner Freunde
- wir hatten den gleichen ehrgeizigen Willen -
ging ich zu einer Neusatzer Prüfgemeinde
mit höheren polittechnischen Lehrzielen.

Das tat ich gegen mancherlei Bedenken.
Mein Ego musste sich sehr verrenken,
damit es in die Prüfschablonen passte,
in Regeln und Normen einer Lehrerkaste,
die so unlogisch und human verworren,
als ob sie auf dem fernen Mars geboren.

Sie fragten viel, niemals was sie sollten,
was einem technischen Beruf gerecht:
Darwins Lehre hat ihre Sorge gegolten
- das Ergebnis war entsprechend schlecht.
Denn derlei Wissenschaft war mir fremd.

Ich kannte nur die Schöpfung aus der Bibel,
und erwähnte den Herrgott etwas verschämt.
Das nahmen die Marxistenprüfer übel.
Da regte sich in mir wie selten mal
eine innere Triebkraft mit voller Gewalt;
sie schmetterte Argumente in den Saal
und gebot den diffusen Fragen halt.

Es folgte eine quälend lange Pause...
Dann nahmen sie mich zur Probe auf.
Ich setzte ein großes Versprechen drauf,
und mein Freund fuhr alleine nach Hause.
Er hat meinen Widerstand nicht verstanden,
denn er ahnte nicht, dass es mir wichtig,
anzutreten gegen die Materialistenbanden,
weil mir ihre Lehren zu durchsichtig.                   

Die Aufnahmeprüfung hatte sich schon ungut angelassen. Um den morgendlichen Termin vor der Kommission nicht zu verpassen, waren wir schon am Abend vorher angereist. Im Warteraum unter balkanesischen Verhältnissen zu übernachten, war nicht gerade verlockend. Ein wenig Geld hatten wir und auch den Mut, uns auf die Suche nach einem besseren Zimmer zu machen.

Zwei siebzehnjährige Provinzler am späten Abend allein in einer Stadt unterwegs, das wirkt sich nicht gerade positiv aus. So viel wir auch marschierten und zuerst bei größeren und dann bei kleinsten Pförtnerlogen vorstellig wurden, kein Hotelhüter wollte uns hineinlassen. Doch schlafen sollten wir schon, um nicht noch mehr gegenüber den städtischen Prüflingen ins Hintertreffen zu geraten.

Zum Glück war der Abend recht mild, und als er begann in nächtliche Dunkelheit überzugehen, setzten wir uns auf eine Parkbank und nahmen die bequemste Stellung ein, deren unsere müden Beine bedurften. Als eine Stunde vergangen war, wurde aus dem bequemen Sitzen ein unbequemes Liegen und bald danach ein tiefer Schlaf.

Gegen Mitternacht rüttelte jemand an unseren Schultern. Er tat es so energisch und ausdauernd, dass wir schließlich hellwach wurden. Ein Milizionär: - Habt ihr Ausweise? - Ja. - Her damit. Lange hüpfte der Strahl seiner Taschenlampe zwischen den Ausweisen und unseren Gesichtern hin und her. Dann warnte uns der nachsichtige Ordnungsmensch vor unliebsamen Subjekten und ließ uns weiterschlafen.

Auf der harten Bank wurde es immer kühler und ungemütlicher. Bei der ersten Spur von Hellwerden und den ersten Passanten, die durch den Park eine Abkürzung zur Arbeit nahmen, standen wir gerne auf und gingen zu einem plätschernden Artesibrunnen. Danach ging’s zum erstbesten noch oder schon offenen Wirtshaus, wo wir eine Kleinigkeit aßen. So erschienen wir unter den Ersten und recht frisch und munter vor der Prüfungskommission.

Sie bestand aus zwei Männern und einer Frau und wollte unseren Wissensstand erfahren in Mathe-Physik, serbischer Muttersprache, Geschichte und - Biologie. Letzteres war der Pferdefuß "Darwinscher Lehren", den wir zwar sofort erkannten, gegen den wir aber in keiner Weise gewappnet waren. Wir hatten nicht gelernt, uralte Naturereignisse mit Menschen, Tieren und Pflanzen als Mittelpunkt in Lenin'schen Denkschablonenzu erklären. Das nahm uns natürlich die strenge, blasse Fragerin krumm und ließ uns durchfallen.

Heute noch frage ich mich: was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich nicht gegen die Durchfallnote -1- protestiert? Außer diesem Weg zur höheren Bildung, gab es damals, 1951, für mich keinen. Jedenfalls wäre ich als Mechaniker, trotz bester Gesellennoten, nie glücklich geworden. "Wem der Stift mehr als die Feile liegt, der feilt sich vergeblich die Hände wund. Der Stift ist doch der, der am Ende siegt und sein Besitzer bleibt länger gesund."

Vom Meister in der Werft, über den Vorarbeiter bei den praktischen Übungen in den Ferien und bis zum Arbeitsvermittler in der bundesdeutschen Arbeitslosigkeit - keiner konnte mir einen Erfolg im Mechanikerberuf voraussagen. Dagegen fand ich in der technischen Planung auf anhieb die 'goldene Ader' und konnte ihr mühelos - auch ohne Ingenieurdiplom - vierzig Jahre lang folgen. (In donauschwäbischem Wert ausgedrückt: Nach 5 Jahren in einem Ludwigsburger Konstruktionsbüro, Beteiligung zu 50% an einem Hauskauf; bis zur Heirat stand das eigene 2-Fam.-Heim; nach dem Scheidungseinbruch auf zwei Eigentumswohnungen umgebaut; mit Marika, meiner tüchtigen zweiten Frau und den freiberuflichen Einnahmen eine Wohnung in Szeged und ein Haus in der Tiefebene erworben; nebenbei noch die Tanya zum 'Paradies' gemacht; mit Fünfzig aus der Büropflicht 'ausgestiegen', zugunsten eines Lebens nach eigener Bemessung von Arbeit-Freizeit.) Zweifellos wäre der Lebensweg des Mechanikers, wo immer er schicksalhaft hingeführt hätte, wesentlich steiniger gewesen.

Wie sehr die polittechnische Ausbildung damals in Jugo gefragt und geschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass eine bestandene Aufnahmeprüfung zugleich die Vollversorgung als Zögling im 'komfortablen' Internat garantierte. (Die halben Gänsefüßchen beziehen sich lediglich auf die Küche; Personal, Gelände, Zimmer und Ruf des Hauses waren altbewährt und in Ordnung.)

Kommunistische Ingenieure

Sie hatten Macht und das Programm
als parteiamtlich berufene Professoren;
wir Studenten nahmen alles, wie es kam,
auch wenn es oft sinnlos und verworren.
Die Ingenieure nach ihren Lehrschablonen
hatten vitalen Kriegspionieren zu gleichen,
die an der Front ihr Leben nicht schonen,
damit die Truppen ihre Ziele erreichen.

Da war vornan die eiserne Disziplin
und Schießübung - immens wichtiges Fach;
Turnen gab’s vor jedem Unterrichtsbeginn,
Gleichung und Toleranz kamen weit danach.
Heim und Schule glichen einer Kaserne,
im Hof hat immer eine Gruppe exerziert.
Das sahen die Offizier-Erzieher gerne.
Und die Verweigerer wurden schikaniert.

Hier gab's keine Musik mehr zum Marschieren.
Zöglinge trugen echte, geladene Gewehre,
die für unerlaubtes, heimliches Ausprobieren,
Strafe brachten im Kodex der Soldatenehre.
Wir feierten manche bekannten Heldentage
mit Defilee und feierlichen Eskapaden
und steigerten sie in ideologische Gelage,
mit Delegationen, die höchst dazu geladen.

Nach dem Muster alter Devotalienspiele,
in Rollen der Heroen oder Feinde,
brachte man revolutionäre Beispiele
vor die Augen der erlauchten Gemeinde.
Der Held, nach seinem Kosenamen
‘Pinki’ war unsere Lehranstalt benannt,
hielt eine Stellung, die vom Feind berannt,
bis die entlastenden Parteikämpfer kamen.

Heroische Siege den Legenden nachgedichtet,
Partisanen gefeiert, Gegner hingerichtet;
so musste es im Nachhinein geschehen,
denn so wollte das Ehrenpublikum es sehen.

Was wurde da aus schulischem Fachwissen,
wo blieb es in solchem Lehrprogramm?
Da Energien in der Schau zerschlissen,
scherte man, was blieb, über einen Kamm.
So entstanden die technischen Funktionäre,
die sich streng an Instruktionen hielten.
Sie gereichten nicht dem Beruf zur Ehre,
auch wenn sie manches Soll übererfüllten.

Eine absolut totalitäre Erziehung nach Sowjetmanier, schafften die Titoleute gleich nach dem Krieg noch nicht. Und was sie mit viel Pionierschwung zuwege brachten, wurde durch den KOMINTERN - Konflikt je abgebremst. Das brachte wiederum die Umerziehung in Lenin- und Stalin'schem Sinne, kaum dass sie erste kleine Früchte trug, in einen chaotischen Zustand: Schmissige Marschlieder wurden von heute auf morgen umgetextet, Parolen plötzlich ausgewechselt und hektisch-schnell neu einstudiert, Wandgemälde eingemottet, Standbilder gestürzt - und alles geschah fast kommentarlos und in einer Eile, die keine Zeit für Fragen übrig ließ.

So wurde auch aus den geplanten 'ideologischen' Ingenieuren der Weltklasse nur solche mit Titoistischem Einschlag. Planwirtschaft im Fünf-Jahres-Rhythmus bekam einen kleinlichen, lokalen Rahmen. Es wurde von vielen neuen Fachleuten kaum theoretisch verarbeitet, was sie in die Praxis umsetzen sollten: Es durfte nicht dem sowjetischen Vorbild ähneln, sollte aber auch weit vom kapitalistischen Muster entfernt sein. Linientreue Ratlosigkeit machte sich breit.

