- sporadische Überarbeitung – Ausgabe 13, Stand – August 2009 -
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ZWISCHEN DONAU UND THEISS – Band 4

Teil III

Schalkhaftes Lexikon
politischer, gesellschaftlicher und ungarndeutscher Begriffe

(Erstveröffentlichung in DEUTSCHFORUM ERNST UND HEITER, Teil II, Szeged 2007)

Einige Gründe zur Erweiterung
Reden heißt nicht handeln, und händelndes Reden schafft keine Überzeugung. Wer die Macht hat, kann sagen was er will, ohne dafür gerade stehen zu müssen. Folgen gibt es nur in den unteren Gesellschafts-Etagen. Die weniger zu sagen haben, tragen mehr an Verantwortung ... usw. usw. Solche Sprüche könnten wir stundenlang deklamieren. Genauso, wie das amtliche, halbamtliche Personen als Abgesandte, Abgeordnete, Delegierte, Chefs, Vorsitzende und Vertreter ... laufend tun. Und wir hören ihnen zu auf Versammlungen, vor Radios und Fernsehern, staunen ob der Redegewandtheit und ob ihrer Fähigkeit zu überzeugen, ohne das Überzeugende zu rechtfertigen. Sie sagen aber oft das eine und meinen das andere. Sie scheinen die Berufenen und rufen oft vergebens nach Wahrheit und Vernunft, weil sie schließlich doch nicht dauerhaft überzeugen.
Man kann natürlich ob solcher Erkenntnisse zur Tagesordnung übergehen. Doch wenn man das am Morgen tut, merkt man am Abend, dass man einmal mehr hintergangen und so in der eigenen Lebensqualität geschmählert wurde. Und wiederholt sich diese Erkenntnis ins Unzählbare, so gibt es nur (wie meistens) zwei Möglichkeiten: Entweder gewöhnt man sich ab, das Fernsehen einzuschalten, Radio zu hören, Zeitungen zu lesen – oder man verschafft sich, z.B. wie ich, in mehrjährigen Abständen durch solche wie die nachfolgenden Begriffsanalysen Luft zum Weiteratmen, Weiterleben. Die Methode hat sich bewehrt – und sie funktionier garantiert auch bei jedem Leser.
Natürlich spielte bei den Begriffsanalysen auch die ungenügende oder mangelhafte Sprachkenntnis mancher Leser eine Rolle. Wer kaum ein Stichwort in seinem allgemein gültigen Sinne versteht, dem ist seine satirische Analyse unzumutbar, und er wird nicht einmal den A-Bereich, geschweige das gesamte Alphabet zu Ende lesen. Schon daher ist die lexikalische Auflistung, wie sie im DEUTSCHFORUM ERNST UND HEITER steht, nochmals zitiert, und danach wird ungefähr der Gedankengang ihres Entstehens nachvollzogen.  

Kömpöc, im Febr. 2009


A

ABGABEORDNUNG
Das raffinierteste Ausbeutersystem seit bestehen der Menschheit.
Wer ein Leben lang zu den Gebern und Zahlern zählte, und niemals aufmuckte, wenn unlogische Erklärungen, Berechnungen, Belegkontrollen, Gesetzeszitate von den kassierenden Ämtern kamen, der erkennt im Alter resignierend aber zu spät, dass er, solange er arbeitete und vorwärts strebte, nur ausgebeuteter Arbeitssklave der Gesellschaft war und über sein Vorwärtskommen nie restlos selbst entscheiden konnte. 

ABGEORDNETER
Parlamentsmarionette mit Fernsteuerung.
Wer die Politik als Arbeitslaufbahn wählt, ist für den unpolitischen Menschen von vorneherei verdächtig, nicht selbständig nach eigenem Gusto leben, denken, planen, arbeiten zu wollen, sondern die Bequemlichkeit der Fernsteuerung zum Lebensmotto erwählt; also warum das Kind nicht beim Namen nennen? 

ABRÜSTUNG
Faule Ausrede, um den kleinen Mann zu beruhigen.
Nie wurde soviel aufgerüstet – mit Waffen und starken Sprüchen – wie nach Abrüstungsbeschlüssen der Großmächte. Da die ganze Welt in einige wenige Einflusszonen eingeteilt ist, haben kleinere Staatswesen bei sogen. Auf- oder Abrüstungen nicht mitzureden, nur mitzugehen in politische Richtungen, die sie oft nicht verstehen. Als Essenz bietet sich förmlich das obere Schlagwort an.

ABSOLUTE MEHRHEIT
Der Zustand, in dem eine Partei übermütig zu werden beginnt.
Der Traum jeder politischen Vereinigung: So viele Anhänger um sich zu sammeln, dass es scheint, als ob nur sie den Schlüssel zur einzigen Wahrheit, Weisheit, besseren Zukunft, schlicht den Erfolg schlechthin in Besitz hätte. Sobald auch nur ein Teil ihres Programms von der Wählermehrheit akzeptiert ist und sie die Pfründe in Sicherheit weiß, verfällt sie in einen Zustand des Übermuts, in dem sie über Tun und Lassen niemand mehr Rechenschaft ablegt.

ABWERTUNG
Verlegenheitslösung, die eine Misswirtschaft im Außenhandel ausbügeln soll.
Das einfachste Mittel um größere wirtschaftliche Fehlleistungen in Punkto Staatsfinanzen zu vertuschen, d, h. nicht mit beschwerlicher Verantwortung, sondern mit leichfertiger Vernebelung auszugleichen, ist, sie offiziell durch eine A. zu verharmlosen und zur Tagesordnung überzugehen.

ADELSTITEL
Unverpfändbarer Suggestivwert, mit dem man nur schwer beim Bäcker um die Ecke Kredit bekommt.
In Zeiten des aufblühenden Wohlstandes unmittelbar nach den beiden Weltkriegen begannen sich schnell auch Scharlatane, Spekulanten und Möchtegerne zu bereichern. Um nun auch in gesellschaftlicher Hinsicht zur Geltung zu kommen, legten sich diese Neureichen gekaufte A. zu. Und die ihnen diese Titel ohne materiellen Wert gegen gutes Geld überließen, waren verarmte Adelige, die oft hoch verschuldet kaum mehr das Lebensminimum halten konnten.

AGITATION
Verdummungsmache, die hauptsächlich in Zeiten der Wahlkämpfe zum Ausdruck kommt.
Solchen Begriffen, wie der A., haben wir manchen Hohlkopf und leeren Sprücheklopfer im Parlament zu verdanken. Das schöne Reden hört ein Wahlvolk lieber, als die reale Wahrheit, weshalb auch nur verspätet, sozusagen ‚wenn das Kind schon im Brunnen ist, viele ihre Wahlentscheidung bereuen und sich darüber bis zur nächsten Wahlperiode ärgern.

 

AGRESSION
Eine verunglimpfte Befreiungsaktion.
Wie viele Kriege wurden nicht schon angezettelt, um in einer Region, Bevölkerungsgruppe oder sonst einer dem starken oder sich stark wähnenden Nachbarn unakzeptablen Situation einen gewaltsamen Wandel zu vollziehen. Gäbe es eine gerechte Schiedsstelle, bei der vor dem Kriegsausbruch eine Begründung für den Krieg eingereicht werden müsste, so käme darin das obige Stichwort A. sicher nicht vor, dafür aber sicher einer der vielen Freiheitsbegriffe. 

AGRARREFORM
Landzuteilung an Bedürftige, um sie von der Sorglosigkeit bei Missernten und Ernteüberschüssen zu befreien.
Bei elementaren Lebensbedürfnissen hört eigentlich jeder Spaß auf, ebenso, wie bei der Notlage der Besitzlosen in Zeiten der Missernten. Ohne dass der kleine Mann etwas dafür oder dagegen tun könnte, steigen Lebensmittelpreise, weil die reichen Landbesitzer versuchen zu ihrem alljährlichen Gewinn zu kommen. Um nun solche Automatik zu mildern, verfallen schlaue Politiker auf den Begriff der A. Doch was sie im negativsten Falle damit erreichen, soll die Erläuterung verdeutlichen.

AGRARSTAAT
Staat mit noch ausgeglichenen Wirtschaftssorgen, in dem die Hektik der Industriegesellschaft noch nicht Fuß gefasst hat.
Viele Schwierigkeiten in einem klassischen A. könnten vermieden werden, wollten imaginäre Mächte im Verbund mit verblendeten Politikern nicht in ihm die Industriegesellschaft einführen. Was der Agrarmarkt im A. an Lebensqualität sichert, verplempert der Industriestaat in seiner Anfangsphase, die, wie in Ungarn, eine ganze Generation lang andauern kann.    

AGREEMENT
Einigung bei hochgestellten Persönlichkeiten, die mit Handschlag besiegelt wird.
Eigentlich könnte die Erläuterung auch heißen: Einigung ohne garantierte Verbindlichkeit. Doch nicht wegen seiner zweideutigen Auslegung wurde das A. in diese Sammlung aufgenommen, sondern wegen der vernebelnden Form des weitgehend unbekannten Fremdwortes, das in der politischen Diplomatie hoch im Kurs ist, weil man mit ihm alles oder nichts vereinbaren kann.

AKADEMISCHER TITEL
Namensschmuck, ohne den in manchen Fällen mit dem betreffenden Namen kein Staat zu machen ist.
Bei dieser Erklärung könnte man unzählige Beispiele des praktischen Nutzens eines A.T. nennen. Nur einer soll stellvertretend genannt werden, jener eines bekannten A., der nur dem A.T. seine pädagogische Karriere zu verdanken hatte, und als er nach der pol. Wende den A.T. nicht erneuern konnte, auch seine Karriere beenden musste. 

AKKORDLOHN
Ein sicheres Mittel, um auch aus dem physisch Schwachen das heraus zu holen, was sein starker Nebenmann leistet.
Die unmenschliche Behandlung von Arbeitnehmern kann am deutlichsten mit dem Erfüllungs- oder Stücklohn verdeutlicht werden. Da kannst du nicht mehr essen und sch., wann du willst, du spürst acht Stunden lang den A. als Tadel-, Kritik-, Abmahnungs- bis Kündigungsdrohung über dir. Natürlich kann man dagegen halten: Wer im A. arbeiten will, ist selber schuld. Aber meist hat er keine Wahl, sich dagegen zu entscheiden.

AKTIE
Handhabe des kleinen Mannes, damit er auch mal seinen eigenen Ausbeuter spielen kann.
Eines von vielen Mitteln, mit dem sich das Großkapital die Arbeitnehmer als Angestellte der eigenen Betriebe oder als pauschale Kritiker aus der Gewerkschaft vom Leibe halten kann, ist die A. als Kapitalanlage oder als Beteiligungspapier am Betriebsvermögen. Es gibt wenige Arbeiter, die eine A. anstatt des Lohnes akzeptieren, doch ebenso wenige lehnen sie als zusätzliche Entlohnung ab.

 

 

AKTIVES WAHLRECHT
Massenberuhigungsmittel, um von Zeit zu Zeit den erwachsenen Bürgern vorzugaukeln, dass sie in der Politik auch mitzureden haben.
Alle vier oder fünf Jahre kommt Leben in die Stuben der Zeitungsleser, Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer, denn jedermann ist gefordert, sich zu einer Partei, Person oder Ideologie zu bekennen und sie mit einem vielsagenden Kreuzchen seiner Wahl für würdig zu bezeichnen. Den meisten unpolitischen Menschen genügt diese Handlung, um in der Politik „mitzureden“, die übrige Zeit halten sie sich an Murren und Kritik, womit sie die gewählten Politiker ständig an ihr A.W. und ihre vor der Wahl gegebenen Versprechungen erinnern.

ALIBIDEUTSCHE
Heimliche ungarische Nationalisten, die das an den Ungarndeutschen vollenden werden, was die Verfolgung und Vertreibung nach dem II. Weltkrieg nicht schaffte.
Zum nationalen Elend der permanenten Assimilierung, von der die Ungarndeutschen seit dem II. Weltkrieg bedroht werden, kommen noch unechte nationale Minderheiten-Angehörige in den eigenen Reihen, die verdeckt oder offen den Fortbestand ihrer Volksgruppe, deren sprachliche und kulturelle Entwicklung behindern. Sind es nur A. ohne Leitungs-, Vertretungs- oder Sprecherfunktion, dann ist ihr Alibideutschtum nicht tragisch, aber im anderen Falle schon –  wenn nicht gar katastrophal. 

ALIBIPROGRAMM
Das, was ein deutscher Minderheitenverein auch ohne Sprachkenntnisse veranstalten kann.
Endlos ist die Liste der jedem Leser bestens bekannten A. unserer Minderheitenvereine, die hauptsächlich dadurch entstehen, dass ihre Programme im voraus und nicht hinterher bezahlt werden. Diese für echte Minderheitenarbeit falsche Zahlungs-Methode ist so verständlich wie allgemein üblich, weil sonst gar keine Programme verwirklicht werden könnten. Ob allerdings A. besser sind als gar keine, bleibt dahingestellt.  

 

ALLIANZ
Bündnis, das Friedenspolitik durch Machtdemonstration betreibt.
Dass Macht von einer Gemeinschaft Gleichgesinnter effektiver demonstriert werden kann, ist nicht zu bezweifeln. In der Geschichte hat sie allerdings auch dadurch bewiesen, dass sie ohne genaue Kontrolle, viel Schaden anrichten kann, um nur an den unseligen Faschismus zu erinnern. Trotzdem bleibt aber ihre Grundberechtigung zur A. unumstritten, schon deshalb, weil sie nur so zu überschauen ist.

ALLIIERTE
Verbündete Siegermächte des II. Weltkrieges, von denen bis heute nicht alle ihren Sieg verkraftet haben.
Manche A. waren nur als indirekte Sieger zu betrachten, da sie es im Windschatten der Großmächte geworden sind. Diese Tatsache enthielt all die Jahrzehnte nach dem Krieg einen Stachel, der nach und nach ein wachsendes Minderheitengefühl gegenüber dem schnell erstarkenden Kriegsverlierer erzeugte. Doch sei dem wie auch immer, die allseits geförderte Freundschaft zwischen den ehemaligen Gegnern, machte alle Kriegsbeteiligten zu echten A.  

ALTERNATIVE
Ihr Auftreten in der Politik bringt wohltuende Abwechslung; kommt sie aus der Masse, wird sie als Plage empfunden.
So wie es immer mehrere – doch mindestens zwei – Möglichkeiten zur Veränderung unangenehmer Erscheinungen, Richtungen, Arbeitsweisen im Leben gibt, so gibt es dasselbe auch in der Politik. Nur ist bei diesem Vergleich das Sprichwort nicht zu vergessen: Wen zwei das gleiche tun, so ist es lange nicht dasselbe. 

ALTERSPRÄSIDENT
Ein Beweis dafür, dass manche Politiker nicht totzukriegen sind.
Die beste Möglichkeit, einen altgedienten, doch nicht mehr für Alltagspolitik brauchbaren Abgeordneten kalt zu stellen, ist, ihn zum A. zu benennen. Einem Normalsterblichen ist das allerdings schwer zu erklären.

 

ÄLTESTENRAT
Stammeshäuptlinge des Parlaments, die das Kriegsbeil der Parteien zu bewachen haben.
Trotz gegnerischer politischer Standpunkte halten sich die Parlamentsparteien eine Hintertür offen, um nötigenfalls zu stark eskalierenden Konflikten auszuweichen. Der Ä. ist dabei sozusagen die Pförtnerriege der Hintertür, die mehr Gemeinsamkeit als Gegnerschaft zu bewachen hat.

ÄMTERHÄUFUNG
Bei anderen, ständiger Missbrauch der Position, bei sich selbst eine fruchtbare Koordinierung.
Wenn von Diätenerhöhung oder Vermögensauflistung der Parlamentarier oder anderer Amtsträger die Rede ist, da wird nur ein Teil der zur privaten Verfügung stehenden Aktiva beleuchtet. Nur zu oft garantiert eine geschickte und jedem willkommene Ä. ein Mehrfaches der bekannten Einnahmen. Und ein Betroffener würde nie gegen sich selbst aber jederzeit gegen andere Anzeige erstatten.

AMNESTIE
Bestätigung, dass politische Verbrechen immer relativ sind.
Gäbe es die nach Verurteilungen zu langjährigem Büßen übliche A., die Gefängnisse könnten niemals alle Täter fassen. Schon dadurch müssten einige in Freiheit ihre „Strafe abbüßen“. Also nur logisch, dass fast jedem Straffälligen eine Möglichkeit zur A. offen gehalten wird. Dies gilt vor allem für politische A., wo sich ein Regimewechsel sofort auch verkürzend wenn nicht aufhebend auf eine Verurteilung auswirkt.

AMTSHAFTUNG
Theoretische Möglichkeit, auch mal einem Beamten für seine Willkür eine auszuwischen, die leider in der Praxis selten angewandt wird.
A. ist das unsichtbare Damoklesschwert über dem Kopf jedes amtlichen Entscheidungsträgers. Darauf sich berufend, kann jedem mühelose Arbeitserleichterung bringen. Im Alltag kommt schon deshalb die A. selten vor, weil der Amtsschimmel gerne wiehert, aber selten schmerzlich zubeißt oder ausschlägt.

 

AMTSPERSON
Überheblicher Mensch, der das Gesetz auf seiner Seite weiß.
Es gab Zeiten, da gehörten A. zu den meistbegehrten Freiern bei jungen Mädchen. Ob mit oder ohne Uniform strahlte eine A., je nach Wissen um seinen Rang, unbedingte Autorität aus. Heutzutage hat sich diese Wirkung von den A. weg und zu den Autoritäten der freien Wirtschaft verlagert, allerdings mit dem Risiko behaftet, dass eine reiche Ehe nicht unbedingt – so wie ehemals –  andauernde Sorglosigkeit bedeutet.

ANARCHISMUS
Das erträumte Paradies auf Erden, dem nur eines im Wege ist – der zivilisierte Mensch.
Dem Menschen ist eine gewisse Ordnungsliebe angeboren. Erst durch sie kann er die Früchte seiner Arbeit, seines Strebens nach Familie mit Kindern, kurz den Sinn seines Lebens erreichen. Der A. ist sozusagen die Rückseite der Medaille, denn er steht für Chaos und Rückschritt durch das Argument, dass der Mensch nur ohne den Ordnungszwang in die paradiesischen Verhältnisse zurückfindet. Wo die A. den zivilisierten Menschen am meisten ängstigt, ist seine unheilvolle Wirkung im politischen Staatswesen.

ANKLAGE
Das Aufstellen von Fallen und Fußangeln beim Beginn einer Gerichtsverhandlung, damit sich der Angeklagte bei dem geringsten Ausfluchtversuch darin verfängt.
Es gibt wenige Menschen, die noch nie mit Gerichten zu tun hatten. Daher ist es nicht notwendig, auf den systematischen Ablauf von Prozessen jeder Art einzugehen. Lediglich darauf soll mit dem Fallenstellen hingewiesen werden, dass selbst bei erwiesener totaler Schuldlosigkeit, geschickte Anwälte zu harmlose oder unachtsame Angeklagte in missliche Lagen bringen können.

ANSTALT DES ÖFFENTLICHEN RECHTS
Ein Selbstversorgungsbetrieb, mit staatlichen Rechten und privaten Pflichten. (Beispiel: Staatsrundfunk u. -fernsehen)
Wer nicht selbst bei der A. D. Ö. R. beschäftigt ist, sieht ihre Organisationsform eher etwas unklar. Es gibt ein Dutzend davon in jedem Lande, wo sogen. Selbstverwaltungen das Sagen haben und deren Posten zum Schein durch Wahlen, doch nie nach Fähigkeiten, sondern nach Parteizugehörigkeit besetzt werden.  

ANTISEMITISMUS
Im Ursprung, die unchristlichen Aktionen Scheinheiliger, heute, vom Besitzneid geschürte Übertretung der Rede- und Meinungsfreiheit.
Was im Zarenrussland begann, wird heutzutage noch fleißig geübt, oft mit Hinweis auf die Konflikte im Nahen Osten. Doch, Hand aufs Herz: Neiden wir nicht alle mehr oder weniger die gesellschaftlichen, materiellen  und beruflichen Stellungen der Juden?

AUSSERPARLAMENTARISCHE OPPOSITION
Rede- und Meinungsfreiheit mit Wasserwerfer und Gummiknüppel.
Eine funktionierende Demokratie kann durchaus auch ohne Gummiknüppel mit Demonstrationen fertig werde. Aber wo gibt es sie in der idealen Form, so dass auch ihre Kritiker und Gegner uneingeschränkt gegen vermeintliche oder echte staatliche oder politische Missstände protestieren dürfen?

ÄRA
Großer Zeitabschnitt, der von der Nachwelt als Zeitalter bezeichnet wird, wie z.B. Bronze- oder Otto-Heinek-Zeitalter.
Hier braucht wohl der nachfolgende erste Teil der satirischen Deutung keiner Erklärung, wohl aber der zweite, wo der Leser nicht weiß, wie nun dieser Name in einem tausendjährigen Zusammenhang zu verstehen ist. Der Zusammenhang steht nicht für seinen ehrenwerten Träger, sondern ist so gemeint, wie eine relativ kurze zeitlicher Dauer, die von bedeutender gesellschaftlicher Wirkung geprägt ist.

ARBEITERBEWEGUNG
Für die einen, notwendiger Zusammenschluss der Ausgebeuteten, für die anderen, Beginn der Lebensunordnung und Lebenszerrüttung.
Je mehr sich die moderne Wirtschaftsstruktur aus dem traditionellen Modell der Arbeitsteilung und Berufsbegrenzung heraus entwickelte, umso unübersichtlicher ist die Lage der A. und ebenso ihre Beziehung zu den Arbeitgebern, die oft weltweit agieren und sich um die A. wenig kümmern. Doch so lange es eine Trennung von Arbeitnehmern und .Arbeitgebern gibt, hat die A. auch ihre Berechtigung.

ARBEITGEBER
Einer, der es als Arbeiter nicht weit gebracht hat und der nun solche, die es besser können, die Arbeit für sich machen lässt.
Hier spielte die klassische Erscheinung des A. in der Rolle des karikierten Zusehers, wie seine Arbeitnehmer ihm zum Reichtum verhelfen, keine Rolle. So wie kein A. als erfolgreicher Unternehmer geboren wird, kann er auch nur nach und nach in seinem Betrieb vom bloßen Zuseher zum Mitmacher werden, der seinen Mitarbeitern anerkannter Helfer, und Kollege ist.

ARBEITGEBERVERBAND
Sprecher all derer, die sich gegenüber dem Arbeiter mit der Meinung nicht so recht hervorwagen.
Zugegeben, die in dieser Formulierung anklingende Einseitigkeit ist übertrieben. Doch wie sonst kann man die Rolle eines vor der Öffentlichkeit in Verhandlungen riesenstarken A. umschreiben, ohne seine Alltagspflichten zwischen den großen Medienauftritten zu berücksichtigen?  

ARBEITNEHMER
Status zur Rechtfertigung der Gewerkschaft, die dafür zu sorgen hat, dass er sich auch mit wenig Einkommen glücklich fühlt.
Sofern er unorganisiert ist, passt der Begriff des A. nicht so auf ihn, wie wenn er durch die Gewerkschaft der Selbständigkeit entledigt ist. Der A. kann zwar organisiert zwischendurch ruhiger schlafen, doch wenn er deswegen den Arbeitsplatz verliert, waschen sich seine Vertreter in Unschuld die Hände und er ist allein. Zu spät merk er, dass seine und auch die Vertreter seines Arbeitgebers dieselben sind.  

ARBEITSAMT
Öffentliche Dienststelle, die als einzige offen zugibt, dass sie sich freut, wenn sie nichts zu tun hat.
Nichts ist leichter, als beim A. hinter die Kulissen zu schauen, um zu merken, dass der Raum dahinter leer ist. Irgendwie hat der Arbeitssuchende bei mehrmaliger vergeblicher Jobbsuche das Gefühl, dass nicht das A. seinetwegen da ist, sondern umgekehrt, dass er dafür zu sorgen hat, dass möglichst viele Staatsbedienstete vor Arbeitslosigkeit bewahren bleiben.

ARBEITSGERICHT
Rechtsinstanz, die alle deutlich formulierten Streitigkeiten in Amtschinesisch und zurück zu übersetzen hat.
Nichts ist so nebelhaft, wie die Erwartung von Streitparteien vor einem A. Selbst wenn beide Seiten all die Rechtsformulierungen, die ihre Interessen wahrnehmen, kennen würden, könnten sie sich nicht in Hoffnung wiegen, auch zu ihrem Recht zu kommen. Hauptsächlich deshalb meidet man das A. wenn möglich und einigt sich außergerichtlich.

ARBEITSTEILUNG
Der Grund dafür, weshalb eine Bandarbeiterin nicht weiß, ob sie an Teilen für Mähdrescher oder Panzer arbeitet. 
 Die A. wird überall dort praktiziert, wo möglichst viel Nutzen auch bei monotoner Arbeit erreicht werden soll. Die eingangs erwähnte Bandarbeiterin tut gut daran, nicht an das fertige Arbeitsprodukt am Bandende zu denken, wenn sie ihr Pensum erreichen will. Fortschrittliche Betriebe haben wohlweislich die A. zugunsten von Gruppenarbeit für alle Montageschritte abgeschafft.

ARBEITSVERTRAG
Schriftstück mit so allgemeiner Abfassung, dass es keiner Seite besonders schwer fällt, ihn nicht einzuhalten.
Hauptsächlich formale und weniger gesetzliche Gründe machen den Papierkram bei dem A. notwendig. Es sind wenige Fälle bekannt, wo ein guter Arbeitnehmer deshalb entlassen wurde, weil er sich nachträglich herausstellte, dass er im A. nicht die Wahrheit unterzeichnete.

ARBEITSZWANG
Angewandte Methode, aus Kriegsdienstverweigerern (z.B. Zeugen Jehovas), Nutzen für die  Gesellschaft herauszuholen.
Von den vielen Möglichkeiten, jemanden zur Arbeit zu zwingen, wird hier eine religiöse gewählt, weil dadurch zugleich auf eine selten tapfere Haltung hingewiesen wird, wie manche Mitmenschen nötigenfalls einen hohe Preis für die Bewahrung ihrer theoretische Überzeugung freiwillig bezahlen.

ARCHIV
Aufbewahrungsort für Schriftstücke, die aus Gründen der Umweltverschmutzung nicht weggeworfen werden dürfen.
Die Sammelleidenschaft hat viele Formen, und sie führt immer zu demselben Ziel, das Gesammelte irgendwo aufzubewahren. Allerdings hat sich bisher selten jemand zugemutet, aus den A. alle überflüssigen, d.h. noch nie eingesehenen Objekte auszusondern und zu vernichten. Wer weiß, vielleicht wird auch das einmal ein Arbeitsgebiet ernsthafter Sammler werden.

ARISTOKRAT
Ein Mensch, an dem nichts kreditwürdig ist – außer vielleicht seinem Namen.
Zum Glück leben wir nicht in einem Zeitalter, wie es in der hohen Zeit der A. gelebt wurde. Und doch kann ein schlauer A. mit seiner Herkunft gute Geschäfte machen, wenn man an die heutigen Neureichen denkt, die für einen A.-Namen jeden Betrag zu zahlen bereit sind.

ARMENRECHT
Gerichtstrick, damit der Arme nicht auf die Idee kommt, sich selbst zu verteidigen.
Was als materieller Vorteil vor einem Gericht gilt, dass ein Armer Anspruch auf kostenfreie Verteidigung hat, das stellt sich oft auch als großer Nachteil heraus, nämlich, wenn seine Meinung gar nicht gefragt ist, weil davon ausgegangen wird, dass ein materiell Unbemittelter auch geistig nicht viel drauf haben kann. 

ASSOZIIERUNG
Annäherung zwecks gegenseitiger Hilfe, die im Falle der EU immer mehr eine Stützung Gebrechlicher durch Lahme bedeutet.
Der Begriff der A. umfasst alle Arten amtlicher Vereinigung, doch wird er hier auf den allbekannten Bereich der EU-Erweiterung beschränkt. Bevor ein neues Mitglied in das vereinte Europa aufgenommen wird, muss es viele Voraussetzungen erfüllen, doch es kann nicht erwarten, dass auch die alten Mitglieder ebenso viele ihm gegenüber erfüllen – weil sie oft mit dem eigenen Überleben zu kämpfen haben.

ASYL
Für viele ist es die einzige Möglichkeit, aus politischer Anonymität ins Licht der Öffentlichkeit zu gelangen.
Natürlich ist man berechtigt, das A. als für eine spöttische Bemerkung ungeeignet zu bezeichnen. Doch, Hand aufs Herz, wer hat nicht schon zumindest die Nase gerümpft angesichts solcher politischer A., die im Aufnahmeland schnell zu Karriere und Wohlstand kommen.

ATOMWAFFENSPERRVERTRAG
Vertrag, der den jetzigen Atommächten gewährleisten soll, dass in alle Zukunft die Atommacht in ihren Händen bleibt.
Auch der bissigste Spott kann dem Tun der Atommächte nicht angemessen genug sein, wenn man ihre Behauptungen, Verträge und Versprechungen mit ihren Taten vergleicht. Ob sie mit dieser Taktik auf Dauer die kleineren – in ihren Augen vertragsunwürdigen – Staaten von den Atomwaffen fern halten können, ist sehr zu bezweifeln.

ATOMTESTSTOP
Niemals wurde mehr getestet, als nach diesem im Jahre 1963 beschlossenen Abkommen; ob über oder unter der Erde, das war und ist den Atombomben gleich.
Ergänzend zum vorigen Absatz, kann hier noch hinzugefügt werden, dass die neuesten Generationen von Atombomben einen Entwicklungsstand aufweisen, der kaum überboten werden kann und schon daher für die Großmächte einen A. rechtfertigt. Die nahe Vergangenheit zeigt, dass die den A. nicht unterzeichnenden Staaten die Atombombe weiterentwickeln können.

AUDIENZ
Ein Empfang zwecks Austauschs unbedeutender Floskeln, deren Wirkung nur in der Fernsehübertragung besteht.
Je höher ein hierarchischer Stand, umso medienwirksamer kann er sich darbieten, auch ohne irgendwelchen unsichtbaren Effekt. Alle, die wir flache Bildnachrichten den tieferen vorziehen, wären enttäuscht, würde man uns hohe, nichtssagende A. vorenthalten.

AUFKLÄRUNG
Eine geistige Bewegung, die in 200 Jahren weniger zuwege brachte, als der Bikini in einem.
Die hier interessierende A. ist eng auf ihre Bedeutung im Sexualbereich bezogen. Doch gilt ihre Wichtigkeit für alle Lebensbereiche. Wie viele Streitereien oder gar Gerichtsprozesse könnten mit einigen Worten der A. vermieden werden!

AUFSICHTSRAT
Pfleger und Melker der Kapitalkühe.
In einen lukrativen A. zu gelangen, ist nicht leicht, aber darin zu bleiben umso leichter. Die Rede ist natürlich von solchen Kapitalgesellschaften oder öffentlich rechtlichen Anstalten, wo ein A. buchstabengetreu nur die Aufsichtsfunktion oft nur in Form von persönlicher Anwesenheit ausübt, doch dafür mit regelmäßigen größeren Beträgen entlohnt wird.

AUFWERTUNG
Regierungsmaßnahme zur Schaffung politischer Vorteile auf Kosten der wirtschaftlichen Nachteile.
Am besten floriert die Wirtschaft eines Landes, wenn der Konsum im Innland und die Nachfrage aus dem Ausland gleichermaßen blühen. Störungen im Zahlungsverkehr mit dem Ausland können oft nur durch Währungsmaßnahmen der Regierung behoben werden, indem die Landeswährung auf- oder abgewertet wird. Die A. macht aber das Einkaufen von außen teuerer, was Verluste für die Wirtschaft bedeutet.

AUSLÄNDER
Notwendiges Übel, da doch jemand schließlich die minderwertige Arbeit verrichten muss.
Das beste Beispiel für den satyrischen Hintergrund des A. ist die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg, die auch als Wirtschaftswunder bekannt geworden ist. Zuerst kamen ausländische Fachkräfte, die alle gute Jobs bekamen, dann die ungelernten A., die sich mit dem minderwertigen Arbeitsrest zufrieden geben mussten. 

 

AUSNAHMEGESETZ
Ein Übergesetz, das alle Gesetze außer Kraft setzen kann, - einschließlich sich selbst.
Zum Glück wurde seit dem II. Weltkrieg noch nie die Anwendung des in jedem Land bereitstehenden A. angewandt. In der EU ist es überflüssig geworden, da alle Mitgliedsstaaten bei Krisensituationen in einem Mitgliedsland zur rechtzeitigen Hilfe bereit sind. Hoffen wir, dass ein A. für den Bereich der gesamten EU niemals zur Anwendung kommen wird.

AUSNAHMEZUSTAND
Ein Zustand, bei dem immer nur das Volk der Dumme ist; ein A., den das Volk aus Unzufriedenheit mit den Regierenden ausrufen könnte, ist nicht üblich.
Ähnlich wie vor beschrieben, ist der A. hier auch zu verstehen, mit der Ergänzung, dass lokale, auf Landesteile beschränkte A. durchaus möglich sind, wie die vermehrten Anschläge und Selbstmordaktionen von Terroristen beweisen, bei denen sich die ausländische Hilfe meistens auf polizeiliche Ermittlungen beschränkt.

AUSLIEFERUNG
Komfortable Rückreise von einem Auslandaufenthalt auf Staatskosten.
Haben Hilfsersuchen an ausländische Polizei zum Erfolg geführt und ist ein Missetäter hinter Schloss und Riegel, dann tritt die zweite Stufe des Falles in Kraft, nämlich das Ersuchen zur A., dem in den EU und vielen anderen Staaten entsprochen wird, so dass bei schwerwiegender Tat der Delinquent gepflegte 1. Klasse oder sogar einen Sondertransport zur Verfügung bekommt.  

AUSSCHREIBUNG
Die Vertuschungsmöglichkeit einer bereits getroffenen Entscheidung.
Es wäre naiv zu glauben, dass wichtige oder vertrauliche Posten, Arbeitsstellen oder Ämter nicht erstrangig mit bekannten und bewährten Personen besetzt würden, und erst in zweiter Linie – wie beim Staat oder öffentlichen Dienst – durch vorgeschriebene gesetzliche A. Doch wie auch immer, es melden sich auf öffentliche A. auch solche Bewerber, deren Qualifikation sie ganz oben auf die Warteliste und bei nächster Gelegenheit auch in den protegierten Rang bringt.

AUSSCHUSS
Diskussionsgruppe, die es oft fertig bringt, ein gutes Gesetz tot zu diskutieren.
Hier interessiert nicht der auszusondernde, minderwertige Qualitätsrest, sondern die Auswahl von Politikern, Parlamentariern, die ein unfertiges Gesetz vor der Verabschiedung nochmals durchzudiskutieren und evtl. zu verbessern haben. Ist die Fachgruppe aus Ehrgeizlingen (Sprüchemachern und Klugscheißern) zusammengesetzt, dann kann es passieren, das sich als Endergebnis ein zerredetes, d.h. ein totes Gesetz darbietet.

AUSSENPOLITIK
Die hohe Kunst, dem Wahlvolk politische Erfolge in Elefanten-Größe und Misserfolge in Mäuse-Kleinheit zu präsentieren.
Nicht von ungefähr ist der verantwortliche Regierungsvertreter (Außenminister) oft auch der populärste Politiker. Denn er hat, wie kein anderer, die alltägliche Möglichkeit, durch Redegewandtheit ‚politische Erfolge…’ und dadurch, je nach Bedarf günstige Entwicklungen zu sich und ungünstige von sich weg zu lenken.

AUSSPERRUNG
Dem Streik gleiche Demonstration mit wesentlich ungleichen Vorraussetzungen. 
Ein Großteil des unterhaltsamen Theaters bei sogen. Arbeitskämpfen kommt von der A. der Arbeiter durch die Arbeitgeber. Obwohl selten die Fabrikbelegschaften vollständig organisiert sind, macht eine A. die Verhandlungen eher komplizierter als einfacher, denn dauert die A. länger, schafft sie echten Zwist in den Reiher der Belegschaft, weil auch die Nichtorganisierten von den Kollegen an der Arbeitsaufnahme gehindert werden.

AUTOMATION
Die Rückentwicklung des Menschen in seinen gedankenlosen tierischen Ursprung.
Nicht von ungefähr beherrscht das Thema der A. alle Unterhaltungsfilme, ob in raffinierter technischer Form oder geisttötender Eintönigkeit. Wer im Alltag oder bei der Arbeit mit A. in Berührung kommt, kann davon ein Lied singen, wie er sich mit der Zeit so daran gewöhnt, dass er nicht mehr ohne sie auskommt. Bequemlichkeit ist noch das harmloseste Argument zur Bejahung der A.