Das Ei des Kolumbus schien neu entdeckt, als der Slowene Kardelj, aus dem Zentralkomitee, die Parole von der alleinseligmachenden Arbeiterselbstverwaltung ausgab. Die alte Utopie 'jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinem Bedürfnis' musste zugunsten der neuen weichen, welche die fähigsten Ideologen zu Direktoren machte, auch wenn sie zu ungeschickt waren, ein Bleistift und ein Lineal gerade zu halten. Dass sie in ihren Positionen nichts brachten, schien niemanden zu stören, da sie leicht ausgetauscht werden konnten. So begann die Rotation der Unfähigen schon zu meiner Studienzeit. Und sie hielt sich erstaunlicherweise, so lang Tito lebte, oder sie wurde, genau wie er viele Jahre künstlich am Leben gehalten.

Das Amerika-Haus im Neusatzer Stadtzentrum wurde von der Bevölkerung mit Begeisterung angenommen, noch bevor sie genau über den Bruch mit Moskau informiert worden war. Wir, die wir durch die Umtextung unserer Marschlieder besser informiert waren, wussten genauer, warum uns die Dauer-Ausstellung im Haus mit der Amerikanischen Fahne so gefiel. Doch weder die Unwissenden, noch wir redeten darüber.

Literarische Sektion

Junge Menschen werden nie zu Maschinen,
auch wenn sie wie solche jahrelang gehalten,
in sturen Formen oder strengen Schienen,
um Zweckprodukte aus ihnen zu gestalten.
Dem Körper kann die Macht befehlen,
ihn ihrem Willen biegen oder brechen;
im Geiste bleiben unberührte Zellen,
die eines Tages die Schikane rächen.

In Stunden, da der Körper im Schlaf
sich für neue Pflichtübungen rüstet,
bleiben unzufriedene Gedanken nicht brav,
weil es sie nach neuen Abenteuern gelüstet.
Sie fliehen fort aus den Gefängniswaben,
wie flinke Ameisen aus einem Jutesack;
auch wenn sie nur im Traume Freiheit haben,
sind sie gut gerüstet auf den fernen Tag.

Der kam plötzlich in einer Englischstunde,
mit der Sprache, die ohne Zwang gelehrt.
Ein Gedicht machte mühsam seine Runde
vor einem Lehrer, den wir still verehrt.
Er verstand die Kluft zu überbrücken,
die bloßes Büffeln von dem Denken trennte;
der auch Techniker wusste zu beglücken,
mit einer Muse, die sein Fach verschönte.

Tief und tiefer wurde so das Interesse
an der geistvollen neuen Lektion.
Als Gegengewicht zur parteihörigen Presse
gründeten wir eine literarische Sektion,
die uns lautlos sollte bald entführen
in das Reich, den freier Geist bewohnte.
Nebenbei durfte sich auch profilieren,
wer seinen Pegasus schon reiten konnte.

In alter Garage mit Wellblech überdacht
probten wir schwülstige Rezitation,
zeigten, was wir verfassten in der Nacht
zur Förderung der originellen Sprachaktion.
Gestärkten Mutes versuchte unsere Runde
bald die Öffentlichkeit zu überzeugen.
Doch Fortuna fehlte in unserem Bunde:
Die rohe Gewalt wusste uns zu beugen.                      

Ein längeres Gespräch mit dem Direktor, unter vier Augen, ist mir noch gut in Erinnerung. An einem Wochenende lud er mich zu sich in sein Erbhaus, im vorstädtischen Gartenbereich ein; und ich konnte nicht genug staunen, als ich sah, dass bei dem Elitekommunisten schon die Idee verwirklicht war, nach der die Lenin'sche Lehre ihren Gläubigen schon auf Erden das Paradies bescherte.

Bequem in Wohnzimmersesseln bester Qualität sitzend, gab ich ihm Rede und Antwort. Zum Schein hörte er kritiklos und offen dem 'ganz mitgehenden' Schwaben zu, den er im zweiten Studienjahr zum Sprecher seines Jahrgangs und damit zum Kandidaten der Partei auserkoren hatte. Er - sein Name war, glaube ich, Jovanovic - , der allmächtig über Schule und Internat zu wachen hatte, tat außerdienstlich leger und warf lediglich hie und da eine Bemerkung ein, ließ mich sonst frei von der Seele reden.

Alles, was im Internat geschah, sollte zur Sprache kommen, doch auf eine Art, wie er sie bis dahin zur Bespitzelung gewohnt war anzuwenden: Zuerst ganz auf der Seite des Berichtenden, danach alle Register ziehend zur raffinierten Beeinflussung und letztendlichen Gehirnwäsche. Was ich ihm jedoch bald bot, war genau das Gegenteil von dem, was er zu erreichen Beabsichtigte. Statt der Einsicht eines Musterknaben, bot ich ihm Kritik des Aufmüpfigen, und an Stelle der Bespitzelung eine bittere Anklage.

Immer stiller und entsetzter hörte mir der perfekte Apparatschik zu, um nach ungefähr zwei Stunden, mit einer Stimme wie ein Überdruckventil, loszupfeifen. Ich sei nicht gut beraten und auf dem falschesten aller möglichen Wege nach oben. Anstatt mich zum Sprecher des Internats - von 150 Studenten in 8 Lehrräumen - vorzubereiten, sah ich überall nur das Schlechte, und strebte schließlich mit der Mutter eine Ausreise nach Deutschland an; das sei die reinste und gemeinste Reaktion! Für so etwas hatte er überhaupt kein Verständnis. Zuerst müsste ich unbedingt das Studium beenden, bevor ich an Auswanderung denken konnte.

Und was das literarische Talent anginge, so musste sich dieses nicht zum Schaden der Anstalt austoben. Die Berichte, die ich dem 'Dnevnik' (Neusatzer Tageszeitung) schickte, müssten ein Ende haben, etc. etc. In seiner Stimme hatte Drohung die Lauer abgelöst, um zum Schluss wieder zu raffinierter Jovialität zurückzukehren. Ich solle doch öfter mal am Wochenende, auch ohne Einladung, bei ihm vorbeischauen.

Ich tat es erst, als ein Freund, nach einem Fahrradunfall, bei ihm ein paar Tage gepflegt wurde und ich den Fortschritt der Genesung erfragen wollte. 

Kritischer Geist

Schreibt der Mensch gerne, kann es sein,
dass Zeiten der großen Versuchung kommen,
sich an Themen zu wagen, für die er zu klein,
bei denen er sich leicht übernommen.
Auch gibt es der Versuchung viele
den Stift als tückische Waffe zu verwenden,
ihn einzusetzen für unwürdige Ziele:
Mitmenschen zu belügen oder zu blenden.

Die Jugend ist am ehesten bereit
Schranken schreibend zu überspringen.
Sie hält sich dabei noch für gescheit
und den Effekt für ein großes Gelingen.
Doch schlecht ist das Schreiben mit Emotion,
großes Reden ist kein großes Schreiben...
- Vieles Ähnliche lehrte uns die Sektion.
Den Lehren versuchte ich treu zu bleiben.

Bald ergab sich eine gute Gelegenheit:
Der Direktor verlangte einen Bericht,
in dem viel Lüge und arge Gemeinheit
erstrahlen sollten in schönem Licht.
Verschönen gehörte zur Tagesordnung,
wie das Sattsein zum leeren Magen
und Speichellecken der Testabordnung,
anstatt ihr die Wahrheit zu sagen.

Mein Bericht fand sich fristgerecht
auf dem Mahagonitisch der Leitung.
Er zitierte seitenlang, was schlecht
bei schwacher Heim- und Schulverwaltung.
Dass uns täglich die Küche betrüge,
indem Fleisch verschwand aus dem Essen.
Wie die Wäscherei uns frech belüge,
wenn sie mit Absicht das Waschen vergessen.
Dass der eine Erzieher oft betrunken,
der andere uns gerne schikaniert.
Und ehrliche Zöglinge von Halunken,
bei unfairem Handel hinters Licht geführt.
Auch, dass Marschieren eine hohle Manie
und ein sinnloses Befehle-Schlucken.
Den Starken gehöre alle Sympathie,
die Schwächeren müssten sich ducken...
Noch manches, was ein offener Blick
im Heime an Missständen leicht entdeckte
und was lohnte eine heilsame Kritik,
ich mit Fakten und Zahlen belegte.

Der Leiter las mit steinernem Gesicht.
Dann ließ er mich grußlos gehen.
Was er dachte, verriet er mir nicht.
Sein Büro hat mich niemals mehr gesehen.                   

Wahrscheinlich war es der Direx, der unsere literarische Sektion in dem  Augenblick abwürgte, als sie begann mit der Öffentlichkeit zu korrespondieren. Solange wir in der Garage unter uns blieben, behinderte uns niemand, nur als wir an die Öffentlichkeit gingen, kamen die Querschläger. Der erste Versuch blieb der letzte. Und nur unser Sektionsleiter, der 'Englischprofo', wusste warum.

War es unser Freimut oder seine durch die Englischkenntnisse verdächtige Person - es wird ewig im Dunkeln und möglicherweise im Regal der 'schwarzen Listen' versteckt bleiben, von denen heute noch kritische Jugos vage berichten. Sei es wie es will, was wir in einem Vierteljahr - zweimal wöchentlich - in der Garage über das Schreiben lernten, ist mir so frisch und nützlich in Erinnerung, als ob ich es gestern gehört hätte. Neben dem stumpfen Büffeln für die Ideologen, war die Sektionslehre für den lechzenden Geist ein Manna, das ihm allein ein Durchhalten in der geistlosen Dürre ermöglichte.

Unter den Lehrweisheiten aus der Garage, ist auch die, dass 'der erste Gedanke nie der beste ist'; demnach darf man ihn nicht als endgültig niederschreiben. Ich, der ein Berufsleben lang von 'ersten' Ideen nicht schlecht lebte, meine: Nur der energische Schwung des ersten Gedankens kann die nach-folgenden lahmen mitreißen. Doch gleich danach gebe ich zu: Hat der erste den rechten Weg gefunden, so ist seine Aufgabe erfüllt und er ist möglicherweise so abgenutzt und verbraucht, dass er aufgefrischt oder ersetzt werden muss. Stellt man aber alle ersten, spontan reinen, den zweiten, bearbeiteten, in  Ruhe  gefeilten  gegenüber,  so  gibt   es für mich keinen Zweifel, welche mir mehr Nutzen brachten. Nur den 'ersten' habe ich eine seit zwölf Jahren materiell gesicherte, sorglose Existenz und Heilung der diversen Stresswehwehchen zu verdanken.

Zurückschauend ist so ein Mensch wie der Engländer - dessen Name so ähnlich klang - ein Meilenstein auf dem Lebensweg jedes jungen Menschen. Ihn nicht zu erkennen, heißt für Jahre - wenn nicht für immer! - den Irrwegen zu folgen, die nie zur Selbsterkenntnis führen. Dass wir niemals gleich sind und nie auf die gleiche Art Erfolg haben können, war eine der originellen Ideen, die der kluge Mensch in abendlicher Runde, wie von ungefähr zum Besten gab. Ich stelle mir phantastische Möglichkeiten vor, die mir (uns) offengestanden hätten, wäre ich in der Nähe dieses Menschen geblieben. Doch Ende des 2. Studienjahres kamen plötzlich die Ausreisepapiere, die der literarischen Sonderlehre ein Ende machten.

Schreibversuche

Der Junge kann es, also schreibt er.
Ob gut oder schlecht, er muss es machen.
Mit etwas Talent schreibt er leichter,
egal ob Leser darüber weinen oder lachen.
Es gab eine Feier zum Jahresbeginn
- Mädchen waren natürlich willkommen -
da sollte etwas mit tieferem Sinn
auf der Bühne zum Vortrag kommen.

Der Aufgabe stellte ich mich liebend gerne
und schrieb, ja dichtete, so gut ich konnte,
dies und jenes, was den Anlas lohnte,
wo sich Pointen fanden auch ohne Laterne.
Zum Beispiel, ein Pärchen auf einer Bank
koste und küsste sich liebesbesessen,
und wie der Jüngling beim Erwachen krank
von der Liebe, die nur ein Traum gewesen.

Die Verse reif für das Poesiealbum,
weil entsprechend sinnig und heiter...
Nach ihrem Vortrag bekam ich darum
Applaus von der Jugend, Lob vom Leiter.
Manche rieten mir, weiter zu machen,
und sprachen mir damit aus der Seele.
Ich schrieb noch weniges zum Lachen,
mehr über das Kritische und Reelle.
                      
Zwei-dreimal jährlich kamen wir mit den Mädchen der LBA - serbokroatische Lehrerpräparandie - zusammen, um irgendeinen Feiertag-Nachmittag bis abends zehn Uhr durchzufeiern. Die wechselnden Gastgeber hatten für Verköstigung und Unterhaltung zu sorgen. Höhepunkte des Programms bildeten das Abendessen und der Tanz nach der Musik einer angeheuerten Jugendgruppe.

Als Ablenkung vom Abräumen und Beseitigen der Tische, musste ich meist mit meinen heiter-bissigen Versen zu Tagesthemen überbrücken. Die kleinen Sachen kamen gut an... und wäre ich noch länger im Internat geblieben, mein Ruf als Hausdichter (in Serbokroatisch) hätte sich soweit gefestigt, dass er mir möglicherweise das gesamte Studium und evtl. die anschließende Kariere beeinflusst hätte - ob positiv oder negativ, weiß ich allerdings nicht.

Aus heutiger Sich bin ich nur über die Gewissheit froh, dass mir jeglicher Versuch, bei den Jugos einen 'Weg nach oben' zu suchen erspart blieb. In den Sommerferien ' 53 erfuhr ich von der Mutter, dass unsere Papiere zur Auswanderung nach Deutschland, vielmehr zum Bruder Hans nach Ludwigsburg, beisammen seien.

Mit meinen neunzehn Jahren war ich für Jugo-Verhältnisse volljährig, konnte unabhängig von der Familie über Bleiben oder Gehen selbst entscheiden. Als ich mich in Neusatz abmeldete, klärte man mich über diese Tatsache eingehend auf; und das wiederholte sich im Apatiner Rathaus um einige Stufen suggestiver. Doch meine Entscheidung war gefallen, und beide Parteiwerber gaben mir die Abmeldungen und versicherten mich, mit einem Händedruck, ihrer 'bleibenden Freundschaft'.

Wenn ich mich damals fragte, wieso ich unbedingt auswandern wollte, glaubte ich tief im Inneren, mich würden die deutschen Dichter heimlich rufen ( ! ). Den Floh, den mir der Englisch-Professor ins Ohr gesetzt hatte mit der Voraussage, dass ich in Deutschland 'sicher' ein Buch schreiben würde, machte mich ganz verrückt vor Erwartung der kommenden Möglichkeiten.

Da nun aber die wenigen - durch die Lektüre in der Bibliothek der 'Matica Srpska' bekannten und hoch-verehrten - deutschen Geister, alle im vorigen Jahr-hundert gelebt hatten, hatte ich etwas Bedenken, dass sie mich sicher würden durch das endlose Bücher-Meer im riesigen Deutschland führen können; die Attribute endlos und riesig entstanden aus der Relation zu den großen Bücherauslagen in dem vergleichsweise kleinen Jugoslawien.

Nur, dass ich mich weder von den Sektionsfreunden, noch von Klassenkameraden und dem feinfühligen Velimir mit der begnadeten Rundfunkstimme verabschiedete, tat mir lange leid; die Ansichtskarten an die Schuladresse waren nur Alibigrüße, die vielleicht die Empfänger, niemals aber mich beruhigen konnten. Gleiche Karten gingen noch an den Lokalredakteur des Neusatzer 'Dnevnik' und eine alte Reporterin, von der ich einige Presseschliche gelernt hatte: Wie ich meine Anfänger-Reportagen - z.B. die über das 'Pinki-Jubiläum' und die Eröffnung des Volkskundemuseums - mit ansprechenden Pointen spicken sollte, damit sie sicher angenommen würden. Der 'Heroj-Pinki' machte es mir leicht, da unser Internat an seinem Sterbetag die Aufgabe erhalten hatte, seine Heldentat am Ort des Geschehens - auf einem Plateau der Fruska Gora/Frankengebirge - nachzuspielen und, von allen, die dabei waren, nur ich die Zeitungsschrift beherrschte. Das Museum war ein ganz und gar 'erwachsenes' Thema, und wenn mir die geschickte und erfahrene Zeitungsdame nicht mit Rat - was unbedingt und was auf keinen Fall - und Tat - wie und wo beginnen und enden - geholfen hätte, es wäre wohl mein erster und letzter Auftrag vom Lokalen geworden. Das routinierte Aussehen des Artikels und die Frische meiner Formulierung wirkten wie ein Zauberstab, der mir alle Türen beim Tagblatt und allen nachrangigen Jugend- und Studenten-Blättern öffnete.

Dass unser Internatsleiter mit derlei 'Nebentätigkeit' seines kandidierten Schulsprechers nicht einverstanden war, erwähnte ich schon. Mein Abschied von ihm, seiner Institution und dem ganzen Land enthob ihn - sicher mit erleichtertem Aufatmen - nach Mittel zur Einstellung meiner aufkeimenden Schreibfreiheit zu suchen. Bevor ich Neusatz verließ, schrieb ich mir noch mit den beiden Gedichten 'Dunave' und 'Ako slabic nisi' (Wenn du kein Schwächling bist) den Abschieds- und Aufbruchsfrust von der Seele; beide fanden zwanzig Jahre später einen 'ewigen' Platz in meinen 'Gezeiten'.

Wer meine ersten Schreibversuche - beim Rundfunkwettbewerb -, die den Einbruch des Krieges und seine verheerenden Folgen auf die Oberbatschka zum Inhalt haben, mit den beiden Abschieds-Gedichten vergleicht, wird merken, dass mein Weggang aus Neusatz und Apatin eine viel stärkere innere Wirkung widerspiegelt, als das Verlassen meines Geburtsortes. Nur in Verbindung mit den Lagererlebnissen wurde das letztere eine dramatisch einprägsame Angelegenheit.      

Druckerschwärze

Druckerschwärze, Saft umstrittener Güte,
sickernd aus einer rätselhaften Quelle.
So mancher Anfänger die Finger verbrühte,
weil er sie eintauchte an falscher Stelle.
Mal fließt sie daher gefährlich heiß,
brodelnd und mit stinkenden Schwaden,
dann ist sie plötzlich gefroren zu Eis,
spröde und nur schwer zu verladen.    

Ich lernte sie fließend und spröde kennen,
verbrannte die Finger in kritischem Schreiben;
versuchte die Dinge beim Namen zu nennen,
um ihre baldige Besserung zu betreiben.
Das schätzten nur boshafte Redakteure,
die Kameraden kicherten schadenfroh.
Hierarchen fanden, dass ich sehr störe -
mein Freund, der Englischlehrer, ebenso.

Er gab mir lächelnd eine Annonce zu lesen:
darin rief der Rundfunk zum Wettbewerb.
Ein Thema, bei Gott, nicht vergessen;
es lebte noch zu urwüchsig und derb
in meiner jungen, unruhigen Erinnerung.
So roh und scheußlich wie der Krieg
schickte ich das Schlimmste zur Juryrung.
Und heimste dafür einen ersten Sieg.
Doch Zweifel haften an solcher Freude,
die geboren wird aus menschlichem Leide.
                
Faszinierend und aufregend war die erste Begegnung mit der ‘Druckerschwärze’ im eigenen Gedruckten. Die Druckerei des 'Dnevnik' war im Keller des schiffs-ähnlich gebauten Komitatshauses von Neusatz untergebracht. Nachdem ich mit meinen ersten Einsendungen die Aufmerksamkeit geweckt hatte, nahm mich der Lokalredakteur eines Abends in die heiligen Räume der Zeitungsküche mit. Neugierig und aufgeregt wie die Braut in der Hochzeitsnacht durfte ich, so lange wie ich wollte, in der Nähe der Heidelberger Setz- und Druckmaschinen verbringen. Es war jene robuste, um die Jahrhundertwende entwickelte Art, die aus dem spiegelbildlichen Handsatz halbrunde Matrizen goss, aus denen in dem heißen Ofenbeisatz Bleiplatten entstanden. In nur ein paar Minuten waren aus Text, Titelzeilen und Bildermatrizen zwei feste, im Durchmesser ca. 30 cm große Walzenschalen entstanden, die in der Rotationsmaschine viele Tausend Zeitungsseiten drucken konnten.