AUTONOMIE
Die Möglichkeit, schwierige Gebiete sich selbst zu überlassen.
Beispiele bezeugen zur Genüge, dass manche autonomen Staatsgebilde den größten Fehler in ihrer Geschichte begingen, als sie um die A. kämpften – und sie erhielten. Was vordem als selbstverständlich galt, z.B. das funktionierende Gesundheits- und Versicherungswesen in der Großgemeinschaft, ist in der A. keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern, wie viele andere lebensnotwendigen Bereiche, lange Zeit mit experimentellen Reglementierungen behaftet.

AUTORITÄT
Die Unfähigkeit der Alten, nach der Pfeife der Jungen zu tanzen.
In der ‚guten alten Zeit’, da die Alten das Sagen und die Jungen zu gehorchen hatten, ging manches scheinbar leichter. Jeder wusste um seinen Platz in der familiären Hierarchie, doch fast jeder sehnte sich insgeheim nach der persönlichen Selbständigkeit. Manche taten dafür etwas, und manchmal zuviel, so dass die A. im umgekehrten Sinne, sozusagen von unten nach oben zu wirken begann und damit den Widersinn in der satirischen Auslegung deutlich machte.

B

BAISSE
Die Ebbe am Börsenstrand, in der die unsicheren Spekulanten baden gehen.
Das Wesen der Börsenspekulation in der B. besteht im ständigen Wetten gegen die logischen Erwartungen zur wirtschaftlichen Besserung, von der eigentlich die Börse lebt. Kein Mensch kann von dem Niedergang leben, nur der B.-Spekulant, dem es umso besser geht, je fester er an seine Erwartung glaubt, die darin besteht, dass es irgendwann mit jedem Börsenwert nach unten geht.

BANKEN
Die Haie im Fischteich der Wirtschaft – wehe, wenn sie Blut lecken.
Viele Menschen sind davon fest überzeugt, dass die Mehrheit der  B. Schuld haben, wenn es einem Land, seiner Wirtschaft und damit der darin tätigen Bevölkerung schlecht geht. Sie meinen, wenn es weiniger spekulativer Banken gäbe, so wären auch weniger Gewinne nötig, um ihre Leiter und Angestellten in fettem Lohn und Brot zu halten. Die satirische Auslegung hat die Situation im Blick, in der sich das ungarische Bankensystem 20 Jahre nach der politischen Wende darbietet.

BANNMEILE
Verbotenes Gebiet des ungestörten Büroschlafs höherer Politiker.
Ruhe ist des Bürgers höchste Pflicht – in gesellschaftlichem wie in staatlichem Bereich. Nur dann – so suggerieren Politiker – kann eine allseits gedeihliche Entwicklung stattfinden. Diese Ansicht hat aber auch das Manko der beruhigenden Einschläferung mancher politischen Faulpelze, auf die allein unser Spruch abzielt. 

BAUERNVERBAND
Meckerstelle der Landwirtschaft, die immer überlaufen ist, den welchen Bauern geht es schon gut.
Der unzufriedene Bauer kommt so oft im Fernsehen, bis er den Zuschauern den Eindruck seiner vernachlässigten Bedürftigkeit gebührend vermittelt hat. Dieses Spiel würde aber bald zur wirkungslosen Routine werden, wenn nicht noch eine erstrangige Meckerstelle vorgeschaltet wäre, die ihn u. a. bei seinen wirksamen Fernsehauftritten berät, der B..

BEAMTER
Ein Arbeitnehmer mit Streik-, aber ohne Aussperrungsrecht, der ohne amtliche Genehmigung seiner Vorgesetzten keinen Handstreich macht, es sei den, der wäre gesetzlich geregelt.
Vieles spricht in einer Demokratie für die Abschaffung des B., aber genauso vieles dagegen. Z.B. die Tatsache, dass man sein Arbeitsverhältnis als eine Labsal im Vergleich zum hektischen Gewerkschaftsgetriebe wahrnehmen kann. Die Gesellschaft von dem B. befreien, heißt sie endgültig dem freien Chaos der Marktwirtschaft auszuliefern.

BEAMTENBESTECHUNG
Ein Verbrechen, das unter das 11. Gebot fällt: du sollst dich nicht erwischen lassen.
Wer hat es nicht schon mal versucht – auf dem Finanzamt, der Baubehörde, bei dem Bahnpersonal, usw. – mit einem Scheinchen oder einer lediglich aufgeknöpften Bluse, also einer kleinen materiellen oder ideellen Gabe – jemanden ein klein wenig verständnisvoller zu machen. Und hin und wieder hatte es auch geklappt, nämlich dann, wenn sich Geber und Nehmer sicher waren, dass die B. nicht publik würde. 

BEGLAUBIGUNG
Selbst am kleinsten Futternapf frisst der Amtsschimmel mit.
Nicht von ungefähr wird Deutschland als größte Zuchtstätte für Amtsschimmel genannt. Und noch nie ist es einer Regierung gelungen, diese Zuchtstätte wirkungsvoll durch Gesetze einzuschränken, geschweige auf eine der behördlichen Eingaben förderliche zigste B. zu verzichten. 

BEAMTENNÖTIGUNG
Belästigungsart an Polizeiangehörigen, vor deren Folgen man nie sicher ist, außer man gehört zum schönen Geschlecht, - ein Polizist ist auch nur ein Mensch.
Interessant wäre eine Statistik, aus der hervorgeht, wie selten schöne und wie oft unschöne Frauen wegen derselben Verkehrsdelikte bestraft werden. Das Stichwort der B. ist hier lediglich auf den einen von vielen Aspekten beschränkt, doch lässt es sich im Alltag auch auf andere mit weiteren Formen der sogen. Nötigung ausdehnen.  

BEGNADIGUNG
Rücknahme einer übertriebenen Strafe, bei der sich das Opfer auch noch bedanken muss.
Hierbei ist an solche B. gedacht, die von der Öffentlichkeit mehr als Theater und willkürliche Reglementierung betrachtet wird, indem zuerst mit viel Gehabe jemand für ein eigentlich kleineres politisches Vergehen medienwirksam streng bestraft wird, damit es später etwas großmütig gutzumachen gibt.

BEHÖRDE
Stelle, die dafür sorgt, dass die Aktenberge immer schön ihr Landschaftsbild behalten und die Besucher dahinter verbergen.
Die B. allgemein, als eine der ältesten Institutionen der Gesellschaft, ist hier eine Karikatur, die einem unverständigen Besucher als ruhender Ameisenhaufen vorkommt, der nur von außen betrachtet einige notwendige Bewegung zeigt, in dessen Innerem aber etwas unverständliches und viel überflüssiges erledigt wird.

BERUFSBERATUNG
Nützliche Einrichtung, in der man erfährt, dass einem die richtige Berufswahl keiner abnehmen kann.
Ohne die amtliche B. hätte vielleicht mancher junge Mensch mehr Selbstbefragung nötig, welchen Beruf er wohl für sich und seine nur ihm vollständig klaren Eigenschaften für richtig hält. So sitzt er oft bei der B. wie ein Gast in einem Restaurant, der eine Speisekarte vorgesetzt bekommt, von der er sich einige Leckerbissen aussuchen darf und bei denen es heißen kann - vergriffen.

BERUFSFREIHEIT
Eine Lösung der Marktwirtschaft, die soviel wie Risikofreiheit bedeutet.
Hat die Berufsberatung in der Jugend versagt, so steht der im falschen Beruf ausgebildete Erwachsene eines Tages im Berufsleben wie ein Ochs vor einem bunten Tor und weiß nicht weiter. Jetzt hätte er immer noch eine Beratung, mehr oder weniger strenge Anleitung nötig, doch man lässt ihn im Stich, indem man ihn immer wieder nach den diversen verführerischen Speisekarten allein entscheiden lässt.

BERUFSGEHEIMNIS
Für alle seine Träger eine gute Einnahmequelle, denn alle Welt ist darauf scharf – die Zeitungsleute am meisten.
Je mehr Geheimnistuerei, umso erfolgreicher ist das Marketing einer neuen Entwicklung, Erfindung oder auch nur interessanten Nachricht. Umgekehrt kann auch aus einer unbedeutenden Sache mit dem Stempel des B. eine bedeutende werden – wenn die richtigen Zeitungsmenschen neugierig gemacht werden.

BERUFUNG
Trostpflaster oder Hoffnung, dass der Richter doch noch die Lüge glaubt.
Niemand weiß so gut, wie ein Verurteilter selbst, ob ein Richterspruch gerecht ist, doch selten würde ihn ein Delinquent nicht durch B. verbessern wollen, wenn er auch nur eine kleine Hoffnung dafür hat.

BESCHWERDE
Ein Irrlicht im Behördenlabyrinth; wenn man ihm nicht folgt, erspart man sich eine Menge Ärger.
Unwillkürlich fällt einem bei der behördlichen B. ein Kafka-Roman ein, in dem auch die Hauptfigur glaubt sein elementares menschliches Recht durch B. an der richtigen Stelle erlangen zu können, doch den richtigen Ort für eine berechtigte B. nicht finden kann. Das ist hauptsächlich für jedermann der Grund, weshalb er sich eine B. zweimal überlegen sollte.

BETRIEBSRAT
Eine Funktion mit Puffer-Rolle, die dazu dient, von zwei Seiten gehörig gequetscht zu werden.
So lange es die kapitalistische Wirtschaftsordnung geben wird, ist auch der B. nötig. Der ewige Streit über seine Berechtigung wird entsprechend der Betriebsgröße geschürt. Doch wie stark auch immer die von ihm vertretene Belegschaft ist, er befindet sich in einer undankbaren Position, weil er es nie zugleich den Arbeitnehmern und Arbeitgebern recht machen kann.

BEWÄHRUNGSFRIST
Entgegenkommen, damit sich der Verurteilte besser auf sein nächstes „Ding“ vorbereiten kann.
Ein Urteil mit B. ist nur demjenigen angenehm, der heimlich vorhat, beim nächsten mal besser aufzupassen. Einem ehrlichen Menschen, der einmalig oder zufällig straffällig wird, tut die B. genauso weh, als ob er die Strafe absitzen müsste. 

BEWEISFÜHRUNG
So tun, als ob man etwas wüsste und dabei froh sein, wenn man davon entbunden wird. 
Nichts ist unangenehmer, als wenn eine mit aller Gewissheit vorgetragene Behauptung nicht geglaubt wird, oder gar eine B. nötig hat. Ob nur im Alltag oder bei Ämtern, immer ist sie mit dem Makel des Risikos verbunden, dass letzte Zweifel nie ausgeräumt werden können.

BILANZ
Offenbarungseid, bei dem sich ein gutes Gewissen selbst in den Hintern beißen könnte.
So schön auch ein Geschäft läuft, den letzten Beweis, dass es objektiv gut geht, kann nur eine ehrliche und gründliche  B. liefern. Nicht von ungefähr wird in Deutschland – wie selbst erlebt – nur in Ausnahmefällen ein junger Unternehmer vom Finanzamt in den ersten Jahren nach einer Geschäftsgründung zur ersten B. aufgefordert.

BILDUNGSAUTONOMIE
Gesetzliche Garantie dafür, dass jeder Lehrstuhl-Leiter seine eigene politische Überzeugung in den Lehrbereich einbringen kann.
Diese satirische Auslegung bezieht sich erstrangig auf die Zustände an ungarischen Hochschulen und Unis, bei denen seit der Wende eine starke innere Parteiaktivität zu beobachten ist. Das geht so weit, dass Lehrstuhlleitungen und Lehrbeauftragte wegen falscher politischer Einstellung ausgetauscht oder bei Wahlkämpfen zur eindeutigen Stellungnahme aufgefordert werden. Die Erstfassung des Originals ERNST UND HEITER enthält bei B. zum Schluss die Formulierung: Wer das am überzeugendsten tut, wird zum Staatssekretär gemacht.

BILATERAL
Techtelmechtel zu zweit.
Für den politischen Laien gehört B. zum Bereich der unverständlichen Diplomatie, wo sie seiner Meinung nach neutral wirkt und ‚keinen Schaden anrichten kann’. Im politischen Leben geht alles B. leichter, weil es auf dem gleichen Entgegenkommen zweier Partner beruht.
BINKELBALL
Ein Tanzvergnügen altschwäbisch-sparsamer Art, das erhöhte Eintrittspreise zur Folge hat, damit die Binkel der Veranstalter nicht leer bleiben.
Hier muss die Bitte des Satirikers angefügt werden, den B. nie verallgemeinert zu betrachten. Es gibt auch ehrlich sparsame Veranstaltungen, die den Veranstaltern keine Binkel füllen. Doch das Gegenteil ist leider dort zu beobachten, wo der B. nicht von traditionsbewussten, sondern von geschäftstüchtigen Veranstaltern organisiert wird.

BÖRSE
Umsatzstelle für Herzinfarkte und Nervenzusammenbrüche.
Von den vielen Sichtweisen auf die B. gehört die zitierte zu den ergiebigsten, denn sie beobachtet nur, ohne sich zu engagieren. Schwarze Freitage oder Montage mit Kursstürzen können dort richtige menschliche Katastrophen werden, wo mit Leidenschaft an der B. spekuliert und vergessen wird, dass die B. immer ein Glückspiel-Paradies bleiben wird. .

BOOM
Das Zauberwort zur Ankurbelung der Wirtschaft, das die hohen Preissteigerungen auslöst.
Nicht zu recht freut sich auch der Normalverdiener auf die Nachricht von der boomenden Wirtschaft. Was er auf der einen Seite mehr an Lohn bekommt, wird ihm vom B. der zahlreichen Verkaufsläden zigmal weggenommen. Deshalb ist ein sicherer Arbeitsplatz auf Dauer besser, als ein sogen. B., der unweigerlich als Wachstumswelle immer auch ein abwärts führendes Wellenende hat. 

BOTSCHAFTER
Dompteur in der politischen Löwenmanege, der stets mit happigen Brocken seine hungrigen Widerparte in Schach zu halten hat.
Bei dieser Auslegung wird eine der Hauptaufgaben eines wie auch immer gearteten B. belächelt. Wen er nur alltägliche Routine zu erledigen hätte, wäre er nicht so wichtig, ja oft überflüssig. In der höchsten Position des Vertreters eines Staates ist der B. oft aufs Äußerste gefordert und nie eines Dauerjobs sicher.

BOULEVARDPRESSE
Der Garant dafür, dass auch mal was Interessantes dem Zeitungsleser vorgesetzt wird.
Auf dieser Kernweisheit ist manche Großzeitung begründet. Millionen-Auflagen wären nicht denkbar, wenn Nachrichten immer nur in der trockenen Form ihres Ereignisses in der Zeitung abgedruckt würden; und deshalb nehmen geschäftstüchtige Chefredakteure oft wissentlich auch Dementis, Gegendarstellungen oder gar Schadensprozesse in Kauf.

BRAUCHTUM
Unverkäuflicher alter Hut, der gerne vererbt aber selten getragen wird.
Mal ehrlich, wer hat nicht zuhause in einer Rumpelecke etwas, das er gerne zur Erinnerung seinen Nachkommen vererben würde, bei dem aber nicht sicher ist, dass es einmal auch von den Erben in gleicher Weise geachtet werden wird. Leider wissen zu viele Menschen nicht, wozu das B. gut sein soll, und sie behandeln es dementsprechend.

BUCHBESPRECHNUG
Gute Gelegenheit, Konkurrenzautoren eins auszuwischen.
Als Schriftsteller mit gelegentlicher Lektüre der Feuilleton-Seiten großer Zeitungen, staunt man leicht, ob der immer wiederkehrenden Namen solcher Buchkritiker, die selbst auch schreiben. Es ist schwer immer ihre Objektivität zu beurteilen, leicht ist es aber, festzustellen, dass sie ihre Kollegen nicht nach dem christlichen Grundsatz behandeln: Liebe deinen nächsten wie dich selbst.   

BRIEFGEHEIMNIS
Der Grund dafür, dass mancher Brief so spät ankommt – die Schnüffler sind  überlastet.
Leider gibt es keine Statistik, bei wie vielen Briefen das Briefgeheimnis respektiert wird und sie nicht von Unberufenen aus mitmenschlicher Neugier, vager Schnüffelei und echter amtlicher Kontrolle gelesen werden. Sicherheitsgesetze werden auch dort als Gründe für amtliche Neugier genannt, wo nachweislich der Aufwand mit dem Ergebnis in keinem realen Verhältnis steht.

BUCHPRÄSENTATION
Für manches Druckerzeugnis die einzige Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.
Bei mancher B. staunen Fachmann wie Laie, ob der plötzlichen Popularität manches gebundenen Druckerzeugnisses. Eine Anzeigenkampagne vor der Erscheinung, dann die ominöse B. natürlich mit gezinkter Widmungsstunde und schließlich bestellte Kritiken, das ist das Mindeste, was ein gutbetuchter aber untalentierter Autor seinem unbedeutenden Buchliebling schuldig ist.

BÜNDNIS
Ständiger Wettkampf namhafter Reiter darin, wer wohl die meisten Stallburschen um sich scharen kann.
Mal abgesehen von dem zum Überleben einer Nation notwendigen B., die unnötigen sind weit in der Mehrzahl. Für manche Großmacht gehört das B. auch mit unbedeuteten Nachbarn zum leicht durchschaubaren Sichern des territorialen Erscheinungsbildes. 

BUNDESFLAGGEN – D und A
Überbleibsel aus einer bewegten Zeit, deren Farben durch ständiges Waschen sehr abgenutzt sind.
Die Einzelbuchstaben sollen dem Leser die nationale Zuordnung der B. erleichtern. Denn keine anderen sind in der Vergangenheit so gebeutelt und durch Schmutz gezogen worden, wie die deutsche und österreichische B.; doch auch das immer gelungene Reinwaschen ist bemerkenswert.

BUNDESWAPPEN – D und A
Vögel, die schon oft in der Geschichte gerupft wurden, die aber aus heimatzoologischen Gründen immer wieder frisch aufgepäppelt werden.
Dasselbe wie bei den Flaggen ist bei den B. der beiden Staaten zutreffend. Erstaunlich, wie oft in der Geschichte diese beiden Staaten ihre Würde zurück zu gewinnen in der Lage waren. Bekannten Huren hängt der schlechte Ruf ein ganzes Leben lang an. Die selbst mit unbeschreiblichem negativem Ruf behafteten Wappentiere brachten es immer wieder fertig, durch erstrahlendes Gefieder ihre Vergangenheit vergessen zu machen.

BÜRGERMEISTER
Oberster Stallmeister der Amtsschimmel.
Nicht von ungefähr, ist oft die Bewerbung um den B.-Posten an keinerlei Fähigkeiten geknüpft. So gelang es schon beliebten Komikern oder unfähigen Schreihälsen, zu B. gewählt zu werden. Das beweist doch zur Genüge, dass bei diesem Posten weniger verwalterische Ergebnisse, sondern mehr stallmeisterliche gefragt sind. 

BÜROKRATIE
Züchtungs-, Unterkunfts- und Verpflegungsstelle der Amtsschimmel.
Es kommt einem manchmal sehr komisch – oder zum Weinen – vor, was eine verkrustete B. an Aktenwülsten zu produzieren in der Lage ist, bis ein amtlicher Vorgang zu den Akten gelegt oder einem nützlichen Ziele zugeführt werden kann. Bei der deutschen, beispielhaft eingeübten B. etwas ändern zu wollen, hieße, viele Bildungseinrichtungen, welche die B. durch zu strenge Lehrziele fördern, abzuschaffen.

BUSCH-TROMMEL
Ein Geräuschinstrument der Kinder, das ausschließlich von Erwachsenen bedient wird.
Bei den ungarndeutschen Kindern spielen solche Begriffe, wie die B. eine ebenso exotische wie lehrreiche Rolle, auch wenn sie selbst selten zur Bedienung – was sie sicher gerne täten – aufgefordert werden. Wenn es die B. nicht gäbe, müsste sie erfunden werden. Allerdings wird sie von der angesprochenen Lehrerschaft nur dann ernst genommen, wenn ihnen das Trommeln nicht zu beständig und zu laut in den Ohren klingt.

C

 CHAUVINISMUS
Die Lehre, die zu der liebsten jeder Nation gehört, besagt sie doch viel über Leistung und Tüchtigkeit desjenigen Volkes, dem man selbst das Glück hat anzugehören.
Trotz aller philosophischen Ablenkung ist der Ch. eine glasklare alltägliche Verführung zur Unwahrheit, entweder zu Ungunsten der anderen oder zu Gunsten der eigenen Seite. Es lohnt jedenfalls, sich etwas gründlicher mit dem CH. zu beschäftigen.

COMPUTER
Beliebter Babysitter, der den Vorteil hat, dass er seinen Schützling wegen schlechten Benehmens nicht bestraft.
Neueste C. sind auch von Analphabeten und Kindern im Vorschulalter leicht zu bedienen, was allemal eine große Erleichterung den Erziehern beschert, überhaupt, wenn es sich um hyperaktiven Nachwuchs handelt.

CUMMUNIQUE
Diplomatisches Schriftstück, aus dessen Grad der Unwahrheit nur ein Kenner die Wahrheit herauszulesen vermag.

Gut verpackt, ist auch die schlimmste Unwahrheit als solche nicht zu erahnen, weshalb zum Abfassen eines guten C. intelligentere Politiker nötig sind, als diejenigen hohen Ränge, welchen man die Verhandlungsführung anvertraut und die oft ein Wort zu viel oder zu wenig riskieren.

D

DACHVEREIN
Einrichtung zur Vertuschung der Untätigkeit mancher Minderheitenvereine.
Seit ein großer Teil der Minderheitenvertreter nicht mehr gewillt oder in der Lage ist, die Sprache der Minderheit zu gebrauchen, die sie gewählt hat, kommt dem D. erhöhte Bedeutung zu. Nur unter seinen Fittichen können manche Programme interessant (allen verständlich) und rationell (finanziell lohnend) abgewickelt werden.

DATENBANK
Ein Alptraum der Zukunft, der unser Privatleben zerstören wird, ohne dass wir es merken.
Weshalb eine so pessimistische Auslegung der D. gewählt wurde, ist mit der Möglichkeit des allumfassenden Speicherns und Abrufens von Daten in Zukunft erklärbar. Wenn wir jetzt schon in Zweifel und Ungewissheit nicht ruhig schlafen können, wie wird uns erst eine noch bessere D. das Leben beeinflussen.

DDR
Ehemals versehentliche Staatsbezeichnung, die ein „D“ zuviel im Namen hatte.  
Natürlich bezieht sich das überflüssige „D“ auf die demokratische Suggestion, die es ausstrahlt. Man kann dem ehemaligen zweiten Staat auf deutschem Gebiet einige positive Ansätze auf sozialem und schulischem Gebiet nicht absprechen, aber von der Demokratie war er weit entfernt.

DEBATTE
Streit um nichts, bei dem meist etwas herauskommt.
Ein Wortspiel, bei dem man den Schalk im Nacken des Autors am besten spürt, und das – wie seinerzeit einige aus dem ‚Politik aufgespießt’ – verdient, auch in einer Sammlung der Ungarn-deutschen vorzukommen. Zahllos könnten Beispiele von D. (auch im DEUTSCHFORUM) angeführt werden, bei denen Streit um nichts zu guten Ergebnisen führte.

DEUTSCHE BÜHNE UNGARNS
Beweis, dass eine Diasporaeinrichtung, auch wenn sie allseits unterstützt wird, dennoch verlustreich arbeiten kann.
Es tut jedes Mal ein bisschen mehr weh, je öfter man etwas über die DBU in der Zeitung liest. Es ist, als ob man mit dieser Einrichtung bildlich den Niedergang der deutschen Sprache in Ungarn darstellen will. Ohne eine gute Mannschaft (bei gutem Honorar) aus dem Mutterland, müssen die Bemühungen, das Publikum von der Schönheit der Muttersprache zu überzeugen, wirkungslos bleiben. 

DEFLATION
Allgemeines Käuferverhalten, zwecks Erinnerung der Kaufleute daran, dass nicht die Käufer ihretwegen da sind, sondern umgekehrt.
Bei dieser Erklärung wird ein fiktives, bzw. selten vorkommendes Käuferverhalten angenommen, das die Verkäufer durch Kaufsverweigerung zur Rücknahme von Preiserhöhungen zwingt. Im tatsächlichen Handel ist eine D. dann vorhanden, wenn zu wenig Geldmittel im Umlauf sind.

 

DEKLARATION
Erklärung vor dem Zoll oder Finanzamt, ohne vollen Wahrheitsgehalt; von diplomatischer D. ganz zu schweigen.
Überall wo großspurig aber hoch amtlich eine Erklärung abgegeben wird, ist die D. am Zuge. Am eindeutigsten kommt sie zur Wirkung, wenn sie hohe politische Ränge abgeben, und sie ihres unklaren Inhalts wegen vom unverständigen Zuhörer mit ‚der glaubt ja selber nicht, was er sagt’ apostrophiert wird.

DELEGATION
Leute, die zuhause nicht viel zu sagen haben und von auswärts immer zurückfragen müssen.
Der Name macht hier den Wert. Man könnte auch anmerken: Je größer ein Pulk, umso beeindruckender wirkt er als offizielle D. Selten aber wird nach einer Rückkehr der Delegierten genau über Aufwand und Ertrag abgerechnet, denn die öffentliche Wirkung kann nicht in Natura bewertet werden.

DELIKT
Eine Ohrfeige, welche die Ehre hat, vor den Kadi geladen zu werden.
Wenn jedes sogen. D. vor den Richter käme, so hätte er kaum Zeit, die Eingaben zu sortieren, geschweige die Wichtigen abzuarbeiten. Dasselbe gilt für die Polizei, mit dem Unterschied, dass sie von amtswegen von jedem D. eine Akte anzulegen, aber nur weniges abzuarbeiten hat. 

DEMAGOGE
Ein Redner, der mit unverständlicher Begründung etwas Unklares zu klären versucht.
Man könnte auch deutlicher werden und den D. einfach als gebildeten Quatschkopf bezeichnen, der so lange um oder über etwas redet, bis er es selber glaubt.

DEMARKATIONSLINIE
Das erste, das nach der Beendigung eines Konfliktes gezogen wird, und auch das Erste, das neue Konflikte schafft.
Selten sind sich Kriegsgegner nach dem Begraben des Kriegsbeils über die Endgültigkeit einer D. einig. Gelingt es der Diplomatie nicht, diese Uneinigkeit über kurz oder lang abzuschaffen, dann bekommt das Kriegsbeil wahrscheinlich irgendwann wieder etwas zu tun.

DEMENTI
Öffentliche Berichtigung einer leichtfertigen Behauptung, um ihre Bedeutung im Grunde zu erhöhen.
Es gibt vor allem in der Regenbogenpresse oft sehr interessante D., die so abgefasst und platziert sind, dass sie der gesetzlichen Rücknahme einer Behauptung,  wie auch dem Leser als interessante Lektüre gerecht werden. Da aber das Letztere die Auflage durch Neugier nach Fortsetzung erhöhen kann, wird ein D. nicht immer eingeklagt.

DEMOKRATIE
Gesellschaftsform, die von sich behauptet, dass sie die beste ist und die sich vorgenommen hat, das auch jenen zu beweisen, die sich für noch besser halten.
Nur im Idealfalle ist eine D. als Gesellschaftsform beispielhaft. Und weil dieser Zustand nur selten zu erreichen ist, hat z.B. auch unsere westliche Art in manchen Erdteilen wenige Nachahmer.

DEMONSTRATION
Ein Beweis, dass ein Individuum in der Masse leichter zu lenken ist.
Nirgendwo ist das Recht zur D. so freizügig, wie in den Vereinigten Staaten, wo von den Faschisten und Hakenkreuzträgern, bis zu den schlimmsten Präsidentengegnern, jede Art und Größe von D. erlaubt scheint und vom Autor dieser Zeilen Mitte der Siebziger selbst erlebt wurde.

DEMOSKOPIE
Beeinflussung durch gezielte Fragestellung und anschließende Veröffentlichung der suggerierten Antworten.
Obwohl die D. das Gegenteil der Statistik ist, hat sie vieles mit ihr gemeinsam, nämlich die Möglichkeiten der verschiedenen und oft Ergebnisse vorwegnehmenden Auslegung und Auswertung. Wenn das nicht der Fall wäre, so gäbe es bei Regierungswahlen wie bei Volkszählungen keine Überraschungen.

 

DEPORTATION
Erholungsverschickung für politisch Unterernährte.
In der Praxis ihrer Anwendung ist die D. der totalitären von jener in demokratischen Staaten zu unterscheiden: Hier wird eine unerwünschte Person ins Ausland per Gesetz durch die Regierung vertrieben, dort durch die Passbehörde abgeschoben. Doch in jedem Falle kann die D. dem Betroffenen zur Verbesserung der Lebensumstände dienen.

„DEUTSCHE IN UNGARN“

  1.  Wanderausstellung mit Abschreckungseffekt, weil mit deutschem Rentenverzicht verbunden.
  2.  Werbefilm für werdende Rentner zwecks Entlastung der deutschen Altersheime.

Selbst zu diesem Kreis gehörig habe ich nur diese zwei Möglichkeiten des Daueraufenthaltes der DiU gewählt, weil sie einmal aus negativer, das andere mal aus positiver Sicht die Situation erhellen. Den Rentenverzicht konnte ich durch Erhaltung eines ersten Wohnsitzes in Deutschland umgehen, als auch dadurch das Recht auf einen deutschen Pflegeplatz erhalten. Also, übereile nichts, schau vorher genauer hin.

DEUTSCHE EINHEIT
Teueres Vorhaben, dessen Preis seiner eigenen Verwirklichung im Wege steht.
Achtzehn Jahre nach der Wende ist die D.E. noch nicht vollzogen, so wie es für die Bürger notwendig und von der Bundesregierung bei der Entscheidung gegen eine Übergangsphase mit Sondergesetzen und für eine sofortige Vereinigung mit bundesdeutschem Grundgesetz wäre. Da jedoch die DDR-Bürger politisch nicht darauf vorbereitet und auch bisher nicht willens waren, sich vollständig dieser Regelung zu unterwerfen, ist wohl eine echte D.E. erst in der zweiten oder dritten Generation möglich.

DEUTSCHFORUM
Ein vergeblicher Versuch, der DMS Szeged die deutsche Muttersprache schmackhaft zu machen.
Dieser vom Autor und seiner damaligen Ratgeberin, Dr. Margarete Ott, Uni Szeged, 2000 gegründete Verein funktionierte nur so lange, wie die Gründer selbst aus eigener Tasche oder von Sponsoren genügend Mittel aufbringen konnten. Vergeblich wurden über Jahre und viele Programme hindurch von der Deutschen Minderheiten-Selbstverwaltung Zuschüsse beantragt, wurden doch nur klitzekleine Zuschüsse Monate verspätet überwiesen. Es gab dort niemanden, der an echten deutschen Programmen interessiert war.

DEUTSCHE MINDERHEITEN-SELBSTVERWALTUNG
Oberste Vertreter einer örtlichen Minderheit, deren Haupt-zweck der möglichst effektive Einsatz der  Minderheitengelder ist.
Diese etwas überspitzte aber wahre Umschreibung wurde nötig wegen des Verhaltens der D.M.S. der Uni-Stadt Szeged mit einigen Tausend an deutschen Programmen interessierter Jugendlicher. Auf Grund der im Vorabschnitt erwähnten Tatsachen, habe ich gegen die Alibi-Vorsitzende vergeblich protestiert und sogar eine Gerichtsklage eingereicht, ich konnte weder an den Programmen der D.M.S. noch an der personellen Zusammensetzung etwas ändern.

DEUTSCHLANDLIED
Das Lied, das einst aufbrach, das Fürchten zu lernen.
Als das Imposanteste an dem D. ist seine Standhaftigkeit in solchen kritischen Situationen, wie es die beiden Weltkriege und die darauf jeweils folgenden politischen Umwälzungen in Deutschland waren, anzusehen. Nach dem vergeblichen Versuch, seine erste Strophe in die Tat umzusetzen (Deutschland, Deutschland über alles…), hat es lediglich die zweite zur ersten gemacht, und steht da, als ob es die Nationalsozialisten und ihr Weltmachtstreben niemals gegeben hätte. 

DIÄTEN
Der einzige Begriff in parlamentarischen Debatten, über den sich die Abgeordneten aller Parteien prinzipiell und inhaltlich einig sind.
Nichts ist leichter, als die D. sarkastisch zu umschreiben. Der Bürger ärgert sich vergeblich, er wird weder wegen der Leistung, noch wegen sonstiger Gründe für eine regelmäßige Erhöhung der D. befragt.

 

DIALEKTOLOGIE
Wissenschaft, die der Zeit immer so weit nachhinkt, dass sie niemals aktuell sein kann.
 Man kann es sich als Laie kaum vorstellen, wie umfangreich diese Materie, wie zahlreich die Forscher und wie unerforscht die unzähligen Mundarten allein der Deutschen sind. Es ist schwierig eine genaue Auflistung der mundartlichen Ausdrücke, geschweige einen endgültigen Atlas zu erstellen, so müssen sich Forscher mit Teilbereichen der D. abplagen, ohne viel dagegen tun zu können.  

DIALEKTISCHER MATERIALISMUS
Die Lehre, die beweisen will, dass selbst das allererste Ei von einer Henne gelegt worden sein muss.
So zahlreich die Werke über den D.M. bisher waren, ebenso oft wurden sie dialektisch überholt und eingestampft. Man kann eben den Darwinismus, Marxismus u. ä. Lehren nicht dauerhaft über die Biblische Schöpfungsgeschichte stellen, die sich bereits etliche Tausend Jahre behaupten konnte, weil der Mensch lieber an das Paradies als an das Chaos glaubt.

DIENSTAUFSICHTSBEHÖRDE
Die Möglichkeit, den Teufel bei seiner Großmutter zu ver-klagen.
Eines steht so fest, wie das staatliche Amtswesen selbst, nämlich die Unmöglichkeit, eine D. schnell und wirkungsvoll, oder überhaupt, durchzubringen. Auch bei solchen D., die offensichtlich gerechtfertigt scheinen, kann nur eine unsichtbare Macht helfen, aber immer bleibt der Beschwerdeführende leicht verdächtigt als notorischer Nörgler, und er wird bei seinen nächsten Behördengängen sicher nicht bevorzugt bedient.

DIKTAT
Die aussichtsreichste Art, jemanden um etwas zu bitten.
Dieses D. wird deshalb zusätzlich zum nächstfolgenden beschrieben, weil es eine unangenehme Tatsache auch in unseren Alltag verlegt: Wie oft haben wir es mit scheinheiliger Höflichkeit beim Bitten um etwas zu tun, bei der wir nicht nein sagen können. Man kann solche Bitten sehen wie man will, sie sind und bleiben grundsätzliche D.

DIKTATUR
Der einzige Ausweg aus einer gescheiterten Demokratie.
Die D. gehört in Zukunft hoffentlich und  Gott sei’s gedankt zu den seltenen Staatsereignissen, hat aber im Kern als Ursache seines Entstehens immer die gleichen, auf den sarkastischen Punkt gebrachten Verhältnisse in einem Lande. Beispiele dafür gab es im 20. Jahrhundert gerade genug, aus denen die Korruption im russischen Zarenreich und die schwache Politik in der Weimarer Republik herausragen.

DIPLOMAT
Ein Mann, der niemals „ja“ oder „nein“ sagt.
Versagt ein Regierungsmitglied oder macht sich eines unbeliebt, dann wird es, ohne große Diätverluste, als D. in den Auslandsdienst versetzt. Dort kann man nur selten etwas falsch machen, denn es wird niemals eine sofortige und endgültige Entscheidung oder Stellungnahme von einem D. erwartet, sondern erst nach Rücksprache mit seinem Außenministerium. 

DISKONTSATZ
Das Hindernis für eine gleichmäßige Wirtschaftsentwicklung, das überall dort aufgestellt ist, wo man es am wenigsten brauchen kann.
Mit Blick auf den D. kann in keinem demokratischen Land von einer freien Marktwirtschaft die Rede sein. In einer oft sehr komplizierten Entscheidungsprozedur wird zwischen dem Wirtschaftsministerium und der Zentralbank ein D. festgesetzt, der den Geldumlauf zwischen den horizontalen und vertikalen Wirtschaftsebenen regelt.

DISKRIMINIERUNG
Tat oder Äußerung, die Anspruch auf Schadenersatz hat.
Falsche Nachrede oder unbeweisbare Beschuldigung hat Anspruch vor dem Kadi ein Recht auf öffentliche Rücknahme zu fordern. D. ist eine Behauptung dann, wenn sie auf kriminelle Machenschaften weist, weshalb sie oft von Seiten Stärkerer gegen Schwächere angewandt wird, auch wenn sie eine richterlich verfügte Rücknahme zu erwarten hat.   