Dass ich so 'zufällig' meinen eigenen Artikel vom Manuskript bis zum Platz auf der vorletzten Seite der Tageszeitung verfolgen durfte, war eine unbeschreiblich motivierende Sache. War der Eintritt in den Keller der Druckerei mit dem Gefühl in der Brautnacht vergleichbar, so wurde ich beim ersten Ausdrucken meiner Arbeit in die Wonnen des Vaters versetzt, der der Geburt seines ersehnten Nachwuchses, aus sicherer Entfernung, beiwohnen darf. Mein Gesicht muss vor Aufregung geglüht haben, denn der Redakteur machte sich lustig darüber.

Diese erste Begegnung geschah, glücklicherweise, an der 'richtigen' Stelle. Doch es sollten ihr andere folgen, die ziemlich ärgerlich waren. Das kam daher, dass ich dachte, was man bei der Zeitung annahm, sei auch automatisch von der Leserschaft akzeptiert. Zumindest in Bezug auf die Berichte über die Zustände im Internat und ihre Beurteilung durch unseren Direktor war genau das Gegenteil der Fall. Was ich als heilsame Kritik ansah, war bei ihm Kritiklosigkeit und Überheblichkeit und gefährdete die Ruhe und Ordnung bei der Internatsjugend. Kritik durfte nur sein, wenn sie nach unten wirkte, niemals solche, die nach oben zielte.

Aber sag das mal einem feurigen Kopf mit achtzehn Jahren ! Nur gut, dass ich schon begann, Gedichte zu verfassen. Die wurden zwar ebenso kritisch, aber nicht so 'zersetzend' empfunden. Bei ihnen meinte der Direx mit scheinheiligem Lob 'gut, weiter so!'. Ehrliche Kritik, positiver und negativer Art, bekam ich nur vom Englisch-Profo zu hören. Einen himmlischen 'Traum' zerriss er auf der Stelle und entrüstete sich über die darin vorkommenden Engel und Geister, als über verzettelnde Phantastereien. Realistisch und aktuell sollten meine Sachen sein, wenn sie Mitmenschen ansprechen wollten. 

Feiertagsfreuden

Die Erziehung zu dialektischen Materialisten
vollzog sich ohne Gott und seine Lehren.
An großen Feiertagen der gläubigen Christen
musste sich strenge Gottlosigkeit bewähren.
Ohne dass sie den Atheistenzweck betonten,
erdachten sie für Weihnachts- und Ostertage
so viele Übungen wie sie nur konnten.
Diese physischen Tortouren, ohne Frage,
wussten wir meist trickreich zu umgehen.
Häufig zitierend die kranken Verwandten,
die baten, uns ein letztes Mal zu sehen -
mit Telegrammen auf der Heimreise bestanden.
Oder war anderes sehr Dringende zu tun,
dem ausschließlich wir gewachsen waren.
So oder so, wir konnten uns ausruhn
und durften dazu nach Hause fahren.

O herrliche Fahrt in erschlichener Pause;
die Landschaft schmeichelte dem Hochgefühl,
war immer schöner, je näher wir zuhause,
und ganz verzaubert kamen wir ans Ziel.
An solchen Tagen lag meine Batschka himmlisch
glitzernd und kristallen da - oder als Blumenmeer.
Felder und Gärten ein wartender Gabentisch;
nichts auf der Welt, was mir schöner wär...
Batschkaer Gärten und Banater desgleichen,
egal wo wir ihre Nachahmung betrieben,
wir konnten nie eine Ähnlichkeit erreichen
und blieben aus dem Paradies vertrieben.                    

Was die kostenlose Kollektivarbeit der Jugend auf Landesebene, war der freiwillige Einsatz der Internatszöglinge in den Städten. Dort wie hier war ich gefragt. Im fünften Jahr 'führend' dabei, empfand ich es schon langsam als 'physische Tortour', fast jedes Wochenende und an den größeren christlichen Feiertage - an den staatlichen wurde marschiert - den diversen Gemeindeideologen bei der Erfüllung ihrer atheistischen Normen zu helfen. Da gab es einen Donaudamm auszubessern, ein Waldstück von dürren Ästen oder Raupen zu säubern, dort winters Schnee von öffentlichen Plätzen schaufeln oder vergessene Ernten halbverrottet einzubringen. Kein Wunder, dass wir als noch unsichere Kandidaten des Weltatheismus nach Ausreden suchten, um uns mal tüchtig ausschlafen zu können.

Dies nicht des heimischen Kirchgangs oder sonstiger christlicher Demonstrationen zuliebe, damit womöglich die blasphemische Umbenennung von Weihnachten in 'Jahresend-Feier' dort oben ausgeglichen würde. Ja nichteinmal, um zuhause die vernachlässigten Kirchgänge nachzuholen. Was wir mit den 'dringenden Telegrammen' oder sonst wie 'trickreich zu umgehen' wussten, war der Zwang in eine Richtung zu marschieren, mal das Joch für Tage abzuschütteln und frei zu sein in einer Manier, wie sie aller Jugend guttut.

Die Heimfahrten - eine Wohltat in jeder Hinsicht! Wären die Fahrpläne vollständiger und die Verkehrs-mittel pünktlicher gewesen, wir hätten sie wohl jedes Wochenende genießen können. Zwischen Neusatz und Apatin musste man so oft umsteigen, dass jedes Mal auf Hin- und Rückfahrt zwei Tage draufgingen. Lohnen konnten sie sich daher nur, wenn noch ebenso langes Pausieren daheim dazu kam.

Das einzige Gute an dem bummeligen Verkehr, bot sich in der Möglichkeit, die Batschka zu jeder Jahreszeit mit Muße betrachten zu können. Überhaupt bei der Dampferfahrt im Sommer bis zur Anlände Wukowar, die aus dem einfachen Unterrichtsende eine einzigartige Glücksexkursion der Sinne machte. 

Heimfahrt auf der Donau

Ferien und Donau, ein unvergessenes Paar,
das verlobt auf romantischer Dampferfahrt.
Herrlichster Höhepunkt vom Studienjahr,
Erinnerung, die sich ein Märchen bewahrt.
Was war ein Zeugnis mit tristen Noten,
die lohnen sollten Mühe und Fleiß?
Mir kamen sie wie hehre Zauberboten
einer Geleitmission auf höchstes Geheiß.
Schnell gepackt mit zitternden Händen;
ein letzter Gruß und fliegend fort.
Ungeduldiges Warten an Schiffsanländen,
und endlich 'Abfahrt', das Erlösungswort.

Mein Herz schlug an im Takt der Maschine,
kaum dass die Steuermannsglocke erschallt,
und ich grüßte mit entrückter Miene
die purpurne Sonnenkugel über dem Wald.
Ihr Spiegelbild in den silbernen Wellen
blendete mir Augen und Gedanken;
und die vielen vertrauten Uferstellen
boten der Phantasie keine Schranken.

Sie zog ums Schiff immer größere Kreise,
während der sommermilde Abend kam,
und so manche zukünftige Donaureise
träumend auf Deck vorweg ich nahm.
Was ich später über den Fluss sollte lesen
erschien schon als Wirklichkeit vor mir;
doch überall wo ich danach gewesen,
war es viel schöner als auf dem Papier.                     

Etwa in der Mitte zwischen Neusatz und Wukowar gab es noch die größere Anlände Nowoselo. Das war manchmal meine Zwischenstation für einen Abstecher zu Onkel Lorbach, der dort Dorfpfarrer war, bevor er nach Apatin versetzt wurde. Mutter wie Onkel waren eindringlich bemüht, durch je häufigere Aufenthalte im Pfarrhaus mein 'Lotterleben in Apatin' kurz zu halten.

Beim Onkel zu wohnen, hieß sein Gast und Knecht sein, sein Ministrant und Helfer im Weingarten und großen bäuerlichen Hof. Solche Arbeitsferien waren dennoch angenehm. Das Gästezimmer befand sich im straßenseitigen Querhaus zwischen  dem onkelschen Schlafzimmer und der Kirchenbibliothek. Also hatte ich freien Zugang zur christlichen Bildung, aber keinen zum Haustor und der abendlichen Freiheit.

Das war für einen neunzehnjährigen passionierten Entdecker des dörflichen Nachtlebens kein annehmbarer Zustand. Er konnte auch nur so lange andauern, bis ich den Ausweg aus dem Schlafgefängnis ins Freie fand: Er ergab sich, sobald alles schlief, durch einfaches Öffnen meines Gassenfensters und einen wendigen Sprung ins Freie. Von dort in ein Tanzlokal zu gelangen oder zu einer Gruppe muselmanischer Jugend vor irgendeinem kolonistischen Beutehaus, war keine allzu schwierige Angelegenheit.

Was ich bei so einem Ausflug auch unternahm, alles war interessanter als das Internatsleben oder die Kirchenliteratur. Zurück ging es, gegen Mitternacht, auf dem gleichen Weg. Onkel und Haushälterin - die etwa sechzigjährige Wawibäsl - waren mit mir und meinem vermeintlich gesunden Schlaf sehr zufrieden. Bis das Unausweichliche passierte: Die nähere und zeitraubende Bekanntschaft mit einem Kolonisten-Mädchen. Der geheime Freigang wurde, dank der jedermann bekannten, doch nur von der Jugend gutgeheißenen Verzögerung, jeden Abend länger und dehnte sich zuletzt bis in den Morgen. Frühe Passanten sahen entsetzt einen Kletterer ins Pfarrhaus-Fenster steigen und alarmierten sofort den Hausherrn.

Wer, wie, was - in langer Rede und Antwort stellte es sich heraus, dass meine Freundin zwar als anständig und nett auch dem Onkel bekannt war, jedoch zur Familie des muselmanischen Vorbeters, also zu Onkels größter Konkurrenz gehörte. Mein Gastgeber war außer sich. Wenn nicht ohnehin die Ferien bei ihm zu Ende gewesen wären, er hätte mich aus dem Haus gewiesen.

Schön war es in Nowoselo aber auch ohne das Abenteuer. Waren die Morgenmessen - vor fast leeren Bänken - sowie das kaum lohnende Zählen des Opfergeldes (den einzigen Barbezügen der Jugo-Priester in jenen Tagen) vorbei, wurde das volle Tagesprogramm vom schlauen Onkel vorgeschlagen und von mir, mehr oder weniger begeistert, akzeptiert. Da waren Besuche des Weingartens, Fahrradwaschen, Hofarbeiten, genau den vergnüglichen Angel- oder Badeausflügen mit dem Boot eines Bekannten zudosiert. Nebenarme und Inselchen auf der Nowoseloer Donauseite boten ebenso reiche Fischbuchten, wie brusthohe Badestellen, wo keiner den dicken Pfarrer der 'Ungläubigen' halbnackt sehen und verspotten konnte.

Für mich war er die höchste Gläubigkeit und Autorität, der ich badend und bootsfahrend manche interessante kirchliche und geschichtliche Exkursion verdanke. Er war - nicht nur wegen des zweifachen Studienabschlusses als Theologe und Philosoph - ein vorzüglicher Prediger und Erzähler, der sich leicht dem Niveau der Zuhörer anpasste. Politische Schwierigkeiten in der Pfarrei und ewige Werte, wie die der ihr auf Sichtweite am anderen Donauufer thronenden Festung Ilok, bekamen mit wenigen Worten Sinn und Auflösung.

Auch im Kreise der mohammedanischen Umgebung - aus mazedonischen Kolonisten - verstand er sich Freunde zu schaffen. Sogen. 'Schutzengel' der Partei, die auf ihn angesetzt worden waren, konnte er in stundenlanger Rede und Antwort so einwickeln, dass sie ihn für immer längere Zeitspannen in Ruhe ließen.

Einmal wollte ich es genau wissen, weshalb er nicht im Lager war. Ich bohrte so lange, bis er es mir verriet. Kurz vor der Internierung des Ortes, wo er Priester war - ich glaube es war Kernei - tauchte er, zusammen mit anderen schwäbischen Kollegen (der Name Haltmayer fiel auch) bei kroatischen Studienfreunden unter. Obwohl Pfarrhäuser zu den Verdachtsobjekten Nr. 1 zählten, konnten sich die perfekt slawisch sprechenden Schwaben darin viele Monate lang verstecken. Jedenfalls tauchten sie erst dann ganz auf, als Tito mit Rom eine Abmachung über relative Kirchen- und Glaubensfreiheit getroffen hatte. Das muss etwa l947 gewesen sein, denn dann überraschte uns unser 'lagerfreier' Onkel einmal in Gakowa mit einem ansehnlichen Lebensmittelpaket. Beäugt wurden aber die freien Priester weit über das Lager hinaus von ihren persönlichen `'Schutzengeln'.

Nach den angenehmen Ferienunterbrechungen auf halber Donaufahrt, ging es mit einem der letzten Raddampfer bis Wukowar, wo für den personellen Schiffsverkehr Endstation war. Ab da brachte mich ein Bummelzug, mit nochmaligem Umsteigen in Sombor, am nächsten Morgen nach Apatin. Als Internatszögling hatte man kostenlose Fahrt mit allen Verkehrsmitteln. Wären diese nicht so unbequem und langweilig-langsam gewesen, sie hätten einen öfter zu einem Abstecher durch die 'goldene Batschka' verlockt. 

Quelle und Mündung

Donau, Fluss des Gestern und Morgen,
wer kann dich mit Gewissheit ergründen?
Dein Wesen ist offen und doch verborgen,
Wagnis bleibt, sich mit dir zu verbünden.
Mal bist du wie der Spiegel des Narziss,
dann wie des Zauberlehrlings tolle Aktion;
wie ich es sehe, immer bleibt gewiss,
mein Leben ist von deiner Konstellation.

Vom Anfang in den dünnen Zwillingsquellen,
bis weit zu den breiten Mündungsenden;
vergleichend könnte ich manche deiner Stellen
zur Erkennung meines wahren Ichs verwenden.
Der Doppelzug in meinem inneren Wesen
ist gleich Maschinen und Büchern zugetan.
Beide Talente sind mir so bemessen,
dass Nutzen des einen dem anderen untertan.

Dein unbeirrtes Streben nach dem Ziel
hat immer auch meine Lebensart bestimmt.
Mit dir will und gebe ich endlich viel
dem Meer, das in seine Arme uns nimmt,
uns vermengend mit weiter Ewigkeit
in gleichem Sinne und treuer Innigkeit;
als Salz im großen Garkessel der Geschichte,
zum Wohlgelingen dem göttlichen Gerichte.
                   
Indianer oder Inder am Mississippi oder Ganges wissen sich eins mit mir, wenn ich von 'meinem' Fluss schwärme. Es gab Zeiten - kurz nach der Umsiedelung in die BR - in denen ich Nacht für Nacht nur von der Donau träumte. Das gab der Einsamkeit und 'reingeschmeckten' Isolierung zur Umwelt mit ruppigen Menschen und hügeliger Natur einen nötigen Halt. (Noch schlimmer fühlte sich Mutter, die in den ersten Zehn Jahren am liebsten zu Fuß in das tiefe Zwischenstromland zurückgegangen wäre.) Meine Träume von Schwimmen, Fischfang, Schiffswerft und Apatiner Mädchen, hätten als Frust und tiefe Einsamkeit gedeutet werden können, in der materieller Wohlstand von einer undurchdringlichen Isolierschicht zur schwäbischen - Ludwigsburger - Jugend umgeben war.

Mein Stolz redete mir lange Zeit ein, dass ich durch meine Herkunft nicht nur 'Flüchtling' war, sondern ein Junge mit zwei oder mehreren Heimaten. Die anderen konnten noch so eindrucksvoll in Rein-deutsch - oder in Stuttgarter Schwäbisch - ihre Vorteile wirtschaftlicher und kultureller Art hervorheben, mich ließen sie kalt. Was ich verloren und im Geiste doch gerettet hatte, war mehr, als sie mir im Wohnsilo, Büro oder auf dem Ball im Bahnhotel bieten konnten.

Heute noch, nach so vielen Jahren könnte ich, der Donau wegen, meinen, dass ich meinen Beruf verfehlte, als ich 'nur' Schiffsmechaniker der Werft und kein solcher der Donaufahrt wurde. Der Anfang unter der Wasserfläche, unten im Schiffsbauch, war nicht schlecht, nur ließ er vorschnell zu, dass mich die Schule von dort weglockte. Wenn von Apatiner Schiffern die Rede ist, so sehe ich nicht ihre schwere Arbeit auf der unruhigen Donau und anderen unberechenbaren Flüssen, sondern ihre beneidenswerte Freiheit im freiesten und mystischsten aller Elemente.

Die große Ebene unterbrochen von dem großen Strom - das gehört zu meinem Urelement, das mich immer umgab und dem ich nie untreu werden will. Ob tagsüber, wenn hier der Sonnenlauf alle Welt gleich und gerecht mit Lebensreizen beschenkt, oder des Nachts, wenn das strahlend durchsiebte All die verbrauchte Sonnenenergie durch Allenergie ausgleicht, immer empfinde ich mich reicher beschenkt als anderswo. Es gibt weder Bergsteiger- noch Meertouristen, die mich überzeugen können, dass sie ihre Kräfte besser regenerieren könnten, als ich es durch bloßen Aufenthalt in meiner weiten Ebene tun kann.

Wenn es das Paradies der Bibel jemals gab, dann kann es nur in der Ebene stattgefunden haben!

 

Losung - Westen

Wie die Natur nach dem Entblättern
sorgt, dass der Baum neu erblühen kann,
probt das Schicksal, nach dem Niederschmettern,
ob der Mensch danach leichter gehen kann.
Wir konnten es und wandten uns nach Westen,
woher die Ahnen kamen vor Generationen.
Das ferne Ziel den lebenden Schwabenresten
wartete in drei westalliierten Zonen.

Als ob nachhause wir gekommen wären,
fanden wir unserer Sprache Wurzeln hier.
Den Dialekt brauchten wir nicht zu erklären,
und nationale Ängste bald vergaßen wir.

Was sich bis dahin ferne 'alte Heimat' nannte,
sahen wir plötzlich greifbar nahe und schön.
Viele entdeckten ihre Namensverwandten,
auch mit der Donau gab's ein Wiederseh'n.
Übermütig wie unsere junge Freiheit
spielte sie mit den Schwarzwälder Höhen
und blitzte noch vor keuscher Reinheit;
dass sie dableiben wollte, konnte man verstehen.

Pflichten zu folgen lernten wir von ihr
und sich den Aufgaben nicht zu versagen.
Wer die Arbeit bejahte bekam dafür
ein neues Zuhause mit Wohlbehagen.
'Dach über dem Kopf' hieß es in jenen Tagen,
uns bedeutete es endlich Ruhe und Freiheit,
doch noch keine Antwort auf alle Fragen
über fremde Soldaten und politischen Streit.

Bis dahin kannten wir ängstliches Kuschen,
nicht aufzufallen - höchstes Lebensgeschick.
Nun sprachen wir, ohne was zu vertuschen,
waren frei unter Freien jeden Augenblick.
                  
Die Papiere zur Auswanderung zusammen zu kriegen war eine langwierige und kostspielige Sache. Inzwischen hatte sich unsere 'Objava' in Apatin in eine neuerliche Einbürgerung verwandelt. Amtlich bedeutete dies, dass die ungefragte Ausbürgerung vom Sommer l945 rückgängig gemacht worden war. Damit war eine vom Westen verlangte Wiedergutmachung vollzogen und die wichtigste Voraussetzung zur Wirtschaftshilfe an Tito erfüllt.

Beim Antrag auf Ausreise zum aus Russland nach Ludwigsburg entlassenen Bruder Hans wurde automatisch die erst erfolgte Einbürgerung wieder aufgehoben. Der rechtlich nicht unkomplizierte Fall konnte nur mit Hilfe eines - nicht billigen - Rechtsanwaltes und Gerichtsvorganges - ohne unser Beisein - abgewickelt werden. Der gleiche Anwalt besorgte dann auch die Ausreisepapiere: Verzicht auf alle Rechte, die in der Staatsbürgerschaft enthalten - aber uns unbekannt - waren, Entlassungsscheine der OZNA (Sicherheitspolizei), Rückgabebescheinigungen für die Personalpapiere, Aufgabebestätigung für die Wohnung durch das Rathaus, schließlich die Fahrkarten für die Bahn bis zur Grenze und jene über österreichisches und bundesdeutsches Gebiet bis zum Zielort in Württemberg.