 

DISKUSSION
Eine Aussprache, die umso bedeutender ist, je mehr Meinungsverschiedenheiten bestehen – und verbleiben.
Je intelligenter eine Gesprächsrunde, umso interessanter ist ihre D., ganz gleich, um welchen D.-Gegenstand es geht. Von einerseits ‚Reden um den heißen Brei’ und andererseits um schwere politische Entscheidungen, was am Ende der D. übrig bleibt, macht sie im Nachhinein bedeutend oder auch nicht.

DISZIPLINARVERFAHREN
Unbezahlter Urlaub für Staatsbedienstete.
Der normale Arbeiter oder Angestellte staunt oft, ohne es zu verstehen, weshalb manche B. auch bei gewichtigen Vergehen nicht gleich aus dem Staatsdienst entlassen, sondern erstmal in einen bezahlten unbefristeten Urlaub geschickt werden. Parallel dazu wird erst das D. in Amtsschimmel-Tempo in die Wege geleitet, so dass die Öffentlichkeit selten seinen Ausgang mitbekommt. 

DOGMA
Ein alter Hut der Kirche, der es verblüffender Weise fertig bringt, jede neue Moderichtung zu überleben.
Würde sich die Kirche nach den Strömungen der Zeit richten, so gäbe es schon lange keinerlei Dogmen, und der Papst könnte als kirchenpolitischer Mensch die Kirche je nach Bedarf der weltlichen Machtverhältnisse steuern, wie es ihm in den Kram passte. Jedes D. ist daher einem unumstößlichen, zeitlosen Gesetzestext vergleichbar, der für den Papst so lange bindend ist, bis er ihn in einer dogmatischen Prozedur ändert oder aufhebt. 

DOKTRIN
Der Zwang, einen anderen nach eigenem Gutdünken glücklich zu machen.
Eine oft erst im Nachhinein und viel zu spät als falsch bewertete politische D. hat schon viele menschliche Katastrophen verursacht. Jede Diktatur hat dadurch erhebliche Schuld auf sich geladen, dass sie nicht mit geschichtlich bewährten Gesetzen, sondern mit D. arbeitete, gegen die es kein Recht zu Einsprüchen noch Korrekturen gibt.  

 

DOZENT
Vollstrecker der Gesetze der Bildungsautonomie, der seine mangelhafte Weiterbildung durch Wortreichtum verstecken kann.
Dieses Stichwort ist ganz und gar subjektiv und auf den D. bezogen, der eine Bildungsautonomie verteidigen muss, die von der hohen Politik gesteuert wird, ohne Rücksicht auf die Ausbildungsziele. Nur so ist zu verstehen, weshalb viele Studenten beim Abgang von den Unis oder Hochschulen für die Aufnahme eines Berufes ungeeignet sind und sich noch einige Jahre lang praktisch weiterbilden müssen.

DUALISMUS
Wenn sich wahre Lügen und lügenhafte Wahrheiten gegenüber stehen.
Nichts hat im Alltag, ja in der Natur schlechthin so viele Vorbilder, wie der D. Er heißt soviel wie Parallelität von etwas, das man ‚so oder so’, also immer ‚von zwei Seiten’ betrachten und erklären kann. Und nichts ist interessanter, als wenn sich Intelligente wortreich duellieren. Auf dieser Tatsache beruhen viele Erfolge von Fernsehsendungen mit guten Moderatoren und Diskutanten.

DYNAMISCHE RENTE
Sie gewährleistet, dass ein Rentner immer schön gleichmäßig hinter den allgemeinen Lebenskosten herhinkt.
Gebe es keine D. R., so wäre die Entlohnung für Lebensleistung oft wesentlich gerechter. Nur der sogen. Dynamisierung verdanken wir die Starrheit bei den Rentenerhöhungen, die niemanden befriedigen. Schon bei der Festlegung der Rentenformel spielt die D.R. eine wesentliche Rolle.

E

EID
Eine Zauberformel, deren Zauber oft mehr als faul ist.
Würde jeder von Amts wegen abgegebene und danach gebrochene E. gerichtlich verfolgt, dann hätten die Gerichte keine Zeit für andere Anklagen. Dasselbe kann für die amtliche Vereidigung mit und ohne Gott und die Bibel angenommen werden, denn der Mensch ist leicht vergesslich und nichts ist so einfach, wie die eine Hand zu heben und die andere sichtbar oder unsichtbar zur E.-Ableitung nach unten zu strecken.

EIGENTUM
Letzter Hort des Spießers, der ihm Lebensfülle vorspiegelt, doch in Wirklichkeit nur Einschränkung bedeutet, - gelebtes E. ist vertanes.
Leicht kann das private E. in reichen mit demselben in armen verglichen werde, um zu der gemeinsamen Feststellung zu kommen, dass z.B. der kleine Häuslebauer hier wie dort ungefähr denselben Prozentsatz seines Einkommens über den gleichen Zeitraum für Zins und meist 20-jährige Tilgung ausgeben muss. Schert ein Rückzahler aus diesem Verhältnis aus, so kann er als gescheiterte oder lobenswerte Ausnahme gelten. 

EINBÜRGERUNG
Ein Schritt weg vom vereinten Europa.
Jahrhunderte lang ist die E. ein ehren- und erstrebenswertes Ziel bei freiwilliger oder erzwungener Einwanderung (Migration) gewesen. Und je höher der moralische Wert dieser Amtshandlung in einem Staat eingestuft war, umso unmoralischer und für die Betroffenen verwerflicher war der Verlust der Bürgerrechte. Das ist zum Glück so in einem vereinten Europa nicht mehr der Fall, da in den Mitgliedsländern ein Dauerwohnrecht mit allen Privilegien und Pflichten auch ohne E. erlangt werden kann.

EINLADUNG
Ein Relikt aus der Zeit des Eisernen Vorhangs, das heutzutage noch lohnt, wenn es von Minderheitenvertretern als Beleg den Reisespesen beigefügt wird.
Die Rechnungshöfe können ein Lied über die E. singen, die von sogen. Kulturreisenden in die Mutterländer der nationalen Minderheiten  als Belege eingereicht und finanziell bezuschusst werden und so die Abrechnungen der Reisespesen glaubwürdig machen. Am liebsten sind bei Alibireisen solche E., die für Gegenden gelten, die neben den anerkannten kulturellen Zielen, auch privat-erholsame beinhalten.

 

EINSTWEILIGE VERFÜGUNG
Vorgezogener Justizirrtum, der eine Berichtigungsaussicht hat.
Anders als ein Widerspruch, kann eine E.V. einen Gerichtsakt sofort in Gang setzen bzw. fortsetzen. Gemessen an dem erreichbaren Ziel – der Prozesseröffnung – ist der Aufwand bei so einer Eingabe relativ gering und kann z.B. bei ‚übler Nachrede’ oder ‚schlechter Zahlungsmoral’ auf einfachem Vordruck, auch ohne Anwalt, beantragt werden.

EISENBAHN
Der beste Beweis, dass es sich mit Verlusten ganz gut leben lässt.
Die verlustreiche E. ist weltweit ein ebenso endloses wie spannendes Thema in den Medien, denn nirgendwo ist sie gewinnbringend eingesetzt und überall wird nach einem privaten Partner gesucht, der sie zumindest teilweise rationalisieren kann. Aber währenddessen kann sie aus erstrangigem öffentlichem Interesse nicht stillgelegt werden und lässt ein kündigungsfreies Personal gut leben.

EISERNER VORHANG
Ein Spinnennetz der düsteren Vergangenheit, das erst abgeschafft werden konnte, als man einige giftigen Spinnen vertilgte.
Menschen, die an Reinkarnation glauben, behaupten, dass der E.V. eben in unseren wirtschaftlich düsteren Tagen, an genau der Linie seines ehemaligen Bestehens, eine Wiedergeburt erfährt in Form eines tiefen Abgrundes, der der Einwohnerschaft seiner östlichen Seite den Zugang zum westlichen Wohlleben, trotz EU, unmöglich macht.

ELTERNBEIRAT
Schlechter Ersatz für eine Elternmitarbeit in der Schule.
Anstatt laufend und effektiver die Eltern in den Lehrbetrieb der Schule zu integrieren, haben sich die Schulämter das Alibisystem des E. ausgedacht, um bei schlechten Ergebnissen der Schüler die Eltern mitverantwortlich  machen zu können.

 

ELTERNRECHT
Alibi für soziale Organe, wenn die Erziehung daneben geht.
Mit Hinweis auf das E. machen sich hauptsächlich die Jugend- und Schulämter die Behauptung leicht, dass im Endeffekt die Eltern zu bestimmen hätten, wie ihre Kinder zu erziehen seien. Erst bei körperlichem Schaden, den ein Kind außerhalb des Elternhauses erfährt, wird von amtlichen Stellen scheinheilig eine Beschränkung des E. verlangt.

EMANZIPATION
Das Recht der Frauen, für den Unterhalt ihrer Ehemänner aufzukommen.
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird von den Frauenrechtlerinnen, den sogen. Emanzen, immer dann ins Feld geführt, wo es um ungleiche Bezahlung und Behandlung beider Geschlechter in der Arbeitswelt geht. Würden jedoch nur bei Frauen Umfragen durchgeführt, ob sie in der Arbeitswelt mit den Männern gleichgestellt sein oder lieber einen lebenswerteren Ausgleich haben wollen, sie würden sich sicher gegen die E. entscheiden.

ENGAGEMENT
Kurzweilige Freizeitgestaltung mit verheimlichter Erfolgserwartung.
Was bei Kindern die Hyperaktivität ist, zeigt sich bei Erwachsenen in ruhelosem E. Die wenigsten beeindruckend Engagierten geben es aber zu, heimlich doch nach Erfolgen zu streben, die ihrem gehobenen E. Entsprechen würde. Das kann am besten in der Politik und Wirtschaft erfahren werden, hauptsächlich, wenn sich das E. auf Kosten der Kollegen austobt.  

ENTEIGNUNG
Bequemste Möglichkeit für verbriefte Bereicherung, - Sündenböcke gibt es immer.
Leider greift hier die satirische Formulierung bei unserer brutalen E. als kollektive deutsche Kriegsverlierer nach dem II. Weltkrieg nicht hoch genug. Viele bittere Berichte Betroffener legen Zeugnis ab dafür, dass es sich die Sieger bei der E. und Vertreibung der Verlierer von Haus und Hof zu einfach machten, als sie nur die Nationalität zum ausreichenden Grund erklärten.

ENKLAVE
Staatlich geschütztes Schmugglergebiet.
Überall sind unbegradigte Grenzstreifen günstig für den legalen und illegalen Kleinen Grenzverkehr, die E. jedoch gehört zu den wenigen meist zollfreien Handelsgebieten, welche die darin lebende Bevölkerung dafür entschädigen, dass sie vom Mutterland abgeschnitten sind. 

ENTWICKLUNGSDIENST
Möglichkeit, auf Staatskosten die Welt kennen zu lernen.
In die Schlagzeilen kommt ein E. erst wenn er in eine existentielle Notlage gerät, sei es durch einen Bürgerkrieg oder durch politische Konflikte zwischen seinem Entsende- und Entwicklungsland. Doch all die Zeit dazwischen schieben seine Mitglieder eine ‚ruhige Kugel’, so dass gesonderte Anwerbeaktionen zur Auffüllung seiner Reihen selten nötig sind.

ENZYKLIKA
Schriftstück, das bereits bei der Entstehung musealen Wert besitzt.
Die päpstliche E. ist deshalb in der katholischen Kirche so wirkungsvoll, weil ihrer Verlautbarung lange innerkirchliche Diskussionen vorausgehen, die ihre Inhalte fast in den Rang von Dogmen, bzw. unumstößlicher, endgültiger Tatsachen,  erheben. 

ERWACHSENENBILDUNG
Möglichkeit für einsame Herzen, einmal unter die Leute zu kommen.
Welcher Bundesdeutsche hat nicht schon an einem Kurs der Volkshochschule teilgenommen und so die Wohltat der E. angenehm am eigenen Leib erfahren? Den vielen Alleinstehenden ist die E. eine weniger kostspielige Art, neue und oft gleich gesinnte Menschen kennen zu lernen, wie z.B. das individuelle Reisen oder gar die Heiratsvermittlung.

ESKALATION
Kriegsspiel mit katastrophalem Ausgang.
Hier wird die E. beschränkt auf die schrecklichste Auswirkung auf die Menschheit, doch sie gibt sich auch auf vielen anderen Gebieten inhuman. Eine E. kann im Allgemeinen auch als eine außer Kontrolle geratene Beziehung bezeichnet werden.

ESTABLISHMENT
Erarbeitete Vorrechte, welche die Jugend manchmal ohne Arbeit erreichen will.
Die Oberen Zehntausend wirken auf den Normalmenschen, wie eine bevorzugte Schicksalsgemeinschaft, weshalb zum E. zu gehören so erstrebenswert ist. Erst wenn das Ziel erreicht ist, merkt man, dass im E. auch nur mit Wasser gekocht und nicht weniger geschuftet wird. 

ETHNISCHE MINDERHEIT
Stiefkind der Gesellschaft, dem es umso besser geht, je reicher die ausländische Mutternation ist. 
Ein gutes Beispiel für Wohl und Wehe der E.M. bietet der Zustand in den 11 E.M. Ungarns: Im Vaterland gesellschaftlich und politisch benachteiligt, geht es den meisten durch die massive Hilfe aus den Mutterländern wenigstens materiell recht gut.

ETHNOBUSINESS
Möglichkeit, es durch eine ethnische Minderheit mit Tricks weiter zu bringen, als bei der ethnischen Mehrheit in ehrlicher Beschäftigung.
Das Schlagwort des E. entstand so selbstverständlich, wie sich manche Schmarotzer, nach dem Verabschieden der Minderheitengesetze 1994, ohne echten Herkunftsbezug, zu einer ethnischen Minderheit bekannten.

EURATOM
Kindergarten für Erwachsene, der ihrem Spieltrieb Rechung trägt, doch sie vor den Gefahren des Spiels durch ständige Aufsicht schützt.
Die Tatsache, dass nicht alle Atommächte, wie die europäischen im E. organisiert sind, wird immer eine Quelle politischen Misstrauens bleiben. Vergeblich auch jeder Streit wegen der atomaren Entwicklung kleinerer Länder überall in der Welt, der Siegeszug der Atomenergie kann nicht mehr aufgehalten werden.

 

EUROPÄISCHE UNION
Fahrtenschwimmverein, bei dem es die Behinderten nicht stören darf, dass sie gegen die Gesunden nie gewinnen können.
Aus den vielen Erscheinungen in der E.U. wurde hier eine ausgesucht, die – anders als eine Reihe anderer – nicht positiv zu bewerten ist, weil sie in kleinen Mitgliedsländern einen ständigen Frust der Bevölkerung nährt. Etwas stimmt nicht in dieser mächtigen E.U. Und solange das nicht  in Ordnung gebracht wird, kann sie nicht ihr Ziel der echten Einheit erreichen.

EUROPATAG
Feiertag, bei dem kaum jemandem zum Feiern zu Mute ist.
Wäre das vereinte Europa eine gelungenere Angelegenheit, so hätte der E. sicher eine größere Bedeutung. So wie bisher jedes EU-Mitglied egoistisch zuerst an sich selbst, und ganz zum Schluss an die anderen denkt, so wäre der E. eine Farce, die nur im EU-Parlament feierlich geehrt wird.

EUROZONE
Bereich, für dessen Schutz der bewährte ‚Eiserne Vorhang’ zu nostalgischen Schulungszwecken noch gut zu gebrauchen ist.
Heutzutage nennt sie sich ablenkend Schengener Raum, in dem die Freiheit des Personen-, Geld- und Warenverkehrs garantiert sei,  doch eine wirkliche Freizügigkeit ist in ihm noch nicht zustande gekommen.

EVOLUTION
Die Hoffnung, dass sich so manches doch noch zum Guten wendet, auch wenn es keiner mehr erlebt.
Rückschauend in die Frühgeschichte des Menschen könnte man viel von der ständigen E. lernen, die noch nie einen Entwicklungsstand verschont, bzw. übersprungen hat. Oberste Lehre: Ob wir wollen oder nicht, alles auf der Welt wird einmal vergehen – und danach wieder ganz anders neu erstehen.

EXEKUTIVE
Die rechte Hand des Staates, die meist auf die linke keine Rücksicht nimmt.
Die scheinbar gerechte Ordnung in unserer Umwelt ist nur dann gegeben, wenn die Gesetzesmacher und die E., als die Vollstrecker, in der Lage sind, sich gleichgewichtig in der Waagrechten zu halten und keine Seite leichter oder schwerer ins Gewicht ‚fällt’. 

EXIL
Warten auf eine bessere Zeit, - dort, wo es sich angenehmer warten lässt.
Das oft benutzte Schlagwort E. ist nur dann für Betroffene negativ zu bewerten, wenn sie im E.-Land unwillkommen, unfrei und gar überwacht sind. Ansonsten geht es den freiwillig oder  gezwungen im E. Lebenden erträglich bis sehr gut.

F

FAMILIE
Kriegsschauplatz der Generationen.
Freiwillig kinderlos lebende Ehepaare aalen sich oft in dem Zustand, nicht von Kindern tyrannisiert zu werden. Ihnen ist die F. ein ständiger Unruheherd, der das bequeme Leben nur stört. Dem Autor, der als Geschiedener zu einer Frau zog, die in einer Zweizimmer-Wohnung mit 2 Kleinkindern lebte, ist die F. mit Kindern ein echter erfrischender Quell, den er für keinen Preis hergeben würde.

FAMILIENRECHT
Einzige Rechtsform, in der das Faustrecht noch Geltung hat.
Arme Kinder und arme Schwache Familienmitglieder, die auf das F. pochen müssen, weil sie im intimsten Alltag tyrannisiert werden. Doch wer einmal versuchte, die Exekutive – Polizei oder Gerichte – zum Schutz anzurufen, ist überzeugt, dass sich jegliches F. seit dem Mittelalter nicht sehr weiterentwickelt hat.

FASCHISMUS
Massenbewegung, die hauptsächlich noch auf Fußballplätzen und bei Olympiaden zum Ausdruck kommt.
Niemand würde die Begeisterung bei Sportveranstaltungen oder internationalen Jugendwettbewerben mit einer Art von faschistischer Äußerung gleichstellen. Doch wenige können den Trennungsstrich zwischen politischem und sportlichem F. genau ziehen.

 

FEHLBETRAG
Ein Maßstab für Buchungskunst, - Könner genießen und schweigen.
Beginnend bei den Steuererklärungen und endend bei der Abrechnung in Minderheiten-Selbstverwaltungen, der F. ist irgendwann präsent und verlangt alle Kunst zur Vertuschung. Nicht selten ist der Aufwand dazu kostspieliger, als die Summe des F. selbst.

FESTNAHME
Ein Irrtum, der sich meist selbst widerlegen muss.
Es macht wenig Unterschied in der Beobachtung einer F., ob sie begründet ist oder nicht. Als unschuldig Festgenommener seine Wohnung vor den Nachbarn verlassen zu müssen, hat man wenig Chancen, die sogen. Weiße Weste jemals wieder ganz rein zu kriegen.

FEUDALISMUS
Gesellschaftsform mit Leibeigenschaft, oder die Zeit, da noch jeder Reiche etwas zu sagen hatte, - heute bestimmen nur noch die Steinreichen.
Dem modernen Arbeiter wird freigestellt, ob und wo er arbeiten will, jedoch werden ihm so viele Fesseln bestehend aus Wohnverhältnissen, Arbeits- und Marktbedingungen angelegt, dass er im Grunde nicht viel freier ist, als der ehemalige Leibeigene im F.

FISKUS
Betrieb, mit der rentabelsten Einnahmequelle.
Für Außenstehende ist der F. ein Staatsbetrieb mit der Aufgabe, rentabel zu arbeiten und Gewinn abzuwerfen. Sobald man jedoch einen Fuß in die Räume eines Finanzamtes setzt, merkt man an dem besonderen Benehmen seiner Angestellten, dass es ihnen ganz gleich ist, wie ihr Arbeitgeber, doch durchaus nicht, wie der Steuerzahler abschneidet. 

FIKTION
Der Traum von einer besseren Zukunft, in der es weniger Arbeit und mehr Familienleben geben könnte.
Eine von vielen F. ist der oben erwähnte Traum. Wer nicht schon als Kind auf die Lebensrealitäten fixiert wird, der kann gegebenenfalls ein Leben lang einer F. nach der anderen vergeblich nachlaufen.

FINANZAUSGLEICH
Almosenverteilung der entwickelten EU-Staaten an die unterentwickelten.
Eine Quelle andauernden Ärgers bei ärmeren Ländern sind die höheren Finanzeinnahmen ihrer Nachbarn. Weil es unmöglich ist, die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen für alle Länder der EU, wie der Bundesrepublik zu vereinheitlichen, haben sich schlaue Köpfe den F. ausgedacht, mit dem sie aber nicht weniger Ärger schufen – diesmal bei den reicheren Ländern.

FLEXIBLER WECHSELKURS
Schlüsselparole bei internationaler Geldspekulation, um die Gewinne in Sicherheit zu bringen.
Als Nachrichtenhörer muss man oft den Kopf schütteln wegen des Unverständnisses über das Auf und Ab des Wechselkurses einer Währung. Manchmal scheint es einem, als ob er die Funktion hätte, nur den Banken ihre Gewinne zu erhalten.

FLÜCHTLING
Untermensch aus freien Stücken.
Am deutlichsten profilierte sich der Begriff des F. in den Nachkriegsjahren, als alle die umsiedelten oder auch nur ihren Wohnsitz wechselten als Untermenschen angesehen wurden und es jedes Mal am neuen Wohnsitz verdammt schwer hatten, zu normalen Menschen aufzuschließen.

FLAIR
Strahlungskraft von Werten, die nicht käuflich sind.
Eigentlich ist es im Leben wie in der Medienwerbung nicht wichtig, was man ist, sondern eher, was man ausstrahlt. Dieser Tatsache haben viele Werbefirmen ihre Existenz zu verdanken. Werbung für die Wahrhaftigkeit des F. ist nicht üblich.

FLÜCHTLINGSSTATUS
Ersehnte Existenzform für Romas und ähnlich gestrickte Naturen in einem westlichen Land.
Man könnte meinen: wohl dem, der sich im F. wohl fühlt. Es steht jedoch nicht absolut fest, weshalb man solche Menschen beneiden soll, gehören sie doch ein Leben lang zur Randgesellschaft, deren Status von Mangel an Lebenswichtigem gekennzeichnet ist.

FÖDERALISMUS
Ein Irrglauben, dass arme Landesteile auch mal den Wohlstand der reichen erleben können.
Der F. ist eine Erfindung optimistischer Politiker, die suggerieren soll, dass verschieden wohlhabende Länder oder Landesteile eine funktionierende politische Einheit bilden können. Das Gute am F. kann sich am besten in der vereinnahmenden und einkreisenden Wirkung gegenüber Bedürftigen und Störenfrieden äußern.   

FORUM
Platz, an dem auch mal die Kücken über die Hennen zu Gericht sitzen dürfen.
Das Stichwort F. hat noch nie so einen Bekanntheitsgrad gehabt wie heutzutage. Die Zahl der Foren ist sozusagen inflationär gewachsen, und dabei die richtigen von den falschen zu unterscheiden, ist fast unmöglich. Aber versuchen wir es mal. Was wir feststellen werden ist, dass oft als F. benannt wird, was nur eine Zusammenkunft oder Palaververein ist.

FORTBILDUNG
Versuch, etwas als Erwachsener nachzuholen, was man als Jugendlicher versäumte.
Die heutige schnelllebige Zeit erfordert eine ständige umfassende Weiterbildung – es sei denn, man schert sich nicht um den Fortschritt und ist mit dem Erreichten zufrieden. Aber wer ist das schon?

FRAGESTUNDE
Profilierungsstunde für Hinterbänkler.
Die hier gemeinte F. hat man wahrscheinlich als Ersatz für diejenigen Parlamentarier eingeführt, die bei öffentlichen Debatten nie oder nur selten zu Wort kommen und die sie zur Wahl aufgestellte Partei vor den Wählern nur blamieren.

FRAKTION
Schule zur Einübung geschlossener Auftritte.
Vergeblich gibt es in der Demokratie die Gewissens- und Entscheidungsfreiheit für Parlamentarier, wenn eine voraus berechenbare Abstimmung ansteht, müssen sich alle Abgeordneten einer Partei solidarisch zeigen und mal ihr Gewissen kurz ausschalten.

FRAKTIONSZWANG
Druck auf die Abgeordneten, der schon aus manchem den letzten Rest des Gewissens auspresste.
Hier wird der vorige Absatz überspitzt, indem nicht nur vage angenommen, sondern verbindlich gefordert wird, dass so abzustimmen ist, wie es der Fraktionsvorsitzende für richtig hält.

FREIE MARKTWIRTSCHAFT
Bildung der Preise durch Zinspolitik der Banken und Maßhalteappelle der Regierung.
Die F.M. ist Segen und Geisel des modernen Menschen, überhaupt in den Auswüchsen der globalen Form, die es ermöglicht, dass die Freiheit einiger skrupelloser Marktwirtschaftler international tun und lassen können, wie es ihren Interessen am geeignetsten erscheint.

FREIE MEINUNGSÄUSSERUNG
Etwas, das vom Gesetz geschützt wird und das dennoch eine Beleidigungsanzeige oder einen unfreiwilligen Aufenthalt in der Klapsmühle einbringen kann.
Wenn die Meinung wirklich immer frei geäußert werden könnte, dann gäbe es nur die Hälfte an privaten Prozessen. Jeder Mensch ist nur in den eigenen vier Wänden wirklich frei zu sagen, was ihm beliebt. Auf die anderen bezogen, kann eine M. nur einen Haufen Scherereien einbringen, deshalb heißt es zurecht: Ein kluger Mensch genießt und schweigt. 

FREIHEIT
Sie geht allgemein so weit, wie es die anderen dulden, weshalb der Stärkste als der Freieste gelten kann.
In Bezug auf die F. hat sich seit dem Faustrecht der Vorzeit nicht viel geändert, auch wenn heutzutage nicht die stärkste Faust, sondern der größte Geldbeutel den größten Freiraum bedeutet.

FREIZÜGIKKEIT
Edelste Rechtsform mit garantiertem Recht auf Gammlertum und Obdachlosigkeit.
Das Stichwort ist auf die F. im Grenzverkehr bezogen, doch kann es auch allgemeine gesetzliche Freiheit der Wahl des Arbeitsplatzes und des Wohnortes und die Ablehnung beider bedeuten. 

FREUNDESKREIS
Eine Kreisform, bei der die Geometrie selten stimmt.
Nirgendwo wird so laut, leidenschaftlich oder gar streitbar diskutiert, wie in einem engen oder sozusagen gleich gesinnten Freundeskreis.  

FRIEDENSPOLITIK
Diplomatische Beruhigung der Gegenseite wegen der ständig wachsenden Aufrüstung.
Vorsicht und Augen und Ohren auf, wenn viel über F. die Rede ist. Meist führen diejenigen Staaten das lauteste Wort damit, die in ihrer Geschichte noch keiner Generation echten Frieden bescherten.

FÜNFTE KOLONNE
Unsichtbare und unangreifbare Widerstandsgruppe, die sehr oft auch gar nicht vorhanden ist.
Bei diesem Stichwort muss man sich nur die sogen. Kollektivschuld der Donauschwaben vor Augen führen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihrer Heimat deshalb verlustig wurden, weil sie im Krieg angeblich als F.K. agierten.

FÜRSORGE
Sammelstelle für nützliche Ratschläge und abgenutzte Kleidung.
Je reicher ein Land, umso ärmer erscheinen seine Armen. Echte Armut entsteht und erhält sich dort, wo die F. machtlos ist. Im Westen ist sie das nicht, doch sie ist oft von Alibiprogrammen geprägt.

FUTUROLOGIE
Die Wissenschaft, der wir morgen Algenschnitzel und Kunststoffkuchen verdanken werden.
Als ob es nicht genügend zu erforschen gäbe an der oft katastrophalen Vergangenheit und an der oft deprimierenden Gegenwart – von denen man viel lernen kann. Die F. scheint vielen Forschern deshalb die wichtigste Beschäftigung, weil sie mit den beiden ersteren Zeitabschnitten nicht fertig werden.

G

GEDENKMÜNZE
Münze mit hohem Wert, doch meist nur geringer Kaufkraft.
Die Flut an G. kann sich nur mit der bei Briefmarken messen. Hier wie dort ist es dem nicht umfassend genug gebildeten Mitbürger oft ein Rätsel, wie und von wem die G. initiiert und in Umlauf gebracht wird. Auch das periodische Auf und Ab der Herausgaben ist ein Buch mit sieben Siegeln.

GEGENDARSTELLUNG
Erzwungene Berichtigung mit dem heimlichen Zweck, eine Falschmeldung erst recht glaubwürdig zu machen.
Mindestens so interessant, wie eine Falschmeldung, kann eine G. aufgemacht und in der Zeitung platziert werden. Gerade wegen dieser Tatsache ist sie nicht in der Lage eine Verleumdung wieder ganz aus der Welt zu schaffen.

GEISELNAHME
Eindrucksvoller Beweis, dass Menschenleben doch noch etwas wert ist.
Es gibt keine bessere Möglichkeit, eine terroristische Organisation bekannt zu machen, als die G. Je nachdem, wie, wo und bei wem sie stattfindet, wird die Art der Forderung in Geld oder politischer Gegenleistung publiziert – und meist auch erfüllt.

GEISTIGES EIGENTUM
Einzige Besitzform, deren Kaufwert nicht von inflationärer Entwicklung abhängt.
Oberflächlich betrachtet, ist das G.E. meist wesentlich mehr wert, als beim genauen Hinsehen, da von dem was so genannt wird, ein Großteil entlehnt, ein weiterer Teil umformuliert und nur ein kleiner Rest echtes Eigentum ist.

GELDPOLITIK
Politischer Zweig, in dem man Erfolg oder Versagen in klingender Münze ausrechnen kann.
Wenn es sonst keinen Maßstab für gute Regierungspolitik gäbe, als die G., so wäre dennoch eine Regierung vortrefflich und objektiv beurteilt. Nur wenn die G. stimmt, kann alles andere auch zum stimmen gebracht werden.

GEMEINDEGEBÜHREN
Fiskalische Gleichberechtigung im Schröpfen, denn was dem Land recht ist, ist der Gemeinde billig.
In der öffentlichen Gebührenordnung nehmen die G. einen bescheidenen hinteren Platz ein, denn es wird selten ein Haus wegen ihrer Nichtbezahlung versteigert. Allerdings kann ein Gemeindebürger eher alle übrigen Schulden vernachlässigen, als es bei den G. der Fall ist – weil sie vom Ortsbüttel eingefordert werden.  

GEMEINDEVERTRETUNG
Ausgesuchte Mannschaft, welche bei der Wahrung von Gemeindeinteressen ihre eigenen nicht vergisst.
Das beste Beispiel für die Doppelgesichtigkeit der G. kann bei einer öffentlichen Sitzung beobachtet werden, wenn z.B. über neues Baugelände entschieden wird. Sofern ein Grundstück eines Gemeinderats in die Umlegung fällt, darf er nicht mitentscheiden, er muss lediglich symbolisch die Sitzung verlassen, indem er sich neben seinen Stuhl stellt. Dass er damit als erster von der Wertsteigerung seines Platzes Kenntnis hat, ist von den Ratskollegen gewollt.

GENOSSENSCHAFTSWESEN
Nachfolgestadium des Kommunismus, das sich der Kapitalis-mus aus purer Sentimentalität leisten kann.
Der größte Fehler bei der ungarischen politischen Wende 1989/90 war die Auflösung der Landwirtschaftsgenossenschaften. Hätte man etwas weitsichtiger gedacht und, nebst anderen kapitalistischen Errungenschaften, die nützliche Existenz des G. im Westen beachtet, so wäre die ungarische Landwirtschaft nicht so schnell pleite gegangen, wie sie das durch die lineare Rückprivatisierung tat.  

GERÜCHT
Die hartnäckigste Form einer Behauptung.
Erstaunlich, welche Wandlung – meist zum Negativen – ein G. durchmacht, wenn es einmal um das Dorf herumwandert. Durch die ebenfalls gerüchtehafte Behauptung, dass immer etwas wahres an einem G. dran sein muss, kann man dem ungeliebten Nachbarn eins auswischen, ohne dass er genau weiß, wer es in Umlauf gesetzt hat.

GESCHÄFTSFÄHIGKEIT
Erlaubnis, auf eigenes Risiko Mist zu bauen.
Nichts ist für die Entwicklung eines jungen Menschen so riskant, wie die ständige Wiederholung, dass er bald aus dem Haus müsste, weil er gesetzlich volljährig wird. Manche Spätentwickler werden durch die Vorstellung, bald ohne Hilfe der Eltern leben und in allen Dingen allein entscheiden zu müssen, zum Zeitpunkt der Volljährigkeit garantiert noch nicht voll G.

GERMANISTIK
Sammlung von Schutzmitteln gegen Fledderer an der deutschen Sprache.
Eines der Schutzschilder, mit dem sich manche Professoren der G. die eigenwilligsten sprachlichen Auslegungen erlauben, ist ihr Ruf, bereits eine germanistische Veröffentlichung vollbracht zu haben. Das ist, als ob man sich einem Bergführer in ein unwegsames Gebirge lieber wegen seines Rufes als wegen seiner Ortskenntnis anvertrauen würde.

GESCHÄFTSTRÄGER
Laufburschen im diplomatischen Rang.
Gleich mehrere hierarchische Ränge haben G. in ihren Reihen, die über die Welt und alle Länder mit diplomatischen Beziehungen verteilt und Angehörige deutscher und anderer Nationen sein können. Da sie aber, außer korrekter Übertragung von Botschaften, wenig echte Verantwortung tragen, können wir sie auch als Botengänger oder Zuträger betrachten.
 
GESCHWORENER
Jemand, der einem unmenschlichen Urteil einen menschlichen Zug zu geben hat.
Als ob er die blinde Justitia verkörpern sollte, so sitzt und benimmt sich ein G. bei Strafprozessen. Der Gerichts-Beobachter aus den hinteren Reihen scheint überfordert, wenn er sich mit die stummen G. beschäftigen oder gar über sie berichten soll. 

GESELLSCHAFTSSYSTEM
Größtes Hindernis auf dem Wege zum friedlichen Nebeneinander von Menschen verschiedener Lebensauffassung.
Wie interessant und nicht unbedingt friedloser könnte das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten sein, wenn es das traditionsreiche – verkrustete – G. nicht geben würde. Alle Schwierigkeiten mit Integration und Assimilation könnte man vergessen.

GESETZ
Fallstrick, vor dem auch der ehrlichste Bürger nicht ganz sicher sein kann.
Ehrlich – wer kann schon von sich sagen, dass er sich im Bürgerlichen Gesetzbuch gut auskennt? Eigentlich kann man als aktiver Mensch tagtäglich froh sein, wenn man sich abends als freier bzw. ungestrafter Bürger friedlich zu Bett legen darf.

GESETZESINITIATIVE
Beginn eines unverständlichen Vorgangs, an dessen Ende vielleicht etwas Verständliches herauskommt.
Nicht von ungefähr sind die gesetzgebenden Organe der Parlamente hauptsächlich aus Rechtsgelehrten, sprich Rechtsanwälten, zusammengesetzt. Wer sonst könnte sich an dem langwierigen Prozess der Gesetzgebung, die mit der G. beginnt, beteiligen, als die, welche ‚vom Fach’ sind.

GESETZLICHER VERTRETER
Die Person, die rechtlich und finanziell für den Schaden eines minderjährigen Demonstranten aufzukommen hat.
Wohl dem, der bei Straffälligkeit noch nicht volljährig ist, er wird höchstens nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Im Alltag ist der G.V. diejenige Person, die Minderjährige nach 23 Uhr ausführen darf, was oft an Disko- und Nachtlokal-Eingängen wahrgenommen werden kann.

GESUNDHEITSAMT
Ist eigentlich mehr für Krankheits- als Gesundheitsfälle zuständig.
Wieviel Geld könnte gespart werden, wenn es weniger Krankenkassen gäbe – sowohl in kapitalistischen wie in neuen demokratischen Ländern der EU? Zuletzt sind Versuche, die jetzigen Zustände und Zuständigkeiten im Gesundheitssystem zu ändern daran gescheitert, dass dann weniger Wettbewerb beim Versichern bestünde, was dem freien Marktsystem nicht gerecht würde.

GESUNDHEITSPOLITIK
Ihr haben wir die zahlreichen Belästigungen durch Schutzimpfungen, Reihenuntersuchungen, Zuzahlungen bei Arztbesuchen und Medikamenten zu verdanken.
Ein endloses Gerede über untragbare Zustände, nötige Reformen, misslungene Änderungen, unnötige Rücksichtnahmen, kostspielige Umschichtungen – das und noch einiges unangenehme mehr in den Medien ist G. in Ungarn genau so wie in Deutschland.

GEWALTENTEILUNG
Politiker, Polizist und Richter, - also Vorsicht, man ist von allen Seiten umzingelt.
Damit sich der Bürger in einem Rechtsstaat wohl fühlen kann, haben die Gesetzgeber eine effektive G. erfunden. Sie ist der hohe Zaun, der nur so lange das Wohlergehen sichert, so lange er respektiert wird und nicht zu dummen Freiheitsgedanken verführt. 

GEWERKSCHAFT
Beeinflussungsorgan zur Beruhigung unzufriedener Arbeit-nehmer.
Eigentlich ist die G. ein Paradoxon: Eine überflüssige Einrichtung, ohne die es nicht geht. Je nachdem, ob ein Arbeitnehmer Mitglied der G. ist, oder ob er sich vor dem Mitgliedsbeitrag drückt, er hat in den organisierten Betrieben gleich viel Nutzen von den Tarifverhand-lungen, die von Außen besehen, so lange wie das Reden um den heißen Brei aussehen –  bis sie erfolgreich abgeschlossen sind.

GLEICHBERECHTIGUNG
Das Recht, Frauen für Männerarbeit heranzuziehen.
Die Erfinderinnen der G. haben sicher wissentlich nicht an alle, nichteinmal an die Mehrheit der Frauen gedacht, als sie vehement und mit einer unzweideutigen Glaubwürdigkeit das Recht auf G. erkämpften. Wenn sie vorher landes- oder gar kontinentenweit z.B. nur in Europa hätten die Frauen abstimmen lassen, wären sie ihrer Sache nicht mehr so sicher gewesen.

 

GEWISSENSFREIHEIT
Eine Eigenschaft, die sich nur derjenige bewahren kann, der nicht fernsieht, nicht Zeitung liest und an den Plakatsäulen mit geschlossenen Augen vorbeigeht.
Volle G. ist unvorstellbar und undenkbar, denn zu groß sind die äußeren Einflüsse auf jeden zivilisierten Menschen, als dass er bei jeder Herausforderung zur eigenständigen Stellungnahme oder Aktion nur seinem Gewissen nach handeln könnte.

GLAUBENSFREIHEIT
Schutz der Zeugen Jehovas davor, dass ihnen nicht vor den Haustüren gehörig der Marsch geblasen wird.
Bei Betrachtung der G. sozusagen von außen, ist die Forderung danach absurd, denn was dem einen Recht ist, kann dem anderen billig sein. Also bleibt jede G. verschieden Gläubiger nur auf ihre jeweiligen inneren Bedürfnisse beschränkt, nach außen müssen sich alle mit Kompromissen zufrieden geben.

GOLDENE EHRENNADEL
Alljährlich einmaliges medienwirksames Interesse der LdU-Zentrale an den Aktivitäten der Provinz.
Wäre die LdU aus einer freiheitlichen westlich geprägten Gesellschaft durch eine entsprechende politische Wende entstanden, sie würde wahrscheinlich andere Maßstäbe bei der Leitung einer so wichtigen landesweiten Organisation, wie es die der Ungarn-deutschen ist, anlegen. So, wie sie sich aus dem Verband der Ungarndeutschen vor der Wende 1989 in die Landesselbstverwaltung mutierte, ist sie aus dem einen Extrem, der umfassenden Steuerung aller landesweiten Verbandsaktivitäten damals, in das minimale bis gänzlich fehlende Einmischen in die Programmatik der städtischen Selbstverwaltungen heute, geraten. Wie dringend notwendig wäre ein rechter Mittelweg - nebst der G.E.  

GREMIUM
Versammlung zur Verteilung der Verantwortung bei unsicheren Unternehmungen.
Wo was ist, muss es organisiert werden – und wo nichts ist, erst recht. Damit jedes Organisieren seine Ordnung hat, wird am bequemsten ein G. gebildet aus beliebigen Teilnehmern einer Versammlung, wobei der Schwerpunkt nicht auf der Aufgabe, sondern auf der Form liegt.

GRUNDGESETZ
Sammelbegriff für verschiedene Rechtsauslegungen, der jedem Politiker genügend Spielraum für eigene Versionen lässt.
Hundert prozentig gesetzestreu kann sich ein aktiver Mensch nur dann fühlen, wenn er Tag und Nacht eine Taschenbuch-Ausgabe des G. bei sich hat – und sich auch daran orientiert. Weil das aber nichteinmal diejenigen tun, welche sich von berufswegen mit dem G. befassen – Rechtsanwälte und Politiger, also die Exekutive – kommt es letztendlich darauf an, wie man am geschicktesten das G. zu jeweiligen Erfordernissen auszulegen im Stande ist. 

GRUNDRECHT
Das Recht zu menschenwürdigem Leben, - wenn man die nötigen Mittel dazu hat.
Alle vom Gesetzgeber garantierten G. auszuschöpfen, hieße kein eigenständiges Leben zu praktizieren, sondern ein künstliches, schablonenhaftes, wie in einem Scifi-Labor der Holywooder Kinoreichen.

H

HAUSFRIEDENSBRUCH
Ein magisches Wort, um unerwünschte Besucher, einschließlich der Polizisten, aus der Wohnung weisen zu können.
Die eigenen vier Wände sind in unserer Zivilisation der Garant, dass sich Reiche und Arme gleichermaßen den Luxus der persönlichen Freiheit leisten können. Der Begriff des H. kann nicht streng genug jedem unerwünschten Besucher verdeutlicht werden.

HAAGER GERICHTSHOF
Völkerrechtliche Einrichtung, die etwa so wenig Einfluss hat auf einzelne Staaten, wie die Heilsarmee auf das internationale Verbrechertum.
Wenn es den H.G. nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Er ist moralisch notwendig, weil er die letzte Möglichkeit darstellt, eine vermeintlich völkerrechtswidrige Situation abzumildern oder gar aufzuheben – theoretisch! Das beruht darin, dass die Enscheidungen und Urteile des H.G. nicht rechtlich bindend und nur als Empfehlungen zu betrachten sind.

HAFTBEFEHL
Die letzte unhöfliche Vorladung zu einer amtlichen Aussprache, die Jahre dauern kann.
Schon die Vorstellung, dass man irgendwann einmal das Zielobjekt eines H. werden könnte, ist schlimm genug, geschweige dass er tatsächlichen Wirklichkeit wird. Wenn er da ist, muss er wohl auch begründet sein – meint die Mehrheit der unbescholteten Umgebung und hängt einem einen Mackel an, den man so schnell nicht wieder los wird. Verharmlosend kann man den H. auch so sehen, wie formuliert.

HANDEL
Eine Reihe von Staubecken, die den Warenfluss so lange zurückhalten, bis er die gewünschte Preishöhe erreicht hat.
Ganz gleich, um welche Art von Wahre es geht, sie kann nie den H. mit den Gewinnmargen umgehen. Auch wenn schon mal eine Firma – bei Schuhen oder Kleidung z.B. – einen Direktverkauf an den Endverbraucher einführte, die Spannen des H. wurden nicht vernachlässigt, sondern dem Produktionspreis zugeschlagen und in den Verkaufsraum verlegt.

HANDELSPOLITIK
Die Verwaltung und Steuerung vorgenannter Staubecken.
Die geschickte H. ist deshalb wichtig, weil sie den Wahrenfluss in geregelten Bahnen hält. Gäbe es sie nicht, so wäre das Chaos der orientalischen Märkte eine Alltagserscheinung auf der ganzen Welt. 

HANDELSREGISTER
Standesamt der Geschäftsleute, das sich vom ehelichen dadurch unterscheidet, dass es auch die Heirat mit sich selbst zulässt.
Der Aussenstehende sieht im H. einen undurchsichtigen Mauschelverein, der regälmäßig die Handelsnachrichten der Zeitungen mit seitenlangen Eintragungen füllt. Diese sind aber nur die Spitzen des riesigen Eisberglabyrinthes, das zu durchschauen nur wenige begnadete Fachleute in der Lage sind.

HANDELSVERTRAG
Amtliche Regelung der Einmischung ahnungsloser Politiker in wirtschaftliche Vorgänge, von denen sie keine Ahnung zu haben brauchen.
Plakative Presseerklärungen sollen die Gewichtigkeit des H. der Öffentlichkeit verdeutlichen, doch, ob sie es schaffen und ob der Leser eine Ahnung von dem Inhalt des H. hat, ist nicht erwiesen. Den Vertragsrahmen machen die fachfremden Politiker, seine Inhalte die Fachleute.

HARMONIE
Ungestörtes Nichtstun mancher Minderheiten-Selbstverwaltungen in der Provinz, ohne Angst vor Einmischung der Landeszentralen.
Hier wird einem friedfertigen Begriff deshalb die beunruhigende Eigenschaft verliehen, weil so am treffendsten darauf hingewiesen werden kann, wie wohl man sich in den M.-S fühlt, wenn einem niemand auf die mit öffentlichen Mitteln werkelnden Finger schaut.

HAUSHALTSPLAN
Ein Beweis dafür, dass die Politiker vieles mit den Friseuren gemein haben.
Es gibt den H. fiktiv und tatsächlich. Doch über den ersteren weis die öffentlichkeit nicht viel. Nur wenn mal eine undichte Stelle in den Ministerien ist, staunt der Laie und der Fachman kommt aus dem Wundern nicht heraus.

HAUSSE
Größter Stimmungsmacher an der Börse, der manchem Börsianer eine durchzechte Nacht beschert.
Es ist schwer zu sagen, was für den Börsianer angenehmer ist, die langsam oder rapide steigende H. Derjenige, welcher ihren höchsten Stand erraten, berechnen oder bestimmen kann, macht den größten Rebbach.  

HEIMATMUSEUM
Aufbewahrungsstelle von Gegenständen, um ihren Wert zu erhöhen.
Aus volkskundlicher Sicht hat jedes Ding seine Unsterblichkeit, genau so, wie der Mensch in der Erinnerung der Nachwelt. Das H. ist die sicherste Stelle, wo Wertanlagen geschaffen werden können mit wertlosen Dingen, die wir nicht mehr gebrauchen. 

HEIMATVEREIN
Zusammenschluss von Menschen, die  es verstehen, dem Heimat-Verlust etwas Gutes abzugewinnen. 
Unzweideutig und daher echt ist ein H. nur in der Erlebnisgeneration, auf die allein das Eingangszitat zutrifft. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand wird der H. immer anfälliger für Versuche, ihn zu einem Vergnügungsverein z.T. auch ohne jedweden Gedenkfaktor umzufunktionieren. Es gibt in Amerika solche deutschen H., bei denen sich kein einziges Mitglied mehr zum Deutschtum bekennt.

HIERARCHIE
Rangordnung der Beamten, die auch den schläfrigsten Typen irgendwann eine Führungsposition garantiert, - wenn sie es  erleben.
In den meisten großen Staatsämtern hat der traditionelle H.-Faktor mehr Einfluss auf die Gehaltsentwicklung, als der objektive Faktor der Arbeitsleistung.

HEIMATRECHT
Rechtsart, die sich nur so lange bewährt, bis sie nicht auf die Probe gestellt wird.
Das zu den gesetzlichen Grundrechten gehörende H. ist nur in Friedenszeiten unumstritten, in und nach einem Krieg gehört es zu den unsichersten, weil es von den Siegern allein interpretiert wird.

HOCHVERRAT
Ausplaudern von Tatsachen, die alle Welt weiß, nur die Sicherheitsorgane nicht.
Je stabiler die Demokratie, umso geringer die Gefahr zum H., doch die Angst vor ihm bleibt immer dieselbe, weil er nur schwer zu lokalisieren ist und auch dort vorkommen kann, wo man ihn nie vermutete.

HÖHERE GEWALT
Beste Ausrede von Versicherungen, wenn sie nicht zahlen wollen.
Der Gewissensbegriff der H.G. wird meist mit Schicksalsmächten in Verbindung gebracht, hat aber in Wirklichkeit viele alltägliche Gesichter und ist eigentlich immer dort zu lokalisieren, wo das Mögliche endet.

HUMANITÄT
Strapaziertes Wort, das von Menschlichkeit und Würde handelt, dessen Sinn jedoch mehr auf die eigene Person, als auf die anderen bezogen wird.
Kurz und bündig könnte man den Gedanken, der zur satirischen Auslegung der H. führte, auf das Sprichwort beschränken: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

I

IDEALISMUS
Bandagen derjenigen, die im Materialismus falsch gewickelt sind.
Mit dem I. ist es oft wie mit der Moral: Diese Werte werden dann am intensivsten gepflegt, wenn es an Gelegenheit zum gegenteiligen Handeln mangelt.

IDENTITÄT
Eine persönliche Schutzhandhabe, die bei Verbrechern und politischen Wendehälsen eine nützliche Wandelrolle spielen kann.
Der Mensch hat es im Allgemeinen schwer, selbst seine wahre I. zu bestimmen und auf Dauer zu wahren. Meist sind es fremde Einflüsse, wandelbare Umgebungen und Anpassungen, die eine I. verändern, ohne dass man etwas dagegen tun kann.

IDEOLOGIE
Sammlung von Begriffen, die den Etablierten zur Ehre und den Unetablierten zur Unehre gereichen.
Das vorige – XX. – Jahrhundert war günstig für die Entstehung verschiedener I., die sich so feindlich gegenüberstanden, wie die Kriegsparteien, deren Kinder sie waren. Doch genau so schnell, wie die Kriegsfolgen, wurden auch die I.en von dem Kehrbesen der Geschichte beseitigt.

ILLEGAL
Die meisten Gelder auf Schweizer Nummernkonten haben ihre Existenz diesem Begriff zu verdanken.
Da es keine 10 Gebote der außerreligiösen Lebensweise gibt, kann auch nicht eindeutig auf Verstoße gegen sie hingewiesen werden. Der Begriff des I. ist nur dann verwerflich, wenn feststeht, dass alle dasselbe unter ihm verstehen – was bei der menschlichen Verschiedenheit unmöglich ist.

IMAGE
Weiße Weste, die ihre Strahlungskraft einem besonders teueren Waschmittel verdankt, das sich nicht jeder leisten kann.
Ein großer Teil der Mühe und Arbeit in der Jugend wird auf die Pflege des positiven I. verwendet. Da jedoch mit zunehmendem Alter die Leistungskraft nachlässt, kann – mit nur wenigen Ausnahmen – davon ausgegangen werden, dass auch an dem I. abbruch geschieht, ja dass es bei den meisten Menschen nicht bei O stehenbleibt.

IMMUNITÄT
Freibrief für Handlungen, die einen normalen Bürger leicht hinter Schwedische Gardinen bringen.
Die Politik versteht es auf allen Gebieten, ihren Angehörigen einen besonderen Schutzschirm zu gewähren. Die I. ist der beste Beweis dafür, dass gewisse politische Hierarchiestufen sogar von den Strafgesetzen geschützt sind.

IMPERIALISMUS
 Was früher zur massiven Machterweiterung mit allen Mitteln diente, ist heutzutage ein verborgener Prozess der hohen Diplomatie.
Die Hauptursache für den II. Weltkrieg sehen wir in der anfänglichen Negierung des reichsdeutschen I. durch die Westmächte. Einem ersten Zurückweichen vor den I.-Bestrebungen brachte den Machthunger lawienenartig in Bewegung, so dass nur noch seine totale Zerschlagung Abhilfe schaffen konnte.

IMPRESSUM
Empfängeradresse für die einstweiligen Verfügungen bei unerwünschten Druckerzeugnissen.
Oft scheint es, dass ein Druckerzeugnis durch ein solides I. an Niveau gewinnt, da der Leser weiß woher-wieso. Doch sollte er mit dem Gelesenen nicht einverstanden sein, so hat er auch eine zuverlässige Hilfe, den Misetätern seine Meinung zu sagen; ganz zu schweigen, von den gesetzlichen Möglichkeiten dagegen vorzugehen,. 

INDEX
Ein theoretischer Wert der Lebenshaltung, an den sich niemand in der Praxis hält.
Wie der Fix-Meter beim Maßsystem, so hat der Verbraucher im I. einen fixen Wert, an dem er sich orientieren kann bei seinem Haushaltsgeld. Auch wenn sich niemand gerne an die empfohlenen Werte des I. hält, früher oder später muss jeder seine Existenz gutheißen.

INDIZ
Ursache für einen Justizirrtum, sofern die Logik bei Polizei und Gerichten zu kurz kommt.
Die meisten fehlurteile hat die Prozessgeschichte dem falschen I. zu verdanken, das meist dadurch entsteht, dass sich notorische Besserwisser als Richter und Staatsanwälte unter keinen Umständen von vorgefassten Meinungen abbringen lassen.

INDUSTRIELLER
Ein Brötchengeber, der die Schnitzel für sich behält.
Im Blickwinkel aus der globalen Weltperspektive gesehen, ist ein I. ein unabkömmlicher Teil einer Produktionsstätte, in der er wie jeder Arbeiter und Angestellte seinen Platz hat. Das Image der gehobeneren oder gar obersten Stellung im Betriebssystem hat der I. nur dem Blickwinkel aus der veralteten Klassengesellschaft zu verdanken.

INDUSTRIESTAAT
Staat, in dem die Politiker nach der Pfeife anderer tanzen, oder auch Agrarstaat, der auf den Hund gekommen ist.
Sobald das Großkapital einen Staat besetzt, wird er zum I. mit allen negativen sozialen Erscheinungen. Nur in Zeiten von Hochkonjunktur ist er ein Segen für die Mehrheit seiner Bewohner.

INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER
Eine pompöse Einrichtung, die in der Öffentlichkeit nur bekannt ist als Prämiierungsstelle sehr guter Lehrlinge.
Alle Betriebe der Produktion und des Handels sind in der I.u.H. registriert zu dem Zweck des rationelleren Zusammenarbeitens ihrer Mitglieder und zur Begünstigung der suchenden Kundschaft. Als o.e. Einrichtung beeinflusst sie ihren Ruf positiv in Richtung der zukünftigen Mitglieder und Kunden.

INFLATION
Ergebnis einer staatlichen Schwarzdruckerei, die sich verselbständigt hat.
Am sorglosesten lebt ein Finanzminister mit soviel I., dass der Geldwert die Preisbildung nicht aus den Augen verliert. Die I. ganz abschaffen zu wollen, hieße einen ständig wachsenden Abstand zu den Preisen und wachsende Armut zu akzeptieren. Zu nahe an den Preisen sein zu wollen, hieße die erwähnte Schwarzdruckerei in Schwung zu halten.     

INFRASTRUKTUR
Alle Zuschussbetriebe des Staates zusammengenommen, die den größten Teil der öffentlichen Abgaben verschlingen.
Der Zivilisation liebstes Kind heißt I., und so ist verständlich, weshalb sie einen Großteil der Staatsausgaben in Anspruch nimmt, ohne Rücksicht darauf, ob es die soziale Lage der Bevölkerung rechtfertigt.  

INITIATIVE
Ist die Aktivität, die allein den Minderheiten zu minderheitengerechten Gesetzen verhelfen kann.
Ohne eine Bereitschaft zur I. kann kein Zustand verändert werden. Je ausdauernder sie praktiziert wird und je konstruktiver sie sich darbietet, umso sicherer ist das Ergebnis.

INSTANZ
Der Fremdenführer im behördlichen Irrgarten.
Der Besucher eines Amtes kann sich zwar leicht am Schwarzen Brett den Weg zum zuständigen Sachbearbeiter aussuchen, aber die richtige I. kann er so leicht nicht finden, die muss er sich meist mühevoll erarbeiten.

INNUNG
Die nach der Kammer zweithöchste Beschwerdestelle bei handwerklicher Pfuscharbeit.
Als untergeordnete Vereinigung hat die I. nur den Zweck der vereinsähnlichen Erfassung bestimmter Berufszweige, aber ihr nicht anzugehören, heißt auf viele theoretischen Vorteile der Branche zu verzichten, wie da sind: verbilligte Großeinkäufe, regelmäßige berufsinterne Nachrichten über den Markt und die Gesetzeslage…, nicht zuletzt günstige Reisemöglichkeiten zur Nutzung der nicht versteuerten Einnahmen, über die – Hand aufs Herz – jeder Handwerker verfügt.

INSTITUTION
Beschäftigungsstelle für die meisten behördlichen Fachidioten.
Unüberschaubar ist dieses Gebiet, denn seine Grenzen sind nicht festgelegt. Also kann umgekehrt alles, was amtlich nicht genau zu definieren ist, als I. bezeichnet werden. Das typische an ihr ist, dass selbst die darin Beschäftigten nicht genau wissen, wo die eine I. endet und wo die nächste beginnt.

INTEGRATION
Die Befreiung der politischen Flüchtlinge von den letzten Heimwehgefühlen.
Die I. ist der Sammelbegriff für alle Bestimmungen aber auch Ausreden, weshalb die Bürger eines Landes doch nicht vor dem Gesetz gleiche Rechte haben. Eine vollständige I. ist erst dann erreicht, wenn ein Neubürger seinen gesamten – kulturellen und sprachlichen – Heimatballast abgelegt hat und von den heimischen Stammtischen als gleichwertiges Mitglied der sogen. Gesellschaft anerkannt ist. Zugegeben, das zu erreichen ist bisher z.B. in Europa nur sehr wenigen außereuropäischen Zuwanderern gelungen.

INTEGRITÄT
Der Heiligenschein über einer korrekten Person.
Wer sich auf eine volle I. beruft, dem kann man schwer nachweisen, dass etwas falsch gemacht, gesagt, begonnen oder vollendet hat. Die I. kann daher auch als bestes Schutzschild für solche Menschen herhalten, die niemals für etwas geradestehen.

INTERESSENVERBAND
Faschistisches Überbleibsel, das immer noch die Bündelung für das oberste Heiligtum hält.
Die moderne Gesellschaft kommt nur in der Masse vorwärts, dementsprechend braucht sie Vertreter von gemeinsamen Interessen. Das heißt natürlich umgekehrt, dass der I. niemals Einzelinteressen vertritt, auch wenn sie noch so erfolgversprechend sind.

INTERFRAKTIONELL
Kulissentratsch der Parlamentsschauspieler, ohne Teilnahme des Publikums.
Wenn das Wähler-Publikum besseren Einblick hätte in die I. Dispute, würde es sicher manchem heimischen Abgeordneten nicht so schnell ein Kreuzchen auf dem Wahlschein bescheren.  

INTERN
Das Treffen der erbitterten politischen Gegner – zum Kartenspiel.
Was sich bei Parlametsdebatten erbittert bis feindselig anhört, verliert im Parlamentsflur die Hälfte der Schärfe, um beim gemütlichen Gegenübersitzen in der P-Mensa ganz schnell in Vergessenheit zu geraten.

INTERKONFESSIONELL
Ein Treffen zwischen Caritas (katholisch) und Diakonisches Hilfswerk (evangelisch) zwecks optimalen Einsatzes der Sammelbüchsen.
Die verschiedenen christlichen Verbände haben nicht von ungefähr getrennte Sammelbüchsen. Nur I. können sie die Wohltäter optimal schröpfen.

INTERNATIONALE
Ein Lied, das keiner vergessen kann, der die Diktaturen des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfuhr.
Was kann die I. dafür, dass sie auch von Massenmördern gesungen wird. Und es kann auch wenig gegen das Vergessen tun, weil es von einer friedlichen Welt nicht als optimale Reklame für mehr Menschenrechte angesehen wird.

INTERPOL
Verlängerter Arm des Gesetzes, der dem Gauner nicht einmal im Ausland eine besinnliche Pause gönnt.
Ein bewährter Dauerbrenner in der Filmindustrie ist das I., mit all seinen vielfältigen und abwechslungsreichen Handlungen, die der Wirklichkeit nachempfunden scheinen. Wer denkt schon bei den spannenden Verfolgungen und Überraschungen, dass es sich auch hier in Wirklichkeit um normale, unscheinbare Polizisten mit einem Hang zu Fremdsprachen handelt.

INTERVIEW
Aufsagen einstudierter Texte, meist zum Zweck der Eigenreklame oder der Verunglimpfung anderer.
Im Zeitalter des Radios war das I. der Renner, heute im Fernsehen triumphieren Die Talkmaster mit der Massenbefragung einer Runde und Zuschaltung des Publikums übers Internet. Das alte, solide oder bisshafte I. dient nur noch als Ersatzbefragung bei Frust, Lückenbüßerei und... wie eingangs formuliert. 

INVESTITION
Ausrede der Betriebsinhaber, wenn sie in Zeiten der Hochkonjunktur Sonderwünsche der Arbeiter abschlagen.
Am besten wurde die Bedeutung der I. in der globalen Banken-Krise von 2008 erkennbar. Was in Zeiten der Wirtschaftsflaute den Arbeitnehmern verständlich ist, kann man ihnen in guten Zeiten nur schwer vermitteln.

INVESTIVLOHN
Die für Arbeitgeber angenehmste Beteiligungsart der Arbeitnehmer am Betrieb.
Damit ein Risiko der Unternehmer verständlicher wird, bringen sie bei Verhandlungen mit den Gewerkschaften gerne den Begriff des I. ins Gespräch. Und die Reaktion darauf kommt meist prompt mit dem Hinweis auf die Möglichkeit einer Beteiligung am Betrieb. Davon wollen die Arbeitgeber aber nichts hören.

 

 

J

JUBILÄUM
Günstiger Anlass, unterbezahlten Angestellten einen Ausgleich zukommen zu lassen, wo auch die Organisatoren und Kollegen auf ihre Kosten kommen. 
Nichts ist angenehmer, als die Unterbrechung des Betriebs-Einerlei durch ein J. Zwischen der einfachen Frei-Runde Bier mit Bretzel und der Feier in der Kantine, sind viele Varianten des J. denkbar.

JUGENDAMT
Beschwerdestelle bei mangelhafter Jugenderziehung durch die Eltern.
Das deutsche J. z.B. ist der verlängerte Arm der Justizbehörde aber auch die psychologische Anlaufstelle der geplagten Eltern. Auf die Frage eines besorgten Vaters, ob seine minderjährige Tochter durch den Umgang mit Alkoholikern und Asozialen auch wie diese wird, kam vom geschulten Jugendberater die beruhigende Antwort: nur wenn sie genetisch entsprechend vorprogrammiert ist.

JUGENDARBEITSSCHUTZ
Gesetzliche Regelung für Zeitungsverkauf durch Kinder.
Der gesetzliche J. ist in Wirklichkeit nur eine Alibibestimmung, die für den Fall des Missbrauchs der Kinderarbeit gilt. Ansonsten sind die Grenzen der erlaubten Jugendarbeit nicht genau gezogen.

JUGENDARREST
Kurzzeitiger Zwangslehrgang für heranwachsende Kriminelle, der je nach Lehrfähigkeit von einem bis 30 Tagen dauert.
Der J. kann als letzte Mahnung an assozial anfällige Jugendliche gelten, die bei Nichtbeachtung leicht zur Erwachsenen-Strafe ausarten kann.

JUGENDBEWEGUNG
Übungszirkel für politisches Erwachsensein.
Etwas veraltet gibt sich die J. in unserem Jahrhundert der freien Sexualität und verpönten Jugendlager als letzte Möglichkeit, vielleicht nach manchem Irrweg doch noch den Weg der altbewährten Tugenden zu entdecken.

 

JUGENDSCHUTZGESETZ
Bestimmung, die das Verbotene erst anziehend macht.
Leider ist das J. heutzutage nötiger den je, weil mit zunehmendem Konsum die Jugend leicht in Versuchung kommt, auch solche Gelegenheiten des Geldvedienens wahrzunehmen, die ihre körperliche Entwicklung gefährden.

JUGENDSTRAFRECHT
Erziehungsmaßnahme mit unvorhersehbaren Folgen.
Ein gerechtes Urteil nach dem J. ist so selten, wie ein Richter, der die Jugend wirklich versteht. Gutes Beispiel: Eine Vierzehnjährige wird wegen Laden-Diebstahls angeklagt und vorgeladen. Sie wartet mit ihrem Vater im Gerichtsfluhr vor der angegebenen Zimmernummer. Ein Robenmensch kommt und fragt nach dem Namen, schlägt einen Aktendeckel auf, macht seinen Haken am betreffenden Namen und wendet sich an die Vorgeladene: Wird das noch mal vorkommen? Nein, meint das eingeschüchterte Mädchen, und der Vater schüttelt ebenfalls energisch den Kopf. Also, fügt der Richter hinzu, dann wollen wir den Fall diesmal abschließen.

JUNTA
Häufig wechselnde, hauptsächlich militärische Kandidaten für Regierungsämter.
Mittelamerikanische Filmhandlungen, in denen eine J. irgendeine Rolle spielt, können von vorneherein als unterhaltsam gelten. In Wirklichkeit sind sie das beste Beispiel für die grenzenlose menschliche Habsucht, die jedes Mittel zu ihrer Ausrottung rechtfertigt.

JURISTISCHE PERSON
Vielköpfige Geisterexistenz, mit der sich ein Privatmensch lieber nicht einlassen sollte.
Die J.P. ist ein Kürzel für massenhafte Möglichkeiten,  unbegreifliches Amtschinesisch in verständliche Schriftsprache zu formulieren. Das ist nur dadurch zu rechtfertigen, dass die Umgangssprache nicht ausreicht, um komplizierte Geschäftsvorgänge einfach zu beschreiben und auf Adaption angewiesen ist.

JUSTITZBEHÖRDE
Öffentliche Dienststelle, in der moderne Schikanen und Marter-Methoden erdacht werden.
Für viele von uns ist die J. und eigentlich die gesamte Exekutive ein abschreckendes Konglomerat aus Bedrohlichem und Gefährlichem, das man sich am besten weit vom Leibe halten sollte. Vielleicht kommt das daher, dass in uns ein heimlicher oder wissentlicher Gelegenheits-Straftäter steckt?

JUSTIZMORD
Ein Fall, der vom Jüngsten Gericht bevorzugt behandelt werden dürfte.
Verglichen mit den vollstreckten Exekutionen, ist der gelegentliche J. eine seltene Erscheinung. Trotzdem oder deshalb ist das Todesurteil in vielen zivilisierten Staaten abgeschafft worden.

JUSTIZIRRTUM
Leicht eintretendes, aber schwer zu berichtigendes Versehen, für das sich der Verursacher – wenn überhaupt – erst nach Jahren zu entschuldigen pflegt.
Lieber zu spät als nie, könnte die Ermunterung für alle jene heißen, die sich zu unrecht abgeurteilt fühlen und ermüdend auf ein Revisionsverfahren warten. Positiver Nebeneffekt: Das Warten kann ihnen, ausser einer öffentlichen Popularität, auch durchaus zu einem dicken Entschädigungspflaster verhelfen.

K

KABINETT
Gipfel, auf dem sich die politischen Bergsteiger ausgiebig auszuruhen pflegen, bevor sie den Abstieg beginnen.
Wie groß ist der Unterschied im politischen Dasein eines normalen Abgeordneten und einem Angehörigen des K. Den hierarchischen Gipfel der Politik zu erklimmen, ist eine so außerordentliche Tat, dass kein noch so gutes ministerielles Programm damit mithalten – und nur selten ein schlechtes einen K.-Posten in Frage stellen kann.

KANDIDAT
Ein Mensch mit aufwändigen Manieren und schlechtem Gedächtnis.
Es gibt Menschen, die sich auch dann als politische K. zur Verfügung stellen würden, wenn es um den Posten des parlamentarischen Türstehers ginge. Möglichst nahe an der Spitze dabei zu sein, ist ihr höchstes Lebensziel.

KANZLER
Trapezflieger ohne Netz und mit unzuverlässigen Partnern.
Wie lachte Herr Sch., als er hörte, dass die Fr. M. von der anderen Partei den Kanzlerposten anstrebte. Und wie schnell wurde er von seinen Getreuen fallen gelassen, als sie merkten, dass sie ohne ihn aber mit ihr besser dran sind.

KAPAZITÄT
Das spezifische Maßsystem für Stress.
Ganz gleich, um welchen Lebens- oder Leistungsbereich es sich handelt, das Zauberhafte Schlagwort K. ist für den, der an es glaubt,  als einziges sicher in der Lage, ihm zu helfen wahre Wunder zu vollbringen.

KAPITALIST
Ein Mensch, der beweisen kann, dass Geld nur bei dem gerne bleibt, der mit ihm spielt, und es nicht so streng behandelt, wie der Arme.
Wie verrucht war der K. noch vor der großen ´89er Wende. Und wie schmeichelhaft wird heutzutage von ihm gesprochen, ja wie nachdrücklich wird er zur Nachahmung empfohlen – vor allem von denen, die über seine schwere Kindheit keine Ahnung haben.

KAUFKRAFT
Ein starker Beschützer der Zahlungsmittel, der oft an Schwächeanfällen leidet.
Obwohl jeder weiß, dass die Wirtschaft nur mit einer starken K. gut gedeiht, tut man sich an maßgeblicher Stelle schwer, sie auf breiter Linie nachhaltig zu stärken.

KINDERGARTEN
Einrichtung zur Abreagierung der Fernsehaggression bei Kindern.
Ein gut geführter K. kann wahre Erziehungs-Wunder vollbringen, vor allem, wenn sich die Eltern mit den Kindergärtnerinnen verstehen und ergänzen.

KLASSIKER
Muster mit veraltetem Wert.
Genauso wenig, wie jemand den K. als Vorbild nehmen und erfolgreich nachahmen kann, ebenso wenig können Leistungen von Gestern die heutigen ersetzen.

KINDERARBEITSSCHUTZ
Gesetzlicher Eingriff in die unternehmerische Entfaltung zukünftiger Millionäre.
Während in der Öffentlichkeit der K. oft übertrieben wird, kommt er im Elternhaus leider zu selten zur Geltung. So wird die freie Entfaltung des Kindes einmal versehentlich und zum anderen absichtlich behindert.

KIRCHENKOLLEKTE
Freiwilliger Eintrittspreis, der während der Vorstellung erhoben wird.
Was in Deutschland die Kirchensteuer-Pflicht, ist in Ungarn die K., mit freiwilliger 1-%-Spende von der Einkommensteuer. Das fördert die Pfarreien so ungleich, dass eine länderübergreifende K. dringend notwendig wäre.

KLASSENKAMPF
Das, was den Demonstrationen folgt, wenn sie niedergeknüppelt werden.
Wenn die Formel – je mehr Wohlstand, umso weniger K. – stimmt, dann kann die zwangsläufige Umkehrung als sehr beängstigend empfunden werden.

KLAUSEL
Haken, an dem man jeden Vertrag mit gutem Gewissen in die Mottenkiste hängen kann.
Ein ewiges, leidiges Thema sind die kleingedruckten K. in verfänglichen Verträgen. Würde man sie beseitigen, dann würden viele Rechtsanwälte arbeitslos; ob man deshalb nicht an ihnen rüttelt?

KOALITION
Kollektiv mit freier Entscheidung für die Unfreiheit.
Wenn es stimmt, dass eine K. immer für die Beteiligten einen erträglichen bis unliebsamen Kompromiss bedeutet, dann kann auch angenommen werden, dass er nie allein daherkommt und die Parteien nie ruhig schlafen lässt.

KOEXISTENZ
Die Bekämpfung des Gegners mit Tarnkappe.
Friedlich heißt die K. leben innerhalb der Grenzen so, dass das Leben des Nachbarn nicht eingeschränkt ist. Und wenn es so nicht möglich ist, dann siehe oben.

KOLLEKTIV
Lebensgemeinschaft zur Befreiung des Individuums – von sich selbst.
Als 18-jähriger Internatszögling im K. ist man der Meinung, dass es nichts Besseres gibt. Die Meinung beginnt man zu bezweifeln, wenn man ein Mädchen kennen lernt. Und man lehnt sie schließlich vollständig ab, wenn man eine Familie gründet.

KOLLEKTIVSCHULD
Falsche Ausrede, wenn man den Täter zum Schaden einer Gemeinschaft verschonen will.
Wieviel Leid hat der Begriff der K. über die Nachkriegsgeneration gebracht, und welches Unrecht wurde unter seinem Diktat begangen.

KOLLONIE
Versammlung von Wesen auf fremdem Territorium, wie z.B. der Gammler in der Wohlstandsgesellschaft.
In Friedenszeiten ist jede Ansammlung von Menschen in einer K. verdächtig, da sie auf die Umgebung ruhestörend wirkt. In Unruhezeiten bedeutet eine K. dem Individuum Sicherheit und Geborgenheit als Ersatz für die fehlende Familie.

KOMMUNALPOLITIK
Deponie für den Sperrmüll der großen Politik.
Die K. kann auch als der Tummelplatz enttäuschter Bundespolitiker gelten, was ihren Bewertungsgrad keinesfalls schmälert, höchstens den der Akteure.