Die deutschen Umsiedelungs- und Zuzugsgenehmigungen hatten wir schon vom Bruder zugeschickt bekommen. Und nachdem ich noch ein letztes Mal auf dem Apatiner Rathaus verhört und getestet wurde - ohne Erfolg für die Überredungskünstler - konnte die Reise losgehen. Wie es der Zufall wollte, begann sie an einem Tag im Spätsommer, etwa um Michaeli, als unserer Bereger Kirchweih und der  Vertreibung in die Internierung gedacht wurde. Klobuscar, Mutters Hausfreund aus Apatin, begleitete uns, organisierte den durch uneingeschränkte Mitnahme von Handgepäck aufwendigen Transport zur Bahn, und half in jeder Weise bis zur Staatsgrenze. In Jesenice verließ er uns schweren Herzens. Ein Wort von Mutter hätte genügt, und er wäre uns bis nach Württemberg gefolgt...

Zum erstenmal im Eiltempo des Schnellzuges die Tiefebene verlassend und gleich in die Bergriesen der Alpen eintauchend empfanden wir eine tiefe Beklemmung. Wir saßen wortkarg in den noch nie erlebten Sitzpolstern eines internationalen Zuges und schauten und staunten über die Schöpfungen der Alpenwelt. Erst als wir merken, dass der Zug voll ängstlicher, kaum miteinander redender Auswanderer war, lockerte sich unsere Verkrampfung ein wenig, um in Pidding, im vorläufigen Zielort ganz zu weichen.

Das war also Deutschland: Ein Barackenlager mit Stockbetten und Kesselkost. Wäre die große Erwartung der Weiterfahrt nicht gewesen, die Massenversorgung - von etwa tausend Menschen in einigen langen Soldatenunterkünften - hätte unsere Stimmung bald eine fallende Tendenz gezeigt. So aber, da es immer Neuigkeiten aus dem nun greifbar um uns existierenden 'Mutterland', aus Zeitungen - vielmehr aus der 'Bildzeitung' - und dem kostenlosen Kino mit langen Wochenschauen gab, dazu für die Jugend an jedem Abend in einer anderen Baracke zum Tanz aufgespielt wurde, hatten wir keine Zeit zum Trauern.

Wir warteten schön geduldig auf die monatlich paar Mal erscheinende Einreisekommission der Bundesländer, welche uns beäugen, ärztlich untersuchen und an die gewünschten oder amtlich zugewiesenen Zielorte weiterleiten sollte.

Erwartungsgemäß kam es auch so: Eines Morgens antreten im Hof, nach Familien und Zuzugsgebiet. Herrschaften, denen man die Qual der Wahl an den ernsten Mienen ansah, musterten, schrieben in Notizbücher, fragten und entschieden. Zufällig oder absichtlich teilte man die Wartenden etwa gleichmäßig auf die deutschen Bundesländer auf. Unsere 'Zuzugsgenehmigungen' bewirkten, dass wir auf eigenes Risiko nach Ludwigsburg weiterreisen durften. Das hieß, wir sollten uns, mit einem vorläufigen Flüchtlingspapier ausgestattet, bei den dortigen Behörden melden und, sofern der Bruder keine Wohnung für uns bereithielt, in ein Übergangslager ziehen.

Gerne nahmen wir unser weiteres Schicksal in eigene Verantwortung und fuhren mit dem ersten Zug in Richtung Nordwürttemberg. Am kleinen Asperger Bahnhof konnten wir den Bruder - und Mutter den 5 lange Jahre in Russland verlorenen Sohn - in die Arme schließen und abküssen. Doch, oh Weh, unsere Freude der Umarmung wurde gleich wieder getrübt, als wir erfuhren, dass im Kreis Ludwigsburg große Wohnungsnot herrschte. Also wieder ins Lager, das diesmal 'Jägerhofkaserne' hieß.

Gleich nach der Einquartierung, mit weiteren drei Familien in ein 30 qm großes Zimmer mit Stockbetten, ergab eine gründliche ärztl. Untersuchung, dass wir alle drei krank waren und dringend in Behandlung - und im Falle der Mutter ins Krankenhaus - mussten. Wahrscheinlich hat uns diese ansonsten sicher niederschmetternde Nachricht vor einem längeren Lageraufenthalt bewahrt. Während Mutter an der Galle und sonstigen inneren Organen operiert wurde, verschafften uns die beim Brüderchen und mir sehr verdächtigen Schatten auf der Lunge, die Zuweisung für eine Sozialwohnung, 2-Zimmer groß und ohne Bad. Aber immerhin, es war das erste eigene 'Dach über dem Kopf'.

Mutter kurierte sich im Kreiskrankenhaus aus und ich  (19) und Adam (11) richteten die Wohnung mit Hilfe der Begrüßungsgelder von je 500 DM ein. Der nachträglich noch erhaltene Ausweis 'C' mit Anerkennung als Spätheimkehrer brachte uns, durch eine kleine Entschädigung der Lagerzeit, nochmals etwas Bargeld. So konnte nach und nach die spärliche, erste Ausstattung unseres Zuhauses, im ersten Block der Frankfurter Straße von Ludwigsburg, ergänzt und wohnlich gemacht werden. Doch schon nach der ersten Weihnacht hieß es für mich, Abschied auf einige Monate nehmen.

Mein Lungenschatten verlangte dringend nach einer Behandlung im Sanatorium. Er muss wohl aktive Umrisse auf dem Rönthgenschirm gezeigt haben, den ich kam in die damals zu Ludwigsburg nächst-gelegenen Heilstätte von Schloss Gundelsheim. Vier Monate in Deutschland frei, und dann wieder eingesperrt. Dass es genügend zu Essen und recht gute Unterhaltung gab, war mir kein Trost. Am ersten fehlte jede Würze, am zweiten der freie Ausgang. Aber als Lagertortour empfand ich es nicht, auch wenn der Chefarzt täglich neue Behandlungen und Medikamente an mir ausprobierte. Und es half. Das damals - wie man sagte - neu entdeckte Streptomycin stoppte die Entstehung der Kaverne und stabilisierte den Schatten. Den schönsten aller Monate, den ersten Wonnemonat, durfte ich in endgültiger Freiheit erleben.

Jubel und Zweifel

Groß war der Jubel über das Land,
in dem wir fanden Heimat und Brot.
Nachdem man uns amtlich die Wunden verband,
beschlich uns eine neue seelische Not.
Nachbarn, die in uns keine Deutschen sahen,
und Kollegen, denen wir zu fleißig;
manches Gespräch stockte bei unserem Nahen,
manche Bemerkung war dumm und dreistig.

Viele Jahre sollte das so gehen,
bis Flüchtlinge kamen, die ärmer als wir.
Unsere Mundart konnte man verstehen,
bei den anderen verzweifelte man schier.
Deutschland den Deutschen - dünne Frasenhülle.
Armeen von Fremden kamen seither ins Land,
damit sich ein Leitspruch der Feinde erfülle:
Deutschland nie mehr in deutscher Hand!
                   
Beim Arbeitsamt sagte man nein, als ich mich als Mechaniker bewarb. Ich versuchte es im technischen Büro, und es klappte. Da noch die meisten Stuttgarter Betriebe in Schutt lagen, mussten die manuellen Fachkräfte stempeln gehen, währen die Planung in Provisorien von Baracken und Schnellbauten genug zu tun hatte. Auf die Befähigungen sah man hier wie dort nicht genau, denn die Millionen Männer, die im Krieg geblieben waren, hatten in der Wirtschaft große Lücken hinterlassen.

Der Nordwürttembergische Industriekessel lebte in dieser Zeit (1953) rapide auf. Die wenigen 'unabkömmlichen' daheimgebliebenen Meister und Ingenieure und wir, die zweiten Garnituren, mussten in schnellem Wettbewerb zeigen, wo wir auf der Leistungsleiter hingehörten.

Als 'Reingeschmeckter' mit einem auffallenden Akzent und schlechter Rechtschreibung - die auch später niemals astrein wurde! - hatte ich keinen leichten Stand. Meine Maschinenbauschule ohne Abschlusszeugnis hatte sich in der Praxis doppelt zu bewähren. Ein erfolgloser Versuch, im dritten Semester der Esslinger Ingenieurschule das fachliche und sprachliche Gefälle zwischen dem Balkan und Westeuropa zu überbrücken, scheiterte. Der Professor meinte, es könne nicht schaden, zuerst ein paar Jahre in deutschen Betrieben zu arbeiten, um Deutsch zu lernen; dann könne ich es ja nochmals versuchen.

Ich versuchte es nicht mehr. Statt dessen machte mich mein Abteilungsleiter auf den Fernunterricht bei 'Christiani Konstanz' aufmerksam, bei dem er selbst sein Diplom erworben hatte. Nach zwei harten Heim-Studienjahren, die an Gebühren ein kleines Vermögen von 2.500 DM oder rund zwölf Monatsgehälter verschlangen, hielt ich auch meinen 'Konstrukteur' in Händen. Einige höhere Einstufungen mit mehr Gehalt und besserer Arbeit - mit mehr Selbständigkeit - lösten sich etwa 10 Jahre lang ab, bis zur Heirat der Kollegin Hella Hebler. Als meine Frau schwanger wurde, sah ich einen Stellenwechsel für alle Seiten als optimal an und wechselte zur Bietigheimer SWF.

Anke, meiner ersten Tochter folgte in gut zwei Jahren Eva. Unser bereits bei der Heirat im Rohbau stehendes Zwei-Familien-Haus war inzwischen fertig und wurde bezogen. Einige Jahre voller Schulden, Überstunden und lohnender Stellenwechsel gaben dem Familienglück in Geisingen (das durch Zusammenschluss mit Beihingen und Heutingsheim bald zur Stadt Freiberg wurde) den motivierenden lebhaften Lebensrahmen. Langweilig wurde es in der Ehe mit einer Sächsin nie und aufregend erst im 12. Jahr, als an den Abenden und Wochenenden, die ich über dem Manuskript von 'Maisbrot und Peitsche' verbrachte, Hella mit jemand anderem die Zeit verbrachte.