 

KOMMUNIQUE
Kunstvolle Umschreibung dessen, worüber man einig ist, dass man sich nicht einigen konnte.
Wenn es sie nicht gäbe, und zwar – unter anderem Namen – schon so lange wie es Politiker gibt, müsste man sie schleunigst erfinden. Sie allein garantiert, dass keine politische Verhandlung blamabel endet.

KOMPETENZ
Eine Erfindung für Beamte, die sie vor dem Herzinfarkt bewahren soll.
Es gibt keine bessere Ausrede, als es der Hinweis auf die Unzuständigkeit, d.h. Inkompetenz ist. Die K. kann aber auch umgekehrt heißen, dass jemand unbedingt und unzweifelhaft die richtige Adresse ist.

KOMMUNISMUS
Weltbewegung, die ein neues Lebensglück aller Menschen zum Ziel hat und die diejenigen unerbittlich bekämpft, die sich diesem Glück nicht unterwerfen wollen.
Als junger Mensch glaubt man leicht an Parolen des K., wie, jeder nach seinen Möglichkeiten – jedem nach seinen Bedürfnissen. Die Lebenserfahrung lehrt aber, dass jeder nach Möglichkeit zuerst an sich und die eigenen Bedürfnisse denkt.

KOMPROMISS
Eine Einigung, bei der alle Beteiligten unzufrieden sind; z.B. Minderheitengesetz.
Es ist ja so bequem, mit dem K. das unvollendete Tun zu rechtfertigen. Aber man darf nicht vergessen, dass man beliebig viele K.-e nicht zu einer ganzen Leistung zusammenzählen kann.

KONFERENZ
Eine unverfängliche Möglichkeit für Ehemänner, einmal – oder mehrmals – auswärts mit der Freundin übernachten zu können.
Es gibt K.-Muffel, denen nichts über solche Veranstaltungen geht, bei denen sie als Zuhörer nicht sehr gefordert sind, doch am Ende schöne Spesenrechnungen absetzen können.

KONFESSIONSSCHULE
Gelenkte Schafzucht mit einheitlicher Fellfarbe zur besseren Vermarktung.
Wer meint, dass der Hinweis auf die Vermarktung bei K. von unkonfessioneller Einstellung stammt, der irrt gewaltig. Hier geht es um einseitige Erziehung zu Alibichristen, ohne garantierte Verbindlichkeit zu menschlichem Verhalten und Schaffen.

KONFLIKT
Notwendiger Bestandteil eines gut durchwachsenen Zusammenlebens.
Die Notwendigkeit zum K. als Salz in der Eintönigkeit, ist die eine Seite der Medaille, die andere heißt wie das Sprichwort: Wehret den Anfängen.

KONGRESS
Abschreibungsmöglichkeit für Urlaubsspesen heilkundiger und wissenschaftlicher Berufe
Der K. hat die Veranstaltung gemeinsam mit der Konferenz, lediglich die Dauer ist verschieden. Die Erläuterung trifft für beide Begriffe zu.

KONKURRENZKAMPF
Kampf der Wirtschaftshaie gegeneinander zum Zweck, dem Überlebenden völlige Jagdfreiheit zu sichern.
Der menschliche K. hat nicht zufällig animalische Züge, bei uns unterscheidet er sich in nichts von der Verhaltensweise wilder Tiere bei der Absteckung und Sicherung ihrer Lebensbereiche.

KONJUKTUR
Fahrt auf einer Achterbahn, die leicht entgleist.
Seit es die tägliche genaue Berichterstattung in den Medien über die K. gibt, hat der arbeitende Mensch keine ruhige Minute mehr, denn entweder geht es aufwärts – dann ist er vor Freude aus dem Häuschen – oder es geht abwärts – dann ist dauernde Angst angesagt.
KONSERVATIV
Fortschritt möglichst ohne am Bestehenden etwas zu verändern.
K. ist die schönere Umschreibung für Altbacken und als Gegengewicht für alles sogen. Moderne unabkömmlich. Nicht von ungefähr meint der Volksmund: Zeige mir deine Ahnen und ich sage dir, wer du bist.

KONSORTIUM
Kurzfristiger Zusammenschluss verschiedener Interessengruppen, um festzustellen, dass man nichts zusammen unternehmen kann.
Wenn die Politiker etwas auf die lange Bank schieben wollen, gründen sie ein K. Das beste Beispiel, dass sie dadurch eine wichtige, fällige Entscheidung für lange Zeit verhindern können, ist das fehlende ungarische Minderheitengesetz, das ohne ein umfassendes K., also von der Parlamentsmehrheit allein, schon längst hätte verabschiedet werden können.

KONSULAT
Hilfsstelle bei abgebrannter Urlaubskasse im Ausland.
Wer glaubt, dass ihm ein K. bei Urlaubsschwierigkeiten selbstlos helfen kann, täuscht sich gewaltig. Es kann lediglich mit einem Passprovisorium, Geldvorschuss oder oft nur gutem Rat helfen – erfahrungsgemäß aber schnell und wirkungsvoll meist nur mit Schmiergeld an den Sachbearbeiter.

KONSULTATION
Möglichkeit für politische Gruppen, sich im Stillen gehörig die Meinung zu sagen.
Was über die Medien in die Öffentlichkeit von notwendiger K. dringt, entspricht selten weder optisch noch inhaltlich der Wirklichkeit. Denn wer sich bei parlamentarischen Debatten nicht scheut, den Gegner niederzumachen, der kann sich bei vertraulicher K. sicher nicht zurückhalten.

KONTAKTDEUTSCH
Verbalhornung der Alltagssprache durch Sprachforscher.
Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich, wenn Germanisten das K. bildhaft zu erklären versuchen. Wie alles, was in der Theorie ziemlich weit von der Praxis entfernt ist, klingt manche Mundartformulierung aus dem Forschermunde anders, als aus dem des Bauern. Merke: Ein Bauer und ein Doktor wissen mehr, als der Doktor allein.

KONVENTION
Rechtliches Trostpflaster für denjenigen, denn man zuvor zu hart angefasst hat.
Die K. ist nichts weiter, als eine vornehme Umschreibung für eine schlichte Abmachung, meist zwischen ungleichen Partnern, bei der das Diktat ein wenig mitspielt.

KONVERTIERBARKEIT
Erschwernis im Finanzgeschäft, welche die Einführung des EURO begünstigte.
Was hatten wir älteren Jahrgänge nicht an kostbaren DM, an Suche nach günstigem Umtausch und an schlechten Erfahrungen mit Umtauschbetrügern aufzuwenden, bis wir bei der Einführung des EUR aufatmen konnten.

KONZENTRATIONSLAGER
Bewährtes totalitäres Befriedungssystem.
Ein medienwirksamer Komplex, der zeitlos und grenzüberschreitend die Menschheit das Gruseln lehrt, ohne sie zu einigen auf der Suche nach wirksamen Mitteln gegen die Einrichtung der K.

KONZERN
Der mit Steuergeldern geförderte Aufkauf von kleinen Fabriken zur besseren Ausbeute der steuerlichen Abschreibung.
Es gibt keinen K., der einer Versuchung, sich durch Zukauf von Subunternehmen oder durch Expansion über die Landesgrenze hinaus zu vergrößern widerstehen könnte. In der globalen Wirtschaft ist der international ohne Ausnahmen geförderte Anreiz in allen Weltrichtungen gleich stark.

KONZESSION
Das was die verfemte Dirne und den verfolgten Schwarzhändler zu annehmbaren Geschäftsleuten macht.
Was im Privatleben der Kompromiss, ist im wirtschaftlichen Bereich die K., ohne die keine erfolgreiche Zusammenarbeit möglich ist.

KONZIL
Öffentliche Erkundigung des Papstes nach dem Befinden der katholischen Geistlichkeit einmal im Jahrhundert; die Mühlen Gottes malen eben sehr langsam.
Dass man in kirchlichen Dingen nicht dem weltlichen Tempo folgen muss, ist die höchste Botschaft eines K. an die Menschheit. Manchmal hat dessen Wirkung erst nach Jahrhunderten ihre volle Wirkung entfaltet. 

KOORDINATION
Weg einer behördlichen Akte über Dienststellen, die mit ihr nichts zu tun haben, dies aber aktenkundig machen müssen.
Bei der Wiedervereinigung Deutschlands staunten DDR-Arbeiter, als sie in einem Westbetrieb die Arbeit aufnahmen, dass hier nie die Ersatzteile ausgingen und so auch keine Zwangspausen nötig wurden. Hier klappte eben die K.

KORRUPTION
Eine weit verbreitete Krankheit, gegen die nur regelmäßige Impfung mit kleinen Aufmerksamkeiten immunisierend wirkt.
Wer meint, dass es nur in Osteuropa und in den Entwicklungsländern K. gibt, der täuscht sich gewaltig. Im Wohlstandswesten hat sie nur andere Namen: Werbegeschenk, kostenloser Flug, Urlaub auf einer Mittelmehrjacht, etc.

KRIEGSVERBRECHEN
Umwandlung einer Massenschuld in Einzelvergehen, um das Gewissen der Allgemeinheit auf Kosten des Einzelnen zu entlasten.
Das K. ist laut Genfer Konvention u.a. ein Verbrechen an Zivilisten, die an Kriegshandlungen nicht beteiligt sind. Um von dieser Konvention abzulenken, nennen heute die Kriegsgegner versehentliche oder absichtliche unschuldige Opfer Kolateralschäden.

KRISE
Die hohe Zeit der Pessimisten.
Aus vielen eigenen Erfahrungen kann über diesen Begriff nur die positive Lebenseinstellung akzeptable Auswege formulieren, auch wenn sie noch so banal klingen: Nach jedem Regen kommt Sonnenschein, nach jedem Dezember wieder ein Mai, etz   

KULTURABEND
Veranstaltung, die umso angenehmer ist, je weniger Kultur dabei vorkommt.
Wer hat sich nicht schon bei einem K. gewünscht, nicht in der ersten Reihe sitzen zu müssen, zwischendurch mal laut loslachen, etwas Bewegung oder eine Plauder-Pause einlegen zu dürfen, oder gar ein Tänzchen mit der Partnerin zu wagen?

KULTURGUT
Imaginärer Wert, der nur von Kultur-Schmarotzern in klingende Münze umgewandelt zu werden pflegt.
Die Betonung ist geteilt und soll gutes K. suggerieren. Doch in Wirklichkeit wird in der Sammelgeneration nicht unterschieden, was wohl später wie bewertet wird. Schon das Sammeln und Bewahren von Dingen, die zur Traditionspflege gehören ist hoch zu bewerten und braucht keine weiteren Attribute.

KULTURPREIS
Unruhestiftung, die einmal im Jahr stattfindet.
Bei manchem K. hat man den Eindruck, dass er zum obersten Ziel hat, bestimmte Kreise von Kulturschaffenden sozusagen bei der Stange zu halten. Wer kritisiert, aufmupft oder sonst wie gegenüber der die Preise vergebenden Obrigkeit negativ auffällt, kann jedweden K. für immer abschreiben.

KULTURTAGUNG
Beste Möglichkeit für Kulturdiletanten, einmal richtig – ideell und materiell – abzusahnen.
Ideell geschieht das Absahnen bei der K. durch auffällige Beteiligung am Kulturdisput während und nach den Darbietungen, materiell mit genauester Abrechnung der Spesen für Fahrkosten, Unterbringung und Verdienstausfall. Es sind Fälle bekannt, bei denen Auslandsgäste zu einer donauschwäbischen K. Flugkosten ersetzt bekamen.  

KURZARBEIT
Schmeichelhafter Ausdruck für Entbehrlichkeit.
Anders als eine kurzfristige Beurlaubung oder Werkschließung bei schlechter Auftragslage, hat die K. den besonderen Vorteil für den Arbeitgeber, dass er durch sie geschickt seine Bilanzen auf Kosten des Arbeitsamtes ordnen kann.

KYBERNETIK
Unbedachte menschliche Erfindung, die sich nach und nach gegen ihre Erfinder wenden und sie dadurch ersetzen wird.
Die K. gilt als die Mutter der Rechenmaschinen und somit auch die oberste Instanz bei elektronischen Steuerungs- und Regelungsvorgängen in Technik, Biologie und Soziologie. (siehe Duden)

 

L

LANDESGALA
Traumhafte Illusion der Ungarndeutschen, dass sie doch noch in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielen.
Einmal im Jahr, zur Ballsaison,  wird die L. mit viel organisatorischem Aufwand in der Landeshauptstatt veranstaltet, damit sich kulturelle, politische und vergnügliche, kurz alle am Ungarndeutschtum interessierte Kreise der Gesellschaft etwas näher kennen lernen.

LANDESKRIMINALAMT
Verzögerungsstelle für Fahndungen, deren Zuständigkeit zu ermitteln, meist mehr Zeit erfordert als der Fall selbst.
Man hat bei dem L. den Eindruck, als ob es nur dazu da wäre, manchen verdienten Kriminalisten zum ruhigen Jobb und höherem Verdienst zu verhelfen. Natürlich braucht man Statistiken, Sammelstellen für Fakten und Daten, aber zur Lösung von übers Land verstreuten Problemen, braucht man örtliche Effizienz.

 

LANDESRAT
Personengruppe, welche die Umsetzung der Minderheitengesetze überwacht – in der Landeszentrale.
Bei jeder medienwirksamen Zusammenkunft eines L. wird man das Gefühl nicht los, dass er in Zusammensetzung und Arbeitsweise an einem veralteten Räteregime ausgerichtet ist: Er gibt sich sehr aktiv und unabkömmlich, doch vermeidet es, zu detailliert und zu direkt die nachrangigen Selbstverwaltungen zu beeinflussen, was ihn im Grunde genommen überflüssig macht.

LANDESVERRAT
Beschuldigung wegen Vergehen, über die niemand so recht Bescheid weiß.
Je strenger und totalitärer ein Regime ist, umso enger wird von ihm der Begriff des L. ausgelegt, bekämpft und bestraft. Umgekehrt gilt für lasche Demokratien, dass sie meist zu spät in eine hoch verräterische Situation eingreifen und damit dem L. Vorschub leisten.

LANDFLUCHT
Weg vom großen Busen der Natur und hin zum unterentwickelten der Stadt.
Schlechte Landwirtschaftspolitik ist die Hauptursache für eine L. Viele andere Fälle stellen sich oft als vergebliche Suche nach bequemerer Lebensweise heraus, denn was einerseits eine zentrale Wasser- und Wärmeversorgung an Plus einbringt, geht durch verminderte Lebensqualität leicht wieder verloren.  

LANDFRIEDENSBRUCH
Übertriebene Rede- und Demonstrationsfreiheit.
Der Begriff des L. schafft leicht Assotiationen des permanenten heimlichen Krieges in einem friedlichen Staatswesen. Im Gerichtsalltag ist er weit dehn- und auslegbar und wird immer dort angewandt, wo man mit Demonstrationen nicht klar kommt.

LANDSMANNSCHAFT
Interessengemeinschaft für Pflege und Austausch von sentimentalen Erinnerungen.
Wenn die erste Generation der Vertriebenen und Flüchtlinge nicht zu engstirnig herkunftsbewusst ausgerichtet ist, hat die L. eine gute Aussicht, die zweite und dritte Generation zu überdauern. Von einer L. darüber hinaus ist nicht viel zu halten, da ist mehr der Heimatverein gefragt.

LANDWIRTSCHAFT
Einziger Gewerbezweig in der EU, der einen Feldbesitzer auch dann ernährt, wenn dieser überhaupt keinen Ertrag schafft; Voraussetzung ist nur die alljährliche Registrierung der ruhenden Feldfläche.
Die Brüsseler Kommissare haben es schwer, bei der Verteilung der L.-Unterstützung das Schmarotzertum zu unterbinden. Denn der kleine Rentner-Landwirt hat nicht genügend Eigenkapital, um jedes Jahr aufs neue Ernten zu produzieren, die er nicht verkaufen kann. So muss er immer öfter eine Jahrespause in seiner Feldbearbeitung einlegen, für die er gerechter Weise auch von Brüssel entlohnt wird.

LdU
(Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen)
Hochseeschiff, welches die Seetüchtigkeit vergeblich in Schuss hält – den Heimathafen will es nicht verlassen.
Auf Kritiken an der Unbeweglichkeit der LdU wegen fehlender programmatischer Beeinflussung der ländlichen Selbstverwaltungen, kommt meist der Hinweis auf zu viel davon in Zeiten des Verbandes der Ungarndeutschen vor der Wende. Doch ein gesundes Mittelmaß wäre sicher besser, als das jetzige selbständige und meist mangelhafte Allerlei landauf und ab. Merke den guten Gewerkschaftsspruch: Wo was ist, sollte es organisiert werden – wo nichts ist, sollte es erst recht organisiert werden.

LEBENSSTANDART
Die dauernde Sorge, dass es uns mindestens so gut geht, wie dem Nachbarn.
Ohne immerwährende Sorge um den L. könnte viel Geld und Mühe gespart werden. Der westliche Mensch ist durch diesen Begriff in ein Tretrad des Konsumstresses geraten, aus dem er nur schwer aussteigen kann.

LEGISLATURPERIODE
Hamsterzeit für diejenigen, welche gerade am Futtertrog sind.
Dass die L. eine materielle Versorgungszeit darstellt, ist daran zu erkennen, indem sie schon nach einer Verlängerung zu Rentenansprüchen führt. Gleichgestellt mit dem Versicherten in der Wirtschaft, müsste er viermal zum Mandatsträger gewählt werden. 

LEGITIMES RECHT
Begriff, ohne den es nicht so viel Unrecht auf der Welt geben würde.
Oft wird auf das L.R. gepocht, ohne Rücksicht darauf, wie sehr das Recht der anderen dadurch beeinträchtigt werden könnte. Für ein reibungsloses Zusammenleben sollte mehr der § 1 der deutschen Straßenverkehrsordnung beachtet werden, wo es sinngemäß heißt: Jeder hat sich im Straßenverkehr so zu verhalten, dass er andere nicht mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt.

LESUNG
Entspannungsübung, die nur dann nicht einschläfernd wirkt, wenn die Zuhörer mit anschließendem Imbiss oder Umtrunk rechnen können.
Es gab schon Lesungen unbekannter Autoren, wo anschließend die Zuhörer nur geschenkt ein signiertes Exemplar mitnahmen. Sonst pendelt der Erfolg zwischen totalem Ausverkauf des Vorrats und einer gewissen Bekanntmachung des vorgestellten Werkes in der örtlichen Presse.

LIBERALISMUS
Blinddarmähnliches Organ im demokratischen Körper, von dem keiner weiß, wozu es gut ist.
Mindestens eine Partei sollte in einem demokratischen Staatswesen den L. auf ihren Fahnen haben, wenn es als wirklich freiheitlich und aufgeklärt gelten soll. Für den Gegenbeweis stand die ehemalige DDR.

LINKSPARTEI
Partei des inneren Gleichgewichts in einem Rechtsstaat.
Was links oder rechts in einem politischen System ist, kann nie aus der Darstellung einer L., sondern immer nur aus dem gesamten Parteispektrum aller Parteien heraus analysiert werden.

LIQUIDITÄT
Werk eines tüchtigen Buchhalters.
Schöne Beispiele des Begriffes der L. lieferte die Finanzkrise 2008, da durchaus zwischen äußerer und innerer, unsichtbarer L. unterschieden wurde. Die verantwortlichen Manager wurden aber nur für das Fehlen der äußeren zur Verantwortung gezogen, die innere ging niemand was an.

LOBBY
Die unsichtbare Regierung.
Die Gänge und Vorzimmer der Regierungsgebäude sind voll aktiver Angehöriger der verschiedensten L.-s, die, wenn sie geschickt sind, von mehreren Seiten legale Bezüge bekommen.

LYNCHJUSTIZ
Theoretische Möglichkeit der Masse, sich an einem Politiker zu rechen, der mehr verspricht, als er halten kann.
Mehr theoretisch als praktisch lebt die L. auch in unseren Tagen weiter, wo üble Nachrede und Rufschädigung wahre Urstände zu feiern in der Lage sind.

M

MADE IN HUNGARY
Steht 2007 für „Made in Armut“.
Die Schuld für die missliche Lage des M.I.H. könnte damit erklärt werden, dass nach der Wende die Mittel- und Unterschicht der arbeitenden Menschen keine Partei bekam, die sich vorwiegend mit ihren Interessen befasste. Im ersten Konglomerat der MDF waren mehr strukturelle Interessen des neuen Staatswesens im Vordergrund. Und als die eigenständigen Parteien erstarkten, begannen sie sich alle an dem kapitalistischen Grundstock des Wohllebens zu orientieren, das ihren Führungen und auch den Mitgliedern den Wohlstand sicherte. So wurden die Interessen der unorganisierten Bauern, Arbeiter und Angestellten dermaßen vernachlässigt, dass heute nur eine radikale Wandlung der Parteistruktur Abhilfe schaffen könnte.

MANAGER
Stress-Wächter mit der seltenen Gabe, die Probleme vom Chef fern zu halten.
Zu Recht hat der Beruf des M. in Richtung der Jugend eine starke Anziehungskraft. Er bietet im heutigen System des „wer zuerst kommt malt zuerst“ und „wer zuletzt kommt, den beißen die Hunde“ die attraktivste Möglichkeit, vorwärts zu kommen.  

MANDAT
Blanko-Scheck, dessen Einlösung dem Inhaber meist erhebliche Schwierigkeiten bereitet.
Den Vertrauensvorschuss, den ein errungenes M. für einen Abgeordneten darstellt, kann sein Träger nur rechtfertigen, wenn er die Wahlversprechungen restlos erfüllt – und das ist selten möglich.

MANIFEST
Unreife Erklärung, die viele Jahre zur vollen Ausreifung benötigt.
Es ist kein M. bekannt, das dauerhafte Weichenstellung einer Bewegung sicherte. Daher kann ihre Wirkung nur auf die Art und Weise ihrer Veröffentlichung beschränkt werden, die allerdings oft tiefgreifend war. 

MANIPULATION
Beliebtes Instrument der Willensbildung, durch Vorspiegelung falscher Tatsachen.
Die Versuchend in unserer Mediengesellschaft ist zu groß, als dass die vielfältige M. von einflußreichen Menschen nicht ausprobiert oder gar regelmäßig genutzt würde, um ein zweifelhaftes Tun zu rechtfertigen.

MANUSKRIPT
Schriftstück im Vor-Mail-Stadium, von dem die Post am meisten profitierte.
Es musste viel Mühe und Geld aufgewandt werden, um das handgeschriebene oder mechanisch getippte M. an den Mann zu bringen, der es wenigstens lesen und bestenfalls zur Veröffentlichung bringen wollte. Das PC- und Internet-Zeitalter erspart einem Autor nicht die Mühe, nur die Kosten der Verschickung.

MARKTWIRTSCHAFT
Unterstufe der freien Wirtschaft als Plattform des ruinösen Wettbewerbs.
Vergeblich redete sich Ludwig Erhardt, als Vater der M. den Mund wund, keiner seiner roten, schwarzen oder grünen Erben hält sich an seine Regeln und wundert sich, dass heutzutage die M. nicht mehr das ist, was sie unter ihrem Schöpfer war.

MARXISMUS
Lehre, von der die Theoretiker besser ernährt werden, als die Praktiker.
Immerhin hat es der M. weltweit auf viele hundert Millionen Anhänger gebracht, die seiner Lehre am Anfang glaubten und am Ende in einer Sackgasse der Ausweglosigkeit landeten – da der M. eben nur theoretisch funktioniert.

MASSENMEDIEN
Blätter-Urwald, in dem sich ein leichtsinniger Leser leicht verirren kann.
Die M. passen zur Massengesellschaft und vernachlässigen oft das Individuum, das am besten seine Art bewahren kann, indem es sich ein eigenes Medium schafft, z.B. durch eine eigene Kommunikations-Seite im Internet.

MEHRSPRACHIGKEIT
Grund, weshalb die ungarischen Minderheiten-Gesetze keine Umsetzungsprüfung beinhalten.
Die M. ist im Allgemeinen ein positiver Begriff, doch wenn sie zur Verwässerung der Muttersprache führt, z.B. dadurch, dass sie von einer sprachlichen Minderheit der eigenen Sprache gleichgestellt wird, ist sie abzulehnen.

MEINEID
Mögliches Mittel, um den Prozess zu gewinnen und die Ehre zu verlieren.
Nicht von ungefähr sind in verschiedenen Staaten auch die Strafen bei Meindeid-Vergehen nicht einheitlich streng: Hier wird von Politikern auf die Verfassung geschworen, dort auf die Bibel und woanders überhaupt nicht. 

MEINUNGSFREIHEIT
Schwäbisch: “Moina derf mr, aber net moina mr derf.“
Eigentlich könnten die Grenzen der M. mit denen der Bewegungsfreiheit gleichgesetzt werden: Sie sind dort, wo die des Mitmenschen beginnen.

 

MEINUNGSUMFRAGE
Hellseherei des technischen Zeitalters.
Hauptsächlich der M. vor den Parlamentswahlen haben die Parteien die Überraschungen zu verdanken, die sie durch Auszählung der Stimmen erleben.

MEMOIREN
Weltgeschichte aus der Bettperspektive.
Die Geschichte eines Zeitabschnittes wird der Nachwelt nur zur einen Hälfte durch Dokumentation und zur anderen durch M. der Erlebnisgeneration übermittelt.

MENSCHENRECHT
Recht auf Eigentum, Bildung und Beruf, - sofern es die Verhältnisse erlauben.
Ein Begriff mit bleibendem kämpferischem Inhalt, denn entweder gibt es in einem Staatswesen M., dann müssen sie konsequent verteidigt werden, oder es gibt sie nicht, dann müssen sie ausdauernd erkämpft werden.

MINDERHEITENERFOLG
Erhaltung des Möglichen im Rahmen des von der Mehrheit Geduldeten.
Wir leben in einer Zeit der Kompromisse, in der allerdings ein sogen. M. eher die Züge der Bequemlichkeit, als der Unzufriedenheit trägt.

MINDERHEITENPROBLEM
Einzige Störung der harmonischen Entwicklung einer Mehrheit.
Die Mehrheitsnation wird sich erst dann gegenüber dem M. großzügig zeigen, wenn es auf eine Unbedeutsamkeit geschrumpft ist.

MINDERHEITENSENDUNG
Folklorenrest im Ungarischen Fernsehen, den man in der Landessprache kommentiert, um sicher zu gehen, dass man verstanden wird.
In den rund 25 Jahren, da der Autor dieser Zeilen am hiesigen zweiten Wohnsitz mit der M. befasst ist, erlebte er nachhaltig, wie man die kulturellen Interessen der Ungarndeutschen nur regierungskonform, d.h. nur für die führenden Politiker zufriedenstellend wahren und so zu dem heutigen Ergebnis kommen konnte.

MINDERHEITENSCHULE
Größter Alptraum derjenigen Minderheit, die von der Mehrheitsnation am meisten profitiert.
Hier sind ausnahmsweise nicht die sprachlichen Interessen der Ungarndeutschen Thema der M., sondern die der Roma, die wiederholt solche auf allen Stufen empfohlen bekamen, doch immer entschieden ablehnten, aus Angst, noch mehr gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden.

MINDERHEITENSPRECHER
Derjenige, welcher am besten Nebensächlichkeiten als Erfolge und Misserfolge als Nebensächlichkeiten darzustellen vermag.
Was in der hohen Politik gang und gäbe, gilt auch für Repräsentanten der elf M. Ungarns. Wenn sie sich nicht so verhielten, wie in der vorgehenden Spiegelung umrissen, könnten sie niemals über echte Erfolge reden.

MINDERHEITENWAHL
Gute Gelegenheit, durch geschicktes – gesetzlich erlaubtes – Tricksen das ahnungslose Wahlvolk auszuspielen.
Ellenlang ist die Liste der manipulativen Vergehen bei der M. in Ungarn. Vergeblich wird sie intensiv kritisiert, gegen ihre Verteidiger ist nicht anzukommen.

MINDERHEITSNATION
Bekennende Volksgruppe mit Anspruch auf Schmerzensgeld von der Mehrheitsnation.
Der größte Schönheitsfehler im Begriff der M. ist die Minderheit, die sich so anhört und auch fühlt, wie ein wertloser Teil der Mehrheitsnation.

MINDERH.-PARLAMENTSVERTRETER
Wunderknaben, welche die Quadratur einer Sprache und Kultur als politische und fiskalische Kreise Darzustellen vermögen.
Es ist unvorstellbar, dass die Ungarndeutschen jemals würdige M.-P. bekommen, wenn sie es nicht schaffen, unter den großen Parteien eine starke Lobby zu etablieren. Jetzt könnten sie zufrieden sein, wenn sie über ihren Dachverein aller Minderheiten einen Parlamentariersitz bekämen.

MINISTER
Zuschneider vorgegebener politischer Modelle, der sich für einen Modeschöpfer hält.
Der Posten eines M. ist das erstrebenswerte Ziel jedes Abgeordneten. Dabei wird weniger beachtet, dass es auch nichts verächtlicheres gibt, als ein gescheiterter M.

MISSION
Einrichtung, die den Wohlstandsländern mehr das Gewissen als den Geldbeutel erleichtert.
Gemessen an ihrem häufigen Vorkommen überall in der Welt, sowie ihrer finanziellen Ausstattung, ist die M. insgesamt im Frieden beeindruckend, doch in Gegenden, wo die allmächtigen Kriegsgewinnler wüten, meist nur eine Alibiinstitution.

MITBESTIMMUNG
Umstrittene Floskel, denn wer beteiligt sich schon gerne an Verlusten.
Das beste Beispiel für die Unfähigkeit, durch M. dem Werktätigen zu mehr Rechten und besserer Beteiligung an Betriebseinnahmen zu verhelfen, war das totale Mitspracherecht im Nachkriegsjugoslawien. Wenn das Regime nicht auf vollständiger freiheitlicher Demokratie basiert, hat die M. nicht einmal im Bereich der Gewerkschaften eine Chance.

MITTELSTAND
Lebensniveau der mittelmäßigen Streber.
Unter M. versteht man im Allgemeinen den ungestressten Teil des Unternehmertums, der es am besten versteht, dem Kapitalismus auch eine menschenwürdige Lebensweise abzugewinnen. Doch man vergisst dabei, dass genau im M. anteilmäßig die meisten Konkurse zu verzeichnen sind.

 

MODUS VIVENDI
Kompromiss-Regelung zwischen Partnern, die sich nicht ausstehen können.
Damit eine Abmachung bei der Mehrheit der Wähler besseren Eindruck macht, hat die Politik ihm den Namen M. V. gegeben. Er kommt meist bei schwierigen Verhandlungen mit kompromishaften Einigungen zur Geltung.

MONARCHIE
Tragende Säule der Klatschpresse.
Tatsache ist, dass die Zeitungsstände ohne die moderne M. wesentlich leerer wären. Durch eine etwas unüberschaubare Regierungsstruktur in Staaten mit M. ergibt sich zwischen ihren Gesellschaftsschichten eher Klatschstoff für die Regenbogenpresse.

MONOPOL
Erziehung zur Verbraucher-Disziplin nach Geschmack der Erzeuger.
Wenn sich die Hersteller einer Wahrengruppe einig sind, können sie leicht die M.-Bestimmungen des Gesetzgebers umgehen und eine Wahre beliebig teuer verkaufen; Beispiel die Aids-Medikamente, die ein unmenschliches M. für die Dritte Welt unerschwinglich macht.

MULTIS
Internationale Firmengruppen, welche sich die Ressourcen Ungarns so gerecht aufgeteilt haben, dass alle gleichmäßig das Volk ausbeuten können. 
Nach der politischen Wende brachten die M. als erste die Freiheit der Mächtigen ins arme Ungarn, um hier die Bevölkerung zu solchem Konsum zu erziehen, der sich für sie im Westen schon lange bewährt hat.

 MÜNZHOHEIT
Letztes Recht eines Mitgliedsstaat, sich in der EU verherrlichen zu können.
Bei der Einführung des EURO hat sich jedes Mitgliedsland vorbehalten, auf einem Teil der Bankscheine seine Nationalsymbole abzudrucken, was als letzter Rest einer M. gelten kann.

 

MUSEUM
Aufbewahrungsort von Gegenständen von ungewissem Wert, den erst die ferne Zukunft richtig einschätzen wird.
Die Sammller und Bewahrer von Antiquitäten können davon ein Lied singen, wie schwierig es ist, ihren zukünftigen Wert zu bestimmen und was davon einmal in einem M. landen wird.

N

NACHRICHTENAGENTUR
Geburtsstätte schmackhafter Zeitungsenten.
Die große Unsicherheit auf dem Nachrichtenmarkt kommt daher, dass sich manche N. als amtlich ausgibt, der nur kolportativ d. h. hauptsächlich für die Klatschpresse tätig ist.

NATIONALBIBLIOTHEK
Zentrale zur Förderung des Umweltschutzes durch Sammlung und Aufbewahrung aller überflüssigen Buchausgaben.
Der einzige Vorteil einer N. ist, dass sie ohne Rücksicht auf Rang und Namen die Autoren und ihre Produkte behandelt – und das ist zugleich auch ihr einziger Nachteil, der zur Überlastung der Lagerkapzität führt.

NATIONALITÄTENTAGE
Beliebte Gelegenheiten zu gemeinsamem Kochen und Verzehren von ungarischem Gulasch.
Wenn man es nicht schon zigmal erlebt hätte, würde man es nicht glauben, dass viele N. der Minderheiten Ungarns – einschließlich der deutschen – die Chance der motivierten Zusammenkünfte ausschließlich zur Pflege des leiblichen Wohls nutzen.

NATIONALHYMNE
Einzige gleichbleibend harmonische Äußerung in einem Staatsgebaren.
Die braven Bürger, welche alle Strophen ihrer hochverehrten N. auswendig hersagen können, sind nicht übermäßig zahlreich. Das unterstreicht am deutlichsten den Zauber, den dieses Lied heute wie eh und je ausstrahlt, ohne allzu sehr zu fordern oder zu verpflichten.

 

NATIONALISMUS
Was jede Nation der anderen vorwirft, -  der Spreiß im Auge des anderen.
Höchst selten sind Nationen, die ohne N. auskommen. Selbst gemischte Nationalitäten legen sich gerne einen gemeinsamen N. zu, dem sie deshalb so intensiv huldigen, weil sie durch ihn Gleichberechtigung erlangen.

NATO
Ewiges Reich der Amerikaner im Nachkriegseuropa.
Die Kraftprobe des Irakgrieges hat gezeigt, dass ein Land vergeblich gegen den Ami-Einsatz ist, es wird die NATO-Brüder nicht los.

NATURALISATION
Umwandlung von Asylanten in Arbeiter der Müllabfuhr, die je nach kommunalem Bedarf nach einem oder mehreren Jahren stattfindet.
Die N. ist in der heutigen Zeit des ständigen Wechsels im Lebens- und Arbeitsbereich die natürlichste Sache der Welt. Wenn sie übertrieben wird und zu sozialen und sprachlichen Gettos führt, ist sie abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

NATÜRLICHE PERSON
Verirrter im justitialen Labyrinth.
Vor dem Gesetz ist man entweder eine juristische oder eine N. P. Beide Arten spürt man erst vor Gericht, wenn beide wesentlich ungleich behandelt und evtl. bestraft werden .

NATURRECHT
Das Recht einer kleinen Nation, sich eine große auszusuchen, von der sie unterdrückt werden will.
Vergeblich das angeborene N., das eigentlich ein natürliches Entwicklungsrecht bedeutet, doch in Wirklichkeit fast nie gleichberechtigt verwirklicht werden kann. Nach dem Sprichwort, Das Recht des einen endet dort, wo das des anderen beginnt, könnten alle Menschen friedich nebeneinander leben, wenn das Wörtchen Wenn nicht wär.

 

NEUE LINKE
Zeitgemäßer Nachwuchs und Alterssicherung der „Alten Linken“.
Der Begriff der N.L. geistert durch die Geschichte schon solange es Parteien gibt. Seltsam, dass jeweils eine halbe Generation genügt, um aus dem Prädikat Neu ein Alt zu machen und so den Weg frei zu geben für die nächste N.L.

NEUE ZEITUNG
Alternde Braut, die es gut versteht, immerzu mit frischem Brautschmuck neue Freier zu beeindrucken.
 Verglichen mit anderen deutschsprachigen Zeitungen der Diaspora-Deutschen ist die N.Z. vorbildlich gemacht. Doch in dem Umfeld ihres Entstehens betrachtet, fällt auf, dass sie sich zu sehr zurückhaltend gibt, was die überlebenswichtige Kritik an den minderheiten-politischen und die deutsche Sprache hemmenden Zustände angeht.

NEUE ZEITUNG JUNIOR
Gelehriger Nachwuchs, der vergeblich von den besten Lehrern erzogen wird – die Hausenge bleibt sein Schicksal.
Den eindeutigen Schwerpunkt bei der Charakterisierung des N.Z.J. kann man auf die ’besten Lehrer’ legen. Vergleichbar hohe Qualität der permanenten, abwechslungsreichen Sprachübungen findet man selten bei diasporalen Jugendzeitungen. Doch genau das ergibt auch das große Fragezeichen: Weshalb nur für die Jugend?