Wir schieden - nach dem 'neuen', eben erprobten Scheidungsrecht - ohne öffentliches Waschen der eigenen und Beschmutzen der Wäsche des anderen. Leider wurden dabei, neben dem Haus und Mobiliar auch unsere Kinder geteilt: 'Du hast es schön', meinte Eva beim Auszug zu ihrer Schwester, 'Du darfst bleiben'. Zum erstenmal musste ich, im Interesse der Familie, den harten Schädel anstrengen, um einen Konflikt so begrenzt wie möglich zu halten. Vielleicht kam alles so, weil es bis dahin zu glatt ging und weil bei einem balkaneser Donauschwaben der christliche Grundsatz, 'liebe Deinen Nächsten wie dich selbst', nicht sehr oft zur Anwendung kam. Und dass Anke freiwillig bei mir bleiben konnte, verdankte ich Mutter, die sich anbot, bis auf weiteres meinen Haushalt mit Tochter zu versorgen.

Vier Jahre lang ging es gut. Anke wurde 17 und verspürte den Wunsch, mit einem Jungen Mann die freie Liebe zu versuchen. Da das bei mir und der in 'veralteten' Ansichten befangenen Oma nicht ging, zog das Töchterchen leichte Konsequenzen. Und meine Mutter bekam als Lohn für die vierjährige Arbeit bei uns ihren ersten Herzinfarkt. Ich brachte sie ins Krankenhaus und dann in ihre Ludwigsburger Wohnung zurück.

Nun saß ich allein in meinem Haus, das eine schwäbische Burg sein sollte, jetzt aber vielräumiges Geisterhaus geworden war. Arbeiten, als ob nichts gewesen wäre, Schulden abtragen und weiter auf ein neues Glück hin malochen - nein danke. Um meiner Frau den sogen. Zugewinn aus der Ehe auszahlen zu können, verkaufte ich die obere Wohnung, teilte, da nun Geld aber kein Bedarf für die untere 6-Zimmer-Wohnung vorhanden war, diese in zwei kleinere Einheiten. Die vordere davon vermietete ich.

In der hinteren mit dem inspirierenden Garten drumrum ersann ich einen Neubeginn. Es müsste doch, redete und rechnete ich mir immer wieder aufmunternd ein, auch mit weniger Mello gehen. Eine schuldenfreie Immobilie, den Rücken aus dem Ehejoch 'befreit', die Bank bereit zu jedem Vorschuss - dass konnte einen 'Ausstieg' nur fördern. Doch der war leichter gedacht als vollzogen. Ein 'Schwabe unter Schwaben' gibt so schnell weder sein 'Häusle', noch sein 'heiligs Blechle' auf.

Schwabe unter Schwaben

Der dies' erfährt, weiß es am besten:
Wer frei wird, darf auch glücklich sein,
er sollte nach Laune feiern und festen
und sich des neuen Lebens freu'n.
So denken viele, nur nicht der Schwabe
von deutschem Neckar und ungarischer Donau.
Sein Leben hat mehr von Biene und Wabe,
als von einer eitlen, festlichen Schau.

Wenn die Arbeit getan und die Kasse stimmt,
Kinder versorgt und der Magen nicht leer,
so gibt es keinen, der ihm die Laune nimmt,
und weniges auf der Welt, das schöner wär.
Ein Schwätzchen in Ehren und ohne Hektik:
Auf Humus der Muße gedeihen Ideen besser.
Das lehrte uns des Vetter Schwabens Ethik,
so wurden unsere Sinne weiter und größer.

Er gab uns Arbeit - wir dankten mit Fleiß.
Worauf es ankam, merkten wir bald.
Als Anerkennung ward uns der Preis
bleibender Freundschaft ohne Vorbehalt.
Wer einmal im Schwabenland Wurzeln schlug,
der bleibt hier gerne sein Leben lang
und hört nicht mehr auf den Betrug
der Welt mit ihrem lockenden Gesang.                        

Schwabe zu sein ist auch dann nicht einfach, wenn man was Besonderes im eigenen Geburtsort sein will, geschweige als einer, der sich als Donauschwabe ausgibt. Was ist das für einer, kommt bei der ersten Begegnung die zweifelnde Frage, denn was der echte Neckarschwabe nicht kennt, das mag er nicht und weiß mit ihm lange nichts anzufangen.

Und einem wie mir musste es auch so ergehen. Zuerst war ich bei der Arbeit verschlossen und arbeitswütig, dann verträumt und abwesend, alles andere beginnend, nur das nicht, was die Pflicht wollte oder  

 

die anderen eben taten: Kaffeetrinken, quatschen, gemütlich auf Feierabend warten, Witze auf anderer Kosten reißen, wahllos mit Frauen und Mädchen schäkern - egal ob sie oder man selbst noch frei war oder nicht.

Praktischer Schwabe zu sein, ist was anderes, als zu sagen, man fühle sich mit ihm 'verwandt' und in seiner Nähe 'geborgen'. "Mir senn schoo zweihunnrt Jahr too un henn noo koi Haus..." Solche Kommentare gab es, als meine Umgebung erfuhr, dass Mutter vorhatte, ein Häuschen zu kaufen - ca. 100 Jahre alt und für 10 Tausender zu haben, gerade soviel, wie unser erster 'voller' Bausparvertrag finanzieren konnte. Also ein sogenannter oder Auch-Schwabe konnte schon nach vier Jahren nach seinem Eintreffen mit nicht vielmehr als einem Rucksack, im Schwabenland ein Haus kaufen! Das ging doch nicht mit Sparen! Da war doch der Hauptanteil vom Staat, von jener Stelle, an die man als Einheimischer für sein Haus 'Lastenausgleich' berappen musste!

Die erste unüberwindliche Hürde war geboren, gleich ob in einer Anfreundung oder in dem beruflichen Miteinander. Der Riss war da und blieb, mehr oder weniger tief, solange ich mich unter Schwaben bewegte. Eine Änderung zum Besseren trat erst ein, als diverse andere 'Reingeschmeckte' auf der Bildfläche erschienen: Gastarbeiter, sogen. Spätaussiedler, Flüchtlinge ohne jedwede Sprachkenntnis, usw. Da war doch der erstgekommene 'Donauschwabe' was anderes, und den musste man anders, also besser behandeln. Der 'Schwabengeist' unserer gemeinsamen Ahnen hatte gesiegt, indem er uns, die zuerst so verschiedenen und dann doch so ähnlichen Nachkommen zusammenführte.

Diese innige Verbindung im Ahnengeist empfand ich am deutlichsten durch die Mitgliedschaft im VS, als wir einmal jährlich vom Stuttgarter OB Rommel zum gemeinsamen Mittagessen und nachmittäglichen Plausch in die Hauptstadt eingeladen wurden. So etwa muss es auch Lenau hier im Wechselbad des Kennenlernens seiner Schwabenfreunde ergangen sein. Aus der ersten Ablehnung wird eine vorsichtige Toleranz und schließlich eine warme Umarmung - mit nur einer einzigen Bedingung: Der endgültigen Bejahung des Schwäbischen. Es hat und gibt alles, was der Fremde braucht, um von den Boschs und Daimlers nicht zu schnell untergebuttert zu werden. Aber es verlangt eine bedingungslose Anpassung. Aus einem Donau-Schwaben muss wieder ein echter werden, damit er vom Schwaben-Vetter akzeptiert wird.

Schwabengeist

Jetzt fahr ich am Neckar, jetzt am Rhein,
so klang es während vieler Ahnenleben;
mir sollte es endlich vorbehalten sein
der alten Sehnsucht Erfüllung zu geben.

Das Ahnenland - jetzt wurde es wahr
mit jungen Flüssen und alten Höhen,
wo großer Schwaben Geist wurde offenbar,
ihre Wirkungsstätten konnte ich nun sehen.
Jetzt, da der Dichter Hauf mich führte
durch sein geheimnisvolles Märchenland;
ich erleben durfte, welche Sage ihn rührte,
beflügelte seine junge, todesblasse Hand.
Mörike und Uhland zeigten mir ihr Reich,
das nicht silbern und golden glänzt
und das dennoch dem Edelsten gleich,
von der Natur des Schwabenlands bekränzt.
Und da sah ich, wo Schiller geboren,
wo er über den Verehrern ewig thront
und wo er jedem, der auserkoren
erlaubt, dass er ihm zu Füßen wohnt.
Wenn ich's bedenke, komme ich ins Schwitzen:
Leichter Hand baute ich bei ihm mein Haus,
um dort nach Lust schreibend zu sitzen,
- leider wird nie was Schiller'sches draus!                

Von Schiller wurde ich in Marbach angezogen, wie mich sonst nur Städte wie Rom oder Paris anziehen. Seine Gedichte haben mir, neben der wissenschaftlichen Prosa, die dichterischen Möglichkeiten gezeigt, die Freiheit eines Dichterwortes, das - wenn es kann - alles darf. Nicht in einer, in allen schreibenden Gattungen ist Schiller groß. Ihn untersteht sich nachzuahmen nur einer, der sich auch für außergewöhnlich talentiert hält. Ob er es ist, kann sich nur im Laufe des Schreibens feststellen lassen. Daher mein Abschluss des Gedankenflugs zwischen Freiberg und dem zweitnächsten Nachbarort Marbach: "... um dort nach Lust (in möglichster Vielfalt) schreibend zu sitzen. - Leider wird nie was Schiller'sches draus."

Und dennoch, allein das Schreiben am eigenen Schreibtisch, in ureigener, also freier und unabhängiger Diktion - in der Nähe Marbachs! - empfand ich in den 60ern und 70ern als etwas Schiller'sches. Er würde nach dem Krieg wahrscheinlich zur alternativen Schreibszene gehört und sich mehr als einmal bei den Medien 'unbeliebt' gemacht haben. Ich tat es unwillkürlich auch allein dadurch, dass ich zu Zeiten, da andere ihren Vergnügungen nachgingen, mit Stift und Schreibmaschine 'ungewöhnliche' Gedanken zu Papier brachte.

Im Geschäft hatte sich das private Schreiben in den beiden Stunden vor dem Frühstück 'eingebürgert'. Neben dem Aufarbeiten der Routine vom Vortag, ging einfach die produktive Hälfte des Gehirns eigene Wege. Das brachte natürlich manche Unannehmlichkeit, meist dann, wenn etwas dringend eben morgens raus musste. Man begann am 'Baum zu schütteln, um zu sehen welcher Apfel faul sei'. Mit solchen Worten meinte die Geschäftsleitung die eigene Misere auf die Belegschaft abwälzen zu können. Faul war schon etwas, aber nicht das Obst, sondern der ganze Baum. Aus dem Konkurs - der zweite in meinen dreißig Berufsjahren als Angestellter - bekamen auch die 'Faulen' einen Anteil, ganz gleich ob sie, wie ich, zwei Stunden täglich Privates schrieben oder redeten, schäkerten, faulenzten und auf vielerlei Weise eben auf den Feierabend warteten.