 NEUTRALE ZONE
Schmuggelbereich auf den Ausflugschiffen.
Eine der beliebtesten Attraktionen bei Kurzausflügen außerhalb eines Zollgebietes ist das Überschreiten der N.Z., das meist von Ausflüglern genutzt wird zu zollfreiem Einkauf, was das Zeug hält.

NEUTRALITÄT
Schmiermittel an den Reibungsflächen der Großmächte.
Der beste Beweis für den Bedarf von N. im politischen Weltgetriebe bietet die Schweiz, die kein Konflikt seiner Nachbarn untereinander (z.B. Weltkrieg) daran hindern konnte, mit allen Seiten gute Kontakte und Geschäfte zu pflegen.

NICHTEINMISCHUNG
Oberstes Gesetz im willkürlichen Tun, Lassen und Abrechnen bei den Minderheiten-Selbstverwaltungen.
Was nützen die besten Minderheitengesetze, die es bekannterweise in Ungarn schon seit 1994 gibt, wenn ihre Umsetzung nicht buchstabengetreu, sondern nur alibigerecht kontrolliert wird. Bei der Programmgestaltung genauso wie bei den Abrechnungen derselben, werden den Selbstverwaltungen durch N. übergeordneter Dienststellen Tür und Tor für Versuchungen geöffnet, denen schwer zu widerstehen ist.  . 

NOTAR
Amtsperson, die mit ihrer ganzen Autorität dafür einsteht, dass auch schlechte Verträge eingehalten werden.
Was in Ungarn die vertraglichen Betrügereien in allen Wirtschaftszweigen sehr fördert, ist das Fehlen eines deutschen N.-Gesetzes. Hier kann jeder mit jedem Immobilien-Verträge unterschreiben, in Deutschland kann er nur, was der N. zulässt.

NOTAUFNAHMELAGER
Entlausungs- und Bespitzelungsstelle für politische Flücht-linge.
Sehr nützliche Einrichtungen in den wohlhabenden Staaten sind die N. Einerseits helfen sie notleidenden Asylanten, andererseits dienen sie auch als Isolierstationen gegen das Einschleppen von Ansteckungskrankheiten und unangenehmem Ideengut.

NOTENWECHSEL
Pausenbeschäftigung des diplomatischen Corps vor dem Anstimmen einer neuen Melodie.
Vereinfacht kann der diplomatische N. auch als vertraulicher Briefwechsel bezeichnet werden, bei dem die Öffentlichkeit nur das zur Kenntnis bekommt, was und wie es Geber und Empfänger für notwendig halten.

NOTSTANDSGEBIET
Karpatenbecken seit der östlichen Erweiterung der EU.
Abergläubige Menschen könnten es als verhext betrachten, dass vergeblich die EU in Ungarn Einzug hielt, den Menschen geht es nicht besser als vor der Wende. An andrerer Stelle haben wir es als Reinkarnation des Eisernen Vorhags als Abgrund benannt, was die armen Ungarn daran hindert zu westlichem Wohlstand zu gelangen.

NOTSTANDSGESETZ
Rechtzeitige Vorsorge für den Fall, dass die Mitgliedschaft in der EU doch nicht das bringt, was sie verspricht.
Die sozial als äußerst gespannt geltende Lage in der ungarischen Bevölkerung gibt einem Ausländer, wie dem Autor dieser Zeilen, das Gefühl der permanenten Erwartung des Inkrafttretens eines N. (2007-2008)

NOTWEHR
Amerikanische Bekämpfung des Terrorismus – im Ausland.
Aus der altehrwürdigen N. als Recht zur Selbstverteidigung machten die Großmächte im 20. Jahrhundert ein Recht zur vorbeugenden N., die natürlich auch am anderen Ende der Welt geschehen kann.

NUMERUS CLAUSUS
Angst der Professoren, dass die Zahl der Studenten, die des Lehrkörpers übersteigen könnte.

Das System des N.C. zur Beschränkung der Studentenzahlen ist längst nicht mehr das, was es bei der Einführung vor hundert Jahren war: Heutzutage haben von Jahr zu Jahr wechselnde Punktezahlen die Aufgabe, nur die bestens qualifizierten Bewerber zur Uni zu lassen – nachdem die persönlichen Protegierungen (z.B. bei Kindern und Enkeln von Akademikern) erschöpft sind.

O

ÖFFENTLICHE MEINUNG
Angstgegner der Meinungsforscher, der ihren Umfrage-Ergebnissen manchen Streich spielt.
Man meint, man könnte sich manche teuere Meinungsforschung ersparen, wenn man mehr auf die Ö.M. hören würde. Unter ihr ist die Palette der Medien-Meinung ebenso zu verstehen, wie die der Stammtische, die allerdings insgesamt zu erfragen und auszuwerten viel mehr kosten würde, als eine repräsentative Meinungsumfrage. 

OKKUPATION
Besetzung eines Landes durch die Multis, nach der Belagerung durch Aushungern.
Vor der Wahl, zwischen der kriegerischen und friedlichen O. haben wir uns für die Betrachtung der letztere entschieden, denn die erste ist vorübergehend, die letzte hat Ewigkeitscharakter.

OMBUDSMANN
Parlamentarier mit den besten Nerven, damit er den Murks seiner Kollegen überzeugend verteidigen kann.
Die meisten Parlamentarier, einschließlich der Regierungs-mitglieder, glauben, dass sie mit der Wahl eines O. als Beschwerdestelle für die unzufriedenen Bürger genügend getan haben und vergessen oft, auch für die Beschwerden etwas zu tun.

OPPORTUNIST
Ein Politiker, der leichter Partei und Gesinnung aufgibt, als seine Tantiemen.
Gleich ein ganzes Dutzend sinnverwandter Erklärungen hält der Duden bei dem O. bereit. Was uns reizt, ist seine Fähigkeit, immer bei den Gewinnern und Nutznießern zu sein und selten bei jenen, die auch mal nein sagen können.

OPPOSITION
Das schlechte Gewissen, das die Regierung nicht ruhig schlafen lässt.
Nur dank der guten O. funktioniert die Demokratie. Bei der politischen Wende in Ungarn, war es wesentlich leichter, die Mitglieder der neuen Parteien auf einen (Regierungs-)Nenner zu bringen, als sie zu überzeugen, dass sie in der O. auch nützliche Politik machen können.

OPTIMIST
Mensch, der auch mit voller Hose noch lächelt.
Nichts ist irritierender, als ein heilloser O. Du kannst mit ihm Pferde stehlen, aber ihn nur schwer überzeugen, dass er als Verlierer nicht auch noch gelobt oder gar geehrt werden kann. 

 

ORDNUNGSRUF
Ermahnung eines Abgeordneten, der die Rede- und Meinungsfreiheit in einem Parlament zu wörtlich nimmt.
Ist es nicht eine wahre Wohltat, mal bei parlamentarischen Debatten einen O. des Präsidenten zu vernehmen. Doch wenn er wiederholt nötig wird, oder gar in einen Streit oder eine schlimmere Äußerung der Meinungsverschiedenheit ausartet, hört der Spaß auf.

ORGANISATIONSFREIHEIT
Bildungsmöglichkeit von Minderheitenvereinen nach Gusto der Mehrheitsnation, welche die gesetzliche Voraussetzung dazu schuf.
Man möge mir verzeihen, dass ich jede Gelegenheit wahrnehme, um auf Missstände im Verhältnis der Minderheiten Ungarns zu der Mehrheitsnation hinzuweisen. Bei diesem Stichwort muss es bis zur Verabschiedung eines Gesetzes zur wirklichen O. geschehen.

P

PAKT
Machtinstrument, das den Gegner durch Einschüchterung zum Freund machen will.
Die Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte kennt ein Dutzend solcher P., die den Beteiligten mehr schadeten, als nützten. Nur selten überlebte ein P. den Krieg, den er förderte. Und wenn er lange Bestand hatte, dann nur weil er ausschließlich dem Frieden diente.

PAMPHLET
Druckerzeugnis, das die Wahrheit über das Ethnobusiness zum Inhalt hat, doch von den Betroffenen als Schmähschrift  bezeichnet wird.
Von den unzähligen Formen, die ein P. haben kann, wurde nur das ausgewählt, mit dem sich der Autor dieser Zeilen selbst mehrmal sehr unbeliebt machte.

PANASCHIEREN
Zusammenfassung der größten Quatschköpfe aller Parteien auf einem Wahlschein. 
Das deutsche Wahlgesetz kennt das P. bei den Kommunalwahlen, wo es auch solchen Kandidaten zu Ratsposten verhilft, die als Einzelkämpfer oder Angehörige kleiner Listen nie eine Chance gehabt hätten.

PARAPHIEREN
Abschluss eines Vertrages mit Bedenkzeit, aber ohne Rücktrittsrecht.
Auf schnelles P. zwischenstaatlicher Verträge drängen hauptsächlich Parteien, die vorteilhaftere Bedingungen aushandeln konnten und fürchten müssen, dass gründliche Parlamentsdebatten diese Vorteile zerreden und – was auch schon vorkam – aufheben könnten.

PARITÄT
Der Grund, weshalb die Gesetzesverhandlungen immer so lange dauern und zum Schluss keinen befriedigen.
’Wenn Euere Partei auf diese Forderung verzichtet, dann sind wir mit dem neuen Gesetzentwurf, welche jene andere Forderung erfüllen soll, einverstanden’ – so wird eine parlamentarische P. geschaffen, und alle sind zufrieden, oder auch nicht. Die schwierigste P. ist jene, die Wählerstimmen kosten soll und daher nicht um alles in der Welt erreichbar ist..

PARLAMENT
Gesetzgebende Versammlung, die nur beim Gesetz über Spesen und Diäten einer Meinung ist.
Nichts schein logischer und notwendiger, als ein demokratisches P. Ideal wäre seine Zusammensetzung aber erst, wenn die Abgeordneten aus allen Volksschichten kämen und körperliche wie geistige Berufe gleichermaßen repräsentierten. Wie bekannt, ist das nie der Fall, weshalb die weniger vertretenen Wähler nicht so zahlreich zur Wahl gehen, wie die besser vertretenen.

PARTEI
Kurtisane, die sich nur im Wahlkampf besonders moralisch gebärdet.
Hart aber durch zahlreiche Beispiele beweisbar ist die Käuflichkeit jeder P. Wenn es um Regierungsbeteiligung, Fraktionsabstimmung, Wahlversprechungen usw. geht, haben sich ihre Anhänger schon oft geärgert und bereut, sie gewählt zu haben. 

PARTISAN
Befreier oder Verbrecher – je nachdem, wie man es mit ihm zu tun kriegt.
Leider konnte der Autor dieser Zeilen keinen P. als Befreier erleben, dafür aber viele als Verbrecher an seinem donauschwäbischen Volksstamm. Gleich nach dem II. Weltkrieg hatten diese Freischärler Titos die Aufgabe, die noch fehlende Exekutive wahrzunehmen, was sie bei der Internierung und Vertreibung der Jugoschwaben zur Zufriedenheit des Sieger-Regimes auch taten.

PARTNERGEMEINDEN
Freundschaften zwischen Arm und Reich, bei denen sich der Wert der ausgetauschten Geschenke nur darin gleicht, dass er stets mit Platzmusik überreicht wird.
Zum Glück werden die Geschenke zwischen bundesdeutschen und ungarischen P. nicht nach ihrem objektiven materiellen Wert beurteilt, sondern nach dem guten Willen der sehr verschieden wohlhabenden Partner. Es gab aber schon manches leise Murren, wenn die reiche deutsche Seite eine komplette Feuerwehrmannschaft von einer armen ungarischen Gemeinde einen Urlaub lang freihalten ließ, nur weil sie ein ausrangiertes Löschfahrzeug durch Schenkung bei ihr ehrenvoll (billig) entsorgen konnte.

PASSIVER WIDERSTAND
Verhalten der Minderheit in einer Stadt, wenn sie mit den Programmen ihrer Vertreter nicht einverstanden ist.
Mehr Wunschtraum als wirkliche Erwartung liegt in der Projektion des P. W. auf eine nationale Minderheit in Ungarn und ihre Vertreter in den städtischen Parlamenten. Wenn die Minderheiten-Wahlen abgeschlossen und die Minderheitenvertreter in den Parlamenten etabliert sind, kann noch so aktiver Widerstand auf sie keinen Einfluss nehmen.

PAUSENRADIO
Ein Sender, der seinen Namen von den langen Pausen ableitet.
Ein P. wird meistens von Schülern und Studenten betrieben zu Übungszwecken in einem Medienfach. Da die Einrichtung aber nicht von den jungen Betreibern finanziert werden kann, sind die Programme entsprechend saft- und kraftlos – also irgendwie überflüssig.

PASSIVES WAHLRECHT
Recht, von dem zu wenige Gebrauch machen, – dadurch werden die Falschen Gewählt.
Der irrtümliche Begriff des P.W. verführt zu der Vorstellung, dass ein Wähler an der Urne nicht aktiv bei der Zusammensetzung des Parlamentes mitbestimmt. Das Gegenteil ist der Fall: Nur dieses einzige Mal ist er den Parteien überlegen, ganz gleich, wie man seine Rolle bezeichnen mag.

PATENT
Möglichkeit, sich mit einer fixen Idee am Fortschritt der Welt zu beteiligen, - allzu oft auch nur im Geiste.
Leichter als der Laie denkt, kann man in den westlichen Ländern ein P. durch Registrierung schützen lassen. Was wesentlich schwieriger ist, das sind die nachträglichen Beweisführungen, dass es sich wirklich um eine wesentliche Neuerung handelt und nicht um ein Gebrauchsmuster mit Ähnlichkeit von etwas Bestehendem. Um so einer Prüfung standzuhalten, bedarf es viel Sachkenntnis und Studium vielfältiger Literatur, was meist die Zuschaltung eines teueren P.-Anwalts nötig macht..

PAZIFISMUS
Verwirklichung des Grundsatzes: lieber einmal feige, als immer tot.
Am besten kann der P. karikiert werden mit der Vorstellung, es wäre irgendwo Krieg und keiner ginge hin. In der sogen. zivilisierten Welt gelten die Pazifisten als parasitäres Anhängsel der Gesellschaft, weil ihre Argumente nicht so ‚schlagkräftig’ sind, wie die der Gegenseite. Gäbe Gott, das würde sich einmal ändern. 

PERSONA NON GRATA
 Ein Muttersprachiger im Minderheitenverein.
P.N.G. sind politisch unakzeptable Menschen. Für unsere Sichtweise auf den ungarndeutschen Alltag bedeutet das: Jeder ist im Minderheitenverein so lange akzeptabel, wie er sich der Mitglieder-Mehrheit anpasst, auch wenn es um Alibiprogramme in der Sprache der Mehrheitsnation geht.

 

PETITIONSRECHT
Beschwerdemöglichkeit des kleinen Mannes, die zur Auflockerung der eintönigen Amtstätigkeit eingeführt wurde.
Von den vielen Eingaben, die das P. ermöglicht, erreichen nur diejenigen das Ziel der in Frage kommenden Dienststelle, welche ein Väterchen im Parlament haben, mit dem sie vorher abgesprochen sind. 

PLAGIAT
Geistige oder künstlerische Leistung, die dadurch entsteht, dass man sich fremder Leute Fähigkeit bedient.
Die Prozessführung um Schadenersatz wegen eines P. ist nicht billig, lohnt sich aber in den meisten Fällen, da die Beweise immer schwarz auf weiß vorliegen.

PLEBISZIT
Die Abstimmung über ein Gesetz durch das Volk, die deshalb nicht üblich ist, weil sie die Parlamente überflüssig machen würde.
Das Mutterland des P. ist die Schweiz, in der das Wahlvolk über alle ihren Alltag tangierenden Gesetze zu entscheiden hat. Finanzgesetze gehören nicht dazu, weil sie nichts mit dem kleinen Mann zu tun haben.

PLENUM
Dösraum der Volksvertreter, wenn sie mal durch ihre Neben-tätigkeit überlastet sind.
Der Begriff Hinterbänkler eines parlamentarischen Sitzungssaales bezieht sich auf solche Abgeordnete, die sich selten bei Debatten zu Wort melden – dösen – und nur bei namentlicher Abstimmung ihre Daseinsberechtigung im P. unter Beweis stellen.

POGROM
Behandlung der Juden, die im zaristischen  Russland erfunden und in Nazi-Deutschland vervollkommnet wurde.
Die Verfolgung eines ganzen Volkes wegen seiner Religionszugehörigkeit prägte negativ das XX. Jahrhundert, wird aber auch im jetzigen Afrika fortgesetzt, nur wird sie nicht als P. bezeichnet – die Betroffenen leiden stiller.  

POLITIK
Das Reden und Handeln, dem Wähler zum Gefallen und der Partei zum Nutzen.
Der P. in allen ihren Erscheinungsformen sind viele populäre Sendungen im Fernsehen zu verdanken. Harmlos ist sie dann, wenn sich viele über sie einig sind, weniger harmlos, wenn wegen ihr gestritten wird.

POLIZEI
Einziger Beruf, in dem auch der letzte Untergebene noch Befehlsgewalt hat.
Wer nicht zählen kann bis drei, geht zur P. Zu zweit gehen die Polizisten deshalb, weil der eine lesen und der andere schreiben kann. Riesig ist die Witzkiste über diesen höchst notwendigen aber auch für Witze anfälligen Beruf, weil selten einer, wenn er eine Uniform trägt, aufhört Mensch zu sein.

POLIZEISTUNDE
Ende eines erlaubten Vergnügens und einer verbotenen Versammlung.
Das Negative an einer P. ist ihr konsequent genauer Beginn, das Positive daran ist, dass sich auch die Unterwelt danach richten muss.

POSTBETRIEB
Ein sozialisierter Betrieb mit kapitalisierten Schwierigkeiten.
Vergeblich wird ein verlustreicher P. privatisiert, er kommt selten in die Gewinnzone, weil er die vielen allzu menschlichen Aufgaben nicht nur mechanisch und rationell erledigen kann. Boshafte Zungen können behaupten, dass die verschlossenen Umschläge zu viel Interessantes enthalten, das neugierig macht.

POSTKOMMUNISMUS
Kritiklose Zeit nach der Wende, deren Ende noch nicht abzusehen ist.
Kluge Menschen meinen, dass der P. noch eine ganze Generation lang dauern wird. Es gibt also berechtigte Hoffnung auf eine echte politische Wende.

 

PRÄSIDENT
Vorsteher einer Firma, der bei den Untergebenen umso mehr Ansehen genießt, je weniger er sich in ihre Geschäfte einmischt.
Nichts ist so erstrebenswert, wie das Amt eines P., wenn er möglichst wenige Aufgaben selbst erledigt, doch genug fähige Leute hat, die sie für ihn optimal erledigen. Diese Charakterisierung kennt eine Ausnahme – die bei einem absteigenden Fussballklub.  

PRÄVENTIONSKRIEG
Die fadenscheinige Ausrede, dass mit massiven kriegerischen Mitteln  einer angeblichen Gefahr zuvorzukommen sei.
Nur eine Großmacht kann es sich leisten, einen schwächeren Gegner mit einem P. zu bedrohen. Im 20. J.H. war der vorbeugende Irakkrieg eine der teuersten Fehlentscheidungen aller Zeiten, an der die US-Wirtschaft samt ihren Beschäftigten noch lange zu büßen hat.

PRAGMATISMUS
Festhalten an einem schlechten Minderheitengesetz, um den Preis des öffentlichen Friedens.
Was zu dieser Umschreibung des P. führt, ist die konsequente Argumentation der maßgeblichen Sprecher der ungarischen Minderheiten, wenn sie die abwartende Haltung in Sachen ihrer notwendige parlamentarische Beteiligung rechtfertigen. Jedes Gesetz ist besser als ein schlechtes. 

PRÄZEDENZFALL
Vater des Gewohnheitsrechts.
Du kannst noch so geduldig aber vergeblich auf eine Einigung hinarbeiten, erst wenn du den Mut aufbringst, einen P. zu schaffen oder auch nur vorzutäuschen, hast du dein Ziel bald erreicht

PREISSTABILITÄT
Oberster Grundsatz der Post, der besagt, dass eine Briefmarke immer ihren Preis halten muss, auch wenn die Währung ständig an Wert verliert.
Die irrationale P. schafft in einem leicht den Eindruck, als ob man andauernd sein Geld mit ihr vergleichen müsste, um zu wissen, was es wert ist. Was man mit dem dauernden Nachrechnen erreicht, ist nur eine ständig wachsende Unzufriedenheit, die letztendlich zur Instabilität der Gesundheit führen kann.
PREISVERLEIHUNG
Gelegenheit zur Bekanntmachung einer Person, welche wegen seiner Leistung niemals bekannt geworden wäre
Das beste Beispiel einer überflüssigen P. ist die alljährliche Wiederholung der massenhaften Bambiverteilung an Schaffende aller Kunstgattungen, unter denen man oft staunen muss, wer für was mit dem lieblichen Reh auf der Bühne brillieren darf.

PRESSEAGENTUR
Zuchtstätte für dicke Zeitungsenten
Auch die ehrlichste und ertragreichste P. gibt keine absolute Garantie für volle Wahrheit ihrer Berichterstattung. Da nur die dicksten Zeitungsenten wahrgenommen werden, kommt es so selten zu Anzeigen und Dementis.

PRESSE
Werbeträger, bei dem die Reklameflächen geschickt durch Nachrichten aufgelockert sind.
Wer glaubt, das höchste Interesse des Herausgebers von P.-Erzeugnissen ist die Nachrichtenübermittlung, der hat noch nie hinter die Kulissen einer Redaktionskonferenz geschaut. Dort werden die geplanten Seiten einer Zeitung so besprochen, als ob sie sich selbst finanzieren und den erwarteten Tagesgewinn einspielen müssten.

PRESSEFREIHEIT
Das Grundrecht der Presse, ihre Organe einer ihnen genehmen Partei dienstbar zu machen.
Es gibt wenige parteilose Herausgeber und Chefredakteure, welche die demokratische P. so zu nutzen verstünden, dass ihre politische Einstellung nicht hie und da – oder überall – zum Vorschein käme. Und weil es bei allen so ist, kann schwer gegen einzelne Fälle vorgegangen werden – es sei denn, man kann mal erfolgreich zur Kasse bitten.

PRESSEKONFERENZ
Veranstaltung, die nur dann ein voller Erfolg wird, wenn Bier und Imbiss gereicht werden.
Die Schauveranstaltung der P. kann bei guten Nachrichten durchaus entfallen, wenn man die Reporter vergraulen will, weil man sie um ihren kostenlosen Umtrunk bringt, der ihnen seit jeher so gewiss ist, wie die unterhaltsame Zusammenkunft bei der P.

PRESTIGE
Der Grund, weshalb jemand nicht gerne zu seinen Fehlern steht.
Wie jede Wertzuweisung, ist auch das P. eine relative Angelegenheit. Daher kann vergeblich viel Energie und Geld vertan werden, um das P. zu erhöhen, am Ende gibt es immer etwas mit einem auffälligeren Prädikat.

PRESSEREFERENT
Diejenige Person, die es am besten versteht, den Zeitungsleuten harmlose Geschichtchen als Sensationen anzudrehen.
Als P. sind solche Journalisten gefragt, bei denen auch eine tote Saison noch ergiebigen Lesestoff bietet, indem nun eben über die Gründe nachgedacht werden muss, weshalb nichts passiert.

PRIVATRECHT
Ein Grundrecht, dem Nachbarn das Leben schwer zu machen.
Je mehr auf das persönliche P. gepocht wird, umso häufiger gibt es Streit, denn die Grenzen des P. sind nie genau ausgesteckt.

PROLETARIER
Die Besitzlosen der Welt, die noch nicht resigniert haben.
Die P. können als diejenigen betrachtet werden, die es in Ungarn nach der politischen Wende am schwersten hatten, ihre Vergangenheit abzustreifen und in andere soziale Identitäten zu schlüpfen - da ihnen die Mittel dazu fehlten. Beachtenswert sind auch die sogen. Lumpen-P., die es verstanden haben, ihr Schmarotzerwesen über die Wende hinwegzuretten.

PROMINENTER
Ein Abonnent auf die erste Sitzreihe bei Veranstaltungen und auf die Titelseite der Klatschpresse.
Angenehm empfindet man die Rolle, als P. aufzutreten, wenn man noch kein P. ist. Die Sonne der Öffentlichkeit ist oft so heiß, dass man leicht einen Stich bekommen kann.

PROPAGANDA
Werbemethode, bei der der Erfolg die Mittel heiligt.
Je unbekannter etwas ist, umso mehr P. hat es nötig. Doch zu viel davon kann leicht p.-süchtig machen und so das Gegenteil von dem erwirken, was man anstrebte.

PROPORZ
Die gleiche Behandlung der Minderheiten Ungarns, egal wie zahlreich ihre Mitglieder sind.
So wie das Minderheiten-Gesetz den P. in der Praxis schützt, so unlogisch kann man auch die Handhabung anderer Bestimmungen bewerten, welche in den Minderheiten keine eigenständigen Kulturträger sehen, sondern pauschale Kandidaten zur Assimilierung. 

PROTEKTIONISMUS
Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Ämtern und Pfründen.
Ganz ohne P. geht es weder bei den staatlichen noch privaten Ämtern, weil nicht alle Untergebenen gleich gut gebaut, gleich freundlich und schließlich auch nicht gleich fleißig sind.

PROTOKOLL
Einziger Sinn und Zweck mancher wichtigen Zusammenkunft.
Was wäre manche Sitzung ohne abschließendes und von allen Teilnehmern unterzeichnetes P.? Sicher eine nachträgliche Quelle vielen Ärgers, der aus manchen ungenauen, verdrehten oder lückenhaften Erinnerungen, Aufzeichnungen Einzelner leicht entstehen würde.

PUBLIC RELATION
Art der privaten Eigenreklame, die aus steuerfreien Mitteln von der Allgemeinheit mitfinanziert wird.
Jeder Mensch, der im öffentlichen Interesse steht, braucht eine wirksame P.R. gleich Eigenreklame. Viele Politiker verstehen es, die Reklame für sich mit öffentlichen Interessen oder Pflichten zu verbinden, so dass am Eigennutz niemand was aussetzen kann.

PUBLIZIST
Freiester aller geistig Schaffenden, der sogar frei ist von geregeltem Einkommen und Alterssicherung.
Entweder ist die Berufsbezeichnung P. ungenau, über- oder untertrieben, selten umschreibt sie ein genaue Beschäftigung. So kann unter P. sowohl der arme Schriftsteller, wie der einkommensstarke Moderator verstanden werden.

PUTSCH
Regierungsablösung im Namen des Volkes, aber ohne seine Beteiligung.
Als Fernsehzuschauer hat man bei der Vermeldung eines P. das tröstende Gefühl, dass irgendwo etwas erreicht wurde, das anderswo viele finanzielle Mittel und menschliche Opfer kostete.

Q

QUAKSALBEREI
Missbrauch der parlamentarischen Mehrheit für politische Versuchsreformen.
Jeder hat das dreifache Referendum in Ungarn 2007 in Sachen Praxisgebühren, Hochschulfinanzierung und Privatisierung der Krankenkassen erlebt, das als großer Erfolg der Opposition und bester Beweis für eine gesetzliche Q. dienen kann. Dem normalen Wähler sind solche Gesetzesvorlagen nur schwer begreiflich, die sich gegen die Mehrheit des Volkes richten.

QUADRATUR DES KREISES
Umwandlung der Parteipolitik in uneigennützige Volkspolitik.
Leider wird die Demokratie von vielen Politikern dahingehend interpretiert und genutzt, dass sie ihre Versprechungen vor der Wahl nicht so genau umsetzen müssen, wie im totalitären System. Und wenn oft auch der gute Wille da wäre, es stünde die unmögliche Q.D.K. hinderlich im Wege.

QUALIFIZIERTE MEHRHEIT
Grund genug, bei der nächsten Wahl daheim zu bleiben.
Als Q.M. eines Parlamentes wird das Paradoxon bezeichnet, das nicht durch die absolute Mehrheit erreicht wird aber auch keine sachliche Einigung der Fraktionen nötig hat.  

QUARANTÄNE
Probezeit für politische und soziale Flüchtlinge.
Wenn politische Flüchtlinge oder soziale Asylanten, nach der Ergreifung bei der illegalen Einreise, in Sammellager gebracht werden, da geschieht das oft auch wegen der gesundheitlichen Q. Die gründliche Entlausung gehört dort ebenso zur ersten Behandlung, wie die Gehirnwäsche.

QUATSCHKOPF
In groß, mittel und klein unterteilt, kommt seine Fähigkeit bei der Erläuterung der Minderheitengesetze mehr oder weniger überzeugend zur Geltung.
Das Stichwort Q. wird hier kolportiert mit Blick auf viel zu viel unnützes Argumentieren und Verteidigen von etwas dermaßen Mangelhaftem, dass es durch keine vervollständigte Paragrafen und keine ergänzende parlamentarische Vertretung verbessert werden kann. 

QUERULANT
Kritikaster der Minderheitengesetze.
Wie vor wird der Q. argumentativ dazu benutzt, jemanden  ausbaden zu lassen, was anderen vermurkst haben. Der Q. bekommt eine Art geistiger Prügel dafür, dass er sich getraut die Wahrheit beim Namen zu nennen. 

QUITTUNG
Mit zwei Unterschriften versehen, ist sie bei den Miderheiten-Vertretern und beim Rechnungshof gleichermaßen beliebt.
Um die immense Vielfalt der falschen Q., die dem Gesetz aber nicht der Aufgabe gerecht werden, anzudeuten, sei nur die praktikabelste erwähnt, die mit den zwei Unterschriften - des Antragstellers und des gegenzeichnenden Vorsitzenden. 

R
 
RAHMENGESETZ
Ausweichmöglichkeit der Regierung vor klaren Entscheidungen.
Das R. ist der erste Schritt auf dem Weg eines gesetzgebenden Prozesses, der relativ leicht zu bewerkstelligen ist. Da es meist ein Provisorium darstellt, kann es zwar niemanden befriedigen, doch alle können mit ihm leben.

RATIFIKATION
Parlamentarische Nachwehe bei der Geburt zwischen-staatlicher Verträge.
Ganz gleich wie schwierig Vertragsverhandlungen zwischen zwei oder mehr Staaten sind, sie enden meist vor den Parlamenten der Verhandlungspartner und werden durch R. nachträglich bei Abstimmungen gut geheißen. Wenn das nicht der Fall ist, und nur ein Parlament – wie z.B. das irische bei den EU-Verträgen 2007 – die R. verweigert, dann können die Verhandlungen von vorne beginnen.

RATIONALISIERUNG
Weg in ein genormtes Dasein, bei dem nicht mehr der Mensch das Maß aller Dinge ist.
Die Grenzen der R. hinsichtlich einer Verbesserung werden dort erreicht, wo nur auf den materiellen Nutzen und nicht auf das humanitäre Bedürfnis gesehen wird.

RAZZIA
Massenansturm auf ein Freudenhaus zu Schulungszwecken des Polizeinachwuchses.
In Krimifilmen hat die R. einen hohen Unterhaltungswert, weil eine Konfrontation zwischen Gesetzeshütern und Verbrechern meist wie am Schnürchen klappt. In Wirklichkeit ist sie ein höchst riskantes Unternehmen, ganz gleich ob es um Rauschgift oder um Mädchenhandel geht.  

 REALISMUS
Angebliche Umsetzung der Minderheitengesetze, deren Nachweis nur schwer zu führen ist.
Beschränkt auf die uns über alles interessierenden ungarischen Minderheiten, gehört es zum R. des Alltags, dass die Politiker verharmlosen und die Wähler scharf kritisieren, wie schleppend sich das Parlament mit den Minderheitenrechten beschäftigt.

RECHERCHE
Wühlen in fremdem Mist.
Ein Bereich hat in Ungarn noch keine ausreichende Wende erlebt: die Möglichkeit zur R. des Privatdetektivs. Während es in Westeuropa kaum etwas gibt, das ein guter Schnüffler nicht ermitteln kann, ist es hier nicht einmal gegen gute Bestechung möglich, z.B. die Hintergründe der Schatten- und Vetternwirtschaft restlos aufzuklären. 

RECHNUNGSHOF
Absegnungsstelle für Alibi-Abrechnungen geschickter Minderheitenvertreter.
Wie kaum anderswo, hat der R. in Ungarn viel zu kritisieren, doch auch kaum eine Handhabe, jemanden für ein Ausgabe-Vergehen zu maßregeln, es sei denn durch eine Medienschelte, die bei Delinquenten zu innerer Einkehr und Besserung führt. 

RECHTSFÄHIGKEIT
Einzige Fähigkeit, die keine amtliche Bestätigung erfordert.
Die meisten Menschen erreichen mit dem 14. Lebensjahr beschränkt und mit dem 21. voll die R., bzw. für ihr Tun und Lassen vor dem Gesetz verantwortlich und straffähig zu sein. Erstaunlich, wie gut minderjährige Straffällige über die gesetzliche R. bescheid wissen.

RECHTSMITTEL
Mittel, um eine Gerichtshandlung zur Lebensaufgabe zu machen.
Es sind Prozess-Fälle bekannt, die durch geschickte Handhabe aller R. durch die gegnerischen Anwälte über den Tod der Kontrahenten hinaus andauerten, andererseits sind solche an der Tagesordnung, die viel mehr Kosten verursachen, als der Streitwert ausmacht.

RECHTSSTAATLICHKEIT
Idealverhalten des Gesetzgebers aus Angst vor dem Verfassungsgericht, das auf Dauer unmöglich durchzuhalten ist.
Nichts klingt dem Staatsbürger so schön, wie die oft zitierte R. Es gibt aber leider bei der Verwirklichung im Alltag unvermeidbare Abweichungen, die mit der Zeit diesen schönen Begriff ziemlich unschön strapazieren.

REFERENT
Zielscheibe für faule Eier, wenn jene, denen sie zu gelten haben, nicht erreichbar sind.
Nicht zufällig hat jeder hochrangige Politiker einen fähigen R., der manchmal bei der Abfassung der Reden behilflich ist, doch immer für schlechte Referate gerade zu stehen hat. 

REFORM
Dauerzustand eines schwebenden Verfahrens, mit dem es meist weder vor noch zurückgeht.
Wenn es diese gekürzte Form der Änderung von etwas Bestehendem nicht gäbe, müsste sie erfunden werden. Die R. bietet Hoffnung und Möglichkeit auch dem unfähigsten Politiker, wenn er es gut versteht, sie gezielt und zeitgenau ins Gespräch zu bringen.

REDAKTEUR
Sklave der öffentlichen Meinung.
Unter einem R. verstand man vor dem PC einen klassischen Zeitungsmacher, der für das gesamte Produkt verantwortlich war. Diese Verantwortung hat sich bis heute erhalten, obwohl er nur noch für die Auswahl des Textes zuständig ist.

REGIERUNGSKRISE
Politische Krankheit, der gegenüber die klassische Medizin machtlos ist.
Dass sich auch mit einer R. leben lässt, bewies die ungarische Regierung 2008, als sie gegen eine parlamentarische Mehrheit ganz gut über die Runden kam.

REGIERUNGSPARTEI
Bedürftige Großfamilie, die in der nahen Verwandtschaft einen freigiebigen reichen Onkel hat.
Wie wichtig eine starke R. als Regierungsstütze ist, zeigt sich am besten in einer Regierungskrise, wenn sie groß genug ist, kann sie auch ohne Partner die Regierungsarbeit schultern.

REINKARNATION
Wandlung des ehemaligen Eisernen Vorhangs in einen Abgrund, der den armen Ungarn wie eh und je den Weg zu westlichem Wohlstand abschneidet.
Als die 89er Wende die Westgrenze Ungarns durchlässiger machte, freute man sich im Karpatenbecken auf die Aussicht des baldigen kapitalistischen Wohlstands für alle. Das war ein schmerzlicher Irrtum, denn das Kapital zirkuliert heute hauptsächlich im oberen Drittel der Gesellschaft, die unteren zwei Drittel haben, dank der R., von der Wende keinen Nutzen.   

RELIGIONSFREIHEIT
Gesetzliches Recht, das Wort Gottes zu verkünden, aber nicht in der Schule und überall dort, wo das Freiheitsrecht der Atheisten geschmälert werden könnte.
So lange die parlamentarische Mehrheit aus Atheisten und Nichtchristen besteht, wird es in Ungarn keine echte R. in Ausübung, Anerkennung und Unterstützung geben.

RENTE
Erstrebenswerteste Einkommensart, die zu erreichen eine hohe Investition an Gesundheit und Lebensjahren erfordert.
Die mittelmäßige deutsche R. ermöglicht dem Autor dieser Zeilen eine freiere Lebensweise, als sie die meisten Ungarn haben, doch sie ist keineswegs beeindruckender, als die der altgedienten Spitzel-kader der heute verbotenen Partei.

REPORTAGE
Endprodukt aus dem Zusammenspiel dreier Faktoren: Ereignis – Reporter – Zuhörer, wobei das Erste meistens das Unwesentlichste ist.
Eine gute R. kann aus einem unbedeutenden Ereignis eine spannende Geschichte machen, umgekehrt gilt dasselbe. Kritisch wird sie dann, wo die Routine die Wahrheit zu ersetzen beginnt.

REPRÄSENTANT
Unterste Rangstufe im Vertreterwesen mit einem annehmbaren Gehalt – in Aussicht.
Mit der hochklingenden Bezeichnung R. können nur solche Mitarbeiter angeworben werden, die vom Vertreterwesen nicht viel verstehen. In diesem Beruf kommt es nicht darauf an, was, sondern eher wen man repräsentiert.

REPRESSALIE
Primitives Überbleibsel aus dem mittelalterlichen Faustrecht.
Die klassische R. ist eine Mischung aus Nötigung und Erpressung und hat heutzutage immer noch in gewissen Geschäftszweigen Hochkonjunktur.

RESOLUTION
Ernteüberschuss einer fruchtbaren politischen Aussprache.
Normale Menschen treffen Vereinbarungen, die mit Handschlag oder mit schriftlichem Vertrag enden. Politiker vereinbaren druckfertige Texte und nennen sie R., die in der nächsten Stufe vom Parlament gutgeheißen oder verworfen wird.

RESSOURCEN
Grund für die Freundschaftsbeteuerung eines entwickelten Landes gegenüber einem unterentwickelten.
Wenn die Zusammenarbeit im Interesse der R.-Nutzung nicht zur Angleichung der Lebensstandarte der ungleichen Partner führt, nennt man sie Ausbeutung. Diese ist am besten in solchen afrikanischen Ländern zu beobachten, die mit westlichen Konzernen Zweckfreundschaften geschlossen haben.  

REVITALISIERUNG
Verabreichung der wieder gewonnenen Freiheit in kleiner Dosierung.
Ein wichtiger und lohnender Bereich der Sozialarbeit ist die R., wobei einem schematischen Aufgabenmuster ein jeweils individuelles Arbeitsmodell angepasst werden muss. Wo das gut gelingt, da ist auch ein Erfolg garantiert. Wenn nicht, heißt es amtlich-lapidar, dass die R. wieder mal misslungen ist.

RESENTIMENT
Vorurteil gegen Menschen mit Knoblauchgeruch.
Das R. ist uns allen angeboren und lässt uns vor allem Fremden vorsichtig Abstand halten. Eine bewährte Prüfungs-Distanz ist die der Bayerischen Stammtische, wo ein Fremder am ersten Abend einem freundlichen Fragespiel ausgesetzt und am nächsten nicht mehr gekannt wird.

RESSORTCHEF
Gewinner des Vorzimmerradfahrens im Zieleinlauf.
In der dreißigjährigen konstruktiven Selbständigkeit hat der Autor dieser Zeilen nie den Wunsch verspürt R. oder Gruppenleiter zu werden, denn für diese Position, in der man von oben getreten und von unten misstrauisch beäugt wird, muss man geschaffen sein.

REVOLUTIONÄR
Mensch ohne Zukunft, denn siegt die R., wird er überflüssig, unterliegt sie, ist er erledigt.
Alle Achtung vor dem R. aus ehrlicher Überzeugung, sei es in umstürzlerischer Rolle oder nur in der aufmüpfigen des Alltagstrotts.

REZESSION
Zeit der Besinnung auf das Familienleben.
Im neuen Jahrhundert ist die R. auch nicht mehr was sie früher war -  eine scheinbar naturbedingte Katastrophe. Die im Jahr 2008 beginnende konnte vor lauter Gegenmaßnahmen in der Wirtschaft keinen rechten Boden gewinnen, machte aber insgesamt den Menschen nicht weniger Sorgen, als die früheren Krisen.

RHETORISCHE FRAGE
Auf sie weis selbst der Klügste keine rechte Antwort.
Nichts ist schlimmer, als eine kluge R. F. Die sie stellen, sind nicht immer gescheit, aber immer sogen. Klugscheißer.

S
  
SABOTAGE
Nichterscheinen von Abgeordneten zur namentlichen Abstimmung.
Vo den zahllosen Möglichkeiten der S. haben wir das Augenmerk auf ein folgenschweres im parlamentarischen Alltag. Das absichtliche Fernbleiben der Abgeordneten bei wichtigen Abstimmungen signalisiert der gegnerischen Partei eine schwache Stelle, die zukünftig politisch einkalkulierbar ist. 

SANKTION
Maßnahme des Starken zur Wiederherstellung einer gestörten Freundschaft mit dem Schwachen.
Was hier zählt, ist die S. zwischen zwei ungleichen Partnern, mit deren Androhung allein schon das Ziel erreichbar ist, z. B. im Falle einer russischen Erdgasleitung durch die Ukraine, die regelmäßig nur nach einer ernsthaften  Drohnug der Russen reine Rechnungen schafft.

SATELIT
Mensch ohne Eigenleben.
Als S. im zwischenmenschlichen Bereich ist hier eine ledigen Person gemeint in einer Partnerschaft zu einem Ehepaar. Ganz gleich wie die Außenwelt sie wahrnimmt, in sich kann sie eine an Himmelskörper erinnernde Dauerhaftigkeit haben. 

SCHIEDSSPRUCH
Eine Entscheidung, die niemand befriedigt, und die alle erleichtert zur Kenntnis nehmen.
Wie leicht scheinen Lösungen von Streitigkeiten, wenn sie einem klugen Sch. zu verdanken sind und wie unlösbar, bis man sich über einen beiderseits akzeptablen Schiedsrichter geeinigt hat.

SCHLAGZEILE
Grund zum Kauf auch solcher Zeitungen, die man überhaupt nicht liest.
Beim Lesen von Zeitungen macht; wie sonst so oft; die Übung den Meister. Wie oft hatte der Autor dieser Zeilen schon seine Brille vergessen und konnte dennoch anhand der Schl. so manches dicke Tagesmedium von vorne bis hinten durchlesen. 

SCHLICHTUNG
Beliebte Maßnahme, um einem Streit ein Ende zu verschaffen, bei dem es weder Sieger noch Verlierer gibt.
Hauptsächlich die gewerkschaftliche Sch. ist hierbei interessant, weil sie allein beiden Seiten hilft nachzugeben, ohne das Gesicht zu verlieren.

SCHLÜSSELINDUSTREI
Sie erzeugt alles, nur keine Schlüssel.
Unter Sch. versteht man hier die Großbetriebe der Börse, welche nicht unbedingt die besten Steuerzahler sind und dennoch von ihren Regierungen mit Samthandschuhen angefasst werden, weil sie die meisten Menschen beschäftigen.

SCHNELLVERFAHREN
Gerichtsverfahren, bei dem keine Rechtsanwälte dreinreden.
Was in Diktaturen perfekt funktioniert und viele Kritiker hat, nämlich ein Urteil auch ohne Einhaltung von Rechtsvorschriften und ohne Beteiligung der Öffentlichkeit abzuwickeln, das wird in der Demokratie als Sch. hauptsächlich bei Verkehrsvergehen und bei Verleumdung praktiziert, ohne dass jemanden dagegen aufmupft.  

SCHULE
Experimentierfeld mit lebenden Objekten zur optimalen Wissensrationalisierung.
Es ist sehr zweifelhaft, dass wir es jemals erleben werden, wie Politiker unter Sch. einfach die Grundeinrichtung verstehen, die den Jugendlichen das Wissen beibringt, mit dem sie ihr Leben optimal meistern können. Wieviel Geld könnte allein bei der rechtzeitigen Erkennung verfehlter Mengenlehren eingespart werden.

SCHULPFLICHT
Alltagstortour, die dem Schüler den letzten Rest an Lernlust nimmt.
Hierbei dient uns als gutes Beispiel einer Sch., die sehr locker gehandhabte Steinersche Ausbildung, wo es keine Klassen, Noten und Zeugnisse in herkömmlichem Sinne gibt, aber Ergebnisse am Ende der Ausbildung, die den Eintritt ins Leben und die Arbeitswelt erleichtern.

SCHULVEREIN
Der einzige Verein, in den man nicht freiwillig eintritt.
Ein mehrere Schulen derselben Bildungsart umfassender Sch. tritt  meist zum Zweck der leichteren Koordinierung der Lernprogramme und Finanzförderung positiv in Erscheinung. Seine negative Seite ist die Vereinheitlichung bzw. Minimierung der autonomen Ausbildung.

SCHWABENBALL
Optimale Einnahmequelle für nationale Schmarotzer.
Zeige mir, wer den Sch. organisiert und ich sage Dir wie echt sein schwäbischer Ablauf sein wird.

 

SELBSTBESTIMMUNGSRECHT
Theoretisches Recht, dessen strikte Anwendung auf der Welt vieles verändern würde.
Das große Gefälle hinsichtlich des Lebensniveaus in Teilen der Welt, Großstädten, Regionen und Kontinenten zwischen Arm und Reich, könnte wesentlich gemildert werden, wenn es eine allgemeine S. aller Völker gäbe. Auch wenn es unmöglich scheint, sie schnell zu verwirklichen, man sollte sie zumindest als Zukunftsziel ins Auge fassen.

SELBSTVERWALTUNG
Handhabe, die es auch der kleinsten Minderheit ermöglicht, selbst sein Tempo zu bestimmen, und die Ursache, weshalb sie nicht vom Fleck kommt.
Mit dem gesetzlichen Paragraphen-Raster gesehen wirkt die S. der nationalen Minderheiten Ungarns aus ausländischer Sicht recht akzeptabel. Aus der Nähe betrachtet oder gar am eigenen Leibe verspürt liegt vieles im Argen, deren Ursache von mangelnder Qualifikation bis strafbarer Arglist der S.-Miglieder reicht.

SICHERHEITSRAT
Einrichtung der UNO, die ein schnelles Eingreifen bei Krisenfällen – verhindert.
Manchmal scheint es, als wäre der S. dazu geschaffen, damit die Großmächte als seine Mitglieder ein Forum haben, sich gegenseitig mit Vetos auszutoben. Wer sich die Zeit nehmen würde, die abertausenden Veto-Einwände politisch auszuwerten, bekäme sicher als Ergebnis ein ost-westliches Gleichgewicht.

SICHERUNGSVERWAHRUNG
Alternative zur Entmannung bei Wiederholungs-Sexualverbrechern.
Dem Delinquenten kann es gleichgültig sein, ob er rechtens zu Dauergefängnis oder/und S. verurteilt ist. Lediglich den Opfern, ihren Hinterbliebenen und den Prozessbeobachtern ist es beruhigender, zu wissen, dass ein brutaler Täter eine doppelte Strafe bekam.

SITZUNGSPERIODE
Erholungszeit für Abgeordnete, die im Bedarfsfall durch bezahlte Schlafkuren ergänzt wird.
Die S. klingt für Aussenstehende wie ein angenehmer Sonder- oder Ausnahmezustand mancher Abgeordneten, die weniger als Wortmelder und Teilhaber an Debatten, doch mehr als tüchtige private Geschäftsleute bekannt sind.

SOLIDARITÄT
Wenn einer vom Fenster wohlwollend den Demonstranten zuwinkt, die auch für seine Sache demonstrieren.
Bei der S. kommt es sehr auf deren materielle Qualität an. Denn welch ein Unterschied liegt z.B. zwischen einer bloßen S. gegenüber streikenden Gewerkschaftlern und der eigenen Teilnahme am Streik. 

SOUVERENITÄT
Eigenständigkeit eines kleinen Staates bei der Entscheidung, von welcher ausländischen Macht er am liebsten beschützt sein möchte.
Aus streng nationalistischer Sicht betrachtet, war Ungarn nur im Mittelalter unter Mathias Korvinus ein souverener Staat. Die gleiche Bewertung trifft auch auf Österreich, die Slowakei und andere Kleinstaaten zu, die in der Vergangenheit groß waren oder noch nicht existierten.  

SOZIALGESETZ
Gesetz, das den sozialen Wohlstand aller Menschen sichert, mit Ausnahme der Armen, Alten und Kranken.
In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kann unmöglich ein gerechtes S. verwirklicht werden, denn würde es möglich, dann wären wesentliche Bereiche der Grundordnung auf Kosten des allmächtigen Kapitals sozialisiert, was ihm die Allmacht streitig machen würde.

SOZIALISIERUNG
Umwandlung von Privateigentum in Eigentum für alle, um dem Einzelnen die Lasten der Instandhaltung abzunehmen; gemeinsam ruiniert es sich leichter.
Vom Zauber der S. wurden schon viele Arme geblendet. Sobald sie durch Wahlen oder politischen Umsturz erlangt wurde, merkten die Befürworter, dass alles Erstrebte nur einmal durch S. verteilt werden konnte und an dem Grundbedürfnis des vorrangigen Erwirtschaftens nichts änderte. Beispiele gab und gibt es seit hundert Jahren so viele, wie es Staaten auf der Welt gibt.

SOZIALISMUS
Gerechte Verteilung des Kapitals – der anderen.
Der S. gehört zu den ältesten politischen Bewegungen der modernen Zeit. Doch trotz der gründlichen und lehrreichen Erfahrung im Umgang mit dem Kapital, hat er es nicht verstanden, es sich und seiner starken Anhängerschaft so dienstbar zu machen, wie es die jüngeren Parteien fertig bringen, die ihm weltanschaulich auch nicht näher stehen. 

SOZIALLASTEN
Parasitenplage in der Lohntüte, bei der auch keine bargeldlose Lohnzahlung hilft.
Alles was außer der Steuer vom Bruttolohn abgezogen wird, kann unter die S. gerechnet werden. Da hilft kein Murren und kein nachträglicher steuerlicher Jahresausgleich, die S. sind ein unbeliebter Beitrag jedes Einkommensteuerzahlers für diejenigen, die kein versteuerbares Einkommen haben aber auch die Sozialversorgung in Anspruch nehmen müssen. 

SOZIALPARTNER
Dauergegner, die sich alles andere als sozial behandeln.
Als S. gelten Arbeitnehmer, Arbeitgeber als Zahlmeister und die Gewerkschaften, deren Rolle in dem Trio von Außenstehenden nicht unbedingt gutgeheißen wird.  

SPEKULATION
Zulässige Bereicherung auf Kosten der Dummheit anderer.
In unserem kapitalistischen System funktioniert die erfolgreiche S. nur auf Kosten des jenes Teils der Gesellschaft, der sich an ihr nicht beteiligt.

SPRACHINSEL
Rechtfertigung für Sprachunterricht mit Sparflamme.
Sobald von S. die Rede ist, kann angenommen werden, dass jemand mit der Förderung der Sprache Aussergewöhnliches vorhat. Dabei wird bei zu wenig Aufklärung die Rolle des reicheren Onkels geschaffen und von den Geförderten leicht missverstanden oder gar abgelehnt.

SPIONAGE
Ausweitung der diplomatischen Beziehungen auf jene Bereiche, die bei offiziellen Verbindungen zu kurz kommen.
Immer wenn es um fremde S. Geht, wird sie verurteilt, über die eigene wird geschwiegen oder nur schön gesprochen. Ähnlich verhält es sich mit den Aufgaben und Ergebnissen. Aber eines ist einheitlich: Die Dauerhaftigkeit ihrer international anerkennten Notwendigkeit.

SPRACHDIPLOM
Entlassungsschein, der sowohl den Prüfer wie geprüften aufatmen lässt, doch die Sprachfähigkeit nicht unbedingt widerspiegelt.
Der beste Beweis für viele überflüssige S. von Hochschulen und Unis können wir dem letztendlich erfolglosen osteuropäischen Bildungssystem bis zu Wende entlehnen, als man die Erlangung von S. förderte, um deren Besitzern anschließend mit Reiseverboten ihre Auslandsbenutzung zu verweigern. Diese Praxis war so gut eingespielt, dass sie bis in die heutigen Tage ihre Schatten wirft.

SP. MIT NATIONALITÄTENZUSATZ
Wie vor, doch bleibt die Auswirkung auf eine Minderheit beschränkt. 
Was eher Chancen hat, den Besitzern die Überflüssigkeit ihres Hochschulstudiums klein zu halten, ist ein S. m. N., da es auf das Heimatland zugeschnitten und mit großer Aussicht auf eine Anstellung im Minderheitenbereich ausgestattet ist.

STAAT
Die wertvollste Erfindung der Menschheit, deren Erhaltung immense Mittel – und Menschenleben –  kostet.
Die Weltkugel ist aus der Satelitenperspektive ein kleiner Flickenteppich von 300 klitzekleinen S. Sie vervielfältigen den Eingangs beschriebenen Aufwand dreihundertfach. Sogar die EU ist stolz auf die fast unbezahlbare Eigenständigkeit ihrer Mitglieder.

 

 

STAATENLOSER
Pionier des Weltbürgertums.
Das gegebene System der alles überragenden Wichtigkeit der Eigenstaatlichkeit macht jeden Ausstieg aus ihr zum Fiasko und die waghalsigen Aussteiger-Pioniere zu jämmerlichem sozialem Strandgut.

STAATLICHER ENTWICKLUNGSDIENST
Beste Möglichkeit, auf Staatskosten die Welt kennen zu lernen
Als Mensch unter sicherem Lohn und Brot rümpft man leicht die Nase über den S. E. mit allerlei gefährlichen Einsätzen. Doch hat nicht schon jeder Auslandsurlauber daran gedacht, wie schön es wäre, mal beruflich für einige Monate oder gar Jahre ins Ausland zu gehen? Dass so eine Zeit eher schön als gefährlich ist, beweisen Zahlenvergleiche der Dauerdienenden im S. E. mit den Rückkehrern in die Vorberufe.

STAATSANLEIHE
Eine bewährte Möglichkeit, dem Bürger durch falsche Versprechungen die Spargroschen abzulocken.
Meist wird eine angeblich sichere S. in unsicheren Zeiten aufgelegt, doch man vergisst dabei zu erwähnen, dass an der ganzen verkorksten Wirtschaftslage der Sicherheit versprechende Staat mitschuldig ist.

STAATSGEWALT
Knute über dem Einzelnen zu seinem eigenen Wohle.
 Bei der Gewaltenteilung in Staat und Gerichtsbarkeit steht dem ersteren etwas mehr Bestimmungsrecht, also S. zu, weil er auch die Gerichtsbarkeit absetzen und neu wählen kann – Umgekehrtes gibt es nicht.

STAATSBANKROTT
Unfähigkeit der Politiker, solche Gesetzen zu machen, welche die Unfähigkeit abschafft.
Wenn es in einem Staat drunter und drüber geht und keiner weiß wo vorne und hinten ist, dann ist man von einem S. nicht mehr weit entfernt. Im XX. Jahrhundert gab es akute Anzeichen für den Zusammenbruch, bevor Hitler als ‚Retter’ die Macht ergriff.

STAATSGRENZE
Einrichtung zur Erhaltung – des Schmuggelgewerbes.
Vor der EU-Freizügigkeit hatte jede S. eine immense Bedeutung zur Überwachung der Währungen und Preise. Jetzt sind die meisten Grenzen und Währungen in Europa abgeschafft, und die Preise klettern grenzenlos nach oben. 

STAATSHAUSHALT
Meisterleistung der führenden Parlamentsfriseure.
Man muss mehr als Finanzfachmann sein, um diese Materie zu beherrschen. Nichts ist so undurchsichtig und unverständlich wie die Gestaltung, Kritisierung und Verteidigung des S. durch die Regierung und das Parlament. Und kaum ist er geklährt, kommt ein ebenso undurchsichtiger Nachtragshaushalt.

STAATSKAPITALISMUS
Beweis, dass kein Staat ohne den schnöden Kapitalismus funktionieren kann.
Der S. ist die Potenz der Ausbeutung des werktätigen Menschen durch eine nicht vom Volk sondern von einer Partei gewählte Regierung. Paradoxerweise kommt der S. Meist in solchen Ländern vor, die ideologisch dem Kapitalismus den Kampf angesagt haben.

STAATSSTREICH
Korrektur einer Regierungsform, ohne Beteiligung des Volkes.
Man kann den S. auch als Notbremse gegen eine unfähige Regierung bezeichnen, denn ganz gleich wer dahinter steht, es werden politische Richtungen neu bestimmt – wenn der S. nicht dazu dient, in einem korrupten Regime nur die leitenden Figuren auszutauschen.

STANDRECHT
Gesetzesmissbrauch mit Todesfolge.
In Kriegen, politischen Unruhen und Revolutionen dient das S. als wirkungsvollste Waffe zur Bekämpfung des Gegners. Und wie bei jedem kurzen Prozess werden auch beim S. die meisten unreparablen Fehler gemacht.

 

STATISTIK
Sammeltick auf altes Zahlenmaterial.
Am meisten wird die S. von rechthaberischen Menschen zitiert, wenn sie ihre Rechthaberei todsicher beweisen wollen. Dabei vergessen sie leicht, dass die S. immer nur als relativ wahr gelten kann, weil sie zweckbedingt entstand. 

STATUS
Fessel aus Rechten und Pflichten, denen sich der Mensch gerne unterwirft.
Der volkstümliche S. gibt sich meist als Symbol einer Besonderheit, mit der man auffallen will. Je nachdem, ob sein Träger bluffen will oder ob er echt ist, kann auch ein S. falsch oder echt sein.

STATUT
Das, was die Eigenbrötler von den Vereinen fernhält.
Das wichtigste Gerüst bei einem Zusammenschluss zwecks gemeinsamem Freizeitvergnügen ist der S. Was den meisten Mitgliedern als Bindemittel zur Anpassung dient, kann bei anderen als abschreckendes rotes Tuch gelten  Beispiel: Der Autor dieser Zeilen konnte eine Probezeit bei einem Schachverein nicht verlängern, weil bei den Spielen Stechuhren Pflicht waren.

STEUER
Maßstab für gesellschaftlichen Rang, der bei den Schwarzarbeitern nicht zählt.
Das Verführerische an Hinterziehung der S. ist das Gefühl der Bereicherung auf Kosten einer Stelle, die an Geldmangel nicht leidet. Wer hat schon immer und ehrlich die Steuererklärung ausgefüllt, auch wenn dafür am Schluss noch so drohend eine hohe Strafe in Aussicht gestellt wird.

STEUERHOHEIT
Gesetzliche Voraussetzung, die das Finanzamt zum konkurrenzlosen Unternehmen macht.
Die S. ist auch in der EG ein sehr einträgliches Privileg der einzelnen Mitgliedsstaaten, z.B. im Kraftfahrzeug- und Versicherungsbereich, um nur zwei der vielen zu erwähnen, die leicht – zum Wohle des Kunden – internationalisiert werden könnten.

 

STICHWAHL
Kostenlose Zugabe eines unterhaltsamen Wahlkampfes.
Der beste Gradmesser für die Beliebtheit von Wahlkämpfen ist die Einschaltquote der Fernseezuschauer an Wahlabenden. Und noch um einiges beliebter ist eine S. zwischen zwei hohen Politikern.

STIFTUNG
Öffentliche gewissensberuhigende Krippe zum Nutzen herabgekommener Personengruppen.
Derjenige Großkapitalist, der z.B. wegen Waffenproduktion und –vertrieb in unruhige Weltteile Gewissensbisse hat, ruft eine gemeinnützige S. ins Leben, in die er etwas vom schmutzigen Gewinn unterbringen kann. 

STIPENDIUM
Staatlicher Geldverleih an bedürftigen Nachwuchs, bei dem die Zinsen als moralische Verpflichtung anfallen.
Ein sicherer Erfahrungswert zur sozialen Einstufung der Studentenschaft ist ein rückzahlbares S. Das Glück, eine kostenlose monatliche Geldspritze von Onkel Staat zu bekommen, ist nicht so häufig, wie man es bräuchte.

STRAFANTRAG
Einfachste Möglichkeit, eine angestaute Rachsucht zu befriedigen.
Bei Streitigkeiten, die eine dringende Klage nötig machen, ist der Gerichtsantrag auf Strafbefehl zu empfehlen, der, bei Widerspruch zum S. eines Prozesstermins führt und bei Nichtbeachtung durch den Adressaten automatisch den Gerichtsvollzieher zur Folge hat.

STRAFBEFEHL
Kurzer Prozess, bei dem der interessante Schluss vorweggenommen wird.
Dieser erste Schritt, zwei Streithähne so schnell wie möglich zu einer friedlichen Einigung oder vor den Kadi zu bringen, ist der beim Gericht zu beantragende und dem Gegner zuzuschickende S., gegen den man

 

STRAFGESETZBUCH
Ganovenbibel, in der die Unterwelt eine große Rolle spielt.
Um hundertprozentig sicher zu sein, dass man nicht gegen das bürgerliche S. verstößt, sollte man es ein Leben lang fleißig studieren oder aber stets in der Tasche bei sich mitführen.

STRAFPROZESSORDNUNG
Geschriebenes Recht des Angeklagten, eine Gerichtsschikane doppelt zurück zu geben.
Wenn einer die S. gut kennt, kann er bei Bedarf einen Strafprozess schön in die Länge ziehen. Doch dadurch ist meist nur eine Prozess-Behinderung und höchst selten eine Pr.-Verhinderung möglich.

STRATEGIE
Hinarbeiten auf den nächsten Wahlkampf, noch bevor der jetzige vorbei ist.
Die bekanntesten Schlitzohren der Parteien sind berühmt für ihre glückliche Hand bei der langfristigen politischen S. „In der Wirtschaft könnte ich auch Überdurchschnittliches erreichen“. Diesen Spruch hörte der Autor bei einer Wahlkundgebung mit – Franz Josef Strauss, dem seinerzeitigen bayerischen Ministerpräsidenten und erfolgreichen CSU-Vorsitzenden!

STRASSENVERKEHRSORDNUNG
Das, was die Verkehrspolizei gegenüber den Verkehrsteilnehmern jederzeit so überlegen macht.
Eigentlich hat man sich von der ganzen S. nur den ersten Paragrafen zu merken: „Der Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr hat sich so zu verhalten, dass kein anderer mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert und belästigt wird“. Weiß man diesen Satz auswendig, hat man große Aussichten die Prüfung zu bestehen, weiß man ihn nicht, ist man sicher durchgefallen.

STREIK
Überzeugendstes Werbemittel für neue Gewerkschafts-Mitglieder.
Das teuerste, was die Gewerkschafts-Kassen belastet, aber auch der beste Werbeträger ist, ist ein S. Gäbe es ihn von Zeit zu Zeit nicht, die Gewerkschaften hätten längst keine mItglieder mehr.

STRUKTURPOLITIK
Unterwerfung auch des letzten Lebensbereiches unter die Willkür des Amtsschimmels.
Wie ein feines Netz zieht sich die S. übers Land. Deshalb ist der beste Landespolitiker, im Sinne von deutschem Bundesland, der die erfolgreichste S. betreibt.

SUBVENTION
Beihilfe für die Bauern, damit sie sich neben schönen Traktoren auch Autos und den dazugehörigen Kraftstoff leisten können.
Was die S. vor der EU war, eine Bereicherungsmöglichkeit für geschickte Bauern, hat sich in der EU-Mitgliedschaft noch lohnender verfeinert, indem jetzt der große Feldbesitz wieder lohnt und die Kleinbauereien zu Zuschussgeschäften macht. Der Autor weiß das aus eigener Erfahrung so genau, weil er mit Ehefrau 15 ha nur jedes zweite Jahr, im Rhythmus der S.-Zahlung, bebauen kann.

SUSPENDIERUNG
Unbezahlter Urlaub für überarbeitete Staatsbedienstete.
Während in der freien Wirtschaft der Verursacher eines kostspieligen Fehlers alle Konsequenzen, einschließlich der fristlosen Entlassung, tragen muss, wird er in Staatsdiensten schlimmstenfalls mit einer S. für eine bestimmte Zeit beurlaubt oder gar mit einer vorzeitigen vollen Staatsrente belohnt.

SYNDIKAT
Gewerkschaftsform, die keine Mittel scheut, um ihre Mittel aufzufrischen.
Das S. ist so eine geschickte Erfindung des frühen Kapitalismus, dass er sogar von den totalitären Staaten übernommen wurde. Komisch dabei war die Formulierung der Satzung sowie die Wahl der Vorsitzenden, die von der Staatspartei vorgeschlagen und von der Mitgliederversammlung einstimmig angenommen wurden.

SYSTEMKRITIKER
Menschen, die ihre Selbstlosigkeit offen zu Markte tragen, doch heimlich ein Konto im Ausland unterhalten.
Als harmlosen Fernsehzuschauer überkommt einen leicht eine zweideutige Schauer, wenn von einem S. die Rede ist, der vom kritisierten Staat ausgebürgert wurde und ruckzuck eine gutbetuchte Bleibe im Ausland findet.

T

TAGESORDNUNG
Schutzgerüst gegen unliebsame Auswüchse bei einer Versammlung.
Zahlreich kann man die Erfahrung machen, dass wegen einer straffen T. am Ende die interessante Diskussion gekürzt oder gar gänzlich ausgelassen wird.

TAKTIK
Die Pionierabteilung eines Vorhabens.
Seit der Wende hat sich die vielseitige T. zu einem lohnenden Volkssport etwickelt. Was mit allgemein gültigen althergebrachten Arbeitsweisen nicht erreicht werden kann, wird durch verfeinertes Taktieren auf fremde Rechung und zu eigenen Gunsten versucht.

TANTIEME
Einkommen, auf dessen Höhe die Gewerkschaft keinen Einfluss hat.
Beim einfachen pfysisch oder geistig werkenden Arbeitnehmer heißt das Verdienst Lohn und Gehalt, die Freischaffenden, Vorstände, Künstler und Politiker erhalten T. meist in Grundsummen plus nach oben offenen – meist geheimen – Zulagen, Beteiligungen, Prämien, Bonns und wie sonst noch die öffentlichen Unruhestifter heißen mögen.

TARIF
Amtliche Möglichkeit, um den freien Wettbewerb in die Richtung zu steuern, wo die Funktionäre auch auf ihre Kosten kommen.
Ohne Zweifel wäre manches Arbeitsverhältnis bei lockerem T.-Wesen viel motivierter, rationeller und fachlich individueller aufgebaut. Die Gewerkschaften halten an ihrem System der tariflichen Gestaltung der Arbeit fest, weil sie zur Grundsäule ihrer Satzung gehören

 

TARIFVERTRAG
Stillhalten der Wirtschaftsgruppen zwischen den Preisstei-gerungen.
Ähnliches wie beim Tarif gilt auch beim T., der meist von zwei ungemein an seinem Zusstandekommen interessiert sind, weil mit seiner Hilfe für Monate oder Jahre Ruhe und Entspannung zwischen Arbeitnehmern und –gebern geschaffen wird.

TEAMWORK
Ausgleichende Leistung der Fähigen mit der Fehlleistung der Unfähigen.
 Meist wird die Arbeitsleistung in westlichen Firmen in gemischt-qualifizierten Gruppen befriedigend erledigt, da werden unterschiedliche Qualifikationen aber auch Entlohnungen einigermaßen einander angeglichen. Letzteres ist nie so selbstverständlich wie das erstere.

TECHNOKRATIE
Der Hochadel des technischen Zeitalters.
Eine perfekte T. ist kein Garant für gute Ergebnisse, aber sie kann oft solche Bremsen wenn nicht verhindern – wie das am besten bei der Fehlentwicklung des sowjetischen Kommunismus der Fall war.

TENDENZ
Zutat, mit der trockene Nachrichten schmackhafter werden.
Alle Zeitungen sind einer T. verpflichtet, sei es der politischen Richtung einer Partei oder ihres Herausgebers. Vergeblich steht im Kopf fett gedruckt die Neutralität, wer sie praktizieren will, müsste auf die interessantesten Nachrichten verzichten.

TERMINOLOGIE
Die nur den Fachidioten geläufige Sprache.
Man könnte die T. auch als fachliche Dialektologie bezeichnen, welche vorwiegend die Begriffe der geistigen Berufe etwas feiner umschreibt. Demnach braucht man die vorerwähnten Fachidioten nicht nur in unwissenden Kreisen suchen.

 

 

TERROR
Drastische Möglichkeit, um etwas schnell und ohne Verhandlungen zu erreichen.
Was die gegnerische Seite als T. bezeichnet wird, das sieht die eigene Seite als Befreiungsbewegung. Wehe, wenn jemand zwischen die beiden Seiten gerät, ohne sich entscheiden zu können.

THESE
Versuch, eine persönlich bewährte Weisheit auf möglichst viele Menschen zu übertragen.
Es gibt Menschen, die sich nur in T. artikulieren. Je höher ihr Bildungsstand, umso zahlreicher ist ihr Wortschatz mit T. bespickt, und je primitiver, umso unvollständiger und bruchstückhafter das thesenhafte, d.h. hunderttausendmal wiederholte Gerede. 

TOLERANZ
Schmieröl im Lebensgetriebe.
Die T. hat dort ihre Grenze, wo sie auf Unnachgiebigkeit stößt, das kann schon beim Versuch, sie vermittelnd einzusetzen geschehen.

TOTALITÄR
Gleichschaltung auf ein Ziel hin, das niemand so recht begreift.
Ob von einer rechten oder linken T. die Rede ist, bleibt im Ergebnis gleich. Der Unterschied besteht nur in den Akteuren, die rechts- oder linksradikal, ideologisch intolerant sind.

TRADITION
Bunte Mottennahrung in wurmstichigen Truhen.
Leider leben wir in einer Zeit, die von T. nicht vielmehr hält, als vorgehend satirisch formuliert. Was die Bauern nicht kennen, das mögen sie nicht, kann man darüber nicht sehr optimistisch resumieren.

TRADITIONSFPLEGE
Aufbereitete Mottennahrung, damit die Parasitenplage nicht überhand nimmt.
Was in Ungarn bei den meisten Minderheiten vorzüglich funktioniert, ist die T. durch Musik und Tanz, an zweiter Stelle kommt der Gesang – und an letzter leider die Sprache, was eher von der Mehrheitsnation verschuldet ist. Da andererseits die sprachliche Assimilierung die leichteste ist, hat die T. ein doppeltes Problem.

TRANSPARENZ
Durchschaubarkeit einer politischen Handlung zur Ablenkung von einer weniger durchsichtigen.
Man weiß, dass T. in der Politik verpönt ist. Sie richtet sich nach dem Motto, ‚je undurchsichtiger, umso unverbindlicher!’ Und die naiven Wähler fallen regelmäßig auf die vagen und unverbindlichen Versprechungen herein und wählen ihre Lieblinge nach Wortgewandtheit und – Aussehen.

TREUHÄNDER
Mensch, der vom Misstrauen anderer gut lebt.
Der geschickteste T. ist zugleich auch im Bedarfsfalle Konkursverwalter und Gerichtsvollzieher. Natürlich auch Mitglied der geschätzten Anwaltskammer, daher unangreifbar und paragrafenfest, so dass er auch im Falle einer Zahlungsunfähigkeit als erster auf seine Kosten kommt.

TRUST
Gemeinsame Maßnahme von Konkurrenten, um Preisunter-bietungen zu verhindern.
Zum Glück ist der urkapitalistische T. im globalen Wirtschaftssystem nicht mehr aktuell. Wo er doch noch heimlich mitmischt, kommen so erstaunliche Zustände vor wie bei den ungarischen Banken bei der maffiaähnlichen Zinspolitik, die nur untere Verzinsungsgrenzen von Anleihen kennt.

U

ULTIMATUM
Riskantes Gesellschaftsspiel, bei dem einer gegen alle setzt.
Sowohl im Alltag wie in der großen Politik ist das U. eine äußerste Maßnahme, die aber bei weitem nicht so oft umgesetzt wie in Aussicht gestellt wird. Der Urheber darf dieses Mittel nicht zu oft anwenden, sonst ergeht es ihm so, wie weiland der kleinsten Atommacht Nordkorea, die mit ihrem wiederholten U. an die Adresse der USA anstatt des erstrebten Zieles die Zerstörung ihrer Atomanlagen erreichte.
UMWELTSCHUTZ
Behördliche Schikane gegen die Wohlstandsgesellschaft – im Nachbarland.
Wir alle kennen die Auswüchse im U., wo große Staaten in kleinen ihren Müll entsorgen wollen, Müllverbrennungsanlagen dicht an der Grenze gebaut werden, Papierfabriken ihr schmutziges Wasser in den Fluss zum Nachbarland einleiten, usw. Aber die höchste Sorge dieser Umweltverschmutzer ist, das eigene Land sauber zu halten.