Bei mir half das Zugeld einem neuen Bändchen zur Welt. Da die 'GEZEITEN'-Auflage innerhalb 14 Tagen zum Stückpreis von 5 DM an Kollegen ging und 'MAISBROT UND PEITSCHE' bei den Landsleuten gut ankam, mit rund 5 tausend verkauften Expl. auch dem Verlag Gewinn brachte, hatte ich herausgeberischen Mut bekommen. Doch auch die 'herzögliche Verfolgung' meines Dichtervorbilds ließ nicht lange auf sich warten. Meine kritischen Worte an alle Arten von 'Oberen' hatten ebenso viele Unannehmlichkeiten im Gefolge. Sie brachen zuerst die Spitzen meiner Hörner, und was übrig blieb schärften und härteten sie für immer.

 

Suche und Erfüllung

Ein junger Mensch steht vor dem Leben
wie vor einem fest verschlossenen Tor;
kann er es nicht aus den Angeln heben,
so steht er im Alter noch davor.
Es immer aufs neue zu probieren,
Körper und Geist wachsen daran.
Am Ende wird der Erfolg brillieren,
macht aus dem Jungen einen starken Mann.

Was zählen Misslingen und Misserfolge,
der Optimist vergisst sie schnell.
Quatschköpfe haben ein großes Gefolge.
Reden allein macht kein Dunkel hell.
Das Reelle ist es, das schließlich überlebt,
gepaart mit Wahrheit und offenem Geist.
Wer sich selbst über andere erhebt,
ist ein Kind, das neben Eltern verwaist.

Suche nach Neuem ist des Fortschritts Pate
am Reißbrett und an dem Dichtertisch.
Es ist kein Geheimnis, das ich verrate:
Der geistige Verzehr hält uns frisch.
Nur für die Zukunft lebt die Hoffnung,
ihr volles Verstehen schaffen wir nicht.
Gestrige Erkenntnis bringt morgen Erfüllung.
Die Zukunft erhellt der Vergangenheit Licht.                         

Was mir am meisten half, die Schiller'sche Lebensweise im Beruf und privat zu erproben - wenn auch letzten Endes nicht vollständig und daher auch nicht erfolgreich - war meine balkanische Geduld. Das war, wie wenn ein Wolf täglich neu auf Beute lauern muss, um seine Art zu erhalten. Arbeit und Schreibhobby mit gleicher Intensität und auf möglichst hohem Niveau zu betreiben, will lange geübt und ständig der Bewährung ausgesetzt bleiben. Viele Schreibende schaffen es nicht, ihren theoretischen Ansprüchen praktische Gestalt zu geben. Ihr Vorhaben scheint nicht zu funktionieren. Als ob die Substanz schon vom Planen allein aufgezehrt worden wäre. Und es bleibt beim erhobenen Finger.

Mein Überlebensmodell des 'Ausstiegs in den besten Jahren' oder 'so lange es noch ging' war die konsequente Fortsetzung des Schiller'schen Lebens-Modells. Ausgetretene Wege zu verlassen, beginnt für jeden schon bei der alternativen Gestaltung der Freizeit. Die materiellen Voraussetzungen aus der Arbeitspflicht schaffen nach Feierabend dem Geist nur dann eine optimale Bewegungsfreiheit, wenn er sich den Bedarf danach ständig offen hält. Viele haben die Chance 'auszusteigen', doch nur wenige sind in der Lage sie zu erkennen und wahrzunehmen. Jedem ist die Sehnsucht nach mehr, schönerem, freierem Leben angeboren; und die Ferne übt immer eine heimliche oder offene Faszination aus. Selten werden erträumte Begriffe greifbare Wirklichkeit. Wenn aber doch, sollten sie ergriffen und mit aller Kraft festgehalten werden.  
   

Die Sehnsucht bleibt

Der Heimat wie Ferne die Treue zu halten
ist vieler Wesen zweifache Natur.
Das Jetzt liebend gerne zu gestalten,
doch zu folgen der fernen Sehnsucht Spur.
Beides ist auch dem Menschen gegeben:
Hier strebt er, als ob er ewig bliebe,
und kann sich dennoch plötzlich erheben,
um zu folgen einer geheimnisvollen Liebe.

Schwer zu erklären, was uns dazu treibt
oft das Wohl in der Ferne zu suchen.
Nur mit DEM, der unser Schicksal schreibt,
können wir eine Erklärung versuchen.
Doch zu leben ohne viel zu fragen
bringt Ruhe und inneren Frieden.
Steten Wechsel kann nur der ertragen,
dem eine unstete Natur beschieden.

Beten und arbeiten schafft sicheren Halt
umrahmt von moralischem Denken;
ganz gleich, ob wir jung oder alt,
wir sollten keinen Lebenstag verschenken.
Wir erfahren immer wieder aufs neue:
Der Mensch lebt nicht nur von Brot;
er bewahrt gern seinen Idealen Treue,
und die Sehnsucht folgt ihm in den Tod.                
 
So wie die meisten meiner Planungen im Brotberuf 'funktionierten', so gelang es mir, aus meinen  hinfälligen Rückenwirbeln, die mich mit 49 Jahren fast in die Frührente brachten, einen Neubeginn in natürlicher Umgebung der alten Heimat zu machen. An der gelungenen Aufgabe wuchs der Geist und steht nun in erfolgreichem Wettbewerb mit dem gesundenden Körper.

'Bei uns ist immer 20 Uhr'. Diese Losung des Schüsselsenders NTV könnte ich meinem Lebenslauf auf der Tanya voranstellen: Immer tun und lassen können, was früher nur den Abendstunden vorbehalten blieb. Vor allem schreiben. Dazwischen Hof- und Hausarbeit, bauen und reparieren, Entspannung im Garten und auf dem Feld, Besorgungen im Dorf, Vergnügungen in der Stadt und Kurbad ohne Kassenmaß. Dazu beliebig, nach Laune und Aufnahmebereitschaft Informationen sammeln und sichten zur Mundart- und Volkstumsbewahrung; Politisches kommt über Senderantenne und Parabole in dreierlei verständlichen Sprachen und unzähligen Programmen ins Wohnzimmer, als ob es sich nicht in der Puszta, sondern in der Freiberger Schillerstraße befände.

Den Bürgerkrieg im südlichen Nachbarland empfand man hier, wie wenn er seit unserem Weggang nie aufgehört hätte. Damals ideologisch war der Kampf jetzt nationalistisch bedingt, mit dem großen Unterschied für mich, dass ich ruhig im verdienten Schaukelstuhl das Raufen unserer Vertreiber beobachten konnte. Von der Frau, meiner lieben Mia, nur nach Wunsch ehelich versorgt, kann ich es hoffentlich länger aushalten, als diejenigen, die seit l945 ihren Sieg in immer neuen Versionen vorführen. Kapitel um Kapitel werde ich ihren Niedergang bezeugen und beschreiben.

Johannes Ernst wird mir dabei, als der für 'politisch Lied, garstig Lied' Zuständige, zur Hand gehen. Mit ihrer eigenen balkanischen Schläue sie und ihr Tun zu beobachten und zu beurteilen, fällt uns Donauschwaben nicht schwer, da wir eins sind im Denken aber nicht im Interpretieren des Falschen und Verlogenen.

So lange ich einen Stift halten und eine Schreibtaste drücken kann, will ich tätiger Zeuge sein gegen Unrecht und Lüge, gegen alles, was einem gesunden Menschenverstand als verurteilenswert erscheint. Dies nicht nur in Blickrichtung auf andere, auch von ihnen auf mich und mein Tun. Gläubig dem Herrn und treu mir selbst und meinen Idealen, so will ich leben und kämpfen und meine menschliche Pflicht erfüllen.   

 

Heimat Geborgenheit

Heimatgedanken sind Überlebensgedanken,
hier, wie in hundert Ländern der Welt.
Freiheit lehrte mich, dem Herrn zu danken,
der ein Schicksal schützend mir beigesellt:
Fern dem Rassenwahn im Apartheidchor
und den Gekerkerten ohne Urteil davor,
dem Terror der Stärkeren weit und breit,
den Niedergeknüppelten, brutal unterdrückten,
den Mehrheiten, Minderheiten in ewigem Streit,
fern den von Macht und Mammon Beglückten...

Da schuf der Flugsand eine grüne Oase,
geschützt durch einen lebenden Akazienzaun;
friedlich umstrichen von Fasan und Hase
und anderen Kreaturen, die einander vertrau’n.
Die Nachbarn höflich und arbeitsam,
fragen und verraten nicht zu viel;
lächeln verstehend, dass man zu ihnen kam,
um zu üben ihren einfachen Lebensstil.
Im Traume gefragt, habe ich Ja gesagt,
weil ich nie aufgab die Ebene zu lieben.
Ihr vertrauend habe ich die Rückkehr gewagt;
neben Freiberg ist sie mir Heimat geblieben.

Dank allen, die mich lesend begleitet haben!
Weniges ist weggelassen oder verschont.
Dieses Lied schrieb ich den verstreuten Schwaben.
Wäre froher, hätte ich es besser gekonnt.             
                                   

60 JAHRE DANACH

Die Zeitspanne seit der Vertreibung der Donauschwaben aus Südosteuropa - hier genauer aus der jugoslawischen Batschka - sollte ausgereicht haben, diesem endlosen Thema eine bleibende Form zu geben. Was ich, Konrad Gerescher - Jgg. l934 - in meinem großen Lagerbericht MAISBROT UND PEITSCHE bereits 1962 niederschrieb, wird durch DAS LIED VOM ÜBERLEBEN ergänzt und mit einem lyrischen Rahmen umgeben. Statt eines Lorbeerkranzes, soll ein bunter Wiesenstrauß aus Apatiner, Freiberger und  Kömpöcer wilden Blumen das Erinnern an Internierung, Zwangsarbeit, Flucht, Umsiedelung und Neubeginn möglichst viele weitere Jahrzehnte schmücken und bewahren.

(Kömpöc, den 11.2. 2005)