UNGARN
Das letzte Loch der EU-Flöte.
Es ist zum Weinen, was U. seit dem Beitritt in die EU erreicht hat: Eine unvergleichlich deprimierende Reinkarnation des Eisernen Vorhanges, die an seiner Stelle bis heute einen so tiefen Abgrund geschaffen hat, dass ein Anschluss des kleinen Mannes – Rentners und Kleinverdieners – an den westlichen EURO-Wohlstand so unmöglich scheint, wie zur Kadar-Zeit an das DM-Wohlleben. 

UNGARNDEUTSCH
Ausgestorbene Sprache, die lediglich noch in Theaterstücken und Schülerwettbewerben herumgeistert.
Das Schicksal des U. scheint besiegelt, weil es von seinen führenden Sachwaltern nicht genügend geschützt und gepflegt wird, weil es anderen Minderheitensprachen in einem ungerechten Proporz gleichgesetzt ist und ihm sogar die Landessprache in den Programmen als gleichberechtigt anerkannt gilt.

UNIVERSITÄT
Wartegleis für Jugendliche, wo sie mit intelligenten Methoden und ohne öffentliches Aufsehen, auf die Erwachsenen-Arbeitslosigkeit vorbereitet werden.  
Selten wird in einem Lande so wenig für die Abgänger der U. getan, wie in Ungarn, wo es keine Beschäftigungsprogramme für arbeitslose Diplomanden gibt und sie als überqualifiziert oft nicht einmal für Hilfsarbeiten gerne eingestellt werden. Der Missstand beginnt schon im Gymnasium, wo zu wenig Motivierung für die technischen und handwerklichen Berufe stattfindet und alles mit Hochdruck auf den wissenschaftlichen, sprachlichen und pädago-gischen Hochschulbereich getrimmt wird.

 

UNTERNEHMER
Aufopfernder Mensch, der vom Drauflegen lebt.
Frage einen U. wie es ihm geht, und er antwortet dir, schlecht. Das beginnt beim Bauern und endet beim Bankier, wenn sie sich an den Grundsatz des Erfolges halten, der da heißt, den Erfolg zerredet man nicht, sondern man behandelt ihn wie ein rohes Ei.

UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSS
Abgeordneten-Gruppe, die einen peinlichen Vorfall daraufhin untersucht, wie man ihn am leichtesten vertuschen kann.
Gute U. verstehen es, einen Vorfall über drei Regierungsperioden hinwegzudiskutieren. Bestes Beispiel ist der U. der Bundesregierung, der seit Beginn des Irakkrieges untersucht, ob zwei bundesdeutsche Spione im Irak den Amerikanern genaue Daten zur Bombardierung des Sadampalastes u. a. lieferten oder ob sie lediglich die Folgen der Bombardierung für die am Krieg ‚unter keinen Umständen’ beteiligte Schröder-Regierung auswerteten.

URABSTIMMUNG
Das Ende eines Streiks, der bereits allen zum Halse heraushängt.
Die U. Hat in der Satzung der Gewerkschaft einen untergeordneten Stellenwert, wenn man sie der Streikmöglichkeit gegenüber stellt, die eine Kampfansage an den Tarifpartner bedeutet. Sie gewinnt an Wichtigkeit, sollte sie nicht schon beim ersten Abstimmen durch eine Stimmenmehrheit zur Beendigung des Streiks führen.

URHEBERRECHT
Paragrafenwald der Fantasie, in dem man sich leicht verlaufen kann.
Ein einsamer Tüftler hat es schwer, sein U. für eine todsichere Erfindung geltend zu machen, wenn er keinen Patent-Anwalt zu Rate zieht. Die Untersuchung der Voraussetzungen zur Anmeldung, das Studium der Fachliteratur, sowie die rechte Formulierung des Urheberumfangs sind nichts für den Laien.  

UTOPIE
Erträumte Welt, ohne Kriege, Hunger und Seuchen.
Wie schön könnte es der Mensch haben – wenn er in einer Welt der U. leben würde? Er hätte aber wahrscheinlich zu wenig Platz ohne die obigen Plagen, denn dann gäbe es schon lange zu viele Mitmenschen, die alle seine heile Welt mitgenießen wollten.

V

VASALLENSTAAT
Das Karpatenbecken seit Mathias Corvinus.
Nur wenige Jahrhunderte war Ungarn in seiner Geschichte kein V. Schon bei der Landnahme mussten die Ungarn ihren mitgebrachten Glauben dem europäischen und römischen unterordnen, fremde Herrscher verdrängten die eigenen, Türken und danach Habsburger beherrschten das Land, Deutschland zwang es in zwei Weltkriege, sowjetische Truppen befreiten und besetzten es, um es schließlich der EU treuhänderisch zu überlassen. Mit Ausnahme von Mathias Corvinus hatte der ungarische V. niemals ein freiheitlich eigenständig erblühendes Wohlleben.  

VERBALNOTE
Diplomatische Schrift mit dreidimensionalem Effekt.
Eine diplomatische V. ist an alle und niemanden genau gerichtet, daher bleibt meist ihre Wirkung auf die mediale beschränkt. Nur Diplomaten können bei ihr zwischen den Zeilen Gutes oder Schlechtes herauslesen.

VERBRECHEN
Gewalthandlung mit mehrschichtiger Moral, die jeder anders wertet.
Selten gibt es ein vor dem Gericht verhandeltes V., bei dem die Medien – die anerkannten Meinungsmacher ihrer Leser – ein einheitliches Urteil bereit haben. Von der moralisierenden Bildzeitung am rechten Medienrand, über den Spiegel und Fokus der Mitte, bis zum Stern auf der linken Seite, wird das Ereignis so lange zerrauft, bis schließlich das fällige Gerichtsurteil von keinem recht verstanden wird.

VERDIENSTKREUZ
Eigennutz bei uneigennützigem Verhalten.
Wie sehr mit dem V. Schindluder getrieben wird, ist an der entsprechenden Auszeichnung zu ermessen, die in Deutschland der Schefköchin des Parlaments bei der feierlichen Verabschiedung verliehen wurde.

VEREIN
Zweites Zuhause für geplagte Ehemänner.
Ein deutscher V. ist die zivile Ergänzung des militärischen Drills. Solltest du Lust zu einer Mitgliedschaft in der Gemeinschaft für ‚Freizeitvergnügen und körperliche Ertüchtigung’ haben, denke daran, dass du da nur dann erfolgreich sein kannst, wenn du jedes Mal dein Eigenleben am Eingangstor beim Pförtner abgibst.

VEREIDIGUNG
Ableihern von Floskeln, deren Wirkung nur auf Gläubige beschränkt ist.
Es lässt sich nicht genau feststellen, ob eine V. beispielsweise im Parlament oder vor Gericht verbindlicher ist mit oder ohne Eid auf die Bibel. Parlamentarier wie Straftäter sind kaum die vertrauensvollsten Eidvertreter.

VEREINSREGISTER
Taufstelle für den Vereinsnachwuchs mit mindestens einem halben Dutzend Vätern.
Schon so lange es ein amtliches V. gibt, versuchen auch falsche Vereinsgründer, daraus Nutzen zu ziehen, indem sie nur zum Zweck der Teilhabe an Unterstützungen einen Verein Gründen und eine gesetzliche Mindestzahl von 7-12 Mitgliedern aus Verwandten- und Bekanntenkreisen zusammenbringen .

VEREINTE NATIONEN
Weltfeuerwehr mit modernster Löschordnung aber veralteten Spritzen.
Hat sich nicht schon jeder von uns grau geärgert, wegen der Machtlosigkeit dieser obersten und wichtigsten Organisation der Welt, die als V. N. 1946 in New York gegründet wurde zwecks Vorbeugung kriegerischen Konflikten, und die oftmals nichteinmal im Stande ist, kleinste Brandherde in ihren Mitgliedsstaaten zu löschen.

 

 

VERFASSUNGSGERICHT
Schiedsgericht im Boxring der Gesetzesmacher.
Oft schon war die Klage beim V. einerseits das letzte und beste Mittel, um ein schlechtes Gesetz zu verhindern, andererseits die Rettung mancher unbequemen Gruppierung vor dem Verbot.

VERFASSUNGSSCHUTZ
Das unerklärliche Klicken in der Telefonleitung und die Falschverbindung zur unmöglichsten Zeit.
In den zehn Jahren vor der Wende hatte der Autor dieser Zeilen auf seinen häufigen Reisen zwischen Deutschland und Ungarn, mehr als einmal sehr neugierige und warnende Mitreisende im Abteil, denen es förmlich anzusehen war, dass sie einem westlichen oder östlichen V. angehören. Die obige fette Formulierung bezieht sich auf die Vorwende-Zeit des 5-jährigen Wohnens in einer Szegediner Wohnung, kann aber auch auf die heutigen legalen Abhörmethoden bezogen werden.

VERHÄLTNISWAHL
Freibrief für Parteien, mit dem sie ihre Vertreter in das Parlament schicken – und nicht die des Volkes.
Die V. der Bundesrepublik Deutschland ist angeblich deshalb geschaffen worden, damit in Gebieten ohne eindeutige namentliche Wahlsieger die Parteien verhältnismäßig zu ihrem Stimmenanteil Abgeordnete ins Parlament bringen können. Der Wähler als oberster Souveren bei der Wahl hat bei der V. nicht viel zu bestimmen.

VERHAFTUNG
Polizeilicher Vorgang zur Versorgung der Gefängnisse mit Nachschub.
Nicht selten müssen Straftäter nach einer berechtigten V. wieder auf freien Fuß gesetzt werden, weil die Gefängnisse überfüllt sind. Das geschieht meist in politisch und sozial unterentwickelten Staaten – aber auch in unserer unmittelbaren Nähe.

VERHAFTUNGSWELLE
Die vorübergehende Räumung gewisser Unterschlüpfe zu Reinigungszwecken.
Ähnlich den sporadischen Verkehrskontrollen mit der Folge einer schikanösen Flut von Strafzetteln, werden asoziale und kriminelle Unterschlüpfe gefilzt und mit V. belegt. Wie beim ersten Beispiel, kann auch beim zweiten kein Mensch sagen, warum und wieso zu dem Zeitpunkt die V. inszeniert wird.

VERJÄHRUNG
Möglichkeit, durch Geduld und gute Nerven die Schulden los zu werden.
 Was bei Geldforderungen noch mäßig akzeptabel ist, hat bei V. von Straftaten oder gar Kriegsverbrechen immens höhere Bedeutung. Hauptsächlich bei Letzteren erfordert das Warten eine lebens-lange Ausdauer.

VERMITTLUNGSAUSSCHUSS
Entschärfungsschleuse für aufgestaute parlamentarische Aufregung.
Es gibt kaum ein parlamentarisches Problem, dass nicht durch den V. gelöst werden könnte. Je nachdem, wie stark der Wille und die Einigungsbereitschaft der Ausschussmitglieder aus meist allen Parteien ist, kann eine vermittelnde Klärung Tage, Wochen oder auch Jahre dauern.

VERMÖGENSBILDUNG
Fälschliche Annahme, dass Vermögen etwas mit Bildung zu tun hat.
Von den zahlreichen Möglichkeiten der V. hat die der Sparsamkeit die besten Chancen auf absehbaren Wohlstand. Vor allem in Deutschland wird großer Wert auf V. gelegt und viel zur Motivierung an Geld und Reklame aufgewandt.

VERNISSAGE
Eröffnung einer Kunstausstellung mit Imbiss, damit auch mal Kunstbanausen auf ihre Kosten kommen.
Wer glaubt, dass eine gut besuchte V. etwas mit erfolgreichem Kunstschaffen zu tun hat, wird schnell eines Besseren belehrt, wenn er sich nach der V. mit dem ausstellenden Künstler über dessen Barverkäufe und Bestellungen unterhält.

 

 

VERSAMMLUNGSFREIHEIT
Grundrecht, bei dem die Wasserwerfer bereit stehen.
Einer wahren Gratwanderung kommt die verbriefte V. in der Demokratie gleich, von ihrem Recht in den Diktaturen ganz zu schweigen.

VERTRAG
Falle mit möglicherweise kostspieligen Folgen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.
Es ist durchaus nicht garantiert, dass ein schriftlicher V. eine bessere Erfüllung garantiert, als ein traditioneller bäuerlicher mit Handschlag. Der etztere hat und hatte schon immer den Vorteil, dass er nachverhandelbar ist.

VERTRIEBENE
Menschliche Überbleibsel von unmenschlichen Kriegen.
Zu den meistverwendeten Stichworten des XX. Jahrhunderts gehörten solche, die mit V. zu tun hatten. Ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands ist personell, materiell und gesetzlich damit berührt. Der Verfasser gehört selbst dazu und kennt alle Stufen der Demütigung eines ganzen Volksstammes aus eigener Erfahrung.

VERWALTUNG
Irrgarten der Behörden, in dem meist daran gearbeitet wird, dass alle Amtspersonen immer etwas zu tun haben.
Nicht von ungefähr hat die amtliche V. bei Kafka die höchste Lebenspriorität und beängstigende, unverständliche Konsequenz in der Art des Arbeitsablaufs. Der Besucher einer V. wird immer kleiner, je mehr er Fragen stellt, und immer erboster, je mehr Antworten ihn umschwärmen. Zum Schluss muss er froh sein, mit dem nackten Leben davon zu kommen.

VERWALTUNGSAKT
Techtelmechtel zwischen zwei oder mehreren Behörden.
Die Durchführung oder Anwendung des Gesetzes beginnt mit dem V., der nur im ersten Schritt oder Abschnitt etwas aktähnlich Fesselndes an sich hat. In der Folge wird er immer nüchterner, um schließlich bei längerer Dauer lästig bis kostspielig zu werden.

 

VERWALTUNGSGERICHT
Hauseigene Beschwerdestelle, die verhindert, dass amtliches Unrecht an die Öffentlichkeit kommt.
Von der Tätigkeit des V. erfährt der Normalbürger nur, wenn er ein Amtsblatt liest. Die Arbeit des V.  besteht meist aus Schlichtungen zwischen den Behörden, aber auch im geringen Prozentsatz aus den Streitfällen im Rechungshof, wenn dieser die Verwendung öffentlicher Mittel anders bewertet, als die einreichenden Stellen.

VISION
Rechtfertigung für unverständliches Reden und Verhalten.
Die Entwicklung der Menschheit aus der finsteren Unwissenheit in die aufgeklärte Moderne und weiter in die hehre Zukunft, ist ohne V. nicht denkbar. Nur selten erscheint diese in der Mehrzahl, und so ist sie wesentlich glaubwürdiger und verwirklichbarer, als wenn sie – z.B. wie bei Politikern – in der Mehrzahl produziert und wohlfeil angeboten wird.

VISUM
Willkommene Einnahmequelle mancher Länder unter dem Deckmantel der politischen Vorsicht.  
Viele Länder haben das V. als Gegenstück zu solchen Staaten, in denen ebenfalls diese Einreisehürde besteht. Die Höhe der V.-Gebühren ist allerdings so verschieden, wie die Aussteller Devisen-mittel nötig haben.

VÖLKERRECHT
Recht mit Weltgeltung aber ohne Organe, es auch durchzusetzen
Wie unernst das V. als Schöpfung der euphorischen Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts von Anbeginn aufgefasst wurde, zeigte die von ihm verbotene, aber von den meisten Unterzeichnern dennoch praktizierte Aufrüstung. Unter denen, die das V. am brutalsten ausspielten, findet sich auch das Dritte Reich mit seinem zum Revisionskrieg entschlossenen Führer. 

 

 

VOLKSBEFRAGUNG
Theoretische Möglichkeit, Gesetze nach dem Willen des Volkes und die Parlamente entbehrlich zu machen.
Die parlamentarische Demokratie ist ohne die V. nicht denkbar, doch hat sie auch deren Praktizierung so minimiert, dass es schwer vorstellbar ist, mit ihr zu Regieren und Gesetze zu verabschieden.

VOLKSDEMOKRATIE
Paradoxe Regierungsform, in der das Volk auch mal gegen sich selbst opponieren und sich auch selbst schuldbewusst bestrafen kann.
Inzwischen weiß die Welt, dass mit der V. kein Staat zu machen ist. Dabei klingt es so human und gerecht, dass jeder Einzelne eines Volkes an allem staatlichen Gebaren, von der Gesetzesgestaltung bis zum Staatsvermögen, gleichwertig beteiligt wird. Der Verwirklichung der V. stand hauptsächlich die stärkste Grundeigenschaft des menschlichen Überlebens, die Egozentrik, im Wege, welche immer zuerst für die Befriedigung eigener Bedürfnisse sorgt, bevor sie etwas mit den Mitmenschen – dem Volk – teilt.

VOLKSKUNDE
Beweisführung, dass früher alles besser und schöner war.
Der Begriff der V. enthält alles, was an forscherischer Arbeit und an kundigem Wissen theoretisch oder in der Tat geleistet werden kann. Das ist mehr als ein Mensch allein zu leisten vermag. Daher gehören zur umfassenden V. auch die kundige, d.h. aktive und passive Beteiligung des Volkes, wie es der Begriff sagt.

VOLKSLIED
Erlaubtes Falschsingen der unmusikalischen Menschen.
So ähnlich wie bei dem Gebrauch der deutschen Sprache, kann beim schwäbischen V. der Grundsatz angewandt werden: Wer mitmacht, gehört zu uns. Dies gilt vielhundertfach in ungarn-deutschen Vereinen und Selbstverwaltungen, wo es nicht mehr auf Talent oder Verstehen des Gesungenen ankommt, sondern auf die Teilnahme – leider.

 

 

VOLKSZÄHLUNG
Bewährtes Mittel, die Nationalisten auf Vordermann zu bringen.
Die ehemals so eifrig alle zehn Jahre durchgeführte V. ist in Verruf gekommen, weil sie heutzutage kein genaues Bild mehr über die tatsächliche Zusammensetzung der mehrheitlichen und minderheitlichen nationalen Zugehörigkeit der Bevölkerung aussagt. 

VOLLBESCHÄFTIGUNG
Utopischer Zustand am Arbeitsmarkt, bei dem auch alle Akademiker ein geregeltes Verdienst haben.
Wie schön motivierend wäre die Vorstellung, einmal im Lande V. zu haben. Umgekehrt gibt es nichts deprimierenderes, als nach einem gelungenen Schul- oder Lehrabschluss keine passende Arbeitsstelle zu finden – denn diese wird oft von den ungelernten Strebern, den Überholtypen, Überspringern der gründlichen Ausbildung schneller besetzt.

VOLLJÄHRIGKEIT
Alter, wo der Mann im Kinde zum Kind im Manne wird.
Was heißt schon im PC-Zeitalter V.? Wo Kinder im Internet geschickter surfen, als ihre Väter, wo kleine Mädchen mit Pille oder Kondom zur Ausflipparty dürfen, wo nirgendwo mehr nach der V. gefragt wird – da ist sie auch nur mehr ein leeres Wort. 

VOLLMACHT
Die Möglichkeit, auf fremde Namen und Verantwortung Mist zu bauen.
Das bequemste Schriftstück im Geschäftsverkehr heißt V. Sie erlaubt dem jungen Bankmenschen immense Summen zu verzocken, dem Sohn die Eltern schamlos zu blamieren, zu lügen und zu betrügen, ohne dass man dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

VOLLSTRECKUNGSGERICHT
Gericht, dem die unangenehme Aufgabe zufällt, das auszubaden, was ein anderes Gericht vermasselte.
Man sollte meinen, dass die Tätigkeit des V. einfach ist, weil bereits eindeutige Urteile vorher gefällt wurden, die lediglich noch über den Gerichtsvollzieher zu vollstrecken seien. Die vielfache Erfahrung in der ungarischen Geschäftswelt lehrt, dass diejenigen, die ein endgültiges Gerichtsurteil ignorieren, auch vom V. keine Achtung haben.

VORMUNDSCHAFT
Vaterschaftsrecht bei Nachwuchs, mit dessen Zeugung man nichts zu tun hatte.
Ein eher theoretischer Begriff, wie es die V. ist, kann nur bei genetisch positiv vorprogrammiertem Nachwuchs erzieherisch erfolgreich sein. Im Alltag stehen sich leider positive und negative Erfahrungen gleichwertig gegenüber.

W

WAFFENGEBRAUCH
Erlaubte Handlung der Polizei, um hartnäckige Kriminelle aus dem Verkehr zu ziehen.
Es ist unverständlich, wenn man eine Schusswaffe gegen Einbrecher nur zur Abschreckung richten darf und bei seiner geringsten Verletzung, strenger bestraft wird als er. So oder so, der W. ist mit oder ohne Genehmigung eine gefährliche Angelegenheit – vor allem für den Waffenbesitzer. 

WAFFENSTILLSTAND
Verschnaufpause, um die Frontlücken zu schließen und die Waffen wieder auf Vordermann zu bringen.
So sinnlos wie ein Krieg ist allemal auch ein W., der nur zum Atemholen der Kämpfer dient, damit sie nachher umso heftiger den Kampf fortsetzen können. Wenn schon W., dann bitte einen dauerhaften, denn nur der bringt irgendwann den Frieden.

WAHL
Vollzug längst gefällter personeller Entscheidungen durch die ahnungslosen Wähler.
Fragt man hartnäckige Nichtwähler, weshalb sie die W. meiden, erfährt man, dass der Wähler sowieso nichts ändern kann und die Politiker doch machen was sie wollen. Dieser Meinung sind deshalb über ein Drittel des Wahlvolks, weil die Politiker sich zu wenig Mühe geben, gegen die Wahlmüdigkeit etwas zu tun.

WAHLANFECHTUNG
Möglichkeit zum Annullieren einer Wahl, wenn der Ausgang einer Partei nicht gefällt.
Es gab schon die seltsamsten Gründe zur W. Die häufigste ist der Nachweis eines Verstoßes gegen die Wahlordnung. Allerdings kann es auch mal vorkommen, dass die obige satirische Möglichkeit zu todernsten Konsequenzen führt.

WAHLERGEBNIS
Feststellung, dass nichts so überflüssig ist, wie die Meinungs-forscher.
So manches W. hat am Wahlabend lange Gesichter zur Folge, da die Herren Politiker vorher zu sehr den Meinungsforschern glaubten. Der Fernsehzuschauer lacht sich krumm, wenn ein vermeintlicher Wahlsieger zu früh die Sektkorken knallen lässt.

WAHLPERIODE
Maximale Zeitspanne zwischen zwei Wahlen, die durchzustehen das größte Ziel der Gewählten ist.
Das beste Beispiel einer auf Biegen und Brechen entschlossenen Regierung, die W. zu überstehen, geben die Ereignisse in Ungarn zwischen 2008-2010. Nach dem Beispiel anderer Minderheiten-Regierungen stehen auch der ungarischen für den Rest der W. nicht mehr dringende Landesprobleme, sondern die des eigenen Überlebens im Vordergrund.

WÄHRUNG
Objekt der andauernden Reformen und des immer gleich bleibenden Charakters.
Für den Aussenstehenden scheinen die obersten Hüter der W. Zauberer und Vorbeter in Einem, weil sie eine äußerst empfindsame Wahre heil durch zahllose Gefahren zu bringen im Stande sind. Für den Fachmann ist die Steuerung des Geldflusses eine Sache aus Disziplin und überschaubarem Risiko. Für den Autor dieser Zeilen gilt der Spruch: Das Geld ist keine tote Materie, es bleibt bei dem, der es am besten behandelt.

WECHSEL
Zahlungsmittel für Bankrotteure zur Aufschiebung des Konkurses.
Ein Grund, weshalb die Ungarn ihren Banken auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, ist der mangelhafte Gebrauch des W. Wer mit diesem Terminpapier umzugehen versteht, für den gibt es keine Zahlungsprobleme mit den in Ungarn heutzutage üblichen Zinsen zwischen 30 und 300%.

WEHRDIENSTVERWEIGERUNG
Letzte Möglichkeit, mit dem Gewissen noch etwas anzufangen.
Die Zeugen Jehovas haben sich auf die Fahnen geschrieben: Du sollst nicht töten, deshalb rühre niemals eine Waffe an! Sie sind damit die größte weltweite Sekte, die W. systematisch aus religiösen Gründen betreibt und auch alle Folgen in Geld- und Gefängnisstrafen willig auf sich nimmt. Die vielen anderen Arten von W. geschehen aus individuellen Beweggründen, verdienen aber nicht weniger Hochachtung.

WEHRPFLICHT
Vorbereitungspflicht auf Heldentod, Kriegsgefangenschaft und Versehrten-Rente.
Wer in der W. nur den positiven Vaterlandsdienst sieht, beachtet nicht, dass er auch die Hauptursache für den Krieg ist, denn nach dem Wahrwort, „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, wäre jedes inhumane Gemetzel unmöglich, wenn jeder sich weigern würde, daran teilzunehmen.  

WEISSES HAUS
Größte Washingtoner Touristenattraktion.
Wie sehr die Amerikaner in ihren Regierungsgebäuden Attraktionen sehen, beweisen die tupfengleichen Nachahmungen von Kongressgebäuden und Weißen Häusern in den meisten Staaten der Vereinigung, wohin sie unaufhörlich pilgern und sich über die Ähnlichkeiten mit den Vorbildern in Washington freuen.

WELTBANK
Internationale Einrichtung, die sowohl an der Zerstörung wie an dem Aufbau  kriegsbeteiligter Länder gut verdient.
Dass auch die W. sozusagen ihre Suppe mit Wasser kocht, bewies die Finanzkrise 2008, da sie machtlos zusehen musste, wie sich die Politik über die Regeln der W. ungefragt hinwegsetzte. In Normalzeiten ist dieses größte Finanzinstitut der Welt der Dreh- und Angelpunkt für den internationalen Finanzfluss, der leider immer mehr von rücksichtslosen Spekulanten umgangen wurde, was endlich zum bekannten Krass führte.

WERTPAPIER
Verbrieftes Risiko mit breiter Streuwirkung.
Die Finanzkrise 2008 brachte für die Bankkunden ohne Wissen über W. eine beste kostenfreie Schulung, indem erstmalig die Unterschiede im Risikobereich der Festverzinslichen, Zertifikate und Obligationen so krass und oft wiederholt wurden, dass sie sich jeder merken konnte.

WESTMÄCHTE
Kriegsveteranen, die aus Ruhebedürfnis nur noch friedliebende Absichten beteuern.
Kaum vorstellbar aber war ist im XX. Jahrhundert aus ehemaligen, erbitterten Feinden eine freundschaftliche Allianz der W. geworden, die bereits länger als jemals in der Vergangenheit Europa Frieden brachte und, wie es aussieht, eine friedliche Zukunft sichern wird. 

WIDERSTANDSBEWEGUNG
Geburtshilfe für einen neuen Staat.
Nur wenige Staatsgebilde gibt es auf der Welt, die ohne Krieg und W. entstanden sind. Betrachten wir nur die über 50 zivilisierten europäischen Staaten, was in denen nicht friedlich ging, konnte in weniger stabilen Kontinenten auch nicht gehen.

WIDERSTANDSRECHT
Nostalgisches Gesetz, das von niemandem mehr ernst genom-men wird.
Zwar in den Verfassungen der meisten westlichen Staaten festgeschrieben, ist das W. kaum geeignet, die Volksmeinung oder Erwartung mit Gewalt durchzusetzen. Zu schnell und gründlich werden Versuche der demonstrativen Unzufriedenheit von den Ordnungshütern niedergeknüppelt.

WIEDERAUFNAHMEVERFAHREN
Aufhebung eines Urteils zur Schaffung neuen Lesestoffs für die Zeitungen.
Nicht weniger interessant, als ein gerichtliches Hauptverfahren, ist das W. Jedenfalls ist es allemal geeignet der Regenbogenpresse interessanten Lesestoff zu sichern, ganz gleich, mit welchem Ergebnis es endet.

WIEDERGUTMACHUNG
Lohn für die Überlebenden – die anderen haben nichts mehr davon.
Die bundesdeutsche W. wurde gesetzlich so gerecht durchgeführt, dass die Armen ihre paar verlorenen Tausender und die Reichen ihre verlorenen Millionenwerte zurückbekamen.

WILLENSERKLÄRUNG
In Schriftform abgegeben ist es die einzige Bedingung für Nichtdeutsche in der Selbstverwaltung der Minderheit absahnen zu können.
Unter den vielen Ungereimtheiten in den Minderheitengesetzen ist die W. das  typische Beispiel, wie die Assimilierung der Ungarn-deutschen durch das Hintertürchen gefördert wird. Zuerst werden alle, die sich aus materiellen Gründen zum Deutschtum bekennen, zu unserer Minderheit zugerechnet, dann wird im zweiten Schritt als selbstverständlich angesehen, dass viele dieser Minderheit das Deutsch nicht mehr beherrschen. In weiterer Folge wird erklärt, dass ein Interesse an allem was Deutsch ist – außer dem Geld aus Deutschland – nicht mehr besteht

WIRTSCHAFTSORDNUNG
Lehre von den begrenzten Möglichkeiten der Kleinen und den unbegrenzten der Großen.
Die W. des Kapitalismus spielte leider auch bei der Erhard’schen Sozialen Marktwirtschaft in der deutschen Nachkriegszeit eine bedeutsame Rolle, sonst könnten die neuesten katastrophalen Auswüchse nicht einen so großen Schaden anrichten – vor allem in den neuen EU-Ländern.

WIRTSCHAFTSPOLITIK
Fülle umstrittener Maßnahmen, bei denen sich immer die zweifelhaftesten durchsetzen.
Das undankbarste Ministerium ist das, welches die W. zu gestalten und zu steuern hat, damit einerseits der Arbeitsmarkt funktioniert und andererseits die davon abhängigen Minister auch ihre Bereiche zufriedenstellen können.

 

WOHLFÜHLGARANTIE
Bezahltes Recht, das bei Veranstaltungen nicht unbedingt für alle Besucher gelten muss.
Die Konsumgesellschaft erwartet, das alle bezahlte Wahre – materieller wie ideeller Art – auch das hält, was die Werbung verspricht. Doch die Wirklichkeit lehrt, dass von den Anbietern nur die angenommene Mehrheit der Kunden, Besucher, Verbraucher eine relative W. bekommen können.

 WOHNSITZ
Existenznachweis, damit die Behörden wissen, wohin sie die Mahnungen und Steuerbescheide zu schicken haben.
Wer einigemale am eigenen Leib die Nachteile der pünktlichen Angabe des W. verspürte, der wird bestrebt sein, so lange wie möglich – oft für immer – unangemeldet unterzutauchen; im ordentlichen Deutschland geht die Zahl der Illegalen in die Tausende, in manch anderen Ländern in die Hunderttausende.

WUNSCHKONZERT
Konzert, dessen Langweile durch  endlose Wiederholungsmöglichkeit garantiert ist.
Was manchen Medienliebhabern die Erfüllung eines Herzenswunsches ist, eine Lieblingsmelodie sozusagen für sich allein serviert zu bekommen, ist oft für andere eher langweilig. Deshalb sind W. keine Renner und werden auch nicht zu häufig in die Programme aufgenommen.

X

X-BELIEBIG
Ist die nationale Herkunft ungarndeutscher Minderheitenvertreter
Diese X-B. ist so zu verstehen, dass die Ungarndeutschen auffallenderweise in Führungspositionen auf allen Ebenen, vorwiegend in den Selbstverwaltungen, nationale Schmarotzer akzeptieren, die zwar aktiv aber nicht bereit sind, die Bewahrung der deutschen Sprache und Kultur erste Priorität einzuräumen. Merke: Ohne Sprache ist eine Kultur tot!

X-STRAHLEN
Sicherstes Hilfsmittel, um festzustellen, ob die Politiker noch ein Rückgrat besitzen.
Ähnlich der Röntgen-Stahlen, haben die neueren X-St. Die Eigenschaft feste Materie zu durchdringen, weshalb sie in unserer Untersuchung geeignet wären, Dinge und Organe, vielleicht auch Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt aufschlussreich zu analysieren.

Y

YOGA
Parlamentsschlaf mit offenen Augen.
Unter dem Dutzend Sprüchen, die vom Autor in die große Bertelsmann-Sammlung bester deutschsprachiger satirischer Sprüche aufgenommen wurden, gehört auch der Yoga-Parlamentsschlaf… Ein weiterer, der in mehreren Sammlungen zu entdecken ist, betrifft den Parlamentarier als Parteimarionette mit Fernbedienung

Z

ZAHLUNGSBILANZ
Spiegelbild der Abhängigkeit von den anderen Staaten.
Im Zeitalter der globalen Finanzgeschäfte ist die Z. einzelner Staaten nur zweitrangig wichtig, nämlich in dem Maße, wie eine Währung noch eigenständig existieren und agieren kann.

ZEITGESCHICHTE
Forschungszweig, der bereits die Ereignisse bewertet, bevor sie sich ereignen.
Der große Irrtum mancher Historiker besteht darin, dass sie glauben, neben der Auflistung der erlebten Ereignisse, auch ihre Auslegung bewerkstelligen zu können. Beispiel: Die donauschwäbische Geschichte, an der so viele herumdoktern, dass es ein Geschichtsforscher nach hundert Jahren schwer haben wird, den Weizen von der Spreu zu trennen.

ZEITUNG
Spiegel der Gesellschaftsstars, den sie allmorgendlich über ihre Popularität befragen.
Was wären Z. ohne die sogen. Stars der Gesellschaft ? Sie wären für den einfachen Menschen so uninteressant, wie ein Börsenbericht und daher auch keines Abonnements wert. Die Redaktionen wissen so geschickt wirklich wichtige Nachrichten aus Politik und Wirtschaft mit Regenbogen-Nachrichten über schnellen Personal-Rum zu vermischen, dass sich auch solche Menschen unterhalten, die sonst nichts als die Z. lesen.

ZENSUR
Subjektives Urteil über einen Standpunkt mit unobjektiven Folgen.
Man glaubt, dass es in unserer Zeit keine Z. gibt. Vergesse man nicht, die Ablehnungen, mangelnden Unterstützungen und ungelesen zurückgeschickten Arbeiten, mit z.T. unangenehmen Folgen für den Absender. Von den mobbingschwangeren Konflikten durch unverstandenen, politisch falsch eingestuften Formulierungen ganz zu schweigen. War da nicht eine gesetzlich erlaubte oder gar bedingte Z. sauberer?

 

ZENTRALISMUS
Verwaltung unterentwickelter Gebiete und Menschen.
Der moderne Z. hat große Ähnlichkeit mit dem mittelalterlichen Feudalismus, weil da wie dort nur die Meinung der zentralen Entscheidungsgewalt wichtig ist und nach der periferen Auffassung nicht gefragt wird.

ZEREMONIELL
Die Maßnahme, eine Party durch langweilige Ansprachen zu verpfuschen.
Wie schön wäre manche Veranstaltung ohne das übliche oder traditionelle Z., nach dessen Charakter die Gäste eingestuft werden können – solange sie die Benims-Tortour mitmachen. 

ZEUGE
Die Person, wegen der ein Prozess in die Länge gezogen wird und ein überraschendes Ende bekommt.
Mancher Prozess gewinnt erst dadurch ein öffentliches Interesse, dass ein prominenter Z. aufgerufen wird. Durch ihn kann auch vom Hauptgegenstand der Klage abgelenkt werden. Jedenfalls bedeutet der Z. eine wesentliche Erleichterung der Wahrheitsfindung, denn ohne ihn ist die Verhandlung auf langwierige Indizien angewiesen, bei denen vielmehr Fehlurteile vorkommen können. 

ZIVILISATION
Letztes Kulturstadium vor der Rückentwicklung in die Atom-Steinzeit.
Der relative Begriff der Z. ist deshalb als Endstadium der menschlichen Entwicklung anzusehen, weil nach ihr nichts vernünftiges mehr vorstellbar ist. Aller Fortschritt ist nur in Verbindung mit ihr denkbar, ohne sie gewinnen Chaos und Anarchie an Übergewicht und führen letzen Endes in die Selbstzerstörung und steinzeitliche Primitivität.

ZIVILPROZESS
Möglichkeit, aus einer tausend Forint-Forderung eine vielfach höhere Unkosten-Rechnung zu machen. 
Nirgendwo sonst gedeihen die Rechtsverdreher so munter wie im Bereich des Z. Hier sind, im Gegensatz zum Strafprozess, Regeln der Forderung und Verteidigung schrankenlos, was bei betuchten Prozessgegnern – und schlauen Anwälten –  geradezu einen endlosen kostspieligen Streit heraufbeschwört.

ZOLL
Moderne Wegelagerer-Gebühr.
Für manche Kleinstaaten gehört der Z. zur erstrangigen Einnahmequelle, überhaupt wenn seine Beamten mit dem technischen Fortschritt der Schmuggler Schritt halten.

ZOLLUNION
Weil sie ein riesiges Arbeitslosenheer an Zollbeamten und Schmugglern produzieren würde, wird sie auch in der EU niemals volle Wirklichkeit.
Was das kleine Ungarn an Vorteilen durch die Z. der EU bekommen hat, wurde ihr durch das bleibende wirtschaftliche Gefälle zu den westlichen Staaten wieder genommen.


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